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Interview: Ungleichheit und Umverteilung in Deutschland: Trends und Handlungsoptionen
Das Wichtigste aus dem Video
Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.
Transkriptautomatisch erstellt · 41 Zeilen
- F: Herr Peichl Sie haben hier einen Vortrag gehalten am ifo-Institut zum Thema Ungleichheit und Umverteilung. Man hört oft, dass die
- Schere in Deutschland immer weiter auseinandergeht – das ist die Metapher die wir immer hören. Ist das so oder ist es nicht so?
- Es kommt darauf an. Das ist natürlich die Antwort, die Sie als Journalist nicht hören wollen, aber die wir als Ökonomen gerne geben.
- Es kommt in der Tat darauf an, welches Einkommen man sich anschaut oder welche Dimension. Welches Konzept, welchen Zeitraum. Was richtig ist: dass wir
- gesehen haben, dass die Lohnungleichheit der Beschäftigten eine gewisse Zeit lang auseinander gegangen ist bis 2010/2012. Danach nicht mehr unbedingt sehr viel
- stärker. Die Ungleichheit der Markteinkommen, sprich die Summe aus Arbeitseinkommen und Kapitaleinkommen scheint noch immer etwas weiter
- auseinander zu gehen. Wenn man sich die verfügbaren Einkommen anschaut, also letztlich das, was bei uns netto auf dem Konto landet, dann sieht es
- schon ganz anders aus, da sehen wir keinen sehr starken Anstieg seit 2000. F: Man hat manchmal den Eindruck aus ihren Grafiken, dass die Reichen immer
- reicher werden und die Armen aber nicht ärmer sondern genauso arm bleiben wie vorher – ist das vielleicht die Schere?
- Auch hier kommt es darauf an es ist letztlich so, dass insbesondere bei den Arbeitseinkommen die
- Löhne am oberen Ende der Einkommens- oder Lohnverteilung deutlich stärker steigen. Das hat mit Globalisierung mit
- technischem Fortschritt zu tun. Bei den ärmeren oder Niedrigeinkommensbeziehern kommt es sehr stark darauf an, ob man die vorher Arbeitslosen
- berücksichtigt oder nicht. Wenn man die Personen, die vor den Hartz-Reformen arbeitslos waren, berücksichtigt, dann ist es so, dass deren Einkommen auch
- stark steigen, weil sie vorher nichts verdient haben und jetzt etwas verdienen. Wenn man sie nicht berücksichtigt, sieht man, dass die Lohnspreizung oder die
- Lohnschere deutlich auseinander geht. Also wie gesagt, hier kommt es eben darauf an – und wiederum, wenn man auf die verfügbaren
- Nettoeinkommen schaut, ist es nicht ganz so schlimm, wie es immer dargestellt wird. F: Sie haben ebenfalls eine Grafik gezeigt, in der zu sehen ist, dass die
- Umverteilung relativ groß ist in Deutschland, dass sie aber kleiner geworden ist. D.h. früher waren es ungefähr 15 Gini-Punkte
- jetzt ungefähr 10 Gini-Punkte. Die Umverteilung in Deutschland
- ist in der Tat sehr groß im internationalen Vergleich Es gibt kaum ein anderes Land, das so viel umverteilt wie wir. Die Umverteilung ist
- in der Tat seit den rot-grünen Steuerreformen insbesondere Anfang der 2000er Jahre etwas zurückgegangen. Das ist letztlich ein weltweiter Trend,
- dass die Spitzensteuersätze gesunken sind. Was mit der internationalen Mobilität von Kapitaleinkommen aber auch
- Hocheinkommensbeziehern/Hochqualifizierten zu tun hat. Um eben im Steuerwettbewerb mit anderen Ländern zu bestehen, kann man die hohen Einkommen nicht mehr so
- hoch besteuern, wie noch vor 20 oder 40 Jahren. F: Sie haben gesagt,
- der amerikanische Traum ist tatsächlich ein amerikanischer Traum: in Amerika ist die Wahrscheinlichkeit, vom Tellerwäscher zum Millionär
- aufzusteigen, viel geringer als in vielen anderen Ländern. Dann haben Sie empfohlen: "Gehen Sie nach Skandinavien!" Wie ist es denn mit Deutschland?
- In Deutschland ist die Chance, vom Tellerwäscher zum Millionär zu werden, niedriger als in Skandinavien.
- Aber höher als in den Vereinigten Staaten oder im Vereinigten Königreich. Also wir liegen im Mittelfeld. Gar nicht so schlecht, aber es könnte besser sein.
- Und hier müssen wir ansetzen. Und das ist in Deutschland insbesondere im Bildungssystem, im frühkindlichen Bereich. Der Schulerfolg in Deutschland hängt leider immer noch
- viel zu sehr vom Elternhaus ab. Hier muss man ansetzen, hier kann man etwas tun. Und dann schaffen wir es vielleicht, dass es irgendwann mal der
- deutsche Traum ist und nicht der amerikanische. F: Sie haben bei Ihren Vorschlägen auch noch etwas über die Integration von Steuern, Abgaben und
- Transfersystem. Da gibt es ein paar seltsame Sprünge offenbar in den unteren Einkommensbereichen bis etwa 30.000 Euro
- für einen Haushalt mit zwei Kindern. Was wäre da zu tun?
- Wenn man sich insgesamt das Steuer- und Transfersystem und Sozialabgaben-Systeme anschaut, sieht man, dass wir verschiedene Maßnahmen
- oder Institutionen nebeneinander haben und sehr oft die Interaktion oder Wechselwirkungen dieser Maßnahmen nicht berücksichtigt wird.
- Also im Transferbereich sieht man – insbesondere bei Hartz IV, Wohngeld und Kinderzuschlag – dass es zu sehr hohen Grenzbelastungen kommen kann von über
- 100 %. d.h. wenn man 1 Euro mehr verdient, hat man am Ende netto weniger in der Tasche, als wenn man diesen Euro nicht verdient hätte.
- Und das macht keinen Sinn, da muss man ansetzen. Das System insgesamt als Gesamtheit betrachten und dann eine Reform starten. Das Problem: "Warum
- passiert das nicht?" Diese unterschiedlichen Maßnahmen fallen in die Zuständigkeitsbereiche von unterschiedlichen Ministerien.
- Und jedes Ministerium schaut sich natürlich zunächst die Gesetze oder die Maßnahmen an, für die es zuständig ist. Selten wird das Gesamtsystem betrachtet.
- F: Gibt es dafür nicht ein Bundeskabinett? Sollte es geben, aber wahrscheinlich sind
- Steuertransfer-Grafiken zu langweilig, um sie im Bundeskabinett zu besprechen.
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