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Kafka-Konferenz

Die Kafka-Konferenz (auch Liblice-Konferenz) im Mai 1963 war eine internationale Tagung des tschechoslowakischen Schriftstellerverbandes (SČSS).

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Kern und Bedeutung
  2. 2. Hintergründe und Vorbereitung
  3. 3. Die Tagung und ihre zentralen Debatten
  4. 4. Teilnehmer und politische Wirkung
  5. 5. Die Konferenz von 2008

Kern und Bedeutung

Die Kafka-Konferenz, auch Liblice-Konferenz genannt, war eine internationale Tagung des tschechoslowakischen Schriftstellerverbandes (SČSS) im Mai 1963. Sie beschäftigte sich mit der Wirkung Franz Kafkas und besonders mit dem Phänomen der „Entfremdung“. Später galt sie als ein Markstein des Demokratisierungsprozesses und als wichtige Anregung für den Prager Frühling von 1968.

Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Kafkas Werk aus marxistisch-leninistischer Sicht bewertet werden konnte. Dabei ging es auch darum, Kafka in die Tradition des deutsch-jüdischen Prag und der tschechischen Kultur einzuordnen. Die Diskussion über seine Darstellung von Macht, Bürokratie und entfremdeten Menschen wurde zu einer literarischen Debatte mit politischen Folgen.

Hintergründe und Vorbereitung

Franz Kafka, der 1924 verstorbene, in Prag wirkende Schriftsteller jüdischer Abstammung, war in den kommunistischen Ländern lange Zeit verboten. Obwohl er sich nicht ausdrücklich politisch äußerte, wurden seine Werke wegen ihrer zeitlos brisanten Darstellung von Unmenschlichkeit, hierarchischen Machtsystemen und undurchschaubarer Bürokratie als problematisch angesehen. In Westeuropa und den USA wurde Kafka dagegen rasch bekannt; in der Sowjetunion und der DDR hielt die offizielle Ablehnung am längsten an.

Ein wichtiger Anstoß war die Veröffentlichung einer Rede Jean-Paul Sartres über Kafka in der DDR-Zeitschrift Sinn und Form im Jahr 1962. Daraufhin wurde deren Chefredakteur Peter Huchel entlassen. Sartre meinte, Kafka sei von der westlichen Kritik im Kampf gegen den Sozialismus missbraucht worden; der Streit über seine Interpretation müsse zugunsten des Marxismus ausgehen. Seine Moskauer Rede wurde im Januar 1963 in der tschechoslowakischen Zeitschrift Plamen veröffentlicht.

Kafkas Roman Der Process durfte in der Tschechoslowakei erst 1965 erscheinen. Sein erster Satz erinnerte laut Alena Wagnerová zu deutlich an die Normalität der stalinistischen Epoche. In der Sowjetunion kursierte der Roman damals heimlich im Samisdat, ohne Nennung des Autors und des Entstehungsjahres; Intellektuelle hielten ihn wegen seiner Authentizität für das Werk eines russischen Dissidenten.

Einige Literaturwissenschaftler deuteten Kafka stark politisch als vorausblickenden „Entlarver der Unmenschlichkeit und Undurchschaubarkeit des realen Sozialismus“. Zugleich gibt es Hinweise auf Kafkas Nähe zu sozialrevolutionären Bewegungen und seine Offenheit gegenüber sozialistischen Ideen. In seinen Werken äußerte er sich jedoch nie theoretisch oder politisch.

Die Tagung und ihre zentralen Debatten

Die Idee zu einer internationalen Kafka-Tagung anlässlich seines 80. Geburtstages stammte aus der Tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften, unter anderem von Eduard Goldstücker. Die Konferenz fand am 27. und 28. Mai 1963 auf Schloss Liblice bei Prag statt. Goldstücker bat achtzehn tschechoslowakische und neun ausländische Teilnehmer um Referate; sowjetische Germanisten nahmen nicht teil.

Die sechs Teilnehmer aus der DDR, darunter Werner Mittenzwei, Paul Reimann und Klaus Hermsdorf, vertraten die Auffassung, Entfremdung sei historisch auf die bürgerliche Gesellschaft beschränkt. Kafka verkörpere demnach die Kapitulation und eine unüberwindbare Entfremdung des Menschen und könne „nichts mehr zur Entwicklung des Sozialismus beitragen“.

Eduard Goldstücker widersprach. Die in Kafkas Werken dargestellte Entfremdung sei nicht auf kapitalistische Gesellschaften beschränkt, sondern könne „in Zeiten des Übergangs zum Sozialismus“ sogar intensiver werden. Roger Garaudy und Ernst Fischer argumentierten ebenfalls undogmatisch. Kafkas Aktualität liege in der Alltagserfahrung einer entfremdeten Gesellschaft. Die Wirklichkeit durch Ideologie zu ersetzen und Kafka wegen seiner „Darstellung der Widersprüche des Lebens“ abzulehnen, sei unmarxistisch.

Die Dekadenzfrage wurde ebenfalls ausführlich behandelt. Ernst Fischer beschrieb die Welt des „Kafkaismus“ als von Erscheinungen des Niedergangs überfüllt. Goldstücker warnte jedoch davor, unter dem „allumfassenden und undefinierten Begriff Dekadenz“ unterschiedslos alle künstlerischen Strömungen zu verurteilen, die nicht den eigenen Voraussetzungen entsprächen. Pavel Reiman erklärte, Kafkas Haltung könne nicht zum normalen Lebensgefühl eines aktiv am Aufbau der sozialistischen Gesellschaft beteiligten Menschen werden; dennoch sei Kafka als Schriftsteller zu schätzen, der ehrlich die Wahrheit suchte.

Teilnehmer und politische Wirkung

Dem Präsidium gehörten Alois Hofman, Marie Majerová, Pavel Reiman und Eduard Goldstücker an. Die Teilnehmer kamen vor allem aus der Tschechoslowakei und der DDR; außerdem waren Ernst Fischer aus Österreich, Roger Garaudy aus Frankreich sowie Vertreter aus Polen, Ungarn und Jugoslawien beteiligt. Fast alle waren mehr oder weniger Marxisten. Als einzige Ausnahme wird Roman Karst aus Polen genannt.

Die Konferenz löste in der ČSSR, der DDR und der Sowjetunion wichtige intellektuelle Debatten aus. In der DDR wurde sie zunächst in den Medien verschwiegen, versetzte kulturpolitische Funktionäre aber in Unruhe. Die Diskussion über Entfremdung stellte erstmals ausdrücklich einen Bezug zum realen Sozialismus her.

Damit begann ein Prozess der Öffnung im Ostblock: zunächst auf literarischem und geistigem Gebiet, später im Prager Frühling von 1968 auch politisch. In der Tschechoslowakei folgten Versuche der Kommunistischen Partei, ein Liberalisierungs- und Demokratisierungsprogramm sowie wirtschaftliche Reformen einzuführen. Die kurze Phase des geistigen und gesellschaftlichen Aufbruchs endete im August 1968 mit dem Einmarsch der Truppen der Warschauer-Pakt-Staaten.

Die Konferenz von 2008

Am 24. und 25. Oktober 2008 fand ebenfalls in Liblice die Konferenz „Kafka und die Macht“ statt. Sie wurde gemeinsam vom Institut für Textkritik in Heidelberg und dem Ústav pro soudobé dějiny, dem Institut für zeitgenössische Geschichte in Prag, veranstaltet.

Ihr Thema war nicht mehr nur Kafka, sondern die Bedeutung der Konferenz von 1963 selbst. Die Teilnehmer fragten, ob damals vor allem ein literarisches Kolloquium stattgefunden habe oder ein politisches Ereignis, ein Mythos und Vorläufer des Prager Frühlings. Es entstand unter anderem der Eindruck, Liblice 1963 sei eine „versteckte Stalinismus-Debatte“ gewesen. Andere betonten, dass sich Geschichte durch spätere Auseinandersetzungen mit ihr rückwärts verändern könne.

Roland Reuß hob die politische Wirkung von Texten hervor, die gerade dadurch politisch sein können, dass sie nicht direkt von Politik handeln. Kafkas Subversivität als „Schwarzseher und Pessimist“ machte ihn orthodoxen Kommunisten verdächtig. Zugleich bestand die Sorge, Leser könnten aus seiner Rezeption Rückschlüsse auf die Allgegenwart des Staatssicherheitsdienstes und des KGB sowie auf die Willkür der Bürokratie ziehen.

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