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London NW

London NW (englischer Originaltitel NW) ist ein 2012 erschienener Roman der britischen Schriftstellerin Zadie Smith. Der Titel bezieht sich auf die …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Roman und Grundkonzept
  2. 2. Handlungsverlauf
  3. 3. Zentrale Figuren
  4. 4. Gesellschaft und Selbstbestimmung
  5. 5. Erzählweise und Adaption

Roman und Grundkonzept

„London NW“ (Originaltitel „NW“) ist ein 2012 erschienener Roman der britischen Schriftstellerin Zadie Smith. Der Titel verweist auf die Postleitzahl von Nord-West London, wo die Handlung spielt. Im Mittelpunkt stehen vier etwa 30-jährige Menschen, die gemeinsam in der Sozialbausiedlung Caldwell aufgewachsen sind, später jedoch sehr unterschiedliche Lebenswege eingeschlagen haben. Ihre Geschichten kreuzen sich erneut und zeigen soziale Gegensätze im heutigen London.

Der Roman ist experimentell gestaltet und wechselt zwischen vier Perspektiven sowie zwischen Ich-Erzählung und dritter Person. Unterschiedliche Erzähltechniken sollen die vielen Stimmen und Lebensweisen der modernen Großstadt wiedergeben. Die deutsche Übersetzung von Tanja Handels erschien 2014 bei Kiepenheuer & Witsch.

Handlungsverlauf

Leah Hanwell lässt sich von einer Frau täuschen, die an ihrer Haustür eine Notlage vorspiegelt und um Geld bittet. Danach zweifelt Leah an ihrer Menschenkenntnis und an ihrem Vertrauen in die Nachbarschaft.

Felix Cooper versucht unterdessen, Alkoholismus und Drogenabhängigkeit hinter sich zu lassen. Mit seiner neuen Freundin Grace plant er einen Neuanfang, kauft ein Auto und verabschiedet sich von seiner weiterhin drogenabhängigen ehemaligen Geliebten. Auf dem Heimweg wird er bei einem bewaffneten Raubüberfall getötet.

Natalie Blake scheint gesellschaftlich alles erreicht zu haben: Sie ist erfolgreiche Anwältin, mit einem wohlhabenden Investmentbanker verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in einer der teuersten Gegenden Londons. Heimlich verabredet sie sich jedoch über das Internet mit Paaren zu anonymem Sex. Als ihr Mann den dafür verwendeten Online-Account entdeckt und sie zur Rede stellt, flieht Natalie aufgewühlt in die Nacht.

Bei ihrem ziellosen Weg durch die Stadt begegnet sie ihrem früheren Schwarm Nathan Bogle. Er ist drogenabhängig und finanziert sich offenbar durch kriminelle Geschäfte. Als Natalie sich beinahe von einer Brücke stürzt, hält Nathan sie davon ab.

Auch Leahs Ehe gerät in eine Krise. Ihr Mann Michel entdeckt, dass sie ihre Verhütungsmittel entgegen ihrer gemeinsamen Vereinbarung nie abgesetzt hat, weil sie seinen Kinderwunsch nicht teilt. Natalie unterbricht den Streit und berichtet Leah von der Begegnung mit Nathan. Eine Nachricht über den tödlichen Raubüberfall lässt das Geschehen in einem neuen Licht erscheinen. Natalie und Leah vermuten, Nathan sei an Felix’ Tod beteiligt gewesen, und wollen die Polizei informieren.

Zentrale Figuren

Leah Hanwell stammt aus einer irischen Familie und hatte eine vergleichsweise behütete Kindheit. Sie arbeitet für eine Organisation, die staatliche Lotteriegelder an soziale Projekte verteilt. Mit ihrem Leben ist sie grundsätzlich zufrieden und liebt ihren französischen Ehemann Michel, der algerische Wurzeln hat. Anders als Michel möchte sie keine Kinder, verschweigt ihm jedoch, dass sie weiterhin die Pille nimmt. Zugleich vergleicht sie sich manchmal mit ihrer wohlhabenden Jugendfreundin Natalie.

Felix Cooper ordnet nach Jahren der Drogenabhängigkeit sein Leben neu. Er trennt sich von schädlichen Einflüssen und denkt über eine Filmkarriere nach. Seine optimistische Freundin Grace gibt ihm dafür Mut.

Natalie Blake hat jamaikanische Wurzeln und hieß ursprünglich Keisha. Während des Studiums legte sie diesen Namen ab, um sich leichter in die gehobene Gesellschaft einzufügen. Durch ihren Beruf und ihre Ehe gelingt ihr als einzigem Mitglied ihrer Familie der soziale Aufstieg. Sie unterstützt ihren vorbestraften jüngeren Bruder und ihre kinderreiche ältere Schwester finanziell. Dennoch wird ihr vorgeworfen, ihre Herkunft zugunsten der herrschenden Klasse zu verleugnen. Natalie fühlt sich ihrem früheren Umfeld zunehmend entfremdet und kann sich selbst Leah nicht mehr vollständig anvertrauen.

Nathan Bogle galt als Jugendlicher als talentierter Fußballer, konnte dieses Potenzial wegen seiner Drogenabhängigkeit aber nicht verwirklichen. Er lebt nun von kriminellen Tätigkeiten, die er von einem Haus in Leahs Straße aus betreibt.

Gesellschaft und Selbstbestimmung

Ein Hauptthema ist die Neuordnung der britischen Klassengesellschaft. Hautfarbe führt nicht mehr automatisch zur Zugehörigkeit zu einem bestimmten sozialen Milieu, wie Natalies Aufstieg zeigt. Die Gesellschaft wird dadurch jedoch nicht zwangsläufig gleicher: Der Wettbewerb bleibt hart, die Unterschiede zwischen Arm und Reich bestehen fort, und auch eine gemeinsame kulturelle Herkunft garantiert keine Solidarität. Ethnische Kategorien prägen weiterhin die Wahrnehmung anderer Menschen. Hautfarbe bleibt daher bedeutsam, ist aber nicht mehr eindeutig mit einem bestimmten Lebensweg verbunden.

Der Roman untersucht außerdem Freiheit, Selbstdefinition und Selbstbeobachtung. In einer Gesellschaft mit vielen möglichen Lebensentwürfen müssen Menschen stärker selbst entscheiden, wer sie sein wollen. Leah fasst diesen Anspruch so zusammen: „Ich allein verfasse das Lexikon, das mich definiert.“ Diese Freiheit ist zugleich eine Belastung, weil jede eigene Entscheidung Verantwortung und Zweifel mit sich bringt.

Selbstbeobachtung verhindert keine Selbsttäuschung. Natalie versucht, zugleich allen Erwartungen an eine Tochter, Schwester, Mutter, Ehefrau, Anwältin, wohlhabende Frau, frühere Bewohnerin einer Sozialbausiedlung, Britin und Jamaikanerin zu entsprechen. Die widersprüchlichen Rollen werden für sie zu Verkleidungen und schließlich zu einem Gefängnis. Ihre anonymen sexuellen Treffen sind ein Versuch, daraus auszubrechen.

Ein weiteres Thema ist der gesellschaftliche Druck auf kinderlose Frauen, Mütter zu werden. Leah lehnt Mutterschaft ab, verheimlicht diese Haltung aber sogar ihrem Ehemann. Natalie möchte sowohl berufliche Ziele erreichen als auch gesellschaftliche Erwartungen erfüllen und sucht deshalb den vermeintlich richtigen Zeitpunkt für Kinder. Der Roman stellt außerdem unterschiedliche Vorstellungen von guter Kindererziehung gegenüber: Im Umfeld von Caldwell gilt ein Kind als gut versorgt, solange nichts ernsthaft schiefgeht; wohlhabendere Milieus verlangen dagegen nahezu perfekte Erziehung, ohne dass selbst Perfektion als ausreichend gelten muss.

Erzählweise und Adaption

Zadie Smith verzichtet auf einen durchgehend auktorialen, also allwissenden Erzähler. Stattdessen passt sie Sprache und Form an die einzelnen Figuren an. Natalies leistungsorientierte und organisierte Lebensgeschichte wird in 185 nummerierten Vignetten erzählt, also kurzen, klar voneinander getrennten Szenen. Leahs eher ziellose und gelassene Wahrnehmung erscheint dagegen als Gedankenfluss, teilweise ohne Punkt und Komma. Dieser „Bewusstseinsstrom“ gibt Gedanken und Eindrücke unmittelbar wieder. Die Technik erinnert an James Joyce, Virginia Woolf und John Dos Passos.

Gerüche und Geräusche lassen den Londoner Stadtteil Kilburn lebendig werden. Obwohl die Lebensgeschichten zunächst voneinander getrennt wirken, verbinden Gegenüberstellungen und feine Verweise die Figuren. Häufige Perspektivwechsel erzeugen eine Spannung zwischen dem inneren Erleben und der äußeren Wahrnehmung. Bei Leah, Natalie und Felix zeigt der Roman viel von ihrem Innenleben. Nathan bleibt dagegen bewusst von außen betrachtet und soll den Lesenden fremd bleiben. Dadurch werden sie mit ihrer eigenen Reaktion auf einen einsamen, obdachlosen und häufig als bedrohlich wahrgenommenen Drogenabhängigen konfrontiert.

Kennzeichnend sind schnelle, stakkatoartige Assoziationen, kurze Sätze, Dialoge und einzelne Szenen. Literatur- und Straßensprache werden miteinander verbunden. Kritiker würdigten besonders die Erzähltechnik und die Analyse von Herkunft, Migration, sozialem Aufstieg und Ausgrenzung; einzelne Stimmen bemängelten jedoch die Distanz zu den Figuren oder die Gefahr, sie vor allem als Beispiele sozialer Verhältnisse zu verwenden. Die „New York Times“ zählte das Buch zu den zehn besten Romanen des Jahres 2012, und 2013 war es für den Women’s Prize for Fiction nominiert.

2016 adaptierte die BBC den Roman für das Fernsehen. Saul Dibb führte Regie, Rachel Bennette schrieb das Drehbuch. Nikki Amuka-Bird und Phoebe Fox spielten die Hauptrollen. Die Ausstrahlung erfolgte am 14. November 2016 auf BBC Two.

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