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Hildebrand Veckinchusen
Hildebrand Veckinchusen (* um 1370, vermutlich in Westfalen; † Juli 1426 in Lübeck) war ein in Brügge lebender Kaufmann zur Zeit der Hanse.
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Bedeutung und Lebensweg
Hildebrand Veckinchusen, geboren um 1370 vermutlich in Westfalen und gestorben im Juli 1426 in Lübeck, war ein hansischer Kaufmann, der hauptsächlich in Brügge tätig war. Er und sein Bruder Sivert gehörten zeitweise zu den angesehensten Hansekaufleuten ihrer Zeit. Besonders wichtig ist Veckinchusen heute, weil von ihm und seinem Umfeld mehr als 500 Briefe und Handelsbücher erhalten sind. Diese Quellen geben außergewöhnlich genaue Einblicke in Geschäftspraxis, Handelsnetze, Kreditwesen, Familienbeziehungen und Lebenswelt spätmittelalterlicher Kaufleute.
Seine genaue Herkunft ist nicht sicher geklärt. In der Forschung wurden Dortmund, eine livländische Stadt und Westfalen diskutiert. Für Westfalen spricht unter anderem ein Erbteilungsvertrag von 1395 aus Radevormwald sowie die mögliche Ableitung des Familiennamens von Feckinghausen oder Föckinghausen. Sicher ist, dass die Familie sehr mobil war: Kaufleute mit diesem Namen sind im 14. Jahrhundert im gesamten Hanseraum nachweisbar.
Veckinchusen erhielt seine Ausbildung als Kaufmannsgehilfe zusammen mit seinem älteren Bruder Sivert in Livland und folgte ihm später nach Flandern. Erste eigene Geschäfte sind 1390 in Dordrecht belegt. Dort ließ er sich bestätigen, dass er zwei Terlinge Tuch und zwölf Botten Wein ordnungsgemäß gekauft hatte.
Aufstieg um 1400
Um 1400 standen Hildebrand und Sivert Veckinchusen gesellschaftlich und wirtschaftlich hoch. Hildebrand wird für 1393 und 1398, Sivert für 1399 als Aldermann des Hansekontors in Brügge erwähnt. Ein Aldermann war ein führender Vertreter der Kaufleute eines Kontors, also einer hansischen Handelsniederlassung. Diese Ämter zeigen den schnellen Aufstieg der Brüder.
Auch familiäre Verbindungen stärkten Hildebrands Stellung. In erster Ehe war er mit der Schwester des Dortmunder Ratsherren und Bürgermeisters Claus Swarte verheiratet. Nach ihrem Tod heiratete er Margarethe Witte aus einer wohlhabenden Rigaer Kaufmannsfamilie. Der Kontakt kam 1398 durch seinen in Riga lebenden Bruder Caesar zustande. Caesar beschrieb Margarethe in einem Brief vom 1. Juli 1398 als eine „ansehnliche Jungfrau von 15 Jahren“.
Nach Konflikten mit seinem Schwiegervater Engelbrecht Witte wegen einer Mitgift von 100 Mark ließ sich Hildebrand in Lübeck nieder, erwarb dort das Bürgerrecht und knüpfte durch die Heirat seiner Tochter Taleke mit Peter van dem Damme aus einer Lübecker Ratsfamilie weitere Beziehungen. Schon 1402 kehrte er nach Brügge zurück, wo er bis auf kurze Reisen bis 1426 blieb. Sein Lübecker Bürgerrecht behielt er, während seine Frau Margarethe und seine Kinder in Lübeck lebten.
Handelsnetz und Arbeitsweise
Veckinchusens Geschäfte waren in ein weit verzweigtes Handelsnetz eingebunden. Von Flandern aus reichten seine Beziehungen über den gesamten Hanseraum von Nowgorod bis London, außerdem nach Süden bis Venedig und nach Westen bis Bayonne an der französischen Atlantikküste. Viele dieser Verbindungen beruhten auf Verwandtschaft und persönlichen Vertrauensbeziehungen.
Wichtig waren Handelsgesellschaften. Das waren zeitlich begrenzte Zusammenschlüsse weniger Kaufleute, die gemeinsam Kapital einsetzten. Dadurch konnten größere Geschäfte finanziert und Risiken verteilt werden. Üblicherweise brachten die Gesellschafter gleich hohe Anteile ein; Gewinn und Verlust wurden später ebenfalls gleichmäßig geteilt.
Veckinchusen arbeitete nicht mehr wie viele Hansekaufleute im 13. Jahrhundert, die ihre Waren selbst begleiteten und im Tauschhandel absetzten. Er leitete seine Geschäfte vom Brügger Kontor aus. Nur zu wichtigen Gelegenheiten, etwa zu regelmäßig stattfindenden Messen, reiste er selbst. Waren mit seiner Hausmarke wurden Transporteuren oder Kapitänen anvertraut, manchmal auch von Handelsgesellen begleitet. Am Zielort verkauften Korrespondenten die Waren.
Handel mit Livland und Venedig
Zu Beginn des 15. Jahrhunderts handelte Veckinchusen besonders mit Livland. Er verschiffte dorthin Tuche, Salz und Gewürze und kaufte dafür Wachs und Pelze. Für diesen Handel auf der Linie Flandern–Livland gründeten Hildebrand und Sivert mehrere Handelsgesellschaften. Am 3. August 1405 gingen sie mit Hartwig und Gottschalk Steenhus eine Gesellschaft ein. Nach Berechnungen Walter Starks erzielte diese Gesellschaft in zwei Jahren 12 % Profit. Dieser Gewinn beruhte aber vor allem auf einem einzigen sehr erfolgreichen Wachsgeschäft von Livland nach Lübeck; ohne dieses Geschäft hätten die übrigen Teilgeschäfte Verluste gebracht. Eine 1406 mit Partnern in Reval und Dorpat gegründete Gesellschaft erwirtschaftete in sechs Jahren keinen Gewinn, weil Gewinne aus Tuchverkäufen Verluste aus Pelz- und Wachshandel nicht ausglichen.
Ein besonders ehrgeiziges Unternehmen war die „venedyesche selscop“, die Venedische Gesellschaft. Zwölf Kaufleute, darunter Sivert und Hildebrand Veckinchusen, wollten direkte Handelskontakte nach Oberitalien schaffen und venezianische Zwischenhändler in Brügge umgehen. Die Waren wurden fast ausschließlich über Land transportiert. Aus Venedig kamen Gewürze, Zucker, Brasilholz, Alaun und Weihrauch auf die Märkte in Flandern, England, dem Heiligen Römischen Reich und Skandinavien. Nach Venedig gelangten unter anderem Gebetskränze aus Bernstein, Tuche und Pelzwerk.
Bis 1409 liefen die Geschäfte offenbar gut genug, dass eine Erhöhung des Gesellschaftskapitals von 5.000 auf 11.000 Mark lübisch vorgeschlagen wurde. Um 1411 geriet die Gesellschaft jedoch in eine Krise. Peter Karbow, der für sie in Venedig handelte, kaufte überteuerte Waren und drückte durch ein Überangebot an Fellen die Preise. Im April 1411 standen Warenkäufen in Venedig im Wert von rund 70.000 Dukaten hansische Handelsgüter im Wert von rund 53.000 Dukaten gegenüber. Die Geschäfte wurden außerdem mit Wechseln finanziert, deren Fälligkeit oft vor dem Verkauf der Waren lag. 1412 wurde Karbow in Lüneburg festgesetzt; spätestens mit dem Handelsverbot König Sigismunds gegen Venedig im Jahr 1417 endete die Gesellschaft.
Krise, Haft und Tod
Ab 1414 zeigen Mahnschreiben von Geschäftspartnern erste deutliche Anzeichen für Hildebrand Veckinchusens Niedergang. Zeitweise befand er sich in äußerster Geldnot. Als Ursachen werden Verluste im Osthandel, Absatzprobleme und ein nicht zurückerhaltener Anteil an einem Darlehen genannt, das 1417 zum Regierungsantritt an den römisch-deutschen König Sigismund gezahlt worden war.
Trotz der Schwierigkeiten gab Hildebrand den riskanten Venedighandel nicht auf. 1417/18 erlitt er große Verluste, als er viel Tuch nach Venedig schickte und die Marktlage offenbar falsch einschätzte. Im Mai 1418 platzten zwei auf London gezogene Wechsel. Noch 1419 wurde er in Brügge zum Aldermann gewählt, was zeigt, dass er dort zunächst noch Ansehen und Kredit besaß.
Seine Lage verschlechterte sich weiter durch hohe Zinsen für Kredite bei Geldverleihern in Brügge und durch das Scheitern einer Spekulation mit französischem Salz. 1421 floh er während der Antwerpener Pfingstmesse vor seinen Gläubigern, kehrte aber im Herbst nach Brügge zurück, um eine Rückzahlung zu versuchen. Im Februar 1422 wurde er auf Drängen eines genuesischen Bankiers wegen einer Schuld von 120 Pfund flämisch im Brügger Schuldturm inhaftiert.
Während seiner Haft wandten sich viele Freunde ab. Seine Frau Margarethe, die mit den Kindern in Lübeck geblieben war, geriet in große Geldnot und verlor das Haus. Ab Herbst 1424 bemühten sich die letzten verbliebenen Unterstützer verstärkt um seine Freilassung. Mit erheblichem Geldaufwand und einer Bürgschaft seines Schwiegersohns Peter van dem Damme wurde Hildebrand am 14. oder 15. April 1426 entlassen. Er versuchte noch einmal, durch neue Handelsgeschäfte seine Gläubiger zu bezahlen, reiste dann aber am 1. Mai 1426 auf Drängen Margarethes nach Lübeck, wo er wenige Wochen später starb.
Quellen und Weltdokumentenerbe
Die Quellenlage zu hansischen Kaufleuten des Mittelalters ist normalerweise sehr schlecht. Bei Hildebrand und Sivert Veckinchusen ist sie außergewöhnlich reich. Erhalten sind mehr als 500 Briefe sowie Handelsbücher, die einzelne Buchungen und Geschäfte dokumentieren. Sie sind für die Wirtschafts- und Sozialgeschichte besonders wichtig, weil sie nicht nur Handel und Buchführung zeigen, sondern auch Beziehungen zwischen Kaufleuten, Gesellen, Verwandten und Ehepartnern.
Wilhelm Stieda begann 1879 mit der umfassenden Bearbeitung der Briefe, nachdem er im Stadtarchiv Reval auf Material gestoßen war. Er fand dort auch eine Holzschachtel mit vielen weiteren Briefen von und an Hildebrand Veckinchusen. 1921 veröffentlichte er den Band Hildebrand Veckinchusen. Briefwechsel eines deutschen Kaufmanns im 15. Jahrhundert. Nicht alle erhaltenen Briefe wurden darin publiziert.
Die Handelsbücher wurden später von Forschern wie Michail P. Lesnikov, Claus Nordmann und Walther Stark bearbeitet. Lesnikov veröffentlichte 1973 die Edition Die Handelsbücher des hansischen Kaufmannes Vechinchusen mit den Büchern Af 1 und Af 6, die den Zeitraum von 1399 bis 1415 abdecken. Eine weitere Edition konnte erst im Frühjahr 2013 abgeschlossen werden. Lesnikov unterschied Memoranda, also eher ungeordnet wirkende Aufzeichnungsbücher, von Kontobüchern, in denen Buchungen nach festen Regeln eingetragen wurden.
Die Briefe zwischen Hildebrand und seiner zweiten Frau Margarethe gelten außerdem als besonders wertvoll für die Sozialgeschichte. Rolf Hammel urteilte, dieser Briefwechsel lasse „wie kein anderes spätmittelalterliches Zeugnis auch die gefühlsmäßige Beziehung zwischen Eheleuten zu Beginn des 15. Jh. erkennen.“ Am 18. Mai 2023 nahm die UNESCO die Briefe und Handelsbücher Veckinchusens im Stadtarchiv Tallinn als Teil von 17 Dokumenten zur Geschichte der Hanse in die Liste des Weltdokumentenerbes auf.