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Wie der Humanismus uns menschlicher macht | Sternstunde Philosophie | SRF Kultur
Das Wichtigste aus dem Video
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Transkriptautomatisch erstellt · 473 Zeilen
- Herzlich willkommen. Was macht ein gutes Leben aus? Einfach: Man muss nur frei denken, furchtlos forschen
- und dann handelnd hoffen. Mit anderen Worten: als überzeugte Humanistin durchs Leben gehen.
- Das sagt die englische Philosophin und Autorin Sarah Bakewell. Aber ist das wirklich so einfach, und wirklich alles?
- Mit Untertiteln von SWISS TXT Jetzt habe ich Sie als Autorin und Philosophin vorgestellt.
- Ging aus Ihrer Sicht irgendetwas Wesentliches vergessen? Wahrscheinlich bin ich vieles,
- und kürzlich habe ich der Liste noch etwas hinzugefügt: Ich bin eine begeisterte Vogelbeobachterin geworden.
- Es macht wirklich Spass, und gleichzeitig liegt es völlig ausserhalb der Ideen- und Geisteswelt.
- Über das genaue Hinschauen schärft man die Aufmerksamkeit für kleine Details.
- Für mich die reine Freude. Viele Leute denken, Vögel seien eine schöne Zerstreuung
- fern der Probleme der Welt, weil sie so süss sind, im Busch sitzen und singen.
- Je mehr ich sie aber beobachte, desto klarer sehe ich, wie sehr ihre Welt von Aggression, Gewalt und Wettbewerb geprägt ist.
- Sie gehen ständig aufeinander los und versuchen, sich im Revier durchzusetzen.
- Das ist der Welt der Menschen eigentlich sehr ähnlich. Man sieht die Welt durch die Vögel ganz neu,
- und offenbar auch nicht ganz friedlich. Ich hätte Sie ja auch als Dozentin,
- Bibliothekarin oder Hundebesitzerin vorstellen können. Ich hätte auch einfach sagen können, Sie sind ein Mensch.
- Nun, ich bin all diese Dinge. Ich war viele Jahre als Bibliothekarin zuständig
- für frühe gedruckte Bücher in der Wellcome Library in London, einer Bibliothek zur Geschichte der Medizin.
- Dort wird Medizin sehr breit verstanden als alles, was mit Menschen zu tun hat – und auch mit anderen Tieren.
- Ich habe Katzen und Hunde gehabt. Seit wir Hunde haben, bin ich eher zur Hundeliebhaberin geworden.
- Ich hänge sehr an ihnen. Wenn man erst mal anfängt, über seine eigene Existenz nachzudenken
- und eine Liste macht, was man alles ist, dann wird diese Liste fast unendlich lang. Ist das nicht seltsam?
- Hierin liegt ein humanistischer Aspekt, insofern es darum geht,
- Menschen mit einem Etikett zu versehen und auszugrenzen. Man betont, was man nicht ist.
- Ich bin ein Hundefreund, also hasse ich Katzen, oder umgekehrt. Besonders stark zeigt sich dies
- in der humanistischen Haltung zur Religion. Religion kann etwas sehr Positives sein.
- Die Identifikation damit kann aber so weit gehen, dass alle, die nicht derselben Religion angehören, zum Feind werden.
- Dagegen verwehren sich Humanisten. Wenn man sich also selbst identifiziert,
- dann besteht immer die Möglichkeit sowie die Gefahr, sich abzugrenzen. Während die Humanisten, in deren Tradition Sie sich verstehen,
- das eher inklusiv meinen. Das ist so. In seiner reinsten Form tut das der Humanismus.
- Darin liegt ein gewisses Paradox, denn sobald man sagt: "Ich bin ein Humanist", hat man ein Etikett für sich selbst akzeptiert.
- Und man grenzt sich schon ab von gewissen anderen. Möglicherweise.
- Jede Qualifizierung birgt dieses Risiko in sich. Humanisten versuchen, solche Zuschreibungen positiv zu gestalten
- und ein Bewusstsein für eine solche Haltung zu schaffen. Sie kann eine Alternative zu einigen religiösen Ansichten sein.
- Ich spreche hier vom modernen Humanismus, wie er von humanistischen Organisationen vertreten wird.
- Er steht in einer starken Tradition, die vielfältige Ausprägungen hat. Ihnen gemein ist der Versuch, nicht ausgrenzend zu sein.
- Es ist auch heute noch wichtig, darüber zu sprechen. Das geht aber nur über Worte, und Worte sind eine Art Etikett.
- Es ist also etwas schwierig, jede Etikettierung zu vermeiden. Wir werden hoffentlich noch genauer verstehen,
- wie diese Tradition aussieht und was es bedeutet, ein Humanist zu sein. Der Titel Ihres neuesten Buches, das vom Humanismus handelt,
- könnte seltsam wirken, denn da steht nicht, wie man Mensch ist, sondern "Wie man Mensch wird".
- D.h., das ist eine Aufgabe. Kennen Sie Menschen, die daran gescheitert sind,
- sozusagen auf halber Strecke zur Menschwerdung liegengeblieben sind? Das ist eine sehr gute Frage,
- die ich mir so noch nie gestellt habe. Der deutsche Titel unterscheidet sich ja vom Originaltitel.
- Ich denke, nein – sonst läuft man Gefahr, über Kategorien des Weniger-Menschlichen
- oder über Untermenschen zu sprechen, und diese Richtung sollte man meiner Meinung nach
- definitiv nicht einschlagen. Die Humanisten haben aber immer wieder betont,
- dass wir zu reicheren Menschen werden können über Bildung, kulturelle Erfahrungen, den Kontakt mit anderen Menschen,
- das Lernen von Lehrern und denen, die mit uns aufwachsen, über lebenslanges Lernen, über die Erfahrungen anderer Menschen
- und über die Art und Weise, wie Menschen im Laufe der Jahre Kultur und Zivilisation entwickelt haben.
- Dadurch werden wir zu immer kompletteren Menschen – nicht, dass wir je nicht Mensch sein könnten.
- Und doch gibt es da ein philosophisches Problem. Von einer Blume kann man z.B. sagen:
- Sie ist aufgeblüht und ganz zur Blüte gelangt. In diesem Sinne können wir sagen: Es gibt viele Menschen,
- die wir in der Strassenbahn oder bei der Arbeit antreffen, bei denen es scheint, als seien sie nicht ganz aufgegangen.
- Nun, es wäre anmassend von mir, zu sagen, jemand hätte sich nicht entfaltet.
- Vielleicht sind sie auf ihre eigene Weise aufgeblüht. Ich erinnere mich, wie ich als junge Frau die Menschen in Zügen
- und U-Bahnen ansah und dachte: "Oh, die sehen so traurig aus." "In ihrem Leben ist sicher viel schiefgelaufen."
- Das ist der Blick des Schriftstellers. Nein, das ist die Sicht eines jungen Menschen.
- Denn als ich älter wurde, begriff ich, dass sich Falten bilden und dass es so etwas wie die Schwerkraft gibt,
- die das Gesicht nach unten zieht. Man kann also sehr glücklich sein, während der Blick in den Spiegel
- einen wirklich ernsten Ausdruck zeigt. Man wird auch reifer,
- das Leben hinterlässt seine körperlichen Spuren bei uns allen. Ich erinnere mich an den Moment, wo ich erheitert realisierte:
- "Sie waren gar nicht alle traurig. Sie waren bloss älter als ich." Aber philosophisch könnte man sagen:
- Der Humanismus ist ein gewisser Blick auf die menschliche Existenz, der sich wünscht, dass der Mensch selbstbestimmt
- eine Ausschöpfung aller möglichen menschlichen Potenziale unternimmt. Man kann das so sehen.
- Humanisten betonen immer sehr, dass dies nicht in Isolation geschieht, als einzelne Person, abgekoppelt von den Menschen um einen herum.
- Ganz im Gegenteil. Humanisten interessieren sich sehr für den Gesellschaftsaspekt -
- dafür, wie wir miteinander in Beziehung stehen, wie wir als Bürgerinnen und Bürger
- in Städten und anderen Gemeinwesen zusammenleben, und auch für die moralischen Beziehungen zu anderen Menschen
- und Lebensformen auf diesem Planeten. Man ist also kein getrenntes Etwas,
- das als Individuum im Raum umherschwebt. Ungeachtet unserer Herkunft
- wachsen wir alle in einem Netzwerk anderer Menschen um uns herum auf, das uns befähigt, eine menschlichere Person zu werden,
- gerade weil wir mit anderen Menschen bis in die Wurzeln unseres Seins verbunden sind.
- Und dieses Motto zieht sich auch wie ein roter Faden durch Ihr Buch: "only connect", also "verbinde dich".
- Dieses Motto des Schriftstellers E. M. Forster nehmen Sie, um diese eigenwillige und eigenständige Definition
- des Humanismus zu wagen. Sie sagen, wir seien vernetzte Wesen. Und um bei dieser organischen Metapher zu bleiben:
- Wir blühen überhaupt nur auf, wenn wir uns in diesem Netz des Lebens finden und begreifen.
- Ja, ein paar berühmte Zitate begleiteten mich während des gesamten Schreibprozesses des Buches.
- Eines davon ist "only connect" aus einem Roman von E. M. Forster. Gemeint ist damit nicht nur, sich mit anderen Menschen zu verbinden,
- sondern auch die Folgen und Auswirkungen des eigenen Handelns für andere zu verstehen und auch mit sich verbunden zu sein –
- kein Heuchler zu sein, der sich aus Bequemlichkeit weigert, die Verantwortung für sein Tun zu übernehmen.
- Es geht also um die Verbindung mit sich selbst und anderen Menschen. Ein weiteres Lieblingszitat von mir und von vielen Humanisten
- meint dasselbe in anderen Worten: "Ich bin ein Mensch. Nichts Menschliches ist mir fremd."
- Eine Zeile des römischen Komödiendichters Terenz aus dem ersten Jahrhundert nach Christus.
- Der Ausspruch war als Witz in einem seiner Stücke gedacht, geäussert von jemandem, der beschuldigt wird,
- seine Nase ständig in die Angelegenheiten anderer zu stecken und seine Nachbarn auszuspähen.
- Er verteidigt sich mit der Aussage: "Ich bin ein Mensch. Nichts Menschliches ist mir fremd."
- "Was erwarten Sie?" - Es war als Scherz gedacht und wird vom Publikum auch so verstanden worden sein.
- Gleichzeitig ist es ein toller Leitgedanke für Humanisten, die davon überzeugt sind, dass wir alle auf irgendeine Weise
- durch unsere grundlegende Menschlichkeit miteinander verbunden sind.
- So haben sie das Zitat verwendet und als Motto hochgehalten. Ist es nicht auch deswegen so schön, weil der Humanismus
- einen möglichst klaren Blick auf unsere Existenzweise wagt? D.h., nicht nur das Edle, Schöne und Erhabene zu betonen,
- sondern auch die kleine Neugier, vielleicht auch die kleine moralische Abwegigkeit.
- Und der muss man mit Humor, Nachsicht und etwas Vergebung begegnen. Idealerweise kann man von einer Art humanistischem Wesenszug sprechen,
- den natürlich nicht alle Humanisten haben – sie sind schliesslich Menschen.
- Es gibt alle möglichen Schattierungen unter Humanisten. Trotzdem tendieren sie dazu, die Unterschiede zwischen den Menschen
- zu respektieren und sich für sie zu interessieren. Sie glauben, dass uns alle im Kern etwas verbindet.
- Ein Beispiel stammt aus einer religiösen Tradition: Erzbischof Desmond Tutu in Südafrika
- hat das in mehreren südafrikanischen Gesellschaften verankerte Konzept "Ubuntu" bekannt gemacht.
- Es bedeutet "Gemeinsinn" und betont, dass man als Mensch Teil eines Ganzen ist.
- Er sprach davon, dass wir zum selben Bündel Leben gehören. Dieses Konzept nutzte er
- als Vorsitzender der Wahrheits- und Versöhnungskommission nach dem Ende der Apartheit in Südafrika.
- Er stellte es in den Mittelpunkt seiner Zukunftsvision: "Wir sind alle bereits miteinander verbunden,
- wir haben es nur vergessen und müssen diese Verbindung wieder beleben."
- Fast jede grosse Weisheitslehre - ob im Osten, in Afrika oder in Europa -
- kennt diese Idee der Verknüpfung und der Verwobenheit des Daseins. Man kann ja sagen, der Humanismus -
- und das ist auch eine Weise, wie "only connect" zu verstehen ist: Wir müssen mit der Tradition eine neue Verbindung eingehen.
- Denn Humanisten sind nicht unbedingt Aufklärer oder Philosophen, sondern es gibt eine europäische Tradition des Humanismus,
- die auch im Zentrum Ihres Buches steht. Die fängt im 14. Jh. an einem der schönsten Orte der Welt an,
- in Norditalien. Warum ausgerechnet dort? Nun ja, irgendwo musste ich anfangen.
- Am Anfang des Buches zeige ich den grösseren Kontext auf und erzähle dann eine Geschichte, die hauptsächlich,
- wenn auch nicht ausschliesslich, in Europa spielt und die um 1300 beginnt, mit bestimmten Personen,
- die ich auf Grund ihrer Anliegen als wichtig erachte für die Geschichte des Humanismus.
- Was ihre Anliegen waren und was sie erreichen wollten. Da ist etwa Francesco Petrarca, der ein bisschen etwas von allem war.
- Er war ein Dichter ... Hier sehen wir ihn eingeblendet.
- Wir haben natürlich nur eine vage Vorstellung davon, wie er aussah. Es gibt verschiedene Porträts.
- Er kannte jeden. Er war im Zentrum eines riesigen Netzwerks von anderen Literaten
- und Leuten innerhalb der Kirche, der Fürstenhöfe oder der Stadtverwaltung.
- Er war so etwas wie ein Auftragshumanist und schrieb für verschiedene Gönner in diesen Kreisen
- Gedichte und Texte aller möglichen Genres. Was mich an ihm wirklich fasziniert, ist,
- dass er sich selbst sah ... ... als eine Art Schöpfer des Stoffs für einen Neuanfang,
- für eine zivilisiertere Lebensweise. Der Weg dorthin führte ihn
- über die klassischen Schriftsteller des antiken Roms. Cicero war einer seiner grossen Helden,
- die über das Leben im Allgemeinen, aber insbesondere auch über gute Politik schrieben.
- Petrarca schrieb über dieses Licht, das von diesen Menschen übernommen und neu entzündet werden konnte im Kontrast zum dem,
- was er als langes, dunkles Zeitalter dazwischen sah. Daher rührt also das falsche Bild vom finsteren Mittelalter,
- das von Historikern ... Das ist ein bisschen ein Klischee geworden.
- Es ist ein Klischee, das auf Petrarca zurückgeht. Mich interessierte die Idee, die Literatur
- und die Weisheit der Vergangenheit für einen Neuanfang zu nutzen und ein Gefühl der Hoffnung zu schaffen.
- Damit haben Sie schon mal drei wichtige Charakteristika der humanistischen Ursprünge genannt.
- Erstens: Die Erneuerung der Kultur durch einen Rückgriff auf ältere Quellen.
- Zweitens: ein Mensch, der sich durch Literatur und Schreiben selbst zu einem besseren, vollkommeneren Menschen machen will.
- Drittens: Petrarca war ein Zentrum von ganz verschiedenen Interessen. Dafür gibt es auch einen humanistischen Begriff:
- Uomo universale. Also ein Mensch, der in der Politik, in der Kunst, im Sport,
- in allen Bereichen des alltäglichen Lebens nach Perfektion strebt. Genau, man sprach von ...
- Ja, man sprach vom Universalgenie, vom Renaissancemenschen – ein Begriff, der ein wenig aus der Mode gekommen ist.
- Zu dieser Idee gehört die Vorstellung, dass Wissen, Lernen und Neugierde auf die Welt unabdingbar sind
- für ein menschlicheres, besseres Leben und dass ein eng gefasstes Spezialistentum nicht ausreicht.
- Im 19. Jahrhundert wurde viel darüber gesprochen, als humanistisch gesinnte Schriftsteller
- den Blick weiteten und sagten: "Bei der Bildung geht es um mehr – auch darum, ein guter und kultivierter Mensch zu werden."
- Aber waren dafür die Klöster nicht schon da? Die wollten doch gute und gelehrte Menschen erziehen.
- Was war der Widerstand, den Petrarca angestossen hat? Nun, er war nicht direkt gegen die Klöster.
- Aber er dachte, dass sie von der Welt abgeschnitten waren. Das ist ein grundsätzliches Problem von abgeschotteten Gemeinschaften –
- und dazu kann man auch die Universitäten zählen, die eine Art privilegierte Gemein- schaft von Gelehrten darstellen.
- Das ist an sich nicht schlecht, aber er lebte in der Welt und wollte sich in der Politik engagieren.
- Ist das der Vorwurf des Elfenbeinturms? Um die Welt zu verstehen,
- müssen wir in der Welt handeln und uns auf sie einlassen. Das wurde ...
- Mehr noch als Petrarca brachten sich die Humanisten im darauffolgenden 15. Jahrhundert
- stark in weltliche Dinge ein. Sie waren darauf bedacht, politische Verantwortung
- zu übernehmen, sich aktiv dafür einzusetzen, die Stadt, das Land oder die Gemeinschaft besser zu machen
- und ihr Wissen und ihre Studien in irgendeiner Weise zu nutzen. Viele von ihnen haben sich auf lokaler Ebene
- aktiv in der Regierung eingesetzt. Als Schriftstellerin und Philosophin
- beobachten Sie auch die eigene Zeit und denken vielleicht: "Was kann ich der eigenen Zeit
- aus der Geschichte der Philosophie beibringen?" Und man könnte sagen: Noch nie waren die Menschen so verbunden wie jetzt.
- Noch nie waren sie so aufgefordert, ein Individuum zu werden, wie jetzt. Oder: Noch nie waren sie so weltlich wie jetzt.
- Und das ist für viele auch ein Problem. Viele sind zu vernetzt, sind in zu vielen Projekten verfangen.
- Welche Therapie kann der Humanismus unserer heutigen Kultur vorschlagen? Das ist ein sehr guter Punkt. Als ich beim Schreiben des Buches
- auf die Idee von "only connect" zurückkam, dachte ich gelegentlich: "Nun, vielleicht brauchen wir weniger Verbindung."
- Das könnte ein Smartphone-Slogan sein, "Only connect!" Genau. Ich musste mein Smartphone weglegen,
- sonst hätte ich das Buch nie schreiben können. Der freie Austausch von Informationen und von Wissen
- war lange Zeit eine gute Sache. Aber mittlerweile müssen wir beginnen,
- Fragen zur Informationsqualität zu stellen. Handelt es sich um Fake News, die sich sehr schnell verbreiten,
- aber nicht unbedingt nützlich sind? Ein Humanist würde sagen, dass es um die Qualität der Verbindung
- und die Qualität des Wissens und der geteilten Informationen geht. Zu Petrarcas Zeit bestand die grosse Herausforderung darin,
- wie man dieses Wissen verbreitet und die Verbindung zu Menschen schafft. Er reiste oft von Kloster zu Kloster,
- um sich ihre Manuskriptsammlungen anzusehen. Schatzjäger. - Ja, absolut,
- was ich völlig nachvollziehen kann, denn ich stöbere auch sehr gerne in Antiquariaten.
- Allerdings finde ich nie die unglaublich wertvollen Schätze, auf die er gestossen ist –
- Kopien und manchmal sogar Unikate von klassischen Texten. Aber um sie sich anzueignen, musste er sich entweder hinsetzen
- und den Text von Hand abschreiben, oder sich das Buch ausleihen. Es wird erzählt, dass er Freunden, mit denen er auf Reisen war, sagte:
- "Tut mir leid, ich habe gerade dieses Manuskript gefunden." "Wir müssen drei Tage hierbleiben,
- während ich den Text von Hand kopiere." Da gab es noch keine Copy-Paste-Funktion,
- das musste von Hand gemacht werden. - Genau. Die Vorstellung, Wissen breit streuen zu können,
- wäre für ihn und seine Zeitgenossen sicherlich grossartig und aufregend gewesen.
- Wir haben das umgekehrte Problem. Wir verfügen über sehr viele Informationen.
- Doch wie treffen wir eine Auswahl? Wie nutzen wir dieses Wissen? Wir unterscheiden wir
- zwischen verlässlichen und unzuverlässigen Informationen? Der Beitrag eines Humanisten würde wohl vor allem darin bestehen,
- uns daran zu erinnern, wie wichtig es ist, darauf zu achten, wer der Verfasser ist und ob es sich beim Text um eine Fälschung handelt.
- Und diese Kompetenzen werden auch heute in den sog. Humanities gelehrt.
- Wie erkennt man einen falschen Text? Wie ordnet man die Quellen ein? Es gibt noch ein anderes Moment, das mir in Ihrem Buch auffiel,
- fast auch ein Muster. Alle diese Humanist:innen - meistens sind es aber Männer -
- sind Rebellen. Sie rebellieren gegen ihre Eltern und die etablierte Kultur.
- Und sie rebellieren in Form der Literatur und der Poesie. Wie war das bei Ihnen biografisch?
- Waren Sie auch von einem solchen Rebellendrang getragen? Und war für Sie die Literatur auch eine Form der Rebellion?
- Verglichen mit Petrarca hatte ich es schwer, denn meine Eltern lieben Bücher, lesen sehr gerne
- und sind überhaupt sehr aufgeschlossen. Es war gar nicht so einfach, etwas zu finden,
- wogegen ich rebellieren konnte, aber ich habe mein Bestes getan. Als Teenager schaffte ich es mitunter, etwas zu finden,
- was sie missbilligen würden. Ich versuchte, eigene Wege zu gehen.
- So studierte ich zwar Philosophie an der Universität, entschied mich aber gegen eine akademische Laufbahn.
- Ich wollte Schriftstellerin werden und Romane schreiben und eine andere Richtung einschlagen.
- Rückblickend ging es mir um die Unabhängigkeit des Denkens und eine gewisse Unabhängigkeit bei meinen Entscheidungen.
- Aber ich lese da wohl etwas in mich hinein, was sich gut anhört. Ich bin gerade ein bisschen neben der Spur.
- Wenn man sich mit Ihrer Biografie beschäftigt, dann kriegt man schon einen gewissen Verdacht,
- dass es einen Autor gab, der eine Art Initialzündung für Sie war: nämlich Jean-Paul Sartre, der ein Modell geliefert hat,
- wie man in heutiger Zeit ein unabhängiges Leben führt. Wir schauen uns einen Film an,
- der erklärt, was Sartre mit den Humanisten verbindet. Der französische Philosoph Jean-Paul Sartre
- ist einer der wichtigsten Vertreter des Existenzialismus. Sartres Denken kreist um die Frage, was ein authentisches Leben ist.
- Also frei von äusseren oder inneren Zwängen. Ganz und gar selbstbestimmt.
- Bis heute der Traum fast aller moderner Menschen. Der Kampf um Freiheit hat bei Sartre auch biografische Wurzeln.
- Er war Soldat im Zweiten Weltkrieg und geriet als junger Mann in deutsche Gefangenschaft.
- Nach dem Krieg blieb er politisch äusserst aktiv und engagierte sich für die Arbeiterbewegung,
- die Emanzipation und gegen den Kolonialismus. Sein bekanntester Satz lautet:
- "Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt." Nach Sartre kann sich jeder Mensch in jeder Lebenssituation
- für oder gegen eine Handlung entscheiden. Jeder Mensch ist somit für seine Taten, sein eigenes Leben
- und das seiner Mitmenschen voll verantwortlich. Radikaler Individualismus und politische Solidarität
- sind für Sartre also miteinander vereinbar. Heute würde sich Sartre vielleicht
- zu Instagram, TikTok und Co. äussern und bemängeln, dass wir in der scheinbar authentischen Selbstdarstellung
- selbst zu einer Ware verkommen. Sicher würde er sich auch fragen, wie die eigene Freiheit
- in Zeiten der Klimakrise mit der Freiheit aller anderen vereinbar ist. Worauf muss ich verzichten, damit andere selbstbestimmt leben können?
- Übrigens gestaltete Sartre auch sein Liebesleben eher frei. Er führte - damals skandalös - ab 1929 eine offene Beziehung
- mit der Philosophin Simone de Beauvoir. Mehr als ein halbes Jahrhundert
- lebten und dachten die beiden gemeinsam und blieben einander auf ihre Weise treu.
- Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre gelten daher in polyamourösen Kreisen als Vorreiter.
- Wie viele Existentialisten verfasste Sartre seine Gedanken auch in Form von Romanen und Theaterstücken.
- Er schrieb geradezu manisch. Oft mehrere Duzend Seiten täglich.
- Aufputschmittel begleiteten seinen Alltag. In den 1930er-Jahren experimentiere er auch mit Meskalin,
- mit dem Ergebnis, dass er sich monatelang von menschengrossen Krustentieren verfolgt fühlte.
- Sartre war im Nachkriegsfrankreich ein führender Intellektueller, der erste Popstar der Philosophie.
- Als er 1980 starb, erwiesen ihm am Pariser Friedhof Montparnasse 50'000 Menschen die letzte Ehre.
- Er hatte sein Leben so gelebt, wie er es wollte. Über das Leben von Sartre und seine Mitdenker:innen
- haben Sie auch ein Buch geschrieben: "Das Café der Existentialisten". Ein weltweiter Erfolg.
- Man kann in der Energie dieses Buches spüren, dass diese Existentialisten auch als Humanisten
- für Sie eine Art Rollenmodell wurden, eine Befreiung der eigenen Art. Dazu gibt es ein paar Dinge zu sagen.
- Tatsächlich war ich total begeistert von Sartre als ich ungefähr 16 war, aber es war nicht die philosophische,
- humanistische oder politische Seite, die mich packte, sondern sein Roman "Der Ekel", "La Nausée".
- Er beschreibt den Protagonisten, wie er sich in einer Stadt am Meer treiben lässt
- und viel Zeit damit verbringt, über das Sein nachzudenken. Warum ist da etwas? Warum ist da nicht nichts?
- In den Parks sieht er sich die Bäume an und denkt: "Sie sind voller Sein. Sie überwältigen mich."
- So ging auch ich in den Park um die Ecke und sah mir einen Baum an und versuchte, die gleiche Erfahrung zu machen.
- Davon geblieben ist mir bis heute das Gefühl einer Faszination für die physische und die menschliche Welt.
- Dass sie überhaupt da ist. Es ist dieses Staunen -
- Heidegger war auch der Ausgangspunkt für ihn -, eine Art radikales Staunen über unsere Existenz
- und die Existenz der Welt. Ich suchte nach keiner religiösen Erklärung.
- Ich hatte keinen Hang dazu, aber der Wow-Faktor des blossen Hierseins und die Möglichkeit, die Welt zu sehen, sind mir immer geblieben.
- Es hat, welch ein Zufall, auch mein Interesse an der Philosophie geweckt.
- Aber zur rebellischen Qualität der Existenzialisten: Viele Menschen suchen in diesem Alter nach einem Weltbild,
- das sie direkt anspricht. Der Existentialismus tut das, weil er sich damit beschäftigt,
- wie man als Mensch lebt. Ich habe mich auch sehr für Simone de Beauvoir interessiert,
- die natürlich viel mehr war als nur Sartres Gefährtin. Sie war eine wichtige Feministin.
- Sie schrieb "Das andere Geschlecht" und sehr interessante philosophische Werke, nebst ihren Romanen
- und einer fantastischen Autobiografie mit vielen alltäglichen Einblicken, die mich wirklich faszinierten.
- Einen Begriff haben diese beiden Bücher gemeinsam: Freiheit.
- Der Humanismus ist natürlich auch eine Philosophie der Freiheit. und der Selbstbestimmung.
- Es ist eine Philosophie der Emanzipation gegen die Kirche, gegen äussere Zwänge, und eine Philosophie der Selbstwerdung.
- Diese drei Dinge haben die Humanisten und die Existentialisten eigentlich gemeinsam.
- In einem berühmten Aufsatz von Sartre heisst es: "Der Existenzialismus ist ein Humanismus."
- Dieses Freiheitsbedürfnis scheint doch die Quelle zu sein. Ja, unbedingt.
- Sowohl Humanisten als auch Existentialisten betonen, dass Freiheit nicht absolut ist, sodass man tun kann, was man will.
- Freiheit ist vielschichtig. Sie hat eine moralische Dimension, die sehr wichtig ist.
- Auch wenn einfache Antworten oder Verhaltensanweisungen fehlen mögen, ist ethisches Handeln sehr wichtig.
- Dann ist es auch eine kontextabhängige Freiheit. So hat Sartre darüber geschrieben.
- Also keine unbedingte Freiheit. Es ist eine Freiheit,
- die immer von der jeweiligen Lebenssituation ausgeht. Sie schwebt nicht im Nichts.
- Man ist frei, wie man auf diese Situation regiert, egal, wie schwierig oder einschränkend sie ist.
- Das ist eigentlich eine alte, stoische Idee. Man hat die Freiheit, wie man auf etwas reagiert,
- wie man es erlebt und lebt. Ich finde, mit dieser Idee der Freiheit
- kann man sich identifizieren. Eine Freiheit, die meint, ich kann alles tun,
- ist philosophisch und auch im wirklichen Leben problematisch. Je mehr wir über uns erfahren –
- wissenschaftlich, neurologisch und überhaupt -, desto mehr erkennen wir, dass es kein Bewusstsein gibt,
- dass uns wie ein Geist in der Maschine steuert und sagt, was wir tun sollen.
- Wir sind körperliche Wesen, die von unserer Physis beeinflusst werden und mit der physischen Welt um uns herum verbunden sind.
- Der Freiheitsbegriff im existentialistischen und humanistischen Sinn ist interessant,
- weil beide den Freiheitsaspekt betonen. Dieser ist aber durch den Kontext all der Dinge bedingt,
- in die wir verstrickt sind und die uns mit der Welt verbinden. Es gibt vielleicht noch einen weiteren Punkt,
- den diese beiden Traditionen gemeinsam haben: eine gewisse Aversion gegen die Religion
- als den gesellschaftlichen Faktor, der Zwänge gesellschaftlicher, theologischer, auch nicht ganz rationaler Art
- auf eine Gesellschaft hinauf pfropft. Gegen wen agieren die Humanisten eigentlich?
- Vielleicht kann man sagen: Zunächst einmal gegen religiöse Dogmen. Viele Humanisten und auch einige Existentialisten
- waren religiös und fühlten sich dem Glauben zutiefst verbunden. Jemand wie Erasmus war zutiefst religiös.
- Er widmete sich der Arbeit an Bibeltexten, um sie besser und reiner zu machen
- und der ursprünglichen Absicht näher zu bringen. Allerdings auch, um ihn von Dogmen zu befreien.
- Abgelehnt wird die autoritäre Komponente, die einige religiöse Institutionen haben.
- Wenn also die Kirche oder andere Institutionen den Menschen vorschreiben,
- wie sie sich zu verhalten oder zu kleiden haben. Dieser dogmatische Teil ist für viele Humanisten,
- auch gläubige Humanisten von heute, problematisch. Humanismus und Religion sind für mich vereinbar.
- Humanismus muss nicht unbedingt nicht-religiös sein. Er ist dadurch gekennzeichnet, dass sich seine Elemente auf unser Leben,
- unser ethisches Handeln hier im täglichen Leben ausrichten, auf das Leben hier und jetzt, und nicht auf das Jenseits.
- Das ist ein Aspekt. Er gebärt ein Interesse am Leben hier und jetzt. Eine diesseitige Haltung -
- nicht das Jenseits ist wichtig, sondern das Diesseits. Man kann durchaus an eine jenseitige Welt glauben.
- Aber die Ausrichtung auf die Frage, wie man hier leben soll, bildet eine starke humanistische Komponente.
- Und der Humanismus ist anti-autoritär – ein Problem für Humanisten, nicht nur in der Religion,
- aber auch in der Politik, wo wir heute einen sehr alarmierenden Anstieg
- autoritärer staatlicher Systeme erleben. Nochmals zurück zum Verhältnis
- zwischen Religion, Theologie und Humanismus. Es gibt eine Kampagne der englischen Humanisten,
- die auch eine Vereinigung haben. Die sah man auch auf Londoner Bussen.
- Da stand: "Es gibt wahrscheinlich keinen Gott."
- "Hör auf, dir Sorgen zu machen, geniess dein Leben." Eine sehr interessante Kampagne.
- Sie löste einen grossen Skandal aus in Grossbritannien. Dieses "Geniess dein Leben" am Ende -
- da gibt es noch einen weiteren Aspekt, den Hedonismus: "Mach dir kein Sorgen. Hab im Dies- seits so viel Spass, wie du kannst."
- Das ist kein Humanismus mehr, eher eine Art neoliberaler Imperativ. Die Unterscheidung zum Neo- liberalismus bzw. sogar Liberalismus
- ist ein weiteres Thema, über das man sprechen kann. Ich mag diese Kampagne.
- Die wichtigen Wörter dort sind "Don't worry", mit allem, was das beinhaltet.
- Das geht zurück auf antike Philosophen wie Demokrit und Pythagoras, die in ihren Texten über die Götter sagten:
- "Vielleicht gibt es sie, vielleicht auch nicht, aber es ist eine Schande, sein Leben zu verschwenden
- und sich darüber Sorgen zu machen und sie zu fürchten." Diese Haltung – "Mach dir keine Sorgen, ob es sie gibt oder nicht" -
- hat im Humanismus eine lange Tradition. Hier geht es nicht um moralische Entscheidungen.
- Ich spreche davon, dass einem die Fähigkeit, diese Welt zu schätzen, abhandenkommen kann, weil einige Religionen Menschen dazu anhalten,
- dieser Welt zu entsagen, sich von ihr abzukehren. Und auch deinen Körper.
- Und ja, dass man den Körper negieren sollte und als Mensch ein Leben der Selbstverleugnung leben
- und sich allein auf das Jenseits ausrichten soll. Alle Gedanken sollen auf Gott
- und die Erwartung des Himmelreichs ausgerichtet sein. Das hat im Christentum eine lange theologische Tradition,
- die allerdings nur von einer Minderheit gelebt wurde. Die meisten Menschen folgten ihr nicht,
- aber es gibt doch einige religiöse Texte, die solches einforderten. Der Platonismus ist auch so eine Haltung,
- wo der Körper nicht so wichtig ist und es ein Jenseits gibt, das das eigentlich Wahre ist.
- Während die Humanisten sagen: "Bleiben wir mal auf dieser Welt." Ja, und lass uns hier ein gutes Leben führen.
- Das ist das Wichtigste für die Humanisten. Ein weiteres Lieblingszitat, das ich im Buch mehrmals verwende
- und mit dem ich gewissermassen schliesse, stammt von einem religionskritischen Freidenker des 19. Jahrhunderts
- namens Robert Ingersoll. Er nannte es sein Credo zum Glücklichsein.
- Es lautet wie folgt: "Glücklichsein ist der einzige Wert." "Die Zeit zum Glücklichsein ist jetzt."
- "Der Ort zum Glücklichsein ist hier." Die allerwichtigste letzte Zeile lautet:
- "Der Weg zum Glücklichsein besteht darin, andere glücklich zu machen." Es geht also wieder um Verbindung und nicht darum,
- das eigene Glück auf Kosten anderer zu suchen, wie es im Neoliberalismus angelegt ist.
- Darin liegt etwas zutiefst Anti-Humanistisches, weil es die Verbindung ignoriert –
- die Tatsache, dass wir alle miteinander verwoben sind. Das ist auch so interessant an Ihrem Buch
- und Ihrer Leseart des Humanismus, weil es wird oft als eine individualistische,
- vielleicht sogar als eine private Haltung zum Ausdruck gebracht. Und Sie wollen ihn solidarisieren. Sie sagen:
- Das funktioniert nur, wenn wir uns als relationale Menschen denken. Und das war innerhalb des Humanismus nicht immer so.
- Selbst bei Sartre gibt es die Spannung zwischen der Selbstwerdung und den anderen.
- Und leicht zu lösen, ist sie nicht. Soweit Sartre überhaupt Humanist war.
- In der Tat hat er sehr viel über "den anderen" geschrieben. Seine philosophischen Bücher
- sind voll von Gedanken über unsere Beziehungen zu anderen Menschen. Allerdings hat Sartre seine Ideen
- im Lauf seiner Karriere sehr oft geändert. Wenn wir also von Sartre als Humanisten sprechen,
- meinen wir in der Regel den frühen Sartre. Später geriet er sehr stark unter den Einfluss des Marxismus,
- und er versuchte, ein guter Marxist zu sein. Wieder eine dogmatische Lehre.
- Die Marxisten indes mochten ihn nicht. Sie waren der Meinung, dass seine existenzialistische Philosophie
- nicht zu ihrer Ideologie passt. Aber Sartre bettelte geradezu um die Aufnahme in ihren Kreis.
- Die Philosophien sind im Grunde unvereinbar, weil der Existentialismus
- die individuelle Verantwortung und die Wahlmöglichkeiten betont. Eben, und in genau dieser Spannung steht auch der Humanismus.
- Und ich glaube, sobald man den Humanismus zu sehr solidarisiert und sozialisiert,
- verliert man etwas von dem Feuer, das die Selbstwerdung ermöglicht. Das Problem liegt nicht so sehr in der Verbindung mit anderen.
- Der grosse Knackpunkt beim Marxismus liegt für jeden, der an Freiheit oder individuelle Verantwortung glaubt,
- in dessen Ideologie eines zwangsläufigen Verlaufs der Geschichte -
- egal, was man tut. Ein Pilot in der Geschichte. - Ja.
- Damit kann sich kein Existentialist wirklich abfinden. Und es ist hoch problematisch für Humanisten,
- denn wo passt das Individuum da hinein? Das war auch die Frage von Simone de Beauvoir:
- Wie passe ich da noch rein mit meiner eigenen Handlungsweise? Sie sagt auch, dass es immer auch gegen Ideologien geht.
- Wir sprachen davon, warum man den Humanismus jetzt wieder stark bringen sollte.
- Ich glaube, wir vergessen in West- und Mitteleuropa, wie stark ideologisch und autoritär geprägt der Rest der Welt ist,
- auch von religiösen Dogmen. Im Iran gibt es z.B. den Slogan "Frau, Leben, Freiheit".
- Und das ist doch genau der humanistische Impetus: Wir wollen unseren Leib entfalten, als leibliche Wesen frei sein.
- Wir wollen als Frauen anerkannt werden, auch als Menschen. Und wir wollen es für die Freiheit.
- Eigentlich ist diese Befreiungsbewegung im Iran auch eine humanistische Bewegung.
- Ich würde mir nicht anmassen, für die Menschen im Iran zu sprechen,
- die so mutig auftreten. Ich vermute, dass sich nicht alle
- in Aspekten des Humanismus wiedererkennen würden. Ich möchte ganz sicher nicht einer anderen Bewegung
- einen humanistischen Rahmen aufzwingen. Das steht mir nicht zu.
- Aber ich sehe Parallelen zu anderen humanistischen, politischen Haltungen gegenüber Unterdrückung jeglicher Art.
- Es erinnert mich an die Feministin Mary Wollstonecraft im 18. Jh., die ich faszinierend finde und über die ich in meinem Buch
- sowohl als Humanistin als auch als Feministin geschrieben habe. Sie hätte sich selbst wohl nicht so bezeichnet,
- aber sie sah die Befreiung der Frauen als unabdingbar für das allgemeine menschliche Wohlergehen.
- Frauen wurden zurückgebunden unter dem Joch einer Maschinerie, die sie Zeit ihres Lebens als Kinder behandelte.
- Dies betraf insbesondere Frauen aus privilegierten Familien. Ihr Verhalten wurde noch stärker kontrolliert.
- Sie hatten keine Rechte. Sie durften kein Eigentum besitzen und hatten keine Rechtsfähigkeit.
- Sie konnten sich nicht verbinden. - Das stimmt. Sie verglich sie mit Vögeln, die in goldenen Käfigen gehalten wurden.
- Sie forderte eine gute Bildung für alle Frauen. In der fehlenden Bildung auf allen Stufen sah sie das grösste Hindernis
- für die Entfaltung der Frauen, die sich bilden wollten und dazu fähig waren.
- Frauen sollten als moralisch verantwortliche Wesen handeln, ihre eigenen Entscheidungen treffen und sich verantwortungsvoll
- als mündige, erwachsene Bürgerinnen einbringen können. Das ist eine starke humanistische Botschaft.
- Jeder fähigen Person sollte dieser Weg offenstehen. Es gibt tatsächlich eine starke humanistische Tradition
- in der Geschichte der Befreiungsbewegungen aller Art, nicht nur des Feminismus.
- Und in diesem Sinne haben gewisse Kulturen - auch die westliche Kultur, aus der der Humanismus entsprang -,
- doch gewisse Fortschritte gemacht. Man ist auf diesem Weg doch ein Stück weit nach vorne gegangen.
- Es gibt jetzt aber - und wir können nicht über Humanismus sprechen,
- ohne dieses Thema zu betonen - einen neuen Sprung. Nämlich die Frage nach dem Transhumanismus.
- Humanisten können auf die Frage, was der Mensch ist, keine eindeutige Antwort geben.
- Und mittlerweile sind die Möglichkeiten des Menschen, sich selbst zu überwinden, so gross geworden,
- dass sie vielleicht sogar Humanisten Angst machen, oder? Wie jeder andere müssen auch wir uns
- mit diesen Entwicklungen auseinandersetzen. Die allgemeine Frage nach der Zukunft der Menschheit
- wird durch den Transhumanismus heute besonders Art akut, weil unsere technologische Abhängigkeit so umfassend ist -
- only connect! Wir sind nicht nur durch unsere Technologie verbunden,
- sondern auch mit unserer Technologie. Sie beeinflusst fast jeden Aspekt unseres täglichen Lebens.
- Dazu kommt jetzt auch noch das, was wir im Moment als künstliche Intelligenz bezeichnen.
- Ein nicht wirklich passender Ausdruck, denn was sich unmittelbar auf uns auswirkt,
- ist die Fähigkeit von Systemen, die menschliche Sprache und menschliche Kommunikations- systeme zu imitieren.
- Das klappt mittlerweile so gut, dass man kaum noch erkennen kann, ob etwas von einer Maschine oder einem Menschen geschrieben wurde.
- Für die Geisteswissenschaften ist es ein grosses Problem, wenn nicht mehr klar ist, ob hinter einem Text
- eine Maschine oder ein Bewusstsein steckt. Es ist doch ein Riesenproblem für Petrarca, Boccaccio und Montaigne,
- die glauben, dass man durch Text erst zum Mensch wird, dass man schreibend zu dem wird, der man ist.
- Jetzt haben wir Maschinen, die das können, aber wir glauben nicht, dass die etwas werden wollen oder können.
- Nein, und sie sind durch Text zu dem geworden, was sie sind. Denn das ist genau das, was sie tun.
- Sie sammeln riesige Mengen an von Menschen verfasstem Text, um vorhersagen zu können,
- welches Wort wahrscheinlich auf ein anderes folgt. Das ist eine schreckliche Parodie eines humanistischen Lernens,
- von dem sich Petrarca erträumte, es würde die Probleme der Welt lösen. Wir wissen noch nicht, wohin uns das bringt, es ist alles noch sehr neu.
- Es gilt jetzt in der Lehre, viele Probleme auf ganz pragmatische Weise zu lösen.
- Wir müssen uns beibringen, zu erkennen, was menschlichen Ursprungs ist und was nicht.
- Transhumanisten würden die Frage in den Raum stellen, ob sich das überhaupt abgrenzen lässt.
- Wir nutzen die Technologie zum Schreiben. So zeichnet sich eine Zukunft ab,
- in der diese Dinge wirklich fast verschmelzen. Und religiöse Menschen würden sagen:
- Ohne Religion kann diese Grenze nicht klar gezogen werden, sie wird sich immer weiter bewegen.
- Ich habe mir beim Lesen Ihres Buches überlegt: Was würde Petrarca denken, wenn man ihm heute zeigen würde,
- wie weit sein Traum von der Forschung, von der Literarisierung und den Möglichkeiten der Wissenschaft gediehen ist?
- Etwa: "Das ist fantastisch, davon habe ich immer geträumt." "Die maximale Konnektivität, die Superverbindungsmaschine."
- Ich glaube, er würde es erst lieben, aber dann könnten sich Zweifel einschleichen.
- Er würde sich wohl grosse Sorgen über die moralischen Konsequenzen machen,
- weil ihm dies am Herzen lag. Sicher würde er sich auf Snapchat und TikTok stürzen,
- und sich dann die Frage zu stellen, wo der Mensch bei all dem bleibt und was es mit ihm macht.
- Zuerst aber hätte er richtig viel Spass beim Surfen. Wenn man das Motto "verbinde dich", "only connect",
- auf Technologie bezieht, könnte man sagen: "Lass dir eine Linse einbauen, mit der du zehnmal besser siehst."
- "Lass dir irgendetwas einbauen, um zehn Fremdsprachen leichter zu lernen."
- Was würde denn eine humanistische Gegenposition sagen? "Nein, das machen wir nicht, das ist nicht gut für den Menschen."
- Eigentlich müsste man doch sagen: "Mach weiter, verbinde dich, schöpfe dein Potenzial aus!"
- Das entspräche dem Gerät, das in "The Hitchhiker's Guide to the Galaxy"
- Babel fish genannt wurde. Das Buch heisst "Per Anhalter durch die Galaxis".
- Eine fantastische Sache, ich hätte das gerne. Eine wunderbare, lustige Zukunftsvorstellung
- aus den frühen 1970er-Jahren, wozu eben dieses Gerät gehört, das wie Wikipedia funktioniert.
- So etwas wäre sicherlich attraktiv und nützlich. Für einen Humanisten gibt es kaum einen Grund,
- eine solche Technologie nicht zu mögen, denn sie würde uns einige der Vorteile zurückgeben,
- die früher aus der Tatsache resultierten, dass Latein eine Universalsprache war,
- wobei natürlich nur eine kleine Minderheit von Menschen das Privileg hatte, es zu lernen.
- Latein war exklusiv, was hier nicht der Fall wäre. Das lässt mich an eine andere Figur in meinem Buch denken,
- über die ich erst gar nicht schreiben wollte. Dann aber wurde mir klar, wie wichtig sie ist:
- Ludwik Zamenhof, der sich mit der Erfindung von Esperanto einen Traum erfüllte.
- Er wuchs in Bialystok auf, einer ethnisch durchmischten Gesellschaft mit einer komplexen Geschichte. - Esperanto ist der Traum
- einer Sprache, die alle Sprachen so zusammenbringt, dass sie jeder am leichtesten lernen kann.
- Er war der Meinung, dass eine Universalsprache die Zahl der Konflikte verringern würde.
- Eine solche Sprache musste einfach sein, so dass jeder sie leicht erlernen konnte,
- und sie durfte keiner Gruppe von Menschen oder zu keinem Gebiet gehören,
- woraus man irgendwelche Vorrechte ableiten könnte. Sie war ein absolut neutrales, geteiltes Kommunikationsmittel,
- das den Menschen helfen würde, sich besser zu verstehen. Er beschäftigte sich auch mit der Erfindung einer Religion,
- die er Menschheitslehre, Homoranismo, nannte, und die ähnliche Ziele verfolgte, als eine geteilte, zweite Religion,
- auf die wir uns alle beziehen könnten, so wie wir eine zweite Sprache haben.
- Das sind faszinierende Ideen, die sich nicht ganz durchgesetzt haben. Er hatte sich daraus Weltfrieden erhofft, was sich nicht erfüllt hat,
- aber ich finde den Versuch wirklich sehr interessant. Er zeigt die Bedeutung der Kommunikation,
- und - entscheidender noch - wie wichtig es ist, anzuerkennen, was wir jenseits unserer Spaltungen und Zugehörigkeit zu Nationen,
- Staaten und Religionen gemein haben. Das ist ein heikles Spiel und ein grundphilosophischer Konflikt:
- die Differenz zu feiern, die Pluralität der Menschen, und trotzdem immer wieder auf das Gemeinsame hin zu gravitieren.
- Und in dieser Spannung steht auch der Humanismus. Idealerweise bietet der Humanismus die Möglichkeit, beides zu tun,
- so wie dies auch in den jüngsten humanistischen Manifesten der Organisation Humanists International betont wurde,
- die sich sehr um einen modernen Humanismus bemühen. Sie unterstreichen die geteilte Menschlichkeit -
- Eigenschaften, die uns gemein sind und uns vereinen, aber auch den Respekt für Vielfalt –
- kulturelle Vielfalt und die Vielfalt der Erfahrungen, sowie den Respekt für den Rest der natürlichen Welt.
- Es gibt einen anderen Strang im Humanismus, der zur Kritik geführt hat, er stelle den Menschen
- auf Kosten anderer Spezies zu sehr in den Vordergrund. Auch hier betonen die modernen Humanisten,
- dass die anderen Arten keineswegs beiseitegeschoben werden sollen. Das kann man betonen, aber man muss doch auch die Spannung wahrnehmen.
- Denn es gibt eine Grenze, man kann nicht alle inkludieren, ohne den eigenen Markenkern zu gefährden.
- Haben Menschen eine Marke? Wenn ja, dann läuft es gerade nicht so gut für sie.
- Ich denke, sie entwickeln den Brand des Humanismus. Sie versuchen, das als eine kontinuierliche Geschichte zu sehen.
- Je mehr man sich mit ihm in all seinen Facetten beschäftigt, läuft der Humanismus tatsächlich Gefahr,
- zu einer grossen Krake zu werden, die sich in fast alle Bereiche des Lebens ausbreitet.
- Das Problem lässt sich lösen. Die Bedeutung lässt sich dadurch einengen, dass man sich fragt,
- was Anti-Humanismus sein könnte. Antihumanismus wird stark
- mit autoritären staatlichen Systemen in Verbindung gebracht, die den Staat oder die Autorität einer Institution
- über das Individuum stellen. Das zeigte sich insbesondere beim Aufstieg des Faschismus in Italien.
- Das Manifest von Mussolini und Giovanni Gentile, seinem philosophischen Handlanger, enthielt zwei interessante Aussagen:
- "Das Individuum ist ohne Bedeutung." Und: "Der Staat ist das, was zählt."
- Diese Prinzipien wurden auf die Ebene einer Religion gehoben. Eine solche Überhöhung steht im Kern vieler autoritärer Systeme -
- als Abstraktion einer Religion, eines Staates oder einer Ideologie, wie des Marxismus.
- Eine antihumanistische Strömung hängt wie ein riesiger autoritärer Klumpen
- über uns, der uns sagt: "Ich gebiete dir, dies zu tun!"
- "Ich gebiete dir, dies nicht zu tun!" Und dann würde man sagen:
- Der Humanismus ist v.a. eine Reaktion, auf Macht und Wissensanmassung von anderen.
- Ich stelle es mir manchmal so vor, dass mit dem Wegfallen aller autoritären Ideen,
- seien sie nun religiös oder nicht-religiös, am Schluss der Humanismus übrigbleiben würde –
- also ohne den Missbrauch der Rechte anderer Menschen, ohne die Vorschriften,
- die andere Menschen in ihrer Lebensgestaltung einschränken. Dadurch rückt der Humanismus in den Fokus des Bildes.
- In Abgrenzung zum Umriss des Antihumanismus erhält man die Form dessen, was Humanismus sein könnte.
- Ich betone, dass es nicht wirklich um Religion geht, denn es gibt sowohl innerhalb der Religionen
- als auch innerhalb des Atheismus humanistische und antihumanistische Strömungen.
- Viele autoritäre Staaten waren offiziell nicht religiös, insbesondere die kommunistischen – etwa das stalinistische Russland.
- Die Idee, dass Bildung, die schönen Künste und v.a. auch die Sprachen eine besonders wichtige Rolle in unserer Existenz spielen,
- wenn es darum geht, sich selbst ein gelingendes Leben zu erschreiben, wie Sie selbst es auch tun.
- Nun, ich ... Nun, ich liebe die Literatur.
- Ich liebe das Lesen, die Kunst. Sie sind an sich interessant und schön,
- auch, weil sie von einem menschlichen Bewusstsein stammen. Das führt uns zurück zur künstlichen Intelligenz.
- Was, wen sie von einer Maschine erzeugt würden? Fände ich sie dann immer noch schön?
- Sie sind aber viel mehr als nur schön. Sie bieten uns Wege, uns selbst zu erkennen.
- Wir verstehen unser eigenes Leben viel besser, wenn wir lesen, was andere Menschen über ihr Leben geschrieben haben,
- oder durch Romane, die eine grosse Vielfalt von Lebenswegen anderer Menschen abbilden.
- Und Sie schreiben auch Bücher, die es uns ermöglichen, mit anderen Bewusstseinen in Kontakt zu treten.
- Manche nah an unserer Gegenwart, mache sehr weit. Und diese Form, Verbindung zu schaffen,
- ist eine Form der Menschwerdung. Ich danke Ihnen sehr, dass Sie sie uns heute vorgeführt haben.
- Danke, dass Sie da waren. - Ich danke Ihnen vielmals. Was macht ein Leben zu einem wirklich menschlichen
- und v.a. zu einem gelungenen Leben? Antworten gerne in die Kommentarspalte.
- Hier gibt es ein weiteres Gespräch mit dem Humanisten und Kognitionspsychologen Steven Pinker.
- Seine These: Alles wird durch Wissenschaft ständig besser. Darüber kann man auch mal nachdenken.