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Er trotzte Krankheit und Tyrannei — und schrieb unsterbliche Werke | Schiller
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Transkriptautomatisch erstellt · 663 Zeilen
- Zeh Theaterstücke in 25 Jahren. Ein Gedicht, das 200 Jahre nach seiner Entstehung zur Hymne eines ganzen
- Kontinents wurde. Ein Mann, der 14 Jahre lang gegen eine tödliche Krankheit anschrieb und in dieser Zeit seine
- größten Werke schuf. Ein Rebell, der aus einer Militärakademie floh, um die Bühne zu erobern und dessen Ruf nach Freiheit
- bis heute in den Theatern der Welt wieder. Doch was trieb und welchen Preis zahlte
- er dafür? Herzlich willkommen. Mein Name ist Alexander Weiß und dies ist eine neue
- Folge unserer Reihe Geschichten großer Schöpfer. Heute geht es um den Dichter der Freiheit, Friedrich Schiller. Um
- diesen Menschen zu verstehen, müssen wir ganz an den Anfang zurückkehren, in eine kleine schwäbische Stadt, in eine
- bescheidene Familie, die nicht ahnte, welches Kind in ihrer Mitte heranwuchs. Ein schmächtiger Junge in einem viel zu
- großen schwarzen Talar steht auf einem Holzschemel im Wohnzimmer. Er hebt die Hände, als stünde er vor einer Gemeinde
- und predigt mit ernster Stimme Worte, die er sich selbst ausgedacht hat. Seine beiden Schwestern sitzen auf der Bank
- und spielen die andächtige Gemeinde. Die Mutter beobachtet das Schauspiel vom Türrahmen aus, ein stilles Lächeln auf
- den Lippen. Für Elisabeta Dorothea Schiller besteht kein Zweifel. Ihr Sohn Friedrich wird
- einmal Pfarrer werden. Der Junge hat das Temperament dafür, die Ernsthaftigkeit, die Liebe zum Wort. Dass die Geschichte
- einen völlig anderen Weg für ihn vorgesehen hat, kann an diesem Nachmittag in Lorch niemand ahnen.
- Johannoph Friedrich Schiller kam 10. November 1759 in der kleinen Wirtembergischen Stadt
- Marbach am Necker zur Welt. Sein Vater Johann Kaspar Schiller diente als Fälscher und Offizier im Heer des
- Herzogs von Würtemberberg. Die Mutter Elisabeta Dorotea, geborene Kotweiß, stammte aus der Familie eines Marbacher
- Gastwirtz. Friedrich war das zweite Kind und der einzige Sohn der Familie. Fünf Schwestern umgaben ihn. Die älteste
- Christophine war ihm besonders nah. Die ersten Lebensjahre des Knaben fielen in die Zeit des siebenjährigen Krieges. Der
- Vater war selten zu Hause und Elisabeta erzoggehend allein. Sie war eine gebildete, tief
- religiöse Frau, die ihren Kindern abends aus der Bibel vorlß und ihnen die Liebe zur Sprache einpflanzte.
- Dieses mütterliche Erbe, die Neigung zur Betrachtung, zum Wort, zum Gefühl, sollte Friedrich sein Leben lang
- begleiten. Als der Krieg endete, kehrte Johann Kaspar zur Familie zurück. Er war ein
- pflichtbewusster, strenger Mann, der höchste Tugenden in Ordnung, gehorsam und Sparsamkeit sah. Die Erziehung
- seiner Kinder betrieb er mit militärischer Konsequenz. Beim Essen verweigerte er dem Sohn bisweilen
- absichtlich die Speise, nach der dieser verlangte, um ihn an Verzicht zu gewöhnen. Es war keine Grausamkeit,
- sondern Überzeugung. Ein Mensch, so glaubte der Vater, müsse früh lernen, seine Wünsche zu beherrschen. Für den
- empfindsamen Friedrich bedeutete diese Sträe jedoch weniger eine Schule der Abhärtung, als eine erste Erfahrung der
- Eng, gegen die sich in ihm ein leiser noch unbewusster Widerstand formierte. siedelte die Familie nach Lorch über,
- einem Dorf im Remstal, wo Johann Kaspar als Werbeoffizier für Rekruten zuständig war. Hier besuchte Friedrich die
- Dorfschule und erhielt von dem örtlichen Geistlichen Pfarrer Philipp Ulrich-Moser Unterricht in Latein und Griechisch.
- Mosa war ein geduldiger, warmherziger Lehrer, der in dem aufgeweckten Jungen eine ungewöhnliche Begabung erkannte.
- Der Eindruck, den dieser Geistliche auf Friedrich machte, war so tief, daß er ihn Jahre später in seiner ersten
- Tragödie als literarische Gestalt verewigte. In Lorch begann für das Kind eine Welt jenseits des väterlichen
- Drills aufzuscheinen. Eine Welt des Geistes, der Geschichten, der Vorstellungskraft.
- Die Familie lebte bescheiden. Der Sold eines wirttembergischen Offiziers reichte kaum für das Nötigste und Johann
- Kaspar hatte während des Krieges drei Jahre lang überhaupt keinen Sold erhalten.
- Dennoch stand die Bildung der Kinder anforderster Stelle. Als die Familie 1766 nach Ludwigsburg versetzt wurde,
- besuchte Friedrich dort die Lateinschule, eine notwendige Voraussetzung für das von der Mutter
- ersehnte Theologiestudium. Der Knabe lernte mit einer Ausdauer, die seine Lehrer erstaunte. Er saß
- stundenlang über den Büchern, las alles, was er in die Hände bekam und zeigte eine Arbeitsfähigkeit, die ihn bis an
- sein Lebensende nicht verlassen sollte. Zugleich war er ein verträumtes, körperlich zartes Kind, das häufig
- kränkelte und mehr in der Welt seiner Gedanken lebte, als in der Wirklichkeit der schwäbischen Garnisonsstadt.
- Ludwigsburg war die Residenz des Herzogs Karl Eugin von Würtenberg, eines Herrschers, der Prachtentfaltung und
- Selbstherrlichkeit in gleicher Weise liebte. Sein Schloss überragte die kleine Stadt
- wie ein steingewordener Machtanspruch. Für den Jungen aus der bescheidenen Offiziersfamilie öffnete sich hier zum
- ersten Mal der Blick auf eine Welt des Glanzes und der Inszenierung. Besonders das Hoftheater faszinierte
- ihn. Offiziere und ihre Angehörigen durften die Vorstellungen unentgeltlich besuchen und auf der Bühne traten
- Schauspieler aus ganz Europa auf. Friedrich war gebannt. Er begann zu Hause mit seinen Schwestern kleine
- Aufführungen zu veranstalten, in denen er stets die Hauptrolle übernahm. Die Faszination für die Bühne mischte sich
- mit dem Drang zur Predigt. Beides waren Formen, vor Menschen zu stehen und mit Worten zu wirken. Doch über dieser
- kleinen Welt des Lesens, Spielens und Träumens lag ein Schatten, der sich allmählich verdichtete. Herzog Karl
- Eugen hatte ein eigenwilliges pädagogisches Experiment ins Leben gerufen. Er gründete eine
- Militärakademie, in der Söhne seiner Offiziere und Beamten auf Kosten des Staates
- ausgebildet werden sollten. Nicht nach eigenem Wunsch. sondern nach dem Willen des Landes, Herrn. Die Anstalt, die
- später unter dem Namen Hohe Karlsschule bekannt wurde, versprach eine kostenfreie Erziehung, verlangte dafür
- aber die vollständige Unterwerfung der Zöklinge unter eine strenge militärische Ordnung. Für die Eltern bedeutete die
- Aufnahme eines Kindes zugleich den Verlust jeglicher Erziehungsgewalt. Wer seinen Sohn der Akademie übergab,
- trat ihn buchstäblich an den Herzog ab. Johann Kaspar Schiller stand diesem Angebot mit gemischten Gefühlen
- gegenüber. Einerseits konnte er seinem Sohn keine teure Ausbildung finanzieren. Andererseits wusste er, was eine
- Militärakademie bedeutete. Doch dem Wunsch des Herzogs widersprach man nicht. Karl Eugen bestand darauf, daß
- der Sohn seines Offiziers in die Anstalt eintrat, und ein Befehl des Landes Herrn war in Würtemberg nicht verhandelbar.
- Für Elisabeta zerbrach in diesem Augenblick ein Traum. Ihr Sohn sollte geistlicher werden, ein Mann des Wortes
- und des Glaubens. Stattdessen würde er hinter den Mauern einer Kaserne verschwinden, fern von der Familie, fern
- von der Kirche, fern von allem, was sein zartes Wesen nährte. Friedrich selbst war 14 Jahre alt, als
- sich sein Schicksal wendete. Der Junge, der eben noch in schwarzem Talar vor seinen Schwestern gepredigt hatte,
- musste die Uniform anziehen. Das Leben, das er sich erträumt hatte, Kanzel, Gemeinde, die sanfte Autorität des
- gesprochenen Wortes, wurde ihm mit einem einzigen Federstrich genommen. An seine Stelle trat etwas, das er nicht gewählt
- hatte und das ihm zutiefst wesensfremd war. Im Jahr73
- betrat Friedrich Schiller die hohe Karlsschule. Die Tore schlossen sich hinter ihm und vor ihm lag eine Welt aus
- Drill, Disziplin und Gehorsam. Sieben Jahre sollte er dort verbringen, sieben Jahre, die ihn nicht brachen,
- sondern formten. [räuspern] Allerdings ganz anders als der Herzog es vorgesehen hatte.
- Es ist nach Mitternacht in einem Schlafsaal der hohen Karlsschule zu Stuttgart. 60 Zöglinge liegen in ihren
- Betten, die Decken bis zum Kinn gezogen, die Augen geschlossen. Aufseher patroulieren durch die Gänge
- und jeder weiß, dass ein Mitschüler bereit sein könnte, jede Regelverletzung zu melden. In dieser Stille schiebt ein
- 15-jähriger Junge seine Hand unter das Kopfkissen und zieht ein Buch hervor. Er dreht sich zur Wand, hält die Seiten
- dicht vor die Augen und liest im schwachen Schein, der durch das Fenster fällt. Es ist ein Band von William
- Shakespeare und der Junge heißt Friedrich Schiller. Für den Besitz dieses Buches drohen ihm zwölf
- Stockschläge. Doch das Risiko ist ihm gleichgültig. Die Worte, die er hier findet, sind stärker als jede Strafe.
- Die hohe Karlsschule war das persönliche Erziehungsprojekt des Herzogs Karl Eugen von Würtenberg. Gegründet als
- militärische Pflanzschule sollte sie junge Männer zu brauchbaren Dienern des Hofes und der Armee formen. Der Lehrplan
- umfasste Rechtswissenschaft, Medizin und die Verwaltungskünste, die ein absolutistischer Kleinstaat benötigte.
- Was er nicht umfasste, war geistige Freiheit. Der Tagesablauf war bis in die letzte Minute durchgetaktet, vom
- morgendlichen Weegsignal bis zur abendlichen Bettruhe. Jeder Verstoß wurde geahndet.
- Für Unaufmerksamkeit im Unterricht gab es Geldstrafen. Für den unerlaubten Kauf von Lebensmitteln außerhalb der Akademie
- drohten körperliche Züchtigungen. Besuche der Eltern waren selten gestattet und fanden stets unter
- Aufsichts statt. Die Zöklinge lebten in einer geschlossenen Welt, abgeschnitten von ihren Familien, überwacht von
- Aufsehern, eingesperrt in eine Ordnung, die keinen Raum für Eigenständigkeit ließ.
- Friedrich Schiller betrat diese Anstalt im Alter von 14 Jahren. Der Herzob bestimmte, dass er zunächst
- Rechtswissenschaft studieren solle. Es war ein Fach, das dem jungen Mann nichts bedeutete. Seine Gedanken kreisten um
- Theologie, um die großen Fragen des Menschseins, um die Kraft des gesprochenen Wortes.
- Doch in der Karlschule zählte nicht, was der Einzelne wollte. Man gehorchte oder man wurde bestraft. Friedrich gehorchte
- äußerlich. Innerlich begann in ihm ein Widerstand zu wachsen, der sich zunächst in stiller Verweigerung äußerte und
- später die Grundlage seines gesamten Schaffens bilden sollte. Nach zwei Jahren wechselte Schiller auf
- das medizinische Fach, das ihn zwar etwas mehr interessierte, seinem eigentlichen Wesen aber ebenso fremd
- blieb. Er studierte Anatomie, Physiologie und Philosophie, schrieb drei medizinische Dissertationen und
- entwickelte dabei Gedanken über den Zusammenhang zwischen der körperlichen und der geistigen Natur des Menschen,
- die erstaunliche Reife verrieten. Doch die Medizin war für ihn Mittel, nicht Zweck. Was ihn wirklich bewegte,
- geschah in den Stunden, die dem Lehrplan nicht gehörten. [räuspern] Trotz des strengen Verbots, weltliche Literatur zu
- lesen, verschaffte sich Schiller Zugang zu den Werken, die seine Epoche prägten. Er las Shakespeare und Rousseau,
- Kloppstock und den jungen Gotheete. Er studierte Plutarch und beschäftigte sich mit den Ideen der Aufklärung. Jede
- Lektüre war ein Akt des Ungehorsams. Jede Seite ein Stück Freiheit. dass er sich gegen die Ordnung der Anstalt
- erkämpfte. Der Philosophielehrer Jakob Friedrich Abel war einer der wenigen Dozenten, die dem begabten Schüler
- intellektuellen Spielraum gewährten. Abel brachte Schiller mit den Schriften der Empfindsamkeit in Berührung und
- legte damit einen Grundstein für dessen späterer Auseinandersetzung mit der menschlichen Seele. In diesen Jahren
- begann Schiller zu schreiben. Zunächst waren es Gedichte, dann erste dramatische Versuche. Ein frühes Stück
- mit dem Titel Kosmos von Medicii entstand unter dem Eindruck der Dramen von Jakob Michael Reinhold Lenz. Es war
- noch tastend, unfertig, ein Probewerk, doch es zeigte bereits den Kern dessen, was Schiller als Dramatiker ausmachen
- sollte. die Empörung über Ungerechtigkeit, das Ringen um Würde, die Frage, ob ein Einzelner das Recht
- hat, sich gegen die bestehende Ordnung aufzulehnen. Die geistige Atmosphäre, in der diese Fragen reiften, war die der
- literarischen Bewegung, die unter dem Namen Sturm und Drang in die Geschichte eingegangen ist.
- In einem Deutschland, das nach dem dreißigjährigen Krieg in Hunderte von Kleinstaaten zersplittert war, erhob
- eine junge Generation die Stimme gegen fürstliche Willkür, feudale Moral und die Erniedrigung des einzelnen Menschen.
- Es war kein politischer Aufstand, dafür fehlte den zermürrten Land die Kraft, sondern ein literarischer.
- Dichter wie der junge Gote, Lenz und Klinger forderten das Recht des Individuums auf Selbstbestimmung und
- schufen Figuren, die gegen die Fesseln ihrer Zeit ankämpften. Schiller, eingesperrt in die strengste
- aller Ordnungen, empfand Ideen nicht als ferne Theorie. Sie beschrieben seine eigene Lage. 177,
- im Alter von 18 Jahren, begann er mit der Arbeit an einem Stück, das alles bisher Geschriebene in den Schatten
- stellen sollte. Es war eine Tragödie über zwei Brüder. Der eine ein Idealist, der an der Ungerechtigkeit der Welt
- zerbricht und zum Anführer einer Räuberbande wird, der andere ein kaltblütiger Intrigant, der den eigenen
- Vater betrügt. Das Stück trug den Titel Die Räuber und auf seinem Titelblatt sollte später die Inschrift stehen gegen
- die Tyrannen Schiller schrieb daran in den Nachtstunden, wenn die Aufseher ihre Runden beendet hatten. Er versteckte die
- Manuskriptseiten zwischen seinen medizinischen Aufzeichnungen. Freunde, denen er einzelne Szenen vorlß,
- waren erschüttert von der Wucht der Sprache und der Kühnheit der Gedanken. Was Schiller in diesen Jahren formte,
- war mehr als ein Theaterstück. Es war der gesammelte Zorn eines jungen Mannes, dem man die Freiheit genommen hatte, die
- Freiheit zu lesen, was er wollte, zu denken, was er für richtig hielt und sein Leben nach eigenen Vorstellungen zu
- gestalten. Die Karlsschule hatte versucht, aus ihm einen gehorsamen Diener des Staates zu
- machen. Stattdessen hatte sie einen Rebellen hervorgebracht. Die Jahre der Unfreiheit hatten Schiller
- nicht gebrochen. Sie hatten ihm das Thema seines Lebens geschenkt, die Frage, was der Mensch sein kann, wenn er
- sich von den Ketten befreit, die andere ihm angelegt haben. Im Herbst 1780
- verteidigte Schiller seine dritte medizinische Dissertation. Die erste war vom Herzog persönlich abgelehnt worden,
- die zweite ebenfalls. Erst der dritte Versuch, eine Arbeit über den Zusammenhang der tierischen Natur des
- Menschen mit seiner geistigen fand Gnade. Schiller durfte die Akademie verlassen. In seinem Gepäck trug er ein
- Arztdiplom, das ihm wenig bedeutete und ein Manuskript, das die deutsche Literatur verändern sollte.
- Die Räuber waren vollendet. Sieben Jahre Gefangenschaft lagen hinter ihm. Alles, was nun kam, mußte er sich
- selbst erkämpfen. Am Abend des 13. Januar 1782 geschah im Mannheimer Nationaltheater
- etwas, das kein Zuschauer je vergessen sollte. Als der letzte Vorhang fiel, brach im Saal ein Tumult aus. Fremde
- Menschen fielen einander in die Arme, Frauen sanken ohnmächtig in ihre Sitze. Ein Augenzeuge beschrieb die Szene als
- einen Zustand zwischen Raserei und Verzirkung, als Breche aus einer langen Dunkelheit ein neues Licht hervor.
- Das Stück, das diese Wirkung hervorrief, hieß die Räuber. Sein Verfasser war ein 23-jähriger Militärarzt aus Stuttgart,
- den außerhalb Würtembergs kaum jemand kannte. Nach dem Abschluß der Karlsschule hatte der Herzog Schiller
- eine Stellung als Regimentsarzt in Stuttgart zugewiesen mit einem Gehalt, das selbst für die bescheidensten
- Lebensumstände kaum reichte. Es war eine Anstellung Aussicht auf Veränderung, ein Posten, der den jungen Mann an eine
- Tätigkeit fesselte, die er nie gewollt hatte. Schiller fügte sich, denn eine andere Wahl gab es nicht.
- Tagsüber behandelte er kranke Soldaten, nachts arbeitete er an seinem Stück. Die Räuber waren fertig, doch kein
- Stuttgarter Verleger wollte das Manuskript drucken. Die Sprache war zu heftig, die Angriffe auf die bestehende
- Ordnung zu deutlich. Schiller entschloss sich, das Werk auf eigene Kosten herauszugeben und verschuldete sich
- dafür beträchtlich. Das gedruckte Buch fand seinen Weg nach Mannheim. wo der Intendant des
- Nationaltheaters Wolfgang Heribert von Dahlberg das Potenzial des Stückes erkannte. Dahlberg verlangte allerdings
- gravierende Änderungen. Die Handlung musste zeitlich verlegt werden, um politischen Anstößen aus dem Weg zu
- gehen. Schiller willigte ein. Im Grunde war es ihm gleichgültig, in welchem Jahrhundert seine Räuber agierten.
- Entscheidend war die Botschaft. Das Stück erzählt die Geschichte Karl Murs, eines jungen Idealisten, der durch die
- Intrigen seines Bruders Franz aus der Gesellschaft gestoßen wird und sich an die Spitze einer Räuberbande stellt, um
- auf eigene Faust Gerechtigkeit zu üben. Es ist die Geschichte eines Menschen, der das Recht auf Glück und Würde
- einfordert und dabei erkennt, dass Gewalt keine Lösung ist. Am Ende steht nicht der Triumph des
- Helden, sondern die Einsicht, daß man die Welt nicht mit der Faust verändern kann, sondern nur, indem man dem
- Einzelnen hilft. Schiller gab seinem Drama zwei Leitsätze auf den Weg. Der erste lautete: "Gegen die Tyranen." Der
- zweite war ein Satz des Hippokrates. Was die Arznei nicht heilt, heilt das Eisen. Was das Eisen nicht heilt, heilt
- das Feuer. Es war die Sprache eines Mannes, der die Ungerechtigkeit nicht länger hinnehmen wollte und zugleich die
- Sprache eines Arztes, der wusste, dass jede Heilung ihren Preis hat. Die Uraufführung in Mannheim wurde zum
- Ereignis. Zeitgenössische Kritiker verglichen den jungen Autor mit Shakespeare. Ein Rezensent schrieb:
- "Wenn Deutschland je einen Dramatiker von solcher Kraft hervorgebracht habe, dann stehe er jetzt vor ihnen." Die
- Wirkung des Stückes ging weit über das Theater hinaus. Die Räuber trafen einen Nerv der Zeit. In einem Land, das unter
- der Willkür kleiner Fürsten litt, sprach Schiller aus, was viele fühlten, aber niemand zu sagen wagte. Der Ruf nach
- Freiheit, nach dem Recht des Einzelnen auf ein selbstbestimmtes Leben fand ein Echo, das den jungen Autor über Nacht
- berühmt machte. Doch der Preis für diesen Triumph ließ nicht auf sich warten. Schiller war ohne Erlaubnis zur
- Uraufführung nach Mannheim gereist. Er hatte die Grenzen des Herzogtums eigenmächtig überschritten und für einen
- Militärarzt im Dienst des Herzogs war das ein schweres Vergehen. Als Karl Eugen davon erfuhr, ließ er den jungen
- Dichter unter Arrest stellen. Die Strafe war unmissverständlich. Schiller wurde verboten, künftig
- irgendetwas zu veröffentlichen, das nicht medizinischen Inhalts war. Der Herzog, der einst seine Erziehung
- befohlen hatte, befahl nun sein Schweigen. Für Schiller war dieses Verbot unerträglich. Er stand vor einer
- Wahl, die sein ganzes weiteres Leben bestimmen sollte. Er konnte gehorchen, seine literarischen Ambitionen begraben
- und als unbekannter Regimentsarzt in Stuttgart alt werden, oder er konnte fliehen, alles aufgeben, was ihm
- Sicherheit bot und in einer ungewissen Zukunft nach dem suchen, was er für seine Bestimmung hielt.
- Es war in den Begriffen seiner eigenen Philosophie die Frage, ob der Mensch das Recht hat, sich gegen eine Macht
- aufzulehnen, die sein innerstes Wesen unterdrückt. Chiller entschied sich für die Flucht.
- Im September 1782, während eines aufwendigen Festes, das der Herzog zu Ehren eines russischen
- Großfürsten veranstaltete, verließ der Dichter gemeinsam mit seinem Freund Andreas Streicher in einer gemieteten
- Kutsche die Stadt Stuttgart. Die Wachen waren mit den Feierlichkeiten beschäftigt und niemand bemerkte das
- Verschwinden des jungen Arztes. Als die Kutsche die Grenzen des Herzogtums hinter sich ließ, war
- Schiller ein freier Mann. Frei von der Willkür Karl Eugens, frei von der verhassten Kaserne, frei von der
- aufgezwungenen Medizin, aber auch frei von jedem Schutz, jedem Einkommen, jeder Gewissheit. Hinter ihm lag ein erstes
- Meisterwerk, das ihn berühmt gemacht hatte. Vor ihm lag das Ungewisse. Er besaß kein Geld, keine Anstellung,
- keinen Gönner. Alles, was er hatte, war sein Talent und die Überzeugung, dass er für die Bühne geboren war.
- 23 Jahre alt, verschuldet auf der Flucht, trat Friedrich Schiller in die Welt hinaus. Die Räuber hatten ihm einen
- Namen gegeben. Nun mußte er beweisen, dass dieser Name mehr war als ein Versprechen.
- In einer ungeheizten Stube im thüringischen Bauerbach sitzt ein junger Mann über einem Manuskript, den Kragen
- seines Mantels hochgeschlagen, die Finger steif vor Kälte. Neben ihm liegt ein Beutel mit ein paar Münzen. Der
- letzte Rest des Geldes, das sein Freund Streicher ihm geliehen hat. Es reicht für wenige Tage. Der Mann ist Friedrich
- Schiller, Jahre alt, gefeierter Autor der Räuber und er weiß nicht, wovon er morgen leben
- soll. Die Flucht aus Stuttgart hatte Schiller die Freiheit gebracht, aber nicht das, was er sich von ihr erhofft
- hatte. Die ersten Wochen nach dem Aufbruch gllichen einer Odyssee. Gemeinsam mit Streicher fuhr er zunächst
- nach Mannheim, wo er hoffte, am Nationaltheater eine feste Anstellung als Theaterdichter zu erhalten.
- Der Intendant Dahlberg, der die Uraufführung der Räuber ermöglicht hatte, zeigte sich jedoch zurückhaltend.
- Schiller war ein Flüchtling, ein Mann, der sich dem ausdrücklichen Befehl seines Landes Herrn widersetzt hatte.
- Wer ihn aufnahm, riskierte den Zorn deswtembergischen Herzogs. Dalberg scheute dieses Risiko. Er lobte das
- Talent des jungen Dichters, bot ihm aber keine Stelle an. Von Mannheim führte der Weg nach Ogersheim, dann nach Frankfurt
- und schließlich auf das Gut der Henriette von Wollzogen im Thüringischen Bauerbach. Die Mutter eines ehemaligen
- Komelitonen gewährte Schiller Unterschlupf und verlangte dafür nichts als seine Gesellschaft. In der
- ländlichen Abgeschiedenheit dieses kleinen Ortes, fernab der Theaterwelt und der großen Städte, begann Schiller
- eine der schwierigsten Phasen seines Lebens. Er war arm. Er war allein, und die Anerkennung, die ihm die Räuber
- eingebracht hatten, begann bereits zu verblassen. Die literarische Welt war schnellebig und ein einzelnes Stück, so
- erfolgreich es auch gewesen sein mochte, garantierte noch keine Zukunft. In Bauerbach entstanden zwei neue Werke.
- Das erste war die Verschwörung des Fiesco zu Genua, ein historisches Drama über einen Aufstand gegen die Tyrannei
- im Genua des 16. Jahrhunderts. Schiller versuchte darin, die politischen Fragen, die ihn seit den Räubern beschäftigten,
- in einen größeren geschichtlichen Rahmen zu stellen. Das Stück wurde als eines der ersten historischen Dramen des
- deutschen Theaters gewürdigt, doch seine Aufnahme blieb verhalten. Die Mannheimer Schauspieler, die es probten, zeigten
- sich enttäuscht. Einige zweifelten sogar daran, ob dieser Fiesco wirklich vom selben Autor stammte wie die Räuber. Die
- revolutionäre Wucht des Erstlings schien gezähmt, die Sprache kontrollierter, die Figuren kälter. Schiller hatte sich
- verändert, aber das Publikum wollte den alten Sturm. Das zweite Werk, das in diesen Monaten
- Gestalt annahm, sollte diesen Sturm zurückbringen auf eine Weise, die niemand erwartet hatte. Kabale und Liebe
- erzählt die Geschichte einer Liebe zwischen einem adligen und einer Bürgerlichen, die an den Intrigen der
- Mächtigen zerbricht. Es war ein Stück, das in der Geschichte des Deutschen Theaters ohne Vorbild war. Bis dahin
- hatten Tragödien ausschließlich von Königen, Fürsten und Helden gehandelt. Gewöhnliche Menschen waren der Komödie
- vorbehalten. Schiller durchbrach diese Regel und zeigte, dass tragische Schicksale nicht
- an den Stand gebunden sind, sondern jeden Menschen treffen können. Kabale und Liebe ging als erste bürgerliche
- Tragödie in die Literaturgeschichte ein und wurde mit großem Erfolg in Frankfurt aufgeführt.
- Doch auch dieser Erfolg änderte nichts an Schillers materieller Lage. Der Traum als freier Schriftsteller von seiner
- Arbeit leben zu können, blieb eine Illusion. Die Honorare, die er für seine Stücke erhielt, waren gering und die
- Schulden, die sich seit der Selbstfinanzierung der Räuber angehäuft hatten, wuchsen beständig. 1783
- kehrte Schiller nach Mannheim zurück und erhielt endlich einen Vertrag als Theaterdichter.
- Befristet, auf ein Jahr, schlecht bezahlt und mit zahlreichen Auflagen versehen. Es war weit weniger als
- erhofft hatte, doch er griff zu, weil ihm keine andere Möglichkeit blieb. Das Jahr in Mannheim wurde zu einer
- Zerreißprobe. Schilla lag im Streit mit dem Schauspielensemble, das seine
- Vorstellungen nicht teilte, und mit dem Intendanten Dahlberg, der seine eigene Sicht auf das Theater durchzusetzen
- versuchte. Hinzu kam eine schwere Erkrankung. Schilla hatte sich mit Malaria infiziert, einem Fieber, das ihn
- in den folgenden Jahren immer wieder heimsuchen sollte. Die Krankheit schwächte seinen ohnehin
- zarten Körper und machte das Arbeiten zur Qual. Als sein Vertrag auslief, stand erneut vor dem Nichts, krank,
- verschuldet, ohne fester Anstellung. In dieser Zeit der Verzweiflung arbeitete Schiller an einem neuen Stück,
- das ihn in eine andere Richtung führte. Don Carlos Ein Drama über den spanischen Thronfolger und dessen Konflikt mit dem
- despotischen Vater König Philip dem II. wurde zum Übergangswerk zwischen dem jungen Stürmer und Dränger und dem
- reifen Klassiker. In der Gestalt des Marquis von Posa schuf Schiller eine Figur, die nicht mehr mit Gewalt gegen
- die Tyrannei ankämpft, sondern mit der Kraft der Idee. Der berühmte Ausruf Posas vor dem König, die Forderung nach
- Gedankenfreiheit wurde zu einem der meist zitierten Sätze der deutschen Literatur.
- Schiller selbst erkannte, daß sich sein Schreiben veränderte. Die ungezügelte Leidenschaft der Räuber wich einer
- tieferen Auseinandersetzung mit den Fragen der Macht, der Freiheit und der moralischen Verantwortung.
- Doch all das war Zukunft. In den dunklen Monaten des Jahres 1785 schien diese Zukunft unerreichbar.
- Schilla war 23, dann 24, dann 25 Jahre alt. und sein Leben bestand aus einer endlosen Folge von Enttäuschungen,
- Krankheiten und Geldsorgen. Er dachte daran, die Dichtkunst aufzugeben und in seinen alten Beruf als Arzt
- zurückzukehren. Es war der tiefste Punkt seines jungen Lebens. Dann in einem Augenblick, der so
- zufällig wirkte wie ein Wunder, öffnete sich eine Tür. Ein Brief erreichte den verzweifelten Dichter, geschrieben von
- Menschen, die er nie getroffen hatte. Christian Gottfried Körner, ein wohlhabender Jurist aus Leipzig, seine
- Verlobte Minner Stock, deren Schwester Dora und der Publizist Ferdinand Huber hatten die Räuber gelesen und waren von
- dem Werk so tief ergriffen, dass sie dem unbekannten Autor ihre Freundschaft und Unterstützung anboten.
- Der Brief war mehr als eine Geste der Bewunderung. Er war ein Rettungsanker, ausgeworfen von Fremden, die in
- Schillers Worten etwas erkannt hatten, das über den literarischen Erfolg hinausging. Schiller nahm die Einladung
- an und reiste nach Leipzig. Es war der Beginn einer Freundschaft, die sein Leben von Grund auf verändern sollte.
- Die Jahre der Flucht, der Armut und der Einsamkeit waren nicht vorüber. Aber zum ersten Mal seit seiner Flucht aus
- Stuttgart hatte Friedrich Schiller einen Ort, an dem er willkommen war. nicht als Flüchtling, nicht als gescheiterter
- Theaterdichter, sondern als das, was er immer hatte sein wollen, ein Dichter, dessen Worte Menschen erreichten.
- An einem Sommerabend des Jahres 1785 sitzt eine kleine Gesellschaft unter einer großen Linde vor einem Bauernhaus
- im Dorf Golis bei Leipzig. Der Tisch ist einfach gedeckt. Einige Studenten spielen im freien Musik und die letzten
- Sonnenstrahlen fallen durch das Laub auf die Gesichter der Versammelten. Da erhebt sich ein junger Mann, hält ein
- Blatt Papier in der Hand und beginnt mit lauter, feierlicher Stimme zu lesen. Freude, schöner Götterfunken, Tochter
- aus Elyium. Die Worte schweben in die Abendluft und die Zuhörer verstummen. Die
- Schauspielerin Sophie Albrecht, die an diesem Abend dabei ist, wird später berichten, dass sie alle bald in eine
- Art Sprechgesang einfielen. Tränen glänzten in ihren Augen und als der Dichter das Lied zu Ende gelesen hatte,
- fielen sie einander gerührt in die Arme. Niemand an diesem Abend konnte wissen, dass diese Verse 200 Jahre später zur
- Hymne eines ganzen Erdteils werden würden. Die Ankunft in Leipzig im Frühjahr 1785
- markierte für Friedrich Schiller eine Cesur. Nach Jahren der Flucht, der Armut und der zermördenden Unsicherheit
- empfing ihn der Kreis um Christian Gottfried Karner mit einer Wärme und Großzügigkeit, die er nie zuvor erfahren
- hatte. Kner war ein gebildeter wohlhabender Jurist, der in Schillers Werk nicht nur
- literarische Begabung erkannte, sondern die Stimme eines Geistes verwandten. Er stellte dem Dichter Geld zur Verfügung,
- ohne Bedingungen daran zu knüpfen, und bot ihm die Freundschaft an, nach der Schiller sich seit den einsamen Jahren
- der Karlsschule gesehnt hatte. Mit Carners Verlobter Minner Stock, deren Schwester Dora und dem Publizisten
- Ferdinand Huber, entstand ein kleiner Zirkel von Menschen, die einander intellektuell und menschlich nah waren.
- Für Schiller war es, als habe er nach einem langen Marsch durch die Wüste endlich eine Oase erreicht.
- In diesem Zustand der Befreiung und der Dankbarkeit entstand die Ode an die Freude. Das Gedicht war zunächst eine
- persönliche Widmung an Körner und den Freundeskreis, ein Ausdruck jener Glückseligkeit, die Schiller in diesen
- Monaten empfand. Doch die Verse griffen weit über das Private hinaus. In ne Strophen entwarf Schiller das Bild einer
- Menschheit, die durch die Kraft der Freude und der Brüderlichkeit verbunden ist. Bettler werden zu Fürsten, alle
- Menschen zu brüdern, wo der sanfte Flügel der Freude weilt. Es war ein Ideal, das sowohl den aufklärerischen
- Geist der Epoche als auch Schillas eigene tiefste Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Gerechtigkeit in sich
- trug. Im November 178 sandte er das fertige Gedicht an den
- Buchhändler Georg Göschen in Leipzig und Kan selbst komponierte eine erste Vertonung dazu. Von Leipzig zog Schiller
- weiter nach Dresden, wo er auf Körners Weinberg in Loschwitz wohnte und an seinem Drama Don Carlos arbeitete.
- Dieses Stück, an dem er bereits in den Jahren der Flucht zu schreiben begonnen hatte, wurde zu einem Wendepunkt in
- seinem Schaffen. In den Räubern hatte Schiller die Sprache des Aufruhers gesprochen. In Kabale und Liebe, die des
- sozialen Protests. In Don Carlos fand er eine neue Stimme, die des politischen Idealismus. Die Gestalt des Marquis von
- Posa, der vor dem spanischen König für die Freiheit des Gewissens eintritt, verkörperte alles, woran Schiller
- glaubte, das Recht des Menschen auf freies Denken, die Pflicht des Einzelnen für seine Überzeugungen einzustehen und
- die Hoffnung, dass selbst ein Tyran durch die Kraft der Vernunft erreicht werden kann.
- Posas Forderung nach Gedankenfreiheit wurde zum geflügelten Wort und begleitet die deutsche Geistesgeschichte bis
- heute. Im Sommer 1787 reiste Schiller nach Weimer, dem kleinen
- thüringischen Städtchen, das trotz seiner kaum 6000 Einwohner zum geistigen Zentrum Deutschlands geworden war. Hier
- wirkten Christoph Martin Wand und Johann Gottfried Herder. Hier residierte der aufgeklärte Herzog Karl August und hier
- lebte der Mann, dessen Schatten über der gesamten deutschen Literatur lag. Johann Wolfgang von Gothe.
- Schilla begegnete dem älteren Dichter zum ersten Mal bei einer Gesellschaft in Rudolstadt. Es war keine glückliche
- Begegnung. Goethe, soeben aus Italien zurückgekehrt und ganz erfüllt von den Eindrücken der mediterranen Welt, wirkte
- auf die Anwesenden fremd und abweisend. Er sprach mit Begeisterung von Italien und alles Deutsche schien ihm klein und
- provinziell. Schiller, der sich von der Begegnung eine geistige Annäherung erhofft hatte,
- war tief enttäuscht. Er empfand Goes auftreten als kalt, ja, beinah herablassend.
- In einem Brief nannte er ihn einen Menschen ohne Herz, dessen Geist er bewundere, dessen Wesen ihm aber fremd
- bleibe. Diese gescheiterte erste Begegnung legte den Grundstein für ein Verhältnis, das
- jahrelang von stiller Rivalität und unbefriedigter Sehnsucht geprägt sein sollte.
- Schiller konnte sich der Wirkung Gothes nicht entziehen. Selbst wenn er an eigenen Gedichten arbeitete, spürte er
- den unsichtbaren Maßstab des Älteren. Er schrieb, dass er sich fragte, ob Gohe diese oder jene Zeile billigen würde, ob
- sie seinem Urteil standhalten könnte. Es war eine Qual und zugleich ein Antrieb. die Gegenwart eines Genies, das man
- bewunderte, ohne ihm nahe sein zu können. In Rudolfstadt lernte Schiller auch zwei Frauen kennen, die sein Leben
- auf andere Weise verändern sollten. Charlotte und Caroline von Lengefeld waren Schwestern aus einer verarmten
- Adelsfamilie, beide gebildet, beide von ungewöhnlicher geistiger Tiefe. Schiller verliebte sich doch auf eine Weise, die
- selbst für die empfindsame Kultur jener Epoche ungewöhnlich war. Er liebte beide Schwestern zugleich. Über zwei Jahre
- hinweg schrieb er Briefe an Charlotte und Caroline, ohne zwischen seinen Gefühlen unterscheiden zu können oder zu
- wollen. Die Schwestern wussten voneinander und waren, wie es die Zeugnisse jener Zeit naheen, mit dieser
- Konstellation einverstanden. [räuspern] Es war eine platonische Liebe im besten Sinne des Wortes, eine geistige
- Verbundenheit, die über die Grenzen der Konvention hinausreichte. Am Ende waren es die Schwestern selbst, die eine
- Entscheidung herbeiführten. [räuspern] Caroline trat zurück und überließ Schiller ihrer jüngeren Schwester
- Charlotte. Es war ein Akt der Großmut, der von zeitgenössischen Beobachtern mit Bewunderung wahrgenommen wurde. Wilhelm
- von Humbold, der Caroline persönlich kannte, schrieb, dass er das Glück einer so außergewöhnlichen weiblichen
- Persönlichkeit begegnet zu sein, als den größten Vorzug seines Lebens betrachte. Caroline heiratete später und wurde
- unter ihrem Ehenamen Caroline von Wollzogen zur ersten Biografin Schillers.
- Die Innigkeit ihrer Verbundenheit mit dem Dichter blieb bis an sein Lebensende ungebrochen. In einem ihrer Briefe an
- ihn schrieb sie, dass es niemandem so wie ihm gelungen sei, die Seiten ihres innersten Wesens zu berühren und dass
- die Zartheit, mit der er sich ihrer Seele angenommen habe, sie oft bis zu Tränen gerührt habe. Am 22. Februar 1790
- heiratete Friedrich Schiller Charlotte von Längefeld in der Dorfkirche von Wenigena.
- Es war eine stille Hochzeit ohne Pr und ohne große Gesellschaft. Für Schiller war sie der Beginn eines
- neuen Lebensabschnitts. Die Jahre der Heimatlosigkeit und der Einsamkeit lagen hinter ihm. Er hatte
- eine Frau, einen Freundeskreis, ein Zuhause. Die oder an die Freude, jenes Gedicht über die Kraft der Liebe und der
- Brüderlichkeit, das er in den glücklichen Monaten bei Karna geschrieben hatte, war nicht Literatur
- geblieben. Sie hatte sich zumindest für diesen Augenblick in seinem eigenen Leben verwirklicht.
- Am 26. Mai 1789 lief eine Menschenmenge durch die engen Gassen der Universitätsstadt Jena. Die
- Bürger, die aus ihren Fenstern schauten, glaubten zunächst an einen Aufruh. Hunderte von Studenten drängten in
- dieselbe Richtung, riefen durcheinander und schoben sich durch die Straßen, als gelte es ein Feuer zu löschen oder eine
- Revolution zu beginnen. Doch es war weder das eine noch das andere. Die jungen Männer eilten zu einer Vorlesung.
- Der Hörsaal, in dem der neue außerordentliche Professor für Geschichte seinen Antrittsauftritt geben
- sollte, fasste die Menge nicht. Man verlegte die Veranstaltung in den größten Saal der Universität, doch auch
- dieser quoll über. Studenten standen in den Gängen, lehnten an den Wänden, drängten sich vor den Fenstern. Der
- Mann, der schließlich vor sie trat und zu sprechen begann, war Friedrich Schiller. Die Berufung nach Jena war
- Schillers Eintritt in die akademische Welt. Sie verdankte sich nicht zuletzt seinem historischen Erstlingswerk,
- Geschichte des Abfalls der Vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung, einer Darstellung des
- niederländischen Befreiungskampfes gegen die spanische Krone. Die Arbeit hatte in gelehrten Kreisen Aufmerksamkeit erregt
- und auf Empfehlung Götes, der als Minister des Herzogs von Sachsen Weimar Einfluss auf Universitätsangelegenheiten
- besaß, erhielt Schiller die Professur. Zwar eine Ehre, aber auch eine Täuschung. Die Stelle war nicht
- besäldet. Schiller verdiente nur, was die Studenten an Hörgeldern zahlten und das reichte kaum zum Leben. Einmal mehr
- stand der materielle Mangel im Widerspruch zur geistigen Anerkennung. Die Antrittsvorlesung trug den
- programmatischen Titel Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?
- Schiller sprach darin über die Aufgabe des Historikers, die Vergangenheit nicht als tote Sammlung von Fakten zu
- betrachten, sondern als lebendigen Zusammenhang, in dem jedes Ereignis mit der Gegenwart verbunden ist.
- Er sagte seinen Zuhörern, daß die gesamte Geschichte der Menschheit notwendig gewesen sei, damit sie sich an
- genau diesem Tag, in genau diesem Saal, zu genau dieser Stunde versammeln konnten. Es war ein kühner Gedanke,
- vorgetragen mit einer rhetorischen Kraft, die den Studenten den Atem nahm. Schiller unterschied in seiner Rede
- zwischen dem Brotgelehrten, der Wissen um des Vorteils Willen anhäuft und dem philosophischen Kopf, der nach dem Sinn
- des Ganzen fragt. Er selbst wollte der zweite sein. In den folgenden Jahren widmete sich Schiller mit der ihm
- eigenen Intensität der historischen Forschung. Sein Hauptwerk dieser Periode war die Geschichte des dreizigjährigen
- Krieges, eine umfassende Darstellung jener Katastrophe, die Deutschland im 17. Jahrhundert verwüstet und um mehr
- als ein Drittel seiner Bevölkerung gebracht hatte. Das Buch erschien in Fortsetzungen und wurde zu einem
- beispiellosen Erfolg. Innerhalb weniger Wochen waren 7000 Exemplare verkauft, mehr als die Stadt Weimer Einwohner
- hatte. Es fand seinen Platz in der Bibliothek jedes gebildeten Deutschen und die Kritik erkannte an, dass ihr zum
- ersten Mal seit der Antike ein historisches Werk in einer wahrhaft literarischen Sprache geschrieben worden
- war. Was Schiller in diesem Buch gelang, ging jedoch über sprachliche Meisterschaft hinaus. Er vollzog darin
- zwei gedankliche Wendungen, die seine Zeitgenossen erschütterten. Die erste betraf das Wesen historischer Konflikte.
- Schiller erkannte, dass die Natur den Zwist braucht, um Neues hervorzubringen. Der dreiährige Krieg hatte Europa in
- einen Abgrund gestürzt, aber aus diesem Abgrund waren die Völker mit einem neuen Bewusstsein hervorgetreten,
- dem Bewusstsein einer gemeinsamen Schicksalsgemeinschaft. Ohne den Schrecken des Krieges,
- Schillers These, hätten die europäischen Nationen nie erfahren, dass sie aufeinander angewiesen sind. Es war ein
- Gedanke von beunruhigender Tragweite, der die einfache Unterscheidung zwischen gut und Böse in der Geschichte
- grundsätzlich in Frage stellte. Die zweite Wendung war noch radikaner. Schiller verzichtete in seinem
- historischen Werk auf das Prinzip der Antithese, auf die Aufteilung der handelnden Personen in Helden und
- Schurken, in Kräfte des Lichts und der Finsternis. Er schrieb über die niederländischen
- Aufständischen mit Sympathie, doch er verschonte sie nicht. Er zeigte Korruption im Lager der Revolutionäre
- und Menschlichkeit bei den Unterdrückern. Freunde schrieben ihm beunruhigte
- Briefe. Ganze Kapitel lesen sich so, als stehe der Autor auf der Seite der Spanier.
- Schiller ließ sich nicht beirren. Er hatte verstanden, dass eine Geschichte, die nur eine Seite zeigt, keine
- Geschichte ist, sondern Propaganda. Die Anerkennung, die ihm selbst skeptische Kritiker wie Herder zollten,
- bestätigte seinen Weg. Parallel zu seiner historischen Arbeit vollzog sich in Schillers Leben eine Veränderung, die
- er selbst mit stiller Entschlossenheit vorantrieb. Am 22. Februar 1790 hatte er Charlotte
- von Längefeld geheiratet und die Gründung einer Familie gab seinem Dasein eine Stabilität, die er zuvor nie
- gekannt hatte. Zugleich beobachtete er die politischen Erschütterungen, die Europa in diesen Jahren erlebten, mit
- gespannter Aufmerksamkeit. Der Sturm auf die Bastie im Juli89 hatte die Grundfesten der feudalen
- Ordnung erschüttert. Schiller, der sein ganzes bisheriges Werk dem Kampf gegen Tyrannei gewidmet
- hatte, begrüßte die Nachricht aus Paris zunächst mit Anteilname. Die Forderungen nach Freiheit,
- Gleichheit und Menschenwürde, die aus Frankreich herüber drangen, entsprachen seinen eigenen Überzeugungen. Doch als
- die Revolution in die Phase des Terrors überging, als die Jakobiner ihre Herrschaft mit Hinrichtungen
- durchsetzten und König Ludwig X. unter der Giotine starb, wandelte sich Schillas Haltung grundlegend. Er sah in
- der Hinrichtung des Königs einen Akt der Barberei, der die Ideale der Revolution verriet. Die Gewalt, die im Namen der
- Freiheit verübt wurde, war für ihn nicht weniger abstoßend als die Gewalt der Tyranen, gegen die er in den Räubern
- angeschrieben hatte. Als die Nationalversammlung in Paris Schiller im Jahr 1792
- die Ehrenbürgerschaft der französischen Republik verlie, eine Anerkennung, die sich auf den freiheitlichen Geist der
- Räuber berief, nahm er sie kühl entgegen. Er fühlte sich durch die Auszeichnung nicht geehrt, sondern
- befremdet. Die Revolution, so wie sie sich entwickelt hatte, war nicht das, wovon
- er geträumt hatte. Schiller formulierte seine Position in einem Satz, der zum Kern seiner gesamten
- Philosophie wurde. Der Weg zur Freiheit führe nur durch die Schönheit und die Aufgabe der Kunst bestehe darin, den
- Menschen allmählich auf eine vernünftige Gesellschaftsordnung vorzubereiten. Nicht die Gewalt des Umsturzes, sondern
- die stille Kraft der ästhetischen Erziehung sei der wahre Weg zur Befreiung.
- Es war die Antwort eines Dichters auf die Schrecken seiner Zeit und zugleich der Beginn eines Denkwegs, der Schiller
- für ein ganzes Jahrzehnt von der Dichtkunst in die Philosophie führen sollte.
- Im Herbst 1794 schrieb Friedrich Schiller einen Satz in sein Notizbuch, der wie ein Programm für
- sein gesamtes weiteres Denken klang. Die Vollkommenheit des Menschen werde erst dann erreicht sein, wenn die
- wissenschaftliche und die sittliche Kultur sich wieder im Schönen auflösten. Es war ein Satz von bestechender
- Einfachheit und zugleich von einer Radikalität, die seine Zeitgenossen herausforderte.
- Schiller behauptete nicht weniger, als daß weder die Wissenschaft allein noch die Moral allein den Menschen zu seiner
- Bestimmung führen könne. Nur die Schönheit, verstanden nicht als Dekoration, sondern als tiefste Form der
- Wahrheit sei imstande, den ganzen Menschen zu erreichen und zu verwandeln. Dieser Gedanke war nicht im luftleeren
- Raum entstanden. Er war die Frucht einer jahrelangen Auseinandersetzung mit der Philosophie Immanuel Kanz, die Schiller
- in den frühen 90er Jahren des 18. Jahrhunderts mit wachsender Intensität betrieb.
- Kanzschriften, insbesondere die Kritik der Urteilskraft, hatten im geistigen Leben Deutschlands eine Erschütterung
- ausgelöst, die weit über die akademische Philosophie hinausreichte. Für Schiller war die Begegnung mit Kant
- zugleich Befreiung und Herausforderung. Er bewunderte die Stränge des Königsberger Denkers, seine
- unbestechliche Analyse der menschlichen Vernunft, seine Forderung nach moralischer Autonomie. Doch zugleich
- empfand er Kanz Trennung zwischen Pflicht und Neigung, zwischen Verstand und Gefühl als etwas Unvollständiges.
- Der Mensch, so Schillers Überzeugung war nicht nur Vernunftwesen und nicht nur Sinnenwesen. Er war beides zugleich und
- jede Philosophie, die eine Seite auf Kosten der anderen unterdrückte, verfehlte sein Wesen.
- Aus dieser Überlegung heraus entstanden in den Jahren 1793 und 1794
- Schillers bedeutendste philosophische Schriften. In Über Anmut und Würde entwarf er das Bild der schönen Seele,
- eines Menschen, bei dem Pflicht und Neigung so vollkommen übereinstimmen, dass das Gute nicht als Zwang, sondern
- als natürlicher Ausdruck des eigenen Wesens erscheint. Es war ein Gegenentwurf zu Kanz strenger
- Pflichtethik nicht als Widerlegung, sondern als Ergänzung. Schiller wollte zeigen, dass Moralität und Sinnlichkeit
- keine Feinde sind, sondern einander brauchen, um den Menschen zu seiner vollen Entfaltung zu bringen. Das
- Herzstück seines philosophischen Denkens legte Schiller in den Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen
- nieder, einer Abhandlung, die er in Form von Briefen an den Herzog Friedrich Christian von Augustenburg verfasste.
- In diesem Werk stellte er die Frage, warum die französische Revolution, die mit den edelsten Absichten begonnen
- hatte, in Barberei und Blutvergießen geendet war. Seine Antwort war von erschütternder
- Klarheit: "Die Menschen seien für die Freiheit nicht reif gewesen. Man könne eine politische Ordnung nicht über Nacht
- verändern, wenn die innere Verfassung der Menschen sich nicht zuvor gewandelt habe. Und diese innere Wandlung, so
- Schillers These können nur die Kunst bewirken. Denn allein im ästhetischen Zustand, im freien Spiel der
- Einbildungskraft, in der Begegnung mit dem Schönen finde der Mensch zu jener Ganzheit, die ihm sowohl die rohe Natur
- als auch die kalte Vernunft vorenthielten. Dieser Gedanke war mehr als eine
- akademische Theorie. Er war Schillers persönliche Antwort auf die Enttäuschungen seiner Zeit.
- Die Revolution in Frankreich hatte gezeigt, dass politischer Umsturz allein nicht genügte, um eine gerechtere Welt
- zu schaffen. Die Aufklärung hatte den Verstand geschärft, aber das Herz nicht erreicht. Schiller suchte nach einem
- dritten Weg, einem Weg, der weder in die Gewalt der Revolution, noch in die Trockenheit der reinen Vernunft führte.
- Die Schönheit war für ihn kein Schmuck und keine Flucht, sondern das einzige Band, das den zerrissenen Menschen mit
- sich selbst und mit der Welt versöhnen konnte. In dieser Schaffensphase wandte sich Schiller auch der Antike zu und
- formulierte in seinem Gedicht die Götter Griechenlands eine Klage, die weit über den literarischen Anlass hinausreichte.
- Mit dem Verschwinden der griechischen Götterwelt. So Schillers Überzeugung sei aus dem Leben der Menschen ein ganzes
- Daseinsgefühl gewichen. Die Griechen hatten ihre Götter als menschenähnliche Wesen dargestellt und auf diese Weise
- eine Brücke zwischen dem Irdischen und dem Göttlichen geschlagen. In der modernen Welt, in der
- protestantische Gott unsichtbar und unerreichbar geworden war, fehlte dieses verbindende Element.
- Die Natur, einst beseht von göttlicher Gegenwart, erschien nun leer und stumm. Schiller stellte die Frage, wohin die
- Götter gegangen sein, und gab eine Antwort, die für sein gesamtes Spätwerk bestimmend wurde. Sie seien in die
- Dichtung gewandert. Die Poesie sei der neue Tempel, in dem das Göttliche Zuflucht gefunden habe. Jedes wahre
- Kunstwerk sei ein Haus für jene Kräfte, die der modernen Welt abhanden gekommen sein. Diese Überzeugung hatte ihren
- Preis. Nahzu ein Jahrzehnt lang schrieb Schiller keine Dramen. Von der Vollendung des Don Carlos im Jahr87
- bis zum Beginn der Arbeit an der Wallensteinrilogie Ende der 90er Jahre vergingen 10 Jahre,
- in denen der Dramatiker schwieg und der Denker sprach. Schiller widmete sich der Geschichte und
- der Philosophie, der Ästhetik und der Kulturkritik, als müsse er sein geistiges Fundament vollständig neu
- errichten, bevor er wieder ein Theaterstück schreiben könne. Freunde und Bewunderer beobachteten diesen
- Rückzug mit Sorge. War der größte lebende Dramatiker Deutschlands für die Bühne verloren gegangen?
- In seiner Schrift über naive und sentimentalische Dichtung, die 1795 erschien, gab Schiller eine indirekte
- Antwort auf diese Frage. Er unterschied darin zwei Grundtypen der Dichtung. die Nive, die unmittelbar aus der Einheit
- des Menschen mit der Natur hervorgeht und die sentimentalische, die aus dem Bewusstsein der Trennung von
- der Natur entsteht und nach einer höheren Versöhnung strebt. Der naive Dichter, und hier dachte
- Schiller unverkennbar an Gote, schafft aus dem Instinkt heraus mühelos und selbstverständlich.
- Der sentimentalische Dichter, und hier sprach Schiller über sich selbst, muß den verlorenen Einklang mit der Welt
- erst wiederherstellen, muß reflektieren, ringen, kämpfen, um zu jener Schönheit vorzudringen, die dem Naiven in den
- Schoß fällt. Es war ein Selbstportrait von schonloser Ehrlichkeit. Zehn Jahre der Stille lagen
- nun hinter dem Dichter, zehn Jahre, in denen er sich durch die Philosophie Kanz und die Geschichte Europas gearbeitet,
- in denen er sein Denken geschärft und vertieft hatte. Die philosophischen Schriften, die in dieser Zeit
- entstanden, gehören zu den bedeutendsten Beiträgen der deutschen Geistesgeschichte.
- Doch Schiller wusste, dass Philosophie allein nicht sein Weg war. Die Ideen, die er in seinen Abhandlungen entwickelt
- hatte, drängten nach einer anderen Form, nach der Form des Dramas, der lebendigen Rede, der menschlichen Gestalt auf der
- Bühne. Was ihm fehlte, war der Anstoß, die Kraft, der Funke, der ihn zurück auf die Bühne treiben würde. Dieser Funke
- kam nicht aus einem Buch und nicht aus einer Idee. Er kam von einem Menschen, den Schiller seit Jahren aus der Ferne
- bewunderte und fürchtete, von dem er sich angezogen und abgestoßen fühlte, dessen Gegenwart er suchte und miet.
- Dieser Mensch war Johann Wolfgang von Gothe und die Freundschaft, die nun zwischen ihnen entstand, sollte nicht
- nur Schillers Schweigen beenden, sondern das Antlitz der deutschen Literatur für immer verändern. Im Sommer 1794
- lebte Gohe seit sech Jahren wieder in Weimar. Doch die Erinnerung an Italien hatte ihn nie losgelassen. Er war
- erfüllt von der Schönheit des Südens. Er war erfüllt von der Schönheit des Südens, von der Harmonie antiker
- Bauwerke, vom Licht über dem römischen Himmel. Deutschland erschien ihm dagegen formlos und eng, ein Land des Nebels und
- der Provinz. Bei einer Gesellschaft in Jena sprach er mit solcher Begeisterung von Italien,
- daß die Anwesenden einander befremdet anblickten. Unter ihnen saß Friedrich Schiller und
- beobachtete den berühmten Dichter mit einer Mischung aus Bewunderung und wachsendem Unmut.
- Dieser Mann, der als Nationaldichter verehrt wurde, schien seine eigene Heimat zu verachten.
- Schilla verließ die Gesellschaft mit dem Gefühl, einem kalten, ja, herzlosen Menschen begegnet zu sein, dessen Geist
- er zwar bewundern müsse, dessen Nähe ihm aber auf unbestimmte Zeit verwehrt bleiben werde. Diese Empfindung war
- keine Laune eines Abends. Sie hielt 8 Jahre an. Von 1787, dem Jahr ihrer ersten Begegnung in
- Rudolfstadt bis 1794, lebten Schiller und Gohe in derselben kleinen Welt des thüringischen
- Geisteslebens, ohne einander wirklich nahezukommen. Sie kannten ihre Werke, sie verfolgten
- ihre jeweiligen Entwicklungen, sie urteilten übereinander in Briefen an Dritte. Doch zwischen ihnen lag eine
- Distanz, die keiner von beiden zu überwinden vermochte. Gohe, zehn Jahre älter, längst auf dem Gipfel seines
- Ruhms, geheimer Rat und Minister des Herzogs, blickte auf den jüngeren Kollegen mit jener wohlwollenden
- Gleichgültigkeit herab, die große Geister manchmal gegenüber denen zeigen, die ihnen zu ähnlich und doch zu
- verschieden sind. Schiller wiederum kämpfte mit einem Gefühl, daß er selbst als eine Mischung aus Neid, Ehrfurcht
- und geistiger Eifersucht beschrieb. In einem Brief gestand er, dass er sich der Wirkung Gesne,
- dass selbst beim Schreiben eigener Verse der unsichtbare Maßstab des Älteren über jedem Wort schwebe.
- Der Wendepunkt kam im Juli 1794 nach einer Sitzung der jenalischen naturforschenden Gesellschaft.
- Schiller und Gote verließen den Versammlungsraum zufällig zurelben Zeit. Sie kamen ins Gespräch. zunächst über
- den Vortrag, den sie gehört hatten, dann über die Natur im Allgemeinen. Schließlich über die Frage, ob es
- möglich sei, die Erscheinungen der Natur aus einer einzigen Grundidee herauszuerstehen.
- Gohe vertrat die Ansicht, dass hinter der Vielfalt der Pflanzen eine Urpflanze stehe, ein idealer Typus, aus dem sich
- alle Formen ableiten ließen. Chiller widersprach. Das sei keine Erfahrung, sondern eine Idee.
- Es war ein Einwand, der Göte zunächst verblüffte, dann nachdenklich stimmte. Zum ersten Mal erkannte er in Schiller
- nicht einen Konkurrenten, sondern [räuspern] einen ebenbürtigen Gesprächspartner,
- einen Menschen, dessen Denken das Seine ergänzte, statt es zu wiederholen. Aus diesem Gespräch entspannwechsel,
- der zu den bedeutendsten Dokumenten der Europäischen Geistesgeschichte zählt. In Hunderten von Briefen, die sich über ein
- Jahrzehnt erstreckten, tauschten die beiden Dichter Gedanken über Kunst, Philosophie, Natur und Menschenkenntnis
- aus. Sie besprachen ihre laufenden Arbeiten, kritisierten einander mit einer Offenheit, die nur zwischen
- gleichrangigen möglich ist und entwickelten gemeinsam Ideen, die keiner von beiden allein hätte denken können.
- Schiller schrieb an Gohe, dass das Zusammentreffen mit dessen Geist Licht auf vieles geworfen habe, worüber er
- selbst nicht zu innerer Einheit hatte gelangen können. war ein seltenes Bekenntnis für einen Mann, der seinen
- eigenen Rang sehr genau kannte. Gohe seinerseits erkannte in Schilla eine Kraft, die ihm selbst fehlte. Schilla
- war der Drängende, der fordernde, der Rastlose. Er arbeitete mit einer Intensität, die keine Rücksicht auf den
- eigenen Körper nahm, und er scheute sich nicht, den älteren Freund zu unbequemen Wahrheiten zu zwingen.
- Es war Schiller, der Göhe dazu brachte, die Arbeit am Faust wieder aufzunehmen, jenem Werk, das der Ältere seit Jahren
- hatte, ruhen lassen und beinah aufgegeben hätte. Ohne Schillers Drängen, ohne seine beharrlichen Briefe
- und Gespräche wäre der Faust möglicherweise ein Fragment geblieben. Falk Martha, die Direktorin des
- Gotemuseums in Düsseldorf, hat in Schiller den eigentlichen Geburtshelfer des Faust gesehen und damit ist sie
- nicht allein. Gemeinsam verfolgten die beiden Dichter ein Projekt, das über ihre persönliche Freundschaft
- hinausreichte. Sie wollten den künstlerischen Geschmack ihrer Zeit erneuern, die literarische
- Mittelmäßigkeit bekämpfen und ein Theater schaffen, das den höchsten Ansprüchen genügte. Im Jahr 1795
- gründete Schiller die literarische Monatsschrift Die Horen, für die er die bedeutendsten Köpfe der Epoche als
- Mitarbeiter gewann. Unter ihnen Friedrich Hölderlin, die Brüder Humbold, Johann Gottlieb Fichte und Gohee selbst,
- der ohne Honorar Beiträge lieferte. Im Jahr darauf schrieben Schiller und Gote gemeinsam Die Xenien, eine Sammlung
- satirischer Epigramme, in denen sie die literarische Banalität ihrer Zeitgenossen mit beißendem Witz
- angriffen. Die Xenien erregten einen Sturm der Entrüstung. Doch genau das war beabsichtigt. Die beiden Dichter wollten
- deutlich machen, daß Kunst kein Zeitvertre, sondern eine ernste, fordernde Angelegenheit.
- Das Jahr97 wurde zum sogenannten Balladenjahr. In einem freundschaftlichen Wettstreit
- schufen Schiller und Göte in wenigen Monaten eine Fülle von Balladen, die zum festen Bestand der deutschen Dichtung
- gehören. Schiller schrieb: "Der Taucher, der Ring des Polyrates, die Kraniche des Ibikus und im folgenden Jahr die
- Bürgschaft und der Kampf mit dem Drachen. Es waren Geschichten von Mut, Treue und menschlicher Bewährung.
- erzählt in einer Sprache von solcher Kraft und Schönheit, daß sie schon bald in den Schulen auswendig gelernt und bei
- Familienfeiern vorgetragen wurden. Schiller, der Philosoph und Geschichtsdenker, erwies sich zugleich
- als Meister der erzählenden Dichtung, als ein Dichter, der die abstraktesten Gedanken in Bilder verwandeln konnte,
- die jeder verstand. Ende 1799 übersiedelte Schiller mit seiner Familie
- endgültig nach Weimar. Der Herzog Karl August, der den Wert des Dichters längst erkannt hatte, setzte ihm eine Pension
- aus und bot ihm an, sich dauerhaft in der Stadt niederzulassen. Schiller bat zunächst nur darum, einen Winter in
- Weima verbringen zu dürfen. Der Herzog durchschaute die Bescheidenheit und bestand darauf, dass der Dichter für
- immer blieb. In Weimer leitete Göte das Hoftheater und nun konnte die gemeinsame Vision
- einer idealen Bühne Wirklichkeit werden. Schiller übernahm eine beratende Rolle bei der Gestaltung des Spielplans und
- begann seine neuen Dramen direkt für das Weimarer Theater zu schreiben. Es war ein Bund, wie ihn die Geschichte der
- Literatur nur selten hervorgebracht hat. Zwei Männer von grundverschiedenem Temperament, der eine sinnlich,
- weltzugewandt, in sich ruhend, der andere grübelnd, idealistisch von innerer Unruhe getrieben, fanden
- zueinander und schufen gemeinsam etwas, das größer war als die Summe ihrer Einzelwerke.
- Schiller selbst fasste das Wesen dieser Freundschaft in einem Satz zusammen, den er nach 8 Jahren des Ringens an Gohe
- richtete. Er schrieb, dass man einem geistigen Überlegenen keine andere Freiheit entgegenstellen könne als die
- Freiheit der Liebe. Es war ein Bekenntnis, in dem sich Demut und Stolz die Waage hielten, die Anerkennung der
- Größe des anderen und zugleich die Behauptung der eigenen Würde. Gohe, der Mann, dem Schiller diese Worte
- schrieb, sollte ihren vollen Sinn erst nach dem Tod seines Freundes ermessen. Als die Nachricht von Schillers Ableben
- ihn erreichte, sprach er einen Satz, der alles enthielt. Er sagte, er verliere einen Freund und in ihm die Hälfte
- seines eigenen Daseins. Im Januar 1791 wurde Friedrich Schiller ohne Vorwarnung
- von einem Zusammenbruch getroffen, der sein ganzes weiteres Leben bestimmen sollte. Er verlor das Bewusstsein und
- wurde von Freunden nach Hause gebracht. Die Ärzte stellten ein schweres Leiden der Lunge fest, doch die genaue Natur
- der Krankheit blieb unklar. In den folgenden Wochen schwankte sein Zustand zwischen leichter Besserung und
- bedrohlicher Verschlechterung. Immer wieder verlor er das Bewusstsein. Immer wieder kamen die Schmerzen zurück.
- Heftiger als zuvor. In seinen lichten Momenten sprach Schiller mit Charlotte über eine Reise
- zum Nordpol. Er sagte, er habe diesen Wunsch schon lange gehegt, denn dort in der Kälte und Einsamkeit brauche man die
- Anspannung aller menschlichen Kräfte, um zu überleben. Es waren die Worte eines Mannes, der
- kaum noch stehen konnte und dennoch die äußerste Herausforderung suchte. Die Nachricht von Schillers Erkrankung
- verbreitete sich rasch in den literarischen Kreisen Europas. In Kopenhagen, wo der Dichter eine treue
- Anhängerschaft besaß, machte sogar das Gerücht seines Todes die Runde. Der Gelehrte Jens Immanuel Baggesen und
- seine Freunde veranstalteten eine Trauerfeier, bevor die Nachricht eintraf, dass Schiller noch lebte. Die
- Bestürzung und die anschließende Erleichterung hatten eine unmittelbare Folge. Ernst Heinrich Graf von
- Schimmelmann und Friedrich Christian von Augustenburg, beide glühende Bewunderer des Dichters, bewilligten ihm eine
- jährliche Pension von tausend Talern, zunächst auf drei Jahre begrenzt. Es war ein Geschenk, das Schiller von seinen
- drückendsten Geldsorgen befreite und ihm die Möglichkeit gab, seine ästhetischen Studien fortzusetzen.
- Vorausgesetzt, sein Körper spielte mit. Er spielte nicht mit. Gote, der Schiller in jenen Monaten
- besuchte, gewann den Eindruck, dass der Kranke keine vier Wochen mehr zu leben habe. Es sollten 14 Jahre werden, 14
- Jahre eines Lebens, das einem ununterbrochenen Kampf gegen den physischen verfolglich.
- Schilla arbeitete, wenn die Schmerzen es zuließen, und lag da, wenn sie es nicht taten. Fünf von sechs Tagen, so klagte
- er in seinen Briefen, seien von unerträglichem Leiden geprägt. An einem einzigen Tag der Woche
- vermochte er zu arbeiten und an diesem Tag schrieb er mit einer Intensität, als müsse jede Stunde die letzte sein. Was
- in diesen Jahren der Krankheit entstand, gehört zum Bedeutendsten, dass die deutsche Literatur hervorgebracht hat.
- Schiller kehrte zur Dramatik zurück und sein erstes großes Werk der Spätzeit war die Wallensteintrilogie.
- Ein Monumentalwerk aus drei zusammenhängenden Dramen über den berühmten Feldherrn des dreigjährigen
- Krieges. Fast 10 Jahre hatte Schiller an diesem Stoff gearbeitet, hatte historische
- Quellen studiert, die Psychologie der Macht durchdrungen und eine Figur geschaffen, die in ihrer
- Widersprüchlichkeit ohne Vorbild war. Wallenstein ist kein Held und kein Schurke, sondern ein Mensch, der an der
- Unvereinbarkeit seiner Ambitionen mit der Wirklichkeit scheitert. Die Trilogie wurde 1799 in Weimar Uhr aufgeführt und
- begründete Schillers Ruf als größter lebender Dramatiker der deutschen Sprache. Danach folgte ein Werk auf das
- Nächste, als habe die Nähe des Todes in Schiller eine schöpferische Kraft freigesetzt, die alle bisherigen Grenzen
- sprengte. Maria Stuart, vollendet im Jahrhundert erzählt die Geschichte der schottischen
- Königin, die als Gefangene der englischen Krone um ihr Leben kämpft. In diesem Drama gelang Schiller ein
- Kunststück, das in der Geschichte des Theaters seines Gleichen sucht. Er stellte zwei Königinnen einander
- gegenüber, Maria und Elisabeth, die beide Recht und beide Unrecht haben, die beide schuldig und beide unschuldig
- sind. Es ist ein Stück über die tragische Verstrickung von Macht und Moral,
- geschrieben mit einer Sprachgewalt, die den Zuschauer in Atem hält. Ein Jahr darauf entstand die Jungfrau von Orleon,
- Schillers Deutung der Johanna von Orleon, jener französischen Bauernmarkt, die im hundertjährigen Krieg an die
- Spitze einer Armee trat und ihr Volk zur Befreiung führte. Schiller nannte sein Stück eine romantische Tragödie und
- verlie der historischen Gestalt eine überirdische Dimension, die das Werk aus dem Rahmen des herkömmlichen
- Geschichtsdramas heraushebt. Dann kam die Braut von Messina, ein Versuch, die Form der antiken
- griechischen Tragödie mit einem Chor nach dem Vorbild des Sopokles auf die moderne Bühne zu bringen, was auch in
- jenen Jahren bisweilen ein junger Mann, der selbst nicht mehr lange zu leben hatte. Es war Friedrich von Hartenberg,
- der sich Novales nannte und einer der Begründer der deutschen Romantik werden sollte.
- Novalis bewunderte Schiller mit einer Ehrfurcht, die an Verehrung grenzte. In einem Brief schrieb er: "Wenn er nur das
- Wort Schiller ausspreche, erwache in ihm eine Masse von Empfindungen. Und der nagende Gedanke, dass dieser Mensch der
- Zerstörung nahe sei, lasse ihn vor seinem eigenen Dasein erzittern." Er sah in Schillers Händen, die selbst in
- Zustand der Bewusstlosigkeit eine unsichtbare Fäden zu spinnen schienen, den Ausdruck einer absoluten Liebe und
- eines grenzenlosen Mitgefühls für die Menschheit. Novales nannte Schiller einen Menschen,
- der mehr sei als Millionen gewöhnlicher Menschen und fügte hinzu: "Dieser Mann herrsche über Jahrhunderte."
- Schillers letztes vollendetes Drama wurde sein populärstes. Wilhelm Tell, Uhr aufgeführt am 17. März 1804 am
- Weimarer Hoftheater, erzählt die Geschichte des Schweizer Freiheitskampfes gegen die Habsburgische
- Herrschaft. Es ist ein Stück über das Recht auf Widerstand, über die Grenze jenseits derer gehorsam zur Feigheit
- wird und Auflehnung zur Pflicht. Die berühmteste Szene, der Apfelschuss, bei dem Tell gezwungen wird, einen Apfel vom
- Kopf seines eigenen Sohnes zu schießen, verdichtet das ganze Drama in einem einzigen unerträglichen Augenblick.
- Schiller legte seinem Helden Worte in den Mund, die wie ein politisches Testament klingen. Tale sagt: "Es gebä
- eine Grenze der Gewalt des Tyrann und wenn alle Rechte mit Füßen getreten würden, greife der Unterdrückte zum
- Himmel und hole sich dort seine ewigen, unveräußerlichen Rechte, die unverlierbar über ihm hingen wie die
- Sterne." Im November 180 wurde Schiller in den Adelsstand erhoben. Er durfte sich fortan Friedrich von Schiller
- nennen. Der Dichter, der sein Leben lang gegen die Willkür der Herrschenden geschrieben hatte, nahm den Titel mit
- einer Mischung aus Ironie und Pragmatismus entgegen. Er brauchte ihn nicht für sich, aber er wollte
- sicherstellen, dass seine Frau und seine vier Kinder nach seinem Tod versorgt sein würden. Schiller wusste, dass er
- nicht mehr lange zu leben hatte. Die Krankheit, die ihn seit vizehn Jahren begleitete, hatte seinen Körper
- ausgehüht. Sein Geist aber war ungebrochen. Zwischen den Anfällen arbeitete er
- weiter, schrieb, plante, entwarf. Es war als könne die Kraft seines Willens den Zerfall seines Leibes aufhalten. Nicht
- endgültig, aber lange genug, um das Werk zu vollenden, dass er sich vorgenommen hatte.
- Am Isten Mai 18 empfing Friedrich Schiller in seinem Haus in der Esplanade zu Weimar einen letzten Besucher. Es war
- Johann Wolfgang von Gülte. Die beiden Männer, die seit über einem Jahrzehnt miteinander verbunden waren, saßen
- einander gegenüber und beiden war bewusst, dass dies ein Abschied war. Schiller war so geschwächt, dass er kaum
- noch sprechen konnte. Gohe, der seinen Freund seit Jahren mit wachsender Sorge hatte verfallen sehen, blieb nicht
- lange. Als er das Haus verließ, wuße er, daß er den Lebenden zum letzten Mal gesehen hatte. Keiner der beiden hatte
- das Wort Abschied ausgesprochen. Es war nicht nötig gewesen. Die letzten Monate hatten Schiller alles abverlangt, was
- sein zerstörter Körper noch herzugeben vermochte. Seit dem Herbst 1804 hatte sich sein
- Zustand beständig verschlechtert. Die Lungenkrankheit, die ihn seit 14 Jahren begleitete, war in ihr letztes Stadium
- getreten. Dennoch arbeitete er weiter. Auf seinem Schreibtisch lag das Manuskript des Demetrius, einer Tragödie
- über den russischen Thronprätendenten, der nicht weiß, ob er ein rechtmäßiger Erbe oder ein Betrüger ist. Es war ein
- Stoff, der Schiller in besonderer Weise fesselte. Die Frage nach der Wahrheit der eigenen Identität, nach dem Recht,
- dass ein Mensch auf seinen Platz in der Welt hat, durchzog das Fragment wie ein roter Faden.
- Schiller hatte große Pläne für dieses Werk. Er wollte darin alles zusammenführen, was er in Jahrzehnten
- der historischen Forschung, der philosophischen Reflexion und der dramatischen Praxis gelernt hatte. Der
- Drius sollte sein Vermächtnis werden. Es wurde ein Fragment. Schiller schrieb bis in die letzten Tage seines Lebens, doch
- die Krankheit war stärker. Am 9. Mai 1805, einem Donnerstag, starb Friedrich von Schiller in Weimar. Er war 45 Jahre
- alt. Die Todesursache war aller Wahrscheinlichkeit nach eine akute Tuberkulose, die seinen ohnehin
- geschwächten Körper endgültig überwältigte. Bei der Obduktion fanden die Ärzte eine
- linke Lunge, die fast vollständig zerstört war, ein vergrößertes Herz und schwere Schäden an Leber und Nieren.
- Dass ein Mensch mit solchen Befunden jahrelang hatte arbeiten können, grenzte nach Einschätzung der Mediziner an das
- Unbegreifliche. Die Bestattung erfolgte in der Nacht vom auf den Mai nach Mitternacht, wie es der
- Brauch für Personen von Stand vorschrieb, die keinen eigenen Familiengrabplatz besaßen. Man brachte
- den Sarg in das sogenannte Kassengewölbe auf dem Jakobsfriedhof, eine Gemeinschaftsgruft für höher
- gestellte Bürger ohne eigene Grablegee. war ein nüchter, fast unwürdiger Abschluss für einen Mann, der zu
- Lebzeiten als der Dichter der Deutschen gefeiert worden war. Kein Trauerzug, keine öffentliche Zeremonie, nur eine
- kleine Gruppe von Freunden, die dem Sarg im Dunkel der Nacht folgte. Gothe nahm an der Beisetzung nicht teil.
- Er war zu erschüttert, um das Haus zu verlassen. Erst 20 Jahre später, im Jahr 1827,
- wurden die sterblichen Überreste Schillers in die Weimarer Fürstengruft überführt, jenen Ort, an dem später auch
- Gothe auf eigenen Wunsch seine letzte Ruhest finden sollte. Die beiden Dichter, die im Leben so
- lange gebraucht hatten, um zueinander zu finden, liegen seither nebeneinander. Es ist ein Bild, das mehr über ihre
- Bedeutung aussagt, als jede Biografie. Was Friedrich Schiller in seinen 45 Lebensjahren hinterlassen hat, ist von
- einer Fülle, die selbst im Licht der reichsten Epochen der deutschen Geistesgeschichte ihres Gleichen sucht.
- In 25 Jahren unablässigen Schaffens schrieb er zehn Theaterstücke, die zum festen Bestand der europäischen Dramatik
- gehören. Er verfasste Balladen, die zu den bekanntesten Gedichten der deutschen Sprache zählen und philosophische
- Abhandlungen, deren Gedanken bis heute lebendig sind. Er erneuerte die Geschichtsschreibung,
- indem er sie aus dem Ghetto der trockenen Gelehrsamkeit befreite und ihr eine literarische Würde verlie, die sie
- seit der Antike nicht mehr besessen hatte. Und er schuf mit der Ode an die Freude
- ein Gedicht, das in der Vertonung Ludwig van Behofens zur Hymne des europäischen Kontinents wurde. Ein Gesang der
- Brüderlichkeit und der Hoffnung, der Millionen von Menschen verbindet, die Schillers Namen nie gehört haben, aber
- seine Worte mitsingen. Die Wirkung Schillers reicht weit über die Literatur hinaus.
- Sein ganzes Werk kreist um eine einzige Frage. Was macht den Menschen frei? In den Räubern hatte er die Antwort in der
- Rebellion gesucht, in Don Carlos, in der Macht der Idee. In den philosophischen Schriften in der Kraft der Schönheit, im
- Wilhelmt, im Recht auf Widerstand gegen die Tyrannei. Jede Antwort war eine Annäherung, keine
- endgültige Lösung. Schiller wußte, daß die Freiheit kein Zustand ist, den man einmal erreicht und
- dann besitzt. Sie ist eine Aufgabe, die in jeder Generation neu gelöst werden muss. In seinen letzten Lebensjahren
- schrieb er, dass es eine Grenze der Gewalt gäbe, jenseits derer der Mensch unabdingbare Rechte besitze, die
- unverlierbar und nimmer mehr zu brechen sein, die wie die Sterne über ihm hingen. waren Worte, die nicht für seine
- Zeit allein geschrieben waren. Was Schiller von vielen großen Dichtern unterscheidet, ist die Einheit von Leben
- und Werk. Er schrieb nicht nur über Freiheit, er lebte sie unter Bedingungen, die jeden anderen zum
- Schweigen gebracht hätten. Er floh vor der Tyrannei seines Landes, Herrn, als er 23 war. Und er schrieb
- gegen die Tyrannei der Krankheit an, bis er 45 war. Er kannte Armut, Einsamkeit und körperliches Leiden aus eigener
- Erfahrung. Und er verwandelte diese Erfahrungen in Werke, die den Leser und Zuschauer nicht niederdrücken, sondern
- erheben. Es ist diese Verbindung von persönlichem Schmerz und universaler Botschaft, die
- Schillers Werk seine besondere Kraft verleih. Gote, der den Verlust seines Freundes
- nie ganz verwandt, drückte es in jenem einen Satz aus, der zum geflügelten Wort geworden ist. Er sagte, er verliere
- einen Freund und in diesem die Hälfte seines eigenen Daseins. Es war kein Übertreibung. Die
- Freundschaft mit Schiller hatte Gote zu Werten angespart, die er ohne den Jüngeren vielleicht nie vollendet hätte.
- Und Schiller selbst hatte in Gohe jenen Spiegel gefunden, indem er die eigene Größe erkennen konnte, ohne sich darin
- zu verlieren. Ihr Bund war keine Symbiose und kein Wettbewerb. Es war das, was Schiller selbst in seinem
- allerersten philosophischen Gedanken über die Freundschaft beschrieben hatte, die Fähigkeit, sich in einem anderen
- Menschen zu erkennen und dabei mehr zu werden, als man allein je hätte sein können.
- Friedrich Schiller starb am 9. Mai 180. Sein unvollendeter Demetrius blieb auf dem Schreibtisch liegen. Doch das Werk,
- das er hinterlassen hat, braucht keine Ergänzung. Es spricht für sich in den Theatern, in den Höhörsälen, in den
- Konzerthallen der Welt, wo Behofens neunte Syfonie erklingt und Menschen, die einander fremd sind, gemeinsam die
- Worte hören, die ein junger Dichter an einem Sommerabend unter einer Linde bei Leipzig zum ersten Mal vorgetragen hat.
- Freude schöner Götterfunken. Mein Name ist Alexander Weiß und ich danke Ihnen herzlich, daß Sie mich auf
- dieser Reise durch das Leben Friedrich Schillers begleitet haben. Wenn Ihnen die Sendung gefallen hat, freue ich mich
- über einen Daumen nach oben und ein Abonnement unseres Kanals. Bis zum nächsten Mal. M.
Zum Nachlesen
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