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Musikphysiologie
Musikphysiologie befasst sich mit den physiologischen und mentalen Aspekten des Musikmachens und -hörens. Sie untersucht, wie der menschliche Körper Musik …
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Grundidee und Bedeutung
Musikphysiologie befasst sich mit den physiologischen und mentalen Aspekten des Musikmachens und des Musikhörens. Sie untersucht, wie der menschliche Körper Musik wahrnimmt, erzeugt und auf Musik reagiert. Dazu gehören Funktionen des Gehirns, die Hörmechanismen, die Stimme, die Hand-Auge-Koordination und die muskuloskelettale Gesundheit von Musikern, also die Gesundheit von Muskeln, Knochen, Gelenken und Bewegungsapparat.
Das Fach ist wichtig, weil Musizieren körperlich und geistig anspruchsvoll ist. Wer regelmäßig übt, konzertiert oder unterrichtet, kann typische Beschwerden entwickeln. Die Musikphysiologie verbindet deshalb Lehre, Forschung, Prävention und praktische Anwendung. Prävention bedeutet Vorbeugung: Beschwerden sollen möglichst gar nicht erst entstehen. Außerdem berücksichtigt das Fach therapeutische Ansätze, also Maßnahmen zur Behandlung oder Linderung musikbezogener körperlicher Probleme.
Zentrale Inhalte
Im Mittelpunkt stehen die physiologischen Grundlagen des Musizierens und die Prophylaxe typischer Musikerkrankheiten. Prophylaxe bedeutet Vorbeugung. Der eigenständige Fachbereich zur Vorbeugung von Musikerbeschwerden umfasst zwei Aufgaben: Er dokumentiert Ursachen von Beschwerden und erforscht sowie lehrt Möglichkeiten der Prävention.
Musikerbeschwerden werden dabei im Zusammenhang mit konkreten Tätigkeiten betrachtet: beim Üben, beim Konzertieren und beim Unterrichten. In den praktischen Fächern soll Musikphysiologie die Selbstwahrnehmung fördern. Musiker sollen also besser spüren und verstehen, wie sie ihren Körper einsetzen. Außerdem geht es um die Optimierung von Bewegungsmustern in Bezug auf Ergonomie und Ökonomie. Ergonomie meint eine körpergerechte Gestaltung von Haltung, Bewegung, Instrument und Arbeitsplatz. Ökonomie bedeutet hier, Bewegungen möglichst zweckmäßig und ohne unnötige Belastung auszuführen.
Musikphysiologie ist interdisziplinär. Das heißt, sie verbindet mehrere Fachgebiete: Musik, Medizin, Physiologie und Psychologie. Physiologie untersucht die Funktionen des Körpers; Psychologie befasst sich mit Erleben und Verhalten. Neben Musikern selbst sind viele Berufsgruppen beteiligt, etwa Instrumental- und Gesangspädagogen, Arbeitswissenschaftler, Naturwissenschaftler, Instrumentenhersteller, Ärzte, Zahnärzte, Physiotherapeuten, Sport- und Musikwissenschaftler, Musikpsychologen, Alexander-Lehrer, Feldenkrais-Pädagogen, Dispokinesis-Lehrer, Musiktherapeuten, Ergotherapeuten und Vermittler ähnlicher Therapieformen.
Wichtige Teilbereiche
Ein Teilbereich ist Anatomie und Biomechanik. Anatomie beschreibt den Aufbau des Körpers; Biomechanik ist die funktionelle Bewegungslehre der Muskelarbeit und der allgemeinen Körperfunktionen beim Musizieren. Dazu passt die Analyse und Optimierung von Körperhaltung, Atmung und Bewegung beim eigenen Musizieren und im Unterricht.
Weitere Themen sind körperliche und psychosomatische Krankheitsbilder und deren Rehabilitation. Psychosomatisch bedeutet, dass körperliche Beschwerden mit seelischen oder mentalen Faktoren zusammenhängen können. Rehabilitation meint die Wiederherstellung oder Verbesserung von Fähigkeiten nach Beschwerden oder Erkrankungen.
Zur Musikphysiologie gehören auch Lampenfieber und Bühnenangst sowie Entspannungsverfahren und mentale Techniken zur Angstverarbeitung. Damit werden nicht nur körperliche, sondern auch psychische Belastungen des Musizierens berücksichtigt.
Praktisch wichtig sind außerdem Grundlagen geeigneter körperlicher Stärkung und Regeneration, die Übe-Hygiene, Trainingsphasen, Erwärmung und deren Integration in den beruflichen Alltag. Übe-Hygiene meint sinnvolle Gewohnheiten beim Üben, damit Belastung und Erholung in einem gesunden Verhältnis stehen.
Weitere Teilbereiche sind die Sensomotorik des Instrumentalspiels, ergonomische Aspekte der Musikinstrumente und des Instrumentenbaus, Gehörschutzmaßnahmen sowie Stimm- und Gehörphysiologie. Sensomotorik beschreibt das Zusammenspiel von Sinneswahrnehmung und Bewegung, zum Beispiel beim präzisen Greifen, Spielen oder Reagieren auf Klang.
Entwicklung des Fachs
Christoph Wagner war Mediziner und Musiker und gilt als Pionier der Musikphysiologie im deutschsprachigen Bereich. Im Jahr 1974 wurde er zum Professor für Musikphysiologie berufen. 1979 gründete er das erste „Institut für Musikphysiologie“ an der Hochschule für Musik und Theater Hannover. Damit wurden Musikermedizin und Musikpädagogik im akademischen Bereich miteinander verbunden. Weitergeführt wird das Institut von Eckart Altenmüller.
Ebenfalls 1974 wurde in Wien Hilde Langer-Rühl (1911–1990), Pianistin und Atemlehrerin, zur Begründerin des Lehrgangs für Atem-, Stimm- und Bewegungserziehung für Instrumentalisten an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien.
Heute ist Musikphysiologie an zahlreichen Musikhochschulen in Lehre und Forschung integriert. Zusätzlich gibt es spezielle Weiterbildungslehrgänge für Musiker und Musikpädagogen. Auch Fachgesellschaften entstanden: 1994 wurde die „Deutsche Gesellschaft für Musikphysiologie und Musikermedizin“ gegründet, 1998 die „Schweizerische Gesellschaft für Musik-Medizin“ (SMM) und 2009 die „Österreichische Gesellschaft für Musik und Medizin“ (ÖGfMM).
Ausgewählte Literatur
Die angeführte Literatur zeigt, dass Musikphysiologie eng mit Musikermedizin, Diagnostik, Therapie und Prävention verbunden ist. Genannt werden unter anderem Arbeiten zu Christoph Wagner, zur Diagnostik, Therapie und Prävention musikerspezifischer Erkrankungen sowie zur Beziehung von Musikinstrument und Körperhaltung.
Als Beispiele nennt der Artikel Ulrike Wohlwender: „Neuland Musikphysiologie – Christoph Wagner zum 80. Geburtstag“ aus „Musikphysiologie und Musikermedizin“ (Mainz 2-2011), C. Spahn, B. Richter und Eckart Altenmüller: „MusikerMedizin: Diagnostik, Therapie und Prävention von musikerspezifischen Erkrankungen“ (Schattauer 2010), die Zeitschrift „Musikphysiologie und Musikermedizin“ der Deutschen Gesellschaft für Musikphysiologie und Musikermedizin e. V. (DGfMM), Susanne Klein-Vogelbach, Albrecht Lahme und Irene Spirgi-Gantert: „Musikinstrument und Körperhaltung: Eine Herausforderung für Musiker, Musikpädagogen, Physiotherapeuten und Ärzte“ (Berlin 2000) sowie Egbert Johannes Seidel: „Musikermedizin und Musikphysiologie“, Vorlesungsskript 2005 im Lehrbereich Musikermedizin und Musikphysiologie an der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ Weimar.