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Farbenlehre (Goethe)

Goethe unterscheidet zunächst drei Arten von Farbe und Farbwirkung. Physiologische Farben: Physiologische Farben werden nach Goethe. „bemerkt als flüchtige …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kernidee und Bedeutung
  2. 2. Aufbau des Werks
  3. 3. Historischer Hintergrund und Prismenversuche
  4. 4. Die drei Arten der Farben
  5. 5. Streit mit Newton und historische Darstellung
  6. 6. Vorarbeiten, Ergänzungen und Rezeption

Kernidee und Bedeutung

Goethes Farbenlehre geht auf Johann Wolfgang von Goethe zurück und ist vor allem in seinem Werk Zur Farbenlehre enthalten, das 1810 erschien. Goethe sammelte darin über viele Jahre Beobachtungen, Literaturstudien und Experimente zum Wesen der Farbe. Er wollte Farbe nicht nur physikalisch, ästhetisch oder praktisch erklären, sondern als Gesamtphänomen erfassen: als Naturerscheinung, als Sinneseindruck und als Wirkung auf den Menschen.

Für Goethe war diese Forschung besonders wichtig; er schätzte sie sogar höher ein als sein literarisches Werk. Wissenschaftlich setzte sich seine Farbenlehre jedoch nur teilweise durch. Anerkennung fand vor allem der Abschnitt über physiologische Farben, also über Farbwahrnehmung im Auge. Dagegen irrte Goethe im physikalischen Teil, besonders dort, wo er Isaac Newtons Theorie widerlegen wollte. Newton hatte gezeigt, dass weißes Licht aus farbigen Lichtern zusammengesetzt ist. Goethe vertrat dagegen die Auffassung, weißes Licht sei nicht zusammengesetzt; Farben entstünden aus der Wechselwirkung von Licht und Finsternis.

Aufbau des Werks

Im engeren Sinne bezeichnet Goethes Farbenlehre die dreiteilige Schrift Zur Farbenlehre von 1810. Sie besteht aus einem didaktischen Teil, einem polemischen Teil und einem historischen Teil. Zusätzlich erschien 1810 ein Band mit Tafeln. Im weiteren Sinne umfasst Goethes Farbenlehre alle seine Schriften zur Farbforschung, darunter Beiträge zur Chromatik, Versuch, die Elemente der Farbenlehre zu entdecken, Von den farbigen Schatten, Versuch als Vermittler von Objekt und Subjekt, Erfahrung und Wissenschaft sowie Ergänzungen zur Farbenlehre. Entoptische Farben.

Goethe bemühte sich stark um wissenschaftliche Anerkennung. Bei Künstlern wie Philipp Otto Runge und William Turner fand seine Farbenlehre Anklang. In der Naturwissenschaft konnte sie sich aber nicht gegen Newtons ältere Theorie des Lichtes durchsetzen. Bedeutsam blieb sie wissenschaftshistorisch, weil sie Goethes ganzheitlichen Blick auf Natur, seine genaue Beobachtung und seine Bevorzugung der Anschauung gegenüber abstrakter Theorie zeigt. Aus Beobachtung und subjektivem Empfinden leitete Goethe auch psychologische Wirkungen der Farben ab und entwickelte damit eine Art Farbpsychologie.

Die Erstausgabe erschien am 16. Mai 1810 in der Cotta’schen Verlagsbuchhandlung, in 500 Exemplaren auf weißem und 250 auf grauem Papier. Noch im selben Jahr widersprach Carl Brandan Mollweide Goethes Theorie in seiner Schrift Prüfung der Farbenlehre des Herrn v. Goethe und Vertheidigung des Newton’schen Systems wider dieselbe.

Historischer Hintergrund und Prismenversuche

Die Untersuchung von Licht und Farbe hatte eine lange Vorgeschichte. Schon in der Antike spielte Lichtbrechung eine Rolle, etwa für astronomische Positionsbestimmungen. Johannes Kepler gilt mit Paralipomena ad Vitellionem von 1604 als wichtiger Begründer der modernen Optik. Das Brechungsgesetz wurde später durch Willebrord van Roijen Snell und René Descartes richtig formuliert. Bis ins 17. Jahrhundert gab es mehrere konkurrierende Modelle: Sehstrahlen, die vom Auge ausgehen; einen Lichtäther zur Erklärung von Welleneigenschaften; und Newtons Korpuskeltheorie, nach der Licht aus sehr schnellen Teilchen besteht.

Newtons berühmtes Prismenexperiment leitete einen engen Lichtstrahl durch ein Loch und ein Prisma. Dadurch wurden im weißen Licht enthaltene farbige Lichter sichtbar: Blau, Türkis, Grün, Gelb und Rot mit Zwischenstufen. Goethe erwartete bei seinem eigenen ersten Blick durch ein Prisma, eine weiße Wand farbig zu sehen. Stattdessen blieb die Wand weiß; Farben erschienen nur an Grenzen, etwa an Fensterstäben. Daraus schloss Goethe, eine Grenze sei notwendig, um Farben hervorzubringen, und hielt Newtons Lehre für falsch.

Nach heutiger Erklärung lag der Unterschied in der Versuchsanordnung. Goethes weiße Wand war eine ausgedehnte Lichtquelle; viele farbige Strahlen überlagerten sich wieder zu Weiß. Farbige Eindrücke entstanden nur an Kanten, wo Nachbarstrahlen fehlten. Newton verwendete dagegen einen engen Strahl durch ein Loch und hielt störende Nachbarstrahlen zurück. Goethe deutete solche Kantenspektren im Rahmen einer Polarität von Licht und Finsternis. In einem Gegenexperiment stellte er ein Prisma ins volle Sonnenlicht und setzte in die Mitte einen schwarzen Pappkreis von der Größe des newtonschen Lochs. Dabei erschien ein Spektrum mit Komplementärfarben: Gelb statt Blau, Rot statt Türkis, Purpur-Magenta statt Grün, Blau statt Gelb und Türkis statt Rot.

Die drei Arten der Farben

Im didaktischen Teil stellt Goethe seine eigenen Beobachtungen und Begriffe dar. Er unterscheidet drei Arten von Farbe und Farbwirkung: physiologische Farben, physische Farben und chemische Farben.

Physiologische Farben sind bei Goethe eine „flüchtige Wirkung und Gegenwirkung des Auges selbst“. Damit meint er Farberscheinungen, die durch das Auge und die Wahrnehmung entstehen. Dazu zählt er Scheinfarben, Augentäuschungen, Gesichtsbetrug und pathologische Farben. Gerade dieser Teil wurde später am ehesten anerkannt, weil er wichtige Einsichten zur Farbwahrnehmung enthält.

Physische Farben beschreibt Goethe als „vorübergehende Wirkung farbloser, durchscheinender, durchsichtiger, undurchsichtiger Körper auf das Licht“. Sie entstehen also nach seiner Auffassung durch äußere Anlässe, zum Beispiel durch Pergamentpapier, Opalglas, Linsen, Prismen, schwarze Scheiben, farbige Vierecke, Öffnungen im Fensterladen oder Seifenblasen. Wichtig ist hier sein Begriff „das Trübe“, den er als unendlich viele Graustufen zwischen Schwarz und Weiß versteht.

Chemische Farben sind Körperfarben, also Farben, die Goethe als dauerhaft und den Körpern selbst innewohnend ansieht. Er ordnet sie unter anderem Stoffgruppen zu: „Das Gelb und Gelbrote widmet sich den Säuren, das Blau und Blaurote den Alkalien.“

Streit mit Newton und historische Darstellung

Im polemischen Teil wendet sich Goethe ausdrücklich gegen Newtons Farbentheorie. Die Grundfrage lautet: Ist weißes Licht nach Newton ein zusammengesetztes Phänomen, oder ist es nach Goethe eine Einheit, aus deren Wechselwirkung mit Dunkelheit Farben entstehen? Newton betrachtet weißes Licht als heterogen, also zusammengesetzt; Goethe hält es für homogen, also einheitlich. Newton zufolge wird weißes Licht durch Refraktion, Inflexion und Reflexion in viele Farben zerlegt und kann wieder zusammengesetzt werden. Goethe meint dagegen, diese Vorgänge könnten auch ohne Farberscheinungen auftreten, und aus sichtbaren Farben könne kein farbloses Licht entstehen.

Goethe vertritt außerdem, es gebe nur zwei reine Farben, Blau und Gelb; die übrigen seien Stufen oder unreine Formen davon. Newton spricht dagegen von sieben beziehungsweise unzähligen Farben im Spektrum. Ein zusätzlicher Streitpunkt betraf die Mischung: Goethe betonte, dass aus farbigen Pigmenten kein weißes Pigment zusammengesetzt werden könne. Der Artikel erklärt diesen Gegensatz damit, dass Newton additive Farbsynthese von Licht untersuchte, während Goethe sich mit subtraktiver Farbsynthese von Farbmitteln beschäftigte.

Im historischen Teil fasst Goethe ältere und zeitgenössische Theorien zu Licht und Farbe zusammen. Er studierte und kommentierte die erreichbare Literatur und behandelte unter anderem Galilei, Kepler, Descartes, Athanasius Kircher, Nikolaus Malebranche, Robert Boyle, Robert Hooke, Edme Mariotte, Voltaire, Benjamin Franklin, Joseph Priestley und andere. Solche historischen Übersichten waren damals üblich, wenn ein Werk als grundlegend gelten wollte: Der Autor zeigte damit Fachkenntnis und stellte seine eigenen Ansichten in eine Tradition.

Vorarbeiten, Ergänzungen und Rezeption

Goethes Beschäftigung mit Farben begann spätestens 1777, als er auf einer Harzreise farbige Schatten im Schnee am Brocken beobachtete. Auf seiner Italienreise von 1786 bis 1788 interessierte er sich aus künstlerischen Gründen für Kolorit in der Malerei, aquarellierte selbst und studierte Landschaftsmalerei. Um 1790 beobachtete er durch ein Prisma Kantenspektren. Frühe wissenschaftliche Vorarbeiten erschienen 1791 und 1792 als Beyträge zur Optik und gingen später in die Farbenlehre ein. Im Manuskript Versuch, die Elemente der Farbenlehre zu entdecken von 1794 beschäftigte ihn besonders die Frage, was unter Weiß zu verstehen sei.

1820 veröffentlichte Goethe Ergänzungen zur Farbenlehre. Entoptische Farben. Entoptische Farben heißen hier Farben, die „innerhalb gewisser Körper“ sichtbar werden, zum Beispiel bei Doppelbrechung des Sonnenlichts durch ein Seebeckisches Doppelspatprisma. Goethe beschrieb Versuchsanordnungen mit geglühten und schnell abgekühlten Glasquadraten sowie Beobachtungen eines weißen Kreuzes bei klarer blauer Atmosphäre um Johanni zur Mittagszeit. Weniger bekannt ist, dass er auch Bernsteinlinsen für optische Experimente nutzte; seine etwa 40 Stücke umfassende Bernsteinsammlung wurde 2026 untersucht.

Die Reaktion der Naturwissenschaftler war gemischt. Zu Goethes Lebzeiten äußerten sich viele Mathematiker und Naturforscher. Knapp die Hälfte sprach sich gegen Goethe aus, darunter Thomas Young, Louis Malus, Pierre Prevost und Gustav Theodor Fechner. Etwa ein Drittel unterstützte ihn, darunter Thomas Johann Seebeck, Johann Salomo Christoph Schweigger und Johann Friedrich Christian Werneburg. Ein Fünftel blieb ambivalent oder unentschieden. Hermann von Helmholtz hielt Goethes Hauptthese für falsch, sah aber, dass Goethe die unmittelbare Wahrheit des Sinneseindrucks gegen die Wissenschaft retten wollte. Werner Heisenberg deutete 1941 Newton und Goethe als Vertreter unterschiedlicher Wirklichkeitsschichten: Newtons Experimente lieferten intersubjektiv vergleichbare Daten, Goethes Farbstudien seien dagegen subjektiv real.

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