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Gorée

Sie wurde bekannt als Symbol für die Verschleppung von Sklaven über den Atlantik. In welchem Umfang der Sklavenhandel über Gorée betrieben wurde, wird …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Überblick und Lage
  2. 2. Koloniale Geschichte
  3. 3. Sklavenhandel und Erinnerung
  4. 4. Weltkulturerbe und internationale Bedeutung
  5. 5. 20. Jahrhundert, Kultur und Wirtschaft

Überblick und Lage

Gorée ist eine Insel im Atlantischen Ozean vor der Küste Senegals und gehört zum Staatsgebiet Senegals. Sie liegt etwa drei Kilometer südöstlich der Hafeneinfahrt der Hauptstadt Dakar, geschützt in einer Bucht hinter Cap Manuel, der Südspitze der Cap-Vert-Halbinsel. Die Insel ist 36 Hektar groß, etwa einen Kilometer lang und 300 Meter breit. 2013 hatte sie 1680 Einwohner, was einer Bevölkerungsdichte von 4667 Einwohnern pro Quadratkilometer entspricht.

Bekannt ist Gorée vor allem als Symbol für die Verschleppung versklavter Menschen über den Atlantik. Der tatsächliche Umfang des Sklavenhandels über Gorée wird in der Forschung unterschiedlich eingeschätzt. Unabhängig davon wurde die Insel mit der Maison des Esclaves, dem „Sklavenhaus“, zu einem wichtigen Erinnerungsort für den atlantischen Sklavenhandel. Seit 1978 steht Gorée als Weltkulturerbe unter dem besonderen Schutz der UNESCO.

Der Inselhafen liegt auf der Nordostseite. Von Dakar aus ist Gorée mit der Personenfähre Coumba Castel erreichbar. Die Insel gilt heute als wichtige touristische Destination Senegals, ist autofrei und besitzt keine gepflasterten Straßen.

Koloniale Geschichte

Der ursprüngliche Name der Insel war Barsaguiche. 1444 wurde sie von Portugal unter Kapitän Dinis Diaz besetzt und erhielt den Namen Ilha de Palma. Ein Aufenthalt von Christoph Kolumbus auf Gorée bei einer seiner Überfahrten nach Amerika wird erwähnt, gilt aber als eher unwahrscheinlich.

1617 erwarb die Niederländische Westindienkompanie die Insel von König Betam und benannte sie nach der südholländischen Insel Goeree. Im 17. und 18. Jahrhundert war Gorée wiederholt zwischen europäischen Mächten umkämpft. Am 23. Januar 1663 eroberten die Engländer unter Robert Holmes die Insel, am 11. Oktober 1664 nahmen die Niederländer sie unter Michiel de Ruyter zurück. Am 1. November 1677 wurde sie von den mit England verbündeten Franzosen unter d’Estrées erobert und in die Kolonie Senegal eingegliedert. Die Engländer bestritten die Rechtmäßigkeit des französischen Besitzes und besetzten Gorée mehrmals, darunter 1693 für vier Monate sowie in den Zeiträumen 1758–1763, 1779–1783, 1800–1804 und 1804–1817. Insgesamt wechselte die Insel 17-mal den Besitzer.

Vom 1. November 1854 bis zum 26. Februar 1859 war Gorée aus Senegal ausgegliedert und Teil der Kolonie Gorée et dépendances. 1872 wurden Gorée und Saint-Louis die ersten beiden der Quatre Communes. Das waren Gemeinden, die nach französischem Recht den Status vollwertiger Gemeinden, also communes de plein exercice, erhielten. Bis 1887 umfasste Gorée auf dem Festland auch das Gebiet der neu entstandenen Militär- und Hafensiedlung Dakar.

Am Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Stadt Gorée als gut gebaut beschrieben. Sie besaß ein altes, von den Engländern errichtetes Fort mit einer Besatzung von 200 französischen Soldaten, große Warenlager und hatte 1879 insgesamt 2956 Einwohner. Viele Kolonialbauten aus dem 18. und 19. Jahrhundert sind bis heute erhalten.

Sklavenhandel und Erinnerung

Gorée hat den historischen Ruf, ein bedeutender Ort der Verschiffung versklavter Menschen nach Amerika gewesen zu sein. Diese Einschätzung gilt spätestens seit Jean Luc Angrands Arbeit „Céleste ou le temps des Signares“ von 2006 als widerlegt oder zumindest stark relativiert. Neuere Forschungen sehen die Insel nicht mehr als Zentrum der Sklavenverschiffung. Nach diesen Angaben sollen tatsächlich „nur“ etwa 500 Sklaven jährlich über Gorée verschifft worden sein. Deutlich wichtiger für den Sklavenhandel waren Häfen wie Saint-Louis im Norden, Cacheu im Süden sowie Häfen im Golf von Guinea und in Angola.

Besonders wichtig für die Erinnerungskultur ist die Maison des Esclaves. Bis 1996 galt sie als größte touristische Attraktion der Insel und als letztes erhaltenes Sklavenhaus, das 1776–1778 errichtet worden sein soll. Das Gebäude dient heute als Museum zur Geschichte der Sklavenverschiffung in Westafrika. Früher wurden seine Kellerräume als Verliese dargestellt, in denen versklavte Menschen vor der Verschiffung hätten ausharren müssen. Ein Durchlass zum Meer wurde als porte sans retour, also „Tür ohne Wiederkehr“, gezeigt, durch die die Menschen angeblich auf Schiffe nach Amerika gebracht worden seien.

Seit 1996 gilt diese Darstellung als Mythos, der besonders durch Boubacar Joseph Ndiaye, den langjährigen Leiter der Maison des Esclaves und touristischen Führer, poetisch ausgeschmückt worden sei. Nach den Arbeiten von Abdoulaye Camara und Joseph Roger de Benoist handelte es sich bei dem Gebäude um ein 1783 von Franzosen errichtetes bürgerliches Handelshaus. Im ersten Stock befanden sich Wohnungen und Büroräume, im Erdgeschoss arbeiteten Haussklaven. Gehandelt wurden dort Gummi arabicum, Elfenbein und Gold. Das Haus sei nie Ausgangspunkt der Sklavenverschiffung gewesen; an der angeblichen „Tür ohne Wiederkehr“ hätten wegen der Felsen keine Schiffe anlegen können.

Die neuere Forschung bestreitet jedoch nicht die symbolische Bedeutung Gorées als Erinnerungsort. Sie verändert vor allem die Gewichtung: Gorée steht weniger als tatsächliches Hauptzentrum der Verschiffung im Mittelpunkt, sondern als Ort des Gedenkens an die Gewalt und Tragödie des atlantischen Sklavenhandels.

Weltkulturerbe und internationale Bedeutung

1978 wurde Gorée auf Beschluss der zweiten Sitzung des Welterbekomitees als erste Welterbestätte Senegals in die Liste des UNESCO-Welterbes eingetragen. Die Welterbestätte ist dem Typ „Kultur“ zugeordnet, trägt die Referenznummer 26 und gehört zur UNESCO-Region Afrika. Die Eintragung erfolgte nach Kriterium (vi). Dieses Kriterium betrifft Stätten, die in besonderer Weise mit Ereignissen, Ideen oder Traditionen von außergewöhnlicher universeller Bedeutung verbunden sind.

In der Begründung der UNESCO heißt es, Gorée zeuge von einer „beispiellosen menschlichen Erfahrung in der Geschichte der Menschheit“. Die Insel wird als „Gedächtnisinsel“ beschrieben, die für das allgemeine Bewusstsein zum Symbol des Sklavenhandels geworden sei. Weiter heißt es, Gorée sei ein außergewöhnliches Zeugnis „einer der größten Tragödien in der Geschichte der Menschheit: des Sklavenhandels“. Die verschiedenen Elemente der Insel, darunter Festungen, Gebäude, Straßen und Plätze, erzählten auf ihre Weise die Geschichte Gorées vom 15. bis 19. Jahrhundert.

Die UNESCO-Formulierung bezeichnet Gorée als größtes Sklavenhandelszentrum der afrikanischen Küste. Diese Bewertung steht im Spannungsverhältnis zu neueren historischen Forschungen, die die tatsächliche Rolle der Insel im Sklavenhandel deutlich geringer einschätzen. Für das Verständnis Gorées ist deshalb beides wichtig: die starke symbolische Bedeutung im Welterbe-Kontext und die wissenschaftliche Relativierung der konkreten historischen Funktion.

20. Jahrhundert, Kultur und Wirtschaft

Im 20. Jahrhundert hatte Gorée auch eine bildungs- und politikgeschichtliche Bedeutung. Von 1913 bis 1937 befand sich dort mit der École normale William Ponty eine der bedeutendsten Schulen Französisch-Westafrikas. 1992 wurde auf Gorée das unabhängige Goree Institute gegründet. Es versteht sich als panafrikanisches Institut zur Stärkung von Demokratie, Entwicklung und Kultur des Kontinents. Ein Ausgangspunkt war das „Treffen von Dakar“ im Jahr 1987, bei dem Vertreter des südafrikanischen oppositionellen African National Congress und progressive südafrikanische Intellektuelle über die Zukunft Südafrikas nach einem Ende der Apartheid nachdachten. Langjähriger Exekutivdirektor war der südafrikanisch-französische Schriftsteller und bildende Künstler Breyten Breytenbach.

Die internationale Wahrnehmung Gorées nahm besonders nach der Ausstrahlung der Serie „Roots“ im Jahr 1977 zu. Amerikanische Nachfahren von Sklaven begannen, die Insel zur Erforschung ihrer Herkunft aufzusuchen. Die Maison des Esclaves wurde zu einem wichtigen Erinnerungsort für die Geschichte des atlantischen Sklavenhandels. Auch Spitzenpolitiker und ausländische Staatschefs besuchten das Haus, darunter François Mitterrand sowie Barack und Michelle Obama. 2017 entstand auf Gorée ein internationales Forschungszentrum, das die Geschichte des Ortes wissenschaftlich aufarbeiten sollte. Es wurde vom senegalesischen Staat und der Ford Foundation finanziert und sollte bis 2019 fertiggestellt sein.

Gorée wird auch kulturell aufgegriffen. Künstler wie Youssou Ndour, Alpha Blondy, Steel Pulse und Gilberto Gil verweisen in ihren Stücken auf die Insel. Der R&B-Sänger Akon bezieht sich in „Senegal“ auf Gorée als Ort, an dem Sklaven verschifft wurden. Auch der Rapper Booba, dessen Vater aus Senegal stammt, thematisiert die Insel in zwei Stücken.

Wirtschaftlich spielt vor allem der Tourismus eine zentrale Rolle; Gorée gilt als wichtigste touristische Destination Senegals. Daneben wird Fischfang auf traditionelle Weise betrieben. Auf nationaler Ebene ist außerdem der Fußballclub US Gorée bekannt. Gemeindepartnerschaften bestehen mit Sainte-Anne auf Martinique und Lagos in Portugal.

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