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Kognitive Karte
Als kognitive Karte (auch mental map) bezeichnet man die mentale Repräsentation eines geographischen Raumes oder räumlich (dreidimensional) vorstellbarer …
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Grundidee
Eine kognitive Karte, auch mental map genannt, ist die mentale Repräsentation eines geographischen Raumes oder von räumlich, also dreidimensional, vorstellbaren logischen und sonstigen Zusammenhängen. Gemeint ist damit, dass Menschen Informationen über Räume und Landschaften innerlich so ordnen, dass sie wie landkartenähnliche Bilder wirken können. Deshalb geht die Grundannahme davon aus, dass sich kognitive Karten im Prinzip auch zeichnen lassen.
Kognitive Karten sind wichtig, weil sie erklären sollen, wie Menschen und Tiere sich in Räumen orientieren, Wege finden und räumliche Informationen im Gedächtnis speichern. Sie zeigen aber nicht einfach eine objektive Kopie der Wirklichkeit, sondern eine subjektive, vereinfachte und oft verzerrte Vorstellung eines Raumes.
Forschungsansätze
E. C. Tolman kam durch Experimente im Jahr 1930 zu dem Schluss, dass Tiere bei der Erkundung eines Raumes nicht nur einfache Reiz-Reaktions-Muster lernen. Stattdessen schien es, als würden sie eine räumliche Repräsentation der Umgebung speichern, die logisches Schließen ermöglicht. Auf dieser Grundlage entwickelte Tolman das Konzept der kognitiven Karte. Seine Befunde wurden später jedoch in Frage gestellt und konnten nicht repliziert werden.
Eine Methode zur Darstellung kognitiver Karten ist die Zeichnung aus dem Gedächtnis. Dabei soll eine Versuchsperson zum Beispiel eine Karte ihrer Heimatstadt, einer anderen Region oder der Erde insgesamt aus dem Kopf zeichnen. Solche Zeichnungen zeigen, in welchen Gegenden sich jemand gut auskennt, etwa in einem Urlaubsgebiet, und in welchen nicht.
Die Forschung entwickelte sich später in verschiedene Richtungen. Die Geographie untersuchte vor allem konkrete Merkmale kognitiver Karten. Wichtige Grundlagen lieferten dabei der Stadtplaner Kevin Lynch sowie die Geographen Roger M. Downs und David Stea. Ihre Arbeiten gehören zur Wahrnehmungsgeographie, die sich mit der subjektiven Wahrnehmung von Räumen beschäftigt.
Die Kognitionswissenschaften untersuchten dagegen die neurologischen Grundlagen der räumlichen Orientierung. Ein entscheidender Durchbruch gelang 1995 Edvard Moser und May-Britt Moser: Sie identifizierten Orientierungzellen im entorhinalen Cortex und im Hippocampus. Dafür wurden sie 2014 mit dem Nobelpreis für Physiologie oder Medizin ausgezeichnet. Später zeigte sich, dass dieselben Schaltkreise auch dazu dienen, die Struktur sozialer Beziehungen zu repräsentieren.
Individuelle Unterschiede
Jeder Mensch besitzt eine andere kognitive Karte eines Raumes. Ein Grund dafür ist, dass man sich im eigenen Heimatort und in der Umgebung meist besser auskennt als in fremden Gegenden. Ein weiterer Grund ist, dass jeder Mensch seine Umwelt aufgrund individueller Erfahrungen und seiner geistigen Verfassung anders wahrnimmt.
Kognitive Karten sind daher nicht neutral oder vollständig. Bekannte Gegenden nehmen in ihnen meist mehr Raum ein und sind genauer dargestellt als fremde Räume. Die innere Karte ist also von Erfahrung, Aufmerksamkeit und persönlicher Vertrautheit geprägt.
Typische Vereinfachungen und Verzerrungen
Kognitive Karten vereinfachen reale Landschaften auf verschiedene Weise. Diese Merkmale werden besonders sichtbar, wenn Menschen eine vertraute Landschaft aus dem Gedächtnis als Karte zeichnen.
Zu den typischen Vereinfachungen gehört die Begradigung: Krumme Landschaftsmerkmale wie Flüsse oder Straßen werden in der geistigen Vorstellung gerader gemacht, als sie in Wirklichkeit sind.
Ein weiteres Merkmal ist die Vorstellung rechter Winkel. Menschen neigen dazu, Kreuzungspunkte rechtwinklig zu denken. Deshalb fällt es ihnen leichter, sich in rechtwinkligen Wegenetzen zu orientieren als in schiefwinkligen.
Auch die Einnordung spielt eine Rolle. Dabei wird einer Landschaft eine klare Nord-Süd-Ost-West-Ausrichtung gegeben. Als Beispiel nennt der Artikel den Oberrheingraben: Viele stellen ihn sich als Nord-Süd-gerichtet vor, obwohl er in Wahrheit eher einen Nordost-Südwest-Verlauf hat.
Außerdem ist die Welt in einer kognitiven Karte oft verzerrt. Gegenden, die man kennt, erscheinen größer und detailreicher als unbekannte Räume. Dieses Merkmal wird durch Saul Steinbergs Karikatur View of the World from 9th Avenue veranschaulicht. Schließlich können bestimmte Landschaftsmerkmale und Markierungspunkte in kognitiven Karten übergroß herausragen.
Kritik am Begriff
Der Begriff der kognitiven Karte wird von verschiedenen Autoren als irreführend bewertet. Kritisiert wird vor allem die Vorstellung, dass es im Gehirn tatsächlich eine kartenartige Repräsentation der Umgebung gebe.
Nach dieser Kritik lassen sich die Ergebnisse von Tolman und anderen sparsamer erklären: durch das Explorationsverhalten der Ratten im Labyrinth und durch Verstärkungsprozesse, die dabei wirken. Aus dieser Sicht ist die kognitive Karte keine nützliche Hypothese, um das Verhalten von Menschen oder Tieren im Raum zu erklären. Der Begriff sollte demnach vermieden werden.