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Meilensteine der Kontinental-Geschichte Europas | Ganze Folge | Terra X
Das Wichtigste aus dem Video
Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.
Transkriptautomatisch erstellt · 329 Zeilen
- Unsere Kontinente. Einzigartig und vielfältig zugleich.
- Südamerika. Asien. - Afrika.
- Australien und Ozeanien. Nordamerika.
- Europa. Vor mehr als 200 Millionen Jahren beginnt die Reise der Erdteile,
- als der Urkontinent Pangäa zerbricht. Heute erstreckt sich Europa vom Atlantik bis zum Ural,
- vom Mittelmeer bis nach Island. Es ist Mutter Erde, die die Ansagen macht.
- Die Natur beschenkt die Menschen. Und fordert sie heraus.
- (Frau) Ich glaube, dass die Natur unseren Glauben an das Übernatürliche auslöst.
- Europas Küsten sind wie geschaffen für die Schifffahrt. Der Kontinent bildete eine Startrampe in den Nordatlantik
- und in die ganze Welt. Unter der Erde werkelt ein Brennstoff,
- der die Welt für immer verändert. Geologie bestimmt die Geschichte Europas
- und prägt die Menschen. Europa ist vielleicht der paradoxeste Kontinent.
- Einerseits für jemanden wie mich eine unersättliche Fundgrube füllt die Geschichtsbücher und -kanäle dieser Welt.
- Andererseits ist es neben der Antarktis, Ozeanien und Australien der kleinste Erdteil.
- Und es gibt kaum Vorkommen von Diamanten oder von Gold. Trotzdem ist Europa, zugespitzt gesagt,
- der Gunst-Kontinent. Und das kann man auch sehen, wenn man sich den Globus anschaut.
- Das machen wir jetzt auch mal - und zwar live. Mit einem Spaziergang entlang des 55. Breitengrades.
- Ungefähr auf unserer Heimathöhe. Wichtig ist aber: warm anziehen.
- Denn auf dieser Höhe, ungefähr, befindet sich auch Neufundland in Kanada.
- Hier leben Eisbären und die Wintertemperaturen erreichen bis zu minus 30 Grad.
- Oder Sibirien: fünf Monate Dauerfrost.
- Zu den wenigen Bäumen, die hier überleben, gehören Fichten, Kiefern und auch Lärchen.
- Und Europa? Gleiche Höhe, blühende Landschaften.
- An den Küsten Norwegens wachsen Obstbäume, es gedeihen Erdbeeren und auch Gemüse.
- Und in England und Schottland liegen wir am Strand. Dieses Klima ist ein Nebeneffekt der Entstehung der Kontinente
- und für Europa ein echter Glücksfall. Es beginnt vor etwa 3 Millionen Jahren
- dank einer geologischen Verschiebung auf der anderen Seite des Globus. Die Landbrücke zwischen den Amerikas schließt sich.
- Das ändert die Richtung des mild temperierten Golfstroms. Er transportiert von nun an warmes Wasser nach Europa.
- Unterwegs nimmt er Sand aus der Sahara auf, der als Naturdünger wirkt.
- So wird der Golfstrom zum idealen Lebensraum für Fische und Meeressäuger.
- Der Strom wärmt Europas Küsten und schiebt warme Luft und Feuchtigkeit über den Kontinent.
- Das sorgt nicht nur für milde Temperaturen, sondern auch für regelmäßige Jahreszeiten.
- Auf Frühling und Sommer folgen Herbst und Winter im steten Wechsel.
- Die geologischen Gegebenheiten sind perfekt für eine vielfältige und produktive Landwirtschaft,
- eine wachsende Bevölkerung und die Entstehung von Städten und ganzen Kulturen.
- Auch ein geologisches Plus für Europa: Während der Eiszeiten drücken Gletscher tonnenschwer
- auf das darunterliegende Gestein und splittern es auf.
- Ein fruchtbares Mehl aus Quarz und Kalk bleibt zurück. Winde verbreiten diesen Löss über den Kontinent.
- Wo er landet, werden Äcker und Wiesen entstehen. Wie maßgeblich dieser Vorgang
- Jahrmillionen später das Leben der Menschen verändert, untersucht das Max-Planck-Institut Leipzig.
- Aus Knochenfunden rekonstruiert man hier die Gene der frühen Europäer und Europäerinnen
- und stößt auf die Spuren einer Zeitenwende. Wir haben in den letzten Jahren Tausende von alten Genomen
- aus der Vergangenheit aus Europa rekonstruiert. Unter anderem auch die Ureuropäer, die Jäger und Sammler,
- deren Vorfahren vor ungefähr 40.000 Jahren nach Europa eingewandert sind.
- Die dann in Europa gelebt haben. Und vor 7000 Jahren passiert aber dann plötzlich
- etwas Spannendes, Unerwartetes. Die Genetik der Einwohner Europas verändert sich.
- Zur selben Zeit verändert sich die Lebensweise. Den Kontinent erreichen Migranten aus dem Südosten.
- Ihre DNA zeigt: Sie haben einen weiten Weg hinter sich.
- Und zwar sehen wir diese DNA-Signatur vorher in Menschen in Anatolien.
- In Anatolien, das heißt im Süden von Anatolien, im Norden vom heutigen Syrien, im fruchtbaren Halbmond.
- Die Neuankömmlinge bringen eine ganz andere Lebensweise mit. Sie bestellen Felder, betreiben Ackerbau, züchten Vieh.
- Und sie werden sesshaft. In der Folge nimmt die Bevölkerung rapide zu,
- was die Besiedlung des Kontinents beschleunigt. (Krause) Über mehrere Hundert oder Tausend Jahre
- verbreiten sich die Menschen von im Prinzip Westanatolien über den Balkan nach Mitteleuropa und dann auch in ganz Europa.
- (Dartnell) Über die Zeit werden die fruchtbaren Ebenen Nord-, Mittel- und Osteuropas
- zum Mittelpunkt der europäischen Zivilisation. Diese gewaltigen Flächen mit ihrer fruchtbaren Erde,
- mit ihren schweren, lehmigen Äckern, entwickeln sich dank der Erfindung des Pflugs
- zu regelrechten Kornkammern. Das ernährt eine wachsende Bevölkerung.
- Im Getreide wurzelt unsere Essenstradition. Hartweizen ist typisch für die Mittelmeerregion.
- Sein eiweißreiches Mehl bildet die Grundlage für Brot, Pizza und Pasta.
- In Mitteleuropa wachsen neben Weizen vor allem Roggen und Gerste. So wird in Deutschland das Mischbrot besonders beliebt.
- Im Westen inspiriert Weizen das französische Baguette. Im europäischen Norden dünnes Knäckebrot,
- dass sich im skandinavischen Winter besonders lange lagern lässt. Der Mensch kultiviert nicht nur Ackerböden.
- Fast der ganze Naturraum Europas ist heute gestaltet. Doch der Kontinent hat auch den Menschen
- zur Anpassung gezwungen. In der Lebensweise und sogar im Aussehen,
- wie der Vergleich mit den Vorfahren zeigt. Diese brachten aus ihrer sonnenreichen Heimat
- eine schützende, dunklere Haut mit. Doch das kann weiter nördlich zu einem Vitaminmangel führen.
- Innerhalb weniger Tausend Jahre wird die Haut heller. Und damit durchlässiger für die Sonne.
- So kann der Körper mehr Vitamin D produzieren. Die hellste Haut in Europa
- haben die Skandinavierinnen und Skandinavier wegen des wenigen Sonnenlichts.
- Je weiter südlich man kommt, desto mehr Menschen mit dunklerer Haut findet man.
- Wir in Europa haben also im Norden, im Süden, im Osten und im Westen ganz unterschiedliche Wurzeln und verschiedene Eigenheiten.
- Trotzdem verstehen sich etwa 70 Prozent aller Europäerinnen und Europäer als Bürger Europas.
- Und die Grundlage dafür, die legt vor Jahrmillionen wieder die Natur.
- Unter anderem auch der größte Vulkan Europas, der Ätna.
- * Majestätische Musik * Wo er steht, befindet sich ein offener Bruch Europas,
- der Südrand der europäischen Kontinentalplatte. Durch ihre Bewegung entsteht ein Kulturraum,
- dem wir unglaublich viel zu verdanken haben. Wenn sich Erdplatten bewegen,
- verändern sie das Gesicht der Kontinente. Sie formen ein neues Relief der Oberfläche,
- bringen Gesteine des Untergrunds nach oben oder schlucken ganze Landstriche.
- Im Süden Europas ist es die afrikanische Platte, die vor 120 Millionen Jahren
- mit der eurasischen Landmasse kollidiert. Dieses tektonische Kräftemessen
- erzeugt gewaltige Verwerfungen mit markanten Folgen. So sind riesige Gebirgsketten in Südeuropa entstanden.
- Der Kaukasus, die Karpaten, die Alpen. Doch im Erdinneren ist damit keineswegs Ruhe.
- An den Nahtstellen der Platten rumort es weiter - bis heute. Genau auf einer solchen Naht liegt Sizilien.
- Mit dem Ätna hat die Insel den größten und aktivsten der Mittelmeervulkane aufzuweisen.
- Ein internationales Geologenteam behält ihn im Blick. Zu einem Vulkan gehören Veränderungen dazu.
- Das macht sie gerade für uns so spannend. Die Oberfläche des Vulkans ist ständig in Bewegung
- und ändert sich ständig, besonders, wenn er so aktiv ist wie der Ätna.
- Das macht Ätna zu einem der interessantesten und spannendsten Vulkane für die Forschung.
- Seit Anfang 2021 ist der Ätna wieder auffällig. Spontane und besonders starke Ausbrüche nehmen zu.
- Sie verändern die gesamte Küstenlinie und damit auch die Lebensbedingungen für die Menschen.
- Wie sehr, das zeigen Drohnenmessungen. Innerhalb von nur sechs Monaten
- ist der Ätna um ganze 30 Meter gewachsen. Der Ätna zeigt sehr viele verschiedene Verhaltensweisen.
- Er hat eben nicht nur einen Krater, sondern viele. Er eruptiert nicht nur am Gipfel, auch an den Flanken.
- Das ist insbesondere dann gefährlich, wenn es ein Vulkan an einer Küstenlinie ist,
- also Inselvulkane, weil ein Hangrutsch ins Meer dann einen Tsunami auslösen kann.
- Die Furcht vor der Katastrophe ist auf Sizilien Alltag. Wie lange noch wird der Ätna Ruhe halten?
- Beim Ausbruch von 1908 wird die gesamte Region verwüstet. 72.000 Menschen sterben.
- Im kollektiven Gedächtnis Europas haben Vulkane einen festen Platz als Verursacher gewaltiger Katastrophen.
- Doch die unruhigen Erdplatten haben auch besonders begünstigte Lebensräume geschaffen -
- wie das Mittelmeer. Es entsteht in seiner heutigen Form,
- als die Landbrücke bei Gibraltar vor etwa 5 Millionen Jahren absinkt. Das zu dieser Zeit trockene Land zwischen Europa und Afrika
- wird vom Atlantik überschwemmt. Die Küstenlinie ist zerknittert
- und in viele natürliche Buchten gegliedert. Wie geschaffen für Seefahrerkulturen.
- Die Buchten bieten gut geschützte Plätze zum Ankern und Segeln. Steile Hänge halten Wind und Wetter ab.
- Das Mittelmeer selbst hat kaum Gezeiten oder starke Strömungen. Auch die vielen Inseln erleichtern das Reisen.
- Wenn Sie zum Beispiel vom Nildelta bis nach Griechenland fahren, sind Sie nie weit von Land entfernt.
- Und es gibt zuverlässige Orientierungspunkte für die Navigation.
- Das Mittelmeer wird in der Geschichte zum idealen Transportraum für Waren und Ideen.
- Die großen Kulturen der Antike blühen unter diesen Bedingungen auf. Ihr Erbe bestimmt das Leben in Europa bis heute.
- Im alten Griechenland entwickeln sich Theater, Wissenschaft
- und die Idee der Demokratie. Auch in Rom entsteht das moderne Europa.
- Rechtssystem, Bauwesen und Städteplanung. Über ihr Straßennetz verbreiten die Römer technische Innovationen
- und entfalten ihre militärische Macht über den Kontinent. Sie schaffen einen einheitlichen Rechts-,
- Wirtschafts- und Währungsraum vom Norden Britanniens bis zum schwarzen Meer.
- Auch das Christentum kann sich so in Europa ausbreiten. Der Katholizismus und später der Protestantismus
- begründen einen gemeinsamen europäischen Wertekanon. 1514 spaltet sich die orthodoxe Ostkirche ab.
- Die Antike ist ein Grundstein des Europa, wie wir es heute haben. Und das hängt vor allem auch mit den Sprachen zusammen.
- Die lateinische Sprache ist zu den romanischen Sprachen geworden. Wir konnten uns daher in Europa überhaupt verständigen -
- ein Riesenunterschied zu anderen Kontinenten, wo wir ganz andere Sprachfamilien
- und große Barrikaden und Hürden auf engstem Raum haben. (Durchsage) "Attenzione."
- (Durchsage) "Attention." (Durchsage) "Atentie."
- Im Norden reicht Europa so weit über den Polarkreis hinaus, dass sich am Nachthimmel
- farbige Naturschauspiele beobachten lassen. Nordlichter. Kennen Sie das?
- Ist unglaublich faszinierend. Hab ich noch nie in echt gesehen, will ich aber unbedingt anschauen.
- Überhaupt find ich die gesamte Geschichte und Natur Nordeuropas extrem interessant.
- Und dass sie so interessant ist, das liegt unter anderem am Plattenrand und seinen Vulkanen.
- Zum Beispiel am nördlichen Rand Europas, auf der Insel Island. Im Süden ist es ähnlich.
- Während der einen wirtschaftlichen Boost bekommen hat, einen politischen Aufschwung,
- gab es für den Norden insbesondere eine eigene Mentalität. Und deren Ursprung findet sich hier.
- Das ist die Silfra-Spalte. Ergebnis eines Prozesses,
- der quasi das Gegenteil von dem ist, was wir im Süden sehen. Im Süden kollidieren die Platten
- und im Norden driften sie auseinander und sorgen unter anderem
- für jede Menge scheinbar außerweltliche Naturphänomene. Seit Jahrmillionen wird Island förmlich auseinandergerissen.
- An der Silfra-Spalte entfernen sich die nordamerikanische und die eurasische Platte
- etwa sieben Millimeter im Jahr voneinander. Wo die Erdkruste bricht, werfen Vulkane Lava aus.
- Sie bilden neues Land und lassen die Insel bis heute wachsen.
- Es ist eine Landschaft, deren einzige Konstante die Veränderung ist.
- Das Meer vor den Küsten ist fischreich und seit Jahrhunderten die Nahrungsgrundlage
- der Isländerinnen und Isländer. Mehrere Monate im Jahr sind die Männer zum Fang auf See.
- Den Rest des Jahres leben die Fischerfamilien in windgeschützten Torfhäusern auf engstem Raum.
- Im Wohnzimmer, dem sogenannten Baðstofa, kommt die ganze Großfamilie zusammen.
- Zum Arbeiten, Essen und Schlafen, aber auch, um Geschichten zu erzählen.
- Geschichten, inspiriert von einzigartiger Natur voller unerklärlicher Phänomene und gewaltiger Kräfte.
- Es entstehen Sagen und Märchen über unsichtbare Wesen, die in der Natur leben und diese ständig verändern.
- Über Hunderte Jahre prägen sie Glaubenswelt und Alltag der Menschen auf Island.
- Ich glaube, dass die Natur unseren Glauben an das Übernatürliche auslöst.
- Es ist total logisch, dass das hier in Island passiert. Wir haben eine bizarre Landschaft, in der wir Bilder sehen.
- Dazu kommt die Lebendigkeit der Natur. Wenn die Erde zu beben beginnt, die Berge Feuer speien
- oder die heißen Quellen Dampf ausstoßen... Dann ist es kein Wunder,
- dass wir denken, die Natur hat eine lebendige Seele. Auf Island gelten manche Felsen als versteinerte Trolle.
- Hinter der wilden Natur wähnt man überall sonderbare Wesen am Werk. Sie heißen Huldufólk, das versteckte Volk.
- Die Schauergeschichten vom Huldufólk sind lange Teil der isländischen Kindererziehung.
- Viele der Huldufólk-Sagen sind Warnungen. Du darfst der Natur nie vertrauen.
- Wenn du dich mit den versteckten Wesen einlässt, ziehen sie dich ins Unglück und du wirst womöglich sterben.
- Viele der Sagen beschreiben die Gefahr, sich mit etwas Übernatürlichem einzulassen,
- das man nicht versteht. Bis heute ist dieser Glaube tief in der Gesellschaft verankert.
- In diesem Bezirk der Hauptstadt Reykjavik gibt es besonders viele Felsen,
- die als beseelt und damit schützenswert gelten. Sie dürfen weder abgetragen noch überbaut werden.
- Denn seit 2012 sind die Felsen durch das "Gesetz zum Elfenerbe" geschützt.
- Das Ergebnis sind felsige Brachen und ungewöhnliche Wegführungen, verengte Straßen und Fenster ohne Aussicht.
- Ganze Baupläne werden eigens für die Erhaltung der Felsen umgeschrieben.
- * Mysteriöse Klänge * (Mann) Vor zehn Jahren haben wir die Planung
- der Álftanesvegar-Straße begonnen. Dann bekamen wir Informationen aus der Bevölkerung
- über einen sehr schönen Stein, wie wir ihn vorher nicht hatten. Der Stein hieß Ófeigskirkja.
- "Ófeigskirkja" heißt "Elfenkirche". Das bedeutete, dass wir mit den Elfen
- in Kontakt treten und Verhandlungen führen mussten, und zwar durch eine Dame, die auf dem Gebiet Erfahrung hat.
- Für die Baubehörden ist der Elfenglaube eine besondere Herausforderung.
- In diesem Fall befragt eine Seherin ganz offiziell die Wesen im Stein. Als die Straße gebaut werden sollte,
- haben die Elfen und die versteckten Völker explizit darum gebeten, dass dieses Gebiet geschützt wird.
- Wir stehen hier in einem Heiligtum, das wir Elfenkirche nennen. Und so wandert der 70 Tonnen schwere Felsen an einen neuen Ort,
- den sich die Elfen aussuchen durften. Überall auf Island gibt es Schauplätze von Elfengeschichten.
- Die geheimnisvollen Wesen sind ein großes Thema, auch im privaten Alltag.
- Denn sie lieben es angeblich, die Menschen an der Nase herumzuführen.
- Laut Umfragen glauben acht Prozent der Leute hier an Elfen. 57 Prozent wollen zumindest nicht ausschließen,
- dass sie existieren. Die raue Natur der Insel
- inspiriert die Freude der Isländer und Isländerinnen an Geschichten. Mehr als die Hälfte der Menschen
- liest mindestens acht Bücher pro Jahr. Nur in Schweden und Finnland wird noch mehr gelesen.
- Umgeben von wilder Natur sind die Inselbewohner eher risikobereit,
- getreu ihrem Lebensmotto: "Es wird schon alles gut gehen." Auch das Vertrauen in die Mitmenschen
- ist höher in der rauen Umgebung Islands. Womöglich der Grund
- für eine der niedrigsten Kriminalitätsraten der Welt. Auch weiter östlich in Skandinavien
- ist die Natur nicht immer ein Verbündeter. Hinter den Fjorden bieten Tundra und Wälder nur magere Böden.
- Gute Siedlungsflächen sind rar. Wohl auch deshalb
- suchen die Wikinger ihr Glück oft fernab der Heimat. Die Daheimgebliebenen kümmern sich um die Höfe.
- In der widrigen Umgebung müssen alle gemeinsam anpacken. Diese historische Erfahrung hat sich bis ins Heute fortgesetzt.
- Wir leben in relativ kleinen Gemeinschaften, in flachen Hierarchien.
- Feudalismus hat sich bei uns nicht durchgesetzt. Nicht Abhängigkeit,
- sondern Augenhöhe entsteht in dieser kargen Natur. Bis heute versuchen Forscher*innen, nachzuvollziehen,
- wie sich die Wikinger ausgebreitet haben. Anhand von DNA-Proben und Skeletten aus ganz Skandinavien.
- Sie waren die ersten Europäer auf dem nordamerikanischen Kontinent. Sie betrieben Handel,
- aber sie plünderten und raubschatzten auch. Entscheidend für ihren Erfolg ist ihr legendärer Zusammenhalt,
- entstanden im rauen Klima Nordeuropas. So etwas schweißt zusammen.
- Und für diese schlechten Bedingungen gibt es einen Grund im Kontinent. Die Gletscher der Eiszeit haben auf ihrem Rückzug den steinigen Kern
- der europäischen Kontinentalplatte freigerieben. Der eisige Schild
- hinterlässt nur kleine Taschen mit fruchtbarem Boden. Im Vergleich hat Skandinavien es mit der Landwirtschaft
- deswegen schwerer als andere Teile Europas. Harte Bedingungen für die Menschen, die hier leben.
- Bis heute bleibt Skandinavien dünn besiedelt, allen voran Norwegen.
- Weil aber jeder noch so weit entfernte kleine Weiler angeschlossen wird,
- besitzt das Land, gemessen an der Einwohnerzahl, eines der längsten Straßennetze der Welt.
- Darin lebt auch der Gleichheitsgedanke weiter. Jede Familie soll am öffentlichen Leben teilhaben können
- und ihr eigenes Haus besitzen. Wer es sich nicht aus eigenen Mitteln leisten kann,
- wird vom Staat unterstützt. Genauso investiert Norwegen intensiv in Bildung und Kultur für alle.
- Das Land gibt gut sechs Prozent des Bruttoinlandsproduktes allein für Bildung aus.
- Skandinavien gilt als Vorreiter für Teilhabe und Gleichberechtigung. Sie hatten eine Arbeitsteilung,
- bei der beide Partner gleichberechtigt waren. Männer und Frauen trugen in der Landwirtschaft zum Leben bei.
- So wurde die Familie als gesellschaftlicher Kern wichtig. Das ist ein Schlüssel,
- um die Gleichberechtigung in Nordeuropa zu verstehen. Das zeigt sich auch im öffentlichen Leben.
- Es gibt fast so viele weibliche wie männliche Parlamentsabgeordnete. In den Familien übernehmen immer öfter
- Männer die Kinderbetreuung. In den Top Fünf der Länder
- mit der höchsten Geschlechtergerechtigkeit weltweit sind aktuell vier skandinavische Nationen vertreten.
- Die Gründe dafür sind vielfältig, doch ihren Anfang nimmt die Entwicklung
- in den natürlichen Gegebenheiten dieser Region. Es klingt paradox, aber Europa wäre im Mittelalter
- niemals so ein Zugpferd gewesen und so erfolgreich geworden ohne seine geologischen Barrieren.
- Der Kontinent wird durchzogen von Bergen. Allein in Deutschland gibt es rund 40 Mittelgebirge.
- Dazu kommen die Hochgebirge des Kontinents. Sie durchziehen den Kontinent
- und hinterlassen ein Schachbrett aus separierten Gebieten. Dieses Hemmnis hat uns erfolgreich gemacht
- und bis heute geprägt. Denn aus den Gebirgen heraus entstehen auch Flussläufe.
- Europa verfügt über ein riesiges Netz an schiffbaren Wasserstraßen. 37.000 Kilometer sind es insgesamt.
- Damit ist Europa der verkehrsdurchlässigste Kontinent und die Donau allein
- verbindet zehn Länder und vier Hauptstädte. Der internationalste Fluss der Welt.
- Die Flüsse sorgen für einen Transfer von Technologie und Wissen und befeuern damit den Fortschritt.
- Aber nicht nur das, sondern auch eine urmenschliche Eigenschaft, die uns Europäerinnen und Europäer bis heute prägt:
- Rivalität und Wettbewerb. Auch durch die kleinteiligen Räume
- entsteht im Mittelalter ein politischer Flickenteppich mit Hunderten verschiedenen Herrschaften.
- Meine Burg, mein Fürst, meine Währung. * Mittelalterliche Musik *
- Einerseits erzeugt das ständig Konflikte, andererseits wird Europa zum Motor für Innovation.
- Wirtschaft, Technik und Wissenschaft bringt das voran. Mit der Rivalität blühen aber auch die Klischees.
- Die steirische Völkertafel aus dem 18. Jahrhundert klassifiziert den Nachbarn nach deren angeblichen Eigenschaften:
- den offenherzigen Deutschen, den kriegsversessenen Franzosen und den bäuerlichen Polen.
- (Hirschfelder) Wir glaubten lange, diese Regionen werden mal in den Nationen aufgehen.
- Heute wissen wir aber, dass Nationen durch Regionen konstituiert werden und dass der Mensch, der in einer Region lebt,
- eine regionale Identität braucht, aber nicht unbedingt eine nationale. Bis heute streben Europas Regionen nach Eigenständigkeit,
- zum Teil gegen den Staat, dem sie angehören. Auf keinem anderen Kontinent gibt es so viele Unabhängigkeitsbewegungen.
- In 30 Regionen, von Sardinien über die Färöer, Nordirland bis nach Siebenbürgen, gibt es Autonomiebestrebungen.
- * Klangvolle Musik * Auch die 2,7 Millionen Basken
- sehen sich als eigenständige ethnische Gruppe. Eine starke Identität,
- befördert durch den geografisch abgesteckten Raum. Denn Berge und der Atlantik
- grenzen das Baskenland als eigene Landschaft ab. Politisch gehört es teils zu Spanien und teils zu Frankreich.
- In der Abgeschiedenheit des Baskenlandes lebt eine uralte Sprache,
- die mit keiner der europäischen Sprachfamilien verwandt ist. Woher sie stammt, lässt Sprachwissenschaftler rätseln.
- Dass sie so lange überdauert, liegt auch an der isolierten Gebirgslage.
- Wir sind Basken hier. Wir sprechen baskisch,
- da wir mit der Sprache von klein auf aufgewachsen sind. Wir fühlen uns in unserem tiefsten Inneren als Basken.
- Damit hatten die Menschen hier im spanischen Staat einen schweren Stand.
- Vor allem unter der Franco-Diktatur sind bis 1975 Autonomiebestrebungen verboten,
- auch Baskisch und regionale Traditionen. Wir haben Zuhause weiter Baskisch gesprochen,
- aber als ich in die Schule kam, war das verboten. Ich stellte bei einigen Mitschülern erst 40 Jahre oder noch später fest,
- dass sie auch Baskisch sprachen. Wir waren in der Klasse fast alle baskischsprachig.
- Aber aus Angst vor der Repression haben wir die Sprache nicht benutzt. Das war unser Leben.
- Die Basken finden ein Schlupfloch. Sie treffen sich in sogenannten Kochgenossenschaften,
- kulinarischen Vereinen, die in Restaurants für ihre eigenen Mitglieder kochen.
- Die Kochgenossenschaften stärken den Zusammenhalt der Basken gegen die spanische Verwaltung
- und fördern nebenbei auch die regionale Küche. Die ist für ihre Qualität weltberühmt.
- Viele Restaurants tragen Gourmetsterne. * Harmonische Streichmusik *
- (Mokoroa) Die Basken sind die, wie der Name "Euskaldunak" schon sagt, die Baskisch sprechen.
- Das ist die einfachste Definition. Offiziell bin ich ja Spanier, aber das Herz ist das Herz.
- Und ganz tief in unseren Herzen sind wir Basken und wollen als Basken leben.
- Die Struktur des Kontinents schafft ein Europa der Regionen und damit auch der Konflikte.
- * Meeresrauschen * Der Wettbewerb in Europa verändert die Welt.
- Entdeckerambitionen und Hunger nach Ressourcen befeuern ihn. Als die Technologie und auch das Verständnis ausreichen,
- um mit Schiffen aufs Meer zu fahren und andere Kontinente zu erreichen, macht Europa, der kleine Kontinent,
- sich die ganze Welt brutal zum Untertan. * Meeresrauschen *
- Dabei hilft ihm vor allem seine Küstenlinie. Mit 185.000 Kilometern ist sie im Verhältnis zur Landmasse
- die weltweit längste, mit idealen Startrampen in den Atlantik,
- mit Inseln und Halbinseln, wie gemacht für die Seefahrt. Die Iberische Halbinsel ist das perfekte Tor zum Nordatlantik.
- * Abenteuerliche Musik * Auf dem dichtbesiedelten Kontinent
- beginnt ein Wettlauf um Ruhm und Ressourcen. Die Portugiesen landen an der Westküste Afrikas.
- Christoph Kolumbus wiederum in der Karibik, die er für Indien hält.
- Eine globale Ära des Handels beginnt, aber auch eine der Ausbeutung.
- Europa um 1500, das ist ein gieriger Kontinent. * Mysteriöse Musik *
- (Hirschfelder) Europäer wollen Gold und Silber und Gewürze. Was sich hier als Erfolgsgeschichte liest,
- ist für andere eine Katastrophe. Der amerikanische Kontinent ist zu dieser Zeit dicht besiedelt.
- Und innerhalb von 100 Jahren werden große Teile der amerikanischen Kulturen zerstört
- und 90 Prozent der dortigen Bevölkerung zum Teil ermordet, zum Teil sterben sie an Krankheiten.
- Eine Erfolgsgeschichte, die für andere ein großer Misserfolg ist.
- Wie immer in der Geschichte - viel Licht und noch mehr Schatten. Europa sieht sich selbst als den maßgebenden Kontinent.
- Das zeigt sich auch auf den Karten, auf denen die eigentlich verhältnismäßig kleine Landmasse
- überdimensional groß dargestellt wird. Bis 1914 beherrscht Europa 40 Prozent der Landfläche der Erde.
- Dadurch gelangen auch Hunderttausende Kulturgüter aus Afrika, Ozeanien, den Amerikas und Asien nach Europa.
- Erst heute ändert sich mit deren Rückgabe auch das europäische Selbstverständnis.
- Solche kapitalen Irrwege sind wir Menschen leider immer wieder gegangen,
- wie die Geschichte zeigt. Zumal wir in Europa uns lange als Nabel der Welt gefühlt haben.
- Auch deshalb, weil der Kontinent uns einen Schatz aus der Urzeit Europas spendierte:
- Kohle. * Bewegende Musik *
- Sie lagert dort, wo heute halbmondförmig die Metropolen glühen.
- Zwischen England, Nordfrankreich, Belgien und dem Ruhrgebiet. Die Kohle entstand über lange Zeit in einer sumpfigen Senke,
- in der sich immer wieder abgestorbener Urwald gesammelt hat. Wurde überschwemmt, dann von Sediment überlagert,
- und so ist über Jahrmillionen der Stoff entstanden, der die Industrialisierung in Europa maßgeblich vorangetrieben hat.
- * Klangvolle Musik * "Das Schwarze Gold" bleibt wenig beachtet,
- bis in weiten Teilen Europas die Wälder großteils abgeholzt sind. Nun wird Kohle zum Heizen genutzt
- und der recht leicht zugängliche Brennstoff über die Jahrhunderte in immer größerem Stil abgebaut.
- Die Kohle entfacht ein neues Zeitalter. Sie treibt eine revolutionäre Erfindung an:
- die Dampfmaschine. * Dynamische Musik *
- Große Maschinen, noch größere Fabriken. Das industrielle Zeitalter hat begonnen.
- Mithilfe der Kohle wird Stahl in großen Mengen erzeugt. * Dynamische Musik *
- Die Industrielle Revolution setzt damit eine nie gekannte Lebensbeschleunigung in Gang -
- mit enormen Auswirkungen, bis heute. Die Industrialisierung hat die Art, wie wir leben, komplett verändert.
- Zusammen mit neuen Lichtquellen wie Gaslichtern und dann Elektrizität.
- Die Menschen blieben bis in die Nacht wach, anstatt bei Sonnenuntergang ins Bett zu gehen.
- * Laute Maschinengeräusche * In den Fabriken entstehen mit der neuen Form von Arbeit neue Werte.
- Zusammenhalt und Solidarität gegen den Druck der Verhältnisse. In großen Fabriken
- müssen rund um die Uhr Produkte hergestellt werden, denn man will ja die Kosten wieder reinholen
- und den Gewinn maximieren. Die Arbeitstage sind lang.
- Sie werden in Schichten organisiert. Zeit wird der entscheidende Faktor, das Leben von der Uhr diktiert.
- Doch noch ticken die Uhren überall anders. Das Deutsche Reich ist Ende des 19. Jahrhunderts
- ein Wirrwarr aus verschiedenen Zeitzonen. * Ticken der Uhr *
- * Glockenläuten * Erst 1893
- kommt das Gesetz zur Einführung einer einheitlichen Zeitbestimmung. Damit endet das Durcheinander aus Münchner, Berliner
- oder anderen regionalen Zeitzonen. In ganz Deutschland gilt seither die Mitteleuropäische Zeit.
- Unser Leben heute, das uns dank der Elektrizität bis tief in die Nacht wach hält
- und das vom Rhythmus der Uhren bestimmt ist - All das geht zurück auf die Entdeckung
- dieser schwarzen, brennbaren Brocken aus der Erde. Der Bodenschatz Kohle schafft eine Industrie,
- die Menschen aus ganz Europa anzieht. Das Ruhrgebiet ist deshalb bis heute
- einer der am dichtesten besiedelten Ballungsräume des Kontinents. Längst wurde Europa von anderen Kontinenten eingeholt.
- Zum Beispiel, was das Bevölkerungswachstum angeht oder in Bezug auf die Wirtschaftskraft.
- Forscherinnen und Forscher diskutieren darüber, ob ein Ende der europäischen Ära erreicht sei.
- Aber die geografische Lage unseres kleinen Kontinents ist gleichzeitig seine beste Lebensversicherung.
- Die Forschung geht davon aus, dass Europa dank seiner Lage im Vergleich zu anderen Erdteilen mit weniger Naturkatastrophen
- und Extremwetterereignissen zu kämpfen haben wird. Das heißt aber nicht,
- dass wir sofort die Eindämmung des Klimawandels stoppen sollten. Im Gegenteil.
- Denn hier im Studio, da kann ich die Natur per Knopfdruck ändern.
- * Bedrohliche Musik * In der Realität, der echten Welt, geht das nicht.
- Da sind wir auf die Natur angewiesen. Und sie braucht unseren besonderen Schutz.
- Um so die guten Voraussetzungen auf diesem kleinen, aber begünstigten Kontinent für künftige Generationen zu wahren.
- * Inspirierende Musik * Ach! Meine Heimat.
- Ja, aber... Ich brauche mehr Sonne. Guck mal hier. - Ah, das ist der Himalaya.
- Darüber reden wir bei Asien. - Genau, da kommt doch der Yeti her. Untertitel im Auftrag des ZDF, 2022
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