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Intuitive Musik
Mit dem Begriff wird jene Art von Musik bezeichnet, welche darauf abzielt, prä-rationale Erfahrungen und Erlebensweisen hörbar werden zu lassen und die sich auf …
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Begriff und Abgrenzung
Intuitive Musik entsteht ganz aus der Intuition und aus dem Moment. Sie soll prä-rationale Erfahrungen und Erlebensweisen – also Erfahrungen vor bewusstem, begrifflichem Denken – hörbar machen. Wegen dieses Ziels lässt sie sich nicht eindeutig in traditionelle Kategorien von Musik einordnen.
Oft wird auch Improvisationsmusik ohne vorgefertigte Konzepte oder Regeln, besonders freie Improvisation im Free Jazz, als intuitive Musik bezeichnet. Die Begriffe sollten jedoch nicht gleichgesetzt werden: Sie zielen eher auf unterschiedliche Musikstile.
Intuition beim Musizieren und Hören
Grundsätzlich kann jede Musik als Tätigkeit oder Produkt kreativer Menschen verstanden werden, die auf Intuition beruht. Thomas Gonschior formuliert als Grundfrage: „Was erfahre ich, wenn ich meinen Blick nach innen wende, in mich hineinlausche und in mich hineinspüre“.
Intuition ist eine zentrale Voraussetzung für Kunst. In der Musik betrifft sie besonders die Interpretationskultur, also die Deutung und Aufführung eines Werks. Spielt etwa ein Pianist ein Werk von Beethoven, muss er sich intuitiv auf den Geist des Werks beziehungsweise des Komponisten einfühlen und dessen Inspiration im Vortrag umsetzen. Auch für hörende Menschen gehört ein intuitives Moment zum Musikerleben.
Stockhausens Ansatz und seine Folgen
Der Jazzmusiker Lennie Tristano kündigte seine Konzerte schon um 1950 mit „Lennie Tristano and his Intuitive Music“ an. In Europa wurde der Begriff vor allem durch Karlheinz Stockhausen einem größeren Publikum bekannt. Er stand für ein verändertes Selbstverständnis junger, innovativer Musiker.
In Stockhausens Stück „Aus den sieben Tagen“ (1968) erhielten die Musiker nur kurze Textfragmente zum Einstimmen und sollten anschließend aus ihrer Intuition spielen. Diese Freiheit bedeutete für Stockhausen keinen Freibrief für zufällige Interpretationen. Er suchte nicht „Unbestimmtheit“, sondern „intuitive Bestimmtheit“: Musik sollte organisch und schöpferisch entstehen. Dazu gehören für ihn Selbstkontrolle und Selbstkritik der Spielenden.
Damit wurden Grenzen zwischen traditionell komponierten Stücken und nicht fixierten Klangergebnissen weniger deutlich. Neben dem schriftlich festgelegten Opus eines meist einzelnen Urhebers erhielt das einmalige, nicht festgehaltene akustische Ereignis denselben Rang. Die GEMA richtete deshalb für dieses in den 1970er-Jahren entstandene Phänomen eine besondere Rubrik ein: „Werke ganz oder überwiegend improvisatorischen Charakters und Musik, die nicht auf andere Weise einzuordnen ist“.
Weitere Ausprägungen
Auch der Komponist und Pianist Peter Michael Hamel betont die Intuition. Auf Studienreisen in Asien und Afrika erlebte er beim Zusammenspiel mit Musikern vor Ort „die Funken hellsichtiger Wahrnehmung im Zustand des Sich-Öffnens“. Das intuitive Moment sei jedoch nicht programmierbar, auch nicht bei Gruppen, die lange einen geistig-spirituellen Weg verfolgen. Besonders die 1972 erstmals eingespielte Version von Hamels „Mandala“ verdeutlicht seine Vorstellung intuitiver Musik.
Das 1980 gegründete „Ensemble für intuitive Musik Weimar“ setzte in der DDR ein Zeichen gegen geistige Unfreiheit und gesellschaftliche Zwänge. Es eröffnete Interpreten Spielräume für eigenschöpferisches Gestalten und organisierte bis zum „Wendeherbst 1989“ über 100 Konzerte mit Stockhausens Musik. Die Gruppe entwickelte neue kompositorische Modelle und nutzte ungewöhnliche Spielorte, etwa ein Lavafeld in Mexiko-Stadt sowie den 670 Meter unter Tage in einen Salzstock gefrästen Konzertsaal „Klangschacht Sondershausen“.
Markus Stockhausen veranstaltete von 2000 bis 2010 in Köln eine Konzertreihe mit intuitiver Musik. Er setzt keine stilistischen Grenzen und erlaubt auch harmonische, melodische und rhythmisch-periodische Musik. Für ihn konzentriert sich intuitive Musik auf einen inneren Geist, der den oder die Musiker leitet. Anders als Improvisation, die meist bekanntes und vorher bestimmtes Material variiere, soll intuitive Musik alles zulassen, was sich im jeweiligen Jetzt ausdrücken will.
Genannte Ensembles und Musiker
Genannt werden Markus Stockhausen, unter anderem mit dem Septett Wild Life mit Simon Stockhausen, Florian Weber, Jörg Brinkmann, Michelangelo Flammia, Christian Thomé und Bodek Janke, außerdem Andrzej Bieżan, das Ensemble Kawalerowie Błotni beziehungsweise The Mud Cavaliers, das Ensemble für intuitive Musik Weimar, Kanal XX und phase-drei.