Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Das grüne Paradoxon: Plädoyer für eine illusionsfreie Klimapolitik

Sinn beschreibt darin seine These, dass eine absehbar verschärfte Umweltpolitik wie eine angekündigte Enteignung der Besitzer fossiler Energieträger wirke.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Kernaussage des Buches
  2. 2. Zusammenhang zwischen Förderung und Klima
  3. 3. Mechanismus des grünen Paradoxons
  4. 4. Vorgeschlagene Klimapolitik und Entwicklung der These
  5. 5. Vergleichbare Positionen und Beurteilungen

Kernaussage des Buches

Das grüne Paradoxon ist der Kurztitel des 2008 erschienenen Buches Das grüne Paradoxon – Plädoyer für eine illusionsfreie Klimapolitik des deutschen Ökonomen Hans-Werner Sinn. Eine vollständig aktualisierte und überarbeitete Taschenbuchausgabe sowie die erste internationale Ausgabe erschienen 2012.

Sinn vertritt die These, dass eine über längere Zeit angekündigte Verschärfung der Umweltpolitik ähnlich wie eine angekündigte Enteignung der Besitzer fossiler Energieträger wirken könne. Besitzer von Kohle-, Öl- oder Gasvorkommen könnten dann ihre Förderung beschleunigen, bevor ihre Lagerstätten weniger wert sind. Dadurch würden Ressourcenverbrauch und der Ausstoß klimaschädlicher Gase nach dieser Argumentation nicht verringert, sondern beschleunigt.

Auch eine sinkende Nachfrage nach fossilen Brennstoffen löse das Problem nach Sinn nicht automatisch: Wenn die angebotene Menge gleich bleibe, sinke der Preis. Ein niedrigerer Preis könne den Verbrauch in Staaten erhöhen, die keine Emissionsverringerung durchsetzen. Sinn verweist dabei auf politische Instabilitäten in einigen Ölförderländern und auf gleichbleibende Fördermengen der OPEC. In diesem Sinn sei jede Emissionsreduktion eine indirekte Subvention von Verbrauchern fossiler Energien.

Zusammenhang zwischen Förderung und Klima

Die Argumentation beginnt mit der Annahme, dass jedes Kohlenstoffatom, das als Gas, Kohle oder Öl aus der Erde gefördert und verbrannt wird, letztlich in die Atmosphäre gelangt. Besonders wirksame Verbrennungsprozesse, bei denen möglichst wenig Kohlenstoff zu Ruß wird, verstärken diesen Zusammenhang. Rund ein Viertel des in die Atmosphäre ausgestoßenen Kohlenstoffs verbleibt dort nahezu für immer. Dies trägt zum Treibhauseffekt und damit zur Erderwärmung bei.

Abgesehen von Aufforstung und ähnlichen Maßnahmen könne die Ansammlung von Kohlenstoff in der Atmosphäre laut Sinn nur auf zwei Wegen vermindert werden: Es wird weniger Kohlenstoff aus der Erde geholt, oder der Kohlenstoff wird nach der Energiegewinnung wieder in die Erde eingebracht.

Die Umweltpolitik setze bisher vor allem auf CO₂-freie Energiequellen und auf effizientere Energienutzung. Sie richte sich damit auf die Nachfrageseite des Kohlenstoffmarktes, also darauf, wie viel fossile Energie verbraucht wird, und vernachlässige die Angebotsseite, also Förderung und Bereitstellung. Trotz großer Bemühungen zur Verringerung der Nachfrage sei der weltweite CO₂-Ausstoß bislang nicht gesunken, sondern weiter angestiegen.

Mechanismus des grünen Paradoxons

Eine schrittweise strengere Umweltpolitik übt laut Sinn Druck auf die Preise fossiler Brennstoffe aus. Die gegenwärtigen und zukünftigen Preise würden gegenüber dem sonst erwarteten Niveau gesenkt, in der Zukunft jedoch stärker als in der Gegenwart. Damit sinke die Wertzuwachsrate von Lagerstätten fossiler Brennstoffe. Ihre Besitzer hätten einen Anreiz, die Förderung vorzuziehen und das Vermögen verstärkt in Finanzkapital mit höher erwarteter Rendite umzuwandeln.

Genau diese Reaktion bezeichnet Sinn als grünes Paradoxon: Je stärker eine angekündigte Politik im Zeitverlauf „grüner“ werde, desto eher könne sie zur schnelleren Ausbeutung fossiler Bestände und damit zu einer Beschleunigung des Klimawandels führen.

Staaten ohne Nachfragebeschränkungen hätten nach Sinn zwei Vorteile. Erstens könnten sie den Kohlenstoff verbrennen, den „grüne“ Länder einsparen; dies nennt der Text leakage effect. Zweitens könnten sie zusätzlich die Mengen verbrauchen, die wegen der erwarteten Preisreduktion neu auf den Markt gelangen.

Voraussetzung der These ist, dass die Ressource knapp ist: Ihr Preis muss dauerhaft über den Stückkosten für Extraktion und Exploration liegen. Sinn hält dies für erfüllt, weil neue Technologien allenfalls ein perfektes Substitut für Elektrizität, nicht aber für fossile Brennstoffe seien. Preise für Kohle und Erdöl lägen um ein Vielfaches über Extraktions- und Explorationskosten. Zwar verteuere der Übergang zu schwer erreichbaren Vorkommen die Förderung, doch erhöhe die Verknappung zugleich die Preise. Marginale grüne Nachfragepolitik könne den Ressourcenabbau daher nicht dadurch senken, dass sie Preise unter die Kosten drückt.

Vorgeschlagene Klimapolitik und Entwicklung der These

Eine wirksame Klimapolitik müsse nach Sinn neben der Nachfrageseite auch die Angebotsseite des Kohlenstoffmarktes erfassen. Als eine Möglichkeit nennt er eine Quellensteuer auf Kapitalerträge, welche Ressourcenbesitzer aus Finanzanlagen erzielen. Diese Steuer solle den Anreiz mindern, Bodenschätze schnell zu fördern. Als andere Lösung schlägt er ein lückenloses globales Emissionshandelssystem vor. Es solle den weltweiten Verbrauch fossiler Brennstoffe wirksam begrenzen und dadurch die gewünschte Verringerung der Kohlenstoffförderung erzwingen.

Die Überlegungen bauen auf Sinns früheren Untersuchungen zu Reaktionen von Besitzern natürlicher Ressourcen auf angekündigte Preisänderungen auf. Vor dem Buch stellte er die Ideen in wissenschaftlichen Artikeln, in der Thünen-Vorlesung 2007 bei der Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik, in seiner Presidential Address bei der Welttagung des International Institute of Public Finance in Warwick 2007 sowie in zwei Working Papers vor.

Vergleichbare Positionen und Beurteilungen

Sinns Thesen wurden mit Positionen des Schweizer Autors Marcel Hänggi verglichen, der zu ähnlichen Befunden, aber anderen Schlussfolgerungen kommt. Christian Gerondeau veröffentlichte 2009 in Frankreich ein ähnlich gelagertes Buch. Danach würden zugängliche Öl- und Kohlevorkommen unabhängig davon vollständig verbraucht, ob einzelne Staaten ihren Verbrauch einschränken: Bei einem Verzicht etwa der EU würden andere Länder wie China und Indien stärker auf die verbleibenden Ressourcen zugreifen.

Die öffentliche Beurteilung des Buches fiel unterschiedlich aus. In der FAZ-Rubrik Die besten Wirtschaftsbücher des Jahres 2008 erreichte es Platz vier; die FAZ nannte es eine „klare Analyse der Umweltproblematik und Umweltpolitik“. TAZ und NZZ würdigten die ökonomische Diskussion beziehungsweise die Möglichkeit eigenständiger Urteilsbildung. Die Süddeutsche Zeitung und die Wirtschaftswoche lobten Teile der Analyse, hielten die vorgeschlagenen Alternativen jedoch für kaum praktikabel oder begrenzt. Kritik kam unter anderem von Johannes Kaiser, der Sinn Halbwahrheiten und „populistische Stimmungsmache“ vorwarf, sowie vom Deutschlandfunk, der das Paradoxon als konstruiert kritisierte. Marcel Hänggi meinte dagegen, Sinn treffe „den Nagel auf den Kopf“.

Weiterlesen

These Ursprünglich waren diese Thesen als Anlage einem Brief an den Erzbischof von Mainz und Magdeburg beigefügt. Die 95 Thesen sind im Stil von Disputationsthesen … Fossile Energie Dazu gehören Braunkohle, Steinkohle, Torf, Erdgas und Erdöl. Man nennt diese Energiequellen fossile Energieträger oder fossile Brennstoffe (siehe auch Fossil). Erdatmosphäre Was als Luft bezeichnet wird, besteht im Wesentlichen bei Außerachtlassen des wechselnden Wasserdampfgehalts (d. h. in Volumenprozent trockener … Akkumulation (Geowissenschaften) In der Meteorologie bezeichnet man als Akkumulation die Anhäufung oder Ablagerung von Schnee im Windschatten von Felsen, Bäumen oder Gebäuden bzw. die Bildung … Nachfrage (Mikroökonomie) Als Nachfrage wird in der Mikroökonomie das Streben der Wirtschaftssubjekte nach Gütern oder Dienstleistungen zu einem bestimmten Preis bezeichnet, die der … Angebot (Volkswirtschaftslehre) Dem Angebot steht die Nachfrage gegenüber. Lineare Angebotskurve, die am Schnittpunkt mit der Nachfragekurve den Gleichgewichtspreis erreicht … Preis (Wirtschaft) Der Preis ist die sich aus Angebot und Nachfrage auf einem Markt ergebende und in Geldeinheiten gezahlte Gegenleistung für eine bestimmte Mengeneinheit von … Klimapolitik Die Klimapolitik umfasst einerseits sämtliche politischen Maßnahmen, die darauf abzielen, die globale Erwärmung zu begrenzen, und andererseits die Maßnahmen … Emissionsrechtehandel Der Emissionshandel ist eine marktbasierte Form der Umweltregulierung, die es ermöglicht, dezentral zu entscheiden, wie Emissionen am kosteneffektivsten … Politische Linke Unter der politischen Linken werden relativ breit gefächerte weltanschauliche Strömungen des politischen Spektrums verstanden (siehe auch Links und …