Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Abitur in Bayern (G8)
Schriftliche Prüfung ; Englisch, Französisch, Italienisch, Russisch und Spanisch, 315 Minuten (inklusive 30 Minuten Hörverständnisaufgaben) ; Altsprachen: Latein …
Inhalt5 Abschnitte
G8-Abitur und Rückkehr zum G9
Das bayerische G8-Abitur führte am achtjährigen Gymnasium bis 2024 zur allgemeinen Hochschulreife. Voraussetzung waren die fast zweijährige Qualifikationsphase sowie die abschließende Abiturprüfung. Die ersten Schülerinnen und Schüler traten 2009/2010 in die nach den neuen Regeln organisierte Jahrgangsstufe 11 ein; 2010/2011 legte der erste Jahrgang der 12. Klasse das Abitur im neuen System ab.
Das letzte flächendeckende G8-Abitur fand im Frühjahr 2024 statt. Im Schuljahr 2024/25 gab es noch Prüfungen unter G8-Bedingungen an rund 100 Gymnasien im „Auffangnetz“, etwa für nicht bestandene Abiturprüfungen 2024, für Schülerinnen und Schüler des ersten G9-Jahrgangs mit individueller Lernzeitverkürzung sowie für ehemalige Einführungsklassen des Schuljahrs 2022/23. Die allgemeine Hochschulreife kann auch über ein Kolleg des Zweiten Bildungswegs oder nach Jahrgangsstufe 13 der FOS/BOS erworben werden; bei der FOS/BOS sind ausreichende Kenntnisse einer zweiten Fremdsprache nötig.
Der bayerische Landtag beschloss am 7. Dezember 2017 mit den Stimmen aller Fraktionen die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium ab 2018/2019. Die Umstellung begann im September 2018 gleichzeitig in den fünften und sechsten Klassen. Das Bildungspaket enthielt etwa 1000 neue Lehrerstellen für Gymnasien bei insgesamt 1800 neuen Stellen. Das G8 hatte Grund- und Leistungskurse abgeschafft und Wahlmöglichkeiten zugunsten einer stärkeren Allgemeinbildung, besonders in Deutsch, Mathematik und Fremdsprachen, eingeschränkt. Zwei Seminare übernahmen unter anderem die Rolle der früheren Facharbeit.
In der Mittelstufe plus wurde ab 2015/2016 an 47 Gymnasien versuchsweise eine zusätzliche Jahrgangsstufe 9+ eingeführt. Dadurch dauerte die Mittelstufe vier Jahre; Stoff aus den Jahrgangsstufen 8 bis 10 wurde verteilt. Deutsch, Mathematik und Fremdsprachen erhielten jeweils drei zusätzliche Wochenstunden. Zu Beginn wählten durchschnittlich 59 % der Schülerinnen und Schüler an den Pilotschulen dieses Angebot. Der Versuch endete wegen der G9-Rückkehr; der letzte beteiligte Jahrgang legte 2025 sein Abitur ab.
Aufbau der Qualifikationsphase und Fächerwahl
Die Qualifikationsphase umfasst die Jahrgangsstufen 11 und 12 und bereitet auf das Abitur vor. Sie liefert bis zu 600 der insgesamt 900 Punkte der Abiturzeugnisnote. Die Oberstufe besteht aus vier Halbjahren beziehungsweise Semestern, jeweils zwei in der 11. und 12. Klasse; das letzte Halbjahr ist wegen der Prüfungen verkürzt. Der verpflichtende Grundunterricht findet im Klassenverband statt, Wahlfächer werden in Kursen unterrichtet. Mit mindestens 132 Halbjahreswochenstunden erfüllte das System genau die KMK-Vorgaben.
Ziel sind breite Allgemeinbildung, Grund- und Detailwissen, Methodenkompetenz, eine reife und mündige Persönlichkeit sowie Studierfähigkeit. Das propädeutische Seminar soll in wissenschaftliches Arbeiten einführen. Nicht alle Inhalte sind verbindlich an einen Lehrplan gebunden, damit Lehrkräfte pädagogisch sinnvoll individuell unterrichten können.
Fächer werden in Pflicht-, Wahlpflicht- und Profilfächer gegliedert. Pflicht sind Deutsch, Mathematik, Religion oder Ethik, Geschichte und Sozialkunde sowie Sport. Wahlpflichtfächer ermöglichen Alternativen, etwa bei Fremdsprachen, Naturwissenschaften, Geographie oder Wirtschaft und Recht sowie Kunst oder Musik. Profilfächer können aus Interesse oder zur Erfüllung der Belegungspflicht gewählt werden; auch die Seminare zählen dazu. Die verbindliche Wahl erfolgt in der 10. Klasse, je nach Schule spätestens am 15. April. Falls die Schule die Auswahl nicht anbieten kann, muss sie eine Neuwahl ermöglichen; in Ausnahmefällen ist mit Zustimmung der Schulleitung noch in den ersten vier Wochen der Jahrgangsstufen 11 und 12 eine Umwahl möglich.
Alle Abiturfächer müssen zwei Jahre lang belegt werden. Verpflichtend ist ein Abitur in einer fortgeführten Fremdsprache. Wird fortgeführte Informatik als Abiturfach gewählt, zählt sie nicht als zweite Naturwissenschaft; deshalb müssen in der ersten Naturwissenschaft vier statt drei Halbjahresleistungen eingebracht werden.
Leistungen, Einbringung und Mindestvoraussetzungen
In jedem Fach entsteht pro Halbjahr aus den Leistungsnachweisen eine Halbjahresleistung von 0 bis 15 Punkten. Außer in Sport und Fächern mit Additum werden schriftliche und mündliche Leistungen 1:1 gewichtet. Für Block 1 werden 40 Halbjahresleistungen gewertet. Zuerst sind die verpflichtenden Leistungen einzubringen, danach wird mit den besten freien Leistungen aufgefüllt. Bei zwei Jahre belegten Pflicht- und Wahlpflichtfächern müssen mindestens drei von vier, bei einjährig belegten mindestens eine von zwei Leistungen eingebracht werden. Für Abiturfächer sind alle vier Leistungen Pflicht. Bei nur einer Naturwissenschaft müssen ebenfalls alle Halbjahresleistungen dieses Fachs eingebracht werden. Die Options- oder Joker-Regelung erlaubt in zwei Fächern den Ersatz einer Pflichtleistung; Abiturfächer sind ausgeschlossen, und mindestens vier Naturwissenschaftsleistungen müssen eingebracht werden.
15 Punkte entsprechen „sehr gut“ (1+; 95 %), 12 Punkte „gut“ (2+; 80 %), 9 Punkte „befriedigend“ (3+; 65 %), 6 Punkte „ausreichend“ (4+; 50 %), 4 Punkte „schwach ausreichend“ (4−; 40 %), 3 Punkte „mangelhaft“ (5+; 33 %) und 0 Punkte „ungenügend“ (00 %). Der defizitäre Bereich beginnt bei 3 Punkten. Werden in einem Prüfungsfach 0 Notenpunkte erzielt, gilt der gesamte Prüfungsteil als nicht bestanden.
Für Zulassung zum letzten Halbjahr und zur Abiturprüfung gelten unter anderem folgende Bedingungen: In jedem belegten Fach, auch Sport und Seminaren, müssen je Halbjahr mehr als 0 Punkte erreicht werden. In beiden Seminaren einschließlich Seminararbeit sind mindestens 24 von 90 Punkten erforderlich. Mindestens 32 der 40 eingebrachten Leistungen müssen 5 Punkte oder mehr erreichen; damit sind höchstens acht Unterpunktungen möglich. Im P-Seminar sowie in den zwei Halbjahresleistungen der W-Seminararbeit sind jeweils mindestens 9 Punkte erforderlich. In Deutsch, Mathematik und erster Fremdsprache müssen zusammen mindestens 48 von 180 Punkten erreicht werden, in den fünf Abiturfächern mindestens 100 von 300 und insgesamt mindestens 200 Punkte aus 40 Leistungen.
Seminare und Abiturprüfung
Anstelle von Leistungskursen gab es zwei zweistündige Seminare, die mit 12/1 endeten. Im Wissenschaftspropädeutischen Seminar (W-Seminar) bearbeitet die Schülerin oder der Schüler ein Thema und schreibt dazu eine Seminararbeit, vergleichbar mit der Facharbeit im G9. Das Thema wird bis Ende des ersten Halbjahrs mit Zustimmung der Lehrkraft gewählt. Abgabetermin ist spätestens der zweite Unterrichtstag im November der Jahrgangsstufe 12. Die Arbeit wird präsentiert und erläutert; Gruppenarbeit ist möglich, die Bewertung bleibt individuell. Im Projekt-Seminar (P-Seminar) arbeitet die Gruppe an einem Thema aus Wissenschaft oder Berufspraxis und wird bei Studien- und Berufswahl unterstützt. Es kann externe Partner geben; mindestens zwei mündliche Noten bilden die zwei Halbjahresleistungen.
Schriftliches Abitur in Kunst oder Musik sowie schriftliche und mündliche Sportprüfung erfordern ein Additum: Bildnerische Praxis, Sporttheorie oder Instrumentalspiel beziehungsweise gegebenenfalls Gesang. Es umfasst jeweils zwei Wochenstunden, ist nur zusammen mit der entsprechenden Abiturprüfung möglich und setzt mindestens die Note 3 im Zwischenzeugnis der 10. Klasse voraus; für Musik sind angemessene instrumentale oder gesangliche Fertigkeiten nötig.
Die Abiturprüfung hat fünf Fächer: Deutsch und Mathematik schriftlich, dazu eine fortgeführte Fremdsprache sowie ein gesellschaftswissenschaftliches und ein weiteres Fach. Insgesamt sind drei Prüfungen schriftlich und zwei Kolloquien; beide Formen werden gleich gewichtet. Die zentralen schriftlichen Prüfungen erstellt das Kultusministerium. Die längste Arbeitszeit gilt für Deutsch mit 315 Minuten, Kunst mit 300 Minuten und Mathematik mit 270 Minuten. Im Deutschabitur wird eine von fünf Aufgaben gewählt. Das Mathematikabitur besteht aus Teil A und B; Taschenrechner, Formelsammlung und Stochastik-Tafelwerk sind nur in Teil B erlaubt. Teil A dauert 70, Teil B 200 Minuten.
Das Kolloquium ist eine Einzelprüfung durch Lehrkraft und Beisitzer. Von den ersten beiden Halbjahren kann eines ausgeschlossen werden. Für einen gewählten Schwerpunkt gibt es 30 Minuten Vorbereitungszeit und anschließend 30 Minuten Prüfung: etwa 10 Minuten Vortrag, etwa 5 Minuten weitere Fragen zum Schwerpunkt und etwa 15 Minuten zu den übrigen Halbjahren. Bei experimentellen Themen beträgt die Vorbereitung 120 Minuten. Eine mündliche Zusatzprüfung in einem schriftlichen Fach kann angeordnet oder zur Verbesserung beantragt werden; sie dauert gewöhnlich 20 Minuten, bei ebenfalls 20 Minuten Vorbereitung, und zählt gegenüber der schriftlichen Prüfung im Verhältnis 1:2.
Wertung, Zeugnisnote und Kritik
Jede der fünf Abiturprüfungen kann höchstens 60 Punkte bringen; der Prüfungsteil Block 2 umfasst maximal 300 Punkte. Schriftliche Ergebnisse von 0 bis 15 Punkten werden vierfach gewertet. In modernen Fremdsprachen zählt der schriftliche Teil fünffach und der mündliche Teil einfach. Mindestens 100 Prüfungspunkte sind erforderlich. Nach vierfacher Wertung darf kein Fach unter 4 Punkten liegen. In Deutsch, Mathematik und fortgeführter Fremdsprache müssen in einem Fach mindestens 20 und in einem weiteren mindestens 16 von 60 Punkten erzielt werden.
Bestanden ist das Abitur ab insgesamt 300 Punkten aus höchstens 600 Punkten der Qualifikationsphase und höchstens 300 Punkten der Prüfung. 900 bis 823 Punkte ergeben die Note 1,0, 660 bis 643 die Note 2,0, 480 bis 463 die Note 3,0 und 300 Punkte die Note 4,0. Beispiel: 40 eingebrachten Leistungen mit jeweils 11 Punkten ergeben 440 Punkte. Fünf Prüfungen mit je 11 Punkten, jeweils vierfach gewertet, ergeben 220 Punkte. Zusammen sind dies 660 Punkte und damit die Zeugnisnote 2,0.
Die Oberstufe wurde in Medien als „Turbo-Abi“ bezeichnet; kritisiert wurde vor allem erhöhter Leistungsdruck. Im Februar 2010 demonstrierten in Bayern tausende Schülerinnen und Schüler, besonders aus der 11. Klasse, gegen die Belastung. Ein Volksbegehren der Freien Wähler Bayern von 2014 verlangte Wahlfreiheit zwischen G8 und G9. Es scheiterte, weil sich laut Landeswahlleiterin nur 2,9 % der Stimmberechtigten eintrugen, nötig gewesen wären mindestens 10 %.