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Über Menschen
Über Menschen ist ein Gesellschaftsroman von Juli Zeh aus dem Jahr 2021, der im zweiten Quartal des Jahres 2020, also zu Beginn des ersten Lockdowns während …
Inhalt5 Abschnitte
Gegenstand und zentrale Konflikte
Über Menschen ist ein Gesellschaftsroman von Juli Zeh aus dem Jahr 2021. Die Handlung spielt im zweiten Quartal 2020, zu Beginn des ersten Lockdowns während der Covid-19-Pandemie. Im Mittelpunkt steht die 36-jährige Dora, die Berlin verlässt und im brandenburgischen Dorf Bracken einen Neuanfang sucht. Der Roman untersucht, wie Menschen mit gegensätzlichen politischen Einstellungen in Familie und Nachbarschaft umgehen können und wie sie in Konflikten eine eigene Haltung entwickeln.
Ein zentrales Thema sind mentale Barrieren: Dora muss sich mit Alltagsrassismus, Rechtspopulismus und Neonazismus auseinandersetzen. Zugleich hinterfragt der Roman die Neigung, persönliche Unzufriedenheit mit politischen Problemen zu verwechseln. Ängste vor Überfremdung, Klimakatastrophe, Pandemien oder einer „Gesundheitsdiktatur“ können die Demokratie gefährden, wenn jeweils nur die eigene Angst als berechtigt gilt.
Dora bezeichnet ihre anfängliche Sprachlosigkeit gegenüber rassistischen Äußerungen als „Rassismus-Starre“. Sie fragt sich, wie viel Abstand eine Linksliberale zu einem Neonazi braucht, um in Frieden leben zu können. Der Roman betont, dass nicht nur das offen Böse, sondern auch die eigene Feigheit bekämpft werden müsse. Gleichzeitig zeigt er, dass Dora selbst in die Überheblichkeit zurückfällt, die sie ihrem früheren Partner Robert vorgeworfen hatte: In einem Streit mit Gote erklärt sie, sie sei „hundertmal besser als du“. Diese Überheblichkeit wird als „Mutter aller Probleme“ bezeichnet. Versöhnlich endet der Roman daher nicht; Gotes Suizid und Begräbnis bilden den Schluss.
Handlungsorte und Ausgangslage
Die Handlung führt durch die Großstädte Berlin und Münster, vor allem aber in das fiktive brandenburgische Straßendorf Bracken im Landkreis Prignitz. Berlin ist der Sitz der Werbeagentur, für die Dora arbeitet. In Berlin oder Münster leben ihre Angehörigen und ihr früherer Partner Robert.
Dora zieht mit ihrer Hündin von Berlin-Kreuzberg nach Bracken, einem Dorf mit 285 Einwohnern im äußersten Nordwesten Brandenburgs. Sie kauft dort ein 4000 Quadratmeter großes Grundstück mit einem Haus in „desolatem Zustand“. Bei dem Gebäude handelt es sich um ein ehemaliges Gutsverwalterhaus, das zu DDR-Zeiten als Kindergarten genutzt wurde.
Bracken ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur schwer erreichbar. Es gibt lediglich sporadisch eine Busverbindung zum nächsten Einkaufszentrum. Deshalb sind Fahrräder und die Hilfsbereitschaft der Nachbarn für Doras Alltag besonders wichtig. Das Dorf ist jedoch gut an das Internet angeschlossen, sodass Dora zunächst im Homeoffice als Werbetexterin für ihre Berliner Agentur weiterarbeiten kann. Nach einer betriebsbedingten Kündigung entwickelt sie ein Werbekonzept für den geplanten Online-Blumenhandel eines Nachbarn und übernimmt zusätzlich Aufträge für einen Heizungsbauer und eine Schneiderei.
Figuren und Beziehungen
Dora hat Berlin und ihren Partner Robert verlassen. Robert ist Öko-Aktivist, engagiert sich für Klimaschutzpolitik und arbeitet für eine Online-Zeitung im Ressort für Klimafragen. Dora wirft ihm vor, sich über andere Menschen zu erheben und sich für einen „Supra-Menschen“ zu halten. Ihr Umzug ist zugleich eine Flucht vor dem Großstadtleben und vor dem Gefühl, in einem endlosen Kreislauf von Projekten zu leben. Sie gilt ausdrücklich nicht als typischer Großstadtflüchtling, sondern als jemand, der weitermachen kann, auch wenn etwas unmöglich erscheint.
Doras Vater Professor Joachim Korfmacher, genannt Jojo, ist Onkologe und Chirurg an der Charité. Er pendelt aus beruflichen Gründen zwischen Münster und Berlin und hält auch privat gern belehrende Reden. Nach dem Tod seiner Frau ist das Verhältnis zu Dora zunächst distanziert; später unterstützt er sie finanziell und medizinisch. Auf ihre Bitte bringt er den schwer kranken Nachbarn Gote in seine Berliner Klinik, untersucht ihn und verordnet eine Medikation zur Linderung des Hirntumors. Doras Bruder Axel ist Jos Vorzeigesohn. Seine Frau Christine arbeitet als Rechtsanwältin in einer Berliner Großkanzlei, sorgt für den Lebensunterhalt der Familie und hat Axel zum Hausmann und Vollzeitvater ihrer zwei Kinder gemacht.
Gottfried Proksch, genannt Gote, ist neben Dora die Hauptfigur. Er bezeichnet sich selbst als „Dorf-Nazi“. 1992 nahm er mit seinem Vater an den Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen teil, bei denen Unterkünfte vietnamesischer Vertragsarbeiter angezündet wurden. Außerdem ist er wegen seiner Beteiligung an der schweren Körperverletzung des Webdesigners Jonas F. auf Bewährung verurteilt; die Tat lag drei Jahre zurück. Gote lebt in einem Bauwagen, während seine Tochter Franzi im verwahrlosten Wohnhaus wohnt.
Dora und Gote sprechen häufig über die Mauer zwischen ihren Grundstücken. Franzi und Gote teilen Doras Liebe zu ihrer Hündin, wodurch trotz der politischen Gegensätze eine Verbindung entsteht. Gote baut Dora heimlich Möbel und besitzt ohne ihr Wissen einen Schlüssel zu ihrem Haus. Als auf seinem Hof Nazi-Lieder gesungen werden, muss Dora entscheiden, ob sie aus Angst schweigt oder widerspricht.
Weitere Nachbarn verdeutlichen unterschiedliche Formen gesellschaftlicher Spannungen. Die Floristen Tom und Steffen leben als Paar zusammen, stellen mit portugiesischen Studenten Trockenblumengebinde her und helfen Dora. Tom wählt offenbar die rechtspopulistische AfD, weil er glaubt, die Regierung in Berlin behandle die Menschen wie Idioten. Steffen, ein Kabarettist, wollte am 28. April 2020 ein Programm mit dem Titel „Über Menschen“ aufführen, das wegen Corona abgesagt wurde und die Neonazi-Szene scharf kritisiert.
Sadie schenkt Dora Saatkartoffeln und berichtet von ihrer prekären Lebenssituation: Sie arbeitet nachts in einer Gießerei am westlichen Rand Berlins, hat eine Stunde Anfahrt und versorgt tagsüber ihre zwei Kinder. Der Nachbar Heinrich, im Dorf R2-D2 genannt, hilft Dora bei ihrem Grundstück, macht aber ausländerfeindliche Witze und bezeichnet die portugiesischen Studenten als „Pflanzkanacken“. Dora erkennt daran, wie unvermittelt und scheinbar beiläufig Alltagsrassismus auftreten kann. Heinrichs Frau ist offenbar eine Pfarrerin, die bei Gotes Beerdigung erscheint. Als Gote schwer erkrankt, veranstaltet das Dorf ein Fest für ihn. Dabei wird die gemeinsame Existenz aller Menschen auf demselben Planeten gefeiert, ohne dass dadurch die politischen und moralischen Konflikte verschwinden.
Aufbau, Hintergrund und Auszeichnung
Der Roman ist in drei Teile gegliedert: „Rechte Winkel“, „Saatkartoffeln“ und „Raumforderung“. Diese Teile sind wiederum in dreizehn bis zwanzig Kapitel unterteilt.
Juli Zeh knüpft mit Über Menschen an ihren Roman Unterleuten an. Wie Linda Franzen in Unterleuten zieht auch Dora aus der Stadt in ein brandenburgisches Dorf und muss sich in die örtlichen Verhältnisse einfinden. In beiden Romanen erscheint der Kampfläufer, ein streng geschützter Schnepfenvogel. Über Menschen ist jedoch weniger komplex angelegt: In Bracken gibt es deutlich weniger Figuren, und die Handlung wird nicht multiperspektivisch erzählt. Stattdessen bleibt sie eng und im Präsens an Dora. Jörg Magenau bezeichnete das Werk als den ersten echten Corona-Roman.
2021 erhielt Juli Zehs Roman den Bayern-2-Publikumspreis beim Bayerischen Buchpreis.
Kritik und kommerzieller Erfolg
Die Rezensionen fallen unterschiedlich aus. Elke Schmitter lobt im Spiegel die gekonnte, zügige Dramaturgie, pointierte Dialoge, Ironie und Ingrimm. Jörg Magenau hebt in der Süddeutschen Zeitung die Überwindung plakativer Gegensätze zwischen Berlin und Brandenburg sowie zwischen Stadt und Land hervor, kritisiert die Konsequenzen der Handlung aber als schlicht und märchenhaft. Ronald Düker erkennt in der Zeit Zehs Einsatz für Freiheit und gegen den Abbau bürgerlicher Rechte.
Kritischer beurteilen Andrea Diener in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau den Roman. Diener nennt die Handlung ziemlich erwartbar und die Sprache plattitüdenhaft. Sternburg empfindet Teile der Handlung als überzogen und rührstückhaft, lobt aber den Witz und die Gegenwärtigkeit. Julia Encke kritisiert in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, die Dorfbewohner würden teilweise nur als Staffage und herzerwärmende Exoten für städtische Mittelstandsoasen erscheinen. Dirk Knipphals bezeichnet den Roman in der taz ebenfalls als Rührstück und wirft ihm emotionale Lesererpressung vor. Andreas Busche vom Tagesspiegel betont dagegen die überzeugend geschaffene Lebenswirklichkeit aus dem „Corona-Purgatorium“.
Der kommerzielle Erfolg war beträchtlich. In den Media-Control-Wochencharts für Belletristik/Hardcover stand Über Menschen in den zehn Wochen nach Erscheinen viermal auf Platz 1, fünfmal auf Platz 2 und einmal auf Platz 3. Im ersten Halbjahr 2021 war es das meistverkaufte Buch in Deutschland; dafür erhielt Juli Zeh den Media Control Award. Vier Monate nach Veröffentlichung meldete der Luchterhand Literaturverlag 350.000 verkaufte Exemplare beziehungsweise Downloads und die achte Auflage. Außerdem sollte es „auf alle Fälle einen Verfilmungsvertrag geben“. Im Gesamtjahr 2021 war Über Menschen das zweiterfolgreichste Buch in Deutschland.