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Fall Blau
Fall Blau oder Unternehmen Blau war der Deckname für den am 28. Juni 1942 beginnenden ersten Teil der Sommeroffensive der Wehrmacht während des …
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Kern und Ziele der Offensive
Fall Blau, auch Unternehmen Blau, war der Deckname für den ersten Teil der deutschen Sommeroffensive 1942 im Deutsch-Sowjetischen Krieg. Sie begann am 28. Juni 1942 und dauerte bis November 1942. Der Operationsraum lag im Donezbecken, im Kaukasus, im Kuban-Gebiet und an der unteren Wolga. Der Ausgang war eine strategische deutsche Niederlage.
Die Offensive richtete sich zunächst auf Woronesch, dann über den Sewerski Donez zum Don-Bogen. Mitte September erreichte sie mit dem deutschen Vorstoß in den Kaukasus und an die untere Wolga ihren Höhepunkt. Das Oberkommando des Heeres gab der geplanten Sommeroffensive am 5. März 1942 zuerst den Tarnnamen Siegfried, am 7. April 1942 Blau und am 30. Juni 1942 Braunschweig. Weitere Teilplanungen hießen Blau II und Blau III; sie erhielten die Decknamen Unternehmen Clausewitz und Unternehmen Dampfhammer.
Am 23. Juli 1942 änderte Adolf Hitler mit der Weisung Nr. 45 die Ziele. Nun sollten deutsche Truppen gleichzeitig in Richtung Kaukasus vorrücken, unter dem Namen Unternehmen Edelweiß, und in Richtung Stalingrad, unter dem Namen Unternehmen Fischreiher. Hitler begründete dies vor allem kriegswirtschaftlich: Die deutschen Streitkräfte sollten die kaukasischen Ölquellen erobern und sowjetische Transporte über den Verkehrsknoten Stalingrad abschneiden. Die dadurch entstandene Aufteilung der Heeresgruppe Süd gilt als eine wesentliche Ursache für die spätere Katastrophe der 6. Armee in Stalingrad.
Ausgangslage und Fehleinschätzungen
Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 war der erwartete Zusammenbruch der Sowjetunion ausgeblieben. Die deutschen Angriffe waren vor Leningrad, Moskau und Sewastopol stecken geblieben, und im Winter 1941/42 griff die Rote Armee an. Hitler ernannte sich im Dezember 1941 selbst zum Oberbefehlshaber des Heeres und befahl, die Frontlinie zu halten. Das verhinderte größere Gebietsverluste, verbrauchte aber wichtige Kräfte.
Für 1942 wollte Hitler am südlichen Frontabschnitt angreifen. Ziel waren die Ölfelder von Maikop, Grosny und Baku. Der Chef des OKW, Wilhelm Keitel, sagte im Mai 1942, die Operationen des Jahres müssten Deutschland „an das Öl bringen“, sonst könne man im nächsten Jahr keine Operationen führen. Auch auf sowjetischer Seite galt Erdöl als entscheidend: Semjon Konstantinowitsch Timoschenko erklärte Ende 1941, der Verlust Moskaus wäre nicht kriegsentscheidend; entscheidend sei Erdöl, und der Kaukasus müsse gehalten werden.
Die deutsche Führung unterschätzte die sowjetische Stärke weiterhin deutlich. Die sowjetische Panzerproduktion für 1942 wurde im Wehrwirtschafts- und Rüstungsamt auf 6.000 und von Fremde Heere Ost auf 11.000 geschätzt; tatsächlich lag sie bei 24.690. Bei Geschützen über 7,6 cm Kaliber rechnete man höchstens mit 7.800, tatsächlich waren es 33.000. Die sowjetische Flugzeugproduktion erreichte 25.000 Stück und damit das Dreifache der deutschen Prognose. Diese Fehleinschätzungen förderten den deutschen Optimismus über die Widerstandskraft der Sowjetunion.
Planung und Schwachstellen
In der Weisung Nr. 41 vom 5. April 1942 legte Hitler die Ziele der Sommeroffensive fest. Die Hauptaufgabe erhielt die Heeresgruppe Süd unter Generalfeldmarschall Fedor von Bock. Zunächst sollte Woronesch am Don durch eine Zangenbewegung eingenommen werden, dann sollten deutsche Truppen südlich entlang des Don vorstoßen und zusammen mit einem Angriff aus dem Raum Charkow sowjetische Kräfte einkesseln. Danach sollte der Vorstoß zur Wolga nach Stalingrad erfolgen, um die Stadt einzunehmen oder wenigstens in Reichweite der deutschen Artillerie zu bringen. So sollte die Wolga für sowjetischen Nachschub gesperrt werden. Eine weitere Phase zielte auf die Ölfelder bei Maikop, Grosny und Baku.
Die lange Nordflanke entlang des Don sollte vor allem von verbündeten Armeen aus Ungarn, Italien und Rumänien gesichert werden. Darin lag ein zentraler Schwachpunkt: Diese Truppen hatten wenig oder keine Kampferfahrung und waren oft schlecht bewaffnet. Außerdem waren große logistische Probleme absehbar, weil der Nachschub stark von einer einzigen leistungsfähigen Eisenbahnbrücke über den Dnjepr bei Dnjepropetrowsk, der Merefa-Cherson-Brücke, abhing.
Kurz vor Beginn der Offensive fielen den Sowjets durch eine Notlandung des Majors Reichel am 19. Juni 1942 Karten und Pläne für die erste Operationsphase in die Hände. Stalin hielt diese Unterlagen jedoch für eine Finte und befahl, sie zu ignorieren. Nach dem Vorfall wurde der Deckname von Fall Blau in Unternehmen Braunschweig geändert.
Vormarsch und Aufteilung der Kräfte
Fall Blau begann am 28. Juni 1942 mit dem Angriff der Armeegruppe von Weichs, der auch die ungarische 2. Armee unterstand. Die 4. Panzerarmee und die 2. Armee stießen auf einer etwa 100 Kilometer breiten Front zwischen Orel und Kupjansk Richtung Woronesch vor. Am 30. Juni griff auch die deutsche 6. Armee an. Die deutschen Truppen überschritten ab 1. Juli den Oskol und erreichten bis 5. Juli den Don zwischen Woronesch und Korotojak. Die 4. Panzerarmee legte in neun Tagen etwa 300 Kilometer zurück; die 6. Armee erreichte bis 15. Juli nach 160 bis 200 Kilometern Vormarsch den Don bis Serafimowitsch.
Die Rote Armee wich großräumig zurück, oft geordnet und planmäßig. Dadurch entgingen viele sowjetische Verbände der Vernichtung. Auf deutscher Seite führte dieser Rückzug zu trügerischem Optimismus. Der Versuch, die sowjetischen Kräfte breit zu verfolgen und einzukesseln, lief vielfach ins Leere.
Am 9. Juli wurde die Heeresgruppe Süd in die Heeresgruppen A und B aufgeteilt. Mit der Weisung Nr. 45 vom 23. Juli wurde diese Teilung endgültig: Heeresgruppe A sollte in den Kaukasus vorstoßen, Heeresgruppe B Richtung Stalingrad und zugleich die Flanke sichern. Diese gleichzeitige Verfolgung mehrerer Ziele wurde oft als Überdehnung kritisiert. Der Historiker Bernd Wegner betont, dass die Entscheidung aus Hitlers strategischem Zeitdruck entstand, die kaukasischen Ölquellen möglichst schnell zu gewinnen. Laut Adolf Heusinger lag die Verantwortung aber nicht allein bei Hitler; auch seine militärische Beratung habe versagt.
Kaukasus, Stalingrad und Gegenangriffe
Die Heeresgruppe A griff Rostow am Don erneut an. Nach Kämpfen vom 21. bis 25. Juli 1942 konnten deutsche Truppen die Stadt nehmen und Brückenköpfe am unteren Don bilden. Danach rückten Verbände Richtung Kuban-Gebiet und Kaukasus vor. Das XXXX. Panzerkorps der 1. Panzerarmee erreichte am 9. August die Ausläufer des Kaukasus, nach einem Vorstoß von 500 Kilometern in weniger als zwei Wochen. Doch die weiten Räume, auseinanderlaufende Angriffsrichtungen und Nachschubprobleme überforderten die deutsche Versorgung. Die Ölfelder von Maikop waren von sowjetischen Verteidigern vor dem Rückzug so stark zerstört worden, dass sie monatelang nicht nutzbar waren. Der Vormarsch blieb wegen Treibstoffmangel, Nachschubproblemen und sowjetischem Widerstand stehen.
Die Heeresgruppe B rückte zugleich auf Stalingrad vor. Am 11. August siegte die 6. Armee in der Kesselschlacht bei Kalatsch. Am 21. August überschritt sie den Don; am 23. August erreichten Panzerspitzen des XIV. Panzerkorps die Wolga nördlich von Stalingrad. Die Luftwaffe flog massive Angriffe auf Stalingrad, wobei die Stadt großteils zerstört wurde und mehr als 40.000 Menschen starben. Am 10. September erreichten deutsche Einheiten den Stadtrand und begannen den Angriff auf die Stadt.
Die Rote Armee handelte offensiver, als es oft dargestellt wird. Sie führte drei Großoffensiven im Raum Woronesch und zahlreiche kleinere Gegenangriffe entlang der Front. An der größten Gegenoffensive Anfang Juli 1942 nahmen 7 Panzerkorps mit 1.500 Panzern teil. Diese Angriffe, die David M. Glantz als „vergessene Schlachten“ bezeichnet, schwächten die Wehrmacht und trugen dazu bei, den späteren sowjetischen Sieg bei Stalingrad vorzubereiten.
Ergebnis und Folgen
Aus deutscher Sicht wirkten die Anfangserfolge zunächst groß: Bis zum Wintereinbruch besetzte die Wehrmacht weite Gebiete zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer. Die Ölfelder von Maikop waren unter deutscher Kontrolle, auf dem Elbrus wurde die Reichskriegsflagge gehisst, das westliche Donufer wurde als Verteidigungslinie gewonnen, und Stalingrad war bis auf einen kleinen Teil besetzt. Entscheidend war jedoch, dass die Rote Armee nicht geschlagen wurde.
Der deutsche Vormarsch unterbrach wichtige sowjetische Erdöltransporte. Mit dem Fall von Rostow im Juli 1942 wurde die Haupteisenbahnverbindung für Erdöl aus Baku unterbrochen, und der Vorstoß zur Wolga schnitt die wichtigen Wolgatransporte ab. In Baku stauten sich im Spätsommer 1942 bereits 6 Millionen Tonnen fertige Erdölprodukte. Dennoch erreichte Deutschland sein zentrales Ziel nicht: Die kaukasischen Ölquellen konnten nicht wirksam genutzt werden.
Fall Blau wurde ein strategischer Misserfolg. Die Offensive überdehnte das Operationsgebiet, überforderte Menschen, Material und Nachschub und ließ besonders die nördliche Flanke zwischen Don und Wolga verwundbar. Am 19. November 1942 nutzte die Rote Armee diese Schwäche für einen massiven Gegenangriff im Raum Stalingrad. Er führte zur Einkesselung und nach mehrmonatiger Schlacht zur Vernichtung der 6. Armee. Danach geriet der gesamte deutsche Südflügel in Gefahr, sodass sich die deutschen Truppen aus dem Kaukasus zurückziehen mussten. Bis Februar 1943 gingen große Teile der im Sommer und Herbst 1942 eroberten Gebiete wieder verloren.