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Quellenkritik erklärt: Wie Historiker Texte prüfen | So lehre ich Geschichte (Teil 3)
Das Wichtigste aus dem Video
Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.
Transkriptautomatisch erstellt · 97 Zeilen
- Wie können wir heute eigentlich nachvollziehen, was ein Autor, der vor über 1000 Jahren lebte, überhaupt dachte? Wie können wir nachvollziehen,
- ob das stimmt, was er uns schriftlich hinterlassen hat? Historiker arbeiten mit fragmentarischen Texten, verlorenen Kontexten und Lücken, die wir mühsam
- rekonstruieren müssen. Und genau darin liegt auch die zentrale Herausforderung historischer Arbeit, unserer Arbeit. In diesem Video geht es um die Frage, wie
- Historiker trotz teilweise fragmentarischer Quellen zu belastbaren Aussagen über längst Vergangenes gelangen. Denn historische Forschung
- arbeitet nicht mit Gewissheiten, sondern mit Wahrscheinlichkeiten. Und diese Wahrscheinlichkeiten sind das Ergebnis methodischer Arbeit.
- Hallo und herzlich willkommen hier zu meinem neuen Video, zu meinem neuen Seminarvideo und wir sind tatsächlich schon beim dritten Teil angelangt und
- heute geht es uns um die Quellenkritik. Im letzten Video habe ich mich mit den Ursprüngen der modernen Geschichtswissenschaft und dem
- allgemeinen Quellenbegriff beschäftigt. Dabei ging es bereits um die grundlegende Theorie hinter historischer Erkenntnis Gewinnung. Auf diesem
- Fundament bauen wir heute auf und widmen uns einem ganz zentralen Werkzeug des Historikers, nämlich der schon genannten Quellenkritik.
- Da das Thema sehr umfangreich ist, habe ich es während meiner Vorbereitung sogar in zwei Videos aufgeteilt. In diesem ersten Teil wird es primär um die
- theoretischen Schritte im Rahmen der Quellenkritik gehen und darum, wie wir eben diese Schritte an einer konkreten Quelle vorbereiten. Dazu schauen wir uns
- nach einem Blick auf die mittelalterlichen Quellen allgemein vier Aspekte genauer an. Erstens, welche Fragestellung wir unserer Analyse zu
- Grunde legen und warum sie sich aus unserem historischen Interesse heraus besonders anbietet. Zweitens, wie wir unsere Quelle in unserem Fall die Analys
- des Lampard von Herzfeld historisch einordnen. Drittens, wie wir die äußere Quellenkritik überhaupt anwenden und viertens, wie ein erstes kleines
- Beispiel der inneren Kritik aussieht, bevor wir dann eben im nächsten Video in die ausführliche Analyse einsteigen. die vollständige Quellenanalyse,
- also die detaillierte innere Kritik, der Vergleich mit dem Zollprivileg Heinrichs des VI von 1074 und die abschließende Interpretation
- folgt dann im vierten Video der Seminarreihe. Also Leute, bleibt immer schön dran, schaltet immer schön ein, es geht hier mit großen Schritten voran.
- Nun zunächst einige Bemerkungen ganz allgemein zur mittelalterlichen Quellenlandschaft.
- Die mittelalterliche Geschichte arbeitet mit einer sehr großen Vielfalt unterschiedlicher Quellenarten. Je nach Art der Quelle benötigen wir
- unterschiedliche Werkzeuge und spezielle Hilfswissenschaften wie die Diplomatik oder die Paleografie ganze allgemein, die Numismatik, Epigrafhik und so
- weiter. Ich habe dazu schon mal ein grundlegendes Video gemacht. Schaut rein. Zu den mittelalterlichen Quellen gehören
- unter anderem historiographische Werke wie Chroniken oder Analen, hagiographische Texte mit Heiligen und Lebensbeschreibung, Rechtsquellen wie
- Urkunden oder Kapitularien, Verwaltungsschriftgut, Briefe, praktisch theologische und liturgische Handschriften,
- wissenschaftliches Schriftum, Dichtung, Inschriften, Sachquellen wie Münzen, Siegel oder Wappen, Archäolog Funde, Kulturlandschaften
- und schließlich abstrakte Quellen wie alte Sprachen oder Bräuche. Einen ganz sehr guten und systematischen Überblick über diese Quellenvielfalt bildet unter
- anderem der schon häufig zitierte Hanswerner Götz in seinem Proseminargeschichte Mittelalter in der neuen Auflage von 2025.
- Diese Quellenvielfalt, die ich gerade genannt habe, zeigt eines sehr deutlich. Jede Quelle stellt uns vor ganz eigene Anforderung. Wir können
- also nicht mit einem einzigen Werkzeug arbeiten, sondern müssen unser jeweiliges Werkzeug und damit unsere Methoden immer an die jeweilige Quelle
- anpassen. Wir brauchen also unseren bereits beschriebenen großen Werkzeugkasten. Genau an diesem Punkt setzt die
- Quellenkritik als zentrales Verfahren historischer Arbeit. an. Bevor wir uns im folgenden an Lampards Text wagen, ein kurzer Überblick zu dem,
- was ich zur Arbeit der Geschichtswissenschaft bereits in meinem letzten Seminarvideo, ich blende es auch wieder hier ein, gesagt habe,
- historische Quellenarbeit umfasst vier große Bereiche. Die Huristik, also das Auffinden und die Beschaffung. geeigneter Quellen. Die Erschließung,
- das heißt ihre formale Beschreibung und Aufarbeitung hinsichtlich beispielsweise der Handschrift oder Quellensprache, die Quellenkritik im engeren Sinne, also
- die äußere und innere Prüfung und schließlich die Auswertung und die eigentliche Interpretation der Quelle. Die Quellenkritik klärt, was wir von der
- entsprechenden Quelle erwarten dürfen und was eben nicht. Vor allem hilft sie uns die Diskrepanz zwischen unserer Fragestellung und dem, was eine Quelle
- als Geschichtsbericht ihrerseits beabsichtet, beabsichtigt zu überwinden. Die kritische Analyse der Quellenallgemein steht dabei schlicht im
- Zentrum der historischen Arbeit, der geschichtswissenschaftlichen Arbeit. Damit wir diese Schritte sinnvoll anwenden können, benötigen wir
- zuerst eine präzise Fragestellung, womit wir zu unserem konkreten Beispiel und der Fragestellung kommen.
- Nehmen wir also einmal an, dass wir die folgende historische Fragestellung bearbeiten. Beispielsweise könnte man annehmen, dass die Studenten so eine
- Fragestellung im Seminar erhalten. Wir gehen also schon den Schritt weiter und arbeiten uns nicht ganz grundlegend aus der Quelle heraus, sondern wir nehmen
- jetzt an. Also folgend die Fragestellung: Inwiefern traten die Bürger von Warms im Jahr 1073
- als eigenständige politische Akteure gegenüber ihrem Stadtherren auf und welche Aussagekraft besitzt Lamps Darstellung im Vergleich zur
- diplomatischen Überlieferung? insbesondere dem Zollvileg Heinrichs des V74.
- Diese Fragestellung eignet sich besonders gut, weil sie zwei Ebenen miteinander verbindet. Zum einen das konkrete historische
- Interesse an der politischen Handlungsfähigkeit einer mittelalterlichen Stadtbevölkerung und zum anderen die methodische Frage, wie
- zuverlässig eine historiographische Darstellung wie diejenige Lampert überhaupt ist. Die Fragestellung entscheidet darüber,
- welche Quellen wir benötigen, welche Informationen wir über Ihren Autor brauchen, worauf wir in der äußeren und inneren Quellenkritik achten und wie wir
- den historischen Kontext gewichten müssen. Beginnen wir also mit der Heuristik. Welche Quellen passen zu dieser Fragestellung und warum stoßen
- wir sofort auf die Darstellung Lamps von Herzfeld? Ausgehen von unserer Fragestellung wird schnell klar, welche Überlieferungen
- relevant sind. Lampert Analises gehören als historiographische Quelle zu den ausführlichsten zeitgenössischen Berichten über die Ereignis der 1070er
- Jahre und liefern einen selten detaillierten Bericht von der Situation in Worms, besonders eben des Spätjahres 1073.
- Andere Quellen, wie etwa Berthold von Reichenau, berichten ebenfalls über die Warmser Vorgänge, wenn gleich etwas knapper. Für unsere Fragestellung ist
- Lampert auch deshalb die zentrale narrative Quelle, sodass wir vor allem auf ihn ein Auge haben sollten. Bevor wir eine Quelle kritisch prüfen können,
- müssen wir sie zunächst erschließen. Der Quellenkommentar sammelt dafür alle grundlegenden also diejenigen Informationen, die wir
- über den Autor sowie sein Werk benötigen. Lebensdaten, soziale Stellung, Ausbildung, die Ereignisnähe des Autors, seine politische Handlung
- und seine möglichen Interessen, also seine Tendenzen bei der Darstellung sowie die Entstehungszeit, Berichtszeit und die Überlieferung des Werkes selbst.
- Zudem klären wir die Frage, ob bereits eine kritische Edition vorliegt, was die Arbeit mit einer Quelle deutlich vereinfachen würde. Dieser Schritt
- schafft das notwendige Hintergrundwissen, um spätere Wertungen und Aussagen im Text richtig einordnen zu können. Wenden wir das nun mal auf
- unsere Quelle an. Der Auto unserer Quelle, haben wir bereits gesagt, ist Lampert von Herzfeld. Ein hochgebildeter Mendwick Tina Mönch, geboren um das Jahr
- 1029, vermutlich in Franken und gestorben um das Jahr 1081 bzw. 82. Seine ausgezeichnete Ausbildung erhielt
- er in Bamberg strag geprägt durch römische Klassiker und monastischpitische Ideale nach dem Vorbild Kaiser Heinrich des II. Lampa
- trat 1058 in die Reichsabtei Herzfeld ein und wurde im Laufe seines Lebens zu einem scharfen Beobachter der politischen Auseinandersetzung
- seiner Zeit. Seine Anales sind das Hauptwerk, das er verfasst hat. Sie basieren auf Jahresweisen Notizen und wurden 10778
- in einem Rutsch sozusagen in Herzfeld niedergeschrieben mit einer Endredaktion vor dem Jahr 1079. Für die Jahre 1073
- bis 77 bietet Lampert besonders ausführliche und detaillierte Beschreibung. Die Anales sind in mehreren Handschriften überliefert und
- in kritischer Edition in den Monument Germanier Historiker kurz MGH in den Skriptores Rum Gamanikarum Band 38 gut erschlossen. Wichtig ist das folgende
- Lampard war politisch nämlich keineswegs neutral. Er vertrat konservative, monastisch ausgerichtete Werte und sah die politische Ordnung, wie sie unter
- Kaiser Heinrich dem bestanden hatte, durch die Herrschaft des jungen Kaisers bzw. zu diesem Zeitpunkt Königs Heinrich des Vierten bedroht. Entsprechend
- zeichnete er Heinrich den VI durchweg negativ und nahm einen dezidiert antiköniglichen Standpunkt ein. Dieser Hintergrund prägt seine Darstellung der
- Ereignisse auch jener in Worms des Jahres 1073 und 74. Mit diesen Angaben schaffen wir uns nun ein solides Fundament bzw. haben es geschaffen und
- auf diesem kann die eigentliche Quellenkritik fußen. In dieser Quellenkritik fragen wir nun nach den äußeren formalen
- Merkmalen der Quelle. In der äußeren Kritik prüfen wir Herkunft, Überlieferung und Echtheit. Wir fragen danach, wie glaubwürdig die überlieferte
- Textgestalt ist. Das Wichtigste haben wir hierzu bereits im quellenkundlichen Kommentar eruit. Die Handschriftenüberlieferung ist gut
- erschlossen. Lampert Analen liegen in einer zuverlässigen, in einer kritischen Edition in dem Monumenta vor in der Reihe Scriptoris Rerum Germanicarum Band
- 38 aus dem Jahr 1894. Die Edition basiert auf mehreren überlieferten Handschriften, sodass Probleme der Echtheit, Interpolation
- oder der späteren Eingriffe für uns an dieser Stelle keine große Rolle spielen. Für die folgenden Analysen nutze ich die deutsche Übersetzung der Analises in der
- Freiher vom Stein Gedächtnisausgabe Band 13 aus dem Jahre 2011. Entstehungszeit und Originalität sind gesichert. Es gibt keine hinter Hinweise auf Interpolation
- oder Manipulation und damit können wir davon ausgehen, dass uns ein verlässlicher Text vorliegt und das ist der wichtigste Punkt. Kommen wir nun zur
- inneren Kritik. Bei dieser prüfen wir den Inhalt, die Perspektive und die Absicht des Autors. Also die Glaubwürdigkeit seiner Aussagen. Wir
- fragen, welche Haltung er einnimmt, was betont er in seinen Aussagen? Was lässt er weg? Was weiß er, was weiß er womöglich nicht
- und wie wertet er das Geschehen? Im Falle Lamps wissen wir bereits das folgende: Er steht Heinrich dem vierten und den Vorgängern des Spätjahres 1073
- in Worms kritisch gegenüber. Zugleichzeitig nt er die bürgerlichen Kräfte der Stadt mit spürbarer Bewunderung. Das zeigt sich eben auch
- sprachlich, vor allem in Latein, durch die Verwendung von Superlativen wie z.B. Munitissima für eine besonders weerhafte Stadt. Ich zitiere: "So hatte nun der
- König eine sehr stark befestigte Stadt in den Händen oder sie war die Schutzwehr seines Thrones uneinnehmbar, außerordentlich reich und mit allen
- Vorräten versehen. Hier verdichtet Lampert sein Urteil. Warms erscheint als Festung, als Zuflucht, als Stütze für Heinrich den
- VI. Und genau diese wertende rhetorisch aufgeladene Darstellung werden wir im nächsten Video Schritt für Schritt am Texte Lampertz überprüfen. Dazu im
- Gegensatz auch die kritische Haltung Heinrich gegenüber. Mit diesen Ausführungen kennen wir nun die Grundschritte der Quellenkritik und
- wissen, wie wir eine Quelle methodisch aufzuschlüsseln haben, um Erkenntnisse aus ihr gewinnen zu können. Was das konkret bedeutet, wenn wir den Text
- durchgehen, sehen wir im nächsten Seminar Video. Dort wenden wir alle Schritte der inneren Quellenkritik praktisch auf Lampert Analis an und
- vergleichen seine Darstellung mit dem Zollprivileg Heinriss des VI aus dem Jahr 1074. Warum wir es damit vergleichen, erfahrt
- ihr in dem folgenden Video. Zudem beantworten wir die erarbeitete Fragestellung. Und wenn ihr in der Zwischenzeit einmal reinschauen möchtet,
- was es eigentlich mit meinem Seminar auf sich hat und warum wir jetzt hier sitzen und über die Quellenkritik sprechen und warum wir zuvor bereits über den
- Historismus als erste moderne Epoche der Geschichtswissenschaft gesprochen haben, um das hier überhaupt verstehen zu können, dann schaut am besten in meine
- bereits vorhandenen Videos aus der Seminarreihe und wenn euch Francis Fukoyama und das Ende der Geschichte interessiert, dann schaut in die
- entsprechende Reihe. Ich blende euch das hier am Ende wieder ein und ich freue mich, wenn ihr einfach dran bleibt, wieder einschaltet. Lasst gerne ein
- Kommentar da. Was interessiert euch, was interessiert euch nicht? Soll ich mehr hiervon machen? Schreibt's unten rein. Ich freue mich auf euch. Tschüss, ciao
- und bis bald. Ah.
Zum Nachlesen
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