Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Gut Emkendorf
Eine 250-jährige Linden- und Kastanienallee tangiert im Süden das Gutsgelände. Sie ist ein Teil der alten Chaussee von Kiel nach Rendsburg und ist seit 1936 als …
Inhalt6 Abschnitte
Überblick und Bedeutung
Gut Emkendorf ist eine streng symmetrisch angelegte Hofanlage in der Gemeinde Emkendorf im schleswig-holsteinischen Kreis Rendsburg-Eckernförde. Zum Gut gehören das Herrenhaus, mehrere erhaltene Wirtschafts- und Nebengebäude sowie ein weitläufiger Landschaftspark im englischen Stil. Darin liegt der Hasensee, der früher mit dem Westensee verbunden war.
Südlich des Gutsgeländes verläuft eine etwa 250 Jahre alte Linden- und Kastanienallee. Sie gehört zur alten Chaussee von Kiel nach Rendsburg und steht seit 1936 als Naturdenkmal unter Schutz. Das restaurierte Herrenhaus befindet sich heute in Privatbesitz und ist besonders als Veranstaltungsort für Konzerte bekannt, unter anderem im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals.
Entwicklung des Gutes
Der Ort Emkendorf wurde im Dreißigjährigen Krieg wüst, also dauerhaft verlassen. Seine Ländereien gingen an das bereits bestehende gleichnamige Gut über. Um 1730 begann unter dem hannoverschen Feldmarschall Cuno Josua von Bülow der Bau des Herrenhauses. Nach 1743 ließ der neue Besitzer Jean Henri Desmercières den Bau vollenden; 1745 empfing er dort König Friedrich V.
Später verkaufte Desmercières das Gut an Detlev von Reventlow. Dieser vererbte es 1783 seinem Sohn Friedrich Karl Reventlow, der seit 1779 mit Julia, einer Tochter des dänischen Schatzmeisters Heinrich Schimmelmann, verheiratet war. Schimmelmann hatte seinen Reichtum durch den atlantischen Dreieckshandel erworben. Nach seinem Tod 1782 erbte jedes seiner Kinder ein Fünftel des jährlichen Gewinns der karibischen Zuckerplantagen, der durch die Arbeit versklavter Menschen erwirtschaftet wurde. Friedrich Karl und Julia Reventlow nutzten dieses Geld unter anderem für die reiche Ausgestaltung von Gut Emkendorf.
Julia Reventlow empfing dort zahlreiche bekannte Persönlichkeiten, darunter Friedrich Gottlieb Klopstock, Matthias Claudius, Johann Caspar Lavater und Friedrich Leopold zu Stolberg-Stolberg. Diese Gesprächs- und Debattierkreise wurden als Emkendorfer Kreis bekannt und brachten dem Gut den Beinamen „Weimar des Nordens“ ein. Während der Französischen Revolution fanden zudem französische Adlige auf dem Gut Zuflucht, darunter La Fayette.
Da Friedrich und Julia Reventlow kinderlos waren, erbte ihr Adoptivsohn Joseph Graf von Reventlow-Criminil das Anwesen. Von 1764 bis 1929 gehörte Gut Emkendorf mit kurzen Unterbrechungen der Familie Reventlow. Es war vermutlich das größte Gut Schleswig-Holsteins und verwaltete zahlreiche umliegende Dörfer, Höfe und Seen. Bis zur Übernahme Schleswig-Holsteins durch Preußen 1867 war es außerdem ein Patrimonialgericht, also ein Gut mit eigener, vom Grundherrn ausgeübter Gerichtsbarkeit.
Nach dem Tod Adolf Cécil Graf von Reventlow-Criminils (1861–1927) musste das überschuldete Gut 1929 verkauft werden. Käufer war die Familie Dr. Curt und Carl Heinrich, die Verleger der Kieler Nachrichten. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurden Kriegsflüchtlinge im Herrenhaus untergebracht. Nach der Kapitulation am 8. Mai 1945 bezog eine britische Garnison die Gebäude.
Herrenhaus und Innenräume
Das Herrenhaus entstand von 1730 bis 1745 im spätbarocken Stil. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts gestaltete der sächsische Baumeister Carl Gottlob Horn (1734–1807) es klassizistisch um. Der zweigeschossige, verputzte Backsteinbau besitzt ein Mansarddach und 13 Achsen, also 13 regelmäßig angeordnete senkrechte Gliederungen der Fassade. Auf der Hofseite tritt ein dreiachsiger, zweieinhalbgeschossiger Risalit hervor, ein vorspringender Gebäudeteil. Ionische Kolossalpilaster – flache, über mehrere Geschosse reichende Wandpfeiler – gliedern ihn; darüber liegt ein flacher Dreiecksgiebel. Die Giebelsuhr wurde bei einer Putzerneuerung 1850 eingesetzt. Das Erdgeschoss ist durch eine Rustizierung mit betont wirkenden Fugen gegliedert. Über dem ersten Stock verläuft ein Wandstreifen, der einer Attika ähnelt.
Die Gartenseite ist schlichter und besitzt am Risalit einen durchgehenden Balkon. Zwei lang gestreckte, eineinhalbgeschossige Seitenflügel bilden gemeinsam mit dem Hauptbau eine hufeisenförmige Einfassung des Hofes.
An der Umgestaltung der Innenräume wirkten neben Horn der Maler Giuseppe Anselmo Pellicia und der Stuckateur Francesco Antonio Tadey mit. Unter der barocken Stuckdecke des Festsaals im Obergeschoss wurde eine niedrigere klassizistische Decke eingezogen. Obwohl bis zum frühen 20. Jahrhundert viele bewegliche Einrichtungsstücke verloren gingen, blieben größere bauliche Veränderungen aus. Deshalb sind die Räume weitgehend in ihrem ursprünglichen Zustand erhalten.
Im Erdgeschoss befinden sich unter anderem das Vestibül mit toskanischen Säulen, der Gartensaal mit Pilastern, Grisaillemalereien und gemaltem Deckenstuck sowie der als Adlerzimmer bezeichnete Salon mit vier Supraporten, also Bildern über den Türen, die römische Landschaften zeigen. Hinzu kommen ein Schlafzimmer mit einem Deckenbild des Helios und ein Esszimmer mit Frühstückszimmer und Wandmalereien.
Das Obergeschoss umfasst die ehemalige holzvertäfelte Bibliothek, den Festsaal mit Parkettboden und Rokokostuckdecke sowie den Blauen Salon, der als Zimmertheater diente. Das Etruskische Zimmer besitzt pompejanischen Dekor und einen klassizistischen Ofen. Weitere Räume sind das Telemachzimmer mit Grisaillemalereien aus dem Leben Telemachs, ein Speisezimmer mit mythologischen Szenen, ein Kabinett mit gemaltem Landschaftsausblick und mehrere Schlafzimmer.
Ausstattung und Sammlungsstücke
Mehrere wichtige Kunstwerke und Möbel befinden sich heute nicht mehr in Emkendorf. Anton Raphael Mengs’ 1752 geschaffene Kopie von Raffaels „Schule von Athen“ gelangte in die Kunsthalle zu Kiel. Angelika Kauffmanns Gemälde „Friederike Juliane von Reventlow“ von 1784 befindet sich heute auf Schloss Gottorf. Dort werden außerdem zwei um 1780 in der Pariser Werkstatt von Adrien Pierre Dupain gefertigte, rot und blau bezogene Sitzgarnituren sowie ein Konsoltisch mit Kandelabern und Tischuhr aufbewahrt. Blaues Mobiliar und Gemälde sind im Emkendorf-Saal von Schloss Ahrensburg ausgestellt; dort befindet sich im Emkendorf-Zimmer auch eine Kopie des Porträts Julia von Reventlows.
Eine antike Marmorgruppe mit Amor und Psyche prägte früher das Vestibül. Sie stammte aus der Sammlung des Conte di Fede, war um 1700 von Pierre Le Gros ergänzt und 1796 bei Thomas Jenkins erworben worden. Nach ihrer Einlagerung 1929 in einem Lagerhaus neben dem Provianthaus in Rendsburg wurde sie dort im Dezember 1931 zusammen mit anderen Emkendorfer Kunstgegenständen durch einen Brand zerstört. Abgüsse befinden sich in Weimar und Mannheim.
Wirtschafts- und Nebengebäude
Am Eingang des Gutes stehen sich zwei von Carl Gottlob Horn zwischen 1797 und 1802 errichtete Pferdeställe gegenüber. Die eingeschossigen, unverputzten Backsteinbauten mit Walmdächern knicken zum Gutseingang rechtwinklig ab. Jeder besitzt einen eineinhalbgeschossigen, dreiachsigen und durch Pilaster gegliederten Mittelrisalit. An der Rückseite eines Stalls wurde 1855 eine Reithalle angebaut.
Das alte Kuhhaus von 1730 ist ein lang gestreckter Backsteinbau mit einem ursprünglich reetgedeckten Krüppelwalmdach. Seine südliche Stirnwand mit zwei Toren ist im ursprünglichen Zustand erhalten. Die Nordseite wurde vermutlich Ende des 18. Jahrhunderts von Horn umgestaltet. Gegenüber steht die 1745 errichtete alte Scheune, ebenfalls ein Backsteinbau mit ursprünglich reetgedecktem Krüppelwalmdach.
Die nach 1791 gebaute alte Meierei wird ebenfalls Horn zugeschrieben. Sie ist ein eingeschossiges Backstein-Traufenhaus, bei dem die Dachtraufe parallel zur langen Gebäudeseite verläuft. Es besitzt ein Krüppelwalmdach; der rustizierte Mittelteil ist zweigeschossig und endet in einem flachen Giebel. Auf der Rückseite schließt sich ein Wirtschaftsflügel an.
Horn errichtete 1796 auch das Gartenhaus, das als Klein Emkendorf oder Claudiushaus bekannt ist und zeitweilig von Matthias Claudius bewohnt wurde. Der eingeschossige, verputzte Backsteinbau hat ein Krüppelwalmdach, rustizierte Wandstreifen und eine klassizistische Eingangstür mit Oberlicht. An beiden Seiten liegen kleine, unverputzte Backsteinflügel.
Landschaftspark
Der Park war ursprünglich eine barocke, streng geordnete Anlage. Carl Gottlob Horn wandelte ihn Ende des 18. Jahrhunderts gleichzeitig mit dem Umbau des Herrenhauses in einen englischen Landschaftsgarten um. Diese Gartenform ahmt mit Rasenflächen, altem Baumbestand, Anhöhen und Gewässern eine natürlich wirkende Landschaft nach.
Heute sind nur Teile der historischen Anlage erhalten. Hinter dem Herrenhaus erstreckt sich zwischen einer Anhöhe und dem Hasensee eine Rasenfläche mit alten Bäumen. Eine lange Brücke führt über den See. Große Teile des Parks sind öffentlich zugänglich.