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Bernhard Pörksen

Bernhard Pörksen (* 1969 in Freiburg im Breisgau) ist ein deutscher Medienwissenschaftler und Hochschullehrer. Bernhard Pörksen (2018) …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Person und akademischer Werdegang
  2. 2. Forschung, Konstruktivismus und Skandale
  3. 3. Digitalisierung und redaktionelle Gesellschaft
  4. 4. Dialog und Zuhören
  5. 5. Öffentliche Arbeit und Veröffentlichungen

Person und akademischer Werdegang

Bernhard Pörksen, geboren 1969 in Freiburg im Breisgau, ist ein deutscher Medienwissenschaftler, Hochschullehrer und Journalist. Seine Arbeit ist vor allem für das Verständnis öffentlicher Kommunikation, digitaler Medien, gesellschaftlicher Empörung und journalistischer Verantwortung wichtig.

Er studierte Germanistik, Journalistik und Biologie in Hamburg und absolvierte auf Einladung von Ivan Illich Forschungsaufenthalte an der Pennsylvania State University. Während und nach dem Studium arbeitete er als Journalist. Von 1997 bis 1999 verfasste er seine Doktorarbeit über die Konstruktion von Feindbildern und den Sprachgebrauch in neonazistischen Medien.

Im Jahr 2000 lehrte Pörksen Kommunikations- und Sprachwissenschaft an der Universität Greifswald. Ab 2002 war er Juniorprofessor für Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Hamburg. 2006 vertrat er an der Universität Münster den Lehrstuhl für Kommunikationstheorie und Medienkultur. Seine Habilitation erfolgte 2007 mit Schriften über konstruktivistische Erkenntnistheorie und mediale Praxis. 2008 wurde er auf einen Lehrstuhl für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen berufen. Von 2009 bis 2011 war er dort Gründungsbeauftragter und Geschäftsführender Direktor des Instituts für Medienwissenschaft.

Forschung, Konstruktivismus und Skandale

Pörksens zentrale Forschungsgebiete sind die Dynamik öffentlicher Empörung, Medienskandale, Medienethik, Kommunikationsmodelle und Kommunikationstheorien, politische und mediale Inszenierung sowie Journalismus und Prominenz. Außerdem beschäftigt er sich mit systemischem Denken und dem Konstruktivismus. Der Konstruktivismus untersucht, wie Menschen ihre Wirklichkeit durch Wahrnehmung, Sprache und Kommunikation hervorbringen beziehungsweise deuten.

In Die Beobachtung des Beobachters vertritt Pörksen einen „diskursiven Konstruktivismus“. Nach diesem Ansatz sollen konstruktivistischer Relativismus und Skeptizismus vor allem als Korrektiv gegen Dogmen im Diskurs dienen, nicht als neue „Heilslehre“. Seine gemeinsam mit Heinz von Foerster, Humberto Maturana und Friedemann Schulz von Thun verfassten Bücher verbinden Erkenntnistheorie, systemisches Denken und Kommunikationspsychologie.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Skandal- und Krisenkommunikation. Nach Pörksen spiegeln Skandale gesellschaftliche Wertedebatten. An kollektiver Empörung lasse sich erkennen, wie ausgeprägt die moralische Sensibilität einer Gesellschaft ist, welche Tabus sie besitzt und wie „reizbar“ sie reagiert. In Der entfesselte Skandal von 2012, gemeinsam mit Hanne Detel, beschreibt er eine neue Eskalationsstufe des Skandals im digitalen Zeitalter. Daten und Dokumente können umfassend verbreitet, durchsucht und ohne ihren ursprünglichen Zusammenhang neu kombiniert werden. Deshalb können nicht mehr nur mächtige oder prominente Personen weltweite unerwünschte Aufmerksamkeit erfahren, sondern auch machtlose und völlig unschuldige Menschen. Eine hohe gesellschaftliche Stellung, die sogenannte gesellschaftliche Fallhöhe, ist damit kein entscheidendes Merkmal eines Skandals mehr.

Digitalisierung und redaktionelle Gesellschaft

In Die große Gereiztheit von 2018 untersucht Pörksen, wie Vernetzung und Digitalisierung Vorstellungen von Wahrheit, Enthüllung, Debatte, Autorität und Macht verändern. Er hält Eli Parisers Modell der Filterblase für irreführend. Nach diesem Modell begegnen Menschen hauptsächlich Informationen, die ihre vorhandenen Ansichten bestätigen. Pörksen verweist dagegen auf empirische Studien, Erkenntnisse der Netzwerktheorie und die alltägliche Vielfalt von Informationen.

Als Gegenbegriff verwendet er „Filterclash“: Damit meint er das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Parallelöffentlichkeiten im digitalen Zeitalter. Menschen können sich zwar in ein „Selbstbestätigungsmilieu“ zurückziehen, unter vernetzten Bedingungen aber den Weltanschauungen anderer nicht vollständig ausweichen. Aus dieser Nähe gegensätzlicher Sichtweisen entstehe die „große Gereiztheit“ beziehungsweise eine Überhitzung und Polarisierung der Kommunikation.

Als Antwort fordert Pörksen eine Erziehung zur Medienmündigkeit. Jeder Bürger soll lernen, sein eigener journalistischer Gatekeeper zu werden. Ein Gatekeeper prüft, bewertet und wählt Informationen aus. Pörksen bezeichnet dieses Ziel als „Utopie einer redaktionellen Gesellschaft“: Grundsätze guten Journalismus sollen zu einer allgemeinen publizistischen Ethik werden. Dazu gehören das Zwei-Quellen-Prinzip, also die Überprüfung einer Information mithilfe mindestens zweier Quellen, und „Audiatur et altera pars“, die Forderung, auch die andere Seite anzuhören. Diese Bildungsvision wurde sowohl gelobt als auch als naiv kritisiert.

Pörksen nennt drei Wege zu einer redaktionellen Gesellschaft. Erstens schlägt er ein neues Schulfach an der Schnittstelle von philosophischer Ethik, Sozialpsychologie, Medienwissenschaft und Informatik vor. Es soll Medien- und Machtanalyse sowie praktische Medienarbeit vermitteln. Zweitens soll Journalismus transparenter und dialogischer werden und sich einem fortlaufenden Gespräch mit seinem inzwischen selbst medienmächtigen Publikum öffnen. Dieses Publikum nennt er die „fünfte Gewalt“. Drittens schlägt er Plattformräte vor. Ein Plattformrat wäre eine neu zu gründende Anlaufstelle, ein Schiedsrichter und eine Korrekturinstanz für Entscheidungen digitaler Plattformen. Er soll unter anderem die Moderation von Inhalten, die Beeinflussung der öffentlichen Meinung sowie den Umgang mit politischer Werbung und Desinformation sichtbar und diskutierbar machen, ohne die Rede- und Meinungsfreiheit einzuschränken.

Dialog und Zuhören

In Die Kunst des Miteinander-Redens von 2020 untersuchen Pörksen und der Kommunikationspsychologe Friedemann Schulz von Thun, wie die Qualität gesellschaftlicher Debatten verbessert werden kann. Sie verbinden Medienwissenschaft und Psychologie und fragen, wie Gespräche mit radikal Andersdenkenden, Verschwörungstheoretikern und Vertretern extremistischer Positionen möglich bleiben können. Dabei behandeln sie auch Grenzen und „rote Linien“ des Diskurses. Mithilfe von Rollenspielen und kommunikationspsychologischen Modellen wie dem Werte- und Entwicklungsquadrat erläutern sie Techniken der Polarisierung und der Konfliktentschärfung. Den Kern ihrer dialogischen Ethik bildet die Verbindung von Empathie und klärender Konfrontation: Man soll das Gegenüber verstehen wollen und zugleich in der Sache streiten.

In Zuhören. Die Kunst, sich der Welt zu öffnen von 2025 beschreibt Pörksen das Zuhören als Grundlage öffentlicher Debatten und als elementare, häufig unterschätzte Kraft der Kommunikation. Ohne Zuhören seien respektvoller Streit, gelingende Begegnung und wirkliche Versöhnung nicht möglich.

Er unterscheidet zwei Formen. Das „Ich-Ohr-Zuhören“ beruht auf egozentrischer Aufmerksamkeit: Entscheidend ist dabei, ob die Aussagen des anderen mit den eigenen Überzeugungen übereinstimmen. Beim „Du-Ohr-Zuhören“ nicht egozentrischer Aufmerksamkeit fragt man dagegen, in welcher Welt das Gesagte sinnvoll, wahr und plausibel erscheint. Dafür soll man versuchen, sich von den eigenen Filtern und Überzeugungen zu lösen. Der zugehörige Imperativ lautet: „Erkenne das andere in seiner Andersartigkeit, seiner Fremdheit, seiner Schönheit, seinem Schrecken.“ Anhand von Fallstudien behandelt Pörksen unter anderem den lange kaum beachteten Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule, die „wissende Ignoranz“ gegenüber Klimakrise und Artensterben, die Entwicklung eines „ökologischen Gehörs“ sowie die Bedeutung persönlicher Erfahrungen und sogenannter Tiefengeschichten. Der Begriff „Tiefengeschichten“ stammt von der Soziologin Arlie Hochschild.

Öffentliche Arbeit und Veröffentlichungen

Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit veröffentlicht Pörksen Kommentare und Essays zu aktuellen Debatten und medienpolitischen Fragen in deutschen, österreichischen und schweizerischen Medien. Seit 2013 verfasste er im Wechsel mit Ulrich Raulff und Ludwig M. Eichinger die sprachkritische Radio- und Interviewkolumne Wort der Woche auf SWR 2. Seine Beiträge behandeln unter anderem Katastrophenberichterstattung unter Echtzeitbedingungen, die Verantwortung von Internetplattformen, Finanzierungsmodelle für Qualitätszeitungen, Verschwörungstheorien, mediale Transparenz, Moralisierung und Skandalisierung, Debattenkultur, Storytelling im Journalismus, Klimakommunikation und Desinformation.

Gemeinsam mit Studierenden aus Hamburg und Tübingen veröffentlichte er mehrere Bücher zu Medien- und Debattenthemen. Seit 2010 veranstaltet er zusammen mit dem SWR die Tübinger Mediendozentur. Außerdem gehört er zu den Initiatoren der Ende November 2016 veröffentlichten Charta der Digitalen Grundrechte der Europäischen Union. Während der Corona-Pandemie wandte er sich gegen Verschwörungserzählungen und kritisierte zugleich die Krisenkommunikation der Bundesregierung. Anfang 2022 forderte er, Gatekeeper in Journalismus und Wissenschaft zu stärken, um relevante Fakten von Desinformation unterscheiden zu können. Von 2024 bis Ende 2025 schrieb er als Spiegel-Kolumnist eine öffentliche Blattkritik mit dem Ziel, Transparenz, Fehlerkultur und verbesserungsorientierte Medienkritik zu fördern.

Zu seinen wichtigen Schriften zählen Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners mit Heinz von Foerster (1998), Vom Sein zum Tun mit Humberto R. Maturana (2002), Der entfesselte Skandal mit Hanne Detel (2012), Die Beobachtung des Beobachters (2015), Die große Gereiztheit (2018), Die Kunst des Miteinander-Redens mit Friedemann Schulz von Thun (2020), Digital Fever (2022), Die redaktionelle Gesellschaft (2024) und Zuhören (2025). Mehrere Werke wurden übersetzt oder als Hörbücher veröffentlicht.

Zu den Auszeichnungen gehören „Professor des Jahres“ 2008, der Preis „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ 2021, der Erich-Fromm-Preis 2024 für Werk und öffentliches Engagement sowie der Preis für Wissenschaftskommunikation der Universität Tübingen 2026. Die große Gereiztheit wurde im März 2018 zum Sachbuch des Monats gewählt; Zuhören stand 2025 auf der Longlist des NDR-Sachbuchpreises und im Februar auf der Sachbuch-Bestenliste der Zeit.

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