Interview: Ungleichheit und Umverteilung in Deutschland: Trends und Handlungsoptionen ifo Institut https://www.youtube.com/watch?v=wpu80rP_KSQ Transkript (automatisch erstellt) 0:00 F: Herr Peichl Sie haben hier einen Vortrag gehalten am ifo-Institut zum Thema Ungleichheit und Umverteilung. Man hört oft, dass die 0:08 Schere in Deutschland immer weiter auseinandergeht – das ist die Metapher die wir immer hören. Ist das so oder ist es nicht so? 0:16 Es kommt darauf an. Das ist natürlich die Antwort, die Sie als Journalist nicht hören wollen, aber die wir als Ökonomen gerne geben. 0:24 Es kommt in der Tat darauf an, welches Einkommen man sich anschaut oder welche Dimension. Welches Konzept, welchen Zeitraum. Was richtig ist: dass wir 0:35 gesehen haben, dass die Lohnungleichheit der Beschäftigten eine gewisse Zeit lang auseinander gegangen ist bis 2010/2012. Danach nicht mehr unbedingt sehr viel 0:47 stärker. Die Ungleichheit der Markteinkommen, sprich die Summe aus Arbeitseinkommen und Kapitaleinkommen scheint noch immer etwas weiter 0:55 auseinander zu gehen. Wenn man sich die verfügbaren Einkommen anschaut, also letztlich das, was bei uns netto auf dem Konto landet, dann sieht es 1:04 schon ganz anders aus, da sehen wir keinen sehr starken Anstieg seit 2000. F: Man hat manchmal den Eindruck aus ihren Grafiken, dass die Reichen immer 1:14 reicher werden und die Armen aber nicht ärmer sondern genauso arm bleiben wie vorher – ist das vielleicht die Schere? 1:20 Auch hier kommt es darauf an es ist letztlich so, dass insbesondere bei den Arbeitseinkommen die 1:29 Löhne am oberen Ende der Einkommens- oder Lohnverteilung deutlich stärker steigen. Das hat mit Globalisierung mit 1:34 technischem Fortschritt zu tun. Bei den ärmeren oder Niedrigeinkommensbeziehern kommt es sehr stark darauf an, ob man die vorher Arbeitslosen 1:44 berücksichtigt oder nicht. Wenn man die Personen, die vor den Hartz-Reformen arbeitslos waren, berücksichtigt, dann ist es so, dass deren Einkommen auch 1:52 stark steigen, weil sie vorher nichts verdient haben und jetzt etwas verdienen. Wenn man sie nicht berücksichtigt, sieht man, dass die Lohnspreizung oder die 2:01 Lohnschere deutlich auseinander geht. Also wie gesagt, hier kommt es eben darauf an – und wiederum, wenn man auf die verfügbaren 2:08 Nettoeinkommen schaut, ist es nicht ganz so schlimm, wie es immer dargestellt wird. F: Sie haben ebenfalls eine Grafik gezeigt, in der zu sehen ist, dass die 2:16 Umverteilung relativ groß ist in Deutschland, dass sie aber kleiner geworden ist. D.h. früher waren es ungefähr 15 Gini-Punkte 2:23 jetzt ungefähr 10 Gini-Punkte. Die Umverteilung in Deutschland 2:29 ist in der Tat sehr groß im internationalen Vergleich Es gibt kaum ein anderes Land, das so viel umverteilt wie wir. Die Umverteilung ist 2:39 in der Tat seit den rot-grünen Steuerreformen insbesondere Anfang der 2000er Jahre etwas zurückgegangen. Das ist letztlich ein weltweiter Trend, 2:49 dass die Spitzensteuersätze gesunken sind. Was mit der internationalen Mobilität von Kapitaleinkommen aber auch 2:59 Hocheinkommensbeziehern/Hochqualifizierten zu tun hat. Um eben im Steuerwettbewerb mit anderen Ländern zu bestehen, kann man die hohen Einkommen nicht mehr so 3:08 hoch besteuern, wie noch vor 20 oder 40 Jahren. F: Sie haben gesagt, 3:13 der amerikanische Traum ist tatsächlich ein amerikanischer Traum: in Amerika ist die Wahrscheinlichkeit, vom Tellerwäscher zum Millionär 3:19 aufzusteigen, viel geringer als in vielen anderen Ländern. Dann haben Sie empfohlen: "Gehen Sie nach Skandinavien!" Wie ist es denn mit Deutschland? 3:27 In Deutschland ist die Chance, vom Tellerwäscher zum Millionär zu werden, niedriger als in Skandinavien. 3:34 Aber höher als in den Vereinigten Staaten oder im Vereinigten Königreich. Also wir liegen im Mittelfeld. Gar nicht so schlecht, aber es könnte besser sein. 3:44 Und hier müssen wir ansetzen. Und das ist in Deutschland insbesondere im Bildungssystem, im frühkindlichen Bereich. Der Schulerfolg in Deutschland hängt leider immer noch 3:53 viel zu sehr vom Elternhaus ab. Hier muss man ansetzen, hier kann man etwas tun. Und dann schaffen wir es vielleicht, dass es irgendwann mal der 4:00 deutsche Traum ist und nicht der amerikanische. F: Sie haben bei Ihren Vorschlägen auch noch etwas über die Integration von Steuern, Abgaben und 4:09 Transfersystem. Da gibt es ein paar seltsame Sprünge offenbar in den unteren Einkommensbereichen bis etwa 30.000 Euro 4:16 für einen Haushalt mit zwei Kindern. Was wäre da zu tun? 4:24 Wenn man sich insgesamt das Steuer- und Transfersystem und Sozialabgaben-Systeme anschaut, sieht man, dass wir verschiedene Maßnahmen 4:32 oder Institutionen nebeneinander haben und sehr oft die Interaktion oder Wechselwirkungen dieser Maßnahmen nicht berücksichtigt wird. 4:39 Also im Transferbereich sieht man – insbesondere bei Hartz IV, Wohngeld und Kinderzuschlag – dass es zu sehr hohen Grenzbelastungen kommen kann von über 4:51 100 %. d.h. wenn man 1 Euro mehr verdient, hat man am Ende netto weniger in der Tasche, als wenn man diesen Euro nicht verdient hätte. 4:58 Und das macht keinen Sinn, da muss man ansetzen. Das System insgesamt als Gesamtheit betrachten und dann eine Reform starten. Das Problem: "Warum 5:09 passiert das nicht?" Diese unterschiedlichen Maßnahmen fallen in die Zuständigkeitsbereiche von unterschiedlichen Ministerien. 5:16 Und jedes Ministerium schaut sich natürlich zunächst die Gesetze oder die Maßnahmen an, für die es zuständig ist. Selten wird das Gesamtsystem betrachtet. 5:25 F: Gibt es dafür nicht ein Bundeskabinett? Sollte es geben, aber wahrscheinlich sind 5:32 Steuertransfer-Grafiken zu langweilig, um sie im Bundeskabinett zu besprechen.