Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Angststillstand
Angststillstand. Warum die Meinungsfreiheit schwindet ist ein zeitdiagnostisches Sachbuch von Richard David Precht, das im Oktober 2025 bei Goldmann in …
Inhalt4 Abschnitte
Gegenstand und Ausgangspunkt
Angststillstand. Warum die Meinungsfreiheit schwindet ist ein zeitdiagnostisches Sachbuch von Richard David Precht. Es erschien im Oktober 2025 bei Goldmann in München. Precht untersucht, warum die subjektiv wahrgenommene Meinungsfreiheit in Deutschland seiner Diagnose zufolge stark abnimmt. Mit subjektiver Meinungsfreiheit ist das Gefühl gemeint, die eigene Meinung ohne Angst vor negativen Folgen äußern zu können.
Ausgangspunkt ist eine seit über 70 Jahren jährlich vom Institut für Demoskopie Allensbach gestellte Frage: „Kann man heute in Deutschland noch frei seine Meinung äußern oder sollte man besser vorsichtig sein?“ Seit Anfang der 1970er-Jahre habe der ermittelte Wert bei etwa 83 Prozent gelegen. Ab den 1990er-Jahren habe eine „beschleunigte Talfahrt“ begonnen: Während der Covid-Pandemie hätten nur noch 45 Prozent der Bevölkerung geglaubt, ihre Meinung frei äußern zu können; 2023 seien es 40 Prozent gewesen. Precht bewertet dies als alarmierend für eine liberale Demokratie.
Er unterscheidet diese Entwicklung von staatlicher Unterdrückung: In Deutschland gebe es laut ihm kaum staatliche Repressionen, keine allgemeinen Zensurbehörden und kein staatliches Spitzelsystem. Grenzen der Meinungsfreiheit begännen jedoch bereits bei Selbstzensur, also wenn Menschen ihre Auffassung aus Angst vor heftigem Widerspruch, Ausgrenzung oder öffentlicher Bloßstellung nicht äußern. Als juristisches Beispiel nennt er den 2021 eingeführten Tatbestand des § 188, der Beleidigung, üble Nachrede und Verleumdung gegen Personen des politischen Lebens betrifft, sowie die daraus 2024 entstandene Schwachkopf-Affäre.
Individualisierung und kulturelle Neotenie
Precht erklärt zunehmende Intoleranz gegenüber abweichenden Meinungen und eine Rechthaberattitüde mit Individualisierung. Menschen in westlichen Gesellschaften seien dadurch anspruchsvoller, zugleich aber verletzlicher geworden: Wer mehr Wert auf die eigene Individualität lege und Dinge stärker persönlich nehme, fühle sich leichter gekränkt, beleidigt oder missachtet.
Sein Bild der „Axolotisierung“ knüpft an den Axolotl an. Dieser mexikanische Schwanzlurch durchläuft keine Metamorphose und bleibt biologisch im Larvenstadium; dies heißt Neotenie. Precht überträgt das als „kulturelle Neotenie“ auf die Gesellschaft: Das ständige Streben nach Sichtbarkeit und Anerkennung, Ich-Bezogenheit und intuitives Bewerten seien für ihn kindliche Eigenschaften. Axolotisierung bedeute ein Maximum an Meinungsfreude bei einem ebenso großen Maximum an Orientierungslosigkeit.
Dies geschehe nach Precht in einem kulturellen Kapitalismus, in dem viele Menschen ihre Besonderheit zelebrierten. Er kritisiert eine Linke, die nicht mehr den Kapitalismus überwinden wolle, sondern den kulturellen Kapitalismus verstärke. Statt einer Weltrevolution fordere sie eine Selbstrevolution und schaffe Macht mit zunehmend subtilen Mitteln. Sprache könne dabei gesellschaftliche Verhältnisse normieren. Precht sieht auch die Herrschaft über sprachliche Umgangsformen als autoritäre Struktur beziehungsweise als „Dispositiv“ der Macht.
Verengte Meinungskorridore und Angststillstand
Das „Seerosen-Dilemma“ beschreibt Precht mit einem Teich: Wachsen Seerosen immer weiter, bleibt immer weniger freies, sauerstoffreiches Wasser; schließlich „kippt“ das Gewässer. Übertragen auf den öffentlichen Meinungsraum bedeute dies: Wenn sich alle maximal entfalten und Empfindlichkeiten sowie Verletzlichkeiten zunehmen, schrumpfe der freie Raum für öffentliche Meinungen. Precht sieht diese Entwicklung in westlichen Gesellschaften, in Deutschland aber besonders zugespitzt. Die Anpassung an einen „Moralmarkt“ und an aktuelle Moralströmungen könne Gegenreaktionen und zahlreiche gesellschaftliche „Risse“ erzeugen.
Als „Tyrannei der öffentlichen Meinung“ bezeichnet er – mit Alexis de Tocqueville – einen energischen und unfairen Kampf um Deutungshoheit. Er nennt vier Konfliktfelder: Erklärungen zur Vorgeschichte des russischen Angriffs auf die Ukraine, Kritik an der Verhältnismäßigkeit staatlicher Covid-19-Maßnahmen, eine nicht einseitige Bewertung der Verbrechen im Nahostkonflikt sowie Zweifel an einem drohenden russischen Angriffskrieg gegen Deutschland. In diesen Fällen würden Menschen nach Prechts Darstellung schnell öffentlich angeprangert oder bestimmten Lagern zugeordnet.
Er führt dies auf eine von Journalisten der Leitmedien erzeugte „Doxa“ zurück, ein Begriff von Pierre Bourdieu für als selbstverständlich akzeptierte und kaum hinterfragte Annahmen. Während etwa über Rente, Gesundheit, Arbeit und Bildung offen gestritten werde, seien bestimmte außen- und verteidigungspolitische Fragen laut Precht weniger offen diskutierbar.
„Angststillstand“ meint bei Precht die Folge solcher Beschämung: Menschen und Institutionen vermeiden abweichende Positionen aus Angst und vorauseilendem Gehorsam. Als Beispiel beschreibt er einen Kinderbuchverlag, der Der junge Häuptling Winnetou nach Instagram-Kritik wegen „kulturelle[r] Aneignung“, „rassistische[r] Vorurteile“ und „romantisierenden Völkermord“ aus dem Programm nahm. Der Verlag kündigte an, sich künftig intensiver mit Diversität und kultureller Aneignung zu befassen sowie externe Fachberater und Sensitivity Reader einzubeziehen. Besonders deutlich sieht Precht Angststillstand im Kunstbereich, etwa bei Filmproduzenten, Ausstellungsmachern, Intendanten, Verlagen und Museumsdirektoren.
Resilienz als Forderung
Precht plädiert für Resilienz, also die Fähigkeit, Belastungen und insbesondere Widerspruch auszuhalten. Freie Selbstverwirklichung brauche nicht nur Rücksichtnahme anderer, sondern auch ein hohes Maß an Meinungsfreiheit; sonst könne Freiheit selbst restriktiv werden. Gesellschaftliche Veränderungen könnten seiner Auffassung nach nur gelingen, wenn Menschen widerstandsfähig genug seien, abweichende Ansichten zu ertragen.
Er fordert Medien, Politik und Institutionen, die sich Emanzipation und Fortschritt verpflichtet fühlen, auf, den Verlust subjektiver Meinungsfreiheit nicht weiter zu tabuisieren und sich damit auseinanderzusetzen. Seine Schlussfolgerung lautet: „Die Öffentlichkeit muss sich selbst gegenüber ehrlicher werden.“