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Einkreisung

Die Einkreisung (auch Einkreisungstheorie) war eine populäre politische Vorstellung in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Sie beschreibt die Sorge weiter …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Kern der Einkreisungstheorie
  2. 2. Europäische Bündnisse und außenpolitischer Hintergrund
  3. 3. Prägung und politische Verbreitung des Begriffs
  4. 4. Einkreisungsphobie und Bedeutung für 1914
  5. 5. Selbstauskreisung und spätere Wirkung

Kern der Einkreisungstheorie

Die Einkreisung, auch Einkreisungstheorie genannt, war vor dem Ersten Weltkrieg eine verbreitete politische Vorstellung im Deutschen Kaiserreich. Sie bezeichnete die Sorge, Deutschland sei von feindlichen Mächten umgeben, außenpolitisch isoliert und dadurch in seiner Handlungsfähigkeit bedroht. Diese Vorstellung prägte die Wahrnehmungen und politischen Entscheidungen weiter Kreise der Bevölkerung und beeinflusste besonders den Verlauf der Julikrise 1914, der unmittelbaren Vorphase des Ersten Weltkriegs.

Gemeint war vor allem die Annahme, andere europäische Staaten hätten sich gezielt zu einem Ring um das Deutsche Reich zusammengeschlossen. Die Bündnissysteme und die zunehmenden Spannungen vor 1914 wurden dadurch nicht nur als sicherheitspolitische Entwicklung, sondern als gezielte Bedrohung Deutschlands interpretiert.

Europäische Bündnisse und außenpolitischer Hintergrund

Im ausgehenden 19. Jahrhundert standen sich in Europa zwei Militärbündnisse gegenüber. Der 1882 gegründete Dreibund verband das Deutsche Reich, Österreich-Ungarn und Italien. Ihm stand die 1894 gegründete Französisch-Russische Allianz gegenüber. Beide Bündnisse waren zwar als reine Verteidigungsallianzen konzipiert, bildeten jedoch ausdrücklich gegeneinander gerichtete Militärsysteme.

Die Französisch-Russische Allianz entstand, nachdem Deutschland das deutsch-russische Neutralitätsabkommen, den sogenannten Rückversicherungsvertrag, nicht verlängert hatte. Dadurch drohte dem Deutschen Reich im Kriegsfall ein Zweifrontenkrieg. Reichskanzler Bismarck hatte gerade durch den Rückversicherungsvertrag versucht, diese Gefahr zu vermeiden. Großbritannien hielt sich zunächst als neutraler Partner aus dem europäischen Konflikt heraus; diese Politik wurde als „splendid isolation“ bezeichnet.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verschob sich das Gleichgewicht der Militärblöcke zunehmend zum Nachteil Deutschlands. Im italienisch-französischen Neutralitätsabkommen von 1902 verständigten sich Italien und Frankreich unter anderem über ihre territorialen Ansprüche in Nordafrika. Italien sagte außerdem zu, unter bestimmten Bedingungen im Kriegsfall neutral zu bleiben, etwa wenn Frankreich einen provozierten Angriffskrieg gegen das Deutsche Reich führen würde.

1904 gab Großbritannien seine Politik der „splendid isolation“ auf und schloss mit Frankreich die Entente cordiale. Beide Staaten regelten dabei unter anderem ihre Interessen in Marokko und Ägypten. Durch den Beitritt Russlands im Jahr 1907 entwickelte sich die Entente cordiale zur Triple Entente. In Teilen der deutschen Bevölkerung entstand nun der Eindruck, Deutschland sei außenpolitisch isoliert und feindlich „eingekreist“.

Prägung und politische Verbreitung des Begriffs

Nach Gerd Krumeich wurde der Begriff „Einkreisung“ durch Reichskanzler Bernhard von Bülow in einer Reichstagsrede vom 14. November 1906 geprägt. Anlass war eine Interpellation von Ernst Bassermann, der Deutschland zunehmend isoliert sah und erklärte: „Die Stunde der glänzenden Vereinsamung naht“.

Von Bülow warnte in seiner Antwort, eine Politik, die darauf abziele, Deutschland durch einen Kreis von Mächten zu isolieren und „lahmzulegen“, wäre für den europäischen Frieden bedenklich. Gleichzeitig widersprach er Bassermanns Einschätzung, Deutschland sei bereits isoliert. Selbst in diesem Fall müsse man „nicht zu flennen wie ein einsames Kind im Walde“. Während des Ersten Weltkriegs bewertete von Bülow die Vorstellung rückblickend erneut und bezeichnete die „kunstvolle Einkreisung und Isolierung Deutschlands“ als ein „diplomatisches Blendwerk“.

Der Begriff verbreitete sich anschließend rasch. Er wurde nicht nur in nationalistischen Kreisen verwendet, sondern auch in Teilen der regierungskritischen Presse, beispielsweise im Simplicissimus. Viele Anhänger gab es ebenfalls in der Sozialdemokratie. Auch liberale Systemkritiker wie Max Weber und Theodor Wolff übernahmen die Bezeichnung. Dadurch wurde „Einkreisung“ zu einem politischen Deutungsmuster, das über einzelne politische Lager hinaus Wirkung entfaltete.

Einkreisungsphobie und Bedeutung für 1914

Eine zusätzliche Bedeutung erhielt die Einkreisungstheorie durch die Annäherung Großbritanniens und des Russischen Reiches im Jahr 1907, nachdem beide Staaten die Doggerbank-Krise gemeinsam beigelegt hatten. Während der zweiten Marokkokrise wurde die Zusammenarbeit zwischen Frankreich und England immer enger. Dadurch empfanden sich immer mehr Deutsche als „eingekreist“; die Vorstellung entwickelte sich geradezu zu einer „Einkreisungsphobie“.

In den zunehmend feindseligen Beziehungen der Vorkriegszeit beeinflusste der Einkreisungsbegriff sowohl das politische Handeln als auch die Gefühle weiter Teile der Bevölkerung. In der Julikrise 1914, als nach dem Attentat von Sarajevo die unmittelbare Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs einsetzte, wurde das Handeln daher wesentlich von der Vorstellung geprägt, Deutschland müsse sich gegen eine feindliche Umzingelung behaupten.

Selbstauskreisung und spätere Wirkung

Der Vorstellung einer äußeren Einkreisung stand nach dem Artikel eine andere Bewertung gegenüber. In Wirklichkeit habe die zunehmende politische Isolation Deutschlands weniger auf einer gezielten „Einkreisung“ als auf einer „Selbstauskreisung“ beruht. Ursache sei die völlig unrealistische wilhelminische Außen-, Kolonial- und Rüstungspolitik gewesen.

Bismarck hatte noch ein Bündnis mit Russland und gute Beziehungen zu Großbritannien angestrebt. Wilhelm II. unternahm dagegen keine Versuche mehr, diese außenpolitischen Verbindungen in gleicher Weise zu pflegen. Dadurch trug Deutschland selbst zu seiner zunehmenden Isolation bei.

Der Begriff „Einkreisung“ blieb dennoch sowohl unter Historikern als auch unter Politikern und in der Presse ein wichtiges Argument. Er wurde während des Weltkriegs weiterverwendet und spielte auch in der Nachkriegsdiskussion über die Kriegsschuldfrage eine wichtige Rolle.

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