Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Agrarökologie
Das Wort Agrarökologie, seltener Agroökologie, kann eine Wissenschaft, eine Bewegung oder eine Praxis bezeichnen. Inhaltsverzeichnis.
Inhalt5 Abschnitte
Grundidee und Bedeutungen
Agrarökologie, seltener Agroökologie, bezeichnet je nach Zusammenhang eine Wissenschaft, eine soziale Bewegung oder eine landwirtschaftliche Praxis. Im deutschsprachigen Raum wird sie entweder als Teilgebiet der Ökologie oder als Teilgebiet der Landwirtschaft verstanden.
Als Teil der Ökologie bedeutet sie „die Ökologie von Agrarökosystemen“. Agrarökosysteme sind durch Landwirtschaft geprägte Ökosysteme, etwa Äcker und Grünland. Als Teil der Landwirtschaft meint Agrarökologie eine „agrarökologische Landwirtschaft“, also ein Landbewirtschaftungsmodell. Sie ist dabei von Stadtökologie und Humanökologie ebenso zu unterscheiden wie von ökologischer Landwirtschaft (Bio-Landbau) und industrieller Landwirtschaft.
Entwicklung des Begriffs
Anfangs bezog sich Agrarökologie auf Pflanzenproduktion und Pflanzenschutz. Später kamen umweltbezogene, soziale, ökonomische, ethische und entwicklungsbezogene Aspekte hinzu. Der englische Begriff wurde erstmals 1928 verwendet. Bis in die 1960er Jahre war Agrarökologie ausschließlich eine wissenschaftliche Disziplin. Seitdem entwickelten sich verschiedene Zweige.
Aus Umweltbewegungen der 1960er Jahre, die sich gegen industrielle Landwirtschaft richteten, entstanden in den 1990er Jahren agrarökologische Bewegungen. Seit den 1980er Jahren entwickelte sich Agrarökologie außerdem als Praxis, oft verbunden mit diesen Bewegungen. In den letzten 80 Jahren erweiterte sich ihr Blick von einzelnen Feldern auf die Ebene ganzer Agrarökosysteme.
Die Bedeutung unterscheidet sich regional: In Deutschland hat Agrarökologie eine lange Tradition als wissenschaftliche Disziplin und ist nicht mit den anderen Bedeutungen verknüpft. In den Vereinigten Staaten und Brasilien umfasst der Begriff alle drei Bedeutungen; in den USA dominiert die wissenschaftliche Bedeutung, in Brasilien die Bewegung und Praxis. In Frankreich wurde darunter lange vor allem eine Praxis verstanden.
Agrarökologie als Wissenschaft
Als Wissenschaft gehört Agrarökologie zur Ökologie oder Landschaftsökologie. Sie untersucht ökologische Zustände und Prozesse in Agrarökosystemen sowie den Ökosystemkomplex Agrarlandschaft als Ganzes. Dabei betrachtet sie nicht nur landwirtschaftlich genutzte Flächen wie Acker- und Grünland. Sie bezieht auch funktional verknüpfte, naturnähere Ökosysteme wie Wälder und Moore ein, die durch Landwirtschaft mittelbar beeinflusst werden können, zum Beispiel durch atmosphärische Stoffeinträge oder laterale Stoffverlagerungen.
Ein Schwerpunkt ist die Biodiversität, also die Vielfalt des Lebens, in Agrarökosystemen und Agrarlandschaften. In der Grundlagenforschung untersucht die Agrarökologie Steuergrößen dieser Biodiversität. Sie berücksichtigt biotische Hierarchie-Stufen: Gene, Arten, Populationen und Lebensgemeinschaften. Untersucht werden einzelne Organismen oder Organismengruppen sowie ihre Wechselbeziehungen, beispielsweise trophische Interaktionen, Konkurrenz und wechselseitige Begünstigungen. Trophische Interaktionen sind Beziehungen zwischen Organismen in der Nahrungskette oder im Nahrungsnetz.
Wichtig sind besonders die Zusammenhänge zwischen Standorteigenschaften, Landnutzung und Biodiversität. Außerdem werden räumliche Muster und Veränderungen der Nutzung über die Zeit daraufhin untersucht, wie sie die Biodiversität beeinflussen. In der angewandten Forschung dient das Fach der naturschutzfachlichen Bewertung landwirtschaftlicher Nutzung und der Entwicklung ökologisch nachhaltiger Nutzungskonzepte.
Methoden und Studium
Die Forschungsmethoden richten sich nach dem untersuchten Ökosystem und den Organismengruppen. Dazu gehören standortkundliche Erhebungen, die Interpretation von Luft- und Satellitenbildern, geographische Informationssysteme und ökologische Modellierung. Damit steht die Agrarökologie angrenzenden Fächern wie ökologischer Standortkunde und Landschaftsökologie nahe.
An Universitäten wird Agrarökologie mit unterschiedlichen Schwerpunkten gelehrt: als Studienfach, Fachgebiet, Studiengang oder interdisziplinäres Programm. Sie kann beispielsweise in den Fachbereichen Biologie, Geographie oder Agrarwissenschaften angesiedelt sein.
Bewegung und landwirtschaftliche Praxis
Seit den 1990er Jahren übernahmen Bewegungen in den Vereinigten Staaten und Lateinamerika Agrarökologie als Eigenbezeichnung. Sie wollten damit ein neues Bild der Landwirtschaft und ihres Verhältnisses zur Gesellschaft ausdrücken. In Brasilien gab es Agrarökologie nicht als Wissenschaft; ihre Wurzeln liegen dort in traditioneller Landwirtschaft. Seit den 1970er Jahren warben Bewegungen, die landwirtschaftlicher Modernisierung kritisch gegenüberstanden, für alternative Landwirtschaft, Familienbetriebe und Ernährungssouveränität. Ein bekannter Unterstützer war José Lutzenberger. Die Bewegungen wurden in den 1980er Jahren formalisiert. 2001 fand das „National Meeting of Agroecology“ statt; 2003 erkannte die brasilianische Regierung Agrarökologie unter dem Schirm der ökologischen Landwirtschaft formal an.
In Deutschland ist Agrarökologie als Bewegung mehr oder weniger nicht vorhanden, weil sich viele Produzenten nicht-konventioneller Landwirtschaft eher der Permakultur oder dem Bio-Landbau zuordnen. Als Praxis geht „agrarökologische Landwirtschaft“ über die Standards und Anforderungen des Bio-Landbaus hinaus, der inzwischen auch im großen Stil betrieben werden kann. Im deutschsprachigen Raum haben sich jedoch Permakultur und regenerative Landwirtschaft stärker als identitätsstiftende Begriffe durchgesetzt. Die Grenzen zwischen diesen Begriffen sind schwer eindeutig zu ziehen. Gemeinsam ist ihnen der klare Kontrast und meist auch Konflikt zur konventionellen Landwirtschaft.