Quellenkritik erklärt: Wie Historiker Texte prüfen | So lehre ich Geschichte (Teil 3) max:mal Geschichte https://www.youtube.com/watch?v=nrwDFsTCBs4 Transkript (automatisch erstellt) 0:00 Wie können wir heute eigentlich nachvollziehen, was ein Autor, der vor über 1000 Jahren lebte, überhaupt dachte? Wie können wir nachvollziehen, 0:12 ob das stimmt, was er uns schriftlich hinterlassen hat? Historiker arbeiten mit fragmentarischen Texten, verlorenen Kontexten und Lücken, die wir mühsam 0:25 rekonstruieren müssen. Und genau darin liegt auch die zentrale Herausforderung historischer Arbeit, unserer Arbeit. In diesem Video geht es um die Frage, wie 0:37 Historiker trotz teilweise fragmentarischer Quellen zu belastbaren Aussagen über längst Vergangenes gelangen. Denn historische Forschung 0:48 arbeitet nicht mit Gewissheiten, sondern mit Wahrscheinlichkeiten. Und diese Wahrscheinlichkeiten sind das Ergebnis methodischer Arbeit. 1:07 Hallo und herzlich willkommen hier zu meinem neuen Video, zu meinem neuen Seminarvideo und wir sind tatsächlich schon beim dritten Teil angelangt und 1:18 heute geht es uns um die Quellenkritik. Im letzten Video habe ich mich mit den Ursprüngen der modernen Geschichtswissenschaft und dem 1:28 allgemeinen Quellenbegriff beschäftigt. Dabei ging es bereits um die grundlegende Theorie hinter historischer Erkenntnis Gewinnung. Auf diesem 1:39 Fundament bauen wir heute auf und widmen uns einem ganz zentralen Werkzeug des Historikers, nämlich der schon genannten Quellenkritik. 1:50 Da das Thema sehr umfangreich ist, habe ich es während meiner Vorbereitung sogar in zwei Videos aufgeteilt. In diesem ersten Teil wird es primär um die 2:00 theoretischen Schritte im Rahmen der Quellenkritik gehen und darum, wie wir eben diese Schritte an einer konkreten Quelle vorbereiten. Dazu schauen wir uns 2:12 nach einem Blick auf die mittelalterlichen Quellen allgemein vier Aspekte genauer an. Erstens, welche Fragestellung wir unserer Analyse zu 2:23 Grunde legen und warum sie sich aus unserem historischen Interesse heraus besonders anbietet. Zweitens, wie wir unsere Quelle in unserem Fall die Analys 2:36 des Lampard von Herzfeld historisch einordnen. Drittens, wie wir die äußere Quellenkritik überhaupt anwenden und viertens, wie ein erstes kleines 2:48 Beispiel der inneren Kritik aussieht, bevor wir dann eben im nächsten Video in die ausführliche Analyse einsteigen. die vollständige Quellenanalyse, 3:01 also die detaillierte innere Kritik, der Vergleich mit dem Zollprivileg Heinrichs des VI von 1074 und die abschließende Interpretation 3:11 folgt dann im vierten Video der Seminarreihe. Also Leute, bleibt immer schön dran, schaltet immer schön ein, es geht hier mit großen Schritten voran. 3:23 Nun zunächst einige Bemerkungen ganz allgemein zur mittelalterlichen Quellenlandschaft. 3:35 Die mittelalterliche Geschichte arbeitet mit einer sehr großen Vielfalt unterschiedlicher Quellenarten. Je nach Art der Quelle benötigen wir 3:45 unterschiedliche Werkzeuge und spezielle Hilfswissenschaften wie die Diplomatik oder die Paleografie ganze allgemein, die Numismatik, Epigrafhik und so 3:56 weiter. Ich habe dazu schon mal ein grundlegendes Video gemacht. Schaut rein. Zu den mittelalterlichen Quellen gehören 4:03 unter anderem historiographische Werke wie Chroniken oder Analen, hagiographische Texte mit Heiligen und Lebensbeschreibung, Rechtsquellen wie 4:14 Urkunden oder Kapitularien, Verwaltungsschriftgut, Briefe, praktisch theologische und liturgische Handschriften, 4:23 wissenschaftliches Schriftum, Dichtung, Inschriften, Sachquellen wie Münzen, Siegel oder Wappen, Archäolog Funde, Kulturlandschaften 4:34 und schließlich abstrakte Quellen wie alte Sprachen oder Bräuche. Einen ganz sehr guten und systematischen Überblick über diese Quellenvielfalt bildet unter 4:47 anderem der schon häufig zitierte Hanswerner Götz in seinem Proseminargeschichte Mittelalter in der neuen Auflage von 2025. 4:56 Diese Quellenvielfalt, die ich gerade genannt habe, zeigt eines sehr deutlich. Jede Quelle stellt uns vor ganz eigene Anforderung. Wir können 5:09 also nicht mit einem einzigen Werkzeug arbeiten, sondern müssen unser jeweiliges Werkzeug und damit unsere Methoden immer an die jeweilige Quelle 5:19 anpassen. Wir brauchen also unseren bereits beschriebenen großen Werkzeugkasten. Genau an diesem Punkt setzt die 5:27 Quellenkritik als zentrales Verfahren historischer Arbeit. an. Bevor wir uns im folgenden an Lampards Text wagen, ein kurzer Überblick zu dem, 5:45 was ich zur Arbeit der Geschichtswissenschaft bereits in meinem letzten Seminarvideo, ich blende es auch wieder hier ein, gesagt habe, 5:54 historische Quellenarbeit umfasst vier große Bereiche. Die Huristik, also das Auffinden und die Beschaffung. geeigneter Quellen. Die Erschließung, 6:05 das heißt ihre formale Beschreibung und Aufarbeitung hinsichtlich beispielsweise der Handschrift oder Quellensprache, die Quellenkritik im engeren Sinne, also 6:16 die äußere und innere Prüfung und schließlich die Auswertung und die eigentliche Interpretation der Quelle. Die Quellenkritik klärt, was wir von der 6:27 entsprechenden Quelle erwarten dürfen und was eben nicht. Vor allem hilft sie uns die Diskrepanz zwischen unserer Fragestellung und dem, was eine Quelle 6:38 als Geschichtsbericht ihrerseits beabsichtet, beabsichtigt zu überwinden. Die kritische Analyse der Quellenallgemein steht dabei schlicht im 6:49 Zentrum der historischen Arbeit, der geschichtswissenschaftlichen Arbeit. Damit wir diese Schritte sinnvoll anwenden können, benötigen wir 6:58 zuerst eine präzise Fragestellung, womit wir zu unserem konkreten Beispiel und der Fragestellung kommen. 7:12 Nehmen wir also einmal an, dass wir die folgende historische Fragestellung bearbeiten. Beispielsweise könnte man annehmen, dass die Studenten so eine 7:22 Fragestellung im Seminar erhalten. Wir gehen also schon den Schritt weiter und arbeiten uns nicht ganz grundlegend aus der Quelle heraus, sondern wir nehmen 7:31 jetzt an. Also folgend die Fragestellung: Inwiefern traten die Bürger von Warms im Jahr 1073 7:41 als eigenständige politische Akteure gegenüber ihrem Stadtherren auf und welche Aussagekraft besitzt Lamps Darstellung im Vergleich zur 7:51 diplomatischen Überlieferung? insbesondere dem Zollvileg Heinrichs des V74. 7:59 Diese Fragestellung eignet sich besonders gut, weil sie zwei Ebenen miteinander verbindet. Zum einen das konkrete historische 8:09 Interesse an der politischen Handlungsfähigkeit einer mittelalterlichen Stadtbevölkerung und zum anderen die methodische Frage, wie 8:18 zuverlässig eine historiographische Darstellung wie diejenige Lampert überhaupt ist. Die Fragestellung entscheidet darüber, 8:29 welche Quellen wir benötigen, welche Informationen wir über Ihren Autor brauchen, worauf wir in der äußeren und inneren Quellenkritik achten und wie wir 8:40 den historischen Kontext gewichten müssen. Beginnen wir also mit der Heuristik. Welche Quellen passen zu dieser Fragestellung und warum stoßen 8:50 wir sofort auf die Darstellung Lamps von Herzfeld? Ausgehen von unserer Fragestellung wird schnell klar, welche Überlieferungen 8:59 relevant sind. Lampert Analises gehören als historiographische Quelle zu den ausführlichsten zeitgenössischen Berichten über die Ereignis der 1070er 9:10 Jahre und liefern einen selten detaillierten Bericht von der Situation in Worms, besonders eben des Spätjahres 1073. 9:22 Andere Quellen, wie etwa Berthold von Reichenau, berichten ebenfalls über die Warmser Vorgänge, wenn gleich etwas knapper. Für unsere Fragestellung ist 9:31 Lampert auch deshalb die zentrale narrative Quelle, sodass wir vor allem auf ihn ein Auge haben sollten. Bevor wir eine Quelle kritisch prüfen können, 9:45 müssen wir sie zunächst erschließen. Der Quellenkommentar sammelt dafür alle grundlegenden also diejenigen Informationen, die wir 9:56 über den Autor sowie sein Werk benötigen. Lebensdaten, soziale Stellung, Ausbildung, die Ereignisnähe des Autors, seine politische Handlung 10:05 und seine möglichen Interessen, also seine Tendenzen bei der Darstellung sowie die Entstehungszeit, Berichtszeit und die Überlieferung des Werkes selbst. 10:17 Zudem klären wir die Frage, ob bereits eine kritische Edition vorliegt, was die Arbeit mit einer Quelle deutlich vereinfachen würde. Dieser Schritt 10:27 schafft das notwendige Hintergrundwissen, um spätere Wertungen und Aussagen im Text richtig einordnen zu können. Wenden wir das nun mal auf 10:37 unsere Quelle an. Der Auto unserer Quelle, haben wir bereits gesagt, ist Lampert von Herzfeld. Ein hochgebildeter Mendwick Tina Mönch, geboren um das Jahr 10:48 1029, vermutlich in Franken und gestorben um das Jahr 1081 bzw. 82. Seine ausgezeichnete Ausbildung erhielt 10:58 er in Bamberg strag geprägt durch römische Klassiker und monastischpitische Ideale nach dem Vorbild Kaiser Heinrich des II. Lampa 11:07 trat 1058 in die Reichsabtei Herzfeld ein und wurde im Laufe seines Lebens zu einem scharfen Beobachter der politischen Auseinandersetzung 11:16 seiner Zeit. Seine Anales sind das Hauptwerk, das er verfasst hat. Sie basieren auf Jahresweisen Notizen und wurden 10778 11:29 in einem Rutsch sozusagen in Herzfeld niedergeschrieben mit einer Endredaktion vor dem Jahr 1079. Für die Jahre 1073 11:41 bis 77 bietet Lampert besonders ausführliche und detaillierte Beschreibung. Die Anales sind in mehreren Handschriften überliefert und 11:50 in kritischer Edition in den Monument Germanier Historiker kurz MGH in den Skriptores Rum Gamanikarum Band 38 gut erschlossen. Wichtig ist das folgende 12:05 Lampard war politisch nämlich keineswegs neutral. Er vertrat konservative, monastisch ausgerichtete Werte und sah die politische Ordnung, wie sie unter 12:16 Kaiser Heinrich dem bestanden hatte, durch die Herrschaft des jungen Kaisers bzw. zu diesem Zeitpunkt Königs Heinrich des Vierten bedroht. Entsprechend 12:28 zeichnete er Heinrich den VI durchweg negativ und nahm einen dezidiert antiköniglichen Standpunkt ein. Dieser Hintergrund prägt seine Darstellung der 12:39 Ereignisse auch jener in Worms des Jahres 1073 und 74. Mit diesen Angaben schaffen wir uns nun ein solides Fundament bzw. haben es geschaffen und 12:52 auf diesem kann die eigentliche Quellenkritik fußen. In dieser Quellenkritik fragen wir nun nach den äußeren formalen 13:02 Merkmalen der Quelle. In der äußeren Kritik prüfen wir Herkunft, Überlieferung und Echtheit. Wir fragen danach, wie glaubwürdig die überlieferte 13:11 Textgestalt ist. Das Wichtigste haben wir hierzu bereits im quellenkundlichen Kommentar eruit. Die Handschriftenüberlieferung ist gut 13:22 erschlossen. Lampert Analen liegen in einer zuverlässigen, in einer kritischen Edition in dem Monumenta vor in der Reihe Scriptoris Rerum Germanicarum Band 13:31 38 aus dem Jahr 1894. Die Edition basiert auf mehreren überlieferten Handschriften, sodass Probleme der Echtheit, Interpolation 13:40 oder der späteren Eingriffe für uns an dieser Stelle keine große Rolle spielen. Für die folgenden Analysen nutze ich die deutsche Übersetzung der Analises in der 13:51 Freiher vom Stein Gedächtnisausgabe Band 13 aus dem Jahre 2011. Entstehungszeit und Originalität sind gesichert. Es gibt keine hinter Hinweise auf Interpolation 14:04 oder Manipulation und damit können wir davon ausgehen, dass uns ein verlässlicher Text vorliegt und das ist der wichtigste Punkt. Kommen wir nun zur 14:14 inneren Kritik. Bei dieser prüfen wir den Inhalt, die Perspektive und die Absicht des Autors. Also die Glaubwürdigkeit seiner Aussagen. Wir 14:24 fragen, welche Haltung er einnimmt, was betont er in seinen Aussagen? Was lässt er weg? Was weiß er, was weiß er womöglich nicht 14:33 und wie wertet er das Geschehen? Im Falle Lamps wissen wir bereits das folgende: Er steht Heinrich dem vierten und den Vorgängern des Spätjahres 1073 14:45 in Worms kritisch gegenüber. Zugleichzeitig nt er die bürgerlichen Kräfte der Stadt mit spürbarer Bewunderung. Das zeigt sich eben auch 14:56 sprachlich, vor allem in Latein, durch die Verwendung von Superlativen wie z.B. Munitissima für eine besonders weerhafte Stadt. Ich zitiere: "So hatte nun der 15:10 König eine sehr stark befestigte Stadt in den Händen oder sie war die Schutzwehr seines Thrones uneinnehmbar, außerordentlich reich und mit allen 15:26 Vorräten versehen. Hier verdichtet Lampert sein Urteil. Warms erscheint als Festung, als Zuflucht, als Stütze für Heinrich den 15:38 VI. Und genau diese wertende rhetorisch aufgeladene Darstellung werden wir im nächsten Video Schritt für Schritt am Texte Lampertz überprüfen. Dazu im 15:52 Gegensatz auch die kritische Haltung Heinrich gegenüber. Mit diesen Ausführungen kennen wir nun die Grundschritte der Quellenkritik und 16:01 wissen, wie wir eine Quelle methodisch aufzuschlüsseln haben, um Erkenntnisse aus ihr gewinnen zu können. Was das konkret bedeutet, wenn wir den Text 16:11 durchgehen, sehen wir im nächsten Seminar Video. Dort wenden wir alle Schritte der inneren Quellenkritik praktisch auf Lampert Analis an und 16:21 vergleichen seine Darstellung mit dem Zollprivileg Heinriss des VI aus dem Jahr 1074. Warum wir es damit vergleichen, erfahrt 16:29 ihr in dem folgenden Video. Zudem beantworten wir die erarbeitete Fragestellung. Und wenn ihr in der Zwischenzeit einmal reinschauen möchtet, 16:39 was es eigentlich mit meinem Seminar auf sich hat und warum wir jetzt hier sitzen und über die Quellenkritik sprechen und warum wir zuvor bereits über den 16:49 Historismus als erste moderne Epoche der Geschichtswissenschaft gesprochen haben, um das hier überhaupt verstehen zu können, dann schaut am besten in meine 16:58 bereits vorhandenen Videos aus der Seminarreihe und wenn euch Francis Fukoyama und das Ende der Geschichte interessiert, dann schaut in die 17:06 entsprechende Reihe. Ich blende euch das hier am Ende wieder ein und ich freue mich, wenn ihr einfach dran bleibt, wieder einschaltet. Lasst gerne ein 17:14 Kommentar da. Was interessiert euch, was interessiert euch nicht? Soll ich mehr hiervon machen? Schreibt's unten rein. Ich freue mich auf euch. Tschüss, ciao 17:23 und bis bald. Ah.