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Ambiguitätstoleranz

Ambiguitätstoleranz ist auch eine Voraussetzung für die interkulturelle Kompetenz eines Menschen. Studien zufolge korreliert sie nicht mit einem formalen …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Grundgedanke
  2. 2. Persönlichkeit, Rollen und Denken
  3. 3. Ungewissheit in der klinischen Psychologie
  4. 4. Kulturelle Unterschiede aushalten
  5. 5. Ambiguität im Design Thinking
  6. 6. Ambiguität in der islamischen Kultur

Bedeutung und Grundgedanke

Ambiguitätstoleranz, auch Unsicherheits- oder Ungewissheitstoleranz, ist die Fähigkeit, mehrdeutige Situationen und widersprüchliche Handlungsweisen auszuhalten. Dazu gehören Widersprüche, kulturell bedingte Unterschiede und mehrdeutige Informationen, die schwer verständlich oder sogar inakzeptabel wirken können.

Menschen mit hoher Ambiguitätstoleranz können Mehrdeutigkeit wahrnehmen, ohne aggressiv darauf zu reagieren. Sie können sowohl einseitig negative als auch vorbehaltlos positive Bewertungen, wie sie bei kulturellen Unterschieden vorkommen können, leichter prüfen. Der Begriff ist für Persönlichkeitsentwicklung und soziales Lernen wichtig und gilt als Voraussetzung interkultureller Kompetenz. Studien zufolge hängt Ambiguitätstoleranz nicht mit dem formalen Bildungsniveau zusammen.

Je nach Theorie gilt sie als Persönlichkeitseigenschaft oder als kognitiver und perzeptueller Prozess, also als Vorgang der Wahrnehmung und Informationsverarbeitung. Psychoanalytische Ansätze zählen sie zu den Ich-Funktionen. Bei sehr geringer Toleranz führen unberechenbare und unkontrollierbare Situationen oft zu Stress und Unbehagen. Betroffene versuchen dann eher, durch einfache, unreflektierte Ideen, Regelsysteme und lineares Denken wieder Ordnung herzustellen. Die Doppelbindungstheorie betrachtet ein Übermaß an Ambiguitäten als Hauptursache für die Entstehung einer Schizophrenie.

Persönlichkeit, Rollen und Denken

Else Frenkel-Brunswik definierte Ambiguitätstoleranz 1949 als messbare Fähigkeit, positive und negative Eigenschaften in demselben Objekt gleichzeitig erkennen zu können. Sie verstand sie als Basisvariable der emotionalen und kognitiven Orientierung eines Menschen gegenüber dem Leben. In Forschungen zur autoritären Persönlichkeit beobachtete sie bei Kindern eine ethnozentrische Voreingenommenheit.

Nach Frenkel-Brunswik können manche Menschen positive und negative Eigenschaften ihrer Eltern sowie Liebe und Hass gegenüber derselben Person akzeptieren, ohne große Angst oder Konflikte zu erleben. Andere stellen Eltern dagegen als vollständig gut oder vollständig schlecht dar. Dieses Schwarz-Weiß-Denken ist ein Extrem der Ambiguitätsintoleranz: Um es aufrechtzuerhalten, werden Aspekte der Realität ausgeblendet, die der einfachen Lösung widersprechen. Ambiguitätstoleranz ist jedoch nicht dasselbe wie emotionale Ambivalenz. Ambivalenz bezeichnet das gleichzeitige Vorhandensein liebevoller und hasserfüllter Impulse gegenüber demselben Objekt.

Im Rollenkonzept liegt Ambiguitätstoleranz vor, wenn eine Person ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Rollenerwartungen und eigenem Rollenentwurf findet und dadurch Rollenkonflikte aushalten kann. Sie bedeutet, Vieldeutigkeit und Unsicherheit zur Kenntnis zu nehmen und zu ertragen, ohne dass alle Widersprüche aufgelöst sein müssen. Stanley Budner beschreibt eine ambiguitive Situation als Lage mit zu wenigen Hinweisen; sie ist durch Neuheit, Komplexität und Unlösbarkeit gekennzeichnet.

Ambiguitätsintolerante Personen reagieren laut Budner und MacDonald auf solche Reize mit psychischem Unwohlsein. Ambiguitätstolerante Personen dulden sie nicht nur passiv, sondern können sogar ein Bedürfnis nach ihnen haben. Das IMA-40 misst fünf Dimensionen der Toleranz beziehungsweise Intoleranz gegenüber scheinbar unlösbaren Problemen, sozialen Konflikten, Rollenstereotypien, dem Elternbild und Offenheit für neue Erfahrungen. Bei deutlich geschwächter oder fehlender Toleranz wird vom Ambiguitätstoleranz-Defizit-Syndrom (ATDS) gesprochen; Betroffene können unklare Reize vorschnell und ohne Umsicht oder geordnete Planung beantworten.

Die Kognitionspsychologie versteht Ambiguitätstoleranz eher als bereichsspezifisches Regulativ: Sie steuert Aufnahme, Verarbeitung und Speicherung von Informationen in widersprüchlichen Situationen und soll passende logische Bewältigungsformen ermöglichen. Toleranz für ambivalente Gefühle gegenüber Personen lässt sich nicht automatisch auf gegensätzliche Organisationslogiken übertragen, etwa in der Personalentwicklung von Führungskräften; eine Übertragung zwischen Ambivalenzebenen wird aber als erlernbar vermutet. Empirisch besteht laut Oriel FeldmanHall und Marc-Lluís Vives keine positive Korrelation zwischen Ambiguitätstoleranz und Risikobereitschaft.

Ungewissheit in der klinischen Psychologie

Geringe Ungewissheitstoleranz oder Intoleranz gegenüber Ungewissheit bezeichnet die Disposition, ungewisse Situationen besonders schlecht auszuhalten. Betroffene empfinden ungewisse Ausgänge schnell als Bedrohung, fühlen sich dadurch gelähmt und erleben Ungewissheit als schwer erträglich.

Die kanadische Forschergruppe um Michel Dugas untersucht das Phänomen Intolerance of Uncertainty (IU) etwa seit Mitte der 1990er Jahre. IU wird als kognitive Verzerrung beschrieben, die beeinflusst, wie eine Person ungewisse Situationen wahrnimmt, interpretiert und auf sie reagiert. Daraus kann eine negative emotionale, kognitive und verhaltensbezogene Reaktion entstehen.

Betroffene bemühen sich in ungewissen Lagen oft extrem um Kontrolle und wollen selbst geringfügige Ungewissheiten beseitigen. Dies kann sich in quälendem Sorgenmachen, intensiver Informationssuche, Vergewisserungsverhalten und anderen Kontrollhandlungen zeigen. Studien weisen darauf hin, dass geringe Ungewissheitstoleranz ein wichtiger Vulnerabilitätsfaktor, also ein Risikofaktor für psychische Probleme, ist. Sie gilt als bedeutsamer transdiagnostischer Faktor, insbesondere bei Angst- und Zwangsstörungen. Erste psychotherapeutische Behandlungsprogramme und Selbsthilferatgeber liegen vor.

Kulturelle Unterschiede aushalten

Im transkulturellen Kontext bedeutet Ambiguitätstoleranz, Widersprüche und gegensätzliche Erwartungen auszuhalten, die durch kulturelle Unterschiede oder mehrdeutige Informationen entstehen. Menschen mit hoher Toleranz können in neuen, unstrukturierten und schwer kontrollierbaren Situationen Abweichungen von der gewohnten Normalität sowie unerwartete Reaktionen und Handlungen akzeptieren, statt sie als Bedrohung zu erleben. Dadurch bleiben sie handlungsfähig.

Bei der Anpassung an eine fremde kulturelle Situation kann Ambiguitätsintoleranz dagegen zu Konfusionen führen.

Ambiguität im Design Thinking

Im Design-Thinking-Prozess ist Ambiguitätstoleranz Teil des Innovationsprozesses. Die Ambiguitätsregel besagt, dass ein Team auf dem Weg zu einer Innovation das Verlorensein in der Mehrdeutigkeit annehmen muss. Es soll die Suche nicht aufgeben, bis es mit einer neuen Innovationsidee wieder aus der Ambiguität hervorkommt.

Ambiguität in der islamischen Kultur

Thomas Bauer vertritt in seinem Buch Die Kultur der Ambiguität (2011) die Auffassung, dass sich die Kultur des Islam bis ins 19. Jahrhundert durch Ambiguitätstoleranz ausgezeichnet habe. Als Beispiel nennt er ältere Korankommentare, die mehrere Interpretationen nebeneinanderstellen, ohne eine als die richtige festzulegen. Auch die Idee des Idschtihād zeige dies, weil sie Wahrheit als Prozess und nicht als Dogma verstehe.

Bauer zufolge verdrängten westlicher Einfluss im Zuge des Kolonialismus und die Unterlegenheit gegenüber dem Westen ab Mitte des 19. Jahrhunderts diese klassische ambiguitätstolerante Kultur. Er hält Ambiguitätstoleranz für erlernbar, etwa durch Beschäftigung mit Musik, Kunst, Literatur und Dichtung, da diese mehrdeutig sind und deshalb selbst Ambiguitätstoleranz voraussetzen.

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