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Jörn Leonhard

Seine Bücher Die Büchse der Pandora von 2014 und Der überforderte Frieden von 2018 etablierten ihn als wichtigen Vertreter der Globalgeschichte. Jörn Leonhard …

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Person und akademischer Werdegang
  2. 2. Forschungsprofil und zentrale Themen
  3. 3. Wichtige Werke und ihre Bedeutung
  4. 4. Preise, Fellowships und wissenschaftliche Funktionen

Person und akademischer Werdegang

Jörn Leonhard (* 27. Mai 1967 in Birkenfeld/Nahe) ist ein deutscher Historiker. Seit 2006 ist er Professor für Neuere und Neueste Geschichte Westeuropas am Historischen Seminar der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Durch seine Forschungen und besonders durch die Bücher Die Büchse der Pandora (2014) und Der überforderte Frieden (2018) gilt er als wichtiger Vertreter der Globalgeschichte.

Nach dem Abitur an der Eleonorenschule Darmstadt 1986 studierte Leonhard von 1987 bis 1994 Geschichte, Politische Wissenschaft und Germanistik an der Universität Heidelberg und der University of Oxford. 1992 erwarb er in Oxford den Master of Studies in Modern History, 1994 in Heidelberg den Magister Artium. 1998 wurde er bei Volker Sellin in Heidelberg mit der Dissertation Liberalismus. Zur historischen Semantik eines europäischen Deutungsmusters zum Dr. phil. summa cum laude promoviert.

Von 1998 bis 2003 war Leonhard Fellow und Tutor in Modern History am Wadham College der University of Oxford und Fachlektor des DAAD für Neuere Deutsche und Europäische Geschichte. 2003 bis 2004 erhielt er ein Förderstipendium des Historischen Kollegs München. 2004 habilitierte er sich in Heidelberg mit Bellizismus und Nation. Kriegsdeutung und Nationsbestimmung in Europa und den Vereinigten Staaten 1750–1914. Von 2004 bis 2006 war er Friedrich-Schiller-Hochschuldozent für Europäische Geschichte an der Universität Jena.

2007 gründete er gemeinsam mit Ulrich Herbert die School of History des Freiburg Institute for Advanced Studies; beide leiteten sie bis 2012. 2012/13 war Leonhard Forschungsprofessor am Minda de Gunzburg Center for European Studies der Harvard University. Rufe an die Universität Jena (2006 und 2015), die Humboldt-Universität zu Berlin (2010), das Kulturwissenschaftliche Institut in Essen und die Ruhr-Universität Bochum (2017) lehnte er ab.

Leonhard war Principal Investigator und Vorstandsmitglied im DFG-Sonderforschungsbereich 948 „Helden, Heroisierungen, Heroismen“ und ist Mitglied im DFG-Graduiertenkolleg 2571 „Imperien: Dynamischer Wandel, Temporalität und nachimperiale Ordnungen“ an der Universität Freiburg. Seit 2023 gehört er dem Herausgebergremium der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte an; 2024 wurde er Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina.

Forschungsprofil und zentrale Themen

Leonhard untersucht die Geschichte Europas und der Welt vom Ende des 18. Jahrhunderts bis ins 20. Jahrhundert. Methodisch arbeitet er mit einer Trias aus Vergleich, Transfer und Verflechtung. Vergleich bedeutet, historische Entwicklungen in unterschiedlichen Ländern oder Regionen systematisch gegenüberzustellen. Transfer bezeichnet die Übertragung von Ideen, politischen Formen oder Erfahrungen zwischen Gesellschaften. Verflechtung nimmt gegenseitige Beziehungen und Abhängigkeiten in den Blick.

Zu seinen konzeptionellen Ansätzen gehören die komparative Historische Semantik, also der Vergleich der Bedeutungen historischer Begriffe, sowie Diskurs-, Erfahrungs- und Argumentationsgeschichte. Er fragt damit unter anderem danach, wie politische Begriffe verwendet wurden, welche Erfahrungen historische Akteure prägten und mit welchen Argumenten sie politische Entwicklungen deuteten.

Thematische Schwerpunkte sind die Geschichte von Liberalismus und Nationalismus, die Geschichte von Krieg und Frieden sowie die Erforschung multiethnischer Empires im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Seine Arbeiten verbinden damit politische Ideen- und Begriffsgeschichte mit einer europäischen und globalen Perspektive.

Wichtige Werke und ihre Bedeutung

Die Dissertation Liberalismus. Zur historischen Semantik eines europäischen Deutungsmusters erschien 2001. Sie untersucht den Begriff „Liberalismus“ im 19. Jahrhundert vergleichend für Frankreich, Deutschland, Italien und England. Die Habilitationsschrift Bellizismus und Nation. Kriegsdeutung und Nationsbestimmung in Europa und den Vereinigten Staaten 1750–1914 erschien 2008; sie behandelt die Deutung des Krieges und die Bestimmung der Nation in Europa und den Vereinigten Staaten.

Die Büchse der Pandora. Geschichte des Ersten Weltkriegs erschien 2014 bei C. H. Beck, München, in der 5. Auflage ebenfalls 2014. Eine englische Fassung mit dem Titel Pandora's Box. History of the First World War veröffentlichte Harvard University Press 2018. Das Werk erhielt unter anderem den NDR-Kultur Sachbuchpreis, den Preis „Geisteswissenschaften International“ und 2018 den Norman B. Tomlinson Jr. Prize der World War One Historical Association für Pandora’s Box. A History of the First World War.

Der überforderte Frieden. Versailles und die Welt 1918–1923 erschien im Herbst 2018 bei C. H. Beck. Das Buch entstand im Zusammenhang mit Leonhards Forschungsstipendium des Instituts für Zeitgeschichte am Historischen Kolleg München im akademischen Jahr 2016/17. Es behandelt die Friedensordnung nach dem Ersten Weltkrieg und ihre weltweiten Zusammenhänge.

Zu den späteren Monografien gehören gemeinsam mit Ulrike von Hirschhausen Empires. Eine globale Geschichte 1780–1920 (2023) und Über Kriege und wie man sie beendet. Zehn Thesen (2023). Weitere Schwerpunkte seiner Herausgeberschaften sind Nationalismen in Europa, multiethnische Imperien und das Militär, Vergleiche von Imperien, Liberalismus im 20. Jahrhundert, Deutschland und Frankreich im 20. Jahrhundert sowie die Neuordnung der Welt im Jahr 1919.

Preise, Fellowships und wissenschaftliche Funktionen

Leonhard erhielt 1992 den German History Prize der University of Oxford. Für seine Dissertation folgten 1998 der Forschungspreis des Deutschen Historischen Instituts London und 1999 der Wolf-Erich-Kellner Forschungspreis. 2001 war er Visiting Research Fellow der Alexander-von-Humboldt-Stiftung am German-American Center for Visiting Scholars in Washington D.C.; 2002 wurde er Fellow of the Royal Historical Society London (F.R.Hist.S.).

Für seine Habilitationsschrift erhielt er 2006 den Werner-Hahlweg-Forschungspreis und wurde 2009 im Wettbewerb „Historisches Buch des Jahres 2008“ in der Kategorie Neuere Geschichte ausgezeichnet. Weitere Stationen und Ehrungen waren eine Gastprofessur an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris (2008), der Landesforschungspreis Baden-Württemberg für Grundlagenforschung für 2009 (2010), ein Visiting Research Fellowship in Harvard (2012/13) und die Wahl zum Ordentlichen Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften (2015).

Für Die Büchse der Pandora erhielt Leonhard 2014 den NDR-Kultur Sachbuchpreis und 2015 den Forschungspreis „Geisteswissenschaften International“. 2016/17 war er Senior Fellow am Historischen Kolleg München. 2019 wurde er Honorary Fellow for Life des Wadham College der Universität Oxford. 2021 erhielt er die Zusage einer Opus Magnum-Förderung der Volkswagenstiftung für das Buchprojekt Die Krise der Welt, 1918–1941, mit drei Forschungssemestern ab dem Wintersemester 2022/23. 2024 erhielt er den Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis.

Zu seinen wissenschaftlichen Mitgliedschaften und Beratungsfunktionen zählen Beiräte der Zeitschriften Contributions to the History of Concepts und Ricerche di Storia Politica, der Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus, historischer Institute in Paris, London und Trient sowie des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg. Er war in Auswahl- und Bewilligungsgremien der Studienstiftung des deutschen Volkes, der Alexander-von-Humboldt-Stiftung und der Deutschen Forschungsgemeinschaft tätig. Außerdem gehört er unter anderem dem Frankreich-Zentrum, dem Nietzsche-Forschungszentrum und dem Africa Center for Transregional Research der Universität Freiburg sowie dem Senat der Deutschen Nationalstiftung an.

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