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Chinesische Sprichwörter
Die chinesischen Sprichwörter spiegeln das traditionelle Leben wider und bilden die Quintessenz der Lebenserfahrung des chinesischen Volkes. Beziehungen der …
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Überblick und kulturelle Bedeutung
Chinesische Sprichwörter spiegeln das traditionelle Leben und die gesammelte Lebenserfahrung des chinesischen Volkes wider. Der Oberbegriff für sprichwörtliche oder idiomatische Redensarten lautet 熟語 / 熟语 (shúyǔ). Dazu gehören vor allem Chengyu, Yanyu, Xiehouyu und Nongyan. Die Grenzen zwischen diesen Kategorien überschneiden sich gelegentlich und sind nicht immer eindeutig.
Die chinesische Sprichwortkultur (成語文化 / 成语文化, chéngyǔ wénhuà) besitzt einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert. Wer sich passend auf ein klassisches Werk oder eine bekannte Spruchweisheit bezieht, zeigt traditionell Bildung und guten Stil. In der klassischen Rhetorik galten Zitate bekannter Persönlichkeiten als besonders wichtig. Dahinter steht eine durch Konfuzianismus und klassische Rhetorik geprägte Tradition: Das Lernen von anderen und die Würdigung ihrer Aussagen gelten als tugendhaft; indirekte und bildhafte Ausdrucksweisen werden häufig als gebildet, zivilisiert und höflich verstanden.
Der Artikel stellt dies einem Unterschied zur deutschen Sprach- und Wissenschaftskultur gegenüber: Dort stehen bei Interpretationen eher Eigenleistung und die direkte Formulierung in eigenen Worten im Mittelpunkt, während in China korrektes Wiedergeben und Zitieren stärker als Nachweis von Verständnis und zugleich als Würdigung dienen kann. Der Artikel weist allerdings ausdrücklich darauf hin, dass er nicht hinreichend mit Belegen ausgestattet ist.
Chengyu: feste und meist viergliedrige Wendungen
Chengyu (成語 / 成语, chéngyǔ) sind festgelegte, hochstilisierte Redewendungen, die meistens aus vier Schriftzeichen bestehen und häufig einen literarischen Hintergrund haben. Sie sind oft Verkürzungen längerer Aussagen oder Erzählungen. Die zugehörigen Geschichten können in Vergessenheit geraten, während die verkürzte Wendung weiterverwendet wird. Chengyu setzen häufig einen bestimmten Bildungsgrad voraus. Selten weichen sie von der üblichen Form ab und sind drei- oder fünfgliedrig.
Typische Beispiele sind:
• 愛屋及烏。 / 爱屋及乌。 (Àiwū-jíwū): „Liebe für jemanden schließt auch den Raben auf seinem Hausdach ein.“ Gemeint ist: Wer einen Menschen liebt, liebt alles an ihm.
• 塞翁失馬,焉知非福。 / 塞翁失马,焉知非福。 (Sàiwēng-shīmǎ, yānzhī-fēifú): Dass dem Alten an der Grenze sein Pferd davonlief, könnte sich noch als Glück erweisen. Ein gegenwärtiges Unglück muss also in Zukunft nicht unbedingt ein Unglück bleiben.
• 百聞不如一見。 / 百闻不如一见。 (Bǎiwén bùrú yíjiàn): „Einmal sehen ist besser als hundertmal hören.“
• 君子一言,駟馬難追。 / 君子一言,驷马难追。 (Jūnzǐ-yìyán, sìmǎ-nánzhuī): Das Wort eines Edelmannes kann selbst ein Vierergespann kaum einholen; sinngemäß: „Ein Mann, ein Wort.“
• 謀事在人,成事在天。 / 谋事在人,成事在天。 (Móushì-zàirén, chéngshì-zàitiān): Das Planen liegt beim Menschen, der erfolgreiche Ausgang beim Himmel; vergleichbar mit „Der Mensch denkt, Gott lenkt.“
• 入境問俗。 / 入境问俗。 (Rùjìng-wènsú): Wer in ein fremdes Land kommt, erkundigt sich nach dessen Sitten.
Yanyu: allgemein verständliche Volksweisheiten
Yanyu (諺語 / 谚语, yànyǔ) sind die eigentlichen Sprichwörter beziehungsweise „Redewendungen des Volkes“. Sie sind zum Volksgut geworden und formulieren ihre Aussagen direkter als Chengyu. Deshalb können sie auch ohne besondere literarische Bildung verstanden werden.
Beispiele verdeutlichen ihre Themen und ihre bildhafte Sprache:
• 冰封三尺,絕非一日之寒。 / 冰封三尺,绝非一日之寒。 (Bīng fēng sān chǐ, jué fēi yí rì zhī hán): Eine drei Fuß starke Vereisung entsteht nicht durch die Kälte eines einzigen Tages. Das Sprichwort hat in China eine negative Bedeutung: Schlechte Zustände weisen auf lange Vernachlässigung hin.
• 家家都有一本難念的經。 / 家家都有一本难念的经。 (Jiājiā dōu yǒu yìběn nán niànde jīng): Jede Familie besitzt einen Teil ihrer Geschichte, von dem schwer zu erzählen ist. Außenstehende können innere Schwierigkeiten und Gründe einer Gemeinschaft oft nicht erkennen.
• 路遥知馬力,日久見人心。 / 路遥知马力,日久见人心。 (Lùyáo zhī mǎ lì, rìjiǔ jiàn rén xīn): Auf einem langen Weg erkennt man die Kraft eines Pferdes; nach langer Zeit erkennt man den Charakter eines Menschen.
• 水能载舟亦能覆舟。 (Shuǐ néng zài zhōu yì néng fù zhōu): Wasser kann ein Boot tragen, aber auch versenken.
• 玉不琢不成器。 (Yù bù zhuó bù chéng qì): Unbearbeitete Jade wird nicht zu einem Gefäß.
Nongyan: bäuerliche Alltagsweisheiten
Nongyan (農諺 / 农谚, nóngyán) bilden eine eigenständige Gruppe bäuerlicher Sprichwörter. Sie behandeln landwirtschaftliche Vorzeichen sowie den richtigen Zeitpunkt für Aussaat und Ernte. Im deutschsprachigen Raum entsprechen sie am ehesten den Bauernregeln.
春爭日,夏爭時。 / 春争日,夏争时。 (Chūn zhēng rì, xià zhēng shí) bedeutet: „Im Frühling zählt jeder Tag, im Sommer jede Stunde.“ 春雨貴如油。 / 春雨贵如油。 (Chūnyǔ guì rú yóu) besagt: „Frühlingsregen ist so kostbar wie Öl.“ Beide Wendungen betonen die Bedeutung günstiger Zeitpunkte und Bedingungen für die Landwirtschaft.
Xiehouyu: zweiteilige Wendungen mit unausgesprochenem Schluss
Xiehouyu (歇後語 / 歇后语, xiēhòuyǔ) sind angedeutete Sprichwörter oder Sprichwortellipsen, die vor allem in der gesprochenen Sprache vorkommen. Es handelt sich um zweigliedrige Phraseme, also feste sprachliche Verbindungen: Der A-Teil erzeugt ein anschauliches Bild, der B-Teil liefert die idiomatische Bedeutung. Häufig wird dieser zweite Teil nicht ausgesprochen, weil die Hörenden ihn ergänzen können. Die Bilder stammen vor allem aus dem chinesischen Alltag, aber auch aus historischen Personen und Begebenheiten; der B-Teil gehört zur Umgangssprache.
Ein Beispiel ist 狗咬耗子——多管閒事。 / 狗咬耗子——多管闲事。 (Gǒu yǎo hàozi——duō guǎn xiánshì): „Ein Hund schnappt nach Mäusen — er kümmert sich um Dinge, die ihn nichts angehen.“ Das Bild spielt darauf an, dass Mäusefangen als Aufgabe der Katze gilt.
肉包子打狗——有去無回。 / 肉包子打狗——有去无回。 (Ròubāozi dǎ gǒu——yǒu qù wú huí) bedeutet: Wer mit einer fleischgefüllten, gedämpften Teigtasche nach einem Hund wirft, bekommt sie nicht zurück. Die Wendung bezeichnet etwas, das man abschreiben kann, und dient spöttisch als Bemerkung über Menschen, die Schulden nicht zurückzahlen.
泥菩薩過江——自身難保。 / 泥菩萨过江——自身难保。 (Ní púsà guòjiāng——zìshēn-nánbǎo) beschreibt einen Lehm-Buddha, der beim Überqueren eines Flusses nicht einmal sich selbst schützen kann. Die Wendung kann ausdrücken, dass jemand wegen eigener Schwierigkeiten anderen nicht helfen kann.
Xiehouyu können außerdem mit Lautähnlichkeit und Doppeldeutigkeit arbeiten. Bei 被子裡放屁——能文能武。 / 被子里放屁——能文能武。 lautet das Bild „unter der Decke furzen“. 能文能武 (néngwén-néngwǔ) lobt eigentlich einen Menschen, der sowohl geistige als auch kämpferische Fähigkeiten besitzt. Der Witz entsteht durch das gleichklingende 能聞能捂 / 能闻能捂: Obwohl etwas zugedeckt ist, kann es gerochen werden.