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Entwicklung des fairen Handels im deutschen Sprachraum
Die Entwicklung des fairen Handels im deutschsprachigen Raum ist die Geschichte des fairen Handels hauptsächlich innerhalb der Länder Deutschland, …
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Kern und frühe Entwicklung
Die Entwicklung des fairen Handels im deutschsprachigen Raum beschreibt die Entstehung und Ausbreitung des Fairen Handels vor allem in Deutschland, der Schweiz und Österreich. Fairer Handel bedeutet hier: Waren werden unter Bedingungen importiert und verkauft, die Produzenten in Ländern des globalen Südens unterstützen sollen. Von Beginn an verbanden die Gruppen den Verkauf von Produkten mit Bildungs- und Informationsarbeit über die Nord-Süd-Problematik und die Probleme der Weltwirtschaft.
Ende der 1960er-Jahre gründeten Jugendliche aus dem Landkreis Hildesheim den Ökumenischen Arbeitskreis Entwicklungshilfe, später El Puente. Sie sammelten Hilfsgüter und Spenden und begannen, direkt importierte Waren aus Lateinamerika zu vertreiben. Anfang der 1970er-Jahre entstanden in der Bundesrepublik Deutschland, in Österreich und in der Schweiz Tochterunternehmen der niederländischen Fairhandelsorganisation S.O.S. In der Schweiz machten besonders die Bananenfrauen von Frauenfeld und die Erklärung von Bern auf weltwirtschaftliche Probleme aufmerksam. Aus der Erklärung von Bern entstand die Handels- und Informationsorganisation OS3 Organisation Schweiz 3. Welt, heute claro fair trade.
Im Herbst 1970 gründeten die kirchlichen Jugendverbände Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend und Bund der Deutschen Katholischen Jugend die Aktion Dritte Welt Handel. Sie bezog Waren über S.O.S. und informierte über Probleme der Dritten Welt. In den 1970er-Jahren entstanden immer mehr Dritte-Welt-Gruppen und die ersten Dritte-Welt-Läden beziehungsweise Weltläden in Deutschland. 1972 wurde El Puente – Verein für Arbeits- und Sozialförderung in Entwicklungsländern e. V. gegründet. 1973 entstand die Gesellschaft für Handel mit der Dritten Welt, der Vorläufer der Gepa – The Fair Trade Company. 1975 wurde in Frankfurt am Main die Arbeitsgemeinschaft Dritte-Welt-Läden gegründet; damals gab es zehn Weltläden in der Bundesrepublik Deutschland. 1978 fand in Hamburg die Eröffnungsveranstaltung zur Aktion Jute statt Plastik statt. Zu dieser Zeit gab es in Deutschland bereits hundert Weltläden.
Ende der 1970er-Jahre wurden die Tochterorganisationen in Deutschland, Österreich und der Schweiz selbständig. Ab 1989 versuchten die alternativen Importorganisationen El Puente und Dritte-Welt Partner Ravensburg, heute WeltPartner eG, sowie das assoziierte Mitglied afrassca zusammenzuarbeiten, indem sie gegenseitig Produkte in den eigenen Vertrieb aufnahmen. 1990 existierten in Deutschland etwa 300 Weltläden und etwa 3.000 Aktionsgruppen.
Ausbau und Siegel in den frühen 1990er-Jahren
In der ersten Hälfte der 1990er-Jahre wurde der Faire Handel stärker professionalisiert und in größere Vertriebswege ausgeweitet. Im Februar 1991 debattierte die Mitgliederversammlung der Arbeitsgemeinschaft Dritte-Welt-Läden in Wiesbaden über Pläne der GEPA, den Handel in den Lebensmitteleinzelhandel auszuweiten. Die Mehrheit entschied sich für eine konstruktive Mitarbeit. Im Juni 1991 stieg die Zahl der bundesdeutschen Weltläden auf über 500; daneben gab es seitdem ungefähr 5.000 Aktionsgruppen des Fairen Handels.
Eine wichtige Rolle spielte die Zertifizierung. Zehn Organisationen gründeten die AG Kleinbauernkaffee e. V.; die GEPA war dort beratend tätig. Bei der EFTA wurde unter Mitwirkung der GEPA und von claro fair trade ein Gütesiegel für den Fairen Handel vorbereitet. 1992 gründeten Schweizer Hilfswerke die Max Havelaar-Stiftung, die fair gehandelte Produkte zertifiziert. TransFair hatte Mitte 1992 bereits 22 Mitgliedsorganisationen und im November 1993 30 Mitgliedsorganisationen. Neue Mitglieder waren unter anderem terre des hommes, die Katholische Arbeitnehmer Bewegung und die Evangelische Frauenarbeit in Deutschland e. V.
Die Zahlen zeigen das Wachstum: In der Bundesrepublik Deutschland gab es etwa 650 Weltläden und etwa 6.000 Aktionsgruppen. 1993 wurden 3.600 t Rohkaffee zu TransFair-Bedingungen importiert; das entsprach 0,6 % des gesamten Rohkaffeeimports in Deutschland. Im ersten Jahr der Einführung von Schwarztee zu TransFair-Bedingungen wurden 400 Tonnen Tee importiert, was einem Marktanteil von 2,5 % entsprach. Bereits im April und Mai 1993 verkauften rund 20.000 deutsche Geschäfte Kaffee mit dem TransFair-Siegel.
Neben dem Wachstum gab es auch Brüche und Kampagnen. Im November 1992 zerbrach nach fünf Jahren Zusammenarbeit der Solidaritätsring für dezentrale Importstrukturen zwischen El Puente, Dritte-Welt Partner Ravensburg und afrassca. Im Oktober 1993 fand das Forum Banane I statt; vom 20. bis 22. Januar 1995 folgte bei Hildesheim das Forum Banana II als Auftakt der bundesdeutschen Bananenkampagne. Im Frühjahr 1994 starteten die Arbeitsgemeinschaft Dritte-Welt-Läden und der rsk unter dem Slogan Weltläden – ein Stück Welt von morgen eine Profilierungskampagne für Weltläden. Im Dezember 1994 wurde in Wuppertal der Fair Trade e. V. – Verein zur Förderung von Gerechtigkeit im Welthandel gegründet.
Kampagnen, Kritik und neue Produkte
In der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre wurde der Faire Handel durch Kongresse, Kampagnen und neue Produktgruppen weiter sichtbar. Vom 14. bis 16. Juni 1996 fand in Köln der erste Fair-Trade-Kongress Zukunft teilen – Gerechter Handel(n) statt. Wenige Tage später, am 20. Juni 1996, kritisierten die Arbeitsgemeinschaft Dritte-Welt-Läden und verschiedene Weltläden die Umstrukturierungspläne der GEPA deutlich. Im September 1996 wurde Honig mit dem TransFair-Siegel eingeführt. Im Oktober 1996 veröffentlichte die Arbeitsgemeinschaft Dritte-Welt-Läden, der 130 Weltläden angeschlossen waren, ihre Konvention der Weltläden – Kriterien für den Alternativen Handel.
Ein weiteres Thema wurde faire Produktion in der Textil- und Sportartikelbranche. Am 19. Oktober 1996 fand in Bad Kreuznach das erste Strategieseminar der Kampagne für „Saubere“ Kleidung statt, auch Clean-Clothes-Campaign oder kurz CCC genannt. Am 7. März 1998 startete diese Kampagne die Unterschriftenaktion Appell an den Bekleidungshandel. Im Sommer 1998 folgte die Postkartenaktion Gelbe Karte für adidas!. Am 22./23. Januar 1999 fand ein bundesweiter Aktionstag statt, bei dem Unterschriften an Vertreter großer Bekleidungs- und Sportartikelkonzerne übergeben wurden. Am 24. Februar 1999 startete eine Eilaktion mit dem Tenor: adidas trotz Zusagen tatenlos.
Auch die Produktpalette wurde erweitert. Am 28. Februar 1998 wurde in Köln der erste Förderpreis Jugend kreativ und fairer Handel der aej und des BDKJ verliehen. Im März 1998 wurden die ersten fair gehandelten Fußbälle verkauft. Im April 1998 kamen Bananen mit dem TransFair-Siegel hinzu, im Mai 1999 Orangensaft mit dem TransFair-Siegel. Im Mai 1998 hatte TransFair 39 Mitgliedsorganisationen. Vom 19. bis 21. Juni 1998 wurde in Wuppertal mit 200 Teilnehmern der zweite Fair-Trade-Kongress durchgeführt. Weitere wichtige Ereignisse waren das Forum Banane V in Würzburg im März 1998, der Global March für Kinderrechte auf dem Weg zur ILO-Konferenz in Genf im Mai 1998 sowie mehrere Strategieseminare der Kampagne für „Saubere“ Kleidung.
Institutionalisierung im 21. Jahrhundert
Im 21. Jahrhundert wurde der Faire Handel stärker in öffentliche Institutionen, Kommunen und größere Handelsstrukturen eingebunden. Im September 2001 fand in Deutschland die erste bundesweite Faire Woche statt, federführend organisiert von TransFair. Ebenfalls 2001 wurde die Servicestelle Kommunen in der Einen Welt gegründet. Sie war laut Artikel erstmals weltweit eine Serviceeinrichtung als gemeinsames Projekt des Bundes, der Bundesländer und weiterer Organisationen. Ein Schwerpunkt ist, den Fairen Handel in Kommunen, also in Verwaltung, Politik und Nichtregierungsorganisationen, zu etablieren und zu stärken. 2003 führte sie den alle zwei Jahre stattfindenden bundesweiten Wettbewerb Hauptstadt des Fairen Handels ein.
Im September 2003 organisierte ein erweitertes Aktionsbündnis die zweite bundesweite Faire Woche. Im Oktober 2003 startete die Informationskampagne fair feels good. Die damalige deutsche Bundesregierung förderte den Aufbau des Fairen Handels zusätzlich mit 6,5 Millionen Euro; die Kampagne lief bis Dezember 2005. Ebenfalls im Oktober 2003 zertifizierte die südafrikanische Organisation Fair Trade in Tourism South Africa erstmals Tourismus-Unternehmen nach Fair-Handels-Kriterien.
2004 erreichte die fair gehandelte Banane auf dem Schweizer Markt 25 Prozent Marktanteil. Am 8. Mai 2004 wurde der 4. Europäische Weltladentag unter dem Motto Gerechtigkeit jetzt begangen; die Themen waren Dumping, Rohstoffpreise und Marktzugang. In Deutschland kooperierte dabei der Weltladen-Dachverband. Vom 20. bis 26. September 2004 fand die dritte bundesweite Faire Woche unter der Schirmherrschaft der Bundesministerin für Entwicklungshilfe Heidemarie Wieczorek-Zeul statt. 2005 feierte die Gepa – The Fair Trade Company, damals noch gepa Fair Handelshaus, in Wuppertal ihr dreißigjähriges Bestehen. Vom 19. bis 25. September 2005 fand die vierte Faire Woche statt.
Breiter Markt und jüngere Zahlen
Seit 2009 wird der Titel Fair-Trade-Stadt an Städte verliehen, die sich besonders für den Fairen Handel einsetzen und dies auch durch politische Beschlüsse bekräftigen. Damit wurde Fairer Handel nicht nur als Thema von Weltläden und Aktionsgruppen verstanden, sondern auch als kommunale Aufgabe.
Ein wichtiger Schritt in den breiteren Einzelhandel war die Zusammenarbeit zwischen Lidl und TransFair. Am 30. März 2006 verständigten sich der Discounter Lidl und TransFair in einem Kooperationsvertrag auf den Verkauf fair gehandelter Produkte. Dies zeigt, dass Fairer Handel zunehmend auch über große Handelsketten vertrieben wurde.
Die Umsatzzahlen belegen das spätere Wachstum in Deutschland. 2013 lag der Umsatz mit Produkten des Fairen Handels bei 650 Millionen Euro. Das waren 23 Prozent mehr als 2012. Auch 2014 wuchs der Umsatz zweistellig. Deutschland war damit nach Großbritannien der zweitgrößte Absatzmarkt. Außerdem gab es 2.800 Fairtrade-Produkte in Bio-Qualität. Der Bio-Anteil stieg 2014 von zwei Drittel auf drei Viertel.