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Europäisches Nordmeer

Der Nordatlantikstrom sorgt für gleichmäßige Temperaturen das ganze Jahr über, die etwa 10 Grad über dem Schnitt des Breitengrades liegen. Zusammen mit der …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Lage, Größe und Bedeutung
  2. 2. Entstehung und Meeresboden
  3. 3. Strömungen, Tiefenwasser und Klima
  4. 4. Lebensgemeinschaften und Fischbestände
  5. 5. Nutzung, Schifffahrt und Rohstoffe

Lage, Größe und Bedeutung

Das Europäische Nordmeer, auch Norwegische See, ist ein Randmeer des Atlantischen Ozeans. Es liegt zwischen Norwegen, Island und Spitzbergen (Svalbard) und ist die wichtigste Verbindung zwischen dem offenen Nordatlantik und dem Arktischen Ozean. Es bedeckt rund 1,1 Millionen km², hat ein Volumen von etwa 2 Millionen km³ und ist durchschnittlich knapp 2000 Meter tief. Im Gegensatz zur Nordsee und zur Barentssee ist es kein Schelfmeer, also kein überwiegend flaches Randmeer auf einem Kontinentalschelf, sondern erreicht Tiefen von bis zu 4000 Metern.

Im Südwesten grenzt eine Linie von Gerpir auf Island über die Färöer bei 61° Nord, 0,53° West das Meer gegen den offenen Nordatlantik ab; der 61. Breitengrad bildet weiter östlich die Grenze zur Nordsee. Im Südosten liegt die norwegische Küste bis zum Nordkap. Die traditionelle Grenze zur Barentssee verläuft vom Nordkap über die Bäreninsel zum Sørkapp auf Spitzbergen. Im Norden führt die Grenze von Spitzbergen über Jan Mayen nach Gerpir.

Unterseeische Schwellen und Kontinentalhänge trennen das Tiefseebecken von Nachbarmeeren. Der Grönland-Schottland-Rücken begrenzt den Atlantik und ist meist nur 500 Meter tief, stellenweise bis 850 Meter. Im Norden liegen Jan-Mayen-Schwelle und Mohns-Schwelle in rund 2000 Metern Tiefe; Gräben erreichen Satteltiefen bis 2600 Meter.

Entstehung und Meeresboden

Das Nordmeer entstand vor etwa 250 Millionen Jahren, als sich die Eurasische Platte mit Norwegen und die Nordamerikanische Platte mit Grönland auseinanderbewegten. Ein damaliges schmales Schelfmeer verbreiterte und vertiefte sich. Der Kontinentalabhang liegt ungefähr an der früheren Grenze zwischen Norwegen und Grönland; im Norden verläuft er östlich von Spitzbergen, im Südwesten zwischen Großbritannien und den Färöern.

Große Erdrutsche formten Teile dieses Abhangs. Der Storegga-Rutsch löste vor 8000 Jahren einen gewaltigen Tsunami an den Küsten des Nordmeeres aus. Eiszeiten der vergangenen drei Millionen Jahre prägten besonders die norwegische Küste: Gletscher formten Täler und Fjorde und lagerten Material vor der Küste ab. Dadurch verbreiterte sich der Kontinentalschelf, besonders zwischen den Lofoten und der Halten-Bank.

Der norwegische Kontinentalschelf ist 40 bis 200 Kilometer breit. Unregelmäßige Bänke und Erhebungen von weniger als 100 Metern werden durch Kanäle bis 200 Meter Tiefe getrennt; Gräben und Senken können bis 400 Meter tief sein. In manchen Gräben verhindern starke Strömungen Sedimentablagerungen. Gerade dort liegen wichtige Laichgründe, also Orte zur Eiablage von Fischen. Der Kontinentalhang besitzt außerdem reiche Fischgründe und Korallenriffe.

Zwei Tiefseebecken liegen in den großen Tiefen. Das größere südliche Becken ist großflächig 3500 bis knapp 4000 Meter tief. Das kleinere nördliche Becken ist meist 3200 bis 3300 Meter tief, einzelne Stellen reichen bis 3500 Meter. Eine Schwelle zwischen Vøring-Plateau und Jan Mayen trennt beide Becken und ist an ihrer tiefsten Stelle 3000 Meter tief.

Strömungen, Tiefenwasser und Klima

Im Nordmeer treffen vier Wassermassen zusammen: der warme, salzhaltige Nordatlantikstrom, der warme, aber süßere Norwegische Strom aus der Nordsee, arktisches Wasser des Ostislandstroms und Tiefenwasser aus der Grönlandsee. Ihre Mischung beeinflusst das arktische Klima und die thermohaline Zirkulation. Diese weltweite Meereszirkulation wird durch Temperatur- und Salzgehaltsunterschiede verursacht: Abgekühltes, salzreiches Wasser wird dichter und sinkt ab.

Etwa 10 Sverdrup Atlantikwasser fließen in das Nordmeer. Ein Sverdrup entspricht einer Wassermenge von einer Million m³ pro Sekunde. Das Wasser nimmt meist die oberen 400 bis 500 Meter ein, bei den Lofoten bis 700 Meter. Es hat eine Salinität von 35,3 Promille, in anderen Zuflüssen 35 bis 35,2 Promille. Es kühlt von etwa 9,5 °C in der Shetland-Färöer-Straße auf rund 5 °C bei Svalbard ab und gibt dabei Wärme ab; sein Energiegehalt im Nordmeer wird auf etwa 250 Terawatt geschätzt. Drei bis fünf Sverdrup fließen mit dem West-Spitzbergen-Strom weiter in den Arktischen Ozean, etwa ein Sverdrup entlang der Küste in die Barentssee.

Der küstennahe Norwegische Strom bringt auch Wasser aus Nord- und Ostsee. In 50 Metern Tiefe wurden zwischen 11,2 °C am 63. Breitengrad im September und 3,9 °C am Nordkap im März gemessen; der Salzgehalt lag zwischen 34,3 und 34,6 Promille. Der Ostislandstrom führt im Mittel Wasser unter 3 °C mit 34,7 bis 34,9 Promille Salinität. Seine Stärke hängt von der Nordatlantischen Oszillation ab, dem Druckunterschied zwischen Islandtief und Azorenhoch.

Unterhalb von 2000 Metern liegt das fast einheitliche Norwegische Tiefenwasser (NSDW). Es hat eine Salinität von 34,91, Temperaturen unter 0 °C und am Grund bis −1 °C. Es enthält im Vergleich zu benachbarten Tiefengebieten viele Nährstoffe, aber wenig Sauerstoff und menschlich erzeugte Spuren; es gilt daher als ältestes Tiefenwasser der Gegend. Der flache Grönland-Schottland-Rücken begrenzt seinen Austausch mit dem Atlantik. Über den Färöer-Bank-Kanal fließen etwa 1,9 Sverdrup, über den Island-Färöer-Rücken 1,1 Sverdrup und über den Wyville-Thomson-Rücken 0,1 Sverdrup kaltes Tiefenwasser ab. Beim Absinken ins Atlantikbecken entsteht durch Vermischung Nordatlantisches Tiefenwasser, das eine wichtige Tiefseeströmung des globalen Förderbands und für die Sauerstoffversorgung der Tiefsee ist.

Der Nordatlantikstrom lässt Lufttemperaturen über Meer und Küsten im Mittel etwa 10 °C über dem Durchschnitt dieser Breitengrade liegen. Anders als die Grönlandsee ist das Nordmeer meist ganzjährig eisfrei. Im Winter führt kalte Luft über dem wärmeren Wasser zu Konvektion, also zum Aufsteigen erwärmter Luft. Es ist zudem ein wichtiges Entstehungsgebiet von Islandtiefs und teilweise von Polartiefs. Die Sturmhäufigkeit war in den 1880er Jahren am höchsten, sank bis in die 1960er deutlich und stieg danach wieder auf das Niveau der Jahrhundertwende um 1900.

Lebensgemeinschaften und Fischbestände

Die Artenvielfalt wird durch den Übergang zwischen borealer, also nördlich-gemäßigter, und arktischer Zone bestimmt. Die südliche Grenze vieler arktischer Arten verläuft bei Nordkap, Island und in der Mitte des Nordmeers; boreale Arten reichen bis zu den Grenzen zur Grönlandsee oder zur Barentssee. Spezialisten dieses Übergangsbereichs sind etwa die Muschel Chlamys islandica und die Lodde.

Die meiste Produktion des Lebens findet in oberen Wasserschichten statt. Nur 2 Prozent der Primärproduktion im Nordatlantik erreichen Tiefen von 1000 Metern oder mehr, nur 1,2 Prozent den Meeresboden. Die Phytoplanktonblüte mit der höchsten Chlorophyllkonzentration liegt durchschnittlich am 20. Mai und wandert von Mitte April im Süden bis Mitte Juni im Norden. Zunächst dominieren Kieselalgen der Gattungen Thalassiosira und Chaetoceros, später Phaeocystis pouchetti. Wichtige Zooplanktonarten sind die Ruderfußkrebse Calanus finmarchicus und Calanus hyperboreus; C. finmarchicus ist etwa viermal häufiger. Krill stellt den größten Anteil der Biomasse, besonders Meganyctiphanes norvegica, Thyssanoessa inermis und Thyssanoessa longicaudata. Die Bestände schwanken stark: C. finmarchicus erreichte 1995 28 g/m² Trockengewicht, 1997 nur 8 g/m².

Die Eismeergarnele ist in 200 bis 300 Metern Tiefe eine wichtige Nahrung für Kabeljau und Blauen Wittling. Ausgedehnte Korallenbänke von Lophelia pertusa an den norwegischen Kontinentalabhängen bieten Lebensraum für Fische, können aber durch Schleppnetzfischerei zerstört werden.

Norwegische Küstengewässer sind der wichtigste Laichgrund nordatlantischer Heringe. Die im März schlüpfenden Larven werden überwiegend in die Barentssee getragen und kehren geschlechtsreif ins Nordmeer zurück. Die Biomasse junger Heringe sank von 11 Millionen Tonnen 1956 auf nahezu Null 1970; Ursache war vor allem Überfischung. Seit strengeren Umweltrichtlinien und steigenden Temperaturen nahmen die Bestände ab 1987 wieder zu. Veränderungen bei Hering, Lodde und Kabeljau beeinflussten sich gegenseitig: Beim Zusammenbruch der Loddenbestände fehlte dem Kabeljau Beute, während junge Heringe dem Loddennachwuchs Plankton wegnahmen. Weitere wichtige Arten sind Blauer Wittling, norwegisch-arktischer Kabeljau, Schellfisch, Köhler, Makrele und Rotbarsch.

Nördliche Zwergwale, Buckelwale, Seiwale und Orcas kommen vor; Orcas folgen Heringsschwärmen. Bei etwa 110.000 Zwergwalen im Nordostatlantik erlaubt Norwegen eine Jahresquote von etwa 1.000 Tieren. Grönlandwal und Blauwal wurden durch historischen Walfang fast ausgerottet. Robben, Kalmare wie Gonatus fabricii sowie Papageitaucher, Dreizehenmöwen und Trottellummen gehören ebenfalls zur Lebensgemeinschaft. Der Heringsrückgang verringerte besonders den Bruterfolg von Papageitauchern und Trottellummen.

Nutzung, Schifffahrt und Rohstoffe

Norwegen, Island und Dänemark/Färöer beanspruchen den größten Teil des Meeres als ausschließliche Wirtschaftszone. Norwegen besitzt seit 2004 eine Zwölfmeilenzone als Hoheitsgewässer und beansprucht seit 1976 eine 200-Meilen-Zone. Für internationale Heringsbestände im sogenannten Bananenloch legt der Nordostatlantische Fischereiausschuss (NEAFC) Quoten fest. Das Meer ist zugleich durch Fischerei, Walfang, Ölindustrie, radioaktive Einleitungen und versenkte Munition oder chemische Kampfstoffe belastet. Als gefährlichste einzelne Schadstoffquelle gelten Einleitungen der britischen Atomindustrie, insbesondere des Atomkomplexes Sellafield. Der Umweltschutz fällt vor allem unter das OSPAR-Übereinkommen.

Fischerei prägt besonders die Lofoten: Kabeljau wandert im Winter zum Laichen dorthin, und getrockneter Stockfisch war bis spät ins 19. Jahrhundert eines der wichtigsten norwegischen Exportgüter. Die Fischerei war wegen Strömungen und Stürmen gefährlich; Schätzungen zufolge starb ein Drittel der Fischer auf See. Der historische Walfang dezimierte zuerst Grönlandwale, später auch Blauwale stark. Norwegische Walfänger fingen von 1864 bis 1904 insgesamt 40.000 Wale. Technische Neuerungen wie die Harpune mit Explosionskopf und das Fabrikschiff wurden zu Grundlagen des modernen Walfangs.

Der Moskenstraumen zwischen Moskenesøy und Værøy ist ein durch Gezeiten und Unterwassertopographie verursachter großer Wirbel. Er liegt ungewöhnlich in offener See, erreicht 40 bis 50 Meter Durchmesser und kann kleine Fischerboote gefährden. Er wurde literarisch als Mahlstrom und in der Kraken-Legende stark überhöht.

Das Nordmeer ist der direkte, eisfreie Weg vom Atlantik zu russischen Arktishäfen wie Murmansk, Archangelsk und Kandalakscha. Im Zweiten Weltkrieg erreichten von 811 aus den USA ausgelaufenen Versorgungsschiffen 720 russische Häfen; sie transportierten vier Millionen Tonnen Ladung, darunter 5000 Panzer und 7000 Flugzeuge. Die Alliierten verloren 18 Kriegs- und 89 Handelsschiffe. Während des Kalten Krieges war das Meer wegen der sowjetischen Nordflotte und der G-I-UK-Lücke strategisch bedeutsam. Das 1989 südwestlich der Bäreninsel gesunkene sowjetische Atom-U-Boot K-278 Komsomolez enthält radioaktives Material.

Als Teil der Nordostpassage verkürzt das Nordmeer den Weg Rotterdam–Tokio gegenüber dem Sueskanal von 21.100 auf 14.100 Kilometer. Ende August 2008 waren Nordost- und Nordwestpassage erstmals gleichzeitig eisfrei. Wirtschaftlich sind heute Erdöl und besonders Erdgas wichtiger als Fische. Das erste Ölfeld nahm 1993 die Produktion auf. Bohrungen über 500 Meter Wassertiefe gibt es seit 1995; Ormen Lange produziert seit 2007 kommerziell und besitzt geschätzte Gasvorräte von 1,4 × 10¹³ Kubikfuß. Es ist über die Langeled-Pipeline, die längste Unterwasser-Pipeline der Welt, angebunden. Beim Kristin-Gasfeld erschwert ein Gasdruck nahe dem Druck, bei dem das umgebende Gestein splittert, die Förderung.

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