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Übertragungseffekt
Übertragungseffekt: Die durch externe Effekte verursachten Veränderungen der intrinsischen Motivation können sich auf angrenzende Gebiete auswirken.
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Begriff und Grundprinzip
Ein Übertragungseffekt, auch Spillover-Effekt oder Spill-over, bezeichnet die Übertragung von Daten, Ereignissen, Gefühlen, Informationen, Verhaltensweisen oder Wissen von einem Fachgebiet auf ein anderes Sachgebiet oder Wirtschaftssubjekt. Er kann beim Empfänger positive oder negative Auswirkungen auslösen.
Anders als beim Dominoeffekt tritt die Übertragung nicht zwangsläufig ein, sondern nur mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit. So kann das Lob durch einen Vorgesetzten die Arbeitszufriedenheit steigern und dadurch zu einer positiven Stimmung in der Familie führen. In der Psychoanalyse wird dieser Übertragungsmechanismus als Projektion bezeichnet.
Motivation und Marktpsychologie
Bruno S. Frey unterscheidet drei Wirkungen auf die intrinsische Motivation, also den inneren Antrieb, eine Tätigkeit um ihrer selbst willen auszuführen:
• Verdrängungseffekt: Bezahlung oder Vorschriften verdrängen unter bestimmten Bedingungen die intrinsische Motivation. Erhält ein Kind Geld für das Rasenmähen, ist es möglicherweise nicht mehr bereit, andere Hausarbeiten kostenlos zu erledigen. Diese Wirkung ist unerwünscht.
• Verstärkungseffekt: Unter bestimmten Bedingungen wird intrinsische Motivation aufgebaut, etwa wenn ein Schüler für eine gute Schulnote Geld erhält. Diese Wirkung ist erwünscht.
• Übertragungseffekt: Veränderungen der intrinsischen Motivation, die durch externe Effekte verursacht wurden, wirken sich auf angrenzende Gebiete aus.
Ein solcher Übertragungseffekt wird wahrscheinlicher, wenn ein Marktteilnehmer seine eigene Motivation zwischen verschiedenen Gebieten differenzieren kann.
Marketing und Kaufverhalten
Im Marketing können eingesetzte Instrumente wie Werbung das Kaufverhalten erst in späteren Perioden beeinflussen. Wahrnehmungen der Konsumenten beruhen auf aktuellen und vergangenen Erfahrungen. Beim sogenannten Carry-over-Effekt wird eine Werbebotschaft auf einen Konsumenten übertragen und später bei dessen Kaufentscheidung wirksam.
Ein Spillover kann auch innerhalb derselben Periode zwischen Gütern entstehen. Das Absatzvolumen eines kaum beworbenen Produkts, eines Langsamdrehers, kann durch einen Schnelldreher beeinflusst werden. Ursache kann eine Komplementarität sein, wenn sich Güter ergänzen, etwa Anzug und Krawatte. Möglich ist auch eine Substitutionsbeziehung zwischen austauschbaren Gütern wie Margarine und Butter. Dabei werden die gegenseitigen Abhängigkeiten der Güter genutzt.
Weitere Spillovers betreffen die Wirkung eines bekannten Herstellerprodukts auf vergleichbare Konkurrenzprodukte oder die Übertragung zwischen zwei Produkten desselben Herstellers. Das Image einer Marke kann beispielsweise auf ein neues Produkt übergehen. Die Übertragung eines positiven Images wird als Umbrella-Effekt bezeichnet, die eines negativen Images als Kannibalismus-Effekt. Im engeren Sinne liegt ein Übertragungseffekt vor, wenn sich das positive Image eines Produkts oder Unternehmens auf ein anderes Produkt überträgt.
Übertragungen in Volkswirtschaft und Unternehmen
In der Volkswirtschaftslehre entstehen Spillovers besonders dann, wenn sich veränderte Marktdaten eines Teilmarkts auf einen anderen Teilmarkt auswirken. Sinkt bei geringerer Produktion das Güterangebot, entsteht ein negativer Übertragungseffekt auf dem Arbeitsmarkt, weil Unternehmen produktionsbedingt weniger Arbeit nachfragen. Auch Finanzkrisen können von der Finanzwirtschaft auf die Realwirtschaft übergreifen. Diese komplementäre Interdependenz, also die wechselseitige Ergänzungs- und Abhängigkeitsbeziehung zwischen Finanz- und Realwirtschaft, wird häufig zur Erklärung von Finanzkrisen verwendet. So übertrug sich die Finanzkrise ab 2007 vom Finanzmarkt auf die Realwirtschaft.
Wirtschaftssubjekte sind durch Geschäfts-, Handels- oder Vertragsbeziehungen miteinander verbunden. Eine Betriebsstörung oder Unternehmenskrise muss sich dennoch nicht zwangsläufig auf andere Beteiligte übertragen. In diesem Zusammenhang wird vom Contagion-Effekt gesprochen. Die Insolvenz eines stark vernetzten Großunternehmens kann jedoch Lieferanten, Subunternehmen, Zulieferer und Kunden gefährden. Das britische Bauunternehmen Carillion wurde im Januar 2018 insolvent und brachte rund 30.000 Geschäftspartner in finanzielle Schwierigkeiten oder ebenfalls zur Insolvenz.
An Börsen kann ein fallender Aktienkurs weitere Aktienkurse beeinflussen. Eine Ursache kann irrationaler Noise sein, also störendes, nicht rational begründetes Marktverhalten. Sind eine ganze Börse oder mehrere Börsen betroffen, liegt ein Börsenkrach vor. Auch Herdenverhalten im Bankwesen, etwa bei einem Bank Run, gehört zu den Übertragungseffekten. Unternehmen und Behörden können mit Krisenmanagement und Risikomanagement versuchen, solche Gefahren frühzeitig zu erkennen und ihre Folgen zu mildern oder zu verhindern.
Politische, räumliche und epidemiologische Spillovers
In den internationalen Beziehungen bezeichnet Spill-over vor allem Auswirkungen nationaler oder übernationaler Entscheidungen auf andere Politikbereiche innerhalb von Integrationsgemeinschaften. Wichtigstes Anwendungsfeld ist die europäische Integration. Nach der neofunktionalistischen Integrationstheorie kann die Übertragung einzelner Politikbereiche auf die Europäische Union, die sogenannte Vergemeinschaftung, eine entsprechende Entwicklung in weiteren Bereichen auslösen. Sektorale Integration führt damit zur Verflechtung immer weiterer Sektoren. Ein Beispiel ist der Binnenmarkt: Das Prinzip des freien Kapitalverkehrs förderte die Entwicklung einer gemeinsamen Währungspolitik und schließlich der Gemeinschaftswährung Euro. Der Prozess wurde auch durch die Aufnahme neuer Politikbereiche wie Umweltschutz, Forschung und Technologie sowie Bildung in die Verträge erweitert, beginnend mit der EEA 1986/1987 und später fortgesetzt durch den Vertrag von Maastricht.
In der Entwicklungspolitik werden Übertragungseffekte mit hohen Verstädterungsraten und der Entstehung von Metropolen und Megastädten in der Dritten Welt verbunden, etwa Kairo, Neu-Delhi und São Paulo. Sie zeigen sich in Agglomerationsnachteilen wie dem Zusammenbruch der Verkehrsinfrastruktur, hoher Schadstoffbelastung, Unterbeschäftigung, informellen Siedlungen und Kriminalität.
Stadtsoziologie und Kulturwissenschaften verstehen unter Spillovers oder räumlich externen Effekten unentgeltliche positive oder negative Auswirkungen einer Region auf eine andere. Sie entstehen beispielsweise, wenn die geografische Reichweite eines öffentlichen Gutes nicht mit den Grenzen der zuständigen Gebietskörperschaft übereinstimmt und Nutznießer sowie Belastete räumlich auseinanderfallen. Das Konzept der zentralen Orte untersucht diesen Zusammenhang. Zentrale Orte sind Städte, die als Mittelpunkt eines wirtschaftlichen Verflechtungsbereichs gegenüber dem Umland einen Bedeutungsüberschuss besitzen. Spillovers können dort zu einer Unterversorgung mit öffentlich bereitgestellten Gütern führen; dies heißt Ausbeutungshypothese. Zur Internalisierung können zentrale Orte von extern Begünstigten Kostenerstattung verlangen, wie im Zusammenhang mit dem Sächsischen Kulturraumgesetz, oder eine übergeordnete Gebietsebene wie das Land übernimmt durch Subventionen den Ausgleich.
In der Epidemiologie bezeichnet Spillover die Übertragung eines Erregers von einer Wirtsart auf eine andere. Ist der Mensch auf einer der beiden Seiten beteiligt, heißt die Übertragung auch Zoonose; je nach Übertragungsrichtung wird zwischen Anthropozoonose und Zooanthroponose unterschieden.