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Cultural turn
Der Cultural turn beinhaltet im Wesentlichen eine Abkehr vom Begriffsverständnis der „Kultur“ als Hochkultur der Eliten und der wertvollen Momente hin zu einer …
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Grundidee
Der Cultural turn, auf Deutsch kulturelle Wende, bezeichnet Entwicklungen in den Geistes- und Sozialwissenschaften seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er hängt mit dem Aufkommen der Kulturwissenschaft, also den cultural studies, und dem wachsenden Einfluss der Kultursoziologie zusammen.
Im Kern bedeutet der Cultural turn eine Wende zu einem erweiterten Kulturverständnis. Kultur wird nicht mehr vor allem als Hochkultur der Eliten verstanden, also als besonders wertvolle Kunst, Literatur oder Musik. Stattdessen rücken Populärkultur, Massenkultur und Alltagskultur in den Mittelpunkt. Damit werden auch hergebrachte Werte und feste Unterscheidungen, etwa zwischen Hochkultur und Massenkultur, in Frage gestellt.
Seinen Ausgang nahm der Cultural turn vor allem bei angloamerikanischen Wissenschaftlern. Erste Anfänge werden bereits im frühen 20. Jahrhundert gesehen. Ein wichtiger Höhepunkt war die Etablierung der Kulturwissenschaft als eigene Disziplin um etwa 1960.
Entwicklung
Eine wichtige Vorgeschichte des Cultural turn ist die linguistische Wende, der linguistic turn, im frühen 20. Jahrhundert. Sie wurde vor allem durch Studien von Ludwig Wittgenstein und Ferdinand de Saussure geprägt. Diese Arbeiten machten deutlich, dass der Mensch sich in hohem Maß durch Sprache definiert. Die kulturelle Wende kann als Erweiterung davon verstanden werden: Das Interesse verschob sich von Sprache auf jede Art von Kommunikation.
In den Sozialwissenschaften stellte der Sozialkonstruktivismus der 1960er-Jahre vorgegebene Identitäten in Frage. Sozialkonstruktivismus bedeutet hier: Identitäten und Bedeutungen gelten nicht einfach als natürlich gegeben, sondern als gesellschaftlich hergestellt. Dadurch verschob sich die Aufmerksamkeit von politischen und wirtschaftlichen Fragen zu scheinbar nebensächlichen Alltagserscheinungen, die kulturellen Sinn vermitteln.
Ein Beispiel ist der Sport. Er gilt als massenwirksame Alltagskultur: Sport hat Menschen zwar zu allen Zeiten bewegt, entfaltete aber erst im 20. Jahrhundert seine volle Wirkung. In den Geisteswissenschaften bedeutete der Cultural turn eine Abwendung vom ausstellbaren oder aufführbaren Kunstwerk hin zu kulturellen Alltagspraktiken. Kultur wird dabei weniger als Sammlung von Dingen verstanden, sondern als Zusammenhang von Handlungen und Prozessen.
Mehrere kulturelle Wenden
Unter dem Schlagwort Cultural turn werden manchmal sehr unterschiedliche und sogar widersprüchliche Phänomene zusammengefasst. Gemeinsam ist ihnen, dass sie neue Erkenntnismethoden in der Kulturwissenschaft aufbauen sollen. Deshalb wird auch im Plural von Cultural turns gesprochen.
Doris Bachmann-Medick entwirft eine Theorie der Turns. Diese geht über das Konzept des Paradigmawandels von Thomas S. Kuhn hinaus. Ein Paradigmawandel bedeutet einen grundlegenden Wechsel wissenschaftlicher Denkweisen. Bei Bachmann-Medick zählt zu einem Turn nicht nur, dass sich der Gegenstandsbereich der Forschung ausweitet, sondern auch, dass ganz neue Methoden verwendet werden.
Zu den Cultural turns werden unter anderem gezählt: Interpretive turn, Performative turn, Reflexive turn, auch rhetorical oder literary turn, Postcolonial turn, Translational turn, Spatial turn, Graphic turn, Iconic turn beziehungsweise pictorial turn, und Affective turn. Der Artikel weist darauf hin, dass diese Zuordnung nicht unumstritten ist.
Kritik
Kritisiert wird, dass die Gründe für die gesellschaftliche, nicht nur akademische Neuorientierung des Cultural turn bisher kaum untersucht seien. Oft werde der Cultural turn innerhalb kulturwissenschaftlicher Theorie erklärt. Dabei würden größere gesellschaftliche Zusammenhänge ausgeblendet, etwa Globalisierung, zunehmende reale Kulturbegegnungen, wachsende interkulturelle Auseinandersetzungen und sogar Terrorismus.
Der Artikel nennt außerdem die Funktionalisierung kulturalistischer Theorien im Rahmen einer Ideologie des Ethnopluralismus. Kulturalismus meint dabei eine starke Deutung gesellschaftlicher Fragen über Kultur. Auf der linken Seite des politischen Spektrums erscheine Kulturalismus in Form des Multikulturalismus, während die Rechte als Hüterin der Nationalkultur auftrete.