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Bindungstheorie (Sprachwissenschaft)
Beispielsweise ist es die typische Funktion von Reflexivpronomen, anaphorisch zu referieren. Sie müssen dann innerhalb eines bestimmten Bereichs desselben …
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Kern der Bindungstheorie
Die Bindungstheorie ist ein Teilbereich der Linguistik, besonders der generativen Linguistik. Sie beschreibt und erklärt, wie Anaphern, Pronomina und frei referierende Nominalphrasen in Sätzen verteilt sind. Mit Bindung ist die referenzielle Abhängigkeit eines pronominalen Elements von einem Antezedenten gemeint. Ein Antezedent ist der Ausdruck, auf den sich ein Pronomen oder eine Anapher bezieht.
Typisch ist: Reflexivpronomen wie sich müssen innerhalb eines bestimmten Bereichs desselben, auch komplexen, Satzes einen Antezedenten haben, mit dem sie koreferent sind. Koreferent bedeutet, dass zwei Ausdrücke dieselbe Entität bezeichnen. Personalpronomina wie ihn können normalerweise keinen solchen Antezedenten im selben lokalen Bereich haben. Frei referierende Nominalphrasen, zum Beispiel Eigennamen, akzeptieren keinen anderen Ausdruck als Antezedenten.
Die Bindungstheorie entstand in der Transformationsgrammatik und der Extended Standard Theory der 1960er- und 1970er-Jahre. In Chomskys Government and Binding wurde sie zu einer geschlossenen Teiltheorie innerhalb eines größeren syntaktischen Rahmens. Später wurde ihre ursprüngliche Form in vielen zentralen Punkten in Frage gestellt. Besonders Untersuchungen zu anderen Sprachen als Englisch zeigten, dass die von Chomsky formulierten Prinzipien nicht ausreichen. Trotzdem sind Bindungsphänomene in jeder Sprache wichtig, auch in anderen Theorien wie der Head-driven Phrase Structure Grammar (HPSG) oder der Konstruktionsgrammatik.
Grundbeispiele und strukturelle Bindung
Die Beispiele im Artikel zeigen, dass nicht die lineare Reihenfolge der Wörter entscheidet, welcher Ausdruck als Antezedent dienen kann, sondern strukturelle Beziehungen im Satz. Indizes markieren dabei die gemeinte Referenz; koindizierte Elemente haben denselben Referenten. Ein Asterisk zeigt an, dass die markierte Lesart nicht möglich ist.
In einem Satz wie Peter_i mag ihn_*i/j / sich_i/*j kann ihn nicht auf Peter bezogen werden, sich aber schon. In Peter_i freut sich, dass Johan_j ihn_i/*j / sich_*i/j mag ist es umgekehrt: Im eingebetteten Teilsatz kann ihn auf Peter bezogen werden, nicht aber auf Johan; sich muss sich auf Johan beziehen. Das zeigt den Unterschied zwischen Personalpronomen und Reflexivpronomen.
Ein weiteres Beispiel ist Der Vater_i von Johan_j findet ihn_*i/j / sich_i/*j ziemlich toll. Hier kann sich auf Der Vater, aber nicht auf Johan bezogen werden. Johan steht zwar vorher in der Nominalphrase, ist aber darin eingebettet und erfüllt nicht die nötige strukturelle Beziehung. An Johan_i / Er_i mag Johan_*i/j sieht man außerdem, dass Eigennamen nicht einfach durch ein Element im selben Satz koindiziert werden dürfen.
Bindung und C-Kommando
In der Darstellung nach Government and Binding wird Bindung genau definiert. Ein Ausdruck α bindet einen Ausdruck β genau dann, wenn zwei Bedingungen gelten: (i) α ist mit β koindiziert, und (ii) α c-kommandiert β. C-Kommando ist die zentrale strukturelle Relation, unter der Bindung stattfinden kann.
Diese Definition erklärt, warum in Der Vater von Johan findet sich ziemlich toll das Reflexivpronomen sich nicht von Johan gebunden werden kann. Johan ist in der Nominalphrase Der Vater von Johan eingebettet und c-kommandiert das Reflexivum nicht. Der Vater dagegen erfüllt die Bedingung und kann daher als Antezedent dienen.
Die Bindungstheorie unterscheidet auf dieser Grundlage drei Arten nominaler Elemente: Anaphern, Pronomina und R-Ausdrücke. Für jede Gruppe wird ein eigenes Prinzip formuliert. Diese Prinzipien sollen festlegen, ob ein Ausdruck innerhalb seines lokalen Bereichs gebunden sein muss, frei sein muss oder überall frei sein muss.
Drei Bindungsprinzipien
Prinzip A betrifft Anaphern. Als Anaphern gelten hier Reflexiv- und Reziprokpronomina; in Government and Binding zählen auch Spuren bewegter Argumente durch A-Bewegung dazu. Prinzip A lautet: Anaphern müssen innerhalb ihres lokalen Bereichs gebunden sein. Der lokale Bereich wird nicht einfach immer mit dem kleinsten Satz gleichgesetzt. Entscheidend ist ein minimaler Bereich, der die Anapher und das Element enthält, das ihr Kasus gibt, also ihr Regens. Außerdem kann im Englischen auch eine NP als Bindungsbereich wichtig sein.
Die Beispiele Peter_i hört [sich_i / *ihn_i ein Lied singen] und Peter_i sieht [den Mann_j ihm_i / *sich_i zu Hilfe eilen] zeigen, dass Infinitivsätze unterschiedlich wirken können. In einem Fall kann sich vom Subjekt des übergeordneten Satzes gebunden werden, im anderen nicht. Bei englischen Beispielen wie John_i likes stories about himself_i und John_i likes Bill_j's stories about himself_*i/j wird deutlich, dass auch Nominalphrasen einen lokalen Bereich bilden können, wenn sie einen vollständigen funktionalen Komplex darstellen.
Prinzip B betrifft Pronomina, hier Personalpronomina. Es lautet: Pronomina müssen innerhalb ihres lokalen Bereichs frei sein. Frei bedeutet: nicht gebunden. Ein Pronomen darf also durchaus einen Antezedenten außerhalb seines lokalen Bereichs haben, aber innerhalb des lokalen Bereichs darf es nicht durch ein c-kommandierendes Element gebunden sein.
Prinzip C betrifft R-Ausdrücke. R-Ausdrücke sind frei referierende Ausdrücke, also nominale Elemente, die weder Anaphern noch Pronomina sind. Dazu gehören Eigennamen. Prinzip C lautet: R-Ausdrücke sind überall frei. Ein R-Ausdruck darf also keinen Antezedenten haben, der ihn c-kommandiert. Das Beispiel Johan_i glaubt, dass Peter findet, dass Johan*_i schlau ist zeigt, dass der zweite Eigenname Johan nicht auf den ersten Johan bezogen werden kann, wenn dadurch Prinzip C verletzt würde.
Koreferenz und Variablenbindung
Bei Pronomina muss zwischen Koreferenz und Variablenbindung unterschieden werden. Koreferenz liegt vor, wenn zwei referierende Ausdrücke dieselbe Entität meinen. In Johan_i wacht früh auf. Normalerweise macht er_i sich zunächst einmal einen Kaffee kann er auf Johan bezogen werden. Diese Bindung ist nicht durch dieselben syntaktischen Beschränkungen betroffen; wichtig ist, dass die bindende Nominalphrase referiert.
Das zeigt der Kontrast zu *[Kein Junge]_i wollte nach Hause gehen. Er_i hatte viel zu viel Spaß. Kein Junge ist keine referierende NP, sondern ein quantifizierter Ausdruck. Deshalb funktioniert diese Koreferenz nicht.
Variablenbindung liegt vor, wenn ein Pronomen als semantische Variable interpretiert wird, die von einem quantifizierten Ausdruck gebunden wird. In [Kein Junge]_i fand, dass er_i schlecht gesungen hatte kann er durch kein Junge gebunden werden. In *Er_i fand, dass [kein Junge]_i schlecht gesungen hatte ist diese Lesart nicht möglich. Der Kontrast legt nahe, dass eine strukturelle Beziehung wie C-Kommando wichtig ist. Doch Sätze wie Die Note, die [jeder Junge]_i bekommen hatte, war ihm_i viel zu schlecht zeigen, dass C-Kommando allein zu eng gefasst ist. Variablenbindung und Koreferenz unterscheiden sich daher durch die referentiellen Eigenschaften des bindenden Ausdrucks und durch die nötige syntaktische Konfiguration.
Sprachvergleich und Grenzen der Theorie
Die traditionelle Bindungstheorie erhebt einen universellen Anspruch, weil sie Bindungsphänomene auf drei Prinzipien zurückführt. Sprachvergleiche zeigen jedoch, dass diese Prinzipien in ihrer ursprünglichen Form nicht für alle Sprachen ausreichen. Schon der lokale Bereich ist nicht überall gleich bestimmt. Die deutsche Übersetzung von John likes Bill's stories about himself, nämlich Johan_i mag Peters_j Geschichten über sich_i/j, führt bei vielen Muttersprachlern zu keinem so eindeutigen Grammatikalitätsurteil wie im Englischen. Für viele Sprecher kann die Anapher in der NP auch von Johan gebunden werden.
Ein wichtiges Problem ist die lange Anaphernbindung. In manchen Sprachen kann ein Reflexivpronomen über die Grenzen finiter oder nichtfiniter Teilsätze hinweg gebunden werden. Im Isländischen kann das Subjekt eines Matrixsatzes ein Reflexivpronomen über finite Teilsätze hinweg binden, wenn die Verben der intervenierenden Sätze im Konjunktiv stehen: Jón_i segir [að Maria elski sig_i], „John sagt, dass Maria ihn liebe.“ Im Norwegischen ist lange Bindung möglich, wenn die intervenierenden Sätze im Infinitiv stehen: Jon_i bad oss snakke om seg_i, „John bat uns, über ihn zu sprechen.“ Darauf kann eine Theorie reagieren, indem sie Regeln für Anaphern parametrisiert oder Reflexivpronomen als mehrdeutig deutet, nämlich als Anapher oder als logophorisches Pronomen.
Auch das Anapherninventar ist sprachabhängig. Schon im Englischen können Genitivpronomina wie his oder her sowohl pronominal als auch anaphorisch wirken: John_i hates his_i shoes widerspricht dem Prinzip B, weil his lokal gebunden ist; in John_i thinks that Susan hates his_i shoes verhält sich his wieder wie ein Pronomen. In weiteren Sprachen reicht eine Einteilung in nur drei Gruppen nicht aus. Im Holländischen, Isländischen und Norwegischen gibt es morphologisch unterschiedlich komplexe Anaphern. Formen mit -zelf, sjalfan oder selv müssen lokal gebunden sein, während monomorphematische Formen wie zich, sig oder seg lange Bindung erlauben können. Das zeigt etwa der norwegische Gegensatz John_i snakker om seg selv_i und John_i bad oss snakke om seg_i/*seg selv_i.