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Die Nashörner

Die Nashörner (Originaltitel: Rhinocéros) ist ein französischsprachiges Theaterstück des rumänisch-französischen Dramatikers Eugène Ionesco, basierend auf …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Werk und Grundkonflikt
  2. 2. Handlungsverlauf
  3. 3. Figuren und Entwicklung
  4. 4. Deutung und zentrale Themen
  5. 5. Ausgaben und Bearbeitungen

Werk und Grundkonflikt

„Die Nashörner“ (Originaltitel: „Rhinocéros“) ist ein französischsprachiges Theaterstück des rumänisch-französischen Dramatikers Eugène Ionesco. Es gehört zum Absurden Theater und basiert auf Ionescos gleichnamiger Erzählung von 1957. Das Stück besteht aus drei Akten und vier Bildern.

Im Mittelpunkt steht eine fiktive mittelgroße Stadt in der französischen Provinz. Innerhalb weniger Sommertage verwandelt sich dort ein Mensch nach dem anderen in ein Nashorn. Nur wenige Figuren nehmen die Vorgänge zunächst wahr, und Warnungen oder genaue Beobachtungen werden nicht ernst genommen. Am Ende bleibt Behringer als einziger Mensch unverwandelt.

Die deutsche Uraufführung fand am 31. Oktober 1959 im Düsseldorfer Schauspielhaus statt; gespielt wurde zunächst eine deutsche Übersetzung. Die erste Aufführung in französischer Originalsprache folgte am 20. Januar 1960 im Pariser Odéon.

Handlungsverlauf

Im ersten Akt treffen sich Behringer und sein Freund Hans auf einem Kirchplatz. Hans tadelt Behringer wegen seines verspäteten Erscheinens, seines ungepflegten Aussehens und seiner Trinksucht. Währenddessen erklärt der Logiker einem alten Herrn die Logik mit lächerlich falschen Schlussfolgerungen. Ein Nashorn rennt über den Platz, doch nur wenige Menschen reagieren erschrocken. Bei seinem zweiten Auftreten wird die Katze einer Hausfrau zertrampelt. Behringer und Hans streiten darüber, ob es ein afrikanisches oder ein asiatisches Nashorn war. Hans verlässt wütend das Café; Behringer übernimmt anschließend die Verantwortung für seinen eigenen Anteil am Streit.

Am folgenden Montag beginnt der zweite Akt im Büro, in dem Behringer arbeitet. Wisser leugnet zunächst die Existenz der Nashörner und erklärt die Zeitungsmeldung für ungenau. Stech und Daisy widersprechen ihm. Dann erscheint Frau Ochs, die von einem Nashorn verfolgt wurde. Das Tier bricht in das Gebäude ein und zerstört die Holztreppe. Frau Ochs erkennt, dass das Nashorn ihr Mann Ochs ist, und springt schließlich auf seinen Rücken, um mit ihm fortzugehen. Die Feuerwehr evakuiert das Gebäude.

Im zweiten Bild des Aktes besucht Behringer Hans, um sich zu versöhnen. Hans ist krank und verwandelt sich sichtbar: Er bekommt eine Beule, seine Haut wird grün und seine Haltung gegenüber den Menschen verändert sich. Er erklärt, dass er die menschliche Schwäche verabscheue und das Recht der Natur über die menschliche Moral stelle. Als Hans vollständig zum Nashorn wird und Behringer bedroht, muss dieser fliehen.

Im dritten Akt bleibt Behringer aus Angst vor der Ansteckung in seiner Wohnung. Stech versucht, die Verwandlungen als ungefährlich oder verständlich darzustellen. Behringer entdeckt, dass auch der Logiker, Wisser und Herr Schmetterling Nashörner geworden sind. Daisy bringt Essen und berichtet von weiteren Verwandlungen. Die Nashörner zerstören die Feuerwehrkaserne. Stech verlässt Behringer, weil er seinen Kollegen folgen und „seine Pflicht“ erfüllen will.

Behringer und Daisy erklären einander ihre Liebe. Daisy entwickelt jedoch Sympathie für die Kraft der Nashörner und verlässt Behringer. Kurzzeitig fragt sich Behringer, ob seine Weigerung, sich zu verwandeln, richtig ist; die Nashörner erscheinen ihm sogar schön. Schließlich entscheidet er sich dennoch, für die Menschheit einzutreten.

Figuren und Entwicklung

Behringer ist der Protagonist und die einzige Figur, die sich im Verlauf des Stückes deutlich entwickelt. Zu Beginn ist er gelangweilt, gesellschaftlich entfremdet, alkoholgefährdet und von seiner Existenz überzeugt, die ihm absurd erscheint. Im Gegensatz zu den anderen bleibt er beim ersten Auftreten des Nashorns zunächst gelassen. Nach und nach erkennt er die Bedeutung der Verwandlungen. Er macht sich Vorwürfe, wenn Freunde zu Nashörnern werden, und übernimmt Verantwortung für andere Menschen und für eigene Handlungen. Am Ende wird er zum moralischen Verteidiger der Menschheit. Trotzdem bleibt er Außenseiter: Anfangs fühlt er sich von der Gesellschaft ausgeschlossen, am Schluss ist er tatsächlich von ihr getrennt.

Hans ist Behringers Freund. Er tritt zunächst kultiviert und überlegen auf, zeigt aber widersprüchliches und heuchlerisches Verhalten. Seine gesellschaftlichen Ideale erweisen sich als Fassade. Bei seiner Verwandlung kehrt er seine bisherigen Vorstellungen von Moral und Kultur ins Gegenteil um und stellt die Kraft der Natur über die menschliche Moral. Seine Aussagen können der extremen Rechten zugeordnet werden.

Daisy ist Chefsekretärin und in Behringer verliebt. Sie versucht, sich mit ihm gegen die Außenwelt abzuschotten, will aber Verantwortung für die Verwandlungen nicht übernehmen. Schließlich zieht sie die Kraft der Nashörner der Schwäche menschlicher Liebe vor.

Stech ist Akademiker und stellvertretender Büroleiter. Als rationaler, klar denkender Mann hält er die Verwandlungen zunächst für eine vorübergehende Erscheinung und plädiert für ein friedliches Nebeneinander. Dadurch unterschätzt oder verdrängt er die Gefahr. Sein falsch verstandenes Pflichtgefühl gegenüber den anderen führt schließlich zu seiner eigenen Verwandlung.

Wisser, ein ehemaliger Lehrer und Angestellter, streitet gerne und fühlt sich geistig überlegen. Zunächst leugnet er die Nashörner, später behauptet er, ihre Hintergründe genau zu kennen. Er bleibt in seinem politischen Denken gefangen und verwandelt sich, um mit der Zeit zu gehen. Herr Schmetterling ist ein strenger, übergenauer Chef, dessen Aufmerksamkeit ganz der Arbeit gilt. Auch er wird zum Nashorn. Der Logiker verkörpert die rational denkenden Figuren und führt ihre Denkweise durch falsche Syllogismen ad absurdum. Auch er verwandelt sich.

Deutung und zentrale Themen

Die Interpretation des Stückes bleibt offen. Als wahrscheinlichste Deutung gilt eine Kritik an totalitären Regimen, darunter Nationalsozialismus und Stalinismus, sowie an einer Bevölkerung, die aus Angst oder Widerstandslosigkeit als einheitliche Masse folgt. Ionesco kritisiert besonders das Verhalten der Franzosen zu Beginn der deutschen Okkupation. Bezüge ergeben sich außerdem zu Ionescos Herkunft aus Rumänien und seiner Ablehnung des dortigen quasi totalitären Regimes. Behringer kann als Vertreter des Widerstands, etwa der Résistance, verstanden werden. Seine Aussage, dass ein Mensch, der sich in ein Nashorn verwandelt, „unbestritten nicht normal“ sei, steht für die Weigerung, das Absurde als normal zu akzeptieren.

Die Nashörner sind das zentrale Symbol. Sie erscheinen als randalierende Herdentiere, deren einzelne Mitglieder kaum zu unterscheiden sind und deren Sprache die Menschen nicht verstehen. Die zunächst unmerkliche und später scheinbar freiwillige Verwandlung kann als Anpassung an eine totalitäre Gesellschaft gedeutet werden.

Ein weiteres Hauptthema ist Verantwortung. Behringer ist die einzige Figur, die Verantwortung für andere Menschen und für eigene Handlungen übernimmt. Daisy und Stech versuchen dagegen, ihm jede Verantwortung für die Verwandlungen abzunehmen. Auch Wissers politische Parolen wirken scheinheilig, weil sein Einsatz für andere schnell wieder vergessen wird. Daraus ergibt sich die Aussage, dass ein totalitäres Regime durch Verantwortungslosigkeit begünstigt wird.

Beim Systemdenken bleiben die Figuren an ihre gesellschaftliche Rolle und ihre jeweilige Denkweise gebunden. Sie glauben, die Welt zu durchschauen, können die Absurdität der Ereignisse aber nicht erkennen und keine Selbstreflexion leisten. Damit verbunden ist der Verlust einer sinnhaften Sprache: Die Syllogismen des Logikers sind falsch, und die Parolen von Wisser oder Hans passen nicht zur Situation. Die gestörte Sprache symbolisiert die Störung der Gesellschaft.

Ausgaben und Bearbeitungen

Das Werk erschien unter anderem in einer französischen Ausgabe von Klett (Stuttgart 2005, ISBN 3-12-597265-5), in „Eugène Ionesco, Theaterstücke“, Band 2 (Luchterhand, Neuwied 1960), sowie als Übersetzung von Claus Bremer unter dem Titel „Die Nashörner. Schauspiel in drei Akten“ (24. Auflage 2009, ISBN 3-596-27034-0).

1974 wurde das Stück unter der Regie von Tom O’Horgan mit Gene Wilder in der Hauptrolle verfilmt. 2024 diente es dem israelischen Filmemacher Amos Gitai als Inspiration für den Spielfilm „Shikun“.

Zwischen 1959 und 1983 entstanden fünf deutsche und österreichische Hörspielfassungen. Sie wurden vom WDR, BR, RIAS Berlin, ORF Oberösterreich und ORF Wien/NDR produziert. Als Quellen werden die ARD-Hörspieldatenbank und die Ö1-Hörspieldatenbank genannt.

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