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Julius Klinger
Zusammen mit der Druckerei Hollerbaum und Schmidt entwickelte Klinger eine neue Art der funktionellen Plakatgestaltung und wurde damit bald international …
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Leben und berufliche Anfänge
Julius Klinger (22. Mai 1876 in Dornbach, Österreich-Ungarn; ermordet am 9. Juni 1942 im Vernichtungslager Maly Trostinez) war ein österreichischer Maler jüdischer Abstammung, Zeichner, Illustrator, Gebrauchsgrafiker, Typograph und Schriftsteller. Er wurde wegen seiner jüdischen Abstammung verfolgt und ein Opfer des Holocaust.
Klinger studierte am Technologischen Gewerbemuseum in Wien. 1895 erhielt er seine erste Stelle beim Wiener Modemagazin Wiener Mode. Dort lernte er Koloman Moser kennen, der später sein Lehrer wurde und ihn an die Meggendorfer Blätter empfahl. 1896 zog Klinger nach München; von 1897 bis 1902 arbeitete er außerdem für die Wochenschrift Jugend. 1897 übersiedelte er nach Berlin.
Aufstieg zum Plakat- und Buchkünstler in Berlin
In Berlin entfaltete Klinger bis 1915 eine rege Tätigkeit als Gebrauchsgrafiker und Buchillustrator. Zu seinen frühen wichtigen Arbeiten gehörte das 1904 erschienene Heft Die Kunst im Leben des Kindes. Ein Wort zur Abwehr gegen den „Struwwelpeter“ und zur Reform des Hampelmanns. Es enthielt zehn Farblithographien im Plakatstil und zahlreiche Schwarzweißzeichnungen zu Texten Rudolf Bernauers. 1907 erschien ebenfalls mit Bernauer Lieder eines bösen Buben. Darin zeigte Klinger besonders seine ausgereifte Schwarzweiß-Technik, die er unter anderem für erotische Themen aus der Literatur einsetzte.
Ein Höhepunkt seiner Buchillustration im Jugendstil war 1909 ein Privatdruck mit einer deutschen Übersetzung des pornographischen Schauspiels Sodom, das dem Earl of Rochester zugeschrieben wird. Das Buch enthielt einen bildhaft gestalteten Titel, 13 Schwarzweißtafeln und zwei Farblithographien. Es erschien als „Privatdruck Leipzig 1909“ in 350 Exemplaren und sollte laut Erklärung niemals neu gedruckt werden. Klingers Stil wurde mit Aubrey Beardsley, Gustav Klimt und Constantin Somoff verglichen.
Zusammen mit der Druckerei Hollerbaum und Schmidt entwickelte Klinger eine funktionelle Form der Plakatgestaltung und wurde international bekannt. Beispiele sind das Plakat für den Flugtag Rund um Berlin in Johannisthal von 1912 sowie Werbemotive mit zum Himmel schauenden Männchen oder fünf Kakteenfiguren. Daneben arbeitete er für Das kleine Witzblatt, die Lustigen Blätter und Das Narrenschiff.
Klinger war auch als Lehrer und Organisator tätig. 1911 wurde er an die Fachwerkstatt für Plakatkunst der Schule Reimann berufen und lehrte dort bis Ende 1914. 1913 wurde er künstlerischer Leiter der angegliederten Höheren Fachschule für Dekorationskunst. Seit 1912 gehörte er dem Deutschen Werkbund an. 1913 gründete er mit Ernst Friedmann den Verband Künstlerischer Schaufensterdekorateure; seit 1914 war er Ehrenmitglied des Vereins der Plakatfreunde. Zu seinen Berliner Schülern gehörte unter anderem Lucian Zabel.
Wiener Arbeiten, Tabu-Kampagne und USA-Reise
Nach dem Ersten Weltkrieg eröffnete Klinger in der Wiener Schellinggasse ein Atelier für Gebrauchsgrafik und gab Kurse für moderne Gebrauchsgrafik. 1918 gestaltete er mit Ernst Ludwig Franke ein modernes Plakat zur achten österreichischen Kriegsanleihe. Außerdem entwarf er Schutzmarken, Briefpapiere, Inserate, Buchillustrationen und Schriften. Die Arbeiten dieser Zeit zeichnen sich durch besondere Einfachheit und geometrische Klarheit aus.
Für den Verlag Gerlach & Wiedling arbeitete Klinger neben Künstlern wie Carl Otto Czeschka, Carl Moser, Heinrich Lefler, Gustav Klimt und Franz von Stuck. Für die später „arisierte“ Buchhandlung Moritz Perles entwarf er in der Seilergasse das überdimensionierte Ladenschild „Bücherwurm“ sowie mehrere Verlagssignets. 1923 gab er gemeinsam mit der von ihm mitbegründeten Wiener Gruppe das Musterbuch Poster Art in Vienna heraus, das auch in den USA veröffentlicht wurde. Gelegentlich schrieb er unter dem Pseudonym „Dr. Wiles-Worris“.
Ab 1918 entwickelte Klinger für die Firma Tabu eine groß angelegte Werbekampagne für Zigarettenpapier, das 1918/19 in Wien flächendeckend beworben wurde. Seine Werbelinie reichte vom kleinen Zeitungsinserat bis zur Großflächenwerbung auf Brandmauern. Auch Bauzäune und winterfeste Brunnenverschalungen nutzte er als Werbeflächen. Erhalten sind unter anderem ein Motiv mit einer historischen Stadt, die von einem Wolkenkratzer mit der Aufschrift „Tabu“ überragt wird, und eine mit „Tabu“ beschriftete Kelle.
Im Dezember 1928 wurde Klinger von General Motors und Mac Manus Inc. in die USA eingeladen. Die Reise führte zu einer gewissen Ernüchterung: Die USA konnten für ihn und andere europäische Grafiker nur skeptisch und gründlich reflektiert als Vorbild dienen. Von 1929 bis 1931 lehrte Klinger an der Kunstgewerbe- und Handwerkerschule Magdeburg.
Verfolgung, Ermordung und kunstgeschichtliche Bedeutung
Die Nationalsozialisten verfolgten Julius Klinger wegen seiner jüdischen Abstammung. Am 2. Juni 1942 wurden er und seine Frau Emilie, eine Tochter des Klavierhändlers Bernhard Kohn, laut Polizeiregister nach Minsk „abgemeldet“, also deportiert. Im Register wurden beide aufgrund der Namensänderungsverordnung als Julius Israel beziehungsweise Emilie Sara geführt. Am 9. Juni 1942 wurden sie im Vernichtungslager Maly Trostinez ermordet. Klingers letztes bekanntes Plakat entstand 1938 für die Ankerbrot-Werke, die 1938 „arisiert“ und nach 1945 an die früheren Eigentümer zurückgegeben wurden. 1982 wurde in Wien-Liesing eine Klingerstraße nach ihm benannt.
Vor dem Ersten Weltkrieg gehörte Klinger zu den prägendsten Künstlern des deutschen Plakats; nach 1916 war er einer der wichtigsten Erneuerer der österreichischen Plakatkunst. Seine Gestaltung verband die nüchtern-sachliche Reklamekunst nach Lucian Bernhard mit dem illustrativen Figurenplakat, wie es etwa Ludwig Hohlwein vertrat. Klinger entwickelte daraus eine eigenständige Bildsprache: klare Werbeabsicht, einfacher Flächenstil, pointierter Witz, Ideenreichtum, Eleganz und sparsame grafische Mittel. Dadurch erhielten seine Plakate eine zeitlose Modernität und große Ausdruckskraft. Besonders wichtig waren seine frühen Arbeiten für die Zigarettenfabrik Manoli in Berlin; 1911 brachte er als erster unter anderem vor Lucian Bernhard, Hans Rudi Erdt und Ernst Deutsch Impulse des Deutschen Werkbundes zu Manoli.
Als Funktionalist wandte sich Klinger gegen reine Dekoration. Beeinflusst von Koloman Moser und in Übereinstimmung mit Adolf Loos stellte er sich gegen „jede Form, die nicht Gedanke ist“. Er forderte eine Modernisierung der Künste und sah zeitgemäße Gegenstände der reinen Kunst in Wolkenkratzern, Ozeanriesen und dem Zeppelin. Das Plakat sollte klar von der Malerei getrennt werden: „Zwischen einem Staffeleibild und einem Plakat können und dürfen keinerlei Beziehungen stehen.“ Klinger bezeichnete die Malerei außerdem als „farbige Entartung der Zeichnung“.
Da das Plakat als junge Kunstform keine wirkliche Tradition besaß, beteiligte sich Klinger durch Vorträge und Veröffentlichungen am kunsttheoretischen Diskurs. Mit Poster Art in Vienna präsentierte er zusammen mit gleichgesinnten Künstlern eine sachliche Grafik insbesondere dem amerikanischen und englischen Markt. Horst Herbert Kossatz fasste diese Entwicklung so zusammen: „Klinger und die ihm befreundeten Künstler schufen Werbesymbole statt Plakatmalereien ...“ Aus dem Plakatkünstler des Jugendstils wurde damit der Werbefachmann.
Die Sammlung Plakat- und Reklamekunst der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt über 180 Plakate, Gebrauchsgrafiken, Zeichnungen und Entwürfe aus den Jahren 1896 bis 1933. Die Österreichische Nationalbibliothek verzeichnet 22 Plakate Klingers.