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Kritische Kartographie
Durch kritisches Hinterfragen von Karten und ihrer Entstehung generell und im Einzelnen soll Wissen zeitlich und räumlich situiert werden, dessen Beziehung zu …
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Grundidee
Kritische Kartographie hinterfragt die Vorstellung, Karten seien neutrale und rein technische Abbilder der Wirklichkeit. Sie untersucht Karten als Ausdruck sozialer Wirklichkeiten und als Mittel, durch das soziale Wirklichkeiten mit hervorgebracht werden. Karten werden daher nicht nur danach beurteilt, ob sie geografische Daten korrekt wiedergeben, sondern auch danach, welche Interessen, Machtverhältnisse, Normen und Perspektiven in ihnen sichtbar oder unsichtbar werden.
Zentral ist die Annahme, dass Wissen zeitlich und räumlich situiert ist: Was als richtiges geografisches Wissen gilt, hängt von historischen Bedingungen, Orten, gesellschaftlichen Gruppen und Machtverhältnissen ab. Deshalb gilt jede Karte in der Kritischen Kartographie als grundsätzlich politisch. Neben theoretischen Ansätzen gibt es auch praktische Formen, in denen Menschen Karten anders nutzen oder selbst herstellen, um herrschende Sichtweisen zu hinterfragen.
Hauptaussagen
Die Kritische Kartographie lässt sich in vier Hauptaussagen zusammenfassen:
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Karten sind nützliche Werkzeuge, um Wissen zu produzieren und einzuordnen. Dieses Wissen ist aber durch oft unsichtbare Kategorien begrenzt, die kritisch untersucht werden müssen.
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Karten sollen in ihren geschichtlichen Kontext gestellt werden. Dadurch wird deutlich, dass Wissen eine zeitliche Dimension hat. Zugleich hat Wissen auch eine räumliche Dimension, weil Vorstellungen über Karten und ihre Bedeutung je nach Ort und Entfernung variieren.
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Geografisches Wissen entsteht durch soziale, ökonomische und historische Einflüsse. Es ist daher, wie anderes Wissen auch, mit Macht verbunden. Dies wird oft mit dem Begriff Macht/Wissen beschrieben.
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Kritische Kartographie hat auch einen aktivistischen und emanzipatorischen Anspruch. Sie will zeigen, dass Wissen begrenzt ist, und dadurch hegemoniale Strukturen, also vorherrschende Machtordnungen, in Frage stellen.
Entwicklung und positivistische Kartographie
Eine kritische Strömung in der Kartographie entwickelte sich seit den 1960er Jahren, als die Vorstellung einer rein rationalen und neutralen Wissenschaft zunehmend hinterfragt wurde. Das Paradigma, Karten seien ausschließlich Abbilder der Realität, wurde angezweifelt. Arno Peters forderte, Karten als gesellschaftliche Produkte zu verstehen, und kritisierte die Mercator-Projektion unter anderem als eurozentristisch. Seine Peters-Projektion stellte er als bessere Alternative dar; die Deutsche Gesellschaft für Kartographie und der Verband der Landkartenverlage in Deutschland verneinten dies.
In den 1980er Jahren arbeitete Brian Harley, beeinflusst von Panofsky, Foucault und Derrida, heraus, dass Karten Regeln sozialer Ordnung ihrer Entstehungszeit und ihres Entstehungsortes zeigen können. Später sprach er auch von einer „internen Macht“ von Karten: Karten seien nie die Realität selbst, könnten aber auf bestimmte Weise neue Realität schaffen. Denis Wood zeigte Anfang der 1990er Jahre am Beispiel einer Straßenkarte North Carolinas, dass jede Karte Interessen dient und deshalb politisch ist. 2010 erschien mit Jeremy W. Cramptons „Mapping. A Critical Introduction to Cartography and GIS“ das erste Lehrbuch.
Die Kritische Kartographie grenzt sich besonders von positivistischer Kartographie ab. Positivismus meint hier die Annahme, Karten könnten möglichst objektiv und neutral Realität abbilden. Prägend war ab Mitte des 20. Jahrhunderts das Karten-Kommunikationsmodell, beeinflusst von Shannons Kommunikationsmodell und vom amerikanischen Kartographen Arthur H. Robinson. Danach kodieren Geographen Realität in Karten, und Kartenleser dekodieren diese, um eine möglichst realistische Vorstellung des kartierten Bereichs zu erhalten. Karten konnten dabei nach ihrem „Realitätsgehalt“ in „gute“ und „schlechte“ Karten eingeteilt werden; gute Karten galten als a-politisch, empirisch und wissenschaftlich. Diese Sicht war vor allem in der anglophonen Geographie bis in die 1990er Jahre dominierend.
Kritik bedeutet in der Kritischen Kartographie nicht einfach, Fehler zu finden. In Anlehnung an Immanuel Kant, die Frankfurter Schule und Foucault geht es darum, die Regeln und Logiken eines Normensystems sichtbar zu machen. Wenn etwa behauptet wird, Karten spiegelten die Realität wider, entsteht ein Maßstab für „richtiges“ und „falsches“ Wissen. Kritische Kartographie fragt, wie solche Maßstäbe entstehen, wo und wann sie gelten, und welche Alternativen möglich sind.
Karten und Macht
Ein wichtiges Paradigma sieht Karten als Ausdruck sozialer Machtverhältnisse. Beim Kartieren können nie alle Merkmale eines Raumes dargestellt werden. Wegen Maßstab und Übersichtlichkeit muss ausgewählt, generalisiert und vereinfacht werden. Diese Auswahl folgt nicht nur technischen Regeln, sondern auch gesellschaftlichen Vorstellungen. Dadurch reproduzieren Karten bestehende Normen und Machtverhältnisse.
Brian Harley nennt dies die „externe Macht“ von Karten: Interessen von Auftraggebern wie Kirche, Staat oder anderen mächtigen Institutionen werden Karten von außen eingeschrieben. Karten dienten und dienen dadurch Kontrolle, Überwachung und Herrschaft. Zugleich erscheinen Karten oft als bloße Abbildungen, weil ihre einzelnen Zeichen plausibel wirken. Denis Wood nutzte Roland Barthes’ Begriff des Mythos, um zu zeigen, wie Karten dadurch eine scheinbar natürliche Wirklichkeit erzeugen.
Ein zweites Paradigma sieht Karten nicht nur als Ausdruck, sondern als Produzenten sozialer Machtverhältnisse. In „Deconstructing the Map“ von 1989 forderte Harley, Kartographie und einzelne Karten als Diskurse zu behandeln. Diskurs bedeutet hier ein System von Aussagen, Regeln und Darstellungen, das Wirklichkeit mitformt. Karten standardisieren Vorstellungen von Welt, verschweigen bestimmte Dinge, setzen Hierarchien, nutzen bestimmte Geometrien wie Zentrierung und Ausrichtung und wirken durch ihre Symbolik.
Karten stellen also nicht nur Territorien dar, sondern tragen dazu bei, Territorien zu produzieren und Besitzansprüche zu stabilisieren. Harley nennt als Beispiel das koloniale Nordamerika, wo europäische Invasoren mithilfe von Karten Besitzansprüche geltend machten, ohne die politischen Territorien der „Native Americans“ zu berücksichtigen.
Spätere Ansätze betonen stärker Praxis, Handlung und Netzwerke. Bruno Latour zeigte, wie wissenschaftliche Gegenstände durch viele Praktiken und Beziehungen entstehen. In der Akteur-Netzwerk-Theorie können Karten als Aktanten verstanden werden, also als wirksame Bestandteile in Netzwerken aus Menschen, Dingen, Institutionen und Praktiken. Non-repräsentationale Ansätze fragen weniger nach der Karte als fertigem Bild, sondern nach Kartieren als menschlicher Praxis. Dekolonialisierende Ansätze kritisieren eurozentrische Kartierungspraktiken als Teil eines coloniality/modernity-Paradigmas und sprechen von einer strukturellen „Kolonialität von Macht“ nach Walther Mignolio.
Beispiel North Carolina
Denis Wood zeigte in „The Power of Maps“ an einer scheinbar neutralen Straßenkarte von North Carolina aus der Edition 1978–1979, dass Karten immer Interessen dienen. Auf einer Seite der Karte befanden sich unter anderem Fotos von Sehenswürdigkeiten, ein Fährfahrplan, ein Willkommensschreiben des Gouverneurs und ein Kraftfahrergebet. Auf der anderen Seite wurde North Carolina von Nachbarstaaten und dem Pazifik umrahmt; daneben gab es kleine Stadtkarten, Sicherheitstipps, einen Index und teilweise Entfernungsangaben.
Besonders untersuchte Wood die Legende. Sie enthielt übliche Elemente wie Straßenklassifikationen, Kartensymbole, Siedlungsgrößen und Maßstab. Wood deutete sie jedoch weniger als neutrales Werkzeug zum Verständnis der Karte, sondern eher als Werbebanner für North Carolina. Nach seiner Analyse ist es unmöglich, in einer Legende alle nicht selbsterklärenden Symbole einer Karte aufzuführen. Symbolverständnis ist sozial geprägt; es gibt zum Beispiel keine notwendige Beziehung zwischen Blau als Symbol für Wasser und Wasser selbst.
Wood sah auch in der Auswahl und Gestaltung der Symbole politische Bedeutung. Die vielen Straßensymbole verwiesen auf Größe und Differenzierung des Straßennetzes und darauf, dass North Carolina für motorisierten Individualverkehr geeignet sei. Die Fotos mit ausschließlich Menschen mit „weißer“ Hautfarbe deutete er als Hinweis auf eine angesprochene Zielgruppe. Die Karte wirke nur oberflächlich neutral; tatsächlich betone ihre gesamte Gestaltung die Attraktivität und Besonderheit North Carolinas. Damit zeigt Wood, dass Karten einen bestimmten Standpunkt beziehen, auch wenn sie Neutralität vorgeben.
Praxis und GIS
Kritische Kartographie ist nicht nur Theorie. Seit den 1990er Jahren gewann Counter-Mapping an Bedeutung. Damit ist Kartieren als Widerstand gegen hegemoniale Karten gemeint. Beispiele sind der Maya-Atlas, mit dem Landrechte indigener Bevölkerung in Nicaragua und Belize geltend gemacht werden konnten, und das Kartieren von Überwachungskameras durch die Gruppe „Surveillance Camera Players“ in New York.
Map hacking bezeichnet einerseits die Aneignung und Nutzung von Open-Source-Karten, andererseits das Kombinieren mehrerer GIS oder Karten, um neue Karten mit neuen Aussagen zu erstellen. Everyday mappings sind alltägliche Praktiken, bei denen Karten individualisiert und Kartenkonventionen aufgebrochen werden. Solche Karten dienen oft vor allem den beteiligten Menschen und zeigen neue Aspekte von Raum.
Auch in der Schule können kritische Methoden wie Diskursanalyse helfen, Raum, Kartographie und Karten differenzierter zu verstehen und kritisches Denken zu fördern. Ein Beispiel für das Aufbrechen gewohnter Sichtweisen ist der Einsatz gesüdeter Karten, also Karten, bei denen Süden oben liegt.
Ein weiterer praktischer Bereich ist map art, auf Deutsch Kartenkunst. Dazu gehören künstlerische Arbeiten, die Kartenikonographie verändern, den Status quo durch Irritation in Frage stellen oder kartographische Methoden verwenden, um nicht räumliche Bereiche wie Aktienmärkte oder das Internet darzustellen.
Kritische Kartographie überschneidet sich mit Kritischer GIS- und Geowebforschung. GIS steht für Geographische Informationssysteme, also digitale Systeme zur Verarbeitung und Darstellung geografischer Daten. Die Grenze zwischen beiden Feldern ist fließend. Kritische GIS-Forschung untersucht stärker die Wechselwirkungen von GIS, Gesellschaft und Individuen sowie Hard- und Software und deren Zugänglichkeit. Kritische Kartographie behandelt eher Kartographie, Karten und Kartieren in einem weiteren Sinn.