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Interview: Ungleichheit und Umverteilung in Deutschland: Trends und Handlungsoptionen

ifo Institut5:39 1.375 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

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  1. F: Herr Peichl Sie haben hier einen Vortrag gehalten am ifo-Institut zum Thema Ungleichheit und Umverteilung. Man hört oft, dass die
  2. Schere in Deutschland immer weiter auseinandergeht – das ist die Metapher die wir immer hören. Ist das so oder ist es nicht so?
  3. Es kommt darauf an. Das ist natürlich die Antwort, die Sie als Journalist nicht hören wollen, aber die wir als Ökonomen gerne geben.
  4. Es kommt in der Tat darauf an, welches Einkommen man sich anschaut oder welche Dimension. Welches Konzept, welchen Zeitraum. Was richtig ist: dass wir
  5. gesehen haben, dass die Lohnungleichheit der Beschäftigten eine gewisse Zeit lang auseinander gegangen ist bis 2010/2012. Danach nicht mehr unbedingt sehr viel
  6. stärker. Die Ungleichheit der Markteinkommen, sprich die Summe aus Arbeitseinkommen und Kapitaleinkommen scheint noch immer etwas weiter
  7. auseinander zu gehen. Wenn man sich die verfügbaren Einkommen anschaut, also letztlich das, was bei uns netto auf dem Konto landet, dann sieht es
  8. schon ganz anders aus, da sehen wir keinen sehr starken Anstieg seit 2000. F: Man hat manchmal den Eindruck aus ihren Grafiken, dass die Reichen immer
  9. reicher werden und die Armen aber nicht ärmer sondern genauso arm bleiben wie vorher – ist das vielleicht die Schere?
  10. Auch hier kommt es darauf an es ist letztlich so, dass insbesondere bei den Arbeitseinkommen die
  11. Löhne am oberen Ende der Einkommens- oder Lohnverteilung deutlich stärker steigen. Das hat mit Globalisierung mit
  12. technischem Fortschritt zu tun. Bei den ärmeren oder Niedrigeinkommensbeziehern kommt es sehr stark darauf an, ob man die vorher Arbeitslosen
  13. berücksichtigt oder nicht. Wenn man die Personen, die vor den Hartz-Reformen arbeitslos waren, berücksichtigt, dann ist es so, dass deren Einkommen auch
  14. stark steigen, weil sie vorher nichts verdient haben und jetzt etwas verdienen. Wenn man sie nicht berücksichtigt, sieht man, dass die Lohnspreizung oder die
  15. Lohnschere deutlich auseinander geht. Also wie gesagt, hier kommt es eben darauf an – und wiederum, wenn man auf die verfügbaren
  16. Nettoeinkommen schaut, ist es nicht ganz so schlimm, wie es immer dargestellt wird. F: Sie haben ebenfalls eine Grafik gezeigt, in der zu sehen ist, dass die
  17. Umverteilung relativ groß ist in Deutschland, dass sie aber kleiner geworden ist. D.h. früher waren es ungefähr 15 Gini-Punkte
  18. jetzt ungefähr 10 Gini-Punkte. Die Umverteilung in Deutschland
  19. ist in der Tat sehr groß im internationalen Vergleich Es gibt kaum ein anderes Land, das so viel umverteilt wie wir. Die Umverteilung ist
  20. in der Tat seit den rot-grünen Steuerreformen insbesondere Anfang der 2000er Jahre etwas zurückgegangen. Das ist letztlich ein weltweiter Trend,
  21. dass die Spitzensteuersätze gesunken sind. Was mit der internationalen Mobilität von Kapitaleinkommen aber auch
  22. Hocheinkommensbeziehern/Hochqualifizierten zu tun hat. Um eben im Steuerwettbewerb mit anderen Ländern zu bestehen, kann man die hohen Einkommen nicht mehr so
  23. hoch besteuern, wie noch vor 20 oder 40 Jahren. F: Sie haben gesagt,
  24. der amerikanische Traum ist tatsächlich ein amerikanischer Traum: in Amerika ist die Wahrscheinlichkeit, vom Tellerwäscher zum Millionär
  25. aufzusteigen, viel geringer als in vielen anderen Ländern. Dann haben Sie empfohlen: "Gehen Sie nach Skandinavien!" Wie ist es denn mit Deutschland?
  26. In Deutschland ist die Chance, vom Tellerwäscher zum Millionär zu werden, niedriger als in Skandinavien.
  27. Aber höher als in den Vereinigten Staaten oder im Vereinigten Königreich. Also wir liegen im Mittelfeld. Gar nicht so schlecht, aber es könnte besser sein.
  28. Und hier müssen wir ansetzen. Und das ist in Deutschland insbesondere im Bildungssystem, im frühkindlichen Bereich. Der Schulerfolg in Deutschland hängt leider immer noch
  29. viel zu sehr vom Elternhaus ab. Hier muss man ansetzen, hier kann man etwas tun. Und dann schaffen wir es vielleicht, dass es irgendwann mal der
  30. deutsche Traum ist und nicht der amerikanische. F: Sie haben bei Ihren Vorschlägen auch noch etwas über die Integration von Steuern, Abgaben und
  31. Transfersystem. Da gibt es ein paar seltsame Sprünge offenbar in den unteren Einkommensbereichen bis etwa 30.000 Euro
  32. für einen Haushalt mit zwei Kindern. Was wäre da zu tun?
  33. Wenn man sich insgesamt das Steuer- und Transfersystem und Sozialabgaben-Systeme anschaut, sieht man, dass wir verschiedene Maßnahmen
  34. oder Institutionen nebeneinander haben und sehr oft die Interaktion oder Wechselwirkungen dieser Maßnahmen nicht berücksichtigt wird.
  35. Also im Transferbereich sieht man – insbesondere bei Hartz IV, Wohngeld und Kinderzuschlag – dass es zu sehr hohen Grenzbelastungen kommen kann von über
  36. 100 %. d.h. wenn man 1 Euro mehr verdient, hat man am Ende netto weniger in der Tasche, als wenn man diesen Euro nicht verdient hätte.
  37. Und das macht keinen Sinn, da muss man ansetzen. Das System insgesamt als Gesamtheit betrachten und dann eine Reform starten. Das Problem: "Warum
  38. passiert das nicht?" Diese unterschiedlichen Maßnahmen fallen in die Zuständigkeitsbereiche von unterschiedlichen Ministerien.
  39. Und jedes Ministerium schaut sich natürlich zunächst die Gesetze oder die Maßnahmen an, für die es zuständig ist. Selten wird das Gesamtsystem betrachtet.
  40. F: Gibt es dafür nicht ein Bundeskabinett? Sollte es geben, aber wahrscheinlich sind
  41. Steuertransfer-Grafiken zu langweilig, um sie im Bundeskabinett zu besprechen.

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