Er trotzte Krankheit und Tyrannei — und schrieb unsterbliche Werke | Schiller Alexander Weiss https://www.youtube.com/watch?v=epr7R4HVFb8 Transkript (automatisch erstellt) 0:00 Zeh Theaterstücke in 25 Jahren. Ein Gedicht, das 200 Jahre nach seiner Entstehung zur Hymne eines ganzen 0:09 Kontinents wurde. Ein Mann, der 14 Jahre lang gegen eine tödliche Krankheit anschrieb und in dieser Zeit seine 0:17 größten Werke schuf. Ein Rebell, der aus einer Militärakademie floh, um die Bühne zu erobern und dessen Ruf nach Freiheit 0:26 bis heute in den Theatern der Welt wieder. Doch was trieb und welchen Preis zahlte 0:34 er dafür? Herzlich willkommen. Mein Name ist Alexander Weiß und dies ist eine neue 0:40 Folge unserer Reihe Geschichten großer Schöpfer. Heute geht es um den Dichter der Freiheit, Friedrich Schiller. Um 0:49 diesen Menschen zu verstehen, müssen wir ganz an den Anfang zurückkehren, in eine kleine schwäbische Stadt, in eine 0:57 bescheidene Familie, die nicht ahnte, welches Kind in ihrer Mitte heranwuchs. Ein schmächtiger Junge in einem viel zu 1:05 großen schwarzen Talar steht auf einem Holzschemel im Wohnzimmer. Er hebt die Hände, als stünde er vor einer Gemeinde 1:12 und predigt mit ernster Stimme Worte, die er sich selbst ausgedacht hat. Seine beiden Schwestern sitzen auf der Bank 1:19 und spielen die andächtige Gemeinde. Die Mutter beobachtet das Schauspiel vom Türrahmen aus, ein stilles Lächeln auf 1:27 den Lippen. Für Elisabeta Dorothea Schiller besteht kein Zweifel. Ihr Sohn Friedrich wird 1:34 einmal Pfarrer werden. Der Junge hat das Temperament dafür, die Ernsthaftigkeit, die Liebe zum Wort. Dass die Geschichte 1:43 einen völlig anderen Weg für ihn vorgesehen hat, kann an diesem Nachmittag in Lorch niemand ahnen. 1:50 Johannoph Friedrich Schiller kam 10. November 1759 in der kleinen Wirtembergischen Stadt 1:57 Marbach am Necker zur Welt. Sein Vater Johann Kaspar Schiller diente als Fälscher und Offizier im Heer des 2:05 Herzogs von Würtemberberg. Die Mutter Elisabeta Dorotea, geborene Kotweiß, stammte aus der Familie eines Marbacher 2:14 Gastwirtz. Friedrich war das zweite Kind und der einzige Sohn der Familie. Fünf Schwestern umgaben ihn. Die älteste 2:22 Christophine war ihm besonders nah. Die ersten Lebensjahre des Knaben fielen in die Zeit des siebenjährigen Krieges. Der 2:31 Vater war selten zu Hause und Elisabeta erzoggehend allein. Sie war eine gebildete, tief 2:38 religiöse Frau, die ihren Kindern abends aus der Bibel vorlß und ihnen die Liebe zur Sprache einpflanzte. 2:46 Dieses mütterliche Erbe, die Neigung zur Betrachtung, zum Wort, zum Gefühl, sollte Friedrich sein Leben lang 2:54 begleiten. Als der Krieg endete, kehrte Johann Kaspar zur Familie zurück. Er war ein 3:01 pflichtbewusster, strenger Mann, der höchste Tugenden in Ordnung, gehorsam und Sparsamkeit sah. Die Erziehung 3:09 seiner Kinder betrieb er mit militärischer Konsequenz. Beim Essen verweigerte er dem Sohn bisweilen 3:15 absichtlich die Speise, nach der dieser verlangte, um ihn an Verzicht zu gewöhnen. Es war keine Grausamkeit, 3:23 sondern Überzeugung. Ein Mensch, so glaubte der Vater, müsse früh lernen, seine Wünsche zu beherrschen. Für den 3:31 empfindsamen Friedrich bedeutete diese Sträe jedoch weniger eine Schule der Abhärtung, als eine erste Erfahrung der 3:38 Eng, gegen die sich in ihm ein leiser noch unbewusster Widerstand formierte. siedelte die Familie nach Lorch über, 3:49 einem Dorf im Remstal, wo Johann Kaspar als Werbeoffizier für Rekruten zuständig war. Hier besuchte Friedrich die 3:57 Dorfschule und erhielt von dem örtlichen Geistlichen Pfarrer Philipp Ulrich-Moser Unterricht in Latein und Griechisch. 4:06 Mosa war ein geduldiger, warmherziger Lehrer, der in dem aufgeweckten Jungen eine ungewöhnliche Begabung erkannte. 4:14 Der Eindruck, den dieser Geistliche auf Friedrich machte, war so tief, daß er ihn Jahre später in seiner ersten 4:21 Tragödie als literarische Gestalt verewigte. In Lorch begann für das Kind eine Welt jenseits des väterlichen 4:29 Drills aufzuscheinen. Eine Welt des Geistes, der Geschichten, der Vorstellungskraft. 4:36 Die Familie lebte bescheiden. Der Sold eines wirttembergischen Offiziers reichte kaum für das Nötigste und Johann 4:44 Kaspar hatte während des Krieges drei Jahre lang überhaupt keinen Sold erhalten. 4:49 Dennoch stand die Bildung der Kinder anforderster Stelle. Als die Familie 1766 nach Ludwigsburg versetzt wurde, 4:57 besuchte Friedrich dort die Lateinschule, eine notwendige Voraussetzung für das von der Mutter 5:03 ersehnte Theologiestudium. Der Knabe lernte mit einer Ausdauer, die seine Lehrer erstaunte. Er saß 5:12 stundenlang über den Büchern, las alles, was er in die Hände bekam und zeigte eine Arbeitsfähigkeit, die ihn bis an 5:19 sein Lebensende nicht verlassen sollte. Zugleich war er ein verträumtes, körperlich zartes Kind, das häufig 5:27 kränkelte und mehr in der Welt seiner Gedanken lebte, als in der Wirklichkeit der schwäbischen Garnisonsstadt. 5:34 Ludwigsburg war die Residenz des Herzogs Karl Eugin von Würtenberg, eines Herrschers, der Prachtentfaltung und 5:41 Selbstherrlichkeit in gleicher Weise liebte. Sein Schloss überragte die kleine Stadt 5:47 wie ein steingewordener Machtanspruch. Für den Jungen aus der bescheidenen Offiziersfamilie öffnete sich hier zum 5:55 ersten Mal der Blick auf eine Welt des Glanzes und der Inszenierung. Besonders das Hoftheater faszinierte 6:02 ihn. Offiziere und ihre Angehörigen durften die Vorstellungen unentgeltlich besuchen und auf der Bühne traten 6:10 Schauspieler aus ganz Europa auf. Friedrich war gebannt. Er begann zu Hause mit seinen Schwestern kleine 6:17 Aufführungen zu veranstalten, in denen er stets die Hauptrolle übernahm. Die Faszination für die Bühne mischte sich 6:24 mit dem Drang zur Predigt. Beides waren Formen, vor Menschen zu stehen und mit Worten zu wirken. Doch über dieser 6:32 kleinen Welt des Lesens, Spielens und Träumens lag ein Schatten, der sich allmählich verdichtete. Herzog Karl 6:40 Eugen hatte ein eigenwilliges pädagogisches Experiment ins Leben gerufen. Er gründete eine 6:46 Militärakademie, in der Söhne seiner Offiziere und Beamten auf Kosten des Staates 6:52 ausgebildet werden sollten. Nicht nach eigenem Wunsch. sondern nach dem Willen des Landes, Herrn. Die Anstalt, die 7:00 später unter dem Namen Hohe Karlsschule bekannt wurde, versprach eine kostenfreie Erziehung, verlangte dafür 7:07 aber die vollständige Unterwerfung der Zöklinge unter eine strenge militärische Ordnung. Für die Eltern bedeutete die 7:15 Aufnahme eines Kindes zugleich den Verlust jeglicher Erziehungsgewalt. Wer seinen Sohn der Akademie übergab, 7:23 trat ihn buchstäblich an den Herzog ab. Johann Kaspar Schiller stand diesem Angebot mit gemischten Gefühlen 7:30 gegenüber. Einerseits konnte er seinem Sohn keine teure Ausbildung finanzieren. Andererseits wusste er, was eine 7:37 Militärakademie bedeutete. Doch dem Wunsch des Herzogs widersprach man nicht. Karl Eugen bestand darauf, daß 7:45 der Sohn seines Offiziers in die Anstalt eintrat, und ein Befehl des Landes Herrn war in Würtemberg nicht verhandelbar. 7:54 Für Elisabeta zerbrach in diesem Augenblick ein Traum. Ihr Sohn sollte geistlicher werden, ein Mann des Wortes 8:02 und des Glaubens. Stattdessen würde er hinter den Mauern einer Kaserne verschwinden, fern von der Familie, fern 8:09 von der Kirche, fern von allem, was sein zartes Wesen nährte. Friedrich selbst war 14 Jahre alt, als 8:17 sich sein Schicksal wendete. Der Junge, der eben noch in schwarzem Talar vor seinen Schwestern gepredigt hatte, 8:25 musste die Uniform anziehen. Das Leben, das er sich erträumt hatte, Kanzel, Gemeinde, die sanfte Autorität des 8:32 gesprochenen Wortes, wurde ihm mit einem einzigen Federstrich genommen. An seine Stelle trat etwas, das er nicht gewählt 8:40 hatte und das ihm zutiefst wesensfremd war. Im Jahr73 8:46 betrat Friedrich Schiller die hohe Karlsschule. Die Tore schlossen sich hinter ihm und vor ihm lag eine Welt aus 8:53 Drill, Disziplin und Gehorsam. Sieben Jahre sollte er dort verbringen, sieben Jahre, die ihn nicht brachen, 9:01 sondern formten. [räuspern] Allerdings ganz anders als der Herzog es vorgesehen hatte. 9:07 Es ist nach Mitternacht in einem Schlafsaal der hohen Karlsschule zu Stuttgart. 60 Zöglinge liegen in ihren 9:14 Betten, die Decken bis zum Kinn gezogen, die Augen geschlossen. Aufseher patroulieren durch die Gänge 9:21 und jeder weiß, dass ein Mitschüler bereit sein könnte, jede Regelverletzung zu melden. In dieser Stille schiebt ein 9:28 15-jähriger Junge seine Hand unter das Kopfkissen und zieht ein Buch hervor. Er dreht sich zur Wand, hält die Seiten 9:37 dicht vor die Augen und liest im schwachen Schein, der durch das Fenster fällt. Es ist ein Band von William 9:43 Shakespeare und der Junge heißt Friedrich Schiller. Für den Besitz dieses Buches drohen ihm zwölf 9:50 Stockschläge. Doch das Risiko ist ihm gleichgültig. Die Worte, die er hier findet, sind stärker als jede Strafe. 9:59 Die hohe Karlsschule war das persönliche Erziehungsprojekt des Herzogs Karl Eugen von Würtenberg. Gegründet als 10:06 militärische Pflanzschule sollte sie junge Männer zu brauchbaren Dienern des Hofes und der Armee formen. Der Lehrplan 10:14 umfasste Rechtswissenschaft, Medizin und die Verwaltungskünste, die ein absolutistischer Kleinstaat benötigte. 10:22 Was er nicht umfasste, war geistige Freiheit. Der Tagesablauf war bis in die letzte Minute durchgetaktet, vom 10:30 morgendlichen Weegsignal bis zur abendlichen Bettruhe. Jeder Verstoß wurde geahndet. 10:37 Für Unaufmerksamkeit im Unterricht gab es Geldstrafen. Für den unerlaubten Kauf von Lebensmitteln außerhalb der Akademie 10:45 drohten körperliche Züchtigungen. Besuche der Eltern waren selten gestattet und fanden stets unter 10:52 Aufsichts statt. Die Zöklinge lebten in einer geschlossenen Welt, abgeschnitten von ihren Familien, überwacht von 11:00 Aufsehern, eingesperrt in eine Ordnung, die keinen Raum für Eigenständigkeit ließ. 11:08 Friedrich Schiller betrat diese Anstalt im Alter von 14 Jahren. Der Herzob bestimmte, dass er zunächst 11:14 Rechtswissenschaft studieren solle. Es war ein Fach, das dem jungen Mann nichts bedeutete. Seine Gedanken kreisten um 11:23 Theologie, um die großen Fragen des Menschseins, um die Kraft des gesprochenen Wortes. 11:30 Doch in der Karlschule zählte nicht, was der Einzelne wollte. Man gehorchte oder man wurde bestraft. Friedrich gehorchte 11:39 äußerlich. Innerlich begann in ihm ein Widerstand zu wachsen, der sich zunächst in stiller Verweigerung äußerte und 11:46 später die Grundlage seines gesamten Schaffens bilden sollte. Nach zwei Jahren wechselte Schiller auf 11:53 das medizinische Fach, das ihn zwar etwas mehr interessierte, seinem eigentlichen Wesen aber ebenso fremd 12:00 blieb. Er studierte Anatomie, Physiologie und Philosophie, schrieb drei medizinische Dissertationen und 12:08 entwickelte dabei Gedanken über den Zusammenhang zwischen der körperlichen und der geistigen Natur des Menschen, 12:15 die erstaunliche Reife verrieten. Doch die Medizin war für ihn Mittel, nicht Zweck. Was ihn wirklich bewegte, 12:23 geschah in den Stunden, die dem Lehrplan nicht gehörten. [räuspern] Trotz des strengen Verbots, weltliche Literatur zu 12:31 lesen, verschaffte sich Schiller Zugang zu den Werken, die seine Epoche prägten. Er las Shakespeare und Rousseau, 12:39 Kloppstock und den jungen Gotheete. Er studierte Plutarch und beschäftigte sich mit den Ideen der Aufklärung. Jede 12:46 Lektüre war ein Akt des Ungehorsams. Jede Seite ein Stück Freiheit. dass er sich gegen die Ordnung der Anstalt 12:53 erkämpfte. Der Philosophielehrer Jakob Friedrich Abel war einer der wenigen Dozenten, die dem begabten Schüler 13:01 intellektuellen Spielraum gewährten. Abel brachte Schiller mit den Schriften der Empfindsamkeit in Berührung und 13:08 legte damit einen Grundstein für dessen späterer Auseinandersetzung mit der menschlichen Seele. In diesen Jahren 13:15 begann Schiller zu schreiben. Zunächst waren es Gedichte, dann erste dramatische Versuche. Ein frühes Stück 13:22 mit dem Titel Kosmos von Medicii entstand unter dem Eindruck der Dramen von Jakob Michael Reinhold Lenz. Es war 13:30 noch tastend, unfertig, ein Probewerk, doch es zeigte bereits den Kern dessen, was Schiller als Dramatiker ausmachen 13:38 sollte. die Empörung über Ungerechtigkeit, das Ringen um Würde, die Frage, ob ein Einzelner das Recht 13:46 hat, sich gegen die bestehende Ordnung aufzulehnen. Die geistige Atmosphäre, in der diese Fragen reiften, war die der 13:54 literarischen Bewegung, die unter dem Namen Sturm und Drang in die Geschichte eingegangen ist. 14:00 In einem Deutschland, das nach dem dreißigjährigen Krieg in Hunderte von Kleinstaaten zersplittert war, erhob 14:07 eine junge Generation die Stimme gegen fürstliche Willkür, feudale Moral und die Erniedrigung des einzelnen Menschen. 14:16 Es war kein politischer Aufstand, dafür fehlte den zermürrten Land die Kraft, sondern ein literarischer. 14:24 Dichter wie der junge Gote, Lenz und Klinger forderten das Recht des Individuums auf Selbstbestimmung und 14:32 schufen Figuren, die gegen die Fesseln ihrer Zeit ankämpften. Schiller, eingesperrt in die strengste 14:39 aller Ordnungen, empfand Ideen nicht als ferne Theorie. Sie beschrieben seine eigene Lage. 177, 14:48 im Alter von 18 Jahren, begann er mit der Arbeit an einem Stück, das alles bisher Geschriebene in den Schatten 14:55 stellen sollte. Es war eine Tragödie über zwei Brüder. Der eine ein Idealist, der an der Ungerechtigkeit der Welt 15:02 zerbricht und zum Anführer einer Räuberbande wird, der andere ein kaltblütiger Intrigant, der den eigenen 15:10 Vater betrügt. Das Stück trug den Titel Die Räuber und auf seinem Titelblatt sollte später die Inschrift stehen gegen 15:19 die Tyrannen Schiller schrieb daran in den Nachtstunden, wenn die Aufseher ihre Runden beendet hatten. Er versteckte die 15:27 Manuskriptseiten zwischen seinen medizinischen Aufzeichnungen. Freunde, denen er einzelne Szenen vorlß, 15:35 waren erschüttert von der Wucht der Sprache und der Kühnheit der Gedanken. Was Schiller in diesen Jahren formte, 15:43 war mehr als ein Theaterstück. Es war der gesammelte Zorn eines jungen Mannes, dem man die Freiheit genommen hatte, die 15:51 Freiheit zu lesen, was er wollte, zu denken, was er für richtig hielt und sein Leben nach eigenen Vorstellungen zu 15:58 gestalten. Die Karlsschule hatte versucht, aus ihm einen gehorsamen Diener des Staates zu 16:05 machen. Stattdessen hatte sie einen Rebellen hervorgebracht. Die Jahre der Unfreiheit hatten Schiller 16:12 nicht gebrochen. Sie hatten ihm das Thema seines Lebens geschenkt, die Frage, was der Mensch sein kann, wenn er 16:19 sich von den Ketten befreit, die andere ihm angelegt haben. Im Herbst 1780 16:26 verteidigte Schiller seine dritte medizinische Dissertation. Die erste war vom Herzog persönlich abgelehnt worden, 16:33 die zweite ebenfalls. Erst der dritte Versuch, eine Arbeit über den Zusammenhang der tierischen Natur des 16:40 Menschen mit seiner geistigen fand Gnade. Schiller durfte die Akademie verlassen. In seinem Gepäck trug er ein 16:49 Arztdiplom, das ihm wenig bedeutete und ein Manuskript, das die deutsche Literatur verändern sollte. 16:57 Die Räuber waren vollendet. Sieben Jahre Gefangenschaft lagen hinter ihm. Alles, was nun kam, mußte er sich 17:05 selbst erkämpfen. Am Abend des 13. Januar 1782 geschah im Mannheimer Nationaltheater 17:12 etwas, das kein Zuschauer je vergessen sollte. Als der letzte Vorhang fiel, brach im Saal ein Tumult aus. Fremde 17:21 Menschen fielen einander in die Arme, Frauen sanken ohnmächtig in ihre Sitze. Ein Augenzeuge beschrieb die Szene als 17:29 einen Zustand zwischen Raserei und Verzirkung, als Breche aus einer langen Dunkelheit ein neues Licht hervor. 17:37 Das Stück, das diese Wirkung hervorrief, hieß die Räuber. Sein Verfasser war ein 23-jähriger Militärarzt aus Stuttgart, 17:47 den außerhalb Würtembergs kaum jemand kannte. Nach dem Abschluß der Karlsschule hatte der Herzog Schiller 17:53 eine Stellung als Regimentsarzt in Stuttgart zugewiesen mit einem Gehalt, das selbst für die bescheidensten 18:00 Lebensumstände kaum reichte. Es war eine Anstellung Aussicht auf Veränderung, ein Posten, der den jungen Mann an eine 18:08 Tätigkeit fesselte, die er nie gewollt hatte. Schiller fügte sich, denn eine andere Wahl gab es nicht. 18:15 Tagsüber behandelte er kranke Soldaten, nachts arbeitete er an seinem Stück. Die Räuber waren fertig, doch kein 18:25 Stuttgarter Verleger wollte das Manuskript drucken. Die Sprache war zu heftig, die Angriffe auf die bestehende 18:32 Ordnung zu deutlich. Schiller entschloss sich, das Werk auf eigene Kosten herauszugeben und verschuldete sich 18:40 dafür beträchtlich. Das gedruckte Buch fand seinen Weg nach Mannheim. wo der Intendant des 18:46 Nationaltheaters Wolfgang Heribert von Dahlberg das Potenzial des Stückes erkannte. Dahlberg verlangte allerdings 18:55 gravierende Änderungen. Die Handlung musste zeitlich verlegt werden, um politischen Anstößen aus dem Weg zu 19:02 gehen. Schiller willigte ein. Im Grunde war es ihm gleichgültig, in welchem Jahrhundert seine Räuber agierten. 19:10 Entscheidend war die Botschaft. Das Stück erzählt die Geschichte Karl Murs, eines jungen Idealisten, der durch die 19:17 Intrigen seines Bruders Franz aus der Gesellschaft gestoßen wird und sich an die Spitze einer Räuberbande stellt, um 19:24 auf eigene Faust Gerechtigkeit zu üben. Es ist die Geschichte eines Menschen, der das Recht auf Glück und Würde 19:31 einfordert und dabei erkennt, dass Gewalt keine Lösung ist. Am Ende steht nicht der Triumph des 19:38 Helden, sondern die Einsicht, daß man die Welt nicht mit der Faust verändern kann, sondern nur, indem man dem 19:45 Einzelnen hilft. Schiller gab seinem Drama zwei Leitsätze auf den Weg. Der erste lautete: "Gegen die Tyranen." Der 19:55 zweite war ein Satz des Hippokrates. Was die Arznei nicht heilt, heilt das Eisen. Was das Eisen nicht heilt, heilt 20:05 das Feuer. Es war die Sprache eines Mannes, der die Ungerechtigkeit nicht länger hinnehmen wollte und zugleich die 20:13 Sprache eines Arztes, der wusste, dass jede Heilung ihren Preis hat. Die Uraufführung in Mannheim wurde zum 20:21 Ereignis. Zeitgenössische Kritiker verglichen den jungen Autor mit Shakespeare. Ein Rezensent schrieb: 20:28 "Wenn Deutschland je einen Dramatiker von solcher Kraft hervorgebracht habe, dann stehe er jetzt vor ihnen." Die 20:36 Wirkung des Stückes ging weit über das Theater hinaus. Die Räuber trafen einen Nerv der Zeit. In einem Land, das unter 20:44 der Willkür kleiner Fürsten litt, sprach Schiller aus, was viele fühlten, aber niemand zu sagen wagte. Der Ruf nach 20:52 Freiheit, nach dem Recht des Einzelnen auf ein selbstbestimmtes Leben fand ein Echo, das den jungen Autor über Nacht 21:00 berühmt machte. Doch der Preis für diesen Triumph ließ nicht auf sich warten. Schiller war ohne Erlaubnis zur 21:08 Uraufführung nach Mannheim gereist. Er hatte die Grenzen des Herzogtums eigenmächtig überschritten und für einen 21:15 Militärarzt im Dienst des Herzogs war das ein schweres Vergehen. Als Karl Eugen davon erfuhr, ließ er den jungen 21:24 Dichter unter Arrest stellen. Die Strafe war unmissverständlich. Schiller wurde verboten, künftig 21:31 irgendetwas zu veröffentlichen, das nicht medizinischen Inhalts war. Der Herzog, der einst seine Erziehung 21:39 befohlen hatte, befahl nun sein Schweigen. Für Schiller war dieses Verbot unerträglich. Er stand vor einer 21:46 Wahl, die sein ganzes weiteres Leben bestimmen sollte. Er konnte gehorchen, seine literarischen Ambitionen begraben 21:55 und als unbekannter Regimentsarzt in Stuttgart alt werden, oder er konnte fliehen, alles aufgeben, was ihm 22:03 Sicherheit bot und in einer ungewissen Zukunft nach dem suchen, was er für seine Bestimmung hielt. 22:11 Es war in den Begriffen seiner eigenen Philosophie die Frage, ob der Mensch das Recht hat, sich gegen eine Macht 22:18 aufzulehnen, die sein innerstes Wesen unterdrückt. Chiller entschied sich für die Flucht. 22:25 Im September 1782, während eines aufwendigen Festes, das der Herzog zu Ehren eines russischen 22:32 Großfürsten veranstaltete, verließ der Dichter gemeinsam mit seinem Freund Andreas Streicher in einer gemieteten 22:39 Kutsche die Stadt Stuttgart. Die Wachen waren mit den Feierlichkeiten beschäftigt und niemand bemerkte das 22:45 Verschwinden des jungen Arztes. Als die Kutsche die Grenzen des Herzogtums hinter sich ließ, war 22:52 Schiller ein freier Mann. Frei von der Willkür Karl Eugens, frei von der verhassten Kaserne, frei von der 23:00 aufgezwungenen Medizin, aber auch frei von jedem Schutz, jedem Einkommen, jeder Gewissheit. Hinter ihm lag ein erstes 23:09 Meisterwerk, das ihn berühmt gemacht hatte. Vor ihm lag das Ungewisse. Er besaß kein Geld, keine Anstellung, 23:18 keinen Gönner. Alles, was er hatte, war sein Talent und die Überzeugung, dass er für die Bühne geboren war. 23:26 23 Jahre alt, verschuldet auf der Flucht, trat Friedrich Schiller in die Welt hinaus. Die Räuber hatten ihm einen 23:34 Namen gegeben. Nun mußte er beweisen, dass dieser Name mehr war als ein Versprechen. 23:41 In einer ungeheizten Stube im thüringischen Bauerbach sitzt ein junger Mann über einem Manuskript, den Kragen 23:48 seines Mantels hochgeschlagen, die Finger steif vor Kälte. Neben ihm liegt ein Beutel mit ein paar Münzen. Der 23:56 letzte Rest des Geldes, das sein Freund Streicher ihm geliehen hat. Es reicht für wenige Tage. Der Mann ist Friedrich 24:05 Schiller, Jahre alt, gefeierter Autor der Räuber und er weiß nicht, wovon er morgen leben 24:12 soll. Die Flucht aus Stuttgart hatte Schiller die Freiheit gebracht, aber nicht das, was er sich von ihr erhofft 24:19 hatte. Die ersten Wochen nach dem Aufbruch gllichen einer Odyssee. Gemeinsam mit Streicher fuhr er zunächst 24:27 nach Mannheim, wo er hoffte, am Nationaltheater eine feste Anstellung als Theaterdichter zu erhalten. 24:34 Der Intendant Dahlberg, der die Uraufführung der Räuber ermöglicht hatte, zeigte sich jedoch zurückhaltend. 24:41 Schiller war ein Flüchtling, ein Mann, der sich dem ausdrücklichen Befehl seines Landes Herrn widersetzt hatte. 24:48 Wer ihn aufnahm, riskierte den Zorn deswtembergischen Herzogs. Dalberg scheute dieses Risiko. Er lobte das 24:56 Talent des jungen Dichters, bot ihm aber keine Stelle an. Von Mannheim führte der Weg nach Ogersheim, dann nach Frankfurt 25:05 und schließlich auf das Gut der Henriette von Wollzogen im Thüringischen Bauerbach. Die Mutter eines ehemaligen 25:12 Komelitonen gewährte Schiller Unterschlupf und verlangte dafür nichts als seine Gesellschaft. In der 25:19 ländlichen Abgeschiedenheit dieses kleinen Ortes, fernab der Theaterwelt und der großen Städte, begann Schiller 25:26 eine der schwierigsten Phasen seines Lebens. Er war arm. Er war allein, und die Anerkennung, die ihm die Räuber 25:35 eingebracht hatten, begann bereits zu verblassen. Die literarische Welt war schnellebig und ein einzelnes Stück, so 25:42 erfolgreich es auch gewesen sein mochte, garantierte noch keine Zukunft. In Bauerbach entstanden zwei neue Werke. 25:50 Das erste war die Verschwörung des Fiesco zu Genua, ein historisches Drama über einen Aufstand gegen die Tyrannei 25:58 im Genua des 16. Jahrhunderts. Schiller versuchte darin, die politischen Fragen, die ihn seit den Räubern beschäftigten, 26:06 in einen größeren geschichtlichen Rahmen zu stellen. Das Stück wurde als eines der ersten historischen Dramen des 26:13 deutschen Theaters gewürdigt, doch seine Aufnahme blieb verhalten. Die Mannheimer Schauspieler, die es probten, zeigten 26:21 sich enttäuscht. Einige zweifelten sogar daran, ob dieser Fiesco wirklich vom selben Autor stammte wie die Räuber. Die 26:31 revolutionäre Wucht des Erstlings schien gezähmt, die Sprache kontrollierter, die Figuren kälter. Schiller hatte sich 26:39 verändert, aber das Publikum wollte den alten Sturm. Das zweite Werk, das in diesen Monaten 26:46 Gestalt annahm, sollte diesen Sturm zurückbringen auf eine Weise, die niemand erwartet hatte. Kabale und Liebe 26:55 erzählt die Geschichte einer Liebe zwischen einem adligen und einer Bürgerlichen, die an den Intrigen der 27:02 Mächtigen zerbricht. Es war ein Stück, das in der Geschichte des Deutschen Theaters ohne Vorbild war. Bis dahin 27:09 hatten Tragödien ausschließlich von Königen, Fürsten und Helden gehandelt. Gewöhnliche Menschen waren der Komödie 27:16 vorbehalten. Schiller durchbrach diese Regel und zeigte, dass tragische Schicksale nicht 27:23 an den Stand gebunden sind, sondern jeden Menschen treffen können. Kabale und Liebe ging als erste bürgerliche 27:30 Tragödie in die Literaturgeschichte ein und wurde mit großem Erfolg in Frankfurt aufgeführt. 27:37 Doch auch dieser Erfolg änderte nichts an Schillers materieller Lage. Der Traum als freier Schriftsteller von seiner 27:45 Arbeit leben zu können, blieb eine Illusion. Die Honorare, die er für seine Stücke erhielt, waren gering und die 27:53 Schulden, die sich seit der Selbstfinanzierung der Räuber angehäuft hatten, wuchsen beständig. 1783 28:00 kehrte Schiller nach Mannheim zurück und erhielt endlich einen Vertrag als Theaterdichter. 28:07 Befristet, auf ein Jahr, schlecht bezahlt und mit zahlreichen Auflagen versehen. Es war weit weniger als 28:14 erhofft hatte, doch er griff zu, weil ihm keine andere Möglichkeit blieb. Das Jahr in Mannheim wurde zu einer 28:22 Zerreißprobe. Schilla lag im Streit mit dem Schauspielensemble, das seine 28:27 Vorstellungen nicht teilte, und mit dem Intendanten Dahlberg, der seine eigene Sicht auf das Theater durchzusetzen 28:34 versuchte. Hinzu kam eine schwere Erkrankung. Schilla hatte sich mit Malaria infiziert, einem Fieber, das ihn 28:42 in den folgenden Jahren immer wieder heimsuchen sollte. Die Krankheit schwächte seinen ohnehin 28:48 zarten Körper und machte das Arbeiten zur Qual. Als sein Vertrag auslief, stand erneut vor dem Nichts, krank, 28:58 verschuldet, ohne fester Anstellung. In dieser Zeit der Verzweiflung arbeitete Schiller an einem neuen Stück, 29:06 das ihn in eine andere Richtung führte. Don Carlos Ein Drama über den spanischen Thronfolger und dessen Konflikt mit dem 29:14 despotischen Vater König Philip dem II. wurde zum Übergangswerk zwischen dem jungen Stürmer und Dränger und dem 29:21 reifen Klassiker. In der Gestalt des Marquis von Posa schuf Schiller eine Figur, die nicht mehr mit Gewalt gegen 29:29 die Tyrannei ankämpft, sondern mit der Kraft der Idee. Der berühmte Ausruf Posas vor dem König, die Forderung nach 29:37 Gedankenfreiheit wurde zu einem der meist zitierten Sätze der deutschen Literatur. 29:43 Schiller selbst erkannte, daß sich sein Schreiben veränderte. Die ungezügelte Leidenschaft der Räuber wich einer 29:51 tieferen Auseinandersetzung mit den Fragen der Macht, der Freiheit und der moralischen Verantwortung. 29:58 Doch all das war Zukunft. In den dunklen Monaten des Jahres 1785 schien diese Zukunft unerreichbar. 30:07 Schilla war 23, dann 24, dann 25 Jahre alt. und sein Leben bestand aus einer endlosen Folge von Enttäuschungen, 30:16 Krankheiten und Geldsorgen. Er dachte daran, die Dichtkunst aufzugeben und in seinen alten Beruf als Arzt 30:24 zurückzukehren. Es war der tiefste Punkt seines jungen Lebens. Dann in einem Augenblick, der so 30:31 zufällig wirkte wie ein Wunder, öffnete sich eine Tür. Ein Brief erreichte den verzweifelten Dichter, geschrieben von 30:40 Menschen, die er nie getroffen hatte. Christian Gottfried Körner, ein wohlhabender Jurist aus Leipzig, seine 30:48 Verlobte Minner Stock, deren Schwester Dora und der Publizist Ferdinand Huber hatten die Räuber gelesen und waren von 30:56 dem Werk so tief ergriffen, dass sie dem unbekannten Autor ihre Freundschaft und Unterstützung anboten. 31:04 Der Brief war mehr als eine Geste der Bewunderung. Er war ein Rettungsanker, ausgeworfen von Fremden, die in 31:11 Schillers Worten etwas erkannt hatten, das über den literarischen Erfolg hinausging. Schiller nahm die Einladung 31:18 an und reiste nach Leipzig. Es war der Beginn einer Freundschaft, die sein Leben von Grund auf verändern sollte. 31:26 Die Jahre der Flucht, der Armut und der Einsamkeit waren nicht vorüber. Aber zum ersten Mal seit seiner Flucht aus 31:34 Stuttgart hatte Friedrich Schiller einen Ort, an dem er willkommen war. nicht als Flüchtling, nicht als gescheiterter 31:42 Theaterdichter, sondern als das, was er immer hatte sein wollen, ein Dichter, dessen Worte Menschen erreichten. 31:52 An einem Sommerabend des Jahres 1785 sitzt eine kleine Gesellschaft unter einer großen Linde vor einem Bauernhaus 32:00 im Dorf Golis bei Leipzig. Der Tisch ist einfach gedeckt. Einige Studenten spielen im freien Musik und die letzten 32:09 Sonnenstrahlen fallen durch das Laub auf die Gesichter der Versammelten. Da erhebt sich ein junger Mann, hält ein 32:16 Blatt Papier in der Hand und beginnt mit lauter, feierlicher Stimme zu lesen. Freude, schöner Götterfunken, Tochter 32:26 aus Elyium. Die Worte schweben in die Abendluft und die Zuhörer verstummen. Die 32:33 Schauspielerin Sophie Albrecht, die an diesem Abend dabei ist, wird später berichten, dass sie alle bald in eine 32:40 Art Sprechgesang einfielen. Tränen glänzten in ihren Augen und als der Dichter das Lied zu Ende gelesen hatte, 32:47 fielen sie einander gerührt in die Arme. Niemand an diesem Abend konnte wissen, dass diese Verse 200 Jahre später zur 32:56 Hymne eines ganzen Erdteils werden würden. Die Ankunft in Leipzig im Frühjahr 1785 33:04 markierte für Friedrich Schiller eine Cesur. Nach Jahren der Flucht, der Armut und der zermördenden Unsicherheit 33:11 empfing ihn der Kreis um Christian Gottfried Karner mit einer Wärme und Großzügigkeit, die er nie zuvor erfahren 33:19 hatte. Kner war ein gebildeter wohlhabender Jurist, der in Schillers Werk nicht nur 33:25 literarische Begabung erkannte, sondern die Stimme eines Geistes verwandten. Er stellte dem Dichter Geld zur Verfügung, 33:32 ohne Bedingungen daran zu knüpfen, und bot ihm die Freundschaft an, nach der Schiller sich seit den einsamen Jahren 33:39 der Karlsschule gesehnt hatte. Mit Carners Verlobter Minner Stock, deren Schwester Dora und dem Publizisten 33:47 Ferdinand Huber, entstand ein kleiner Zirkel von Menschen, die einander intellektuell und menschlich nah waren. 33:55 Für Schiller war es, als habe er nach einem langen Marsch durch die Wüste endlich eine Oase erreicht. 34:03 In diesem Zustand der Befreiung und der Dankbarkeit entstand die Ode an die Freude. Das Gedicht war zunächst eine 34:11 persönliche Widmung an Körner und den Freundeskreis, ein Ausdruck jener Glückseligkeit, die Schiller in diesen 34:18 Monaten empfand. Doch die Verse griffen weit über das Private hinaus. In ne Strophen entwarf Schiller das Bild einer 34:27 Menschheit, die durch die Kraft der Freude und der Brüderlichkeit verbunden ist. Bettler werden zu Fürsten, alle 34:36 Menschen zu brüdern, wo der sanfte Flügel der Freude weilt. Es war ein Ideal, das sowohl den aufklärerischen 34:43 Geist der Epoche als auch Schillas eigene tiefste Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Gerechtigkeit in sich 34:50 trug. Im November 178 sandte er das fertige Gedicht an den 34:56 Buchhändler Georg Göschen in Leipzig und Kan selbst komponierte eine erste Vertonung dazu. Von Leipzig zog Schiller 35:04 weiter nach Dresden, wo er auf Körners Weinberg in Loschwitz wohnte und an seinem Drama Don Carlos arbeitete. 35:13 Dieses Stück, an dem er bereits in den Jahren der Flucht zu schreiben begonnen hatte, wurde zu einem Wendepunkt in 35:19 seinem Schaffen. In den Räubern hatte Schiller die Sprache des Aufruhers gesprochen. In Kabale und Liebe, die des 35:27 sozialen Protests. In Don Carlos fand er eine neue Stimme, die des politischen Idealismus. Die Gestalt des Marquis von 35:36 Posa, der vor dem spanischen König für die Freiheit des Gewissens eintritt, verkörperte alles, woran Schiller 35:42 glaubte, das Recht des Menschen auf freies Denken, die Pflicht des Einzelnen für seine Überzeugungen einzustehen und 35:50 die Hoffnung, dass selbst ein Tyran durch die Kraft der Vernunft erreicht werden kann. 35:57 Posas Forderung nach Gedankenfreiheit wurde zum geflügelten Wort und begleitet die deutsche Geistesgeschichte bis 36:04 heute. Im Sommer 1787 reiste Schiller nach Weimer, dem kleinen 36:11 thüringischen Städtchen, das trotz seiner kaum 6000 Einwohner zum geistigen Zentrum Deutschlands geworden war. Hier 36:19 wirkten Christoph Martin Wand und Johann Gottfried Herder. Hier residierte der aufgeklärte Herzog Karl August und hier 36:28 lebte der Mann, dessen Schatten über der gesamten deutschen Literatur lag. Johann Wolfgang von Gothe. 36:36 Schilla begegnete dem älteren Dichter zum ersten Mal bei einer Gesellschaft in Rudolstadt. Es war keine glückliche 36:42 Begegnung. Goethe, soeben aus Italien zurückgekehrt und ganz erfüllt von den Eindrücken der mediterranen Welt, wirkte 36:51 auf die Anwesenden fremd und abweisend. Er sprach mit Begeisterung von Italien und alles Deutsche schien ihm klein und 37:00 provinziell. Schiller, der sich von der Begegnung eine geistige Annäherung erhofft hatte, 37:06 war tief enttäuscht. Er empfand Goes auftreten als kalt, ja, beinah herablassend. 37:14 In einem Brief nannte er ihn einen Menschen ohne Herz, dessen Geist er bewundere, dessen Wesen ihm aber fremd 37:22 bleibe. Diese gescheiterte erste Begegnung legte den Grundstein für ein Verhältnis, das 37:29 jahrelang von stiller Rivalität und unbefriedigter Sehnsucht geprägt sein sollte. 37:35 Schiller konnte sich der Wirkung Gothes nicht entziehen. Selbst wenn er an eigenen Gedichten arbeitete, spürte er 37:42 den unsichtbaren Maßstab des Älteren. Er schrieb, dass er sich fragte, ob Gohe diese oder jene Zeile billigen würde, ob 37:52 sie seinem Urteil standhalten könnte. Es war eine Qual und zugleich ein Antrieb. die Gegenwart eines Genies, das man 38:00 bewunderte, ohne ihm nahe sein zu können. In Rudolfstadt lernte Schiller auch zwei Frauen kennen, die sein Leben 38:08 auf andere Weise verändern sollten. Charlotte und Caroline von Lengefeld waren Schwestern aus einer verarmten 38:15 Adelsfamilie, beide gebildet, beide von ungewöhnlicher geistiger Tiefe. Schiller verliebte sich doch auf eine Weise, die 38:24 selbst für die empfindsame Kultur jener Epoche ungewöhnlich war. Er liebte beide Schwestern zugleich. Über zwei Jahre 38:33 hinweg schrieb er Briefe an Charlotte und Caroline, ohne zwischen seinen Gefühlen unterscheiden zu können oder zu 38:39 wollen. Die Schwestern wussten voneinander und waren, wie es die Zeugnisse jener Zeit naheen, mit dieser 38:47 Konstellation einverstanden. [räuspern] Es war eine platonische Liebe im besten Sinne des Wortes, eine geistige 38:54 Verbundenheit, die über die Grenzen der Konvention hinausreichte. Am Ende waren es die Schwestern selbst, die eine 39:01 Entscheidung herbeiführten. [räuspern] Caroline trat zurück und überließ Schiller ihrer jüngeren Schwester 39:06 Charlotte. Es war ein Akt der Großmut, der von zeitgenössischen Beobachtern mit Bewunderung wahrgenommen wurde. Wilhelm 39:14 von Humbold, der Caroline persönlich kannte, schrieb, dass er das Glück einer so außergewöhnlichen weiblichen 39:21 Persönlichkeit begegnet zu sein, als den größten Vorzug seines Lebens betrachte. Caroline heiratete später und wurde 39:30 unter ihrem Ehenamen Caroline von Wollzogen zur ersten Biografin Schillers. 39:36 Die Innigkeit ihrer Verbundenheit mit dem Dichter blieb bis an sein Lebensende ungebrochen. In einem ihrer Briefe an 39:44 ihn schrieb sie, dass es niemandem so wie ihm gelungen sei, die Seiten ihres innersten Wesens zu berühren und dass 39:52 die Zartheit, mit der er sich ihrer Seele angenommen habe, sie oft bis zu Tränen gerührt habe. Am 22. Februar 1790 40:02 heiratete Friedrich Schiller Charlotte von Längefeld in der Dorfkirche von Wenigena. 40:08 Es war eine stille Hochzeit ohne Pr und ohne große Gesellschaft. Für Schiller war sie der Beginn eines 40:16 neuen Lebensabschnitts. Die Jahre der Heimatlosigkeit und der Einsamkeit lagen hinter ihm. Er hatte 40:23 eine Frau, einen Freundeskreis, ein Zuhause. Die oder an die Freude, jenes Gedicht über die Kraft der Liebe und der 40:32 Brüderlichkeit, das er in den glücklichen Monaten bei Karna geschrieben hatte, war nicht Literatur 40:38 geblieben. Sie hatte sich zumindest für diesen Augenblick in seinem eigenen Leben verwirklicht. 40:45 Am 26. Mai 1789 lief eine Menschenmenge durch die engen Gassen der Universitätsstadt Jena. Die 40:54 Bürger, die aus ihren Fenstern schauten, glaubten zunächst an einen Aufruh. Hunderte von Studenten drängten in 41:01 dieselbe Richtung, riefen durcheinander und schoben sich durch die Straßen, als gelte es ein Feuer zu löschen oder eine 41:09 Revolution zu beginnen. Doch es war weder das eine noch das andere. Die jungen Männer eilten zu einer Vorlesung. 41:17 Der Hörsaal, in dem der neue außerordentliche Professor für Geschichte seinen Antrittsauftritt geben 41:23 sollte, fasste die Menge nicht. Man verlegte die Veranstaltung in den größten Saal der Universität, doch auch 41:30 dieser quoll über. Studenten standen in den Gängen, lehnten an den Wänden, drängten sich vor den Fenstern. Der 41:38 Mann, der schließlich vor sie trat und zu sprechen begann, war Friedrich Schiller. Die Berufung nach Jena war 41:46 Schillers Eintritt in die akademische Welt. Sie verdankte sich nicht zuletzt seinem historischen Erstlingswerk, 41:52 Geschichte des Abfalls der Vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung, einer Darstellung des 41:59 niederländischen Befreiungskampfes gegen die spanische Krone. Die Arbeit hatte in gelehrten Kreisen Aufmerksamkeit erregt 42:06 und auf Empfehlung Götes, der als Minister des Herzogs von Sachsen Weimar Einfluss auf Universitätsangelegenheiten 42:14 besaß, erhielt Schiller die Professur. Zwar eine Ehre, aber auch eine Täuschung. Die Stelle war nicht 42:22 besäldet. Schiller verdiente nur, was die Studenten an Hörgeldern zahlten und das reichte kaum zum Leben. Einmal mehr 42:31 stand der materielle Mangel im Widerspruch zur geistigen Anerkennung. Die Antrittsvorlesung trug den 42:37 programmatischen Titel Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte? 42:45 Schiller sprach darin über die Aufgabe des Historikers, die Vergangenheit nicht als tote Sammlung von Fakten zu 42:51 betrachten, sondern als lebendigen Zusammenhang, in dem jedes Ereignis mit der Gegenwart verbunden ist. 42:59 Er sagte seinen Zuhörern, daß die gesamte Geschichte der Menschheit notwendig gewesen sei, damit sie sich an 43:06 genau diesem Tag, in genau diesem Saal, zu genau dieser Stunde versammeln konnten. Es war ein kühner Gedanke, 43:15 vorgetragen mit einer rhetorischen Kraft, die den Studenten den Atem nahm. Schiller unterschied in seiner Rede 43:22 zwischen dem Brotgelehrten, der Wissen um des Vorteils Willen anhäuft und dem philosophischen Kopf, der nach dem Sinn 43:30 des Ganzen fragt. Er selbst wollte der zweite sein. In den folgenden Jahren widmete sich Schiller mit der ihm 43:38 eigenen Intensität der historischen Forschung. Sein Hauptwerk dieser Periode war die Geschichte des dreizigjährigen 43:45 Krieges, eine umfassende Darstellung jener Katastrophe, die Deutschland im 17. Jahrhundert verwüstet und um mehr 43:53 als ein Drittel seiner Bevölkerung gebracht hatte. Das Buch erschien in Fortsetzungen und wurde zu einem 44:00 beispiellosen Erfolg. Innerhalb weniger Wochen waren 7000 Exemplare verkauft, mehr als die Stadt Weimer Einwohner 44:08 hatte. Es fand seinen Platz in der Bibliothek jedes gebildeten Deutschen und die Kritik erkannte an, dass ihr zum 44:15 ersten Mal seit der Antike ein historisches Werk in einer wahrhaft literarischen Sprache geschrieben worden 44:22 war. Was Schiller in diesem Buch gelang, ging jedoch über sprachliche Meisterschaft hinaus. Er vollzog darin 44:29 zwei gedankliche Wendungen, die seine Zeitgenossen erschütterten. Die erste betraf das Wesen historischer Konflikte. 44:37 Schiller erkannte, dass die Natur den Zwist braucht, um Neues hervorzubringen. Der dreiährige Krieg hatte Europa in 44:45 einen Abgrund gestürzt, aber aus diesem Abgrund waren die Völker mit einem neuen Bewusstsein hervorgetreten, 44:52 dem Bewusstsein einer gemeinsamen Schicksalsgemeinschaft. Ohne den Schrecken des Krieges, 44:58 Schillers These, hätten die europäischen Nationen nie erfahren, dass sie aufeinander angewiesen sind. Es war ein 45:05 Gedanke von beunruhigender Tragweite, der die einfache Unterscheidung zwischen gut und Böse in der Geschichte 45:12 grundsätzlich in Frage stellte. Die zweite Wendung war noch radikaner. Schiller verzichtete in seinem 45:20 historischen Werk auf das Prinzip der Antithese, auf die Aufteilung der handelnden Personen in Helden und 45:27 Schurken, in Kräfte des Lichts und der Finsternis. Er schrieb über die niederländischen 45:33 Aufständischen mit Sympathie, doch er verschonte sie nicht. Er zeigte Korruption im Lager der Revolutionäre 45:41 und Menschlichkeit bei den Unterdrückern. Freunde schrieben ihm beunruhigte 45:46 Briefe. Ganze Kapitel lesen sich so, als stehe der Autor auf der Seite der Spanier. 45:53 Schiller ließ sich nicht beirren. Er hatte verstanden, dass eine Geschichte, die nur eine Seite zeigt, keine 46:00 Geschichte ist, sondern Propaganda. Die Anerkennung, die ihm selbst skeptische Kritiker wie Herder zollten, 46:07 bestätigte seinen Weg. Parallel zu seiner historischen Arbeit vollzog sich in Schillers Leben eine Veränderung, die 46:14 er selbst mit stiller Entschlossenheit vorantrieb. Am 22. Februar 1790 hatte er Charlotte 46:22 von Längefeld geheiratet und die Gründung einer Familie gab seinem Dasein eine Stabilität, die er zuvor nie 46:30 gekannt hatte. Zugleich beobachtete er die politischen Erschütterungen, die Europa in diesen Jahren erlebten, mit 46:37 gespannter Aufmerksamkeit. Der Sturm auf die Bastie im Juli89 hatte die Grundfesten der feudalen 46:46 Ordnung erschüttert. Schiller, der sein ganzes bisheriges Werk dem Kampf gegen Tyrannei gewidmet 46:52 hatte, begrüßte die Nachricht aus Paris zunächst mit Anteilname. Die Forderungen nach Freiheit, 46:59 Gleichheit und Menschenwürde, die aus Frankreich herüber drangen, entsprachen seinen eigenen Überzeugungen. Doch als 47:06 die Revolution in die Phase des Terrors überging, als die Jakobiner ihre Herrschaft mit Hinrichtungen 47:12 durchsetzten und König Ludwig X. unter der Giotine starb, wandelte sich Schillas Haltung grundlegend. Er sah in 47:21 der Hinrichtung des Königs einen Akt der Barberei, der die Ideale der Revolution verriet. Die Gewalt, die im Namen der 47:29 Freiheit verübt wurde, war für ihn nicht weniger abstoßend als die Gewalt der Tyranen, gegen die er in den Räubern 47:36 angeschrieben hatte. Als die Nationalversammlung in Paris Schiller im Jahr 1792 47:43 die Ehrenbürgerschaft der französischen Republik verlie, eine Anerkennung, die sich auf den freiheitlichen Geist der 47:50 Räuber berief, nahm er sie kühl entgegen. Er fühlte sich durch die Auszeichnung nicht geehrt, sondern 47:57 befremdet. Die Revolution, so wie sie sich entwickelt hatte, war nicht das, wovon 48:04 er geträumt hatte. Schiller formulierte seine Position in einem Satz, der zum Kern seiner gesamten 48:11 Philosophie wurde. Der Weg zur Freiheit führe nur durch die Schönheit und die Aufgabe der Kunst bestehe darin, den 48:19 Menschen allmählich auf eine vernünftige Gesellschaftsordnung vorzubereiten. Nicht die Gewalt des Umsturzes, sondern 48:28 die stille Kraft der ästhetischen Erziehung sei der wahre Weg zur Befreiung. 48:34 Es war die Antwort eines Dichters auf die Schrecken seiner Zeit und zugleich der Beginn eines Denkwegs, der Schiller 48:41 für ein ganzes Jahrzehnt von der Dichtkunst in die Philosophie führen sollte. 48:48 Im Herbst 1794 schrieb Friedrich Schiller einen Satz in sein Notizbuch, der wie ein Programm für 48:56 sein gesamtes weiteres Denken klang. Die Vollkommenheit des Menschen werde erst dann erreicht sein, wenn die 49:03 wissenschaftliche und die sittliche Kultur sich wieder im Schönen auflösten. Es war ein Satz von bestechender 49:11 Einfachheit und zugleich von einer Radikalität, die seine Zeitgenossen herausforderte. 49:17 Schiller behauptete nicht weniger, als daß weder die Wissenschaft allein noch die Moral allein den Menschen zu seiner 49:25 Bestimmung führen könne. Nur die Schönheit, verstanden nicht als Dekoration, sondern als tiefste Form der 49:33 Wahrheit sei imstande, den ganzen Menschen zu erreichen und zu verwandeln. Dieser Gedanke war nicht im luftleeren 49:41 Raum entstanden. Er war die Frucht einer jahrelangen Auseinandersetzung mit der Philosophie Immanuel Kanz, die Schiller 49:49 in den frühen 90er Jahren des 18. Jahrhunderts mit wachsender Intensität betrieb. 49:55 Kanzschriften, insbesondere die Kritik der Urteilskraft, hatten im geistigen Leben Deutschlands eine Erschütterung 50:03 ausgelöst, die weit über die akademische Philosophie hinausreichte. Für Schiller war die Begegnung mit Kant 50:11 zugleich Befreiung und Herausforderung. Er bewunderte die Stränge des Königsberger Denkers, seine 50:17 unbestechliche Analyse der menschlichen Vernunft, seine Forderung nach moralischer Autonomie. Doch zugleich 50:25 empfand er Kanz Trennung zwischen Pflicht und Neigung, zwischen Verstand und Gefühl als etwas Unvollständiges. 50:33 Der Mensch, so Schillers Überzeugung war nicht nur Vernunftwesen und nicht nur Sinnenwesen. Er war beides zugleich und 50:42 jede Philosophie, die eine Seite auf Kosten der anderen unterdrückte, verfehlte sein Wesen. 50:49 Aus dieser Überlegung heraus entstanden in den Jahren 1793 und 1794 50:56 Schillers bedeutendste philosophische Schriften. In Über Anmut und Würde entwarf er das Bild der schönen Seele, 51:04 eines Menschen, bei dem Pflicht und Neigung so vollkommen übereinstimmen, dass das Gute nicht als Zwang, sondern 51:12 als natürlicher Ausdruck des eigenen Wesens erscheint. Es war ein Gegenentwurf zu Kanz strenger 51:19 Pflichtethik nicht als Widerlegung, sondern als Ergänzung. Schiller wollte zeigen, dass Moralität und Sinnlichkeit 51:27 keine Feinde sind, sondern einander brauchen, um den Menschen zu seiner vollen Entfaltung zu bringen. Das 51:34 Herzstück seines philosophischen Denkens legte Schiller in den Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen 51:41 nieder, einer Abhandlung, die er in Form von Briefen an den Herzog Friedrich Christian von Augustenburg verfasste. 51:49 In diesem Werk stellte er die Frage, warum die französische Revolution, die mit den edelsten Absichten begonnen 51:56 hatte, in Barberei und Blutvergießen geendet war. Seine Antwort war von erschütternder 52:03 Klarheit: "Die Menschen seien für die Freiheit nicht reif gewesen. Man könne eine politische Ordnung nicht über Nacht 52:12 verändern, wenn die innere Verfassung der Menschen sich nicht zuvor gewandelt habe. Und diese innere Wandlung, so 52:20 Schillers These können nur die Kunst bewirken. Denn allein im ästhetischen Zustand, im freien Spiel der 52:28 Einbildungskraft, in der Begegnung mit dem Schönen finde der Mensch zu jener Ganzheit, die ihm sowohl die rohe Natur 52:36 als auch die kalte Vernunft vorenthielten. Dieser Gedanke war mehr als eine 52:42 akademische Theorie. Er war Schillers persönliche Antwort auf die Enttäuschungen seiner Zeit. 52:49 Die Revolution in Frankreich hatte gezeigt, dass politischer Umsturz allein nicht genügte, um eine gerechtere Welt 52:56 zu schaffen. Die Aufklärung hatte den Verstand geschärft, aber das Herz nicht erreicht. Schiller suchte nach einem 53:05 dritten Weg, einem Weg, der weder in die Gewalt der Revolution, noch in die Trockenheit der reinen Vernunft führte. 53:14 Die Schönheit war für ihn kein Schmuck und keine Flucht, sondern das einzige Band, das den zerrissenen Menschen mit 53:21 sich selbst und mit der Welt versöhnen konnte. In dieser Schaffensphase wandte sich Schiller auch der Antike zu und 53:30 formulierte in seinem Gedicht die Götter Griechenlands eine Klage, die weit über den literarischen Anlass hinausreichte. 53:39 Mit dem Verschwinden der griechischen Götterwelt. So Schillers Überzeugung sei aus dem Leben der Menschen ein ganzes 53:46 Daseinsgefühl gewichen. Die Griechen hatten ihre Götter als menschenähnliche Wesen dargestellt und auf diese Weise 53:54 eine Brücke zwischen dem Irdischen und dem Göttlichen geschlagen. In der modernen Welt, in der 54:01 protestantische Gott unsichtbar und unerreichbar geworden war, fehlte dieses verbindende Element. 54:09 Die Natur, einst beseht von göttlicher Gegenwart, erschien nun leer und stumm. Schiller stellte die Frage, wohin die 54:18 Götter gegangen sein, und gab eine Antwort, die für sein gesamtes Spätwerk bestimmend wurde. Sie seien in die 54:26 Dichtung gewandert. Die Poesie sei der neue Tempel, in dem das Göttliche Zuflucht gefunden habe. Jedes wahre 54:34 Kunstwerk sei ein Haus für jene Kräfte, die der modernen Welt abhanden gekommen sein. Diese Überzeugung hatte ihren 54:43 Preis. Nahzu ein Jahrzehnt lang schrieb Schiller keine Dramen. Von der Vollendung des Don Carlos im Jahr87 54:53 bis zum Beginn der Arbeit an der Wallensteinrilogie Ende der 90er Jahre vergingen 10 Jahre, 55:00 in denen der Dramatiker schwieg und der Denker sprach. Schiller widmete sich der Geschichte und 55:06 der Philosophie, der Ästhetik und der Kulturkritik, als müsse er sein geistiges Fundament vollständig neu 55:14 errichten, bevor er wieder ein Theaterstück schreiben könne. Freunde und Bewunderer beobachteten diesen 55:21 Rückzug mit Sorge. War der größte lebende Dramatiker Deutschlands für die Bühne verloren gegangen? 55:30 In seiner Schrift über naive und sentimentalische Dichtung, die 1795 erschien, gab Schiller eine indirekte 55:38 Antwort auf diese Frage. Er unterschied darin zwei Grundtypen der Dichtung. die Nive, die unmittelbar aus der Einheit 55:46 des Menschen mit der Natur hervorgeht und die sentimentalische, die aus dem Bewusstsein der Trennung von 55:52 der Natur entsteht und nach einer höheren Versöhnung strebt. Der naive Dichter, und hier dachte 55:59 Schiller unverkennbar an Gote, schafft aus dem Instinkt heraus mühelos und selbstverständlich. 56:07 Der sentimentalische Dichter, und hier sprach Schiller über sich selbst, muß den verlorenen Einklang mit der Welt 56:14 erst wiederherstellen, muß reflektieren, ringen, kämpfen, um zu jener Schönheit vorzudringen, die dem Naiven in den 56:23 Schoß fällt. Es war ein Selbstportrait von schonloser Ehrlichkeit. Zehn Jahre der Stille lagen 56:31 nun hinter dem Dichter, zehn Jahre, in denen er sich durch die Philosophie Kanz und die Geschichte Europas gearbeitet, 56:38 in denen er sein Denken geschärft und vertieft hatte. Die philosophischen Schriften, die in dieser Zeit 56:44 entstanden, gehören zu den bedeutendsten Beiträgen der deutschen Geistesgeschichte. 56:49 Doch Schiller wusste, dass Philosophie allein nicht sein Weg war. Die Ideen, die er in seinen Abhandlungen entwickelt 56:57 hatte, drängten nach einer anderen Form, nach der Form des Dramas, der lebendigen Rede, der menschlichen Gestalt auf der 57:05 Bühne. Was ihm fehlte, war der Anstoß, die Kraft, der Funke, der ihn zurück auf die Bühne treiben würde. Dieser Funke 57:13 kam nicht aus einem Buch und nicht aus einer Idee. Er kam von einem Menschen, den Schiller seit Jahren aus der Ferne 57:21 bewunderte und fürchtete, von dem er sich angezogen und abgestoßen fühlte, dessen Gegenwart er suchte und miet. 57:30 Dieser Mensch war Johann Wolfgang von Gothe und die Freundschaft, die nun zwischen ihnen entstand, sollte nicht 57:37 nur Schillers Schweigen beenden, sondern das Antlitz der deutschen Literatur für immer verändern. Im Sommer 1794 57:45 lebte Gohe seit sech Jahren wieder in Weimar. Doch die Erinnerung an Italien hatte ihn nie losgelassen. Er war 57:53 erfüllt von der Schönheit des Südens. Er war erfüllt von der Schönheit des Südens, von der Harmonie antiker 58:01 Bauwerke, vom Licht über dem römischen Himmel. Deutschland erschien ihm dagegen formlos und eng, ein Land des Nebels und 58:10 der Provinz. Bei einer Gesellschaft in Jena sprach er mit solcher Begeisterung von Italien, 58:16 daß die Anwesenden einander befremdet anblickten. Unter ihnen saß Friedrich Schiller und 58:22 beobachtete den berühmten Dichter mit einer Mischung aus Bewunderung und wachsendem Unmut. 58:29 Dieser Mann, der als Nationaldichter verehrt wurde, schien seine eigene Heimat zu verachten. 58:36 Schilla verließ die Gesellschaft mit dem Gefühl, einem kalten, ja, herzlosen Menschen begegnet zu sein, dessen Geist 58:43 er zwar bewundern müsse, dessen Nähe ihm aber auf unbestimmte Zeit verwehrt bleiben werde. Diese Empfindung war 58:51 keine Laune eines Abends. Sie hielt 8 Jahre an. Von 1787, dem Jahr ihrer ersten Begegnung in 58:59 Rudolfstadt bis 1794, lebten Schiller und Gohe in derselben kleinen Welt des thüringischen 59:07 Geisteslebens, ohne einander wirklich nahezukommen. Sie kannten ihre Werke, sie verfolgten 59:14 ihre jeweiligen Entwicklungen, sie urteilten übereinander in Briefen an Dritte. Doch zwischen ihnen lag eine 59:21 Distanz, die keiner von beiden zu überwinden vermochte. Gohe, zehn Jahre älter, längst auf dem Gipfel seines 59:29 Ruhms, geheimer Rat und Minister des Herzogs, blickte auf den jüngeren Kollegen mit jener wohlwollenden 59:36 Gleichgültigkeit herab, die große Geister manchmal gegenüber denen zeigen, die ihnen zu ähnlich und doch zu 59:44 verschieden sind. Schiller wiederum kämpfte mit einem Gefühl, daß er selbst als eine Mischung aus Neid, Ehrfurcht 59:51 und geistiger Eifersucht beschrieb. In einem Brief gestand er, dass er sich der Wirkung Gesne, 59:59 dass selbst beim Schreiben eigener Verse der unsichtbare Maßstab des Älteren über jedem Wort schwebe. 1:00:08 Der Wendepunkt kam im Juli 1794 nach einer Sitzung der jenalischen naturforschenden Gesellschaft. 1:00:17 Schiller und Gote verließen den Versammlungsraum zufällig zurelben Zeit. Sie kamen ins Gespräch. zunächst über 1:00:25 den Vortrag, den sie gehört hatten, dann über die Natur im Allgemeinen. Schließlich über die Frage, ob es 1:00:32 möglich sei, die Erscheinungen der Natur aus einer einzigen Grundidee herauszuerstehen. 1:00:39 Gohe vertrat die Ansicht, dass hinter der Vielfalt der Pflanzen eine Urpflanze stehe, ein idealer Typus, aus dem sich 1:00:48 alle Formen ableiten ließen. Chiller widersprach. Das sei keine Erfahrung, sondern eine Idee. 1:00:57 Es war ein Einwand, der Göte zunächst verblüffte, dann nachdenklich stimmte. Zum ersten Mal erkannte er in Schiller 1:01:05 nicht einen Konkurrenten, sondern [räuspern] einen ebenbürtigen Gesprächspartner, 1:01:10 einen Menschen, dessen Denken das Seine ergänzte, statt es zu wiederholen. Aus diesem Gespräch entspannwechsel, 1:01:18 der zu den bedeutendsten Dokumenten der Europäischen Geistesgeschichte zählt. In Hunderten von Briefen, die sich über ein 1:01:26 Jahrzehnt erstreckten, tauschten die beiden Dichter Gedanken über Kunst, Philosophie, Natur und Menschenkenntnis 1:01:33 aus. Sie besprachen ihre laufenden Arbeiten, kritisierten einander mit einer Offenheit, die nur zwischen 1:01:41 gleichrangigen möglich ist und entwickelten gemeinsam Ideen, die keiner von beiden allein hätte denken können. 1:01:48 Schiller schrieb an Gohe, dass das Zusammentreffen mit dessen Geist Licht auf vieles geworfen habe, worüber er 1:01:55 selbst nicht zu innerer Einheit hatte gelangen können. war ein seltenes Bekenntnis für einen Mann, der seinen 1:02:02 eigenen Rang sehr genau kannte. Gohe seinerseits erkannte in Schilla eine Kraft, die ihm selbst fehlte. Schilla 1:02:11 war der Drängende, der fordernde, der Rastlose. Er arbeitete mit einer Intensität, die keine Rücksicht auf den 1:02:18 eigenen Körper nahm, und er scheute sich nicht, den älteren Freund zu unbequemen Wahrheiten zu zwingen. 1:02:26 Es war Schiller, der Göhe dazu brachte, die Arbeit am Faust wieder aufzunehmen, jenem Werk, das der Ältere seit Jahren 1:02:34 hatte, ruhen lassen und beinah aufgegeben hätte. Ohne Schillers Drängen, ohne seine beharrlichen Briefe 1:02:41 und Gespräche wäre der Faust möglicherweise ein Fragment geblieben. Falk Martha, die Direktorin des 1:02:50 Gotemuseums in Düsseldorf, hat in Schiller den eigentlichen Geburtshelfer des Faust gesehen und damit ist sie 1:02:57 nicht allein. Gemeinsam verfolgten die beiden Dichter ein Projekt, das über ihre persönliche Freundschaft 1:03:04 hinausreichte. Sie wollten den künstlerischen Geschmack ihrer Zeit erneuern, die literarische 1:03:09 Mittelmäßigkeit bekämpfen und ein Theater schaffen, das den höchsten Ansprüchen genügte. Im Jahr 1795 1:03:18 gründete Schiller die literarische Monatsschrift Die Horen, für die er die bedeutendsten Köpfe der Epoche als 1:03:25 Mitarbeiter gewann. Unter ihnen Friedrich Hölderlin, die Brüder Humbold, Johann Gottlieb Fichte und Gohee selbst, 1:03:34 der ohne Honorar Beiträge lieferte. Im Jahr darauf schrieben Schiller und Gote gemeinsam Die Xenien, eine Sammlung 1:03:42 satirischer Epigramme, in denen sie die literarische Banalität ihrer Zeitgenossen mit beißendem Witz 1:03:49 angriffen. Die Xenien erregten einen Sturm der Entrüstung. Doch genau das war beabsichtigt. Die beiden Dichter wollten 1:03:58 deutlich machen, daß Kunst kein Zeitvertre, sondern eine ernste, fordernde Angelegenheit. 1:04:05 Das Jahr97 wurde zum sogenannten Balladenjahr. In einem freundschaftlichen Wettstreit 1:04:13 schufen Schiller und Göte in wenigen Monaten eine Fülle von Balladen, die zum festen Bestand der deutschen Dichtung 1:04:21 gehören. Schiller schrieb: "Der Taucher, der Ring des Polyrates, die Kraniche des Ibikus und im folgenden Jahr die 1:04:31 Bürgschaft und der Kampf mit dem Drachen. Es waren Geschichten von Mut, Treue und menschlicher Bewährung. 1:04:39 erzählt in einer Sprache von solcher Kraft und Schönheit, daß sie schon bald in den Schulen auswendig gelernt und bei 1:04:47 Familienfeiern vorgetragen wurden. Schiller, der Philosoph und Geschichtsdenker, erwies sich zugleich 1:04:55 als Meister der erzählenden Dichtung, als ein Dichter, der die abstraktesten Gedanken in Bilder verwandeln konnte, 1:05:02 die jeder verstand. Ende 1799 übersiedelte Schiller mit seiner Familie 1:05:09 endgültig nach Weimar. Der Herzog Karl August, der den Wert des Dichters längst erkannt hatte, setzte ihm eine Pension 1:05:18 aus und bot ihm an, sich dauerhaft in der Stadt niederzulassen. Schiller bat zunächst nur darum, einen Winter in 1:05:25 Weima verbringen zu dürfen. Der Herzog durchschaute die Bescheidenheit und bestand darauf, dass der Dichter für 1:05:32 immer blieb. In Weimer leitete Göte das Hoftheater und nun konnte die gemeinsame Vision 1:05:39 einer idealen Bühne Wirklichkeit werden. Schiller übernahm eine beratende Rolle bei der Gestaltung des Spielplans und 1:05:47 begann seine neuen Dramen direkt für das Weimarer Theater zu schreiben. Es war ein Bund, wie ihn die Geschichte der 1:05:54 Literatur nur selten hervorgebracht hat. Zwei Männer von grundverschiedenem Temperament, der eine sinnlich, 1:06:02 weltzugewandt, in sich ruhend, der andere grübelnd, idealistisch von innerer Unruhe getrieben, fanden 1:06:11 zueinander und schufen gemeinsam etwas, das größer war als die Summe ihrer Einzelwerke. 1:06:18 Schiller selbst fasste das Wesen dieser Freundschaft in einem Satz zusammen, den er nach 8 Jahren des Ringens an Gohe 1:06:25 richtete. Er schrieb, dass man einem geistigen Überlegenen keine andere Freiheit entgegenstellen könne als die 1:06:32 Freiheit der Liebe. Es war ein Bekenntnis, in dem sich Demut und Stolz die Waage hielten, die Anerkennung der 1:06:39 Größe des anderen und zugleich die Behauptung der eigenen Würde. Gohe, der Mann, dem Schiller diese Worte 1:06:47 schrieb, sollte ihren vollen Sinn erst nach dem Tod seines Freundes ermessen. Als die Nachricht von Schillers Ableben 1:06:54 ihn erreichte, sprach er einen Satz, der alles enthielt. Er sagte, er verliere einen Freund und in ihm die Hälfte 1:07:04 seines eigenen Daseins. Im Januar 1791 wurde Friedrich Schiller ohne Vorwarnung 1:07:12 von einem Zusammenbruch getroffen, der sein ganzes weiteres Leben bestimmen sollte. Er verlor das Bewusstsein und 1:07:19 wurde von Freunden nach Hause gebracht. Die Ärzte stellten ein schweres Leiden der Lunge fest, doch die genaue Natur 1:07:27 der Krankheit blieb unklar. In den folgenden Wochen schwankte sein Zustand zwischen leichter Besserung und 1:07:33 bedrohlicher Verschlechterung. Immer wieder verlor er das Bewusstsein. Immer wieder kamen die Schmerzen zurück. 1:07:40 Heftiger als zuvor. In seinen lichten Momenten sprach Schiller mit Charlotte über eine Reise 1:07:46 zum Nordpol. Er sagte, er habe diesen Wunsch schon lange gehegt, denn dort in der Kälte und Einsamkeit brauche man die 1:07:55 Anspannung aller menschlichen Kräfte, um zu überleben. Es waren die Worte eines Mannes, der 1:08:01 kaum noch stehen konnte und dennoch die äußerste Herausforderung suchte. Die Nachricht von Schillers Erkrankung 1:08:08 verbreitete sich rasch in den literarischen Kreisen Europas. In Kopenhagen, wo der Dichter eine treue 1:08:15 Anhängerschaft besaß, machte sogar das Gerücht seines Todes die Runde. Der Gelehrte Jens Immanuel Baggesen und 1:08:23 seine Freunde veranstalteten eine Trauerfeier, bevor die Nachricht eintraf, dass Schiller noch lebte. Die 1:08:30 Bestürzung und die anschließende Erleichterung hatten eine unmittelbare Folge. Ernst Heinrich Graf von 1:08:37 Schimmelmann und Friedrich Christian von Augustenburg, beide glühende Bewunderer des Dichters, bewilligten ihm eine 1:08:44 jährliche Pension von tausend Talern, zunächst auf drei Jahre begrenzt. Es war ein Geschenk, das Schiller von seinen 1:08:52 drückendsten Geldsorgen befreite und ihm die Möglichkeit gab, seine ästhetischen Studien fortzusetzen. 1:09:00 Vorausgesetzt, sein Körper spielte mit. Er spielte nicht mit. Gote, der Schiller in jenen Monaten 1:09:08 besuchte, gewann den Eindruck, dass der Kranke keine vier Wochen mehr zu leben habe. Es sollten 14 Jahre werden, 14 1:09:17 Jahre eines Lebens, das einem ununterbrochenen Kampf gegen den physischen verfolglich. 1:09:24 Schilla arbeitete, wenn die Schmerzen es zuließen, und lag da, wenn sie es nicht taten. Fünf von sechs Tagen, so klagte 1:09:33 er in seinen Briefen, seien von unerträglichem Leiden geprägt. An einem einzigen Tag der Woche 1:09:40 vermochte er zu arbeiten und an diesem Tag schrieb er mit einer Intensität, als müsse jede Stunde die letzte sein. Was 1:09:49 in diesen Jahren der Krankheit entstand, gehört zum Bedeutendsten, dass die deutsche Literatur hervorgebracht hat. 1:09:56 Schiller kehrte zur Dramatik zurück und sein erstes großes Werk der Spätzeit war die Wallensteintrilogie. 1:10:03 Ein Monumentalwerk aus drei zusammenhängenden Dramen über den berühmten Feldherrn des dreigjährigen 1:10:09 Krieges. Fast 10 Jahre hatte Schiller an diesem Stoff gearbeitet, hatte historische 1:10:15 Quellen studiert, die Psychologie der Macht durchdrungen und eine Figur geschaffen, die in ihrer 1:10:21 Widersprüchlichkeit ohne Vorbild war. Wallenstein ist kein Held und kein Schurke, sondern ein Mensch, der an der 1:10:29 Unvereinbarkeit seiner Ambitionen mit der Wirklichkeit scheitert. Die Trilogie wurde 1799 in Weimar Uhr aufgeführt und 1:10:39 begründete Schillers Ruf als größter lebender Dramatiker der deutschen Sprache. Danach folgte ein Werk auf das 1:10:45 Nächste, als habe die Nähe des Todes in Schiller eine schöpferische Kraft freigesetzt, die alle bisherigen Grenzen 1:10:53 sprengte. Maria Stuart, vollendet im Jahrhundert erzählt die Geschichte der schottischen 1:11:00 Königin, die als Gefangene der englischen Krone um ihr Leben kämpft. In diesem Drama gelang Schiller ein 1:11:07 Kunststück, das in der Geschichte des Theaters seines Gleichen sucht. Er stellte zwei Königinnen einander 1:11:14 gegenüber, Maria und Elisabeth, die beide Recht und beide Unrecht haben, die beide schuldig und beide unschuldig 1:11:23 sind. Es ist ein Stück über die tragische Verstrickung von Macht und Moral, 1:11:29 geschrieben mit einer Sprachgewalt, die den Zuschauer in Atem hält. Ein Jahr darauf entstand die Jungfrau von Orleon, 1:11:37 Schillers Deutung der Johanna von Orleon, jener französischen Bauernmarkt, die im hundertjährigen Krieg an die 1:11:44 Spitze einer Armee trat und ihr Volk zur Befreiung führte. Schiller nannte sein Stück eine romantische Tragödie und 1:11:52 verlie der historischen Gestalt eine überirdische Dimension, die das Werk aus dem Rahmen des herkömmlichen 1:11:59 Geschichtsdramas heraushebt. Dann kam die Braut von Messina, ein Versuch, die Form der antiken 1:12:07 griechischen Tragödie mit einem Chor nach dem Vorbild des Sopokles auf die moderne Bühne zu bringen, was auch in 1:12:15 jenen Jahren bisweilen ein junger Mann, der selbst nicht mehr lange zu leben hatte. Es war Friedrich von Hartenberg, 1:12:23 der sich Novales nannte und einer der Begründer der deutschen Romantik werden sollte. 1:12:29 Novalis bewunderte Schiller mit einer Ehrfurcht, die an Verehrung grenzte. In einem Brief schrieb er: "Wenn er nur das 1:12:37 Wort Schiller ausspreche, erwache in ihm eine Masse von Empfindungen. Und der nagende Gedanke, dass dieser Mensch der 1:12:47 Zerstörung nahe sei, lasse ihn vor seinem eigenen Dasein erzittern." Er sah in Schillers Händen, die selbst in 1:12:54 Zustand der Bewusstlosigkeit eine unsichtbare Fäden zu spinnen schienen, den Ausdruck einer absoluten Liebe und 1:13:02 eines grenzenlosen Mitgefühls für die Menschheit. Novales nannte Schiller einen Menschen, 1:13:08 der mehr sei als Millionen gewöhnlicher Menschen und fügte hinzu: "Dieser Mann herrsche über Jahrhunderte." 1:13:17 Schillers letztes vollendetes Drama wurde sein populärstes. Wilhelm Tell, Uhr aufgeführt am 17. März 1804 am 1:13:26 Weimarer Hoftheater, erzählt die Geschichte des Schweizer Freiheitskampfes gegen die Habsburgische 1:13:32 Herrschaft. Es ist ein Stück über das Recht auf Widerstand, über die Grenze jenseits derer gehorsam zur Feigheit 1:13:40 wird und Auflehnung zur Pflicht. Die berühmteste Szene, der Apfelschuss, bei dem Tell gezwungen wird, einen Apfel vom 1:13:49 Kopf seines eigenen Sohnes zu schießen, verdichtet das ganze Drama in einem einzigen unerträglichen Augenblick. 1:13:57 Schiller legte seinem Helden Worte in den Mund, die wie ein politisches Testament klingen. Tale sagt: "Es gebä 1:14:05 eine Grenze der Gewalt des Tyrann und wenn alle Rechte mit Füßen getreten würden, greife der Unterdrückte zum 1:14:12 Himmel und hole sich dort seine ewigen, unveräußerlichen Rechte, die unverlierbar über ihm hingen wie die 1:14:20 Sterne." Im November 180 wurde Schiller in den Adelsstand erhoben. Er durfte sich fortan Friedrich von Schiller 1:14:29 nennen. Der Dichter, der sein Leben lang gegen die Willkür der Herrschenden geschrieben hatte, nahm den Titel mit 1:14:35 einer Mischung aus Ironie und Pragmatismus entgegen. Er brauchte ihn nicht für sich, aber er wollte 1:14:42 sicherstellen, dass seine Frau und seine vier Kinder nach seinem Tod versorgt sein würden. Schiller wusste, dass er 1:14:50 nicht mehr lange zu leben hatte. Die Krankheit, die ihn seit vizehn Jahren begleitete, hatte seinen Körper 1:14:56 ausgehüht. Sein Geist aber war ungebrochen. Zwischen den Anfällen arbeitete er 1:15:03 weiter, schrieb, plante, entwarf. Es war als könne die Kraft seines Willens den Zerfall seines Leibes aufhalten. Nicht 1:15:13 endgültig, aber lange genug, um das Werk zu vollenden, dass er sich vorgenommen hatte. 1:15:19 Am Isten Mai 18 empfing Friedrich Schiller in seinem Haus in der Esplanade zu Weimar einen letzten Besucher. Es war 1:15:28 Johann Wolfgang von Gülte. Die beiden Männer, die seit über einem Jahrzehnt miteinander verbunden waren, saßen 1:15:35 einander gegenüber und beiden war bewusst, dass dies ein Abschied war. Schiller war so geschwächt, dass er kaum 1:15:43 noch sprechen konnte. Gohe, der seinen Freund seit Jahren mit wachsender Sorge hatte verfallen sehen, blieb nicht 1:15:49 lange. Als er das Haus verließ, wuße er, daß er den Lebenden zum letzten Mal gesehen hatte. Keiner der beiden hatte 1:15:58 das Wort Abschied ausgesprochen. Es war nicht nötig gewesen. Die letzten Monate hatten Schiller alles abverlangt, was 1:16:06 sein zerstörter Körper noch herzugeben vermochte. Seit dem Herbst 1804 hatte sich sein 1:16:12 Zustand beständig verschlechtert. Die Lungenkrankheit, die ihn seit 14 Jahren begleitete, war in ihr letztes Stadium 1:16:20 getreten. Dennoch arbeitete er weiter. Auf seinem Schreibtisch lag das Manuskript des Demetrius, einer Tragödie 1:16:28 über den russischen Thronprätendenten, der nicht weiß, ob er ein rechtmäßiger Erbe oder ein Betrüger ist. Es war ein 1:16:36 Stoff, der Schiller in besonderer Weise fesselte. Die Frage nach der Wahrheit der eigenen Identität, nach dem Recht, 1:16:43 dass ein Mensch auf seinen Platz in der Welt hat, durchzog das Fragment wie ein roter Faden. 1:16:50 Schiller hatte große Pläne für dieses Werk. Er wollte darin alles zusammenführen, was er in Jahrzehnten 1:16:57 der historischen Forschung, der philosophischen Reflexion und der dramatischen Praxis gelernt hatte. Der 1:17:04 Drius sollte sein Vermächtnis werden. Es wurde ein Fragment. Schiller schrieb bis in die letzten Tage seines Lebens, doch 1:17:13 die Krankheit war stärker. Am 9. Mai 1805, einem Donnerstag, starb Friedrich von Schiller in Weimar. Er war 45 Jahre 1:17:24 alt. Die Todesursache war aller Wahrscheinlichkeit nach eine akute Tuberkulose, die seinen ohnehin 1:17:31 geschwächten Körper endgültig überwältigte. Bei der Obduktion fanden die Ärzte eine 1:17:37 linke Lunge, die fast vollständig zerstört war, ein vergrößertes Herz und schwere Schäden an Leber und Nieren. 1:17:46 Dass ein Mensch mit solchen Befunden jahrelang hatte arbeiten können, grenzte nach Einschätzung der Mediziner an das 1:17:53 Unbegreifliche. Die Bestattung erfolgte in der Nacht vom auf den Mai nach Mitternacht, wie es der 1:18:00 Brauch für Personen von Stand vorschrieb, die keinen eigenen Familiengrabplatz besaßen. Man brachte 1:18:08 den Sarg in das sogenannte Kassengewölbe auf dem Jakobsfriedhof, eine Gemeinschaftsgruft für höher 1:18:15 gestellte Bürger ohne eigene Grablegee. war ein nüchter, fast unwürdiger Abschluss für einen Mann, der zu 1:18:22 Lebzeiten als der Dichter der Deutschen gefeiert worden war. Kein Trauerzug, keine öffentliche Zeremonie, nur eine 1:18:31 kleine Gruppe von Freunden, die dem Sarg im Dunkel der Nacht folgte. Gothe nahm an der Beisetzung nicht teil. 1:18:39 Er war zu erschüttert, um das Haus zu verlassen. Erst 20 Jahre später, im Jahr 1827, 1:18:47 wurden die sterblichen Überreste Schillers in die Weimarer Fürstengruft überführt, jenen Ort, an dem später auch 1:18:54 Gothe auf eigenen Wunsch seine letzte Ruhest finden sollte. Die beiden Dichter, die im Leben so 1:19:02 lange gebraucht hatten, um zueinander zu finden, liegen seither nebeneinander. Es ist ein Bild, das mehr über ihre 1:19:10 Bedeutung aussagt, als jede Biografie. Was Friedrich Schiller in seinen 45 Lebensjahren hinterlassen hat, ist von 1:19:19 einer Fülle, die selbst im Licht der reichsten Epochen der deutschen Geistesgeschichte ihres Gleichen sucht. 1:19:26 In 25 Jahren unablässigen Schaffens schrieb er zehn Theaterstücke, die zum festen Bestand der europäischen Dramatik 1:19:35 gehören. Er verfasste Balladen, die zu den bekanntesten Gedichten der deutschen Sprache zählen und philosophische 1:19:42 Abhandlungen, deren Gedanken bis heute lebendig sind. Er erneuerte die Geschichtsschreibung, 1:19:48 indem er sie aus dem Ghetto der trockenen Gelehrsamkeit befreite und ihr eine literarische Würde verlie, die sie 1:19:56 seit der Antike nicht mehr besessen hatte. Und er schuf mit der Ode an die Freude 1:20:02 ein Gedicht, das in der Vertonung Ludwig van Behofens zur Hymne des europäischen Kontinents wurde. Ein Gesang der 1:20:10 Brüderlichkeit und der Hoffnung, der Millionen von Menschen verbindet, die Schillers Namen nie gehört haben, aber 1:20:17 seine Worte mitsingen. Die Wirkung Schillers reicht weit über die Literatur hinaus. 1:20:24 Sein ganzes Werk kreist um eine einzige Frage. Was macht den Menschen frei? In den Räubern hatte er die Antwort in der 1:20:33 Rebellion gesucht, in Don Carlos, in der Macht der Idee. In den philosophischen Schriften in der Kraft der Schönheit, im 1:20:42 Wilhelmt, im Recht auf Widerstand gegen die Tyrannei. Jede Antwort war eine Annäherung, keine 1:20:50 endgültige Lösung. Schiller wußte, daß die Freiheit kein Zustand ist, den man einmal erreicht und 1:20:57 dann besitzt. Sie ist eine Aufgabe, die in jeder Generation neu gelöst werden muss. In seinen letzten Lebensjahren 1:21:06 schrieb er, dass es eine Grenze der Gewalt gäbe, jenseits derer der Mensch unabdingbare Rechte besitze, die 1:21:14 unverlierbar und nimmer mehr zu brechen sein, die wie die Sterne über ihm hingen. waren Worte, die nicht für seine 1:21:22 Zeit allein geschrieben waren. Was Schiller von vielen großen Dichtern unterscheidet, ist die Einheit von Leben 1:21:30 und Werk. Er schrieb nicht nur über Freiheit, er lebte sie unter Bedingungen, die jeden anderen zum 1:21:38 Schweigen gebracht hätten. Er floh vor der Tyrannei seines Landes, Herrn, als er 23 war. Und er schrieb 1:21:45 gegen die Tyrannei der Krankheit an, bis er 45 war. Er kannte Armut, Einsamkeit und körperliches Leiden aus eigener 1:21:55 Erfahrung. Und er verwandelte diese Erfahrungen in Werke, die den Leser und Zuschauer nicht niederdrücken, sondern 1:22:03 erheben. Es ist diese Verbindung von persönlichem Schmerz und universaler Botschaft, die 1:22:09 Schillers Werk seine besondere Kraft verleih. Gote, der den Verlust seines Freundes 1:22:15 nie ganz verwandt, drückte es in jenem einen Satz aus, der zum geflügelten Wort geworden ist. Er sagte, er verliere 1:22:24 einen Freund und in diesem die Hälfte seines eigenen Daseins. Es war kein Übertreibung. Die 1:22:32 Freundschaft mit Schiller hatte Gote zu Werten angespart, die er ohne den Jüngeren vielleicht nie vollendet hätte. 1:22:40 Und Schiller selbst hatte in Gohe jenen Spiegel gefunden, indem er die eigene Größe erkennen konnte, ohne sich darin 1:22:48 zu verlieren. Ihr Bund war keine Symbiose und kein Wettbewerb. Es war das, was Schiller selbst in seinem 1:22:54 allerersten philosophischen Gedanken über die Freundschaft beschrieben hatte, die Fähigkeit, sich in einem anderen 1:23:01 Menschen zu erkennen und dabei mehr zu werden, als man allein je hätte sein können. 1:23:08 Friedrich Schiller starb am 9. Mai 180. Sein unvollendeter Demetrius blieb auf dem Schreibtisch liegen. Doch das Werk, 1:23:17 das er hinterlassen hat, braucht keine Ergänzung. Es spricht für sich in den Theatern, in den Höhörsälen, in den 1:23:26 Konzerthallen der Welt, wo Behofens neunte Syfonie erklingt und Menschen, die einander fremd sind, gemeinsam die 1:23:34 Worte hören, die ein junger Dichter an einem Sommerabend unter einer Linde bei Leipzig zum ersten Mal vorgetragen hat. 1:23:43 Freude schöner Götterfunken. Mein Name ist Alexander Weiß und ich danke Ihnen herzlich, daß Sie mich auf 1:23:50 dieser Reise durch das Leben Friedrich Schillers begleitet haben. Wenn Ihnen die Sendung gefallen hat, freue ich mich 1:23:57 über einen Daumen nach oben und ein Abonnement unseres Kanals. Bis zum nächsten Mal. M.