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Die Vergeltung (Droste-Hülshoff)

Die Vergeltung ist der Titel einer Ballade von Annette von Droste-Hülshoff. Arbeitsmanuskript unter dem Titel Gottes Hand – die Vergeltung (linke Spalte bis …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Werk, Entstehung und Bedeutung
  2. 2. Form und Aufbau
  3. 3. Schiffbruch, Hilfe und Mord
  4. 4. Verurteilung und Wiederkehr des Balkens
  5. 5. Offene Frage nach Gerechtigkeit und Zufall

Werk, Entstehung und Bedeutung

„Die Vergeltung“ ist eine Ballade von Annette von Droste-Hülshoff. Im Mittelpunkt stehen ein Verbrechen auf See und die spätere Hinrichtung des Täters. Entscheidend ist dabei die offene Frage, ob seine Bestrafung als göttliche Gerechtigkeit oder als zufällige Verkettung natürlicher Ereignisse zu verstehen ist.

Die Ballade entstand während Drostes erstem Aufenthalt auf Schloss Meersburg zwischen November 1841 und Februar 1842. Dort besuchte sie ihre ältere Schwester Jenny, die mit Joseph von Laßberg verheiratet war und seit 1838 mit ihrer Familie auf der Burg lebte. Zusammen mit „Die Vendetta“, „Der Fundator“ und „Die Schwestern“ gehört das Werk zu den sogenannten „Meersburger Balladen“. Erstmals veröffentlicht wurde es in Drostes großer Gedichtausgabe von 1844.

Form und Aufbau

Die Ballade besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil umfasst acht, der zweite fünf Strophen. Jede Strophe hat acht Verse und ist im jambischen Vierheber geschrieben: Ein Jambus ist ein Versfuß aus einer unbetonten und einer betonten Silbe; „Vierheber“ bedeutet, dass jeder Vers vier betonte Silben enthält.

Das Reimschema ist ein Kreuzreim nach dem Muster abab cdcd. Dabei reimt sich jeweils der erste Vers mit dem dritten, der zweite mit dem vierten und entsprechend der fünfte mit dem siebten sowie der sechste mit dem achten. Weibliche und männliche Kadenzen wechseln sich ab: Eine weibliche Kadenz endet auf eine unbetonte, eine männliche Kadenz auf eine betonte Silbe. Die inhaltliche Zweiteilung wird somit durch den regelmäßigen Strophenbau formal sichtbar.

Schiffbruch, Hilfe und Mord

Auf einem Segelschiff reisen zwei Passagiere: ein „schwarzer Franke“, also ein Franzose, und ein fieberkranker Mann. Der Kranke liegt auf einem morschen Balkenrest, in den die Worte „Batavia. Fünfhundertzehn“ eingelassen sind.

Während eines Sturms sinkt das Schiff. Nur die beiden Männer überleben den Untergang. Der Franzose rettet sich zunächst in eine morsche Kiste, doch diese kann ihn nicht dauerhaft über Wasser halten. Der Balken des Kranken erweist sich dagegen als tragfähig. Als der Franzose kaum noch über Wasser bleiben kann, bietet ihm der Kranke an, sich ebenfalls an dem Balken festzuhalten.

Der Franzose beantwortet diese Hilfsbereitschaft mit Gewalt: Er stößt den Kranken vom Balken und überlässt ihn dem sicheren Tod in den Wellen. Später nimmt ein vorbeikommendes Schiff den Franzosen auf und rettet ihn.

Verurteilung und Wiederkehr des Balkens

Das rettende Schiff stellt sich als Korsarenschiff, also als Schiff von Seeräubern, heraus. Drei Monate später wird es aufgebracht. Die gesamte Besatzung wird verhaftet und wegen Piraterie zum Tode verurteilt. Die Piraten bezeichnen den Franzosen als einen von ihnen. Das Gericht glaubt seinen Beteuerungen, er sei unschuldig, nicht und spricht auch gegen ihn das Todesurteil aus.

Noch unter dem Galgen bittet der Franzose die Piraten verzweifelt, seine Unschuld zu bestätigen. Als alle Bemühungen erfolglos bleiben, verliert er den Glauben an eine höhere göttliche Ordnung. In genau diesem Moment blickt er nach oben. Er erkennt am Holz seines Galgens die Inschrift „Batavia. Fünfhundertzehn“: Der Balken, den er dem Kranken geraubt hatte, ist nun für seine eigene Hinrichtung verwendet worden.

Offene Frage nach Gerechtigkeit und Zufall

Droste-Hülshoff hatte ursprünglich den Titel „Gottes Hand – die Vergeltung“ vorgesehen, strich für die Veröffentlichung jedoch die Worte „Gottes Hand“. Deshalb ist in der Forschung umstritten, ob die Ballade hauptsächlich göttliche Gerechtigkeit darstellen soll.

Nach einer Deutung verkörpert der Tod des Franzosen „das unbestechliche, gerechte Urteil Gottes“. Rechtlich wird er zu Unrecht verurteilt, weil er kein Pirat ist. Moralisch trifft ihn jedoch die Strafe für den Mord an dem Kranken. Nachdem er angesichts des ungerechten Gerichts zunächst Gottes Wirken bestreitet, führt ihm die Inschrift am Galgen vor Augen, dass ihn dennoch die Folge seiner eigenen Tat erreicht.

Eine andere Deutung betont, dass die Ballade kein ausdrückliches Eingreifen Gottes und kein Wunder zeigt. Erik Wolf stellte 1946 fest: „Von einem Eingreifen Gottes ist ja gar nicht die Rede. Alles geht ganz natürlich zu, ohne Wunderzeichen.“ Ulrike Vedder zufolge lässt der Text gezielt offen, ob die Wiederkehr des Balkens ein Gottesgericht oder ein Zufall ist. Es bleibt sogar unklar, ob der Verurteilte den Galgenbalken bewusst als den Balken erkennt, den er dem Kranken entrissen hatte. Die Kürzung des ursprünglichen Titels verhindert damit eine eindeutige Auslegung.

Der Balken und seine hervorgehobene Inschrift bilden ein starkes Dingsymbol, also einen konkreten Gegenstand mit weiterführender Bedeutung. „Batavia“ bezeichnet einerseits das heutige Jakarta, damals die Hauptstadt Niederländisch-Indiens. Der Name verweist auf gewaltsame Kolonisation und das Batavia-Fieber, mit dem auch die Erkrankung des Mannes verbunden werden kann. Andererseits hieß „Batavia“ ein Schiff, auf dem sich 1629 nach einer Havarie vor der Westküste Australiens grausame Gewalttaten unter Seeleuten ereigneten. Die Ballade bildet dieses historische Geschehen jedoch nicht unmittelbar nach.

Hans Blumenberg deutet den Schiffbruch als „Daseinsmetapher“, also als Bild für die menschliche Existenz. Er steht demnach für Krisen, die durch menschliche Naturbeherrschung und koloniale Ausbeutung ausgelöst wurden. Im Verhalten des Franzosen zeigt die Ballade eine „von allen Hemmungen befreite Inhumanität“: In der lebensbedrohlichen Lage nutzt er die Hilfsbereitschaft eines anderen aus und tötet ihn, um selbst zu überleben.

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