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Hannes Obermair

Hannes Obermair (* 25. August 1961 in Bozen) ist ein Südtiroler Historiker, Archivar und Ausstellungskurator. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Profil und Forschungsschwerpunkte
  2. 2. Ausbildung und beruflicher Weg
  3. 3. Archive, Erinnerungskultur und Ausstellungen
  4. 4. Ausgewählte Veröffentlichungen
  5. 5. Literatur und Radiofeature

Profil und Forschungsschwerpunkte

Hannes Obermair (* 25. August 1961 in Bozen) ist ein Südtiroler Historiker, Archivar und Ausstellungskurator. Seine Arbeit verbindet wissenschaftliche Forschung, Archivpraxis und öffentliche Geschichtsvermittlung. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Stadt- und Regionalgeschichte, Mittelalterforschung, die Geschichte der Schriftlichkeit, Diplomatik und Editionen, Historiografiegeschichte, Faschismusforschung, Erinnerungskulturen und Public History.

Damit beschäftigt sich Obermair sowohl mit historischen Quellen und ihrer wissenschaftlichen Bearbeitung als auch mit der Frage, wie Geschichte in Archiven, Museen, Ausstellungen und im öffentlichen Raum dargestellt und vermittelt wird. Besonders wichtig sind dabei die Geschichte Bozens und Südtirols, mittelalterliche Urkunden und Schriftzeugnisse sowie die Aufarbeitung von Faschismus, Nationalsozialismus und politischer Erinnerung.

Ausbildung und beruflicher Weg

Nach dem Abitur am Franziskanergymnasium Bozen studierte Obermair von 1980 bis 1987 an den Universitäten Innsbruck und Wien Geschichte, Germanistik, Vergleichende Literaturwissenschaft und Philosophie. Seine Promotion erlangte er mit der in Innsbruck eingereichten Dissertation „Die Bozner Archive des Mittelalters bis 1500“.

Von 1988 bis 1990 absolvierte er am Staatsarchiv Bozen eine zweijährige Ausbildung in Archivkunde, Paläographie und Diplomatik. Archivkunde ist die systematische Beschäftigung mit Archiven und ihren Beständen; Paläographie bezeichnet die historische Schriftkunde; Diplomatik untersucht die Entstehung, Form und Echtheit von Urkunden. Anschließend arbeitete Obermair für das Bayerische Hauptstaatsarchiv, das Österreichische Staatsarchiv und das Südtiroler Landesarchiv.

Von 2002 bis 2017 war er für die Stadtgemeinde Bozen tätig, ab 2009 als Leiter des Stadtarchivs Bozen. Seit 2019 ist er Senior Researcher (Philosopher-in-Residence) an Eurac Research in Bozen. Außerdem war oder ist er Research Fellow am Max-Planck-Institut für Geschichte und Lehrbeauftragter an den Universitäten Innsbruck und Trient sowie am Istituto Storico Italiano per il Medio Evo.

Obermair gehört zum Gründerkreis der 1991/92 entstandenen historischen Fachzeitschrift „Geschichte und Region/Storia e regione“ und wirkt dort als Mitherausgeber und -redakteur. Er ist Vorstandsmitglied der De Statutis Society an der Universität Bologna, wissenschaftlicher Mitarbeiter der „Studi Trentini di scienze storiche“ sowie Mitglied verschiedener wissenschaftlicher Beiräte. Seit 2019 ist er ordentliches Mitglied der Accademia degli Agiati in Rovereto; 2020 wurde er zum Fellow der Royal Historical Society in London gewählt.

Archive, Erinnerungskultur und Ausstellungen

Während seiner Zeit am Bozner Stadtarchiv rief Obermair das Digitalisierungsvorhaben „BOhisto: Bozen-Bolzano’s History Online“ ins Leben. Er war außerdem an der zeithistorischen Dokumentations-Ausstellung „BZ ’18–’45: ein Denkmal, eine Stadt, zwei Diktaturen“ beteiligt, die 2014 im Bozner Siegesdenkmal entstand. Dafür erhielt die Historikergruppe 2016 eine Special Commendation im Rahmen der Verleihung des EMYA.

2015 initiierte Obermair die erstmalige Verlegung von Stolpersteinen in Bozen. 2017 war er maßgeblich an der Historisierung des monumentalen Mussolini-Reliefs an der Casa Littoria beteiligt. Für seine „friedensstiftende und völkerverständigende Aufarbeitung von Faschismus und Nationalismus“ nahm er 2012 die Martin-Niemöller-Friedenstaube entgegen. 2018 wurde er von Politika – Südtiroler Gesellschaft für Politikwissenschaft als Politische Persönlichkeit des Jahres 2017 ausgezeichnet, insbesondere wegen seiner Tätigkeit bei der Aufarbeitung, Kontextualisierung und Wahrnehmung faschistischer Denkmäler in Südtirol.

Seit 2010 ist Obermair Vorstandsmitglied der Südtiroler Sektion der italienischen Widerstandsvereinigung Associazione Nazionale Partigiani d’Italia; seit 2021 ist er deren Vizepräsident. Bei den italienischen Parlamentswahlen 2018 kandidierte er für die Südtiroler Partei Grüne Verdi Vërc auf der Liste von Liberi e Uguali (LeU) im Einerwahlkreis Meran für den Senat, erlangte jedoch kein Mandat.

Als Ausstellungskurator war Obermair unter anderem an folgenden Projekten beteiligt: 2019 „Mythen der Diktaturen. Kunst in Faschismus und Nationalsozialismus“ auf Schloss Tirol, gemeinsam mit Carl Kraus; 2020/21 „‚Großdeutschland ruft!‘ Südtiroler NS-Optionspropaganda und völkische Sozialisation“; 2021 „Der Äthiopische Mantel“ im Museum Villa Freischütz in Meran, gemeinsam mit Ariane Karbe; sowie 2025/26 „Die andere Seite. Salpeterhandel und Villa Freischütz“, gemeinsam mit Ariane Karbe und Laura Steinhilber. Der gemeinsam mit Ariane Karbe gestaltete Podcast zur Ausstellung „Der Äthiopische Mantel“, die die Frage der Restitution von Raubkunst aufwarf, erhielt 2021 den ersten Preis seiner Kategorie beim deutschen DigAMus Award.

Ausgewählte Veröffentlichungen

Obermairs Publikationen behandeln vor allem die Geschichte Bozens und Südtirols, mittelalterliche Quellen, Faschismus, Nationalsozialismus, Erinnerungskulturen, Museen und regionale Gesellschaften.

Ein zentraler Forschungsschwerpunkt ist die Schriftlichkeit und urkundliche Überlieferung der Stadt Bozen bis 1500. Dazu veröffentlichte er „Bozen Süd – Bolzano Nord“ in zwei Bänden (2005 und 2008). Gemeinsam mit Volker Stamm bearbeitete er außerdem das Rechnungsbuch der Marienpfarrkirche Gries (Bozen) von 1422 bis 1440. Mit Martin Bitschnau gab er das „Tiroler Urkundenbuch“ zur Geschichte des Inn-, Eisack- und Pustertals heraus, dessen ausgewählte Bände 2009 und 2012 erschienen.

Weitere Arbeiten befassen sich mit dem italienischen Faschismus und seinen regionalen Auswirkungen, darunter „Tra Roma e Bolzano“ (2006), „Camicie nere in Alto Adige (1921–1928)“ (2023) und die gemeinsam mit Ulrike Kindl herausgegebene Darstellung „Die Zeit dazwischen. Südtirol 1918–1922“ (2020). Die Ausstellung zur nationalsozialistischen Optionspropaganda veröffentlichte er 2021 in zweiter, erweiterter Auflage.

Zu seinen weiteren Themen gehören Erinnerungskulturen des 20. Jahrhunderts, politische Gewalt im regionalen Kontext, Gemeinschaften und Konflikte in den Alpen sowie die Vermittlung von Zeitgeschichte im Museum. Neuere Veröffentlichungen sind unter anderem „Eurac Research – Inventing Science in a Region“ (2022), gemeinsam mit Harald Pechlaner herausgegeben, und „Blicke von aussen – Blicke von innen“ über Pater Ambros Trafojer (1891–1974), erschienen 2024. Ebenfalls 2024 gab Obermair mit Josef Prackwieser John S. Stephens’ Untersuchung „Danger Zones“ zu nationalen Minderheiten in Europa heraus.

Literatur und Radiofeature

Das im Artikel angeführte Schrifttum dokumentiert Obermairs wissenschaftliche und öffentliche Tätigkeit. Dazu gehören ein Beitrag von Andrea Carlà aus dem Jahr 2018 über seine politische Auszeichnung und die Historisierung faschistischer Monumente, ein Porträt von Hans Heiss aus dem Jahr 2021 sowie ein Beitrag von Hannes Hintermeier über Eurac Research aus dem Jahr 2022. 2024 erschien außerdem ein englischsprachiges Interviewprojekt über materielle Hinterlassenschaften des italienischen Kolonialismus, an dem Obermair beteiligt war.

Ein Radiofeature von Radio Freirad Innsbruck aus dem Jahr 2016 trägt den Titel „Das Stuben-Forum einer unbequemen Wissenschaft, Teil 2/3“ und behandelt Obermairs Ausführungen über Bronisław Malinowski.

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