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Die Gas- und Wasserstoffwirtschaft
Die Gas- und Wasserstoffwirtschaft e. V. (ehemals Zukunft Gas e. V. und Zukunft Erdgas e. V.) ist eine PR betreibende Lobbyorganisation von Unternehmen der …
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Überblick und Entwicklung
Die Gas- und Wasserstoffwirtschaft e. V. ist eine Berliner PR- und Lobbyorganisation der deutschen Gaswirtschaft. Sie wurde 2013 als Zukunft Erdgas e. V. von großen Energieunternehmen, Versorgungsunternehmen und Stadtwerken gegründet und vertritt nach eigener Darstellung die gesamte Wertschöpfungskette von der Gasgewinnung bis zur Verteilung. Ihr Ziel ist, Gas als effizienten, günstigen und klimafreundlichen Brennstoff zu positionieren. Vorsitzender ist seit der Gründung Timm Kehler; die Organisation hatte 128 Mitglieder.
2015 fusionierte Zukunft Erdgas mit der Mobilitätsinitiative erdgas mobil e. V., um eine gemeinsame Lobbyorganisation für Erdgas zu schaffen. 2021 erfolgte die Umbenennung in Zukunft Gas: Der Verband begründete dies mit einer stärkeren Ausrichtung auf Biogas und Wasserstoff. Beobachter von Klimareporter und Lobbycontrol bewerteten den Schritt als Versuch eines grüneren Images beziehungsweise als Greenwashing; sie verwiesen unter anderem darauf, dass keine Biogasverbände Mitglieder seien und grüner Wasserstoff bislang nur in sehr kleinen Mengen verfügbar gewesen sei. Seit 2025 heißt der Verband Die Gas- und Wasserstoffwirtschaft. Erdgas soll dabei als Energieträger der Gegenwart, Wasserstoff und andere „neue Gase“ als Teil des künftigen Energiesystems erscheinen.
Mitglieder, Finanzierung und politische Kontakte
Mitglieder sind vor allem Öl- und Gasunternehmen, Stadtwerke, Produzenten und Importeure sowie Fernleitungsnetzbetreiber, etwa Uniper, Wingas, Mainova, Shell, Wintershall Dea, VNG AG und Open Grid Europe. Auch die Heizgeräteindustrie unterstützt die Aktivitäten. Correctiv berichtete Anfang 2023, dass bis zu 70 kommunale Stadtwerke Mitglied seien oder gewesen seien; ihre Mitfinanzierung habe mehr als mehrere Millionen Euro betragen. Auch der russische Staatskonzern Gazprom trug zur Finanzierung bei. Zum Verband gehört außerdem die Gesellschaft Zukunft Gas GmbH, früher Zukunft Erdgas Projekt GmbH.
Timm Kehler war von 2009 bis 2015 Geschäftsführer der Erdgas Mobil GmbH und ist seit 2020 außerdem Präsident von NGVA, einem Lobbyverband der europäischen Erdgasindustrie. Die Organisation vergibt alle zwei Jahre einen Innovationspreis unter Schirmherrschaft von Ministern oder Abgeordneten; 2020 übernahm Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) diese Rolle und sagte in einer Rede: „Gas ist sexy!“. Ein Beirat trifft sich nach Angaben des Verbands zweimal jährlich. Ihm gehörten oder gehören unter anderem Friedbert Pflüger, Thomas Bareiß, Andreas Kuhlmann und Klaus Bonhoff an.
Ziele für Gas, Netze und Energie
Ursprünglich sollte das Image von Erdgas in der öffentlichen Debatte verbessert und damit der Vertrieb der Mitgliedsunternehmen gefördert werden. Lobbypedia sieht ein Hauptanliegen darin, fossiles Erdgas als „Brückentechnologie“ der Energiewende darzustellen. Eine Brückentechnologie soll den Übergang zu einem anderen Energiesystem ermöglichen. Kritiker werfen dem Verband dagegen vor, die Nutzung fossiler Gase und der dazugehörigen Infrastruktur unnötig zu verlängern sowie teure und physikalisch ineffiziente Wasserstofflösungen gegenüber strombasierten Lösungen zu bevorzugen.
Im Verkehr bewarb der Verein Erdgas lange als emissionsarme Alternative zu Diesel. Zugleich setzt er sich für den Erhalt bestehender Gasnetze und deren Umrüstung für Wasserstoff und Biogas ein. Laut Correctiv soll der Verein nach Aussage einer früheren Leiterin des kommunalen Versorgers Enercity Mitglieder von Investitionen in alternative Energieträger und Infrastruktur abgehalten haben.
Für die Wärmeversorgung veröffentlichte Zukunft Gas 2021 eine Studie, nach der 2050 noch fast 60 Prozent der Haushalte mit Gas heizen würden. Vorgesehen war ein Gasmix aus 80 Prozent Biomethan und 20 Prozent blauem Wasserstoff. Blauer Wasserstoff wird dabei aus fossilen Energieträgern hergestellt, wobei das entstehende CO2 abgeschieden und gespeichert werden soll. 2022 warb die Organisation für Heizungen mit „sauberem“ Wasserstoff. 2025 forderte sie, die verpflichtende Beratung vor dem Einbau einer neuen Gasheizung abzuschaffen. Diese Beratung sollte Haushalte über Preissteigerungen fossiler Energien und Folgen für die Wirtschaftlichkeit der Heizung informieren. Beim Bau neuer Gaskraftwerke bezeichnete Kehler die Pflicht zur Beimischung von Wasserstoff 2022 als „Killerkriterium“, weil sie Investoren abschrecken könne.
Kampagnen und Bündnisse
Die Organisation unterstützt Hydrogen Germany, eine Wirtschaftsallianz für einen beschleunigten Markthochlauf der Wasserstoffwirtschaft. Sie fordert mehr Wasserstoff durch Produktionsförderung und Importe. Blauer Wasserstoff soll als „Übergangstechnologie“ berücksichtigt werden. Weitere Forderungen sind ein schnellerer Infrastrukturausbau, ein Beschleunigungsgesetz und die Umsetzung des geplanten Wasserstoff-Kernnetzes.
Anfang 2025 entstand die im Lobbyregister des Bundestags eingetragene Deutsche Carbon Management Initiative (DCMI) zu CO2-Abscheidung und -Speicherung. Diese Technik wird als CCS bezeichnet. Nachdem der BUND CCS im Juli 2025 als „teure und risikoreiche Scheinlösung“ kritisiert hatte, nannte Kehler CCS eine „industriepolitische Option für Deutschland“.
Von Juli bis November 2021 lief die Kampagne „Mit Gas geht’s“, die Gas als klimafreundlich und bezahlbar darstellte. Der frühere „CO2-Tag“ sollte den Tag bezeichnen, an dem Deutschland nach Berechnung von Zukunft Erdgas sein angeblich zustehendes CO2-Budget aufgebraucht habe. Er sollte Erdgas als innovativen, kostengünstigen und klimaschonenden Energieträger darstellen. Kritiker hielten 2018 entgegen, Methanemissionen bei Förderung und Verteilung würden oft nicht ausreichend einbezogen. Methan ist ein deutlich stärkeres Treibhausgas als Kohlenstoffdioxid. Zudem könne ein Lock-in-Effekt entstehen: Investitionen in Erdgas könnten den Ausbau erneuerbarer Energien verzögern. Umweltbundesamt und Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung betonten, dass langfristig keine fossilen Energieträger mehr eingesetzt werden dürften; das Bundesumweltministerium nannte die Berechnungsmethode „wackelig“.
Der Verband kritisierte auch das Gebäudeenergiegesetz. Zusammen mit BDEW und DVGW trat er für den Erhalt der Gasinfrastruktur und für künftige, vor allem wasserstoffbasierte Gase ein. Anders als viele Wissenschaftler gingen die Verbände davon aus, dass diese ab 2030 ausreichend und zu vertretbaren Kosten verfügbar seien. Zukunft Gas wandte sich insbesondere gegen die Vorgabe, Heizungen ab 2024 zu 65 Prozent mit erneuerbaren Energien zu betreiben.
Kritik und Bewertung der Wasserstoffwärme
Energieforscher Fabian Präger bezeichnete Zukunft Gas als einflussreichen Erdgas-Lobbyverband. Konzepte wie Brückentechnologien, grüne Gase und CO2-Abscheidung ordnete er als Narrative ein, die zu Verhinderungsstrategien und Scheinlösungen für Klimaschutzziele führen könnten. Energieökonomin Claudia Kemfert erklärte, die Darstellung von Erdgas als Brückentechnologie habe den Ausbau erneuerbarer Energien über Jahre gebremst; Investitionen in Erdgas seien Fehlinvestitionen gewesen. Nach ihrer Einschätzung müsse das Erdgasnetz zurückgebaut und Stadtwerke dabei unterstützt werden.
Susanne Götze und Annika Joeres bewerteten Zukunft Gas 2025 als „Sprachrohr für Erdgas“ und als wichtigen Faktor dafür, dass Deutschland lange russisches, klimaschädliches Erdgas importierte. Correctiv nannte den Verband 2023 einen der einflussreichsten Lobbyverbände der fossilen Industrie. Lobbycontrol schrieb 2021, der Verband unterhalte neben PR auch ein weitverzweigtes politisches Netz. Demnach hätten das Bundeswirtschaftsministerium unter Peter Altmaier und die Deutsche Energie-Agentur bei Gasbedarf und Flüssigerdgas Kampagnen und Forderungen der Gaslobby stärker berücksichtigt als Studien und Forderungen des Umweltbundesamtes.
Ein Gutachten für das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz vom März 2023, an dem neun Forschungseinrichtungen und Beratungsunternehmen beteiligt waren, bewertete Wasserstoff für Gebäudewärme kritisch. Sein zentraler Nachteil sei der hohe Strombedarf: Wasserstoffwärme benötige 6- bis 10-mal so viel Strom wie Wärmepumpen. Wegen physikalischer Grundgesetze, der Hauptsätze der Thermodynamik, seien durch technischen Fortschritt keine wesentlichen Verbesserungen zu erwarten. Wärmenetze, Solarthermie und in geringem Umfang Biomasse seien vorzuziehen; zudem seien hohe Kosten für Verbraucher zu erwarten. Das Gutachten forderte klare gesetzliche Regeln gegen unzureichende primärenergetische Effizienz, beispielsweise beim Einsatz von Wasserstoff in Gebäuden.
Correctiv berichtete im Oktober 2023, dass etwa ein Viertel von fast 100 Stadtwerken und regionalen Energieversorgern ausgetreten sei. Zuvor hätten diese ungefähr die Hälfte der einst 128 Mitglieder gestellt. Dem gingen Kritiken von Lobbycontrol, 350.org, Umweltinstitut München und Weiterso voraus, unter anderem an Mitgliedsbeiträgen von bis zu sechsstelligen Beträgen pro Jahr.