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Edgar Morin

Edgar Morin (ursprünglicher Name Edgar Nahoum; * 8. Juli 1921 in Paris, Frankreich; † 29. Mai 2026 ebenda) war ein französischer Philosoph und Soziologe.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Person und Bedeutung
  2. 2. Lebensweg
  3. 3. Soziologische Arbeit
  4. 4. Komplexes Denken
  5. 5. Werke und weitere Tätigkeit
  6. 6. Auszeichnungen

Person und Bedeutung

Edgar Morin, ursprünglich Edgar Nahoum, wurde am 8. Juli 1921 in Paris geboren und starb dort am 29. Mai 2026 im Alter von 104 Jahren. Er war ein französischer Philosoph und Soziologe sowie Directeur de recherche am Centre national de la recherche scientifique (CNRS) und an der École des hautes études en sciences sociales (EHESS). Bekannt wurde er vor allem als Vertreter des komplexen Denkens. Dieses soll Zusammenhänge sichtbar machen, die durch die übliche Trennung wissenschaftlicher Disziplinen und durch vereinfachende Erklärungen verloren gehen.

Morin verstand sich als „Wilderer des Wissens“: Er bewegte sich zwischen Soziologie, Philosophie, Anthropologie, Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie. Statt einzelne Phänomene isoliert zu untersuchen, wollte er Teile und Ganzes, lokale und globale Vorgänge sowie Beobachtungsgegenstand, Umwelt und Beobachter gemeinsam betrachten. Sein Ansatz ist deshalb besonders für Probleme bedeutsam, bei denen viele Faktoren voneinander abhängen und sich gegenseitig beeinflussen.

Lebensweg

Morin stammte aus einer sephardisch-jüdischen Familie aus Thessaloniki, bezeichnete sich selbst jedoch als Atheisten. Seine Mutter Luna Beressi starb, als er zehn Jahre alt war. An der Sorbonne studierte er Geschichte und Geographie; später erwarb er außerdem einen Abschluss in Jura.

Während der deutschen und italienischen Besetzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg trat er 1941 der Kommunistischen Partei Frankreichs (PCF) bei und beteiligte sich an der Résistance. Wegen der damit verbundenen Lebensgefahr legte er seinen jüdischen Familiennamen Nahoum ab und verwendete den Decknamen Morin, den er später beibehielt. Nach Kriegsende gehörte er 1945 zum Stab der 1. französischen Armee in Deutschland und leitete 1946 das Büro „Propagande“ der französischen Militärregierung. In L’an zéro de l’Allemagne von 1946 beschrieb er als teilnehmender Beobachter die Lage der teilweise hungernden deutschen Nachkriegsbevölkerung.

Anschließend erhielt Morin eine Stelle am CNRS und beschäftigte sich mit soziologischen Fragen. Seine Sympathie für die PCF nahm nach 1949 ab; 1951 wurde er aus der Partei ausgeschlossen. Anfang der 1950er Jahre gehörte er der undogmatisch-marxistischen Gruppe Socialisme ou barbarie an. In Autocritique setzte er sich 1959 mit seinem Parteiausschluss und seinen eigenen Verblendungen gegenüber dem Stalinismus auseinander. Er war zudem Mitbegründer der Zeitschrift Arguments und des Comité des intellectuels contre la guerre d’Algérie. Gemeinsam mit Anne-Brigitte Kern prägte er 1993 in Terre-Patrie den Begriff „Polykrise“. Sein seit 2001 im Institut mémoires de l’édition contemporaine aufbewahrtes Archiv ergänzte er fortlaufend selbst.

Soziologische Arbeit

Morin wandte sich gegen eine traditionelle Soziologie, die wissenschaftliche Daten und die kulturelle Vielfalt menschlicher Erfahrungen aus seiner Sicht zu eng behandelte. Als Wegbereiter einer „Soziologie der Gegenwart“ untersuchte er unter anderem Kino, Technik, Sport, Jugend und ökologische Fragen. In Les Stars analysierte er den Starkult des Kinos sowie dessen wirtschaftliche und gesellschaftliche Zusammenhänge.

In den 1960er Jahren lehrte er zeitweise Sozialwissenschaften in Lateinamerika. 1965 leitete er für das CNRS eine pluridisziplinäre, also mehrere Fachrichtungen verbindende Untersuchung einer bretonischen Gemeinde. Die Ergebnisse erschienen 1967 als La Métamorphose de Plozévet. Mit La Rumeur d’Orléans veröffentlichte er 1969 eine Studie über ein modernes Gerücht und die gesellschaftlichen Bedingungen seiner Verbreitung. 1970 wurde er Directeur de recherche am CNRS und wirkte an der Entstehung des Centre Royaumont pour une science de l’homme mit. Von 1973 bis 1989 gründete und leitete er gemeinsam mit anderen das Centre d’études des communications de masse.

Komplexes Denken

Morins Hauptwerk La Méthode umfasst sechs Bände, entstand seit Mitte der 1970er Jahre und erschien zwischen 1977 und 2004. Es verbindet Fragen der Natur, des Menschseins, der Ethik und der Politik. Im ersten Band Die Natur der Natur von 1977 kritisiert Morin das „Paradigma der Vereinfachung“: wissenschaftlichen Reduktionismus, linearen kausalen Determinismus und Binarismus.

Reduktionismus bedeutet hier, ein vielschichtiges Phänomen auf wenige isolierte Ursachen zu verkürzen. Der strenge Determinismus nimmt an, dass unter denselben Bedingungen dieselben Ursachen stets dieselben Wirkungen erzeugen; abweichende Ursachen und Wirkungen bleiben dabei unbeachtet. Lineare Kausalität erklärt Vorgänge als einfache Ursache-Wirkungs-Ketten und vernachlässigt gegenseitige Abhängigkeiten und Rückwärtsschleifen. Als Binarismus bezeichnet Morin die Aufteilung in wahr oder falsch, obwohl etwas nur teilweise wahr, teilweise falsch oder zugleich wahr und falsch sein kann. Diese Formen der Vereinfachung verfälschten für ihn die Wirklichkeit. Die „absurde Parzellierung“ des Wissens in getrennte Bereiche erzeuge daher eine globale Unwissenheit.

Dem stellt Morin das Prinzip der Komplexität gegenüber. Komplexität ist nicht linear, sondern zirkulär und interrelational: Vorgänge stehen in Wechselbeziehungen, beeinflussen einander und können Emergenzen hervorbringen. Eine Emergenz ist etwas Neues, das aus dem Zusammenwirken von Bestandteilen entsteht. Erkenntnis müsse deshalb die Teile mit dem Ganzen und das Ganze mit den Teilen verbinden sowie das Lokale im Verhältnis zum Globalen und das Globale im Verhältnis zum Lokalen verstehen.

Auch der Beobachter und seine Methode gehören nach Morin zum Erkenntnisprozess. Ein Untersuchungsgegenstand muss als Funktion seiner Organisation, seiner Umwelt und seines Beobachters verstanden werden. Komplexes Denken integriert sowohl die Ungewissheit des Wissens als auch das Wissen um diese Ungewissheit. Es liefert keine einfachen Antworten auf komplexe Probleme; besonders für gesellschaftliche Fragen gebe es keine einfachen Lösungen. Trotzdem soll es handlungsfähig bleiben, ohne in Chaos oder in die Behauptung zu geraten, man könne überhaupt nichts aussagen.

Morin sah erste Ansätze dieses Denkens unter anderem in der Komplexitätstheorie, im Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik und in vorsichtigen Formen interdisziplinärer Forschung. Die Ökologie bezeichnete er als erste interdisziplinäre Wissenschaft, weil sie physische, geologische, meteorologische und biologische Erkenntnisse aus Mikrobiologie, Botanik und Zoologie verbindet. Eine umfassende Reform des Denkens stand für ihn dennoch weiterhin aus.

Werke und weitere Tätigkeit

Neben La Méthode veröffentlichte Morin zahlreiche Monografien über Gesellschaft, Kultur, Wissenschaft, Europa, Bildung, Krieg und die Zukunft der Menschheit. Zu den genannten Werken zählen L’homme et la mort (1951), Les Stars (1957), L’esprit du Temps (1962), Le paradigme perdu (1973), Science avec conscience (1982), Europa denken (deutsch 1991), Terre-Patrie mit Anne-Brigitte Kern (1993), Les sept savoirs nécessaires à l’éducation du futur (2000), Le chemin de l’espérance mit Stéphane Hessel (2011), La Voie (2011), La nostra Europa mit Mauro Ceruti (2013), seine Erinnerungen Les souvenirs viennent à ma rencontre (2019) und De guerre en guerre. De 1940 à l’Ukraine (2023).

Morin arbeitete außerdem mit Jean Rouch an Chronique d’un été (Paris 1960), einem Dokumentarfilm im Stil des Cinéma vérité. Der Film Ein Philosoph mit Einfluss: Edgar Morin von Jean-Michel Djian porträtierte ihn 2020.

Auszeichnungen

Morin erhielt zahlreiche internationale Auszeichnungen und 38 Ehrendoktorwürden ausländischer Universitäten. 1987 wurde ihm für sein Lebenswerk der Prix européen de l’essai Charles Veillon verliehen, 1994 der Premi Internacional Catalunya und 2015 der Adam-Mickiewicz-Preis für Verdienste um die deutsch-französisch-polnische Zusammenarbeit in Europa. In der französischen Ehrenlegion wurde er 1992 Offizier, 2001 Kommandeur, 2016 Großoffizier und 2021 mit dem Großkreuz ausgezeichnet. 2012 erhielt er außerdem das Großoffizierskreuz des Ordre national du Mérite und die Médaille de la Ville de Paris. Weitere Ehrungen waren unter anderem das Großkreuz des portugiesischen Ordre de Sant’Iago de l’Épée und 2017 die korrespondierende Mitgliedschaft in der Academia Brasileira de Letras.

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