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Grüne Tara
Shyama-Tara oder Grüne Tara (wörtlich: „grüne Befreierin“) ist ein weiblicher, friedvoller Buddha und Bodhisattva des tibetischen Buddhismus.
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Wesen und Bedeutung
Shyama-Tara oder Grüne Tara, wörtlich „grüne Befreierin“, ist im tibetischen Buddhismus ein weiblicher, friedvoller Buddha und Bodhisattva. Sie gilt als Hauptform im Mandala der 21 Taras. Diese 21 Erscheinungsformen drücken verschiedene Facetten der Buddha-Aktivität aus.
Die Grüne Tara verkörpert das aktive Mitgefühl aller Buddhas. Ihr werden wunscherfüllende Eigenschaften, eine besondere Schnelligkeit beim Schutz vor Gefahren und die Vermehrung der ursprünglichen Weisheit zugeschrieben. Obwohl sie auch weltliche Wünsche erfüllen soll, besteht ihr eigentliches Anliegen darin, die Praktizierenden zur Erleuchtung zu führen.
Die Grüne Tara soll vor acht Arten der Angst schützen. Diese äußeren Gefahren werden zugleich als Sinnbilder innerer Hindernisse verstanden: Der Löwe steht für Stolz, der Elefant für Verblendung, das Feuer für Zorn, die Schlange für Neid, die Räuber für falsche Ansichten, das Gefängnis für Geiz, die Überschwemmung für Begierde und die Dämonen für Zweifel. Bereits der erste Dalai Lama Gendun Drub beschrieb in einem Lobpreis diese Verbindung zwischen äußeren Gefahren und inneren Hindernissen.
Ikonografische Darstellung
Die Grüne Tara wird als friedvolle Erscheinung mit grüner Körperfarbe dargestellt. Sie sitzt auf einem Lotusthron. Ihr rechtes Bein ist ausgestreckt und ruht auf einem Lotus; dies bezeichnet die Position der Aktivität. Das linke Bein ist in Meditationshaltung angezogen. Die Haltung symbolisiert ihre Bereitschaft, schnell aufzustehen, Wünsche zu erfüllen und vor Gefahren zu schützen.
Sie trägt meist reiche, oft regenbogenfarbene Gewänder und kostbaren Bodhisattvaschmuck. In der verbreitetsten Darstellung hält sie in der rechten Hand im Mudra der Freigebigkeit, mit nach vorn ausgestreckter Handfläche, eine vollständig entfaltete weiße Lotosblüte. Mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand hält sie auf Herzenshöhe den Stängel einer blauen, halb geöffneten Utpala-Lotosblüte.
Beide Blumen haben jeweils drei Knospen. Sie symbolisieren die Grüne Tara als Verkörperung erleuchteter Tatkraft und als Mutter der Buddhas der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Gelegentlich wird ihr Haar von einem Bildnis Amoghasiddhis oder Amitabhas gekrönt. Diese Gestalten können auch nur durch einen grünen beziehungsweise roten Edelstein im Diadem angedeutet werden.
Die Grüne Tara kann allein oder zusammen mit den 21 Taras erscheinen. Sie hat ein Gesicht und zwei, seltener vier Arme. Außerdem kann sie eine Triade mit Mahamayuri und Marichi bilden.
Entstehung und Legenden
In der buddhistischen Literatur des Vajrayana erscheint die Grüne Tara vergleichsweise spät; die erste tibetische Übersetzung stammt aus dem 12. Jahrhundert. Ihre Ursprünge werden jedoch mit einer indischen Sternengöttin verbunden. Ab dem 3. Jahrhundert wurde sie auch im indischen Mahayana verehrt. Im tibetischen Buddhismus gehört sie inzwischen zu den besonders stark verehrten Bodhisattvas.
Die nepalesische Prinzessin Bhrikuti, eine Gemahlin des tibetischen Königs Songtsen Gampo, gilt als Emanation der Grünen Tara. Der Legende nach brachte Bhrikuti die ersten Buddhabildnisse nach Tibet. Sie wird zwei Buddhafamilien zugeordnet: Einerseits gilt sie als Gefährtin von Amoghasiddhi, der ebenfalls grün dargestellt wird. Andererseits soll sie aus den Tränen des Mitgefühls von Avalokiteshvara entstanden sein und damit auch zu dessen Lotosfamilie gehören. Deshalb schwebt in manchen Darstellungen über ihrem Kopf Amitabha, das Haupt der Lotosfamilie, in anderen Amoghasiddhi.
Eine weitere Legende erzählt, dass die Grüne Tara in einem früheren Zeitalter als Prinzessin Jnanachandra viele Verdienste erlangte. Mönche forderten sie auf, um eine Wiedergeburt als Mann zu bitten, damit sie die vollständige Erleuchtung erlangen könne. Die Prinzessin lehnte dies ab. Sie bezeichnete die Unterschiede zwischen den Geschlechtern als Trugbild und gelobte, bis zur Befreiung aller Wesen weiterhin in einem weiblichen Körper zu wirken.
Praxis und Mantra
Wegen ihrer großen Beliebtheit gibt es vielfältige Formen der Tara-Praxis. Sie reichen von anfänglichen Übungen bis zu fortgeschrittenen tantrischen Methoden. Je nach den Möglichkeiten und Zielen der Praktizierenden sollen dadurch sowohl weltliches Glück als auch vollkommene Buddhaschaft erlangt werden können. Es gibt auch besondere Phowa-Praktiken, die mit der Grünen Tara verbunden sind.
Zu ihr gehört wie zu anderen tibetischen Gottheiten eine Rezitationspraxis. Im Vajrayana wird die Auffassung vertreten, dass das Rezitieren bestimmter Mantras ohne die entsprechende Einweihung Schaden verursachen könne. Deshalb werden die zu diesen Übungen gehörenden Mantras besonders im tibetischen Buddhismus normalerweise geheim gehalten und erst bei einer Einweihung mitgeteilt.
Das friedvolle Mantra der Grünen Tara ist jedoch in Tibet weit verbreitet: „Om tare tuttare ture soha“. Die tibetische Aussprache entspricht dabei nicht genau der ursprünglichen Form „svaha“. Der Lobpreis der 21 Taras zählt zu den gängigsten Sadhanas, also buddhistischen Übungs- und Meditationspraktiken.