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Kisch (Mesopotamien)

Sie bestand von etwa 3000 v. Chr., mit Teilbesiedlung bis 1335 n. Chr. Kisch war laut der sumerischen Königsliste das erste Königreich im Zweistromland und …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Kisch: Bedeutung und Lage
  2. 2. Forschung und archäologische Zeugnisse
  3. 3. Entwicklung von der Frühzeit bis zur babylonischen Herrschaft
  4. 4. Kisch in den späteren Epochen
  5. 5. Bedeutende Herrscher und ihre Überlieferung

Kisch: Bedeutung und Lage

Kisch oder Kiš war eine Stadt in Mesopotamien im Überschwemmungsgebiet des Euphrat, nahe dem Tigris. Die Ruinen liegen im heutigen Zentral-Irak, 13 Kilometer östlich von Babylon und etwa 80 Kilometer südlich von Bagdad. Die Stadt bestand ungefähr seit 3000 v. Chr.; Teilbesiedlungen gab es bis 1335 n. Chr.

Nach der sumerischen Königsliste war Kisch das erste Königreich im Zweistromland und entstand direkt nach der Flut. Die Lage in der Verengung zwischen Euphrat und Tigris dürfte den schnellen Aufschwung begünstigt haben. Die Könige von Kisch galten als von den Göttern legitimiert. Deshalb war der Titel „König von Kisch“ bei vielen Herrschern besonders begehrt und wurde bis in die neubabylonische Zeit verwendet.

Kisch war der Ausgangspunkt für die Herrschaft der Akkader und blieb die meiste Zeit ein Mitstreiter Babylons. Zum Stadtgebiet gehörten über 40 Siedlungsreste in einem Umkreis von etwa acht Kilometern. Die wichtigsten Fundorte sind vermutlich Uhaimir und Ingharra.

Forschung und archäologische Zeugnisse

Die Ruinen wurden erstmals 1811 von Claudius James Rich erwähnt, der sie auf seiner Reise von Babylon nach Bagdad entdeckte. Weitere frühe Hinweise stammen von James Silk Buckingham (1816) und Robert Ker Porter (1818). Zunächst hielt man die Ruinen für Mauern oder befestigte Ausläufer Babylons. Austen Henry Layard erkannte 1850 ihre eigenständige Bedeutung.

Die erste Ausgrabung fand 1852 durch Fulgence Fresnel und Jules Oppert statt. Sie hielten den Ort für Kutha, einen äußeren Teil Babylons; sämtliche Funde gingen bei einem Schiffbruch auf dem Tigris verloren. Henri de Genouillac begann 1912 eine organisierte Grabung, die beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs abgebrochen werden musste. Wissenschaftler wie Friedrich Delitzsch, Fritz Hommel und Hermann Volrath Hilprecht vermuteten später, dass die Ruinen mit Kisch identisch seien.

Die größte Grabung begann 1923 durch das Oxford Field Museum Survey unter Ernest J. H. Mackay und Stephen Herbert Langdon. In elf Kampagnen wurden die Ruinen untersucht. Wegen Problemen bei Dokumentation und Aufbewahrung mussten die Befunde zwischen 1962 und 1965 rekonstruiert und aufgearbeitet werden. Die jüngsten Grabungen fanden zwischen 1988 und 2001 in drei Kampagnen unter Ken Matsumoto von der Kokushikan-Universität Japan statt.

Die Ausgrabungen belegen einen Friedhof, eine um 2500 v. Chr. zu Ehren des Staatsgottes Zababa erbaute Zikkurat und einen Tempel aus dem 6. Jahrhundert v. Chr., der vermutlich der Göttin Inanna gewidmet war. Der Tempelbau wird mit Nebukadnezar II. verbunden. Das bedeutendste Monument der frühen Zeit ist der Königspalast, möglicherweise der Palast des Herrschers Mesilim aus der zweiten frühdynastischen Phase.

Entwicklung von der Frühzeit bis zur babylonischen Herrschaft

Die ersten Besiedlungen entstanden in der Gemdet-Nasr-Zeit (3000–2800 v. Chr.). Zwei Hauptsiedlungspunkte entwickelten sich rasch. Mit Beginn der frühdynastischen Zeit (2900/2800–2340 v. Chr.) begann die Blütezeit Kischs. Das erste sumerische Königtum wurde dort ausgerufen; nach der sumerischen Königsliste war Kisch das erste Königtum nach der Flut. Die berühmten Wagengräber aus der zweiten Phase zeigen den Wohlstand der Bevölkerung. Gegen Ende der dritten Phase verlor Kisch jedoch an Bedeutung, und die Macht seiner eigentlichen Könige wurde nicht wieder so groß.

Mit der Vereinigung der Stadtstaaten durch Sargon von Akkad endete die Zeit der archaischen Dynastien. Sargon stammte aus Kisch; obwohl seine Residenz in Akkad lag, wurde Kisch Provinzhauptstadt des akkadischen Reiches (Akkad-Zeit 2340–2200 v. Chr.). In der Ur-III-Zeit wurde die Stadt Provinzstadt von Ur.

Nach dem Fall von Ur unterstand Kisch zunächst Isin, erlangte zeitweise seine Autonomie zurück und wurde danach von König Mananana erobert. Dieser gründete die amurritische Manana-Dynastie in Kisch. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts v. Chr. unterwarf Sumulael von Babylon die Stadt. In der altbabylonischen Zeit (1800–1595 v. Chr.) war Kisch nur noch eine mittlere Siedlung; an den Bauwerken wurden einzelne Arbeiten ausgeführt. Hammurabi reparierte die Zikkurat sowie den Tempel von Zababa und Ischtar. Samsuiluna erweiterte den Hof der Zikkurat und errichtete eine Mauer am Euphratufer.

Kisch in den späteren Epochen

In der neuassyrischen und neubabylonischen Zeit (1025–627 v. Chr.) wird Kisch häufig als Zankapfel im Grenzgebiet zwischen Aššur und Babylon erwähnt. Die Stadt blieb jedoch eine Stadt unter vielen; an der Zikkurat wurden nur kleinere Reparaturen vorgenommen. Eine Inschrift im Tempel von Hursagkalama nennt Kisch als eine von mehreren Städten, die Tiglatpileser III. eroberte.

Im Krieg zwischen Sanherib und Marduk-Apla-Idina II. stand Kisch auf der Seite Babylons. In der Ebene von Kisch fand eine berühmte Schlacht statt. Einer Inschrift zufolge wurden die Götter von Kisch nach Babylon gebracht, als das assyrische Heer anrückte. Babylon verlor die Schlacht. Aus Wut über die Ermordung seines Sohnes ließ Sanherib Babylon zerstören und den Euphrat umleiten, sodass die Stadt überflutet wurde.

Nach der Eroberung durch die Achämeniden (539–330 v. Chr.) wird Kisch in schriftlichen Quellen nicht mehr erwähnt. Archäologische Funde zeigen jedoch, dass die Stadt bis zur Sassaniden-Zeit weiter florierte. In der Zeit der Seleukiden (305–129 v. Chr.) und Arsakiden (ca. 240 v. Chr.–224 n. Chr.) wird sie nicht besonders erwähnt. Im Ausgrabungsbereich H entstand eine Sassanidensiedlung. Um etwa 1335, gegen Ende der Ilchanischen Dynastie, wurde Kisch von den Mongolen zerstört und danach nicht mehr besiedelt.

Bedeutende Herrscher und ihre Überlieferung

Etana gilt nach der sumerischen Königsliste als erster Herrscher Kischs nach der Flut. Sein Beiname lautet „der Hirte, der vom Himmel herabgestiegen ist“. Die Königsliste schreibt ihm eine Regierungszeit von 1560 Jahren zu. Er ist die Hauptfigur des sogenannten Etana-Mythos.

Mebaragesi regierte etwa 2615–2585 v. Chr. Die Tummal-Inschrift schreibt ihm den Bau des Enlil-Tempels in Nippur zu. Daraus wird geschlossen, dass er nicht nur König von Kisch, sondern auch Herrscher über Nippur war. Sein Sohn Agga von Kisch regierte etwa 2585 v. Chr. bis um 2550 v. Chr. und ist der Widersacher Gilgameschs im Mythos „Gilgamesch und Agga“. Obwohl Agga dort verliert, deutet die Erzählung auf eine Unterordnung Uruks unter Kisch. Auch Agga soll laut Tummal-Inschrift einen Tempel in Nippur errichtet haben. Mit seinem Regierungsende schwand der Ruhm der Könige von Kisch; der Titel „König von Kisch“ blieb aber begehrt.

Mesilim lebte etwa um 2600 v. Chr. und erscheint nicht in der sumerischen Königsliste. Er stammte vermutlich aus Der, wurde aber durch Votivgaben und seine Beteiligung am Lagaš-Umma-Krieg bekannt. Sein Keulenkopf trägt den Titel „König von Kisch“.

Ku-baba, „die Schenkin“, regierte etwa um 2400 v. Chr. und war die einzige Königin von Kisch in der sumerischen Königsliste. Sie bildete allein die dritte Dynastie von Kisch; ihre Nachkommen begründeten die vierte. Die Erzählung, Marduk habe sie von einer Barfrau zur Königin gemacht, nachdem Kisch Uruk unterlegen war, ist historisch nicht geklärt. Einige Wissenschaftler vermuten, dass sie später zur Göttin Kubaba beziehungsweise Kubebbe und Kybele verklärt wurde.

Sargon I. von Akkad (2356–2300 v. Chr.) war der bedeutendste Herrscher der Akkadzeit. Einer Legende zufolge war er Mundschenk des Königs Ur-Zababa, den er entthronte und dessen Stellung als Herrscher von Kisch übernahm. Danach eroberte Sargon weitere Stadtstaaten und gründete Akkad als Zentrum seines Reiches; die Stadt ist bis heute nicht gefunden.

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