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Wahrnehmungsgeographie
Die Wahrnehmungsgeographie oder Perzeptionsgeographie ist eine Teildisziplin der Geographie. Sie untersucht, wie Menschen geographische Räume wahrnehmen.
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Gegenstand und kognitive Karten
Die Wahrnehmungsgeographie, auch Perzeptionsgeographie, ist eine Teildisziplin der Geographie. Sie untersucht, wie Menschen geographische Räume wahrnehmen. Sie gehört zur Humangeographie und zur Wahrnehmungspsychologie und geht davon aus, dass Raumwahrnehmung subjektiv und von Mensch zu Mensch unterschiedlich ist.
Martha Muchow gilt als Pionierin. Kevin Lynch untersuchte ab Mitte der 1950er Jahre am Massachusetts Institute of Technology (MIT), wie Stadtbewohner ihre Umwelt wahrnehmen. Er vermutete Zusammenhänge zwischen menschlicher Wahrnehmung sowie Art und Qualität von Architektur. Seine empirischen Studien zeigten, dass Menschen geistige Abbilder ihrer Umwelt bilden: kognitive Karten.
Kognitive Karten sind gegenüber dem tatsächlichen Raum verzerrt und vereinfachen die Wirklichkeit. Sie sind außerdem gruppenspezifisch und setzen sich aus wenigen Grundelementen zusammen, deren Bedeutung je nach Stadt verschieden sein kann. Sie dienen besonders der räumlichen Orientierung und Ordnung. Ihre Entstehung aus objektiven Sinneseindrücken lässt sich nur indirekt untersuchen. Nach Stegmann beeinflussen subjektives Vorwissen, soziodemographische Determinanten und individualpsychologische Konstanten die Reizverarbeitung. Lynch arbeitete unter anderem mit Gedächtnisprotokollen und Kartenskizzen aus der Erinnerung.
Die fünf Elemente einer Stadtvorstellung
Lynch unterscheidet fünf Grundelemente, aus denen Menschen ihre Vorstellung einer Stadt aufbauen:
- Wege sind Straßen, Gassen, Gehwege oder Trassen öffentlicher Verkehrsmittel. Auf ihnen bewegen sich Menschen regelmäßig, gelegentlich oder zufällig und ordnen die entlang liegenden Elemente ein. Besonders wichtig sind die Breite eines Weges und seine mögliche Funktion als Grenzlinie.
- Grenzlinien oder Ränder sind linienhafte Elemente, die nicht oder nicht nur als Wege genutzt werden. Sie trennen Bereiche, können als Säume oder Nähte aber auch zwei Gebiete verbinden. Ihre Bedeutung hängt von der Stärke des Unterschieds zwischen den getrennten Bereichen und von ihrer Kontinuität ab. Häufig entsprechen sie Straßen oder Eisenbahnlinien.
- Bereiche sind mittelgroße bis große, flächenhafte Stadtabschnitte. Man nimmt sie als Gebiete wahr, die man betritt oder verlässt. Ihr individueller Charakter entsteht durch thematische Kontinuität, etwa bei Formen, Symbolen, Gebäudetypen, Nutzungsarten, Einwohnerschaft, Verkehr, Gebäudezustand oder Topographie. Einheitliche Fassaden hinsichtlich Material, Traufhöhe und Erhaltungszustand helfen bei der Identifikation.
- Brennpunkte sind zugängliche Zentralpunkte und oft Start- oder Zielorte einer Bewegung. Sie entstehen beispielsweise an Kreuzungen, Kreisverkehren oder dort, wo viele Merkmale auf engem Raum zusammentreffen. Weil dort Entscheidungen nötig sind, wird ihre Umgebung besonders deutlich wahrgenommen. Typische Beispiele sind Umsteigebahnhöfe der U-Bahn.
- Merk- oder Wahrzeichen sind optische Bezugspunkte, etwa auffällige Bauwerke oder Landschaftselemente. Vertraute Beobachter nutzen ein Netz solcher Punkte. Wichtige Merkzeichen haben meist eine einfache, klare Form, sind aus der Entfernung sichtbar und heben sich deutlich von ihrer Umgebung ab, beispielsweise Eiffelturm, Siegessäule, Brandenburger Tor oder Fernsehturm.
Zusammenspiel und Veränderung
Die Grundelemente sind das „Rohmaterial“ für das Image einer Stadt. Erst ihre Kombination und ihre Beziehungen erzeugen eine räumliche Wirkung, die als kognitive Karte dargestellt werden kann. Elemente können gleichzeitig einen Gesamteindruck schaffen, sich durch Kontraste aber auch gegenseitig weniger deutlich erscheinen lassen. Besonders raumprägend kann etwa die Verbindung von Wegen und Brennpunkten sein.
Beobachter fassen erkannte Elemente häufig zu größeren Vorstellungskomplexen zusammen. Diese Images sind veränderbar: Der Charakter und die Abgrenzung eines Bereiches können sich innerhalb eines Jahrzehnts stark wandeln, etwa durch Gentrification eines Stadterneuerungsgebietes. Auch die Hierarchie von Stadtbereichen kann sich verändern; manche Bezugspunkte behalten dagegen ihren Charakter.
Beim Zeichnen einer mental map beginnen Menschen häufig entlang bekannter Bewegungsrichtungen, mit Grenzlinien wie einer Uferlinie, mit einer Grundstruktur wie einem rechtwinkligen Straßenraster oder mit einem vertrauten Zentralpunkt. Solche Skizzen sind meist verzerrt, stimmen aber topologisch – also in den grundlegenden Lage- und Nachbarschaftsbeziehungen – stark mit der Wirklichkeit überein. Sie lassen sich mit Stadtplänen auf einem beliebig dehnbaren Gummituch vergleichen.
Anwendung und imaginäre Geographien
Lynch wollte aus seinen Studien eine empirisch begründbare Stadtplanung ableiten. Geplante Räume sollten vor allem nach Eindeutigkeit und Klarheit beurteilt werden. Geographen wie Torsten Hägerstrand und Downs/Stea übertrugen den Ansatz auf Fragen der relativen Raumwahrnehmung. Untersucht wurden unter anderem Interaktionen, räumliche Diffusion und Imageanalyse. In der sozialwissenschaftlich orientierten Geographie gilt der Relativraum, also der in Vorstellungen und Beziehungen erfahrene Raum, seither als eigentlicher „Normalraum“.
Als umfassenderer Ansatz wird die „Imaginäre Geographie“ bezeichnet. Edward Saids Orientalism (1978) war dafür in der wissenschaftlichen Diskussion wegbereitend. Said beschreibt den „Orient“ als Konstrukt des Westens und deutet Orientalismus als westlichen Diskurs, in dem ein „aufgeklärter Westen“ einen „mysteriösen Orient“ verhandelt und beherrscht. Mit „Imaginärer Geographie“ bezeichnet er die Konstruktion eines Unterschieds zwischen „uns“ und „den anderen“. Derek Gregory führte den Begriff mit Geographical Imaginations (1994) in den Kanon der Humangeographie ein.
Der Ansatz wird teils kritisiert, weil sein traditionell behavioristischer Ausgangspunkt infrage gestellt wird. Seit den Cultural Turns gewinnt die Forschung zu imaginären Geographien jedoch an Bedeutung. Urry erläutert am Lake District, dass dessen romantisch geprägte „literally landscapes“ heute den „romantic gaze“ der Besucher anregen. Shields zeigt am Beispiel Brighton, dass kollektiv geprägte Raumvorstellungen zu „Raummythen“ verdichtet werden können.