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Emmaus (Organisation)
Emmaus (französisch Emmaüs) ist eine Bewegung zur Bekämpfung von Obdachlosigkeit und Armut. Sie wurde 1949 von Abbé Pierre in Frankreich ins Leben gerufen …
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Ziel und Grundprinzipien
Emmaus (französisch Emmaüs) ist eine Bewegung zur Bekämpfung von Obdachlosigkeit und Armut. Sie wurde 1949 von Abbé Pierre in Frankreich gegründet und ist seit 1969 weltweit in der Dachorganisation Emmaus International organisiert. Dieser nichtstaatlichen Organisation gehören heute 327 Gruppen und Gemeinschaften in 39 Ländern auf vier Kontinenten an.
Im Mittelpunkt stehen Menschen, die wohnungslos, stellungslos und ohne Hoffnung sind. Die Bewegung setzt auf Hilfe zur Selbsthilfe. Jede Emmaus-Gruppe arbeitet eigenständig und dezentral. Von Emmaus International anerkannte Gruppen müssen finanziell autonom sein. Sie finanzieren sich durch Spenden sowie durch den Verkauf von Produkten und Dienstleistungen, die von den Gästen in eigenen Betrieben hergestellt oder unter Anleitung von Mitarbeitern erbracht werden. Grundsätzlich dürfen sie keine staatlichen Fördergelder annehmen, damit sie weitgehend unabhängig von Vorgaben der öffentlichen Hand bleiben.
Durch die Arbeit in den Betrieben erwerben die Gäste vor allem handwerkliche Fähigkeiten. Dies soll ihre spätere Eingliederung in den Arbeitsmarkt erleichtern. Die Tätigkeit schafft außerdem einen geregelten Tagesablauf und eine konkrete Aufgabe, fördert soziale Kompetenzen und wirkt dem Gefühl der Sinnlosigkeit entgegen. Je nach Einrichtung ist die Mitarbeit verpflichtend.
Alle Emmausgemeinschaften verfolgen das Ziel, den betreuten Personen eine Arbeitsstelle und eine Wohnung zu vermitteln. Dadurch sollen sie sicher und von einem verhältnismäßig stetigen, regelmäßigen Einkommen leben können. In Frankreich verwaltete die Bewegung beispielsweise im Jahr 2007 etwa 9.000 Sozialwohnungen und beruhte dort auf der Zusammenarbeit von nahezu 15.000 Menschen.
Stufen der Betreuung
Emmaus arbeitet mit verschiedenen sogenannten Schwellen oder Schwelligkeiten. Sie ermöglichen es den Gästen, sich schrittweise an die Regeln, Verpflichtungen und Aufgaben der Organisation zu gewöhnen. Der Anpassungsvorgang umfasst zumeist drei Stufen. Die Anforderungen steigen von der Niederschwelligkeit über die Mittelschwelligkeit bis zur Höherschwelligkeit.
Niederschwellige Einrichtungen verlangen nur geringe Anpassung. Sie bieten eine Notversorgung mit Nahrung und Kleidung sowie zeitlich begrenzte, nicht zugesicherte Schlaf- und Aufenthaltsmöglichkeiten. In der Einrichtung sind jedoch illegale Drogen, Alkohol und Gewalt verboten; sie gilt als gewaltfreie Zone.
Mittelschwellige Einrichtungen garantieren einen Schlafplatz und versorgen die Gäste mit Nahrung und Kleidung. Außerdem bieten Sozialarbeiter Betreuung an. Voraussetzung ist, dass Termine eingehalten und vereinbarte Arbeiten wie Küchenarbeit, Putzen und Instandhaltung erledigt werden. Anders als bei der Niederschwelligkeit ist auch der Konsum von Alkohol und illegalen Drogen außerhalb der Einrichtung verboten. Nach mehrfacher Missachtung kann eine Rückstufung in das niederschwellige Angebot erfolgen.
Höherschwellige Einrichtungen bieten zusätzlich zur Grundversorgung und zu zugesicherten Schlaf- und Aufenthaltsplätzen einen Arbeitsplatz, gegebenenfalls in einem einrichtungsinternen Betrieb. Ein Teil des Lohnes wird für den Gast angespart und erst beim Verlassen der Einrichtung ausgezahlt; der übrige Teil ist frei verwendbar. Ein Schwerpunkt liegt auf der Vermittlung in die freie Wirtschaft. Dazu gehören von Sozialarbeitern begleitete Praktika in privaten Unternehmen. Je nach finanzieller und persönlicher Situation wohnt der Gast bereits in einer eigenen oder durch den Verein unterstützten Unterkunft.
Zusätzlich zu den mittelschwelligen Anforderungen müssen Arbeitszeiten eingehalten, die eigene finanzielle Situation etwa durch Schuldnerberatung geregelt und regelmäßig selbstständig Bewerbungen um Arbeit geschrieben werden. Bei illegalem Drogenkonsum, Alkoholkonsum oder hochgradiger Gewaltbereitschaft ist eine Rückstufung bis in die Niederschwelligkeit möglich.
Emmaus in Österreich und Deutschland
In Österreich wird die Bewegung durch Emmaus-Gruppen in Lilienfeld und Innsbruck vertreten. Die Emmausgemeinschaft St. Pölten in Niederösterreich ist ein assoziierter Verein zur Integration sozial benachteiligter Personen. Emmaus International erkennt ihn wegen des Bezugs staatlicher Subventionen nicht an.
In Deutschland gibt es Emmaus-Gemeinschaften in Köln, Krefeld, Korschenbroich und Sonsbeck. Emmaus Stuttgart ist weiterhin reguläres Mitglied, war aber seit 2000 als Wohn- und Arbeitsprojekt inaktiv; im Januar 2010 bestand dort eine normale Wohngemeinschaft aus drei Personen.
Die Schweizer Emmaus-Institutionen
In der Schweiz gibt es elf Emmaus-Institutionen: sieben Emmaus-Gemeinschaften, französisch „communautés“, und vier weitere Gruppen, die als „amis d’Emmaüs“ beziehungsweise „Freunde von Emmaus“ bezeichnet werden. Alle elf autonomen Institutionen sind in der Schweizerischen Emmaus-Vereinigung zusammengeschlossen.
Die sieben Gemeinschaften in Carouge (GE), Freiburg im Üechtland (FR), Etagnières (VD), La Chaux-de-Fonds (NE), Sion (VS), Rivera (TI) und Bümpliz (BE) finanzieren ihre soziale Hilfe unter anderem durch Brockenhäuser. Sie gewähren randständigen Menschen Obdach und Arbeit. Die vier anderen Gruppen befinden sich in Bern, Dübendorf und Boncourt. Zu ihnen gehören die aus der Leprahilfe Emmaus Schweiz hervorgegangene Stiftung FAIRMED, die Kinderhilfe Emmaus, Emmaus Zürich und „Emmaus Jura“. Diese Gruppen leisten humanitäre Hilfe im In- und Ausland, indem sie eigene Entwicklungshilfeprojekte durchführen oder fremde Projekte finanzieren; einige betreiben ebenfalls Brockenhäuser.
Die ersten Emmaus-Institutionen der Schweiz wurden 1956 gegründet. Anlass waren Vorträge von Abbé Pierre in Genf und Bern, in denen er zur Solidarität mit notleidenden Menschen aufrief. Die Schweizerische Emmaus-Vereinigung ist Gründungsmitglied von Emmaus International. Dessen Gründungsversammlung fand vom 24. bis 26. Mai 1969 im Nationalratssaal des Bundeshauses in Bern statt; der Sitz befindet sich in Alfortville bei Paris. Die Schweizer Vereinigung stellte mit ihrem damaligen Präsidenten Marcel Farine den ersten Präsidenten von Emmaus International.
Internationale Solidarität und die Dritte Welt
Seit Beginn der 1970er-Jahre erweiterten mehrere Emmausgruppen in Schweden, Italien, Deutschland und Lateinamerika den Grundsatz der Hilfe zur Selbsthilfe zu einer aktiven Unterstützung ärmerer Länder in der Dritten Welt.
Der ausdrücklich überkonfessionelle Ansatz Abbé Pierres wurde dabei zunehmend politisiert. Die größte schwedische Emmausgruppe in Björkå unterstützt bis heute vorwiegend marxistisch orientierte Befreiungsbewegungen in den ehemaligen afrikanischen Kolonien. Emmaus Köln überwies nach dem Sturz Salvador Allendes durch General Pinochet im Jahr 1973 solidarisch einen großen Teil seiner Einnahmen an Emmaus Chile.
Emmaus International erkennt auch diese nicht-religiösen Gruppen weiterhin an und veranstaltet internationale Treffen, beispielsweise 2003 in Burkina Faso. Inhaltlich beschäftigen sich diese Treffen vor allem mit Menschenrechten, den Folgen der Globalisierung, Migranten und grundlegenden Wirtschaftsproblemen.