Zum Inhalt springen
L

Das Video kommt von YouTube: erst beim Abspielen verbindet sich die Seite mit YouTube (Google).

Warum endete die Sklaverei? | Stimmt es, dass ...? | ARTE

ARTEde25:56 211.743 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

Das Wichtigste aus dem Video

Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.

Transkriptautomatisch erstellt · 161 Zeilen
Herunterladen
  1. [musik] Freiheit, unser höchstes Gut. Er kämpft in Revolutionen, verankert in Verfassungen, geschützt durch Gerichte.
  2. Doch im selben Moment, indem Europa Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit ruft, werden auf der anderen Seite des Atlantiks Millionen Menschen verkauft
  3. und in Sklaverei [musik] gehalten. Die Sklaverei finanzierte die Städte, die Wissenschaft, die Märkte der Kolonialmächte. Doch dann erkannte man,
  4. dass sie falsch ist. und schaffte sie ab. So steht es in den Geschichtsbüchern. Heute feiern wir die Abschaffung der
  5. Sklaverei als moralischen Wendepunkt, als Sieg der Menschlichkeit, als den Beginn von Freiheit. Aber stimmt das eigentlich?
  6. Erst kam der Ansturm, dann die panische Flucht. Zwischen Ansturm und Flucht versiegte unser Lachen, verstummte das [musik] Lied der
  7. Ernte, erstarrte der Erntetanz unserer Ahnen. Zwischen Ansturm und Flucht rannten wir so lange, bis uns der Atem ausging, im
  8. feindlichen Wind. So beschreibt der Ganage Dichter Kofi Nidoho [musik] die Zeit, in der ganze
  9. Kontinente aus den Fugen geraten, in der Menschen zu Wre werden und ein System entsteht, das die Welt bis heute prägt. Aber Sklaverei ist kein einzelnes
  10. Kapitel der Geschichte, sondern eine ihrer Säulen. Hinter jeder Hochkultur stehen Menschen, die alles tragen, aber nie dazu gehören. Sie bauen Tempel und
  11. Straßen. Sie kämpfen, kochen, gebären Kinder. Über Jahrtausende kann jeder zum Sklaven werden. Der besiegte Feind, der Schuldner, das Kind armer Eltern. Doch
  12. im 16. Jahrhundert bekommt Sklaverei eine neue Logik. Es beginnt damit, dass Europa in See sticht. eigentlich auf der Suche nach einem schnelleren Weg nach
  13. Asien. Doch zwischen Europa und den Gewürzen liegen die Amerikas. 1492 [musik] beginnt die gewaltsame Eroberung und
  14. eröffnet riesige Flächen für neue Luxusgüter. Zucker, Tabak,
  15. Kakao, Baumwolle. In Europa bis dahin kaum bekannt. Jetzt plötzlich unentbehrlich. Der Appetit
  16. wächst. Doch wer soll das alles ernten? Die erste Antwort: Versklavte Indigen Gene. Was passiert? Millionen sterben an europäischen [musik] Krankheiten, an
  17. Hunger, an Gewalt. Die Kolonialmächte brauchen massenhaft neue, billige, ersetzbare Arbeitskräfte und sie finden sie in Westafrika.
  18. Die ersten Kontakte zwischen Europäern und Afrikanern reichen bis ins frühe 15. Jahrhundert zurück. Die Portugiesen waren bei ihrer Ankunft
  19. beeindruckt von den Gesellschaften Westzentralafrikas. Die Historikerin Mariana Kanjido erforscht, wie der Grundstein für den
  20. transatlantischen Menschenhandel gelegt wurde. Anfangs interessieren sich die Portugiesen vor allem für das Gold an
  21. der afrikanischen Küste. Doch bald erkennen sie eine weitere Ressource, Menschen. Denn Sklaverei ist
  22. auch in afrikanischen Gesellschaften kein unbekanntes Phänomen. Schon Jahrhunderte bevor die ersten portugiesischen Schiffe an Afrikas
  23. Küsten segeln, verschleppen arabische Händler Millionen Menschen über die Sahara und den indischen Ozean. Afrikanische Reiche führen Kriege,
  24. nehmen Gefangene, verkaufen sie weiter. Es gab lokale Kaufleute und politische Anführer, die sich mit Europäern verbündeten und Profit aus dem
  25. Menschenhandel schlugen. [musik] Doch jetzt wird aus einer regionalen Praxis ein weltweites Exportgeschäft,
  26. das vom 17. Jahrhundert bis ins frühe 19. Jahrhundert die globale Ökonomie dominiert. Es hat drei Stationen und jede wird sorgfältig kalkuliert. Küste,
  27. Passage, Plantage. Beim transatlantischen Wirtschaftssystem der Sklaverei spricht man meist vom
  28. sogenannten Dreieckshandel. Schiffe fahren von Europa nach Afrika, nehmen versklavte Menschen an Bord,
  29. bringen sie in die neue Welt, wo sie Waren anbauen, die dann zurück nach Europa gehen. Ein einfaches Dreieck, [musik]
  30. so steht es in vielen Schulbüchern. In Wirklichkeit verlaufen die Linien eher im Zickzack, sagt der Historiker Patrick Rail. Trotzdem steht dahinter ein
  31. hochpräzises Geschäftsmodell, abgesichert durch Banken, Versicherer und Gerichte.
  32. Die Sklaverei in der neuen Welt unterschied sich von früheren Formen, vor allem dadurch, dass sie in einzigartiger Weise kapitalistisch war.
  33. Sie diente allein dem Zweck Gewinn zu erzählen. Frühere Formen von Sklaverei hatten oft soziale, religiöse oder politische
  34. Wurzeln. Nun heißt es maximale Effizienz, minimale Kosten, Gewinne in Serie.
  35. Sogar dort, wo keine Sklavenschiffe auslaufen, fließt das Geld zurück in die Gesellschaft. Kanido erforscht das am Beispiel von
  36. Marseille. Der Gewinn aus dem Sklavenhandel und der Wohlstand, den die Versklaften erwirtschafteten, kam auch den Bewohnern
  37. von Marseille zugute. Mit anderen Worten, selbst wer keinen einzigen Menschen über den Atlantik verschleppte, konnte von der Sklavenarbeit
  38. profitieren. Durch Zucker im Kaffee, Baumwolle in der Kleidung, Steuern in der Stadtkasse. [musik] Die Bilanzen dazu finden sich zu Hauf in europäischen
  39. Archiven. Was dort seltener auftaucht, sind die Lebensgeschichten der Menschen, die in diesen Akten nur als Stücke oder Kapital erscheinen.
  40. Ost heißt es, Afrika hätte [musik] keine Aufzeichnungen über die Zeit der Versklavung,
  41. aber das stimmt nur, wenn man bei Aufzeichnungen allein an das gedruckte Wort denkt. Der Ganage Poet und
  42. Literaturwissenschaftler Kofi Anidoho widerspricht: "Die Archive Afrika [musik] sind nicht aus Papier, sondern aus Sprache, Gesang, Architektur.
  43. [musik] In unseren Traditionen sind solche Erfahrungen oft zu schmerzhaft, um offen
  44. darüber zu sprechen. Das heißt aber nicht, dass sie vergessen wurden. Wer verstehen will, wie Menschen Erinnerungen an die Sklaverei bewahrten,
  45. muss ihre Lieder kennen und die Bauwerke, die mit der Sklaverei verbunden sind. Ein Beispiel dafür sind Häuser in der
  46. Stadt Pager im Landesinneren von [musik] Ghana. Die Häuser sind meist kuppelartig. mit kleinen Eingängen.
  47. Wer hinein will, muss sich bücken und sein Gesicht zeigen. Wer freundlich aussieht, darf eintreten. Sieht die Person wie ein Feind aus, hält
  48. man eine Axt bereit und weiß, was zu tun ist. Architektur als Erinnerung an eine Zeit, in der Selbstschutz Überleben
  49. entscheidet. Und bei Akra gibt es laut mündlicher Überlieferung sogar einen Wald, dessen Name noch von der Verfolgung erzählt.
  50. Mot bedeutet in der Garsprache: [musik] "Nenne hier niemanden beim Namen." Heute ist es einfach ein Wald, aber einst versteckten sich [musik] hier im
  51. Achimot Wald Menschen, die nach Angriffen Zuflucht suchten. entstand der Nameota.
  52. Orte wie diese machen deutlich, die Gewalt kommt damals von allen Seiten. Überall entstehen Ketten von Zwischenhändlern, die für die großen
  53. europäischen Kompanien Menschen jagen. Afrikanische Gesellschaften waren dauerhaft bedroht.
  54. Man wusste nie, ob man sein Haus verlassen konnte. Selbst ein Weg zum Markt konnte bedeuten, dass man nie wieder gesehen
  55. wurde. An den westafrikanischen Küsten werden ganze [musik] Festungen errichtet, in
  56. denen gefangen genommene Einheimische monatelang auf das nächste Sklavenschiff warten müssen, denn die neue Welt braucht immer neuen Nachschub.
  57. Die meisten versklavten starben. Afrikanische Händler weiteten den Menschenhandel aus, um die europäische Nachfrage zu bedienen.
  58. Sklaverei wurde zur einzigen Möglichkeit, den unstillbaren Bedarf der Plantagen in der neuen Welt zu decken.
  59. Doch irgendwann reichen selbst die Verschleppungen aus Afrika nicht mehr aus. Die Plantagenbesitzer finden eine grausame Lösung.
  60. Weil Frauen neues Leben hervorbringen können, waren sie bei Sklavenhaltern besonders begehrt. Die Körper versklavte Frauen sind Kapital und werden in jeder
  61. Hinsicht ausgebeutet als Arbeitskraft auf dem Feld und als Gebärmaschine im Haus.
  62. zahlreiche Berichte Zeugen vom sexuellen Terror, dem versklavte Frauen ausgesetzt waren.
  63. Für Historikerinnen ist diese Gewalt jedoch schwer nachzuvollziehen, weil Täter ihre Verbrechen selten festhielten und versklavte Frauen
  64. konnten nichts anzeigen. Sie gehörten jemand anderem und damit gehörten auch ihre Körper jemand anderem.
  65. [musik] Was bleibt sind Bruchstücke, Zeugnisse, die andeuten, wie systematisch [musik]
  66. sexuelle Gewalt Teil der Sklavereigesellschaft war. Aber Frauen leisteten Widerstand, [musik]
  67. auch mit Schwangerschaftsabbrüchen, um ihren Kindern ein Leben in Gefangenschaft zu ersparen. Widerstand? selbst im intimsten Bereich
  68. des Lebens, manchmal im Verborgenen, manchmal ganz offen. Denn Sklaverei bedeutet nicht nur Unterdrückung, sondern auch ständigen Widerspruch.
  69. Überall, wo Sklaverei existierte, gab es auch Widerstand. Manchmal hatte der etwas ganz alltägliches.
  70. Menschen taten so, als würden sie Befehle nicht verstehen. Sie zerstörten Werkzeuge, behandelten Tiere schlecht, arbeiteten langsam oder gaben vor, krank
  71. zu sein. Doch viele Sklaven belassen es nicht dabei. Sie fliehen. Wenn ein versklavter Mensch von einer Plantage floh, stahl er sich
  72. gewissermaßen selbst. Er entzog seinem sogenannten Besitzer seiner Arbeitskraft und es gibt noch härtere Formen des
  73. Widerstands, Vergiftungen, Brandstiftungen. Das Paradoxe an der Sklaverei war, dass die weißen selbst zu gefangenen des
  74. Systems wurden, abhängig von den versklavten, die alles für sie erledigten. Wenn du jemanden brauchst, der für dich
  75. kocht und diese Person entscheidet, etwas ins Essen zu tun, dann musst du dir Sorgen machen. [musik] Genau diese Abhängigkeit machte die Sklavenhalter
  76. verwundbar. Die Kette ist ein paradoxes Objekt. Sie steht einerseits für Einschränkung,
  77. Verlust von Freiheit. Gleichzeitig steht die Kette für genau Bindung und zwar für wechselseitige Bindung. und Abhängigkeit nicht nur für denen, der
  78. die Kette trägt, auch für denen, der sie anlegt. Der Mensch in Ketten kann sich auch mal schlafen legen.
  79. Der Fast Sklaver kann das nicht. Ich hoffe, wir vergessen das nie. Wer andere Menschen versklavt, muss ständig wachsam sein. [musik]
  80. Jeden Tag rund um die Uhr, das ganze Jahr über. [musik] Sklavenhalter leben in ständiger Furcht vor dem Aufstand und sie haben Grund
  81. dazu. Immer wieder kommt es zu Revolten. Zwar werden die meisten blutig niedergeschlagen, doch 1791 geschieht auf Haiti unvorstellbare, eine
  82. Rebellion, die Erfolg hat. Eine versklavte Bevölkerung erhebt sich gegen ihre Unterdrücker, stürzt die
  83. Kolonialregierung, gründet eine schwarze Republik und verteidigt ihre Unabhängigkeit gegen die Armeen Frankreichs, Großbritanniens
  84. und Spaniens. Ein einzigartiger Moment der Weltgeschichte, der Sklavenhalter auf beiden Seiten des Atlantiks in Angst und
  85. Schrecken versetzte. Und dann gibt es in den USA noch das berühmte Schienennetz der Underground
  86. Railroad. Ein Tarname für geheime Routen, Verstecke und Helfer. Ein System, das tausende Menschen aus der Sklaverei in die Freiheit bringt. Doch
  87. wer sind die Anführer dieses Netzwerkes? In meinen Schulbüchern gab es nur europäische Abolitionisten.
  88. Afrikanische Stimmen wurden nicht erwähnt. [musik] Dabei spielen gerade die eine zentrale Rolle. Es gab Menschen wie Harriet Tman,
  89. eine unglaublich mutige Frau. Harriet [musik] Tman, geboren als Sklaventochter in Maryland. Sie flieht und kehrt zurück immer wieder, um andere zu befreien. Sie
  90. nutzt den gefrorenen Boden des Winters, [musik] um möglichst wenig Spuren zu hinterlassen. Die Sterne als Kompass und Sommernächte, wenn die Spürhunde
  91. schwächer [musik] wittern. Harry Tman war ein Genie der Logistik. Um diese Geschichten geht es. Menschen, die bereit waren, alles für die Freiheit
  92. zu riskieren. Diese Geschichten zeigen auch, die treibende Kraft gegen Sklaverei kommt nicht von oben, nicht aus Parlamenten,
  93. nicht von Humanisten allein. Sie kommt auch und zwar vor allem von den Versklavten selbst.
  94. Und es gibt Unterstützer in der breiten Bevölkerung. In Europa ist es vor allem die Glaubensgemeinschaft der Quäker, die sich gegen Sklaverei einsetzt. Mit
  95. Erfolg. 1807 verbietet Großbritannien als erste große europäische Kolonialmacht [musik] den Sklavenhandel. Die britischen
  96. Abolutionisten hoffen, dass damit auch die Sklaverei als Ganze aussterben wird. Einer Frau geht das aber nicht schnell genug. Elizabeth Harick fordert eine
  97. sofortige Abschaffung und organisiert den wohl ersten ethischen Konsumstreik. Beikotte von Gütern, die von Sklaven produziert werden. Als Frau ist ihr das
  98. Wahl recht verwehrt. Doch ihr Zuckerboikott wird zur scharfen politischen Waffe. Und auch in Amerika setzen Evolutionisten auf gewaltfreien
  99. Widerstand. Einzigartig an der Antisklavereibewegung in den USA war ihr Umgang mit Medien.
  100. Die frühen Abolitionisten nutzten die modernsten Medien ihrer Zeit, so wie Menschen heute soziale Medien nutzen.
  101. Sie druckten Almanache eigene Bibeln und Flugblätter. Sie hängten Plakate auf und sie schrieben. Das wichtigste Werk war Harriet Beach St Onkel Toms Hütte
  102. geschrieben in Brunswick Main. Also hier ein Bestseller. Der Roman ist eines der meist verkauften Bücher im 19.
  103. Jahrhundert. Harriet Beachers verpasst der Sklaverei ein Gesicht. Als Abraham Lincoln während des
  104. Bürgerkriegs die Autorin trifft, sagt er, so heißt es, sie sind also die kleine Frau, die diesen großen Krieg ausgelöst [musik] hat. Beantwortet
  105. Lincoln damit unsere Frage: Ist es allein das moralische Erwachen, das die Sklaverei zu Fall bringt?
  106. Das galt damals wie heute. Letztlich geht es immer ums Geld. Diese These vertritt Eric Williams, später [musik] Premierminister von
  107. Trinidad and Tobago. Aus seiner Forschung 1938 schloss er, dass die Abschaffung der Sklaverei nicht
  108. aus reiner Gutmütigkeit geschehen war. Erica Williams ist die Tochter [musik] des berühmten Historikers. Sie bewahrt
  109. sein Erbe und verteidigt seine provokanten Thesen bis heute. Er würdigte zwar die Rolle der humanitären Bewegung, sah aber auch
  110. andere Faktoren, vor allem sinkende Gewinne aus dem Sklavenhandel. Die gaben der humanitären Bewegung den entscheidenden Schub.
  111. Ihren Ausgangspunkt nimmt Williams Analyse in Großbritannien. Im 18. Jahrhundert hängt fast jede Stadt über Handel, Banken und Versicherungen an der
  112. Sklaverei. [musik] Die Profite aus Zucker und Sklavenhandel finanzieren die Industrialisierung, Dampfmaschinen,
  113. Eisenwerke, Baumwollfabriken. Genau mit dem Aufstieg der Industrie verschiebt sich der Fokus auf die
  114. heimische Wirtschaft. Gleichzeitig können [musik] die karibischen Zuckerplantagen nicht mehr mit wachsender Konkurrenz aus anderen
  115. Ländern mithalten. Die neuen Industriekapitalisten wollen das geschützte Kolonialmonopol loswerden und so fördern sie die
  116. Abolitionismusbewegung, [musik] um das alte koloniale Wirtschaftssystem zu schwächen. 1833 schafft [musik] das Empire die
  117. Sklaverei ab. Ungeachtet ihrer vorherigen moralischen Argumente handeln britische Kaufleute weiter [musik] fleißig mit
  118. Sklavenhaltergesellschaften wie den USA. Und auch hier ist die Wirtschaft für die weitere Entwicklung entscheidend.
  119. Während im Süden die Baumwollwirtschaft floriert, entwickelt sich im Norden eine neue Wirtschaftsordnung. Industrie, [musik]
  120. freie Lohnarbeit, ein völlig anderes Modell. Arbeiter und Arbeiterinnen mit Lohn können nicht nur produzieren, [musik] sondern auch konsumieren. Sie
  121. kaufen Möbel, Kleidung, später Maschinen und treiben so das Wachstum einer Binnenökonomie an. Versklavte Menschen dagegen sind nur Produktionsmittel, aber
  122. keine Kunden. Inmitten dieser Zerrissenheit kämpft ein Mann um das höchste Amt im Land, der uns vorhin schon einmal kurz begegnet ist, Abraham
  123. Lincoln. Der Mann mit dem ernsten Blick, dem schwarzen Frack, in Statuen gegossen, auf F Dollarscheine gedruckt, verewigt als der große Befreier. Doch so
  124. einfach ist es nicht. Lincoln und die Republikaner wollen die Sklaverei eigentlich gar nicht abschaffen, sondern nur verhindern,
  125. [musik] dass sie sich weiter nach Westen ausbreitet. Ihr bestes Argument dafür ist ein wirtschaftliches.
  126. Es war schwierig, die weißen Nordstaatler für die Abschaffung der Sklaverei zu gewinnen. Darum argumentierte man, der Westen sollle
  127. frei von Sklaverei bleiben. Nicht zum Wohl der Versklavten, sondern zum Vorteil der weißen Siedler, die dort ohne Konkurrenz durch die
  128. Sklavenwirtschaft leben sollten. Viele Abolitionisten kritisieren diese Verwässerung. Frederick Douglas [musik]
  129. Edward, selbst einst versklavt sagt: "Sklaverei ist falsch aufgrund dessen, was sie uns antut, nicht weil sie weißen [musik] schadet." Aber immerhin, die
  130. Taktik geht auf. 1861 wird Lincolen Präsident, doch dann kommt es zum Bruch. Südstaaten treten aus der Union aus, um ihre Institution zu verteidigen. Die
  131. Sklaverei. Die Folge: Bürgerkrieg, Nord gegen Süd. [musik] Ein Krieg, der als schneller Schlag gedacht war und sich zum Flächenbrand entwickelt. Lincoln
  132. muss handeln und er entscheidet sich für Eskalation. Im Herbst 1862 veröffentlichte er den Entwurf der Emanzipationsproklamation.
  133. Darin setzt er eine Frist. Wenn die Südstaaten binnen 100 Tagen in die Union zurückkehren, dürfen sie ihre Sklaven behalten. Wenn nicht, werden alle
  134. Sklaven in den rebellierenden Gebieten ab dem 1. Januar 1863 für frei erklärt. Und so tritt am 1. Januar 100 Tage später die Proklamation in Kraft. Sie
  135. befreit zunächst aber nur sehr weniger, denn Lincoln definiert die Sklaverei nur dortfür beendet, wo er praktisch noch keine Kontrolle hat. In den
  136. Grenzstaaten, die loyal zur Union geblieben waren, bleibt Sklaverei unangetastet. Er wollte diese Staaten [musik] nicht verlieren. Ein moralischer
  137. Widerspruch, aber politisch kalkuliert. Von diesem Moment an wurden die Armeen der Union zu Armeen der Befreiung.
  138. [musik] Die Botschaft richtet sich weniger an die Südstaaten als an die Sklaven selbst. Wenn ihr flieht, wenn ihr es bis zu den Linien der Union
  139. schafft, seid ihr frei. Die Emanzipationsproklamation diente der Rekrutierung. 189 000
  140. Afroamerikaner schlossen sich der Unionsarmee an. ein Zuws, der den Verlauf des Krieges entscheidend beeinflusste.
  141. Die Emanzipationsproklamation war also kein moralischer Schritt, sondern ein strategisches Kriegsinstrument, das gleichzeitig
  142. enorme symbolische Sprengkraft hatte und den Weg zum rechtlichen Ende der Sklaverei bereitete. 1865 wird die Sklaverei im gesamten Staatsgebiet
  143. abgeschafft. [musik] 4 Millionen Menschen sind frei, zumindest auf dem Papier. Diese Erzählung ist falsch. Natürlich.
  144. Die Sklaverei wurde nicht abgeschafft, sondern lediglich umgestaltet und verlagert. Mit Black Codes versuchen die Südstaaten
  145. die Freiheit direkt wieder einzuschränken. Bewegungsverbote, Zwangsarbeit, Strafen [musik] für Arbeitslosigkeit und sie verankern
  146. Rassentrennung gesetzlich in den sogenannten Jim Crow Gesetzen, benannt nach einer rassistischen Minstral Figur aus dem 19. Jahrhundert, einem weißen
  147. Schauspieler, der in [musik] Black Face auftritt und Schwarze als faul und einfältig karikiert. Der Name wird zum Synonym für ein System, das Rassismus
  148. nicht nur duldet, sondern [musik] institutionalisiert. Crow das Jim Crow System errichtet eine Art
  149. Kastenordnung. Sklaverei war abgeschafft, aber weiße Privilegien sollten bestehen bleiben. Selbst ein Weißer am unteren Ende der sozialen
  150. Leiter galt mehr als der angesehenste [musik] Schwarze. Das Mittel öffentliche Rassentrennung. Wer um 1900 als Schwarzer ins Kino
  151. wollte, musste hinten hinein und auf den schlechten Plätzen sitzen. Die Rassentrennung ist fast überall spürbar. im Wartezimmer, im Bus, in
  152. Schulen und bei folgenreichen politischen Entscheidungen. Die ehemals versklavten erhielten keine Entschädigung, aber ironischerweise
  153. bekamen die Sklaven Haltergeld. Besonders tragisch ist ausgerechnet das Schicksal des Landes, in dem die erste
  154. erfolgreiche Sklavenrebellion ihren Anfang nahm. Haiti zahlte 122 Jahre lang Entschädigungen an französische
  155. Sklavenhalter für deren verlorenes Eigentum, bis 1947. Heute rund 160 Jahre nach der Abschaffung der Sklaverei in den USA
  156. leben weltweit über 50 Millionen Menschen in moderner Sklaverei. Vor allem Frauen und Kinder, gefangen [musik] in Schuldknechtschaft,
  157. Zwangsprostitution, Zwangsarbeit. Sie nähen unsere Kleidung, ernten unseren [musik] Kakao, schürfen das Kobalt für unsere Smartphones.
  158. Die Institution ist verschwunden. Das Prinzip hat überlebt. Aber wenn Sklaverei heute noch existiert, warum erzählen wir uns dann
  159. so gern, sie sei überwunden? Ein afrikanisches Sprichwort sagt: "Solange die Löwen keine eigenen Geschichtsschreiber haben, wird die
  160. Geschichte [musik] der Jagd vom Jäger erzählt. [musik]
  161. Yeah.

Zum Nachlesen