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Junge-Erde-Kreationismus
Der Junge-Erde-Kreationismus (englisch Young Earth creationism) ist eine Richtung des Kreationismus, die davon ausgeht, dass die Erde und das Leben auf ihr …
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Kernvorstellung
Der Junge-Erde-Kreationismus ist eine Richtung des Kreationismus. Er geht davon aus, dass Erde und Leben durch direktes Handeln Gottes vor höchstens 10.000 Jahren geschaffen wurden. Seine Anhänger verstehen die sechs Schöpfungstage im 1. Buch Mose meist als sechs aufeinanderfolgende Tage von jeweils 24 Stunden; der folgende Rasttag gehört zur ersten Woche nach einem absoluten Beginn der Zeit.
Die Bibel gilt ihnen als wahrheitsgetreuer, häufig als unfehlbarer historischer Bericht. Aus ihren Geschlechtertafeln und weiteren Zeitangaben leiten sie ein Erdalter von etwa 6000 bis 10.000 Jahren ab. Vergleichbar ist die Rechnung mit derjenigen des irischen Erzbischofs James Ussher (1581–1656), der die Schöpfung auf 4004 v. Chr. datierte. Die gängige Altersbestimmung der Erde beträgt dagegen 4,5 Milliarden Jahre.
Junge-Erde-Kreationisten fordern, Aussagen der Bibel in einer „Schöpfungswissenschaft“ gegenüber den Naturwissenschaften mindestens gleichzustellen oder ihnen Vorrang zu geben. Andere im Artikel genannte Formen sind Alte-Erde-Kreationismus und die Intelligent-Design-Bewegung.
Schöpfung, Sintflut und Deutung der Natur
Nach dieser Auffassung schuf Gott das Leben innerhalb von sechs 24-Stunden-Tagen als Grundtypen beziehungsweise definierte Arten, jeweils „nach ihrer Art“. Der Sintflutbericht wird als historisch wahr angesehen: Eine weltweite Flut soll vor etwa 4500 Jahren alles Leben vernichtet haben, außer den Lebewesen in Noahs Arche.
Daher lehnen Anhänger die Evolutionstheorie sowie zahlreiche Theorien aus Physik, Chemie, Astronomie und Geologie ab. Absolute physikalische und chemische Datierungsmethoden gelten ihnen als unzuverlässig. Die wesentliche Gestaltung der heutigen Erdoberfläche erklären sie durch Katastrophen, besonders durch die Sintflut. Auch eine zufällige Entwicklung von Planeten, Sonnensystem oder Universum weisen sie zurück. Für Sprachen postulieren sie ihre Entstehung durch die Sprachverwirrung von Babel; diese Auffassung wird Babelismus genannt. Neandertaler deuten sie als besonders alte Exemplare des Jetztzeitmenschen und Fossilien, die auf mehr als 5000 bis 6000 Jahre datiert werden, als Folge fehlerhafter Datierungsmethoden.
Naturalismus und Aktualismus beziehungsweise Uniformitarismus – das Prinzip, dass gegenwärtig beobachtbare Prozesse die Erdgeschichte erklären – halten sie für ungeeignet, die Welt vollständig zu beschreiben. Stattdessen meinen sie, geologische Daten und einzelne geologische Paradoxa, etwa das Paradoxon der schwachen jungen Sonne, ließen sich besser durch eine junge Erde und einen einmaligen Katastrophismus der Sintflut erklären.
Dinosaurier als Beispiel
Da die Erde nach dieser Lehre nur etwa 6000 Jahre alt ist, widerspricht sie der wissenschaftlichen Erkenntnis, dass Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren ausstarben. In kreationistischen Kreisen wird deshalb unter anderem vertreten, Dinosaurier seien in der Sintflut ertrunken.
Henry M. Morris behauptete 1961 in The Genesis Flood, Dinosaurier und Menschen hätten vor der Sintflut zusammengelebt. Diese Vorstellung wird laut Artikel in Kreationisten-Museen wie dem Creation Museum und dem Creation Evidence Museum vertreten. Andere Deutungen besagen, Dinosaurier hätten die Flut überlebt und als Drachen weiterexistiert. Manche Kreationisten beziehen die biblischen Ungeheuer Behemoth (Hiob 40,15–24) und Leviathan auf Dinosaurier. Kenneth „Ken“ Ham von Answers in Genesis vertritt die Auffassung, Dinosaurier seien auf Noahs Arche gewesen und erst später ausgestorben, weil ihnen Nahrung fehlte.
Entwicklung und wissenschaftliche Ablehnung
Frühe Wurzeln der Vorstellung liegen im Judentum. Flavius Josephus, ein jüdischer Historiker des 1. Jahrhunderts, vertrat bereits die Auffassung einer jungen, in sechs Tagen geschaffenen Erde. In der Neuzeit wurde anhand biblischer Geschlechtertafeln ein Höchstalter von 10.000 Jahren berechnet.
Ab dem 18. Jahrhundert verlor die Lehre als wissenschaftliche Hypothese an Unterstützung. Geologen sahen für die beobachtbaren geologischen Erscheinungen eine sehr alte Erde als nötig an. James Hutton begründete dies mit dem Uniformitätsprinzip: Die heute beobachtbaren, langsam ablaufenden Prozesse hätten die Erdoberfläche hervorgebracht und benötigten dafür lange Zeit. Er hielt die Erde sogar für unendlich alt. Sir Charles Lyell machte diese Gedanken im frühen 19. Jahrhundert weithin bekannt. Mitte des Jahrhunderts hatte die etablierte Wissenschaft den Junge-Erde-Kreationismus als ernst zu nehmende Hypothese verworfen; auch viele religiöse Gruppen verstanden den biblischen Schöpfungsbericht fortan bildlich.
Zunächst bestand ein Konflikt: Geologen ermittelten Alter im Milliardenbereich, während Lord Kelvins thermodynamische Berechnungen nach dem damaligen physikalischen Wissen ein Erdalter über 24 Millionen Jahre ausschlossen. Erst die Entdeckung der Radioaktivität änderte dies. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelten sich zahlreiche zuverlässige radiometrische Datierungsmethoden. Der Artikel beschreibt den Junge-Erde-Kreationismus deshalb heute als wissenschaftlich vollständig abgelehnt. Auch die Dendrochronologie, also die Altersbestimmung über Baumringe, widerspreche ihm: Die Hohenheimer Kurve reicht ununterbrochen bis 14.600 Jahre vor heute zurück (Stand 2009). Dies sei ebenfalls nicht mit dem Lücken-Kreationismus vereinbar, einer Mischung aus Junge- und Alte-Erde-Kreationismus.
Religiöse Wiederbelebung und theologische Begründung
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts führte der zunehmende christliche Fundamentalismus zu erneutem Interesse. Der Siebenten-Tags-Adventist George McCready Price veröffentlichte 1923 The New Geology. Angeregt wurde er teilweise durch Patriarchen und Propheten von Ellen G. White, das die Sintflut als katastrophales Ereignis für die Erdoberfläche beschreibt. Henry M. Morris und John C. Whitcomb knüpften daran an und veröffentlichten 1961 The Genesis Flood. Sie vertraten, die Erde sei geologisch jung und die meisten geologischen Schichten seien innerhalb eines Jahres abgelagert worden.
Morris gründete das Institute for Creation Research. Organisationen wie die als Missionsorganisation arbeitende Creation Research Society versuchen, geologische Formationen aus junge-erde-kreationistischer Sicht neu zu deuten. Die Lehre verbreitete sich mit finanzieller Unterstützung konservativer Organisationen und Privatleute; Morris’ Bücher wurden in mindestens zehn Sprachen übersetzt. Nach dem Artikel beeinflusste diese Renaissance jedoch nicht wesentlich die moderne Wissenschaft. Sie wirkte vor allem im Bildungswesen der USA, wo über Unterricht an öffentlichen Schulen gestritten wird. Der Einfluss beschränke sich auf fundamentalistische protestantische Kirchen; fast alle anderen christlichen Konfessionen lehnen diese Konzepte ab.
Theologisch verstehen meist evangelikale Junge-Erde-Kreationisten 1 Mose 1,1–10 EU nicht als Mythos, sondern als Tatsachenbericht. Sie begründen dies mit dem Berichtsstil des Abschnitts, mit späteren biblischen Bezugnahmen Jesu auf Schöpfung (Markus 10,6 EU) und Sintflut (Matthäus 24,37 EU) sowie mit 2 Petr 3,1–7 EU, besonders Vers 5. Strenge christliche Kreationisten betonen außerdem, Tod sei laut Bibel erst durch die Sünde der ersten Menschen in die Welt gekommen, etwa nach Röm 5,12 EU und 1 Kor 15,21 EU. Dies sehen sie als Gegensatz zu evolutionistischen Vorstellungen, nach denen Sterblichkeit schon bei Vorfahren des Menschen bis zu den ersten Einzellern bestand.
Andere theologische Ansätze, etwa von Pierre Teilhard de Chardin, verstehen Schöpfung als fortdauernden Prozess, der nicht im Gegensatz zur Evolution steht. Teilhard befasste sich dabei auch mit geistigen und spirituellen Aspekten der menschlichen Evolution. Diese Auffassungen werden von Junge-Erde-Kreationisten nicht geteilt.