Zum Inhalt springen
L

Das Video kommt von YouTube: erst beim Abspielen verbindet sich die Seite mit YouTube (Google).

Quellenkritik erklärt: Wie Historiker Texte prüfen | So lehre ich Geschichte (Teil 3)

max:mal Geschichte17:31 205 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

Das Wichtigste aus dem Video

Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.

Transkriptautomatisch erstellt · 97 Zeilen
Herunterladen
  1. Wie können wir heute eigentlich nachvollziehen, was ein Autor, der vor über 1000 Jahren lebte, überhaupt dachte? Wie können wir nachvollziehen,
  2. ob das stimmt, was er uns schriftlich hinterlassen hat? Historiker arbeiten mit fragmentarischen Texten, verlorenen Kontexten und Lücken, die wir mühsam
  3. rekonstruieren müssen. Und genau darin liegt auch die zentrale Herausforderung historischer Arbeit, unserer Arbeit. In diesem Video geht es um die Frage, wie
  4. Historiker trotz teilweise fragmentarischer Quellen zu belastbaren Aussagen über längst Vergangenes gelangen. Denn historische Forschung
  5. arbeitet nicht mit Gewissheiten, sondern mit Wahrscheinlichkeiten. Und diese Wahrscheinlichkeiten sind das Ergebnis methodischer Arbeit.
  6. Hallo und herzlich willkommen hier zu meinem neuen Video, zu meinem neuen Seminarvideo und wir sind tatsächlich schon beim dritten Teil angelangt und
  7. heute geht es uns um die Quellenkritik. Im letzten Video habe ich mich mit den Ursprüngen der modernen Geschichtswissenschaft und dem
  8. allgemeinen Quellenbegriff beschäftigt. Dabei ging es bereits um die grundlegende Theorie hinter historischer Erkenntnis Gewinnung. Auf diesem
  9. Fundament bauen wir heute auf und widmen uns einem ganz zentralen Werkzeug des Historikers, nämlich der schon genannten Quellenkritik.
  10. Da das Thema sehr umfangreich ist, habe ich es während meiner Vorbereitung sogar in zwei Videos aufgeteilt. In diesem ersten Teil wird es primär um die
  11. theoretischen Schritte im Rahmen der Quellenkritik gehen und darum, wie wir eben diese Schritte an einer konkreten Quelle vorbereiten. Dazu schauen wir uns
  12. nach einem Blick auf die mittelalterlichen Quellen allgemein vier Aspekte genauer an. Erstens, welche Fragestellung wir unserer Analyse zu
  13. Grunde legen und warum sie sich aus unserem historischen Interesse heraus besonders anbietet. Zweitens, wie wir unsere Quelle in unserem Fall die Analys
  14. des Lampard von Herzfeld historisch einordnen. Drittens, wie wir die äußere Quellenkritik überhaupt anwenden und viertens, wie ein erstes kleines
  15. Beispiel der inneren Kritik aussieht, bevor wir dann eben im nächsten Video in die ausführliche Analyse einsteigen. die vollständige Quellenanalyse,
  16. also die detaillierte innere Kritik, der Vergleich mit dem Zollprivileg Heinrichs des VI von 1074 und die abschließende Interpretation
  17. folgt dann im vierten Video der Seminarreihe. Also Leute, bleibt immer schön dran, schaltet immer schön ein, es geht hier mit großen Schritten voran.
  18. Nun zunächst einige Bemerkungen ganz allgemein zur mittelalterlichen Quellenlandschaft.
  19. Die mittelalterliche Geschichte arbeitet mit einer sehr großen Vielfalt unterschiedlicher Quellenarten. Je nach Art der Quelle benötigen wir
  20. unterschiedliche Werkzeuge und spezielle Hilfswissenschaften wie die Diplomatik oder die Paleografie ganze allgemein, die Numismatik, Epigrafhik und so
  21. weiter. Ich habe dazu schon mal ein grundlegendes Video gemacht. Schaut rein. Zu den mittelalterlichen Quellen gehören
  22. unter anderem historiographische Werke wie Chroniken oder Analen, hagiographische Texte mit Heiligen und Lebensbeschreibung, Rechtsquellen wie
  23. Urkunden oder Kapitularien, Verwaltungsschriftgut, Briefe, praktisch theologische und liturgische Handschriften,
  24. wissenschaftliches Schriftum, Dichtung, Inschriften, Sachquellen wie Münzen, Siegel oder Wappen, Archäolog Funde, Kulturlandschaften
  25. und schließlich abstrakte Quellen wie alte Sprachen oder Bräuche. Einen ganz sehr guten und systematischen Überblick über diese Quellenvielfalt bildet unter
  26. anderem der schon häufig zitierte Hanswerner Götz in seinem Proseminargeschichte Mittelalter in der neuen Auflage von 2025.
  27. Diese Quellenvielfalt, die ich gerade genannt habe, zeigt eines sehr deutlich. Jede Quelle stellt uns vor ganz eigene Anforderung. Wir können
  28. also nicht mit einem einzigen Werkzeug arbeiten, sondern müssen unser jeweiliges Werkzeug und damit unsere Methoden immer an die jeweilige Quelle
  29. anpassen. Wir brauchen also unseren bereits beschriebenen großen Werkzeugkasten. Genau an diesem Punkt setzt die
  30. Quellenkritik als zentrales Verfahren historischer Arbeit. an. Bevor wir uns im folgenden an Lampards Text wagen, ein kurzer Überblick zu dem,
  31. was ich zur Arbeit der Geschichtswissenschaft bereits in meinem letzten Seminarvideo, ich blende es auch wieder hier ein, gesagt habe,
  32. historische Quellenarbeit umfasst vier große Bereiche. Die Huristik, also das Auffinden und die Beschaffung. geeigneter Quellen. Die Erschließung,
  33. das heißt ihre formale Beschreibung und Aufarbeitung hinsichtlich beispielsweise der Handschrift oder Quellensprache, die Quellenkritik im engeren Sinne, also
  34. die äußere und innere Prüfung und schließlich die Auswertung und die eigentliche Interpretation der Quelle. Die Quellenkritik klärt, was wir von der
  35. entsprechenden Quelle erwarten dürfen und was eben nicht. Vor allem hilft sie uns die Diskrepanz zwischen unserer Fragestellung und dem, was eine Quelle
  36. als Geschichtsbericht ihrerseits beabsichtet, beabsichtigt zu überwinden. Die kritische Analyse der Quellenallgemein steht dabei schlicht im
  37. Zentrum der historischen Arbeit, der geschichtswissenschaftlichen Arbeit. Damit wir diese Schritte sinnvoll anwenden können, benötigen wir
  38. zuerst eine präzise Fragestellung, womit wir zu unserem konkreten Beispiel und der Fragestellung kommen.
  39. Nehmen wir also einmal an, dass wir die folgende historische Fragestellung bearbeiten. Beispielsweise könnte man annehmen, dass die Studenten so eine
  40. Fragestellung im Seminar erhalten. Wir gehen also schon den Schritt weiter und arbeiten uns nicht ganz grundlegend aus der Quelle heraus, sondern wir nehmen
  41. jetzt an. Also folgend die Fragestellung: Inwiefern traten die Bürger von Warms im Jahr 1073
  42. als eigenständige politische Akteure gegenüber ihrem Stadtherren auf und welche Aussagekraft besitzt Lamps Darstellung im Vergleich zur
  43. diplomatischen Überlieferung? insbesondere dem Zollvileg Heinrichs des V74.
  44. Diese Fragestellung eignet sich besonders gut, weil sie zwei Ebenen miteinander verbindet. Zum einen das konkrete historische
  45. Interesse an der politischen Handlungsfähigkeit einer mittelalterlichen Stadtbevölkerung und zum anderen die methodische Frage, wie
  46. zuverlässig eine historiographische Darstellung wie diejenige Lampert überhaupt ist. Die Fragestellung entscheidet darüber,
  47. welche Quellen wir benötigen, welche Informationen wir über Ihren Autor brauchen, worauf wir in der äußeren und inneren Quellenkritik achten und wie wir
  48. den historischen Kontext gewichten müssen. Beginnen wir also mit der Heuristik. Welche Quellen passen zu dieser Fragestellung und warum stoßen
  49. wir sofort auf die Darstellung Lamps von Herzfeld? Ausgehen von unserer Fragestellung wird schnell klar, welche Überlieferungen
  50. relevant sind. Lampert Analises gehören als historiographische Quelle zu den ausführlichsten zeitgenössischen Berichten über die Ereignis der 1070er
  51. Jahre und liefern einen selten detaillierten Bericht von der Situation in Worms, besonders eben des Spätjahres 1073.
  52. Andere Quellen, wie etwa Berthold von Reichenau, berichten ebenfalls über die Warmser Vorgänge, wenn gleich etwas knapper. Für unsere Fragestellung ist
  53. Lampert auch deshalb die zentrale narrative Quelle, sodass wir vor allem auf ihn ein Auge haben sollten. Bevor wir eine Quelle kritisch prüfen können,
  54. müssen wir sie zunächst erschließen. Der Quellenkommentar sammelt dafür alle grundlegenden also diejenigen Informationen, die wir
  55. über den Autor sowie sein Werk benötigen. Lebensdaten, soziale Stellung, Ausbildung, die Ereignisnähe des Autors, seine politische Handlung
  56. und seine möglichen Interessen, also seine Tendenzen bei der Darstellung sowie die Entstehungszeit, Berichtszeit und die Überlieferung des Werkes selbst.
  57. Zudem klären wir die Frage, ob bereits eine kritische Edition vorliegt, was die Arbeit mit einer Quelle deutlich vereinfachen würde. Dieser Schritt
  58. schafft das notwendige Hintergrundwissen, um spätere Wertungen und Aussagen im Text richtig einordnen zu können. Wenden wir das nun mal auf
  59. unsere Quelle an. Der Auto unserer Quelle, haben wir bereits gesagt, ist Lampert von Herzfeld. Ein hochgebildeter Mendwick Tina Mönch, geboren um das Jahr
  60. 1029, vermutlich in Franken und gestorben um das Jahr 1081 bzw. 82. Seine ausgezeichnete Ausbildung erhielt
  61. er in Bamberg strag geprägt durch römische Klassiker und monastischpitische Ideale nach dem Vorbild Kaiser Heinrich des II. Lampa
  62. trat 1058 in die Reichsabtei Herzfeld ein und wurde im Laufe seines Lebens zu einem scharfen Beobachter der politischen Auseinandersetzung
  63. seiner Zeit. Seine Anales sind das Hauptwerk, das er verfasst hat. Sie basieren auf Jahresweisen Notizen und wurden 10778
  64. in einem Rutsch sozusagen in Herzfeld niedergeschrieben mit einer Endredaktion vor dem Jahr 1079. Für die Jahre 1073
  65. bis 77 bietet Lampert besonders ausführliche und detaillierte Beschreibung. Die Anales sind in mehreren Handschriften überliefert und
  66. in kritischer Edition in den Monument Germanier Historiker kurz MGH in den Skriptores Rum Gamanikarum Band 38 gut erschlossen. Wichtig ist das folgende
  67. Lampard war politisch nämlich keineswegs neutral. Er vertrat konservative, monastisch ausgerichtete Werte und sah die politische Ordnung, wie sie unter
  68. Kaiser Heinrich dem bestanden hatte, durch die Herrschaft des jungen Kaisers bzw. zu diesem Zeitpunkt Königs Heinrich des Vierten bedroht. Entsprechend
  69. zeichnete er Heinrich den VI durchweg negativ und nahm einen dezidiert antiköniglichen Standpunkt ein. Dieser Hintergrund prägt seine Darstellung der
  70. Ereignisse auch jener in Worms des Jahres 1073 und 74. Mit diesen Angaben schaffen wir uns nun ein solides Fundament bzw. haben es geschaffen und
  71. auf diesem kann die eigentliche Quellenkritik fußen. In dieser Quellenkritik fragen wir nun nach den äußeren formalen
  72. Merkmalen der Quelle. In der äußeren Kritik prüfen wir Herkunft, Überlieferung und Echtheit. Wir fragen danach, wie glaubwürdig die überlieferte
  73. Textgestalt ist. Das Wichtigste haben wir hierzu bereits im quellenkundlichen Kommentar eruit. Die Handschriftenüberlieferung ist gut
  74. erschlossen. Lampert Analen liegen in einer zuverlässigen, in einer kritischen Edition in dem Monumenta vor in der Reihe Scriptoris Rerum Germanicarum Band
  75. 38 aus dem Jahr 1894. Die Edition basiert auf mehreren überlieferten Handschriften, sodass Probleme der Echtheit, Interpolation
  76. oder der späteren Eingriffe für uns an dieser Stelle keine große Rolle spielen. Für die folgenden Analysen nutze ich die deutsche Übersetzung der Analises in der
  77. Freiher vom Stein Gedächtnisausgabe Band 13 aus dem Jahre 2011. Entstehungszeit und Originalität sind gesichert. Es gibt keine hinter Hinweise auf Interpolation
  78. oder Manipulation und damit können wir davon ausgehen, dass uns ein verlässlicher Text vorliegt und das ist der wichtigste Punkt. Kommen wir nun zur
  79. inneren Kritik. Bei dieser prüfen wir den Inhalt, die Perspektive und die Absicht des Autors. Also die Glaubwürdigkeit seiner Aussagen. Wir
  80. fragen, welche Haltung er einnimmt, was betont er in seinen Aussagen? Was lässt er weg? Was weiß er, was weiß er womöglich nicht
  81. und wie wertet er das Geschehen? Im Falle Lamps wissen wir bereits das folgende: Er steht Heinrich dem vierten und den Vorgängern des Spätjahres 1073
  82. in Worms kritisch gegenüber. Zugleichzeitig nt er die bürgerlichen Kräfte der Stadt mit spürbarer Bewunderung. Das zeigt sich eben auch
  83. sprachlich, vor allem in Latein, durch die Verwendung von Superlativen wie z.B. Munitissima für eine besonders weerhafte Stadt. Ich zitiere: "So hatte nun der
  84. König eine sehr stark befestigte Stadt in den Händen oder sie war die Schutzwehr seines Thrones uneinnehmbar, außerordentlich reich und mit allen
  85. Vorräten versehen. Hier verdichtet Lampert sein Urteil. Warms erscheint als Festung, als Zuflucht, als Stütze für Heinrich den
  86. VI. Und genau diese wertende rhetorisch aufgeladene Darstellung werden wir im nächsten Video Schritt für Schritt am Texte Lampertz überprüfen. Dazu im
  87. Gegensatz auch die kritische Haltung Heinrich gegenüber. Mit diesen Ausführungen kennen wir nun die Grundschritte der Quellenkritik und
  88. wissen, wie wir eine Quelle methodisch aufzuschlüsseln haben, um Erkenntnisse aus ihr gewinnen zu können. Was das konkret bedeutet, wenn wir den Text
  89. durchgehen, sehen wir im nächsten Seminar Video. Dort wenden wir alle Schritte der inneren Quellenkritik praktisch auf Lampert Analis an und
  90. vergleichen seine Darstellung mit dem Zollprivileg Heinriss des VI aus dem Jahr 1074. Warum wir es damit vergleichen, erfahrt
  91. ihr in dem folgenden Video. Zudem beantworten wir die erarbeitete Fragestellung. Und wenn ihr in der Zwischenzeit einmal reinschauen möchtet,
  92. was es eigentlich mit meinem Seminar auf sich hat und warum wir jetzt hier sitzen und über die Quellenkritik sprechen und warum wir zuvor bereits über den
  93. Historismus als erste moderne Epoche der Geschichtswissenschaft gesprochen haben, um das hier überhaupt verstehen zu können, dann schaut am besten in meine
  94. bereits vorhandenen Videos aus der Seminarreihe und wenn euch Francis Fukoyama und das Ende der Geschichte interessiert, dann schaut in die
  95. entsprechende Reihe. Ich blende euch das hier am Ende wieder ein und ich freue mich, wenn ihr einfach dran bleibt, wieder einschaltet. Lasst gerne ein
  96. Kommentar da. Was interessiert euch, was interessiert euch nicht? Soll ich mehr hiervon machen? Schreibt's unten rein. Ich freue mich auf euch. Tschüss, ciao
  97. und bis bald. Ah.

Zum Nachlesen