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Er trotzte Krankheit und Tyrannei — und schrieb unsterbliche Werke | Schiller

Alexander Weiss1:24:04 60.028 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

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  1. Zeh Theaterstücke in 25 Jahren. Ein Gedicht, das 200 Jahre nach seiner Entstehung zur Hymne eines ganzen
  2. Kontinents wurde. Ein Mann, der 14 Jahre lang gegen eine tödliche Krankheit anschrieb und in dieser Zeit seine
  3. größten Werke schuf. Ein Rebell, der aus einer Militärakademie floh, um die Bühne zu erobern und dessen Ruf nach Freiheit
  4. bis heute in den Theatern der Welt wieder. Doch was trieb und welchen Preis zahlte
  5. er dafür? Herzlich willkommen. Mein Name ist Alexander Weiß und dies ist eine neue
  6. Folge unserer Reihe Geschichten großer Schöpfer. Heute geht es um den Dichter der Freiheit, Friedrich Schiller. Um
  7. diesen Menschen zu verstehen, müssen wir ganz an den Anfang zurückkehren, in eine kleine schwäbische Stadt, in eine
  8. bescheidene Familie, die nicht ahnte, welches Kind in ihrer Mitte heranwuchs. Ein schmächtiger Junge in einem viel zu
  9. großen schwarzen Talar steht auf einem Holzschemel im Wohnzimmer. Er hebt die Hände, als stünde er vor einer Gemeinde
  10. und predigt mit ernster Stimme Worte, die er sich selbst ausgedacht hat. Seine beiden Schwestern sitzen auf der Bank
  11. und spielen die andächtige Gemeinde. Die Mutter beobachtet das Schauspiel vom Türrahmen aus, ein stilles Lächeln auf
  12. den Lippen. Für Elisabeta Dorothea Schiller besteht kein Zweifel. Ihr Sohn Friedrich wird
  13. einmal Pfarrer werden. Der Junge hat das Temperament dafür, die Ernsthaftigkeit, die Liebe zum Wort. Dass die Geschichte
  14. einen völlig anderen Weg für ihn vorgesehen hat, kann an diesem Nachmittag in Lorch niemand ahnen.
  15. Johannoph Friedrich Schiller kam 10. November 1759 in der kleinen Wirtembergischen Stadt
  16. Marbach am Necker zur Welt. Sein Vater Johann Kaspar Schiller diente als Fälscher und Offizier im Heer des
  17. Herzogs von Würtemberberg. Die Mutter Elisabeta Dorotea, geborene Kotweiß, stammte aus der Familie eines Marbacher
  18. Gastwirtz. Friedrich war das zweite Kind und der einzige Sohn der Familie. Fünf Schwestern umgaben ihn. Die älteste
  19. Christophine war ihm besonders nah. Die ersten Lebensjahre des Knaben fielen in die Zeit des siebenjährigen Krieges. Der
  20. Vater war selten zu Hause und Elisabeta erzoggehend allein. Sie war eine gebildete, tief
  21. religiöse Frau, die ihren Kindern abends aus der Bibel vorlß und ihnen die Liebe zur Sprache einpflanzte.
  22. Dieses mütterliche Erbe, die Neigung zur Betrachtung, zum Wort, zum Gefühl, sollte Friedrich sein Leben lang
  23. begleiten. Als der Krieg endete, kehrte Johann Kaspar zur Familie zurück. Er war ein
  24. pflichtbewusster, strenger Mann, der höchste Tugenden in Ordnung, gehorsam und Sparsamkeit sah. Die Erziehung
  25. seiner Kinder betrieb er mit militärischer Konsequenz. Beim Essen verweigerte er dem Sohn bisweilen
  26. absichtlich die Speise, nach der dieser verlangte, um ihn an Verzicht zu gewöhnen. Es war keine Grausamkeit,
  27. sondern Überzeugung. Ein Mensch, so glaubte der Vater, müsse früh lernen, seine Wünsche zu beherrschen. Für den
  28. empfindsamen Friedrich bedeutete diese Sträe jedoch weniger eine Schule der Abhärtung, als eine erste Erfahrung der
  29. Eng, gegen die sich in ihm ein leiser noch unbewusster Widerstand formierte. siedelte die Familie nach Lorch über,
  30. einem Dorf im Remstal, wo Johann Kaspar als Werbeoffizier für Rekruten zuständig war. Hier besuchte Friedrich die
  31. Dorfschule und erhielt von dem örtlichen Geistlichen Pfarrer Philipp Ulrich-Moser Unterricht in Latein und Griechisch.
  32. Mosa war ein geduldiger, warmherziger Lehrer, der in dem aufgeweckten Jungen eine ungewöhnliche Begabung erkannte.
  33. Der Eindruck, den dieser Geistliche auf Friedrich machte, war so tief, daß er ihn Jahre später in seiner ersten
  34. Tragödie als literarische Gestalt verewigte. In Lorch begann für das Kind eine Welt jenseits des väterlichen
  35. Drills aufzuscheinen. Eine Welt des Geistes, der Geschichten, der Vorstellungskraft.
  36. Die Familie lebte bescheiden. Der Sold eines wirttembergischen Offiziers reichte kaum für das Nötigste und Johann
  37. Kaspar hatte während des Krieges drei Jahre lang überhaupt keinen Sold erhalten.
  38. Dennoch stand die Bildung der Kinder anforderster Stelle. Als die Familie 1766 nach Ludwigsburg versetzt wurde,
  39. besuchte Friedrich dort die Lateinschule, eine notwendige Voraussetzung für das von der Mutter
  40. ersehnte Theologiestudium. Der Knabe lernte mit einer Ausdauer, die seine Lehrer erstaunte. Er saß
  41. stundenlang über den Büchern, las alles, was er in die Hände bekam und zeigte eine Arbeitsfähigkeit, die ihn bis an
  42. sein Lebensende nicht verlassen sollte. Zugleich war er ein verträumtes, körperlich zartes Kind, das häufig
  43. kränkelte und mehr in der Welt seiner Gedanken lebte, als in der Wirklichkeit der schwäbischen Garnisonsstadt.
  44. Ludwigsburg war die Residenz des Herzogs Karl Eugin von Würtenberg, eines Herrschers, der Prachtentfaltung und
  45. Selbstherrlichkeit in gleicher Weise liebte. Sein Schloss überragte die kleine Stadt
  46. wie ein steingewordener Machtanspruch. Für den Jungen aus der bescheidenen Offiziersfamilie öffnete sich hier zum
  47. ersten Mal der Blick auf eine Welt des Glanzes und der Inszenierung. Besonders das Hoftheater faszinierte
  48. ihn. Offiziere und ihre Angehörigen durften die Vorstellungen unentgeltlich besuchen und auf der Bühne traten
  49. Schauspieler aus ganz Europa auf. Friedrich war gebannt. Er begann zu Hause mit seinen Schwestern kleine
  50. Aufführungen zu veranstalten, in denen er stets die Hauptrolle übernahm. Die Faszination für die Bühne mischte sich
  51. mit dem Drang zur Predigt. Beides waren Formen, vor Menschen zu stehen und mit Worten zu wirken. Doch über dieser
  52. kleinen Welt des Lesens, Spielens und Träumens lag ein Schatten, der sich allmählich verdichtete. Herzog Karl
  53. Eugen hatte ein eigenwilliges pädagogisches Experiment ins Leben gerufen. Er gründete eine
  54. Militärakademie, in der Söhne seiner Offiziere und Beamten auf Kosten des Staates
  55. ausgebildet werden sollten. Nicht nach eigenem Wunsch. sondern nach dem Willen des Landes, Herrn. Die Anstalt, die
  56. später unter dem Namen Hohe Karlsschule bekannt wurde, versprach eine kostenfreie Erziehung, verlangte dafür
  57. aber die vollständige Unterwerfung der Zöklinge unter eine strenge militärische Ordnung. Für die Eltern bedeutete die
  58. Aufnahme eines Kindes zugleich den Verlust jeglicher Erziehungsgewalt. Wer seinen Sohn der Akademie übergab,
  59. trat ihn buchstäblich an den Herzog ab. Johann Kaspar Schiller stand diesem Angebot mit gemischten Gefühlen
  60. gegenüber. Einerseits konnte er seinem Sohn keine teure Ausbildung finanzieren. Andererseits wusste er, was eine
  61. Militärakademie bedeutete. Doch dem Wunsch des Herzogs widersprach man nicht. Karl Eugen bestand darauf, daß
  62. der Sohn seines Offiziers in die Anstalt eintrat, und ein Befehl des Landes Herrn war in Würtemberg nicht verhandelbar.
  63. Für Elisabeta zerbrach in diesem Augenblick ein Traum. Ihr Sohn sollte geistlicher werden, ein Mann des Wortes
  64. und des Glaubens. Stattdessen würde er hinter den Mauern einer Kaserne verschwinden, fern von der Familie, fern
  65. von der Kirche, fern von allem, was sein zartes Wesen nährte. Friedrich selbst war 14 Jahre alt, als
  66. sich sein Schicksal wendete. Der Junge, der eben noch in schwarzem Talar vor seinen Schwestern gepredigt hatte,
  67. musste die Uniform anziehen. Das Leben, das er sich erträumt hatte, Kanzel, Gemeinde, die sanfte Autorität des
  68. gesprochenen Wortes, wurde ihm mit einem einzigen Federstrich genommen. An seine Stelle trat etwas, das er nicht gewählt
  69. hatte und das ihm zutiefst wesensfremd war. Im Jahr73
  70. betrat Friedrich Schiller die hohe Karlsschule. Die Tore schlossen sich hinter ihm und vor ihm lag eine Welt aus
  71. Drill, Disziplin und Gehorsam. Sieben Jahre sollte er dort verbringen, sieben Jahre, die ihn nicht brachen,
  72. sondern formten. [räuspern] Allerdings ganz anders als der Herzog es vorgesehen hatte.
  73. Es ist nach Mitternacht in einem Schlafsaal der hohen Karlsschule zu Stuttgart. 60 Zöglinge liegen in ihren
  74. Betten, die Decken bis zum Kinn gezogen, die Augen geschlossen. Aufseher patroulieren durch die Gänge
  75. und jeder weiß, dass ein Mitschüler bereit sein könnte, jede Regelverletzung zu melden. In dieser Stille schiebt ein
  76. 15-jähriger Junge seine Hand unter das Kopfkissen und zieht ein Buch hervor. Er dreht sich zur Wand, hält die Seiten
  77. dicht vor die Augen und liest im schwachen Schein, der durch das Fenster fällt. Es ist ein Band von William
  78. Shakespeare und der Junge heißt Friedrich Schiller. Für den Besitz dieses Buches drohen ihm zwölf
  79. Stockschläge. Doch das Risiko ist ihm gleichgültig. Die Worte, die er hier findet, sind stärker als jede Strafe.
  80. Die hohe Karlsschule war das persönliche Erziehungsprojekt des Herzogs Karl Eugen von Würtenberg. Gegründet als
  81. militärische Pflanzschule sollte sie junge Männer zu brauchbaren Dienern des Hofes und der Armee formen. Der Lehrplan
  82. umfasste Rechtswissenschaft, Medizin und die Verwaltungskünste, die ein absolutistischer Kleinstaat benötigte.
  83. Was er nicht umfasste, war geistige Freiheit. Der Tagesablauf war bis in die letzte Minute durchgetaktet, vom
  84. morgendlichen Weegsignal bis zur abendlichen Bettruhe. Jeder Verstoß wurde geahndet.
  85. Für Unaufmerksamkeit im Unterricht gab es Geldstrafen. Für den unerlaubten Kauf von Lebensmitteln außerhalb der Akademie
  86. drohten körperliche Züchtigungen. Besuche der Eltern waren selten gestattet und fanden stets unter
  87. Aufsichts statt. Die Zöklinge lebten in einer geschlossenen Welt, abgeschnitten von ihren Familien, überwacht von
  88. Aufsehern, eingesperrt in eine Ordnung, die keinen Raum für Eigenständigkeit ließ.
  89. Friedrich Schiller betrat diese Anstalt im Alter von 14 Jahren. Der Herzob bestimmte, dass er zunächst
  90. Rechtswissenschaft studieren solle. Es war ein Fach, das dem jungen Mann nichts bedeutete. Seine Gedanken kreisten um
  91. Theologie, um die großen Fragen des Menschseins, um die Kraft des gesprochenen Wortes.
  92. Doch in der Karlschule zählte nicht, was der Einzelne wollte. Man gehorchte oder man wurde bestraft. Friedrich gehorchte
  93. äußerlich. Innerlich begann in ihm ein Widerstand zu wachsen, der sich zunächst in stiller Verweigerung äußerte und
  94. später die Grundlage seines gesamten Schaffens bilden sollte. Nach zwei Jahren wechselte Schiller auf
  95. das medizinische Fach, das ihn zwar etwas mehr interessierte, seinem eigentlichen Wesen aber ebenso fremd
  96. blieb. Er studierte Anatomie, Physiologie und Philosophie, schrieb drei medizinische Dissertationen und
  97. entwickelte dabei Gedanken über den Zusammenhang zwischen der körperlichen und der geistigen Natur des Menschen,
  98. die erstaunliche Reife verrieten. Doch die Medizin war für ihn Mittel, nicht Zweck. Was ihn wirklich bewegte,
  99. geschah in den Stunden, die dem Lehrplan nicht gehörten. [räuspern] Trotz des strengen Verbots, weltliche Literatur zu
  100. lesen, verschaffte sich Schiller Zugang zu den Werken, die seine Epoche prägten. Er las Shakespeare und Rousseau,
  101. Kloppstock und den jungen Gotheete. Er studierte Plutarch und beschäftigte sich mit den Ideen der Aufklärung. Jede
  102. Lektüre war ein Akt des Ungehorsams. Jede Seite ein Stück Freiheit. dass er sich gegen die Ordnung der Anstalt
  103. erkämpfte. Der Philosophielehrer Jakob Friedrich Abel war einer der wenigen Dozenten, die dem begabten Schüler
  104. intellektuellen Spielraum gewährten. Abel brachte Schiller mit den Schriften der Empfindsamkeit in Berührung und
  105. legte damit einen Grundstein für dessen späterer Auseinandersetzung mit der menschlichen Seele. In diesen Jahren
  106. begann Schiller zu schreiben. Zunächst waren es Gedichte, dann erste dramatische Versuche. Ein frühes Stück
  107. mit dem Titel Kosmos von Medicii entstand unter dem Eindruck der Dramen von Jakob Michael Reinhold Lenz. Es war
  108. noch tastend, unfertig, ein Probewerk, doch es zeigte bereits den Kern dessen, was Schiller als Dramatiker ausmachen
  109. sollte. die Empörung über Ungerechtigkeit, das Ringen um Würde, die Frage, ob ein Einzelner das Recht
  110. hat, sich gegen die bestehende Ordnung aufzulehnen. Die geistige Atmosphäre, in der diese Fragen reiften, war die der
  111. literarischen Bewegung, die unter dem Namen Sturm und Drang in die Geschichte eingegangen ist.
  112. In einem Deutschland, das nach dem dreißigjährigen Krieg in Hunderte von Kleinstaaten zersplittert war, erhob
  113. eine junge Generation die Stimme gegen fürstliche Willkür, feudale Moral und die Erniedrigung des einzelnen Menschen.
  114. Es war kein politischer Aufstand, dafür fehlte den zermürrten Land die Kraft, sondern ein literarischer.
  115. Dichter wie der junge Gote, Lenz und Klinger forderten das Recht des Individuums auf Selbstbestimmung und
  116. schufen Figuren, die gegen die Fesseln ihrer Zeit ankämpften. Schiller, eingesperrt in die strengste
  117. aller Ordnungen, empfand Ideen nicht als ferne Theorie. Sie beschrieben seine eigene Lage. 177,
  118. im Alter von 18 Jahren, begann er mit der Arbeit an einem Stück, das alles bisher Geschriebene in den Schatten
  119. stellen sollte. Es war eine Tragödie über zwei Brüder. Der eine ein Idealist, der an der Ungerechtigkeit der Welt
  120. zerbricht und zum Anführer einer Räuberbande wird, der andere ein kaltblütiger Intrigant, der den eigenen
  121. Vater betrügt. Das Stück trug den Titel Die Räuber und auf seinem Titelblatt sollte später die Inschrift stehen gegen
  122. die Tyrannen Schiller schrieb daran in den Nachtstunden, wenn die Aufseher ihre Runden beendet hatten. Er versteckte die
  123. Manuskriptseiten zwischen seinen medizinischen Aufzeichnungen. Freunde, denen er einzelne Szenen vorlß,
  124. waren erschüttert von der Wucht der Sprache und der Kühnheit der Gedanken. Was Schiller in diesen Jahren formte,
  125. war mehr als ein Theaterstück. Es war der gesammelte Zorn eines jungen Mannes, dem man die Freiheit genommen hatte, die
  126. Freiheit zu lesen, was er wollte, zu denken, was er für richtig hielt und sein Leben nach eigenen Vorstellungen zu
  127. gestalten. Die Karlsschule hatte versucht, aus ihm einen gehorsamen Diener des Staates zu
  128. machen. Stattdessen hatte sie einen Rebellen hervorgebracht. Die Jahre der Unfreiheit hatten Schiller
  129. nicht gebrochen. Sie hatten ihm das Thema seines Lebens geschenkt, die Frage, was der Mensch sein kann, wenn er
  130. sich von den Ketten befreit, die andere ihm angelegt haben. Im Herbst 1780
  131. verteidigte Schiller seine dritte medizinische Dissertation. Die erste war vom Herzog persönlich abgelehnt worden,
  132. die zweite ebenfalls. Erst der dritte Versuch, eine Arbeit über den Zusammenhang der tierischen Natur des
  133. Menschen mit seiner geistigen fand Gnade. Schiller durfte die Akademie verlassen. In seinem Gepäck trug er ein
  134. Arztdiplom, das ihm wenig bedeutete und ein Manuskript, das die deutsche Literatur verändern sollte.
  135. Die Räuber waren vollendet. Sieben Jahre Gefangenschaft lagen hinter ihm. Alles, was nun kam, mußte er sich
  136. selbst erkämpfen. Am Abend des 13. Januar 1782 geschah im Mannheimer Nationaltheater
  137. etwas, das kein Zuschauer je vergessen sollte. Als der letzte Vorhang fiel, brach im Saal ein Tumult aus. Fremde
  138. Menschen fielen einander in die Arme, Frauen sanken ohnmächtig in ihre Sitze. Ein Augenzeuge beschrieb die Szene als
  139. einen Zustand zwischen Raserei und Verzirkung, als Breche aus einer langen Dunkelheit ein neues Licht hervor.
  140. Das Stück, das diese Wirkung hervorrief, hieß die Räuber. Sein Verfasser war ein 23-jähriger Militärarzt aus Stuttgart,
  141. den außerhalb Würtembergs kaum jemand kannte. Nach dem Abschluß der Karlsschule hatte der Herzog Schiller
  142. eine Stellung als Regimentsarzt in Stuttgart zugewiesen mit einem Gehalt, das selbst für die bescheidensten
  143. Lebensumstände kaum reichte. Es war eine Anstellung Aussicht auf Veränderung, ein Posten, der den jungen Mann an eine
  144. Tätigkeit fesselte, die er nie gewollt hatte. Schiller fügte sich, denn eine andere Wahl gab es nicht.
  145. Tagsüber behandelte er kranke Soldaten, nachts arbeitete er an seinem Stück. Die Räuber waren fertig, doch kein
  146. Stuttgarter Verleger wollte das Manuskript drucken. Die Sprache war zu heftig, die Angriffe auf die bestehende
  147. Ordnung zu deutlich. Schiller entschloss sich, das Werk auf eigene Kosten herauszugeben und verschuldete sich
  148. dafür beträchtlich. Das gedruckte Buch fand seinen Weg nach Mannheim. wo der Intendant des
  149. Nationaltheaters Wolfgang Heribert von Dahlberg das Potenzial des Stückes erkannte. Dahlberg verlangte allerdings
  150. gravierende Änderungen. Die Handlung musste zeitlich verlegt werden, um politischen Anstößen aus dem Weg zu
  151. gehen. Schiller willigte ein. Im Grunde war es ihm gleichgültig, in welchem Jahrhundert seine Räuber agierten.
  152. Entscheidend war die Botschaft. Das Stück erzählt die Geschichte Karl Murs, eines jungen Idealisten, der durch die
  153. Intrigen seines Bruders Franz aus der Gesellschaft gestoßen wird und sich an die Spitze einer Räuberbande stellt, um
  154. auf eigene Faust Gerechtigkeit zu üben. Es ist die Geschichte eines Menschen, der das Recht auf Glück und Würde
  155. einfordert und dabei erkennt, dass Gewalt keine Lösung ist. Am Ende steht nicht der Triumph des
  156. Helden, sondern die Einsicht, daß man die Welt nicht mit der Faust verändern kann, sondern nur, indem man dem
  157. Einzelnen hilft. Schiller gab seinem Drama zwei Leitsätze auf den Weg. Der erste lautete: "Gegen die Tyranen." Der
  158. zweite war ein Satz des Hippokrates. Was die Arznei nicht heilt, heilt das Eisen. Was das Eisen nicht heilt, heilt
  159. das Feuer. Es war die Sprache eines Mannes, der die Ungerechtigkeit nicht länger hinnehmen wollte und zugleich die
  160. Sprache eines Arztes, der wusste, dass jede Heilung ihren Preis hat. Die Uraufführung in Mannheim wurde zum
  161. Ereignis. Zeitgenössische Kritiker verglichen den jungen Autor mit Shakespeare. Ein Rezensent schrieb:
  162. "Wenn Deutschland je einen Dramatiker von solcher Kraft hervorgebracht habe, dann stehe er jetzt vor ihnen." Die
  163. Wirkung des Stückes ging weit über das Theater hinaus. Die Räuber trafen einen Nerv der Zeit. In einem Land, das unter
  164. der Willkür kleiner Fürsten litt, sprach Schiller aus, was viele fühlten, aber niemand zu sagen wagte. Der Ruf nach
  165. Freiheit, nach dem Recht des Einzelnen auf ein selbstbestimmtes Leben fand ein Echo, das den jungen Autor über Nacht
  166. berühmt machte. Doch der Preis für diesen Triumph ließ nicht auf sich warten. Schiller war ohne Erlaubnis zur
  167. Uraufführung nach Mannheim gereist. Er hatte die Grenzen des Herzogtums eigenmächtig überschritten und für einen
  168. Militärarzt im Dienst des Herzogs war das ein schweres Vergehen. Als Karl Eugen davon erfuhr, ließ er den jungen
  169. Dichter unter Arrest stellen. Die Strafe war unmissverständlich. Schiller wurde verboten, künftig
  170. irgendetwas zu veröffentlichen, das nicht medizinischen Inhalts war. Der Herzog, der einst seine Erziehung
  171. befohlen hatte, befahl nun sein Schweigen. Für Schiller war dieses Verbot unerträglich. Er stand vor einer
  172. Wahl, die sein ganzes weiteres Leben bestimmen sollte. Er konnte gehorchen, seine literarischen Ambitionen begraben
  173. und als unbekannter Regimentsarzt in Stuttgart alt werden, oder er konnte fliehen, alles aufgeben, was ihm
  174. Sicherheit bot und in einer ungewissen Zukunft nach dem suchen, was er für seine Bestimmung hielt.
  175. Es war in den Begriffen seiner eigenen Philosophie die Frage, ob der Mensch das Recht hat, sich gegen eine Macht
  176. aufzulehnen, die sein innerstes Wesen unterdrückt. Chiller entschied sich für die Flucht.
  177. Im September 1782, während eines aufwendigen Festes, das der Herzog zu Ehren eines russischen
  178. Großfürsten veranstaltete, verließ der Dichter gemeinsam mit seinem Freund Andreas Streicher in einer gemieteten
  179. Kutsche die Stadt Stuttgart. Die Wachen waren mit den Feierlichkeiten beschäftigt und niemand bemerkte das
  180. Verschwinden des jungen Arztes. Als die Kutsche die Grenzen des Herzogtums hinter sich ließ, war
  181. Schiller ein freier Mann. Frei von der Willkür Karl Eugens, frei von der verhassten Kaserne, frei von der
  182. aufgezwungenen Medizin, aber auch frei von jedem Schutz, jedem Einkommen, jeder Gewissheit. Hinter ihm lag ein erstes
  183. Meisterwerk, das ihn berühmt gemacht hatte. Vor ihm lag das Ungewisse. Er besaß kein Geld, keine Anstellung,
  184. keinen Gönner. Alles, was er hatte, war sein Talent und die Überzeugung, dass er für die Bühne geboren war.
  185. 23 Jahre alt, verschuldet auf der Flucht, trat Friedrich Schiller in die Welt hinaus. Die Räuber hatten ihm einen
  186. Namen gegeben. Nun mußte er beweisen, dass dieser Name mehr war als ein Versprechen.
  187. In einer ungeheizten Stube im thüringischen Bauerbach sitzt ein junger Mann über einem Manuskript, den Kragen
  188. seines Mantels hochgeschlagen, die Finger steif vor Kälte. Neben ihm liegt ein Beutel mit ein paar Münzen. Der
  189. letzte Rest des Geldes, das sein Freund Streicher ihm geliehen hat. Es reicht für wenige Tage. Der Mann ist Friedrich
  190. Schiller, Jahre alt, gefeierter Autor der Räuber und er weiß nicht, wovon er morgen leben
  191. soll. Die Flucht aus Stuttgart hatte Schiller die Freiheit gebracht, aber nicht das, was er sich von ihr erhofft
  192. hatte. Die ersten Wochen nach dem Aufbruch gllichen einer Odyssee. Gemeinsam mit Streicher fuhr er zunächst
  193. nach Mannheim, wo er hoffte, am Nationaltheater eine feste Anstellung als Theaterdichter zu erhalten.
  194. Der Intendant Dahlberg, der die Uraufführung der Räuber ermöglicht hatte, zeigte sich jedoch zurückhaltend.
  195. Schiller war ein Flüchtling, ein Mann, der sich dem ausdrücklichen Befehl seines Landes Herrn widersetzt hatte.
  196. Wer ihn aufnahm, riskierte den Zorn deswtembergischen Herzogs. Dalberg scheute dieses Risiko. Er lobte das
  197. Talent des jungen Dichters, bot ihm aber keine Stelle an. Von Mannheim führte der Weg nach Ogersheim, dann nach Frankfurt
  198. und schließlich auf das Gut der Henriette von Wollzogen im Thüringischen Bauerbach. Die Mutter eines ehemaligen
  199. Komelitonen gewährte Schiller Unterschlupf und verlangte dafür nichts als seine Gesellschaft. In der
  200. ländlichen Abgeschiedenheit dieses kleinen Ortes, fernab der Theaterwelt und der großen Städte, begann Schiller
  201. eine der schwierigsten Phasen seines Lebens. Er war arm. Er war allein, und die Anerkennung, die ihm die Räuber
  202. eingebracht hatten, begann bereits zu verblassen. Die literarische Welt war schnellebig und ein einzelnes Stück, so
  203. erfolgreich es auch gewesen sein mochte, garantierte noch keine Zukunft. In Bauerbach entstanden zwei neue Werke.
  204. Das erste war die Verschwörung des Fiesco zu Genua, ein historisches Drama über einen Aufstand gegen die Tyrannei
  205. im Genua des 16. Jahrhunderts. Schiller versuchte darin, die politischen Fragen, die ihn seit den Räubern beschäftigten,
  206. in einen größeren geschichtlichen Rahmen zu stellen. Das Stück wurde als eines der ersten historischen Dramen des
  207. deutschen Theaters gewürdigt, doch seine Aufnahme blieb verhalten. Die Mannheimer Schauspieler, die es probten, zeigten
  208. sich enttäuscht. Einige zweifelten sogar daran, ob dieser Fiesco wirklich vom selben Autor stammte wie die Räuber. Die
  209. revolutionäre Wucht des Erstlings schien gezähmt, die Sprache kontrollierter, die Figuren kälter. Schiller hatte sich
  210. verändert, aber das Publikum wollte den alten Sturm. Das zweite Werk, das in diesen Monaten
  211. Gestalt annahm, sollte diesen Sturm zurückbringen auf eine Weise, die niemand erwartet hatte. Kabale und Liebe
  212. erzählt die Geschichte einer Liebe zwischen einem adligen und einer Bürgerlichen, die an den Intrigen der
  213. Mächtigen zerbricht. Es war ein Stück, das in der Geschichte des Deutschen Theaters ohne Vorbild war. Bis dahin
  214. hatten Tragödien ausschließlich von Königen, Fürsten und Helden gehandelt. Gewöhnliche Menschen waren der Komödie
  215. vorbehalten. Schiller durchbrach diese Regel und zeigte, dass tragische Schicksale nicht
  216. an den Stand gebunden sind, sondern jeden Menschen treffen können. Kabale und Liebe ging als erste bürgerliche
  217. Tragödie in die Literaturgeschichte ein und wurde mit großem Erfolg in Frankfurt aufgeführt.
  218. Doch auch dieser Erfolg änderte nichts an Schillers materieller Lage. Der Traum als freier Schriftsteller von seiner
  219. Arbeit leben zu können, blieb eine Illusion. Die Honorare, die er für seine Stücke erhielt, waren gering und die
  220. Schulden, die sich seit der Selbstfinanzierung der Räuber angehäuft hatten, wuchsen beständig. 1783
  221. kehrte Schiller nach Mannheim zurück und erhielt endlich einen Vertrag als Theaterdichter.
  222. Befristet, auf ein Jahr, schlecht bezahlt und mit zahlreichen Auflagen versehen. Es war weit weniger als
  223. erhofft hatte, doch er griff zu, weil ihm keine andere Möglichkeit blieb. Das Jahr in Mannheim wurde zu einer
  224. Zerreißprobe. Schilla lag im Streit mit dem Schauspielensemble, das seine
  225. Vorstellungen nicht teilte, und mit dem Intendanten Dahlberg, der seine eigene Sicht auf das Theater durchzusetzen
  226. versuchte. Hinzu kam eine schwere Erkrankung. Schilla hatte sich mit Malaria infiziert, einem Fieber, das ihn
  227. in den folgenden Jahren immer wieder heimsuchen sollte. Die Krankheit schwächte seinen ohnehin
  228. zarten Körper und machte das Arbeiten zur Qual. Als sein Vertrag auslief, stand erneut vor dem Nichts, krank,
  229. verschuldet, ohne fester Anstellung. In dieser Zeit der Verzweiflung arbeitete Schiller an einem neuen Stück,
  230. das ihn in eine andere Richtung führte. Don Carlos Ein Drama über den spanischen Thronfolger und dessen Konflikt mit dem
  231. despotischen Vater König Philip dem II. wurde zum Übergangswerk zwischen dem jungen Stürmer und Dränger und dem
  232. reifen Klassiker. In der Gestalt des Marquis von Posa schuf Schiller eine Figur, die nicht mehr mit Gewalt gegen
  233. die Tyrannei ankämpft, sondern mit der Kraft der Idee. Der berühmte Ausruf Posas vor dem König, die Forderung nach
  234. Gedankenfreiheit wurde zu einem der meist zitierten Sätze der deutschen Literatur.
  235. Schiller selbst erkannte, daß sich sein Schreiben veränderte. Die ungezügelte Leidenschaft der Räuber wich einer
  236. tieferen Auseinandersetzung mit den Fragen der Macht, der Freiheit und der moralischen Verantwortung.
  237. Doch all das war Zukunft. In den dunklen Monaten des Jahres 1785 schien diese Zukunft unerreichbar.
  238. Schilla war 23, dann 24, dann 25 Jahre alt. und sein Leben bestand aus einer endlosen Folge von Enttäuschungen,
  239. Krankheiten und Geldsorgen. Er dachte daran, die Dichtkunst aufzugeben und in seinen alten Beruf als Arzt
  240. zurückzukehren. Es war der tiefste Punkt seines jungen Lebens. Dann in einem Augenblick, der so
  241. zufällig wirkte wie ein Wunder, öffnete sich eine Tür. Ein Brief erreichte den verzweifelten Dichter, geschrieben von
  242. Menschen, die er nie getroffen hatte. Christian Gottfried Körner, ein wohlhabender Jurist aus Leipzig, seine
  243. Verlobte Minner Stock, deren Schwester Dora und der Publizist Ferdinand Huber hatten die Räuber gelesen und waren von
  244. dem Werk so tief ergriffen, dass sie dem unbekannten Autor ihre Freundschaft und Unterstützung anboten.
  245. Der Brief war mehr als eine Geste der Bewunderung. Er war ein Rettungsanker, ausgeworfen von Fremden, die in
  246. Schillers Worten etwas erkannt hatten, das über den literarischen Erfolg hinausging. Schiller nahm die Einladung
  247. an und reiste nach Leipzig. Es war der Beginn einer Freundschaft, die sein Leben von Grund auf verändern sollte.
  248. Die Jahre der Flucht, der Armut und der Einsamkeit waren nicht vorüber. Aber zum ersten Mal seit seiner Flucht aus
  249. Stuttgart hatte Friedrich Schiller einen Ort, an dem er willkommen war. nicht als Flüchtling, nicht als gescheiterter
  250. Theaterdichter, sondern als das, was er immer hatte sein wollen, ein Dichter, dessen Worte Menschen erreichten.
  251. An einem Sommerabend des Jahres 1785 sitzt eine kleine Gesellschaft unter einer großen Linde vor einem Bauernhaus
  252. im Dorf Golis bei Leipzig. Der Tisch ist einfach gedeckt. Einige Studenten spielen im freien Musik und die letzten
  253. Sonnenstrahlen fallen durch das Laub auf die Gesichter der Versammelten. Da erhebt sich ein junger Mann, hält ein
  254. Blatt Papier in der Hand und beginnt mit lauter, feierlicher Stimme zu lesen. Freude, schöner Götterfunken, Tochter
  255. aus Elyium. Die Worte schweben in die Abendluft und die Zuhörer verstummen. Die
  256. Schauspielerin Sophie Albrecht, die an diesem Abend dabei ist, wird später berichten, dass sie alle bald in eine
  257. Art Sprechgesang einfielen. Tränen glänzten in ihren Augen und als der Dichter das Lied zu Ende gelesen hatte,
  258. fielen sie einander gerührt in die Arme. Niemand an diesem Abend konnte wissen, dass diese Verse 200 Jahre später zur
  259. Hymne eines ganzen Erdteils werden würden. Die Ankunft in Leipzig im Frühjahr 1785
  260. markierte für Friedrich Schiller eine Cesur. Nach Jahren der Flucht, der Armut und der zermördenden Unsicherheit
  261. empfing ihn der Kreis um Christian Gottfried Karner mit einer Wärme und Großzügigkeit, die er nie zuvor erfahren
  262. hatte. Kner war ein gebildeter wohlhabender Jurist, der in Schillers Werk nicht nur
  263. literarische Begabung erkannte, sondern die Stimme eines Geistes verwandten. Er stellte dem Dichter Geld zur Verfügung,
  264. ohne Bedingungen daran zu knüpfen, und bot ihm die Freundschaft an, nach der Schiller sich seit den einsamen Jahren
  265. der Karlsschule gesehnt hatte. Mit Carners Verlobter Minner Stock, deren Schwester Dora und dem Publizisten
  266. Ferdinand Huber, entstand ein kleiner Zirkel von Menschen, die einander intellektuell und menschlich nah waren.
  267. Für Schiller war es, als habe er nach einem langen Marsch durch die Wüste endlich eine Oase erreicht.
  268. In diesem Zustand der Befreiung und der Dankbarkeit entstand die Ode an die Freude. Das Gedicht war zunächst eine
  269. persönliche Widmung an Körner und den Freundeskreis, ein Ausdruck jener Glückseligkeit, die Schiller in diesen
  270. Monaten empfand. Doch die Verse griffen weit über das Private hinaus. In ne Strophen entwarf Schiller das Bild einer
  271. Menschheit, die durch die Kraft der Freude und der Brüderlichkeit verbunden ist. Bettler werden zu Fürsten, alle
  272. Menschen zu brüdern, wo der sanfte Flügel der Freude weilt. Es war ein Ideal, das sowohl den aufklärerischen
  273. Geist der Epoche als auch Schillas eigene tiefste Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Gerechtigkeit in sich
  274. trug. Im November 178 sandte er das fertige Gedicht an den
  275. Buchhändler Georg Göschen in Leipzig und Kan selbst komponierte eine erste Vertonung dazu. Von Leipzig zog Schiller
  276. weiter nach Dresden, wo er auf Körners Weinberg in Loschwitz wohnte und an seinem Drama Don Carlos arbeitete.
  277. Dieses Stück, an dem er bereits in den Jahren der Flucht zu schreiben begonnen hatte, wurde zu einem Wendepunkt in
  278. seinem Schaffen. In den Räubern hatte Schiller die Sprache des Aufruhers gesprochen. In Kabale und Liebe, die des
  279. sozialen Protests. In Don Carlos fand er eine neue Stimme, die des politischen Idealismus. Die Gestalt des Marquis von
  280. Posa, der vor dem spanischen König für die Freiheit des Gewissens eintritt, verkörperte alles, woran Schiller
  281. glaubte, das Recht des Menschen auf freies Denken, die Pflicht des Einzelnen für seine Überzeugungen einzustehen und
  282. die Hoffnung, dass selbst ein Tyran durch die Kraft der Vernunft erreicht werden kann.
  283. Posas Forderung nach Gedankenfreiheit wurde zum geflügelten Wort und begleitet die deutsche Geistesgeschichte bis
  284. heute. Im Sommer 1787 reiste Schiller nach Weimer, dem kleinen
  285. thüringischen Städtchen, das trotz seiner kaum 6000 Einwohner zum geistigen Zentrum Deutschlands geworden war. Hier
  286. wirkten Christoph Martin Wand und Johann Gottfried Herder. Hier residierte der aufgeklärte Herzog Karl August und hier
  287. lebte der Mann, dessen Schatten über der gesamten deutschen Literatur lag. Johann Wolfgang von Gothe.
  288. Schilla begegnete dem älteren Dichter zum ersten Mal bei einer Gesellschaft in Rudolstadt. Es war keine glückliche
  289. Begegnung. Goethe, soeben aus Italien zurückgekehrt und ganz erfüllt von den Eindrücken der mediterranen Welt, wirkte
  290. auf die Anwesenden fremd und abweisend. Er sprach mit Begeisterung von Italien und alles Deutsche schien ihm klein und
  291. provinziell. Schiller, der sich von der Begegnung eine geistige Annäherung erhofft hatte,
  292. war tief enttäuscht. Er empfand Goes auftreten als kalt, ja, beinah herablassend.
  293. In einem Brief nannte er ihn einen Menschen ohne Herz, dessen Geist er bewundere, dessen Wesen ihm aber fremd
  294. bleibe. Diese gescheiterte erste Begegnung legte den Grundstein für ein Verhältnis, das
  295. jahrelang von stiller Rivalität und unbefriedigter Sehnsucht geprägt sein sollte.
  296. Schiller konnte sich der Wirkung Gothes nicht entziehen. Selbst wenn er an eigenen Gedichten arbeitete, spürte er
  297. den unsichtbaren Maßstab des Älteren. Er schrieb, dass er sich fragte, ob Gohe diese oder jene Zeile billigen würde, ob
  298. sie seinem Urteil standhalten könnte. Es war eine Qual und zugleich ein Antrieb. die Gegenwart eines Genies, das man
  299. bewunderte, ohne ihm nahe sein zu können. In Rudolfstadt lernte Schiller auch zwei Frauen kennen, die sein Leben
  300. auf andere Weise verändern sollten. Charlotte und Caroline von Lengefeld waren Schwestern aus einer verarmten
  301. Adelsfamilie, beide gebildet, beide von ungewöhnlicher geistiger Tiefe. Schiller verliebte sich doch auf eine Weise, die
  302. selbst für die empfindsame Kultur jener Epoche ungewöhnlich war. Er liebte beide Schwestern zugleich. Über zwei Jahre
  303. hinweg schrieb er Briefe an Charlotte und Caroline, ohne zwischen seinen Gefühlen unterscheiden zu können oder zu
  304. wollen. Die Schwestern wussten voneinander und waren, wie es die Zeugnisse jener Zeit naheen, mit dieser
  305. Konstellation einverstanden. [räuspern] Es war eine platonische Liebe im besten Sinne des Wortes, eine geistige
  306. Verbundenheit, die über die Grenzen der Konvention hinausreichte. Am Ende waren es die Schwestern selbst, die eine
  307. Entscheidung herbeiführten. [räuspern] Caroline trat zurück und überließ Schiller ihrer jüngeren Schwester
  308. Charlotte. Es war ein Akt der Großmut, der von zeitgenössischen Beobachtern mit Bewunderung wahrgenommen wurde. Wilhelm
  309. von Humbold, der Caroline persönlich kannte, schrieb, dass er das Glück einer so außergewöhnlichen weiblichen
  310. Persönlichkeit begegnet zu sein, als den größten Vorzug seines Lebens betrachte. Caroline heiratete später und wurde
  311. unter ihrem Ehenamen Caroline von Wollzogen zur ersten Biografin Schillers.
  312. Die Innigkeit ihrer Verbundenheit mit dem Dichter blieb bis an sein Lebensende ungebrochen. In einem ihrer Briefe an
  313. ihn schrieb sie, dass es niemandem so wie ihm gelungen sei, die Seiten ihres innersten Wesens zu berühren und dass
  314. die Zartheit, mit der er sich ihrer Seele angenommen habe, sie oft bis zu Tränen gerührt habe. Am 22. Februar 1790
  315. heiratete Friedrich Schiller Charlotte von Längefeld in der Dorfkirche von Wenigena.
  316. Es war eine stille Hochzeit ohne Pr und ohne große Gesellschaft. Für Schiller war sie der Beginn eines
  317. neuen Lebensabschnitts. Die Jahre der Heimatlosigkeit und der Einsamkeit lagen hinter ihm. Er hatte
  318. eine Frau, einen Freundeskreis, ein Zuhause. Die oder an die Freude, jenes Gedicht über die Kraft der Liebe und der
  319. Brüderlichkeit, das er in den glücklichen Monaten bei Karna geschrieben hatte, war nicht Literatur
  320. geblieben. Sie hatte sich zumindest für diesen Augenblick in seinem eigenen Leben verwirklicht.
  321. Am 26. Mai 1789 lief eine Menschenmenge durch die engen Gassen der Universitätsstadt Jena. Die
  322. Bürger, die aus ihren Fenstern schauten, glaubten zunächst an einen Aufruh. Hunderte von Studenten drängten in
  323. dieselbe Richtung, riefen durcheinander und schoben sich durch die Straßen, als gelte es ein Feuer zu löschen oder eine
  324. Revolution zu beginnen. Doch es war weder das eine noch das andere. Die jungen Männer eilten zu einer Vorlesung.
  325. Der Hörsaal, in dem der neue außerordentliche Professor für Geschichte seinen Antrittsauftritt geben
  326. sollte, fasste die Menge nicht. Man verlegte die Veranstaltung in den größten Saal der Universität, doch auch
  327. dieser quoll über. Studenten standen in den Gängen, lehnten an den Wänden, drängten sich vor den Fenstern. Der
  328. Mann, der schließlich vor sie trat und zu sprechen begann, war Friedrich Schiller. Die Berufung nach Jena war
  329. Schillers Eintritt in die akademische Welt. Sie verdankte sich nicht zuletzt seinem historischen Erstlingswerk,
  330. Geschichte des Abfalls der Vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung, einer Darstellung des
  331. niederländischen Befreiungskampfes gegen die spanische Krone. Die Arbeit hatte in gelehrten Kreisen Aufmerksamkeit erregt
  332. und auf Empfehlung Götes, der als Minister des Herzogs von Sachsen Weimar Einfluss auf Universitätsangelegenheiten
  333. besaß, erhielt Schiller die Professur. Zwar eine Ehre, aber auch eine Täuschung. Die Stelle war nicht
  334. besäldet. Schiller verdiente nur, was die Studenten an Hörgeldern zahlten und das reichte kaum zum Leben. Einmal mehr
  335. stand der materielle Mangel im Widerspruch zur geistigen Anerkennung. Die Antrittsvorlesung trug den
  336. programmatischen Titel Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?
  337. Schiller sprach darin über die Aufgabe des Historikers, die Vergangenheit nicht als tote Sammlung von Fakten zu
  338. betrachten, sondern als lebendigen Zusammenhang, in dem jedes Ereignis mit der Gegenwart verbunden ist.
  339. Er sagte seinen Zuhörern, daß die gesamte Geschichte der Menschheit notwendig gewesen sei, damit sie sich an
  340. genau diesem Tag, in genau diesem Saal, zu genau dieser Stunde versammeln konnten. Es war ein kühner Gedanke,
  341. vorgetragen mit einer rhetorischen Kraft, die den Studenten den Atem nahm. Schiller unterschied in seiner Rede
  342. zwischen dem Brotgelehrten, der Wissen um des Vorteils Willen anhäuft und dem philosophischen Kopf, der nach dem Sinn
  343. des Ganzen fragt. Er selbst wollte der zweite sein. In den folgenden Jahren widmete sich Schiller mit der ihm
  344. eigenen Intensität der historischen Forschung. Sein Hauptwerk dieser Periode war die Geschichte des dreizigjährigen
  345. Krieges, eine umfassende Darstellung jener Katastrophe, die Deutschland im 17. Jahrhundert verwüstet und um mehr
  346. als ein Drittel seiner Bevölkerung gebracht hatte. Das Buch erschien in Fortsetzungen und wurde zu einem
  347. beispiellosen Erfolg. Innerhalb weniger Wochen waren 7000 Exemplare verkauft, mehr als die Stadt Weimer Einwohner
  348. hatte. Es fand seinen Platz in der Bibliothek jedes gebildeten Deutschen und die Kritik erkannte an, dass ihr zum
  349. ersten Mal seit der Antike ein historisches Werk in einer wahrhaft literarischen Sprache geschrieben worden
  350. war. Was Schiller in diesem Buch gelang, ging jedoch über sprachliche Meisterschaft hinaus. Er vollzog darin
  351. zwei gedankliche Wendungen, die seine Zeitgenossen erschütterten. Die erste betraf das Wesen historischer Konflikte.
  352. Schiller erkannte, dass die Natur den Zwist braucht, um Neues hervorzubringen. Der dreiährige Krieg hatte Europa in
  353. einen Abgrund gestürzt, aber aus diesem Abgrund waren die Völker mit einem neuen Bewusstsein hervorgetreten,
  354. dem Bewusstsein einer gemeinsamen Schicksalsgemeinschaft. Ohne den Schrecken des Krieges,
  355. Schillers These, hätten die europäischen Nationen nie erfahren, dass sie aufeinander angewiesen sind. Es war ein
  356. Gedanke von beunruhigender Tragweite, der die einfache Unterscheidung zwischen gut und Böse in der Geschichte
  357. grundsätzlich in Frage stellte. Die zweite Wendung war noch radikaner. Schiller verzichtete in seinem
  358. historischen Werk auf das Prinzip der Antithese, auf die Aufteilung der handelnden Personen in Helden und
  359. Schurken, in Kräfte des Lichts und der Finsternis. Er schrieb über die niederländischen
  360. Aufständischen mit Sympathie, doch er verschonte sie nicht. Er zeigte Korruption im Lager der Revolutionäre
  361. und Menschlichkeit bei den Unterdrückern. Freunde schrieben ihm beunruhigte
  362. Briefe. Ganze Kapitel lesen sich so, als stehe der Autor auf der Seite der Spanier.
  363. Schiller ließ sich nicht beirren. Er hatte verstanden, dass eine Geschichte, die nur eine Seite zeigt, keine
  364. Geschichte ist, sondern Propaganda. Die Anerkennung, die ihm selbst skeptische Kritiker wie Herder zollten,
  365. bestätigte seinen Weg. Parallel zu seiner historischen Arbeit vollzog sich in Schillers Leben eine Veränderung, die
  366. er selbst mit stiller Entschlossenheit vorantrieb. Am 22. Februar 1790 hatte er Charlotte
  367. von Längefeld geheiratet und die Gründung einer Familie gab seinem Dasein eine Stabilität, die er zuvor nie
  368. gekannt hatte. Zugleich beobachtete er die politischen Erschütterungen, die Europa in diesen Jahren erlebten, mit
  369. gespannter Aufmerksamkeit. Der Sturm auf die Bastie im Juli89 hatte die Grundfesten der feudalen
  370. Ordnung erschüttert. Schiller, der sein ganzes bisheriges Werk dem Kampf gegen Tyrannei gewidmet
  371. hatte, begrüßte die Nachricht aus Paris zunächst mit Anteilname. Die Forderungen nach Freiheit,
  372. Gleichheit und Menschenwürde, die aus Frankreich herüber drangen, entsprachen seinen eigenen Überzeugungen. Doch als
  373. die Revolution in die Phase des Terrors überging, als die Jakobiner ihre Herrschaft mit Hinrichtungen
  374. durchsetzten und König Ludwig X. unter der Giotine starb, wandelte sich Schillas Haltung grundlegend. Er sah in
  375. der Hinrichtung des Königs einen Akt der Barberei, der die Ideale der Revolution verriet. Die Gewalt, die im Namen der
  376. Freiheit verübt wurde, war für ihn nicht weniger abstoßend als die Gewalt der Tyranen, gegen die er in den Räubern
  377. angeschrieben hatte. Als die Nationalversammlung in Paris Schiller im Jahr 1792
  378. die Ehrenbürgerschaft der französischen Republik verlie, eine Anerkennung, die sich auf den freiheitlichen Geist der
  379. Räuber berief, nahm er sie kühl entgegen. Er fühlte sich durch die Auszeichnung nicht geehrt, sondern
  380. befremdet. Die Revolution, so wie sie sich entwickelt hatte, war nicht das, wovon
  381. er geträumt hatte. Schiller formulierte seine Position in einem Satz, der zum Kern seiner gesamten
  382. Philosophie wurde. Der Weg zur Freiheit führe nur durch die Schönheit und die Aufgabe der Kunst bestehe darin, den
  383. Menschen allmählich auf eine vernünftige Gesellschaftsordnung vorzubereiten. Nicht die Gewalt des Umsturzes, sondern
  384. die stille Kraft der ästhetischen Erziehung sei der wahre Weg zur Befreiung.
  385. Es war die Antwort eines Dichters auf die Schrecken seiner Zeit und zugleich der Beginn eines Denkwegs, der Schiller
  386. für ein ganzes Jahrzehnt von der Dichtkunst in die Philosophie führen sollte.
  387. Im Herbst 1794 schrieb Friedrich Schiller einen Satz in sein Notizbuch, der wie ein Programm für
  388. sein gesamtes weiteres Denken klang. Die Vollkommenheit des Menschen werde erst dann erreicht sein, wenn die
  389. wissenschaftliche und die sittliche Kultur sich wieder im Schönen auflösten. Es war ein Satz von bestechender
  390. Einfachheit und zugleich von einer Radikalität, die seine Zeitgenossen herausforderte.
  391. Schiller behauptete nicht weniger, als daß weder die Wissenschaft allein noch die Moral allein den Menschen zu seiner
  392. Bestimmung führen könne. Nur die Schönheit, verstanden nicht als Dekoration, sondern als tiefste Form der
  393. Wahrheit sei imstande, den ganzen Menschen zu erreichen und zu verwandeln. Dieser Gedanke war nicht im luftleeren
  394. Raum entstanden. Er war die Frucht einer jahrelangen Auseinandersetzung mit der Philosophie Immanuel Kanz, die Schiller
  395. in den frühen 90er Jahren des 18. Jahrhunderts mit wachsender Intensität betrieb.
  396. Kanzschriften, insbesondere die Kritik der Urteilskraft, hatten im geistigen Leben Deutschlands eine Erschütterung
  397. ausgelöst, die weit über die akademische Philosophie hinausreichte. Für Schiller war die Begegnung mit Kant
  398. zugleich Befreiung und Herausforderung. Er bewunderte die Stränge des Königsberger Denkers, seine
  399. unbestechliche Analyse der menschlichen Vernunft, seine Forderung nach moralischer Autonomie. Doch zugleich
  400. empfand er Kanz Trennung zwischen Pflicht und Neigung, zwischen Verstand und Gefühl als etwas Unvollständiges.
  401. Der Mensch, so Schillers Überzeugung war nicht nur Vernunftwesen und nicht nur Sinnenwesen. Er war beides zugleich und
  402. jede Philosophie, die eine Seite auf Kosten der anderen unterdrückte, verfehlte sein Wesen.
  403. Aus dieser Überlegung heraus entstanden in den Jahren 1793 und 1794
  404. Schillers bedeutendste philosophische Schriften. In Über Anmut und Würde entwarf er das Bild der schönen Seele,
  405. eines Menschen, bei dem Pflicht und Neigung so vollkommen übereinstimmen, dass das Gute nicht als Zwang, sondern
  406. als natürlicher Ausdruck des eigenen Wesens erscheint. Es war ein Gegenentwurf zu Kanz strenger
  407. Pflichtethik nicht als Widerlegung, sondern als Ergänzung. Schiller wollte zeigen, dass Moralität und Sinnlichkeit
  408. keine Feinde sind, sondern einander brauchen, um den Menschen zu seiner vollen Entfaltung zu bringen. Das
  409. Herzstück seines philosophischen Denkens legte Schiller in den Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen
  410. nieder, einer Abhandlung, die er in Form von Briefen an den Herzog Friedrich Christian von Augustenburg verfasste.
  411. In diesem Werk stellte er die Frage, warum die französische Revolution, die mit den edelsten Absichten begonnen
  412. hatte, in Barberei und Blutvergießen geendet war. Seine Antwort war von erschütternder
  413. Klarheit: "Die Menschen seien für die Freiheit nicht reif gewesen. Man könne eine politische Ordnung nicht über Nacht
  414. verändern, wenn die innere Verfassung der Menschen sich nicht zuvor gewandelt habe. Und diese innere Wandlung, so
  415. Schillers These können nur die Kunst bewirken. Denn allein im ästhetischen Zustand, im freien Spiel der
  416. Einbildungskraft, in der Begegnung mit dem Schönen finde der Mensch zu jener Ganzheit, die ihm sowohl die rohe Natur
  417. als auch die kalte Vernunft vorenthielten. Dieser Gedanke war mehr als eine
  418. akademische Theorie. Er war Schillers persönliche Antwort auf die Enttäuschungen seiner Zeit.
  419. Die Revolution in Frankreich hatte gezeigt, dass politischer Umsturz allein nicht genügte, um eine gerechtere Welt
  420. zu schaffen. Die Aufklärung hatte den Verstand geschärft, aber das Herz nicht erreicht. Schiller suchte nach einem
  421. dritten Weg, einem Weg, der weder in die Gewalt der Revolution, noch in die Trockenheit der reinen Vernunft führte.
  422. Die Schönheit war für ihn kein Schmuck und keine Flucht, sondern das einzige Band, das den zerrissenen Menschen mit
  423. sich selbst und mit der Welt versöhnen konnte. In dieser Schaffensphase wandte sich Schiller auch der Antike zu und
  424. formulierte in seinem Gedicht die Götter Griechenlands eine Klage, die weit über den literarischen Anlass hinausreichte.
  425. Mit dem Verschwinden der griechischen Götterwelt. So Schillers Überzeugung sei aus dem Leben der Menschen ein ganzes
  426. Daseinsgefühl gewichen. Die Griechen hatten ihre Götter als menschenähnliche Wesen dargestellt und auf diese Weise
  427. eine Brücke zwischen dem Irdischen und dem Göttlichen geschlagen. In der modernen Welt, in der
  428. protestantische Gott unsichtbar und unerreichbar geworden war, fehlte dieses verbindende Element.
  429. Die Natur, einst beseht von göttlicher Gegenwart, erschien nun leer und stumm. Schiller stellte die Frage, wohin die
  430. Götter gegangen sein, und gab eine Antwort, die für sein gesamtes Spätwerk bestimmend wurde. Sie seien in die
  431. Dichtung gewandert. Die Poesie sei der neue Tempel, in dem das Göttliche Zuflucht gefunden habe. Jedes wahre
  432. Kunstwerk sei ein Haus für jene Kräfte, die der modernen Welt abhanden gekommen sein. Diese Überzeugung hatte ihren
  433. Preis. Nahzu ein Jahrzehnt lang schrieb Schiller keine Dramen. Von der Vollendung des Don Carlos im Jahr87
  434. bis zum Beginn der Arbeit an der Wallensteinrilogie Ende der 90er Jahre vergingen 10 Jahre,
  435. in denen der Dramatiker schwieg und der Denker sprach. Schiller widmete sich der Geschichte und
  436. der Philosophie, der Ästhetik und der Kulturkritik, als müsse er sein geistiges Fundament vollständig neu
  437. errichten, bevor er wieder ein Theaterstück schreiben könne. Freunde und Bewunderer beobachteten diesen
  438. Rückzug mit Sorge. War der größte lebende Dramatiker Deutschlands für die Bühne verloren gegangen?
  439. In seiner Schrift über naive und sentimentalische Dichtung, die 1795 erschien, gab Schiller eine indirekte
  440. Antwort auf diese Frage. Er unterschied darin zwei Grundtypen der Dichtung. die Nive, die unmittelbar aus der Einheit
  441. des Menschen mit der Natur hervorgeht und die sentimentalische, die aus dem Bewusstsein der Trennung von
  442. der Natur entsteht und nach einer höheren Versöhnung strebt. Der naive Dichter, und hier dachte
  443. Schiller unverkennbar an Gote, schafft aus dem Instinkt heraus mühelos und selbstverständlich.
  444. Der sentimentalische Dichter, und hier sprach Schiller über sich selbst, muß den verlorenen Einklang mit der Welt
  445. erst wiederherstellen, muß reflektieren, ringen, kämpfen, um zu jener Schönheit vorzudringen, die dem Naiven in den
  446. Schoß fällt. Es war ein Selbstportrait von schonloser Ehrlichkeit. Zehn Jahre der Stille lagen
  447. nun hinter dem Dichter, zehn Jahre, in denen er sich durch die Philosophie Kanz und die Geschichte Europas gearbeitet,
  448. in denen er sein Denken geschärft und vertieft hatte. Die philosophischen Schriften, die in dieser Zeit
  449. entstanden, gehören zu den bedeutendsten Beiträgen der deutschen Geistesgeschichte.
  450. Doch Schiller wusste, dass Philosophie allein nicht sein Weg war. Die Ideen, die er in seinen Abhandlungen entwickelt
  451. hatte, drängten nach einer anderen Form, nach der Form des Dramas, der lebendigen Rede, der menschlichen Gestalt auf der
  452. Bühne. Was ihm fehlte, war der Anstoß, die Kraft, der Funke, der ihn zurück auf die Bühne treiben würde. Dieser Funke
  453. kam nicht aus einem Buch und nicht aus einer Idee. Er kam von einem Menschen, den Schiller seit Jahren aus der Ferne
  454. bewunderte und fürchtete, von dem er sich angezogen und abgestoßen fühlte, dessen Gegenwart er suchte und miet.
  455. Dieser Mensch war Johann Wolfgang von Gothe und die Freundschaft, die nun zwischen ihnen entstand, sollte nicht
  456. nur Schillers Schweigen beenden, sondern das Antlitz der deutschen Literatur für immer verändern. Im Sommer 1794
  457. lebte Gohe seit sech Jahren wieder in Weimar. Doch die Erinnerung an Italien hatte ihn nie losgelassen. Er war
  458. erfüllt von der Schönheit des Südens. Er war erfüllt von der Schönheit des Südens, von der Harmonie antiker
  459. Bauwerke, vom Licht über dem römischen Himmel. Deutschland erschien ihm dagegen formlos und eng, ein Land des Nebels und
  460. der Provinz. Bei einer Gesellschaft in Jena sprach er mit solcher Begeisterung von Italien,
  461. daß die Anwesenden einander befremdet anblickten. Unter ihnen saß Friedrich Schiller und
  462. beobachtete den berühmten Dichter mit einer Mischung aus Bewunderung und wachsendem Unmut.
  463. Dieser Mann, der als Nationaldichter verehrt wurde, schien seine eigene Heimat zu verachten.
  464. Schilla verließ die Gesellschaft mit dem Gefühl, einem kalten, ja, herzlosen Menschen begegnet zu sein, dessen Geist
  465. er zwar bewundern müsse, dessen Nähe ihm aber auf unbestimmte Zeit verwehrt bleiben werde. Diese Empfindung war
  466. keine Laune eines Abends. Sie hielt 8 Jahre an. Von 1787, dem Jahr ihrer ersten Begegnung in
  467. Rudolfstadt bis 1794, lebten Schiller und Gohe in derselben kleinen Welt des thüringischen
  468. Geisteslebens, ohne einander wirklich nahezukommen. Sie kannten ihre Werke, sie verfolgten
  469. ihre jeweiligen Entwicklungen, sie urteilten übereinander in Briefen an Dritte. Doch zwischen ihnen lag eine
  470. Distanz, die keiner von beiden zu überwinden vermochte. Gohe, zehn Jahre älter, längst auf dem Gipfel seines
  471. Ruhms, geheimer Rat und Minister des Herzogs, blickte auf den jüngeren Kollegen mit jener wohlwollenden
  472. Gleichgültigkeit herab, die große Geister manchmal gegenüber denen zeigen, die ihnen zu ähnlich und doch zu
  473. verschieden sind. Schiller wiederum kämpfte mit einem Gefühl, daß er selbst als eine Mischung aus Neid, Ehrfurcht
  474. und geistiger Eifersucht beschrieb. In einem Brief gestand er, dass er sich der Wirkung Gesne,
  475. dass selbst beim Schreiben eigener Verse der unsichtbare Maßstab des Älteren über jedem Wort schwebe.
  476. Der Wendepunkt kam im Juli 1794 nach einer Sitzung der jenalischen naturforschenden Gesellschaft.
  477. Schiller und Gote verließen den Versammlungsraum zufällig zurelben Zeit. Sie kamen ins Gespräch. zunächst über
  478. den Vortrag, den sie gehört hatten, dann über die Natur im Allgemeinen. Schließlich über die Frage, ob es
  479. möglich sei, die Erscheinungen der Natur aus einer einzigen Grundidee herauszuerstehen.
  480. Gohe vertrat die Ansicht, dass hinter der Vielfalt der Pflanzen eine Urpflanze stehe, ein idealer Typus, aus dem sich
  481. alle Formen ableiten ließen. Chiller widersprach. Das sei keine Erfahrung, sondern eine Idee.
  482. Es war ein Einwand, der Göte zunächst verblüffte, dann nachdenklich stimmte. Zum ersten Mal erkannte er in Schiller
  483. nicht einen Konkurrenten, sondern [räuspern] einen ebenbürtigen Gesprächspartner,
  484. einen Menschen, dessen Denken das Seine ergänzte, statt es zu wiederholen. Aus diesem Gespräch entspannwechsel,
  485. der zu den bedeutendsten Dokumenten der Europäischen Geistesgeschichte zählt. In Hunderten von Briefen, die sich über ein
  486. Jahrzehnt erstreckten, tauschten die beiden Dichter Gedanken über Kunst, Philosophie, Natur und Menschenkenntnis
  487. aus. Sie besprachen ihre laufenden Arbeiten, kritisierten einander mit einer Offenheit, die nur zwischen
  488. gleichrangigen möglich ist und entwickelten gemeinsam Ideen, die keiner von beiden allein hätte denken können.
  489. Schiller schrieb an Gohe, dass das Zusammentreffen mit dessen Geist Licht auf vieles geworfen habe, worüber er
  490. selbst nicht zu innerer Einheit hatte gelangen können. war ein seltenes Bekenntnis für einen Mann, der seinen
  491. eigenen Rang sehr genau kannte. Gohe seinerseits erkannte in Schilla eine Kraft, die ihm selbst fehlte. Schilla
  492. war der Drängende, der fordernde, der Rastlose. Er arbeitete mit einer Intensität, die keine Rücksicht auf den
  493. eigenen Körper nahm, und er scheute sich nicht, den älteren Freund zu unbequemen Wahrheiten zu zwingen.
  494. Es war Schiller, der Göhe dazu brachte, die Arbeit am Faust wieder aufzunehmen, jenem Werk, das der Ältere seit Jahren
  495. hatte, ruhen lassen und beinah aufgegeben hätte. Ohne Schillers Drängen, ohne seine beharrlichen Briefe
  496. und Gespräche wäre der Faust möglicherweise ein Fragment geblieben. Falk Martha, die Direktorin des
  497. Gotemuseums in Düsseldorf, hat in Schiller den eigentlichen Geburtshelfer des Faust gesehen und damit ist sie
  498. nicht allein. Gemeinsam verfolgten die beiden Dichter ein Projekt, das über ihre persönliche Freundschaft
  499. hinausreichte. Sie wollten den künstlerischen Geschmack ihrer Zeit erneuern, die literarische
  500. Mittelmäßigkeit bekämpfen und ein Theater schaffen, das den höchsten Ansprüchen genügte. Im Jahr 1795
  501. gründete Schiller die literarische Monatsschrift Die Horen, für die er die bedeutendsten Köpfe der Epoche als
  502. Mitarbeiter gewann. Unter ihnen Friedrich Hölderlin, die Brüder Humbold, Johann Gottlieb Fichte und Gohee selbst,
  503. der ohne Honorar Beiträge lieferte. Im Jahr darauf schrieben Schiller und Gote gemeinsam Die Xenien, eine Sammlung
  504. satirischer Epigramme, in denen sie die literarische Banalität ihrer Zeitgenossen mit beißendem Witz
  505. angriffen. Die Xenien erregten einen Sturm der Entrüstung. Doch genau das war beabsichtigt. Die beiden Dichter wollten
  506. deutlich machen, daß Kunst kein Zeitvertre, sondern eine ernste, fordernde Angelegenheit.
  507. Das Jahr97 wurde zum sogenannten Balladenjahr. In einem freundschaftlichen Wettstreit
  508. schufen Schiller und Göte in wenigen Monaten eine Fülle von Balladen, die zum festen Bestand der deutschen Dichtung
  509. gehören. Schiller schrieb: "Der Taucher, der Ring des Polyrates, die Kraniche des Ibikus und im folgenden Jahr die
  510. Bürgschaft und der Kampf mit dem Drachen. Es waren Geschichten von Mut, Treue und menschlicher Bewährung.
  511. erzählt in einer Sprache von solcher Kraft und Schönheit, daß sie schon bald in den Schulen auswendig gelernt und bei
  512. Familienfeiern vorgetragen wurden. Schiller, der Philosoph und Geschichtsdenker, erwies sich zugleich
  513. als Meister der erzählenden Dichtung, als ein Dichter, der die abstraktesten Gedanken in Bilder verwandeln konnte,
  514. die jeder verstand. Ende 1799 übersiedelte Schiller mit seiner Familie
  515. endgültig nach Weimar. Der Herzog Karl August, der den Wert des Dichters längst erkannt hatte, setzte ihm eine Pension
  516. aus und bot ihm an, sich dauerhaft in der Stadt niederzulassen. Schiller bat zunächst nur darum, einen Winter in
  517. Weima verbringen zu dürfen. Der Herzog durchschaute die Bescheidenheit und bestand darauf, dass der Dichter für
  518. immer blieb. In Weimer leitete Göte das Hoftheater und nun konnte die gemeinsame Vision
  519. einer idealen Bühne Wirklichkeit werden. Schiller übernahm eine beratende Rolle bei der Gestaltung des Spielplans und
  520. begann seine neuen Dramen direkt für das Weimarer Theater zu schreiben. Es war ein Bund, wie ihn die Geschichte der
  521. Literatur nur selten hervorgebracht hat. Zwei Männer von grundverschiedenem Temperament, der eine sinnlich,
  522. weltzugewandt, in sich ruhend, der andere grübelnd, idealistisch von innerer Unruhe getrieben, fanden
  523. zueinander und schufen gemeinsam etwas, das größer war als die Summe ihrer Einzelwerke.
  524. Schiller selbst fasste das Wesen dieser Freundschaft in einem Satz zusammen, den er nach 8 Jahren des Ringens an Gohe
  525. richtete. Er schrieb, dass man einem geistigen Überlegenen keine andere Freiheit entgegenstellen könne als die
  526. Freiheit der Liebe. Es war ein Bekenntnis, in dem sich Demut und Stolz die Waage hielten, die Anerkennung der
  527. Größe des anderen und zugleich die Behauptung der eigenen Würde. Gohe, der Mann, dem Schiller diese Worte
  528. schrieb, sollte ihren vollen Sinn erst nach dem Tod seines Freundes ermessen. Als die Nachricht von Schillers Ableben
  529. ihn erreichte, sprach er einen Satz, der alles enthielt. Er sagte, er verliere einen Freund und in ihm die Hälfte
  530. seines eigenen Daseins. Im Januar 1791 wurde Friedrich Schiller ohne Vorwarnung
  531. von einem Zusammenbruch getroffen, der sein ganzes weiteres Leben bestimmen sollte. Er verlor das Bewusstsein und
  532. wurde von Freunden nach Hause gebracht. Die Ärzte stellten ein schweres Leiden der Lunge fest, doch die genaue Natur
  533. der Krankheit blieb unklar. In den folgenden Wochen schwankte sein Zustand zwischen leichter Besserung und
  534. bedrohlicher Verschlechterung. Immer wieder verlor er das Bewusstsein. Immer wieder kamen die Schmerzen zurück.
  535. Heftiger als zuvor. In seinen lichten Momenten sprach Schiller mit Charlotte über eine Reise
  536. zum Nordpol. Er sagte, er habe diesen Wunsch schon lange gehegt, denn dort in der Kälte und Einsamkeit brauche man die
  537. Anspannung aller menschlichen Kräfte, um zu überleben. Es waren die Worte eines Mannes, der
  538. kaum noch stehen konnte und dennoch die äußerste Herausforderung suchte. Die Nachricht von Schillers Erkrankung
  539. verbreitete sich rasch in den literarischen Kreisen Europas. In Kopenhagen, wo der Dichter eine treue
  540. Anhängerschaft besaß, machte sogar das Gerücht seines Todes die Runde. Der Gelehrte Jens Immanuel Baggesen und
  541. seine Freunde veranstalteten eine Trauerfeier, bevor die Nachricht eintraf, dass Schiller noch lebte. Die
  542. Bestürzung und die anschließende Erleichterung hatten eine unmittelbare Folge. Ernst Heinrich Graf von
  543. Schimmelmann und Friedrich Christian von Augustenburg, beide glühende Bewunderer des Dichters, bewilligten ihm eine
  544. jährliche Pension von tausend Talern, zunächst auf drei Jahre begrenzt. Es war ein Geschenk, das Schiller von seinen
  545. drückendsten Geldsorgen befreite und ihm die Möglichkeit gab, seine ästhetischen Studien fortzusetzen.
  546. Vorausgesetzt, sein Körper spielte mit. Er spielte nicht mit. Gote, der Schiller in jenen Monaten
  547. besuchte, gewann den Eindruck, dass der Kranke keine vier Wochen mehr zu leben habe. Es sollten 14 Jahre werden, 14
  548. Jahre eines Lebens, das einem ununterbrochenen Kampf gegen den physischen verfolglich.
  549. Schilla arbeitete, wenn die Schmerzen es zuließen, und lag da, wenn sie es nicht taten. Fünf von sechs Tagen, so klagte
  550. er in seinen Briefen, seien von unerträglichem Leiden geprägt. An einem einzigen Tag der Woche
  551. vermochte er zu arbeiten und an diesem Tag schrieb er mit einer Intensität, als müsse jede Stunde die letzte sein. Was
  552. in diesen Jahren der Krankheit entstand, gehört zum Bedeutendsten, dass die deutsche Literatur hervorgebracht hat.
  553. Schiller kehrte zur Dramatik zurück und sein erstes großes Werk der Spätzeit war die Wallensteintrilogie.
  554. Ein Monumentalwerk aus drei zusammenhängenden Dramen über den berühmten Feldherrn des dreigjährigen
  555. Krieges. Fast 10 Jahre hatte Schiller an diesem Stoff gearbeitet, hatte historische
  556. Quellen studiert, die Psychologie der Macht durchdrungen und eine Figur geschaffen, die in ihrer
  557. Widersprüchlichkeit ohne Vorbild war. Wallenstein ist kein Held und kein Schurke, sondern ein Mensch, der an der
  558. Unvereinbarkeit seiner Ambitionen mit der Wirklichkeit scheitert. Die Trilogie wurde 1799 in Weimar Uhr aufgeführt und
  559. begründete Schillers Ruf als größter lebender Dramatiker der deutschen Sprache. Danach folgte ein Werk auf das
  560. Nächste, als habe die Nähe des Todes in Schiller eine schöpferische Kraft freigesetzt, die alle bisherigen Grenzen
  561. sprengte. Maria Stuart, vollendet im Jahrhundert erzählt die Geschichte der schottischen
  562. Königin, die als Gefangene der englischen Krone um ihr Leben kämpft. In diesem Drama gelang Schiller ein
  563. Kunststück, das in der Geschichte des Theaters seines Gleichen sucht. Er stellte zwei Königinnen einander
  564. gegenüber, Maria und Elisabeth, die beide Recht und beide Unrecht haben, die beide schuldig und beide unschuldig
  565. sind. Es ist ein Stück über die tragische Verstrickung von Macht und Moral,
  566. geschrieben mit einer Sprachgewalt, die den Zuschauer in Atem hält. Ein Jahr darauf entstand die Jungfrau von Orleon,
  567. Schillers Deutung der Johanna von Orleon, jener französischen Bauernmarkt, die im hundertjährigen Krieg an die
  568. Spitze einer Armee trat und ihr Volk zur Befreiung führte. Schiller nannte sein Stück eine romantische Tragödie und
  569. verlie der historischen Gestalt eine überirdische Dimension, die das Werk aus dem Rahmen des herkömmlichen
  570. Geschichtsdramas heraushebt. Dann kam die Braut von Messina, ein Versuch, die Form der antiken
  571. griechischen Tragödie mit einem Chor nach dem Vorbild des Sopokles auf die moderne Bühne zu bringen, was auch in
  572. jenen Jahren bisweilen ein junger Mann, der selbst nicht mehr lange zu leben hatte. Es war Friedrich von Hartenberg,
  573. der sich Novales nannte und einer der Begründer der deutschen Romantik werden sollte.
  574. Novalis bewunderte Schiller mit einer Ehrfurcht, die an Verehrung grenzte. In einem Brief schrieb er: "Wenn er nur das
  575. Wort Schiller ausspreche, erwache in ihm eine Masse von Empfindungen. Und der nagende Gedanke, dass dieser Mensch der
  576. Zerstörung nahe sei, lasse ihn vor seinem eigenen Dasein erzittern." Er sah in Schillers Händen, die selbst in
  577. Zustand der Bewusstlosigkeit eine unsichtbare Fäden zu spinnen schienen, den Ausdruck einer absoluten Liebe und
  578. eines grenzenlosen Mitgefühls für die Menschheit. Novales nannte Schiller einen Menschen,
  579. der mehr sei als Millionen gewöhnlicher Menschen und fügte hinzu: "Dieser Mann herrsche über Jahrhunderte."
  580. Schillers letztes vollendetes Drama wurde sein populärstes. Wilhelm Tell, Uhr aufgeführt am 17. März 1804 am
  581. Weimarer Hoftheater, erzählt die Geschichte des Schweizer Freiheitskampfes gegen die Habsburgische
  582. Herrschaft. Es ist ein Stück über das Recht auf Widerstand, über die Grenze jenseits derer gehorsam zur Feigheit
  583. wird und Auflehnung zur Pflicht. Die berühmteste Szene, der Apfelschuss, bei dem Tell gezwungen wird, einen Apfel vom
  584. Kopf seines eigenen Sohnes zu schießen, verdichtet das ganze Drama in einem einzigen unerträglichen Augenblick.
  585. Schiller legte seinem Helden Worte in den Mund, die wie ein politisches Testament klingen. Tale sagt: "Es gebä
  586. eine Grenze der Gewalt des Tyrann und wenn alle Rechte mit Füßen getreten würden, greife der Unterdrückte zum
  587. Himmel und hole sich dort seine ewigen, unveräußerlichen Rechte, die unverlierbar über ihm hingen wie die
  588. Sterne." Im November 180 wurde Schiller in den Adelsstand erhoben. Er durfte sich fortan Friedrich von Schiller
  589. nennen. Der Dichter, der sein Leben lang gegen die Willkür der Herrschenden geschrieben hatte, nahm den Titel mit
  590. einer Mischung aus Ironie und Pragmatismus entgegen. Er brauchte ihn nicht für sich, aber er wollte
  591. sicherstellen, dass seine Frau und seine vier Kinder nach seinem Tod versorgt sein würden. Schiller wusste, dass er
  592. nicht mehr lange zu leben hatte. Die Krankheit, die ihn seit vizehn Jahren begleitete, hatte seinen Körper
  593. ausgehüht. Sein Geist aber war ungebrochen. Zwischen den Anfällen arbeitete er
  594. weiter, schrieb, plante, entwarf. Es war als könne die Kraft seines Willens den Zerfall seines Leibes aufhalten. Nicht
  595. endgültig, aber lange genug, um das Werk zu vollenden, dass er sich vorgenommen hatte.
  596. Am Isten Mai 18 empfing Friedrich Schiller in seinem Haus in der Esplanade zu Weimar einen letzten Besucher. Es war
  597. Johann Wolfgang von Gülte. Die beiden Männer, die seit über einem Jahrzehnt miteinander verbunden waren, saßen
  598. einander gegenüber und beiden war bewusst, dass dies ein Abschied war. Schiller war so geschwächt, dass er kaum
  599. noch sprechen konnte. Gohe, der seinen Freund seit Jahren mit wachsender Sorge hatte verfallen sehen, blieb nicht
  600. lange. Als er das Haus verließ, wuße er, daß er den Lebenden zum letzten Mal gesehen hatte. Keiner der beiden hatte
  601. das Wort Abschied ausgesprochen. Es war nicht nötig gewesen. Die letzten Monate hatten Schiller alles abverlangt, was
  602. sein zerstörter Körper noch herzugeben vermochte. Seit dem Herbst 1804 hatte sich sein
  603. Zustand beständig verschlechtert. Die Lungenkrankheit, die ihn seit 14 Jahren begleitete, war in ihr letztes Stadium
  604. getreten. Dennoch arbeitete er weiter. Auf seinem Schreibtisch lag das Manuskript des Demetrius, einer Tragödie
  605. über den russischen Thronprätendenten, der nicht weiß, ob er ein rechtmäßiger Erbe oder ein Betrüger ist. Es war ein
  606. Stoff, der Schiller in besonderer Weise fesselte. Die Frage nach der Wahrheit der eigenen Identität, nach dem Recht,
  607. dass ein Mensch auf seinen Platz in der Welt hat, durchzog das Fragment wie ein roter Faden.
  608. Schiller hatte große Pläne für dieses Werk. Er wollte darin alles zusammenführen, was er in Jahrzehnten
  609. der historischen Forschung, der philosophischen Reflexion und der dramatischen Praxis gelernt hatte. Der
  610. Drius sollte sein Vermächtnis werden. Es wurde ein Fragment. Schiller schrieb bis in die letzten Tage seines Lebens, doch
  611. die Krankheit war stärker. Am 9. Mai 1805, einem Donnerstag, starb Friedrich von Schiller in Weimar. Er war 45 Jahre
  612. alt. Die Todesursache war aller Wahrscheinlichkeit nach eine akute Tuberkulose, die seinen ohnehin
  613. geschwächten Körper endgültig überwältigte. Bei der Obduktion fanden die Ärzte eine
  614. linke Lunge, die fast vollständig zerstört war, ein vergrößertes Herz und schwere Schäden an Leber und Nieren.
  615. Dass ein Mensch mit solchen Befunden jahrelang hatte arbeiten können, grenzte nach Einschätzung der Mediziner an das
  616. Unbegreifliche. Die Bestattung erfolgte in der Nacht vom auf den Mai nach Mitternacht, wie es der
  617. Brauch für Personen von Stand vorschrieb, die keinen eigenen Familiengrabplatz besaßen. Man brachte
  618. den Sarg in das sogenannte Kassengewölbe auf dem Jakobsfriedhof, eine Gemeinschaftsgruft für höher
  619. gestellte Bürger ohne eigene Grablegee. war ein nüchter, fast unwürdiger Abschluss für einen Mann, der zu
  620. Lebzeiten als der Dichter der Deutschen gefeiert worden war. Kein Trauerzug, keine öffentliche Zeremonie, nur eine
  621. kleine Gruppe von Freunden, die dem Sarg im Dunkel der Nacht folgte. Gothe nahm an der Beisetzung nicht teil.
  622. Er war zu erschüttert, um das Haus zu verlassen. Erst 20 Jahre später, im Jahr 1827,
  623. wurden die sterblichen Überreste Schillers in die Weimarer Fürstengruft überführt, jenen Ort, an dem später auch
  624. Gothe auf eigenen Wunsch seine letzte Ruhest finden sollte. Die beiden Dichter, die im Leben so
  625. lange gebraucht hatten, um zueinander zu finden, liegen seither nebeneinander. Es ist ein Bild, das mehr über ihre
  626. Bedeutung aussagt, als jede Biografie. Was Friedrich Schiller in seinen 45 Lebensjahren hinterlassen hat, ist von
  627. einer Fülle, die selbst im Licht der reichsten Epochen der deutschen Geistesgeschichte ihres Gleichen sucht.
  628. In 25 Jahren unablässigen Schaffens schrieb er zehn Theaterstücke, die zum festen Bestand der europäischen Dramatik
  629. gehören. Er verfasste Balladen, die zu den bekanntesten Gedichten der deutschen Sprache zählen und philosophische
  630. Abhandlungen, deren Gedanken bis heute lebendig sind. Er erneuerte die Geschichtsschreibung,
  631. indem er sie aus dem Ghetto der trockenen Gelehrsamkeit befreite und ihr eine literarische Würde verlie, die sie
  632. seit der Antike nicht mehr besessen hatte. Und er schuf mit der Ode an die Freude
  633. ein Gedicht, das in der Vertonung Ludwig van Behofens zur Hymne des europäischen Kontinents wurde. Ein Gesang der
  634. Brüderlichkeit und der Hoffnung, der Millionen von Menschen verbindet, die Schillers Namen nie gehört haben, aber
  635. seine Worte mitsingen. Die Wirkung Schillers reicht weit über die Literatur hinaus.
  636. Sein ganzes Werk kreist um eine einzige Frage. Was macht den Menschen frei? In den Räubern hatte er die Antwort in der
  637. Rebellion gesucht, in Don Carlos, in der Macht der Idee. In den philosophischen Schriften in der Kraft der Schönheit, im
  638. Wilhelmt, im Recht auf Widerstand gegen die Tyrannei. Jede Antwort war eine Annäherung, keine
  639. endgültige Lösung. Schiller wußte, daß die Freiheit kein Zustand ist, den man einmal erreicht und
  640. dann besitzt. Sie ist eine Aufgabe, die in jeder Generation neu gelöst werden muss. In seinen letzten Lebensjahren
  641. schrieb er, dass es eine Grenze der Gewalt gäbe, jenseits derer der Mensch unabdingbare Rechte besitze, die
  642. unverlierbar und nimmer mehr zu brechen sein, die wie die Sterne über ihm hingen. waren Worte, die nicht für seine
  643. Zeit allein geschrieben waren. Was Schiller von vielen großen Dichtern unterscheidet, ist die Einheit von Leben
  644. und Werk. Er schrieb nicht nur über Freiheit, er lebte sie unter Bedingungen, die jeden anderen zum
  645. Schweigen gebracht hätten. Er floh vor der Tyrannei seines Landes, Herrn, als er 23 war. Und er schrieb
  646. gegen die Tyrannei der Krankheit an, bis er 45 war. Er kannte Armut, Einsamkeit und körperliches Leiden aus eigener
  647. Erfahrung. Und er verwandelte diese Erfahrungen in Werke, die den Leser und Zuschauer nicht niederdrücken, sondern
  648. erheben. Es ist diese Verbindung von persönlichem Schmerz und universaler Botschaft, die
  649. Schillers Werk seine besondere Kraft verleih. Gote, der den Verlust seines Freundes
  650. nie ganz verwandt, drückte es in jenem einen Satz aus, der zum geflügelten Wort geworden ist. Er sagte, er verliere
  651. einen Freund und in diesem die Hälfte seines eigenen Daseins. Es war kein Übertreibung. Die
  652. Freundschaft mit Schiller hatte Gote zu Werten angespart, die er ohne den Jüngeren vielleicht nie vollendet hätte.
  653. Und Schiller selbst hatte in Gohe jenen Spiegel gefunden, indem er die eigene Größe erkennen konnte, ohne sich darin
  654. zu verlieren. Ihr Bund war keine Symbiose und kein Wettbewerb. Es war das, was Schiller selbst in seinem
  655. allerersten philosophischen Gedanken über die Freundschaft beschrieben hatte, die Fähigkeit, sich in einem anderen
  656. Menschen zu erkennen und dabei mehr zu werden, als man allein je hätte sein können.
  657. Friedrich Schiller starb am 9. Mai 180. Sein unvollendeter Demetrius blieb auf dem Schreibtisch liegen. Doch das Werk,
  658. das er hinterlassen hat, braucht keine Ergänzung. Es spricht für sich in den Theatern, in den Höhörsälen, in den
  659. Konzerthallen der Welt, wo Behofens neunte Syfonie erklingt und Menschen, die einander fremd sind, gemeinsam die
  660. Worte hören, die ein junger Dichter an einem Sommerabend unter einer Linde bei Leipzig zum ersten Mal vorgetragen hat.
  661. Freude schöner Götterfunken. Mein Name ist Alexander Weiß und ich danke Ihnen herzlich, daß Sie mich auf
  662. dieser Reise durch das Leben Friedrich Schillers begleitet haben. Wenn Ihnen die Sendung gefallen hat, freue ich mich
  663. über einen Daumen nach oben und ein Abonnement unseres Kanals. Bis zum nächsten Mal. M.

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