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Richard Gere, wie haben Sie zum Buddhismus gefunden? | Sternstunde Religion | SRF Kultur
Das Wichtigste aus dem Video
Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.
Transkriptautomatisch erstellt · 441 Zeilen
- Mein heutiger Gast braucht keine Vorstellung, er ist einer der ganz grossen Stars aus Hollywood.
- Aber damit nicht genug, Richard Gere ist auch seit Jahrzehnten praktizierender Buddhist und Freund des Dalai Lama.
- Er stellt in Zürich seinen neuen Film vor, der gerade in den Kinos anläuft. Mit Untertiteln von SWISS TXT
- Herzlich willkommen, Herr Gere. Eine Freude, dass Sie bei uns sind. Danke, Olivia. Ich freue mich, hier zu sein.
- Sie sind ein weltberühmter Filmstar. Ich habe mich mit Ihnen beschäftigt, Ihre Filme gesehen und Interviews gelesen.
- Ich hingegen bin für Sie eine komplett unbekannte Person. Wie schaffen wir es, dass wir uns auf Augenhöhe ...
- Ich denke, hier sind Sie sehr bekannt. Aber nicht für Sie. - Es scheint, Sie sind berühmt.
- Wie schaffen wir es, dass wir uns als Menschen auf Augenhöhe begegnen? Ich bin sehr unkompliziert. Es gibt kein Problem.
- Ich lebe in New York und kann problemlos die Strasse entlanggehen.
- Gehen Sie einfach so aus dem Haus? Ja, ich gehe einfach meines Wegs.
- Und Sie werden nicht gestoppt? Vielleicht grüsst man mich. "Hi, Richard."
- Das ist aber okay. Sie sind ... - Aber da gab es dieses eine Mal.
- Wir waren am Drehen in New York. Es ging um einen Obdachlosen. Ich hatte auch als Produzent viel Arbeit reingesteckt,
- es sollte eine Art Dokumentarfilm werden. Ich musste also der Rolle entsprechend auf der Strasse sein.
- An verschiedenen Orten waren Kameras versteckt, damit es nicht so offensichtlich war, dass wir einen Film drehten.
- Ich hoffte, wir würden 20 oder 30 Sek. Zeit haben, bevor man mich erkannte und wir die Aufnahme abbrechen müssten.
- Es war ein Versuch. Wir waren sehr gespannt, was geschehen würde.
- Wir drehten in einer sehr belebten Gegend in Greenwich Village - ein Ort, an dem ich normalerweise nicht herumlaufen würde.
- Aber ich war in der Rolle und mittendrin. Es war völlig erstaunlich.
- Niemand achtete auf mich als obdachlose Person. Hätte ich einen schicken Anzug angehabt, mit Maske und allem
- wäre es wohl anders gelaufen. Das ändert alles. - Komplett.
- Es war für mich ein Schlüsselerlebnis. Wir beschäftigen uns intensiv damit, wie Dinge erscheinen
- und blicken nie unter die Oberfläche. Wenn wir unsere Vorstellungen auf die Welt projizieren,
- sehen wir die Welt nie, wie sie ist. Wir sehen nur unsere eigenen Projektionen.
- Da sind wir schon mitten im Thema. Weshalb ich gefragt habe: Für Sie ist die Situation immer so.
- Menschen haben das Gefühl, Sie zu kennen. Sie sehen eben Ihre Oberfläche
- und sprechen mit Ihnen, als ob sie Sie kennen würden. Während Sie Ihr Gegenüber selten kennen,
- das aber persönliche Fragen stellt. Ich kenne nicht einmal mich selbst. * Olivia lacht. *
- Ich kenne niemanden. Dann steigen wir doch ins Thema ein.
- Sie haben in den 70er-Jahren den Buddhismus kennengelernt. Jetzt beginnt also das Interview - das war das Vorinterview.
- It's all part of the interview. Sie haben in den 70er-Jahren den Buddhismus kennengelernt,
- später sich auch zu ihm bekannt. Was für ein Mensch war Richard Gere, bevor er Buddhist wurde?
- Ich habe neulich zu einem Freund gesagt: "Ich bin jetzt 75 Jahre alt."
- Kaum zu glauben. - Glauben Sie's ruhig. Die Menschen werden nicht zu jemand anderem. Sie werden sich selbst.
- Das Leben schabt ... ... den Staub und das Dunkle ab.
- Also Sie werden immer mehr zu sich selbst? Man taucht darunter auf. Ja, klar.
- Ihre Fragen hier werden sich um den Buddhismus drehen. Vielleicht steigen wir direkt damit ein, es läuft ja eh darauf hinaus.
- Wir gehen von einer Vorstellung von uns selbst und anderen aus, nicht von der empirischen Realität von uns selbst.
- Dieser selbstbezogene, konzeptionelle Rahmen, durch den wir das Universum betrachten, hindert uns daran,
- etwas jemals wahrhaftig, klar und spontan zu sehen – frisch und mit Freude, so wie ein Kind Dinge das erste Mal sieht.
- Ein Kind erlebt die Welt zum ersten Mal, wir aber verlieren diese Fähigkeit,
- weil unsere Sinne von Konzepten verschleiert werden. Sie haben ja zuerst den Zen-Buddhismus kennengelernt,
- sozusagen die japanische Form des Buddhismus. Waren das denn Themen, die Sie beschäftigt haben
- und von denen Sie glaubten, Antworten in dieser neuen Lehre zu finden? Oder was waren es für Probleme, Sorgen oder vielleicht auch Ängste?
- Wahrscheinlich machte ich eine völlig normale Existenzkrise durch, wie Sie sicher auch in den späten Teenagerjahren
- und frühen Zwanzigern. Die Welt war ganz anders als das,
- was man mir erzählt oder was ich mir vorgestellt hatte. Was hatten Sie sich denn erwartet?
- Dass die Dinge konkret und stabil sind. Was ist, wird immer sein.
- Ich bin, und ich werde immer sein. Die Welt ist beständig. - Greifbar. Mhm.
- Dann findet man heraus, dass dem nicht so ist. Das Universum funktioniert nicht so, es hat keinen inneren Kern,
- es ist ständig im Wandel. Es ist unbeständig. Unsere Idee von der Welt ist bloss eine Momentaufnahme,
- ein Schnappschuss. Genauso verhält es sich mit dem Selbst.
- Unser konzeptuelles Wissen vom Selbst ist eine illusorische Erfahrung
- aus einer unendlichen Anzahl von Momentaufnahmen. Es ist wie ein Film, der aus 24 Bildern pro Sekunde besteht.
- Wir unterliegen der Illusion der Bewegung. Sie entsteht aber aus 24 Standbildern.
- Aufgrund der Funktionsweise unseres Gehirns und unserer Wahrnehmung sehen wir Bewegung.
- Wir sehen Realität, wo nichts da ist ausser Hell und Dunkel auf der Leinwand oder dem Fernsehbildschirm.
- Man sieht Pixel. Nichts ist wirklich da, aber die Vorstellungskraft wird angeregt und man beginnt zu denken.
- Dieser Denkprozess ist der gefährliche Teil unserer menschlichen Existenz.
- Wir glauben, im Aussen die Realität zu sehen, so wie sie besteht - diese Olivia, die hier vor mir sitzt.
- Es gibt hier aber einen Moment der Interaktion, die eine echte Realität schafft,
- die unabhängig ist von der Vorstellung, die man vom Selbst oder vom anderen hat.
- Wie hat Ihnen denn diese Erkenntnis aus der Krise geholfen? Dass alles veränderbar ist,
- man steckt nicht in einem Moment fest. Aber das kann auch belastend sein, dass nichts greifbar ist.
- Nun, das ist eine Verantwortung, keine Last. Man hat die Verantwortung,
- sich selbst, seinen Geist und sein Herz zu kennen. In diesem Prozess ist diese Idee vom Selbst,
- die so simpel wie real erscheint, in Wirklichkeit eine Art Halluzination. Wie ein Traum. Es ist kein Traum, aber es ist wie ein Traum.
- Wir werden noch darauf zurückkommen. Ich möchte noch etwas besser verstehen.
- Sie haben in einem Interview von 1977 gesagt ... Ich würde gerne Deutsch können, um das zu lesen.
- Sie sagten, dass Sie auf Ihrer spirituellen Reise noch wie ein Baby kriechen würden.
- Wo sind Sie ... - Das tue ich immer noch. Das tue ich immer noch. - Wirklich?
- Was heisst denn spirituelles Wachstum? Um den vorigen Gedanken aufzugreifen:
- Ich verstehe viele dieser Konzepte intellektuell. Für jemanden wie den Dalai Lama oder die grossen Yogis
- ist es kein konzeptuelles Verstehen, sondern ein tiefes Wissen, das nichts mit Denken zu tun hat.
- Es ist ein vollständiges Gewahrsein, Bewusstsein, Wissen. Und das habe ich nicht.
- Werden Sie das erreichen? Ist das Ihr Ziel? Hoffentlich, ja. Wenn ich gewissenhaft und hart genug arbeite.
- In diesem Leben? Gemäss dem Dalai Lama ist es möglich.
- Aber in diesem Leben? Als ich zum ersten Mal zum Dalai Lama kam,
- ging es mir wie anderen Menschen, die ihn treffen. Ich hatte die romantische Vorstellung,
- der Dalai Lama würde einfach die Hand heben und ... ... und all der Schmerz würde verschwinden,
- all das Leiden, all die Probleme wären weg. Aber seine Heiligkeit ist da sehr klar.
- Er sagt, wir haben die Fähigkeit und können es bewirken, aber man muss daran arbeiten. Das ist nicht leicht.
- Und wie gut kommen Sie noch zu dieser Meditationspraxis? Sie sind ja Vater von drei Kindern,
- die zwei jüngsten sind erst vier und fünf Jahre alt. Da wird man ja auch immer ins Äussere getragen und nicht ins Innere.
- Ein schwieriger Zeitpunkt für Ihre Meditationspraxis, nicht? Man muss sich nur die Zeit nehmen.
- Es hilft, eine Frau zu haben, die das versteht. Praktiziert sie auch?
- Sie meditiert, aber sie hat kleine Kinder und trägt die grössere Last. Wenn ich sage, ich nehme mir jetzt Zeit zum Meditieren,
- dann versteht sie das. Und das machen Sie jeden Tag?
- Ja, sicher. Ich finde interessant, welchen Weg Sie gegangen sind,
- weil Sie kommen ja aus einem Haushalt, der protestantisch-methodistisch ist.
- Ihre Eltern haben sich in der Gemeinde auch engagiert. Wie viel ist von dieser Religion heute für Sie übrig?
- Welchen Kontakt haben Sie dazu? Sie haben viel über mich gelesen, nicht wahr?
- That's why I like the concept. - Yeah, I got it. Meine Eltern kamen aus einer sehr kleinen Stadt
- in den Bergen von Pennsylvania. Mein Vater ist auf einer Farm aufgewachsen und hat Kühe gemolken.
- Meine Mutter war die Tochter des "reichen Mannes" in diesem Dorf. Sie kannten sich wohl schon, als sie 12 oder 14 Jahre alt waren.
- Sie verliebten sich und heirateten. Sie waren beide sehr gläubig.
- Meine Mutter war Universalistin, mein Vater Methodist. Er wurde in der Gemeinde fast wie ein Pastor gesehen.
- Seine Mutter, meine Grossmutter, ging immer davon aus, dass er Pastor werden würde.
- Aber Ihr Onkel war Pastor, oder? Mein Onkel wurde Pastor, ja.
- Und er war ein aussergewöhnlicher Mann, wie alle Brüder in der Familie meines Vaters.
- In der kleinen Gemeinde waren sie alle sehr in das Leben der anderen eingebunden.
- Mitgefühl geht im Grunde zurück auf Freundlichkeit. Daraus erwächst das, was wir Liebe nennen können.
- Wir wollen, dass andere glücklich sind. Wir denken, das ist wunderbar. Wir treffen jemanden und sagen:
- "Ich möchte, dass du glücklich bist." Ich sehe den Kameramann hier drüben. Ich möchte, dass Sie glücklich sind.
- Er winkt. - Da freut er sich. Er wünscht mir dasselbe.
- Es sind ein halbes Dutzend Leute hier. Ich möchte, dass sie alle glücklich sind.
- Das lässt sich ausweiten auf eine Art der Anteilnahme, bei der man sagt: "Ich möchte, dass du glücklich bist."
- "Mir ist bewusst, dass du genauso leidest wie ich." "Ich möchte, dass deine Probleme verschwinden."
- "Ich möchte, dass du deinen Problemen und deinem Leiden nicht anhaftest."
- Und dann gibt es noch eine Erweiterung in Richtung Altruismus: "Ich möchte, dass du vom Leiden befreit wirst. Ich werde das tun."
- "Ich werde das für dich und mit dir tun." Kann man das? - Ich natürlich nicht.
- Aber jemand wie der Dalai Lama kann das. Er hat so sehr an seinem Geist und Herzen gearbeitet,
- dass es von innen heraus geschieht. Es ist keine intellektuelle Heran- gehensweise. Es ist völlig spontan.
- Meine Frage war ja: Wie viel von der evangelisch-methodistischen Kirche ist für Sie heute noch da?
- Und Sie würden sagen, das Mitgefühl haben Sie schon früh mitbekommen von Ihren Eltern?
- Die evangelisch-methodistische Kirche ist bekannt ... Ich denke, das ist der Kern fast aller Religionen.
- Meinen Eltern ging es darum, den Nächsten beizustehen. - Genau. Das ist ein zentrales Anliegen der evangelisch-methodistischen Kirche.
- Es ist für alle Religionen von zentraler Bedeutung. Es gibt wohl keine Religion, die nicht sagt:
- Sei ein freundlicher, guter Mensch. Das ist eine Grundlage aller Religionen.
- Wo sie auseinanderdriften, ist beim Weisheitsaspekt, bei der wissenschaftlichen Betrachtung der Natur der Realität,
- des Geistes, des Gewahrwerdens und des Bewusstseins. Dadurch werden viele Selbstverständlichkeiten
- unserer Welt zerpflückt. Wir begannen das Gespräch mit der Selbstverständlichkeit,
- dass ich Richard Gere bin. Ich lebe in dieser Umgrenzung, in dieser Hülle.
- Olivia lebt in ihrer Hülle. Sie ist da, und sie ist getrennt von mir.
- Was also verbindet uns? Und was verbindet uns nebst als Menschen auch mit unserem Stuhl?
- Stellen Sie sich uns vor als diese Finger, die aussehen, als wären sie vereinzelt.
- Das stimmt, wenn man sich die Fingerspitzen ansieht. Aber sie führen zur Hand.
- So auch der Geist des grossen Bewusstseins, des Klaren Lichts, der Glückseligkeit.
- Es gibt viele Bezeichnungen dafür, aber sie sind alle konzeptueller Natur.
- Die gelebte Realität entspringt der tiefen Natur des Geistes. Sie kommt nicht vom Nichts.
- Es gibt Ursache und Wirkung, aber sie wird von dieser gewaltigen schöpferischen Energie erzeugt,
- die Universen hervorbringt und auch die Idee eines einzelnen Selbst erschafft.
- Haben Sie dieses Erlebnis der Alleinheit auch schon als Kind gespürt?
- Sie waren ja auch musikalisch sehr beschäftigt - mit Trompete spielen, Klavier spielen, Gitarre glaube ich auch.
- Da gibt es auch eine Form von Selbstvergessenheit oder Verbundenheit mit allem.
- Kreativität und Weisheit sind verwandt. Beides ist nicht Denken, vielleicht sogar das Gegenteil von Denken.
- Wenn man sich von der Idee vom Selbst befreit, kommt diese andere Energie zum Tragen.
- Ich erinnere mich an das erste Gespräch mit dem Dalai Lama. Er fragte mich, was ich beruflich mache.
- Er hatte keine Ahnung, wer ich war. Das stimmte für mich, weil ich dort nicht der Schauspieler sein wollte.
- Sein Bruder übersetzte ins Englische und sagte, ich sei Schauspieler. Er horchte auf und bat mich, über die Schauspielerei zu sprechen.
- Ich erklärte ihm, wie man zu einer anderen Figur wird. Zu seinem Bruder gewandt sagte er: "Das klingt wie Tantra."
- Tatsächlich gibt es Parallelen. Ich breche die Vorstellung von Richard herunter,
- um in eine andere Rolle zu schlüpfen. Die Rolle unterscheidet sich nicht grundlegend von mir.
- Sie wächst aus mir heraus. Sie ist eine selektive Version von mir
- und einem kollektiven Bewusstsein der Menschen. Dazu kommt eine Geschichte, mit der wir uns alle verbinden können.
- Wie die Musik ist die Erzählkunst universell. Das finde ich ganz spannend,
- weil man auch unglaublich empathiebegabt sein muss, um Schauspieler zu sein.
- Denn man muss auch Menschen spielen, die man z.B. widerlich findet. Hat sich Ihr Schauspiel verändert, seit Sie meditieren
- und sich so tief mit dem Buddhismus beschäftigen? Vielleicht.
- Vielleicht ein bisschen, vielleicht auch sehr stark. Ich denke, ich bin heute nachsichtiger, weil ich merke,
- dass ich selbst dumme Sachen getan habe und weiterhin tue. Zum Beispiel? - Das behalte ich für mich.
- * Olivia lacht. * Aber wir alle machen Dummheiten und quälen uns mit Selbstvorwürfen.
- "Why did I do that?" "Why did I say that?"
- Selbst wenn es keine grosse Sache war. Freud und Jung haben sich mit der Funktionsweise des Geistes befasst -
- mit den eher oberflächlichen Aspekten davon. Wir ertappen uns selbst bei diesen Dingen.
- Ich finde, am besten bittet man sofort um Vergebung, indem man sagt: "Es tut mir wirklich leid, dass ich das gesagt habe."
- "Ich habe es nicht so gemeint." Zwischen Ländern geschieht das leider nicht sehr oft.
- Da benutzen wir einen anderen Teil unseres Gehirns, nämlich unser Reptiliengehirn, das auf Überleben ausgerichtet ist.
- Es ist sehr schwierig, im Überlebensmodus, in Wut und Hass verstrickt,
- und gleichzeitig liebevoll und freundlich zu sein. Das widerspricht sich.
- Licht und Dunkelheit können nicht zusammen existieren. Etwas würde mich noch interessieren:
- Wenn ich Sie auf Ihre Familie anspreche, habe ich das Gefühl, dass Sie immer direkt wieder
- in dieses Philosophisch-Buddhistische reingehen. Sie haben sich schon als Jugendlicher für Philosophie interessiert.
- Sie haben zwei Jahre Philosophie studiert. Was war damals der ausschlaggebende Punkt dafür?
- Ich wollte immer schon wissen, was Realität ist. Was ist es, was ich da erlebe?
- Es scheint mir ein mentaler Prozess zu sein. Ich vertraue nicht wirklich darauf,
- dass die Welt so ist, wie sie zu sein scheint. Ich wusste nicht, was ich werden wollte, als ich auf dem College war.
- Ich besuchte dann einen Kurs über den Philosophen George Berkeley mit seiner These des subjektiven Idealismus.
- "Esse est percipi" - Sein ist Wahrnehmen, Wahrnehmung ist Sein.
- In der Philosophie nennt man das subjektiven Idealismus - Wahrnehmung als eine Funktion des Geistes.
- Im tibetischen Buddhismus entspricht dies der "Nur Geist Schule". Das ist nicht die höchste Schule,
- aber sie ist ziemlich fortgeschritten. Der nächste Entwicklungsschritt dieser Philosophie, Prasangika,
- besagt, dass Dinge existieren, aber nicht so, wie sie zu existieren scheinen.
- Man kann also in der Welt, in der Traumwelt der Realität, funktionieren und darin verantwortlich sein.
- Gleichzeitig nehmen wir sie nicht in dem Masse persönlich, wie wir es normalerweise tun.
- Aus universeller Warte versteht man den Witz, dass das alles ein Theaterstück ist, an dem wir beteiligt sind.
- Aber wir sind der Autor, der Regisseur und der Schauspieler in unserem eigenen Film.
- Das haben Sie damals schon verstanden? Beim Lesen von Berkeley im Philosophie-Studium?
- Ich dachte so in diese Richtung. Ich hätte es wohl nicht so ausgedrückt,
- aber ich hatte ein Gefühl dafür. Aber wie wirkt sich das auf deine Gefühlswelt aus?
- Dieses andere mysteriöse Gebiet. Warum fühle ich mich traurig? Warum fühle ich mich glücklich?
- Und dann damit umzugehen. Wenn man diese beiden Dinge zusammennimmt
- und die Realität analysiert, stellt sich die Frage, welche Gefühle da anklingen.
- Bei Buddha zeigt sich dann die Krux des Problems in der Selbstbezogenheit, der Vorstellung von einem Selbst -
- einer sinnvollen Grösse aus der Sicht des menschlichen Gehirns. Ausgehend von einem universellen Verständnis von Geist,
- mit dem wir in Kontakt treten können, ergibt das absolut keinen Sinn.
- Es funktioniert nicht. Es führt uns nur in Probleme und Leiden. Man merkt, dass Sie Jahrzehnte mit dem Buddhismus
- und dem Dalai Lama verbracht haben. Sie haben ihn 1982 das erste Mal getroffen.
- Da haben Sie dann auch den tibetischen Buddhismus so richtig kennengelernt.
- Was haben Sie empfunden, als Sie den Dalai Lama zum ersten Mal trafen? Nun, das braucht ein wenig Kontext.
- Wie Sie bereits erwähnten, hatte ich nach etwas gesucht: Zen-Buddhismus, ich war bei den Sufis ...
- Das haben Sie alles ausprobiert? Ich habe alles gelesen und mir vorgestellt, wie das wäre.
- Ich lebte in New York, in Greenwich Village. Da hatte man Zugang zu allem.
- Es gab eine Buchhandlung am Sheridan Square, die die ganze Nacht geöffnet hatte. Dorthin ging ich.
- Ich hatte kein Geld, also nutzte ich sie wie eine Bibliothek. Ich setzte mich in die Abteilung für Philosophie und Religion,
- nahm ein Buch heraus und las es, legte es zurück und nahm das nächste Buch ...
- Ja, ich habe nach etwas gesucht. Der Zen-Buddhismus berührte mich,
- ich sah ihn als die protestantische Version des Buddhismus. It was very straight. - Weil es stringent ist.
- Streng und konsequent. Es schien nicht viele Rituale zu geben, was so nicht stimmt.
- Mir gefielen die Schlichtheit und die Gradlinigkeit. Ich begann, täglich zu meditieren.
- Zen ist da sehr streng. Man tut es oder man lässt es.
- Aber wenn man es tut, dann richtig. Ich halte an meiner täglichen Meditationspraxis fest,
- seit ich 22 war. Vielleicht zehn Jahre später verspürte ich den Impuls,
- nach Tibet zu reisen. Es gab sehr wenige Bücher aus tibetischer Sicht,
- drei davon geschrieben von Walter Evans-Wentz, wahrscheinlich ein Deutscher
- oder vielleicht sogar ein Schweizer - einer von Ihnen!
- (Lachend) Maybe it's me. Er hatte mehrere Bücher zusammen mit einem Tibeter geschrieben,
- darunter "Das Tibetanische Totenbuch". Der Titel kam von ihm, er entspricht nicht dem tibetischen Titel.
- Ein weiteres Buch ist die Biografie eines unglaublichen Yogis namens Milarepa,
- und ein weiteres über Dzogchen, die Lehre der Grossen Vollkommenheit. Daraus entwickelte ich eine romantische Vorstellung von Tibet.
- Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nichts über den Dalai Lama. Ich hatte Nepal bereist
- und in einem Flüchtlingslager in der Nähe von Pokhara Tibeter getroffen. Was ich dort sah und erlebte, hat mich tief berührt.
- Outside of Pokhara ... Darf ich kurz nachfragen? Was genau hat Sie berührt?
- Sie lebten in einer anderen Realitätsstruktur. Es war sofort spürbar, dass sie sich im selben Raum,
- aber in einer anderen Realität befanden, mit deren Aspekten sie alle klarkamen.
- In meiner gewohnten Realität habe ich alles im Griff. Ich fühlte eine Art von angeborener Weisheit und Mitgefühl,
- die tief in diese Kultur verwoben war. Es ging nicht um mich oder um meinen Gewinn aus dieser Situation.
- Ich spürte ein kollektives Glücksgefühl. Wir waren alle durchdrungen davon.
- Es wurde nicht ausgesprochen, aber man hat es einfach gespürt. Ähnliches spürt man manchmal, wenn man einen Raum betritt
- und eine seltsame Stimmung aufnimmt. Man merkt sofort, dass die Menschen unglücklich oder wütend sind.
- Tritt man in einen Raum, wo alle glücklich sind und lächeln, macht sich Erleichterung breit.
- Ich hatte ein solches Gefühl. Aber mir war auch bewusst, dass dies Flüchtlinge waren.
- Sie hatten alles zurückgelassen. Da hatte ich ein Schlüsselerlebnis.
- Ich wollte diesen Tibetern etwas abkaufen - eine Schale von einer älteren Frau und ihrem Sohn, die versuchten,
- irgendwie Geld für Essen aufzutreiben. Sie wollten mir diese Schale verkaufen.
- Es war ein hübsches, kleines Ding, aus Silber und Holz. Und ich sagte "Ja", und begann zu feilschen.
- Es ging nicht um viel Geld. Aber die Idee im Westen ist: Man drückt den Preis.
- Es ist nicht teuer, aber kann ich es für weniger bekommen? Ich erinnere mich an das Feilschen
- und an den Gesichtsausdruck der beiden. Über den Dolmetscher sagte die Frau:
- "Okay, aber bitte verstehen Sie, das ist eine uralte Schale." Und sie sah mir in die Augen. Dann gab sie sie mir.
- Die symbolische Bedeutung davon ist mir immer im Gedächtnis geblieben: Die Tibeter haben mir dieses antike Objekt gegeben.
- Respektiere es, im Wissen, dass du es billig bekommen hast. Ihr Leute aus dem Westen musstet euch nicht allzu sehr abmühen.
- Wir mussten ins Exil fliehen, damit ihr unsere Schätze bekommen konntet. Unsere Tragödie war euer Glück und euer Erfolg.
- Aber vergesst nicht, dass dies einen uralten Wert darstellt. Bitte habt Respekt.
- Ein berührender Moment. Und wie hat es sich dann angefühlt,
- als Sie den Dalai Lama getroffen haben, nachdem Sie all das erlebt haben?
- Als ich dann seine Heiligkeit traf, war er sehr locker. Er versteht, dass die Menschen ihn aufsuchen,
- um ihre Projektionen zu durchbrechen. Er begegnet dem von Anfang an sehr einfach und entspannt.
- Wie gesagt, war ich beeindruckt von seiner Einfachheit, aber auch von seinem Einblick und seiner Bereitschaft,
- ein Gespräch zu führen – nicht für ihn, aber für mich. In der Haltung: Was würde bei Ihnen funktionieren?
- Was kann ich von dem, was ich über Sie weiss, nutzen, damit ich Ihnen etwas Bedeutungsvolles mitgeben kann?
- Ich finde spannend, dass Sie sagen, er habe etwas durchbrochen, er könne Oberflächen durchbrechen.
- Sie sagten mal in einem Interview: "He got into deep layers of me." Was hat er denn da gesehen?
- Sie haben sich offenbar gesehen gefühlt. Was hat er genau gesehen? Was sieht der Dalai Lama?
- Keine Ahnung. Ich kenne das Interview nicht. Ich weiss also nicht, was ich gesagt habe.
- Es war in "The Sunday Times". Habe ich die Geschichte nicht schon erzählt?
- Also noch mal, auch wenn ich es leid bin, sie stets zu wiederholen. Er fragte über seinen Bruder, Ngari Rinpoché, auf Tibetisch:
- "Was macht er? Erzähl mir von ihm." Ich nehme an, er sagte ihm, ich sei ein Schauspieler.
- Ich hatte damals begonnen, Filme zu machen. Er sah mich also an und sagte: "Sie sind also ein Schauspieler?"
- Und ich sagte "Ja" und dachte, ich will nicht über die Schauspielerei reden.
- Ich war ja gekommen, um mit Erleuchtung gesegnet zu werden. Wie Sie es gesagt haben davor.
- Ich sagte also: "Ja, ich bin ein Schauspieler." Er sagte: "Wenn Sie in der Rolle wütend sind,
- sind Sie dann wirklich wütend?" "Und wenn Sie traurig sind und weinen, weinen Sie dann wirklich?"
- "Wenn Sie lachen, sind Sie dann wirklich glücklich?" Ich erklärte,
- dass ich es fühlen muss, damit es glaubhaft ist. Er sah mich unverwandt an und fing dann einfach an zu lachen.
- Da begriff ich: Was ich als Schauspieler tue,
- unterscheidet sich nicht von dem, was wir alle Tag für Tag tun. In unserer normalen Erfahrung der Welt tun wir so als ob.
- Unsere Wut, unsere Traurigkeit und so weiter sind nicht echt. Unter der Erregung der Oberfläche aber sind wir unversehrt.
- Der eigentliche Geist kräuselt sich nicht. Die Emotionen schiessen aus ihm heraus
- wie die Eruptionen aus den Sonnenflecken. Die Sonne aber und ihre Temperatur sind stabil.
- Was sich vor uns manifestiert, ist bloss die Illusion des Augenblicks. Wenn ich wütend oder traurig bin, weine oder lache,
- sind das alles Ausschläge auf der obersten Schicht unseres Seins. Das ist der intellektuelle Hintergrund.
- Natürlich hat er das nicht gesagt. Er hat nur die Frage gestellt: "Ist es wirklich so?"
- Ich bin nicht wirklich wütend. Ich spiele als Schauspieler mit der Wut, um eine Geschichte zu erzählen.
- Wenn die Szene abgedreht ist, umarmen und küssen wir uns. Schnitt – und wir sind alle glücklich.
- Es ist eine Illusion, ein Spiel, ein Stück – es ist Theater. Aber wir vergessen, dass wir der Autor, der Regisseur
- und der Schauspieler in unserem Theater des Lebens sind. Sie haben jetzt einen Film mit dem Dalai Lama produziert,
- "Wisdom of Happiness", der jetzt in den Kinos anläuft. Gute Überleitung!
- Lassen Sie uns kurz in den Film reinschauen. Es geht darin auch um unsere Verantwortung für den Planeten.
- Er sagt: "The very purpose of our life is happiness, joyfulness." Was bedeutet das denn genau?
- Was bedeutet es auch für Sie? Für mich ist das Freiheit, Befreiung.
- Es bedeutet, keine Angst vor irgendetwas zu haben, nichts wirklich zu brauchen.
- Wir sind sehr damit beschäftigt, Dinge zu tun, von denen wir glauben, dass sie getan werden müssen, weil wir etwas brauchen.
- Es gibt grosse Yogis, die niemand kennt. Sie leben wie Bettler auf der Strasse.
- Sie brauchen nichts und sind brillant jenseits unserer wildesten Vorstellungskraft
- in der Art und Weise, wie sie die Realität und die Natur ihres eigenen Geistes verstehen.
- Sie kommen einzig ins Handeln, um Menschen zu helfen,
- diese halluzinogene Verrücktheit auszumerzen, von der wir glauben, sie gehöre zum Leben, zu unserem Sein.
- Aber sie kann beseitigt werden wie Schmutz, der abgetragen wird. Was übrig bleibt, ist das reine Bewusstsein, ein Gewahrsein,
- das man auch klares Licht nennt - alles nur Konzepte, für das, was übrig bleibt als Essenz dessen,
- was wir sind, unsere Buddha-Natur, die uns allen gemein ist. Und deshalb sprechen Sie auch immer wieder von Mitgefühl.
- Sie sind nebst Ihrer Schauspielerei auch extrem aktiv als Philanthrop. Sie haben ein Stiftung gegründet
- und setzen sich ein für die Freiheit von Tibet. Hat das auch mit der Einsicht zu tun, dass wir alle eins sind?
- Dass Sie dieses Mitgefühl in die Welt tragen wollen? Das habe ich von meinen Eltern.
- Wie ich bereits gesagt habe, war ihnen das in die Wiege gelegt. Man hilft.
- Menschen brauchen Hilfe, man gibt. So einfach ist das.
- Mein Vater hat Versicherungen verkauft. Er war wie ein Pastor.
- Die Leute riefen mitten in der Nacht an, weil sie einen Autounfall hatten
- oder jemand gestürzt war oder es im Haus gebrannt hatte. Er war da, um zu helfen.
- Er stand auf, ging hin - wie ein Feuerwehrmann oder ein Pastor oder ein Polizist.
- Das geschah intuitiv. Ich habe diese intuitive Grosszügigkeit des Geistes
- nicht in dem Masse, aber ich habe sie auch. Wir alle haben sie. Es gibt wohl niemanden, der nicht auf diese grundlegende Güte
- bei anderen Menschen anspricht. Das liegt daran, dass wir sie selbst in uns tragen und sie uns verbindet.
- Der Dalai Lama sagt: "Meine Religion ist Freundlichkeit." Er meint damit nicht einfache Freundlichkeit,
- sondern selbstlose Güte, die einen intuitiv handeln lässt, wie wenn es einen juckt. Man tut es einfach.
- There is suffering - you do it. - Automatisch. Was ist denn Ihr Anliegen mit diesem Film?
- Ich denke, dieser Film ist eine Chance. Ich habe schon viele Dokumentarfilme über seine Heiligkeit gesehen,
- an vielen verschiedenen Orten und an unterschiedlichen Anlässen. Ich habe viele dieser Anlässe selbst organisiert.
- Aber ich habe noch nie gesehen, wie seine Heiligkeit direkt in die Kamera schaut.
- Diese Technik stammt von Errol Morris, einem unglaublichen US-amerikanischen Dokumentarfilmer.
- Auf einem Spiegel vor der Kamera sieht man den Interviewer, mit dem man spricht und schaut so direkt in die Linse.
- Das Interview wurde vor Covid gemacht. Wir hörten,
- seine Heiligkeit hätte sich an diesem Tag nicht gut gefühlt. Es war nicht sicher, ob das Interview stattfinden konnte.
- Aber er tauchte auf und es war magisch. Er war brillant und schlicht.
- Wie lange hat das gedauert? Über 2 Std. wahrscheinlich, oder? Wahrscheinlich war der Dreh sogar kürzer.
- Ich muss wohl über die Arbeit am Film sprechen. Die Filmemacher kontaktierten mich vor etwa neun Monaten
- und zeigten mir, was sie hatten. Ich fand den Film ziemlich toll, dachte aber,
- man könnte mehr daraus machen. Ich hatte ein paar Ideen, und sie fragten mich,
- ob ich am Film mitarbeiten würde. Ich habe Oren Moverman beigezogen, einen befreundeten Autor,
- Regisseur und Produzenten, mit dem ich sechs Filme gedreht habe. Zusammen haben wir dann Teile vom Film überdacht und ihn überarbeitet.
- Der Buddhismus war etwas verworren, das wollte ich bereinigen. Bei einigen Aufnahmen waren sie nicht sicher,
- ob sie sie zeigen wollten, weil seine Heiligkeit ein wenig gebrechlich aussah.
- Ich fand das in Ordnung. Wir fanden ja auch weiteres Archivmaterial.
- Es sind unglaubliche Bilder in diesem Film! Archivaufnahmen. Bilder von ihm im Alter von drei, vier Jahren, dann als Teenager
- und später als eine Art Rockstar mit 25 Jahren. Eine unglaubliche Präsenz.
- Dann natürlich später im Exil und als weltweit bekannte Persönlichkeit.
- Ihn gebrechlich zu zeigen, war also in Ordnung, schliesslich wird er nächstes Jahr 90 Jahre alt.
- Nächsten Juli. Für mich ist es das Herzstück, in dem zusammengetragen wird,
- was er 90 Jahre lang auf diesem Planeten bedeutete und was für einen aussergewöhnlichen Einfluss er hatte.
- Und er spricht uns im Film - wie Sie sagen - durch die Linse immer direkt an. Er sagt: "brothers and sisters".
- Ich finde diese Ansprache interessant, auch Papst Franziskus verwendet die immer wieder.
- Sie zeigt natürlich, dass er davon ausgeht, dass wir alle miteinander verbunden sind, eins sind.
- Gleichzeitig dachte ich mir, wie schwierig es ist, das zu empfinden als Mensch,
- weil die Alltagserfahrung uns immer wieder etwas anderes zeigt. Wir steigen in den Bus und sind genervt von anderen Menschen.
- Jemand hat etwas, von dem wir denken, es stehe ihm nicht zu usw. Wir machen diese Trennungen also immer wieder.
- Will dieser Film auch genau da Brücken schaffen? Natürlich.
- Der Film ist ja nicht bloss ein Dokumentarfilm über den Dalai Lama, sondern auch über seine Weltanschauung.
- Er hat die Form einer Unterweisung und Meditation. Darin eingebaut sind Wiederholungen,
- wie es typisch ist in der tibetischen Lehre. In einer Belehrung über viele Stunden
- gibt es vielleicht drei Wiederholungen. Was am Anfang der Belehrung gesagt wird,
- bedeutet einen Tag später etwas anderes. Der Geist ist an einem anderen Ort.
- Man ist ruhiger und offener für die Resonanz einer einfachen Aussage. Beim dritten Mal handelt es sich nicht mehr
- um konzeptionelles Wissen, sondern kommt direkt vom Herzen. Der Dalai Lama tut das, weil er es weiss.
- Ich imitiere es, weil ich nichts weiss. Der Dalai Lama hat diese Dinge so sehr verinnerlicht,
- dass er sie auf einfache Weise sagen kann, sodass jeder es versteht. Weil man dabei direkt in seine Augen blicken kann,
- entsteht darüber hinaus eine komplett nonverbale Ebene der Kommunikation.
- Er spricht im Film sehr viel über Mitgefühl. Wir haben heute auch schon darüber gesprochen.
- Mein Eindruck ist, dass Mitgefühl keinen besonders guten Ruf hat, insofern es vielleicht sentimental wirkt,
- insofern wir auch um uns herum überall bewaffnete Konflikte sehen, wo der Ruf nach Mitgefühl alleine naiv wirkt.
- Nun, ich denke, wir stolpern über die Begriffe, weil sie von den falschen Leuten korrumpiert worden sind.
- Vielleicht müssen wir für diese Dinge eine neue Sprache finden, die möglichst einfach und direkt ist,
- oder nur den Besten von uns erlauben, Wörter wie Mitgefühl oder Altruismus zu gebrauchen.
- Und wie wollen wir das machen? Dass jemand wie Trump diese Begriffe verwendet, ist einfach infam.
- Wir suchten ein geeignetes Filmposter und ich schlug dann ein Bild seiner Heiligkeit
- mit dem Planeten in seinen Händen vor, in Anlehnung an die berühmte Unterweisung
- "Befreiung in unseren Händen". Unsere eigene Freiheit liegt tatsächlich in unserer Hand.
- In dem Mass, wie man in der Lage ist, echte Güte, Liebe und Mitgefühl zu zeigen, erwächst auch Weisheit.
- Weisheit und Mitgefühl wachsen aneinander. Im Zusammenkommen mit Erkenntnis, Fühlen und Handeln
- entsteht das Beste, worauf wir Menschen hoffen können. Richard, ich glaube, wir verstehen uns hier.
- Meine Frage ist: Wie bringt man Menschen dazu, von Mitgefühl überzeugt zu sein,
- also dass Mitgefühl ihnen auch hilft, die nicht so gepolt sind? Menschen, die derzeit Kriege führen -
- und Frieden definitiv nicht das Ziel davon ist. Nun, wir haben schon viele Kriege erlebt, und sie enden nicht gut.
- Vielleicht hilft also auch nur ein bisschen Weisheit, zu sagen: "So nicht."
- Der buddhistische Weg ist, an sich selbst zu arbeiten. Man gibt niemand anderem die Schuld
- für die eigenen Erfahrungen in der Welt. Man arbeitet an sich, an seinem Geist, an seinem Herzen.
- Wer viel Energie und Fokus hat, kann wirklich grosse Fortschritte machen in Richtung Freiheit, Befreiung, beim Nicht-Anhaften.
- Es führt zu einer gewissen Art von echtem Mitgefühl, den Blick zu heben und zu sehen, wie Menschen unnötigerweise leiden.
- Was kann ich tun, um die Halluzination dieser Selbstbezogenheit zu durchbrechen,
- die dazu führt, dass wir uns gegenseitig verletzen? Wir sind Brüder und Schwestern.
- Niemand von uns lebt auf seinem eigenen Planeten. Wir leben gemeinsam auf diesem Planeten.
- Warum dieses Gefälle zwischen arm und reich? Das ist Wahnsinn angesichts der Fülle der Zeit -
- von der Reinkarnation ganz zu schweigen -, die das Entstehen und Vergehen der Planeten
- über Milliarden von Jahren umspannt, vom Urknall des Universums bis zu seinem Kollaps ...
- ... über Milliarden und Milliarden von Jahren. Und wir machen uns Gedanken über kleine, dumme Dinge,
- die Streit in unser Haus, in unsere Gemeinschaften, in unsere Welt auf diesem kleinen Planeten im All tragen.
- Es ist wahnsinnig. Der Dalai Lama sagt im Film auch,
- dass wir in einem sehr schwierigen Jahrhundert leben. Der Dalai Lama ist allerdings weder Vater noch Ehemann.
- Natürlich ist er für ganz viele Menschen eine zentrale Figur. Sie aber sind Vater und Ehemann.
- Wie schauen Sie denn auf die Entwicklung der Welt? Ich kann es nur wiederholen:
- Wenn ich es in meiner eigenen Welt nicht schaffe, kann ich nicht erwarten, dass es jemand anderes tut.
- Wir kümmern uns um unsere eigene Familie. Wir werden frustriert.
- Die Menschen arbeiten hart. Sie sind müde. Das Kind weint und man kann kaum die Miete bezahlen.
- Jeder hat Probleme. Jeder. Wir sind Brüder und Schwestern in Schmerz und Leid,
- aber auch in Glück und Freude und Chancen. Es gibt genug zu essen für alle auf diesem Planeten.
- Niemand muss hungern. Es gibt genug Wohnraum für alle. Etwas, was mir wirklich am Herzen liegt, sind Obdachlose.
- Wir haben genug, um allen Menschen ein Dach über dem Kopf zu geben und eine medizinische Versorgung zu ermöglichen.
- Wir haben genug, damit alle ein relativ glückliches Leben im Rahmen dieser menschlichen Erfahrung führen können.
- Das ist nicht so schwierig. Schwieriger ist es, dieses universelle Gefühl zu erlangen,
- dass wir tatsächlich Brüder und Schwestern sind. Dass Ihre Erfahrung auch meine Erfahrung ist.
- Es gibt keinen Unterschied. Und trotzdem leben Menschen ohne Dach über dem Kopf,
- während andere in absolutem Luxus leben. Buddha soll man gesagt haben:
- Wenn man wissen will, wie das vorherige Leben war, dann soll man das jetzige anschauen.
- Nun leben Sie ja insgesamt sehr privilegiert. Würden Sie sagen, dass Sie davor sehr viele gute Taten getan haben?
- Ich weiss nicht. Ein gewisses positives Karma hat es mir ermöglicht,
- die Nähe zum Buddhismus und als Schüler zum Dalai Lama und anderen grossartigen Lehrern zu finden.
- Dafür bin ich unglaublich dankbar. Ich sage das in grosser Demut.
- Ich glaube nicht, dass ich etwas Besonderes bin. Aber ich habe Glück und führe ein sehr privilegiertes Leben.
- Ich fühle mich verpflichtet, etwas zurückzugeben, wenn ich kann. Und wir alle haben etwas zu geben.
- Neulich traf ich auf einen Zollbeamten in Heathrow. Heathrow ist der unmöglichste Flughafen der Welt.
- Sehen Sie das nicht auch so? * Olivia lacht. * Sie sehen mich an, als ob ich verrückt wäre.
- Stimmen Sie mir nicht zu? - About Heathrow I'm not sure. Ich ging also durch den Zoll, und die prüfen wirklich alles
- und nehmen dein ganzes Gepäck auseinander. Es war frustrierend. Und da war dieser Gentleman, offensichtlich aus Indien,
- der mich freundlich grüsst und mir eine lustige Anekdote über sich erzählt
- und mich dabei anlächelt - ein echtes Lächeln. Sofort fiel alle Frustration von mir ab.
- Dieser Mann hatte eine echte Wirkung auf einen anderen Menschen. Es fiel ihm leicht.
- Das könnten wir alle tun. Sie haben zuvor von er Buddha-Natur gesprochen,
- aber auch davon, dass es das Selbst im Buddhismus nicht gibt. Es ist eine Illusion, ein Konzept, das wir uns machen.
- Wie gehen Sie damit als Schauspieler um? Denn als Schauspieler - indem Sie so erfolgreich sind -
- geht es ganz stark um Sie, Sie stehen im Mittelpunkt. Auch die Einzigartigkeit Ihrer Person ist ganz zentral.
- Ist das nicht auch eine Art süsse Frucht, die einen verführen kann, die sich mit der buddhistischen Lehre beisst?
- Dass man immer wieder stark auf ein Selbst zurückgeführt wird? Das stimmt natürlich.
- Das Leben ist ... ... voller Pralinen, die man will.
- Und Sie wollen keine Schokolade mehr? Doch, aber ich brauche sie nicht mehr.
- Sie wissen, Sie brauchen sie nicht. Ich bin nicht süchtig. Natürlich mag ich sie.
- Ich nehme eine, aber ich brauche keine zweite, und noch eine ... Bloss die eine. Oh, danke schön. Lecker.
- Sie sind jetzt 75 Jahre alt, wie wir zu Beginn gehört haben. (Gespielt verärgert) Das stimmt nicht!
- Ich 75? Wie könnte das sein? Bei einem Treffen heute Morgen
- sprach jemand über einen sehr alten Freund, der bald 82 wird. Das hat sich auch für mich mal so angehört, als ob das sehr alt wäre.
- 82 ist gar nicht mehr so alt. Was ich eigentlich ansprechen wollte:
- Es ist ein Alter, wo man sich dann vielleicht irgendwann mal Gedanken macht über die eigene Sterblichkeit
- oder die Endlichkeit mehr vor Augen geführt bekommt. Im tibetischen Buddhismus gibt es eine Meditationspraxis,
- die einen auf den Sterbeprozess vorbereitet. Ist es ein Thema, das Sie auch tatsächlich beschäftigt?
- Ohne ein gewisses Verständnis für den Sterbeprozess ist es sehr schwierig, den Prozess des Lebens zu verstehen.
- Daraus ergibt sich ein grösserer Zusammenhang. Unser Sterben beginnt im Moment unserer Geburt.
- Das ist Allgemeinwissen, aber man weiss es nur intellektuell. Es ist nicht tief verinnerlichtes Wissen.
- Der Körper verändert sich ständig. Dies ist nicht derselbe Körper, mit dem ich hierherkam.
- Sie sind nicht dieselbe Person wie vor 10 Std., als wir dieses Gespräch begannen.
- Das ist das längste Interview meines Lebens! Alles verändert sich ständig.
- Das Wissen um die Sterblichkeit ermöglicht die stetigen Veränderungsprozesse –
- auch im Körper. Was bleibt, ist die Kontinuität des Bewusstseins, wie in einem Traum.
- Ja eben. Bei Ihnen ist es noch mal was anderes, weil Sie glauben an die Reinkarnation.
- Das ändert den Blick aufs Leben auch noch mal. Jeder Augenblick ist Reinkarnation.
- Wenn Sie sich wirklich mit der Idee vom Selbst auseinandersetzen, erkennen Sie, dass jeder Atemzug eine Reinkarnation ist.
- Jeder Moment ist völlig neu. Wir sehen das nicht so, weil wir Momentaufnahmen machen.
- Wir halten an diesen Konzepten von uns fest, als wären sie die Realität.
- Da bin ich und so wird es immer bleiben. Mehr ist da nicht. Dann ändern sich die Dinge und ich sage:
- "Moment mal. Das ist jetzt eine andere Momentaufnahme." "Okay. Vergessen wir die vorige."
- Man macht eine andere Momentaufnahme und lebt damit eine Zeit lang. Bis wir merken, dass sich alles laufend verändert.
- Es gibt keinen Augenblick, den man als Realität festhalten kann. Das heisst, Sie schauen dem eigenen Tod komplett entspannt entgegen?
- Nun, es gibt v.a. im tibetischen Buddhismus Praktiken, bei denen man seinen Tod immer wieder probt. - I know.
- Woher wissen Sie also von diesen Dingen? Well, I studied it. - Sie haben das studiert?
- Warum haben Sie mir das nicht gesagt? Wer war Ihr Lehrer? Different ones, at university.
- An der Uni? Aber Sie hatten nie einen tibetischen Lama? No. Tibetan Lama no.
- Das ist auch gut. Es ist ein anderer Ansatz. Ja, seinen Tod durchzuspielen, gehört zum meditativen Prozess
- und weicht unseren Glauben an die Realität auf. Aber irgendwann ist es Zeit, seinen Körper zurückzulassen.
- Das kann Angst auslösen, weil man sich an dieses harte Ich klammert
- und man nicht weiss, was in diesem Prozess damit geschieht. Es gibt eine weichere Vorstellung vom Ich,
- nach der sich das Selbst im Moment des Todes in alle Richtungen bewegt und vom Körper löst.
- Diese grössere, weitere Vorstellung vom Ich fliesst ein in den konstanten Strom der Dinge.
- Vielen Dank für diese vielen Snapshots. Es war sehr spannend, mit Ihnen zu sprechen, Richard Gere.
- Untertitelung: Metatxt im Auftrag von SWISS TXT - 2024