Meilensteine der Kontinental-Geschichte Europas | Ganze Folge | Terra X Terra X History https://www.youtube.com/watch?v=9cJpoPYLdOw Transkript (automatisch erstellt) 0:04 Unsere Kontinente. Einzigartig und vielfältig zugleich. 0:09 Südamerika. Asien. - Afrika. 0:13 Australien und Ozeanien. Nordamerika. 0:16 Europa. Vor mehr als 200 Millionen Jahren beginnt die Reise der Erdteile, 0:23 als der Urkontinent Pangäa zerbricht. Heute erstreckt sich Europa vom Atlantik bis zum Ural, 0:33 vom Mittelmeer bis nach Island. Es ist Mutter Erde, die die Ansagen macht. 0:40 Die Natur beschenkt die Menschen. Und fordert sie heraus. 0:51 (Frau) Ich glaube, dass die Natur unseren Glauben an das Übernatürliche auslöst. 0:58 Europas Küsten sind wie geschaffen für die Schifffahrt. Der Kontinent bildete eine Startrampe in den Nordatlantik 1:08 und in die ganze Welt. Unter der Erde werkelt ein Brennstoff, 1:15 der die Welt für immer verändert. Geologie bestimmt die Geschichte Europas 1:24 und prägt die Menschen. Europa ist vielleicht der paradoxeste Kontinent. 1:58 Einerseits für jemanden wie mich eine unersättliche Fundgrube füllt die Geschichtsbücher und -kanäle dieser Welt. 2:05 Andererseits ist es neben der Antarktis, Ozeanien und Australien der kleinste Erdteil. 2:12 Und es gibt kaum Vorkommen von Diamanten oder von Gold. Trotzdem ist Europa, zugespitzt gesagt, 2:21 der Gunst-Kontinent. Und das kann man auch sehen, wenn man sich den Globus anschaut. 2:26 Das machen wir jetzt auch mal - und zwar live. Mit einem Spaziergang entlang des 55. Breitengrades. 2:33 Ungefähr auf unserer Heimathöhe. Wichtig ist aber: warm anziehen. 2:37 Denn auf dieser Höhe, ungefähr, befindet sich auch Neufundland in Kanada. 2:49 Hier leben Eisbären und die Wintertemperaturen erreichen bis zu minus 30 Grad. 2:55 Oder Sibirien: fünf Monate Dauerfrost. 3:03 Zu den wenigen Bäumen, die hier überleben, gehören Fichten, Kiefern und auch Lärchen. 3:09 Und Europa? Gleiche Höhe, blühende Landschaften. 3:15 An den Küsten Norwegens wachsen Obstbäume, es gedeihen Erdbeeren und auch Gemüse. 3:20 Und in England und Schottland liegen wir am Strand. Dieses Klima ist ein Nebeneffekt der Entstehung der Kontinente 3:33 und für Europa ein echter Glücksfall. Es beginnt vor etwa 3 Millionen Jahren 3:45 dank einer geologischen Verschiebung auf der anderen Seite des Globus. Die Landbrücke zwischen den Amerikas schließt sich. 3:54 Das ändert die Richtung des mild temperierten Golfstroms. Er transportiert von nun an warmes Wasser nach Europa. 4:04 Unterwegs nimmt er Sand aus der Sahara auf, der als Naturdünger wirkt. 4:08 So wird der Golfstrom zum idealen Lebensraum für Fische und Meeressäuger. 4:22 Der Strom wärmt Europas Küsten und schiebt warme Luft und Feuchtigkeit über den Kontinent. 4:32 Das sorgt nicht nur für milde Temperaturen, sondern auch für regelmäßige Jahreszeiten. 4:39 Auf Frühling und Sommer folgen Herbst und Winter im steten Wechsel. 4:52 Die geologischen Gegebenheiten sind perfekt für eine vielfältige und produktive Landwirtschaft, 5:00 eine wachsende Bevölkerung und die Entstehung von Städten und ganzen Kulturen. 5:08 Auch ein geologisches Plus für Europa: Während der Eiszeiten drücken Gletscher tonnenschwer 5:16 auf das darunterliegende Gestein und splittern es auf. 5:26 Ein fruchtbares Mehl aus Quarz und Kalk bleibt zurück. Winde verbreiten diesen Löss über den Kontinent. 5:34 Wo er landet, werden Äcker und Wiesen entstehen. Wie maßgeblich dieser Vorgang 5:44 Jahrmillionen später das Leben der Menschen verändert, untersucht das Max-Planck-Institut Leipzig. 5:50 Aus Knochenfunden rekonstruiert man hier die Gene der frühen Europäer und Europäerinnen 5:56 und stößt auf die Spuren einer Zeitenwende. Wir haben in den letzten Jahren Tausende von alten Genomen 6:04 aus der Vergangenheit aus Europa rekonstruiert. Unter anderem auch die Ureuropäer, die Jäger und Sammler, 6:10 deren Vorfahren vor ungefähr 40.000 Jahren nach Europa eingewandert sind. 6:14 Die dann in Europa gelebt haben. Und vor 7000 Jahren passiert aber dann plötzlich 6:19 etwas Spannendes, Unerwartetes. Die Genetik der Einwohner Europas verändert sich. 6:23 Zur selben Zeit verändert sich die Lebensweise. Den Kontinent erreichen Migranten aus dem Südosten. 6:36 Ihre DNA zeigt: Sie haben einen weiten Weg hinter sich. 6:41 Und zwar sehen wir diese DNA-Signatur vorher in Menschen in Anatolien. 6:45 In Anatolien, das heißt im Süden von Anatolien, im Norden vom heutigen Syrien, im fruchtbaren Halbmond. 6:54 Die Neuankömmlinge bringen eine ganz andere Lebensweise mit. Sie bestellen Felder, betreiben Ackerbau, züchten Vieh. 7:10 Und sie werden sesshaft. In der Folge nimmt die Bevölkerung rapide zu, 7:16 was die Besiedlung des Kontinents beschleunigt. (Krause) Über mehrere Hundert oder Tausend Jahre 7:21 verbreiten sich die Menschen von im Prinzip Westanatolien über den Balkan nach Mitteleuropa und dann auch in ganz Europa. 7:34 (Dartnell) Über die Zeit werden die fruchtbaren Ebenen Nord-, Mittel- und Osteuropas 7:39 zum Mittelpunkt der europäischen Zivilisation. Diese gewaltigen Flächen mit ihrer fruchtbaren Erde, 7:48 mit ihren schweren, lehmigen Äckern, entwickeln sich dank der Erfindung des Pflugs 7:53 zu regelrechten Kornkammern. Das ernährt eine wachsende Bevölkerung. 8:02 Im Getreide wurzelt unsere Essenstradition. Hartweizen ist typisch für die Mittelmeerregion. 8:12 Sein eiweißreiches Mehl bildet die Grundlage für Brot, Pizza und Pasta. 8:25 In Mitteleuropa wachsen neben Weizen vor allem Roggen und Gerste. So wird in Deutschland das Mischbrot besonders beliebt. 8:36 Im Westen inspiriert Weizen das französische Baguette. Im europäischen Norden dünnes Knäckebrot, 8:46 dass sich im skandinavischen Winter besonders lange lagern lässt. Der Mensch kultiviert nicht nur Ackerböden. 8:55 Fast der ganze Naturraum Europas ist heute gestaltet. Doch der Kontinent hat auch den Menschen 9:10 zur Anpassung gezwungen. In der Lebensweise und sogar im Aussehen, 9:15 wie der Vergleich mit den Vorfahren zeigt. Diese brachten aus ihrer sonnenreichen Heimat 9:22 eine schützende, dunklere Haut mit. Doch das kann weiter nördlich zu einem Vitaminmangel führen. 9:29 Innerhalb weniger Tausend Jahre wird die Haut heller. Und damit durchlässiger für die Sonne. 9:37 So kann der Körper mehr Vitamin D produzieren. Die hellste Haut in Europa 9:44 haben die Skandinavierinnen und Skandinavier wegen des wenigen Sonnenlichts. 9:49 Je weiter südlich man kommt, desto mehr Menschen mit dunklerer Haut findet man. 9:55 Wir in Europa haben also im Norden, im Süden, im Osten und im Westen ganz unterschiedliche Wurzeln und verschiedene Eigenheiten. 10:02 Trotzdem verstehen sich etwa 70 Prozent aller Europäerinnen und Europäer als Bürger Europas. 10:08 Und die Grundlage dafür, die legt vor Jahrmillionen wieder die Natur. 10:14 Unter anderem auch der größte Vulkan Europas, der Ätna. 10:22 * Majestätische Musik * Wo er steht, befindet sich ein offener Bruch Europas, 10:40 der Südrand der europäischen Kontinentalplatte. Durch ihre Bewegung entsteht ein Kulturraum, 10:45 dem wir unglaublich viel zu verdanken haben. Wenn sich Erdplatten bewegen, 10:53 verändern sie das Gesicht der Kontinente. Sie formen ein neues Relief der Oberfläche, 10:59 bringen Gesteine des Untergrunds nach oben oder schlucken ganze Landstriche. 11:04 Im Süden Europas ist es die afrikanische Platte, die vor 120 Millionen Jahren 11:09 mit der eurasischen Landmasse kollidiert. Dieses tektonische Kräftemessen 11:15 erzeugt gewaltige Verwerfungen mit markanten Folgen. So sind riesige Gebirgsketten in Südeuropa entstanden. 11:28 Der Kaukasus, die Karpaten, die Alpen. Doch im Erdinneren ist damit keineswegs Ruhe. 11:37 An den Nahtstellen der Platten rumort es weiter - bis heute. Genau auf einer solchen Naht liegt Sizilien. 11:51 Mit dem Ätna hat die Insel den größten und aktivsten der Mittelmeervulkane aufzuweisen. 12:00 Ein internationales Geologenteam behält ihn im Blick. Zu einem Vulkan gehören Veränderungen dazu. 12:12 Das macht sie gerade für uns so spannend. Die Oberfläche des Vulkans ist ständig in Bewegung 12:17 und ändert sich ständig, besonders, wenn er so aktiv ist wie der Ätna. 12:21 Das macht Ätna zu einem der interessantesten und spannendsten Vulkane für die Forschung. 12:28 Seit Anfang 2021 ist der Ätna wieder auffällig. Spontane und besonders starke Ausbrüche nehmen zu. 12:40 Sie verändern die gesamte Küstenlinie und damit auch die Lebensbedingungen für die Menschen. 12:45 Wie sehr, das zeigen Drohnenmessungen. Innerhalb von nur sechs Monaten 12:54 ist der Ätna um ganze 30 Meter gewachsen. Der Ätna zeigt sehr viele verschiedene Verhaltensweisen. 13:06 Er hat eben nicht nur einen Krater, sondern viele. Er eruptiert nicht nur am Gipfel, auch an den Flanken. 13:12 Das ist insbesondere dann gefährlich, wenn es ein Vulkan an einer Küstenlinie ist, 13:17 also Inselvulkane, weil ein Hangrutsch ins Meer dann einen Tsunami auslösen kann. 13:25 Die Furcht vor der Katastrophe ist auf Sizilien Alltag. Wie lange noch wird der Ätna Ruhe halten? 13:35 Beim Ausbruch von 1908 wird die gesamte Region verwüstet. 72.000 Menschen sterben. 13:42 Im kollektiven Gedächtnis Europas haben Vulkane einen festen Platz als Verursacher gewaltiger Katastrophen. 13:55 Doch die unruhigen Erdplatten haben auch besonders begünstigte Lebensräume geschaffen - 14:00 wie das Mittelmeer. Es entsteht in seiner heutigen Form, 14:04 als die Landbrücke bei Gibraltar vor etwa 5 Millionen Jahren absinkt. Das zu dieser Zeit trockene Land zwischen Europa und Afrika 14:13 wird vom Atlantik überschwemmt. Die Küstenlinie ist zerknittert 14:21 und in viele natürliche Buchten gegliedert. Wie geschaffen für Seefahrerkulturen. 14:34 Die Buchten bieten gut geschützte Plätze zum Ankern und Segeln. Steile Hänge halten Wind und Wetter ab. 14:42 Das Mittelmeer selbst hat kaum Gezeiten oder starke Strömungen. Auch die vielen Inseln erleichtern das Reisen. 14:58 Wenn Sie zum Beispiel vom Nildelta bis nach Griechenland fahren, sind Sie nie weit von Land entfernt. 15:06 Und es gibt zuverlässige Orientierungspunkte für die Navigation. 15:13 Das Mittelmeer wird in der Geschichte zum idealen Transportraum für Waren und Ideen. 15:19 Die großen Kulturen der Antike blühen unter diesen Bedingungen auf. Ihr Erbe bestimmt das Leben in Europa bis heute. 15:29 Im alten Griechenland entwickeln sich Theater, Wissenschaft 15:33 und die Idee der Demokratie. Auch in Rom entsteht das moderne Europa. 15:39 Rechtssystem, Bauwesen und Städteplanung. Über ihr Straßennetz verbreiten die Römer technische Innovationen 15:52 und entfalten ihre militärische Macht über den Kontinent. Sie schaffen einen einheitlichen Rechts-, 15:58 Wirtschafts- und Währungsraum vom Norden Britanniens bis zum schwarzen Meer. 16:04 Auch das Christentum kann sich so in Europa ausbreiten. Der Katholizismus und später der Protestantismus 16:12 begründen einen gemeinsamen europäischen Wertekanon. 1514 spaltet sich die orthodoxe Ostkirche ab. 16:26 Die Antike ist ein Grundstein des Europa, wie wir es heute haben. Und das hängt vor allem auch mit den Sprachen zusammen. 16:35 Die lateinische Sprache ist zu den romanischen Sprachen geworden. Wir konnten uns daher in Europa überhaupt verständigen - 16:43 ein Riesenunterschied zu anderen Kontinenten, wo wir ganz andere Sprachfamilien 16:47 und große Barrikaden und Hürden auf engstem Raum haben. (Durchsage) "Attenzione." 16:56 (Durchsage) "Attention." (Durchsage) "Atentie." 17:23 Im Norden reicht Europa so weit über den Polarkreis hinaus, dass sich am Nachthimmel 17:29 farbige Naturschauspiele beobachten lassen. Nordlichter. Kennen Sie das? 17:42 Ist unglaublich faszinierend. Hab ich noch nie in echt gesehen, will ich aber unbedingt anschauen. 17:48 Überhaupt find ich die gesamte Geschichte und Natur Nordeuropas extrem interessant. 17:52 Und dass sie so interessant ist, das liegt unter anderem am Plattenrand und seinen Vulkanen. 17:58 Zum Beispiel am nördlichen Rand Europas, auf der Insel Island. Im Süden ist es ähnlich. 18:04 Während der einen wirtschaftlichen Boost bekommen hat, einen politischen Aufschwung, 18:09 gab es für den Norden insbesondere eine eigene Mentalität. Und deren Ursprung findet sich hier. 18:14 Das ist die Silfra-Spalte. Ergebnis eines Prozesses, 18:18 der quasi das Gegenteil von dem ist, was wir im Süden sehen. Im Süden kollidieren die Platten 18:24 und im Norden driften sie auseinander und sorgen unter anderem 18:29 für jede Menge scheinbar außerweltliche Naturphänomene. Seit Jahrmillionen wird Island förmlich auseinandergerissen. 18:38 An der Silfra-Spalte entfernen sich die nordamerikanische und die eurasische Platte 18:45 etwa sieben Millimeter im Jahr voneinander. Wo die Erdkruste bricht, werfen Vulkane Lava aus. 18:55 Sie bilden neues Land und lassen die Insel bis heute wachsen. 19:05 Es ist eine Landschaft, deren einzige Konstante die Veränderung ist. 19:16 Das Meer vor den Küsten ist fischreich und seit Jahrhunderten die Nahrungsgrundlage 19:22 der Isländerinnen und Isländer. Mehrere Monate im Jahr sind die Männer zum Fang auf See. 19:34 Den Rest des Jahres leben die Fischerfamilien in windgeschützten Torfhäusern auf engstem Raum. 19:42 Im Wohnzimmer, dem sogenannten Baðstofa, kommt die ganze Großfamilie zusammen. 19:47 Zum Arbeiten, Essen und Schlafen, aber auch, um Geschichten zu erzählen. 19:56 Geschichten, inspiriert von einzigartiger Natur voller unerklärlicher Phänomene und gewaltiger Kräfte. 20:04 Es entstehen Sagen und Märchen über unsichtbare Wesen, die in der Natur leben und diese ständig verändern. 20:11 Über Hunderte Jahre prägen sie Glaubenswelt und Alltag der Menschen auf Island. 20:26 Ich glaube, dass die Natur unseren Glauben an das Übernatürliche auslöst. 20:33 Es ist total logisch, dass das hier in Island passiert. Wir haben eine bizarre Landschaft, in der wir Bilder sehen. 20:44 Dazu kommt die Lebendigkeit der Natur. Wenn die Erde zu beben beginnt, die Berge Feuer speien 20:52 oder die heißen Quellen Dampf ausstoßen... Dann ist es kein Wunder, 20:57 dass wir denken, die Natur hat eine lebendige Seele. Auf Island gelten manche Felsen als versteinerte Trolle. 21:08 Hinter der wilden Natur wähnt man überall sonderbare Wesen am Werk. Sie heißen Huldufólk, das versteckte Volk. 21:17 Die Schauergeschichten vom Huldufólk sind lange Teil der isländischen Kindererziehung. 21:26 Viele der Huldufólk-Sagen sind Warnungen. Du darfst der Natur nie vertrauen. 21:32 Wenn du dich mit den versteckten Wesen einlässt, ziehen sie dich ins Unglück und du wirst womöglich sterben. 21:38 Viele der Sagen beschreiben die Gefahr, sich mit etwas Übernatürlichem einzulassen, 21:43 das man nicht versteht. Bis heute ist dieser Glaube tief in der Gesellschaft verankert. 21:51 In diesem Bezirk der Hauptstadt Reykjavik gibt es besonders viele Felsen, 21:56 die als beseelt und damit schützenswert gelten. Sie dürfen weder abgetragen noch überbaut werden. 22:04 Denn seit 2012 sind die Felsen durch das "Gesetz zum Elfenerbe" geschützt. 22:11 Das Ergebnis sind felsige Brachen und ungewöhnliche Wegführungen, verengte Straßen und Fenster ohne Aussicht. 22:24 Ganze Baupläne werden eigens für die Erhaltung der Felsen umgeschrieben. 22:29 * Mysteriöse Klänge * (Mann) Vor zehn Jahren haben wir die Planung 22:39 der Álftanesvegar-Straße begonnen. Dann bekamen wir Informationen aus der Bevölkerung 22:45 über einen sehr schönen Stein, wie wir ihn vorher nicht hatten. Der Stein hieß Ófeigskirkja. 22:52 "Ófeigskirkja" heißt "Elfenkirche". Das bedeutete, dass wir mit den Elfen 22:57 in Kontakt treten und Verhandlungen führen mussten, und zwar durch eine Dame, die auf dem Gebiet Erfahrung hat. 23:05 Für die Baubehörden ist der Elfenglaube eine besondere Herausforderung. 23:14 In diesem Fall befragt eine Seherin ganz offiziell die Wesen im Stein. Als die Straße gebaut werden sollte, 23:22 haben die Elfen und die versteckten Völker explizit darum gebeten, dass dieses Gebiet geschützt wird. 23:28 Wir stehen hier in einem Heiligtum, das wir Elfenkirche nennen. Und so wandert der 70 Tonnen schwere Felsen an einen neuen Ort, 23:37 den sich die Elfen aussuchen durften. Überall auf Island gibt es Schauplätze von Elfengeschichten. 23:50 Die geheimnisvollen Wesen sind ein großes Thema, auch im privaten Alltag. 23:58 Denn sie lieben es angeblich, die Menschen an der Nase herumzuführen. 24:03 Laut Umfragen glauben acht Prozent der Leute hier an Elfen. 57 Prozent wollen zumindest nicht ausschließen, 24:11 dass sie existieren. Die raue Natur der Insel 24:15 inspiriert die Freude der Isländer und Isländerinnen an Geschichten. Mehr als die Hälfte der Menschen 24:21 liest mindestens acht Bücher pro Jahr. Nur in Schweden und Finnland wird noch mehr gelesen. 24:33 Umgeben von wilder Natur sind die Inselbewohner eher risikobereit, 24:38 getreu ihrem Lebensmotto: "Es wird schon alles gut gehen." Auch das Vertrauen in die Mitmenschen 24:46 ist höher in der rauen Umgebung Islands. Womöglich der Grund 24:50 für eine der niedrigsten Kriminalitätsraten der Welt. Auch weiter östlich in Skandinavien 24:57 ist die Natur nicht immer ein Verbündeter. Hinter den Fjorden bieten Tundra und Wälder nur magere Böden. 25:13 Gute Siedlungsflächen sind rar. Wohl auch deshalb 25:24 suchen die Wikinger ihr Glück oft fernab der Heimat. Die Daheimgebliebenen kümmern sich um die Höfe. 25:31 In der widrigen Umgebung müssen alle gemeinsam anpacken. Diese historische Erfahrung hat sich bis ins Heute fortgesetzt. 25:41 Wir leben in relativ kleinen Gemeinschaften, in flachen Hierarchien. 25:46 Feudalismus hat sich bei uns nicht durchgesetzt. Nicht Abhängigkeit, 25:51 sondern Augenhöhe entsteht in dieser kargen Natur. Bis heute versuchen Forscher*innen, nachzuvollziehen, 26:01 wie sich die Wikinger ausgebreitet haben. Anhand von DNA-Proben und Skeletten aus ganz Skandinavien. 26:07 Sie waren die ersten Europäer auf dem nordamerikanischen Kontinent. Sie betrieben Handel, 26:12 aber sie plünderten und raubschatzten auch. Entscheidend für ihren Erfolg ist ihr legendärer Zusammenhalt, 26:18 entstanden im rauen Klima Nordeuropas. So etwas schweißt zusammen. 26:23 Und für diese schlechten Bedingungen gibt es einen Grund im Kontinent. Die Gletscher der Eiszeit haben auf ihrem Rückzug den steinigen Kern 26:35 der europäischen Kontinentalplatte freigerieben. Der eisige Schild 26:40 hinterlässt nur kleine Taschen mit fruchtbarem Boden. Im Vergleich hat Skandinavien es mit der Landwirtschaft 26:47 deswegen schwerer als andere Teile Europas. Harte Bedingungen für die Menschen, die hier leben. 27:01 Bis heute bleibt Skandinavien dünn besiedelt, allen voran Norwegen. 27:09 Weil aber jeder noch so weit entfernte kleine Weiler angeschlossen wird, 27:13 besitzt das Land, gemessen an der Einwohnerzahl, eines der längsten Straßennetze der Welt. 27:24 Darin lebt auch der Gleichheitsgedanke weiter. Jede Familie soll am öffentlichen Leben teilhaben können 27:31 und ihr eigenes Haus besitzen. Wer es sich nicht aus eigenen Mitteln leisten kann, 27:37 wird vom Staat unterstützt. Genauso investiert Norwegen intensiv in Bildung und Kultur für alle. 27:52 Das Land gibt gut sechs Prozent des Bruttoinlandsproduktes allein für Bildung aus. 27:58 Skandinavien gilt als Vorreiter für Teilhabe und Gleichberechtigung. Sie hatten eine Arbeitsteilung, 28:05 bei der beide Partner gleichberechtigt waren. Männer und Frauen trugen in der Landwirtschaft zum Leben bei. 28:11 So wurde die Familie als gesellschaftlicher Kern wichtig. Das ist ein Schlüssel, 28:16 um die Gleichberechtigung in Nordeuropa zu verstehen. Das zeigt sich auch im öffentlichen Leben. 28:23 Es gibt fast so viele weibliche wie männliche Parlamentsabgeordnete. In den Familien übernehmen immer öfter 28:38 Männer die Kinderbetreuung. In den Top Fünf der Länder 28:43 mit der höchsten Geschlechtergerechtigkeit weltweit sind aktuell vier skandinavische Nationen vertreten. 28:49 Die Gründe dafür sind vielfältig, doch ihren Anfang nimmt die Entwicklung 28:55 in den natürlichen Gegebenheiten dieser Region. Es klingt paradox, aber Europa wäre im Mittelalter 29:06 niemals so ein Zugpferd gewesen und so erfolgreich geworden ohne seine geologischen Barrieren. 29:12 Der Kontinent wird durchzogen von Bergen. Allein in Deutschland gibt es rund 40 Mittelgebirge. 29:17 Dazu kommen die Hochgebirge des Kontinents. Sie durchziehen den Kontinent 29:22 und hinterlassen ein Schachbrett aus separierten Gebieten. Dieses Hemmnis hat uns erfolgreich gemacht 29:29 und bis heute geprägt. Denn aus den Gebirgen heraus entstehen auch Flussläufe. 29:39 Europa verfügt über ein riesiges Netz an schiffbaren Wasserstraßen. 37.000 Kilometer sind es insgesamt. 29:46 Damit ist Europa der verkehrsdurchlässigste Kontinent und die Donau allein 29:51 verbindet zehn Länder und vier Hauptstädte. Der internationalste Fluss der Welt. 29:56 Die Flüsse sorgen für einen Transfer von Technologie und Wissen und befeuern damit den Fortschritt. 30:02 Aber nicht nur das, sondern auch eine urmenschliche Eigenschaft, die uns Europäerinnen und Europäer bis heute prägt: 30:09 Rivalität und Wettbewerb. Auch durch die kleinteiligen Räume 30:16 entsteht im Mittelalter ein politischer Flickenteppich mit Hunderten verschiedenen Herrschaften. 30:22 Meine Burg, mein Fürst, meine Währung. * Mittelalterliche Musik * 30:29 Einerseits erzeugt das ständig Konflikte, andererseits wird Europa zum Motor für Innovation. 30:36 Wirtschaft, Technik und Wissenschaft bringt das voran. Mit der Rivalität blühen aber auch die Klischees. 30:44 Die steirische Völkertafel aus dem 18. Jahrhundert klassifiziert den Nachbarn nach deren angeblichen Eigenschaften: 30:51 den offenherzigen Deutschen, den kriegsversessenen Franzosen und den bäuerlichen Polen. 30:56 (Hirschfelder) Wir glaubten lange, diese Regionen werden mal in den Nationen aufgehen. 31:01 Heute wissen wir aber, dass Nationen durch Regionen konstituiert werden und dass der Mensch, der in einer Region lebt, 31:10 eine regionale Identität braucht, aber nicht unbedingt eine nationale. Bis heute streben Europas Regionen nach Eigenständigkeit, 31:19 zum Teil gegen den Staat, dem sie angehören. Auf keinem anderen Kontinent gibt es so viele Unabhängigkeitsbewegungen. 31:27 In 30 Regionen, von Sardinien über die Färöer, Nordirland bis nach Siebenbürgen, gibt es Autonomiebestrebungen. 31:37 * Klangvolle Musik * Auch die 2,7 Millionen Basken 31:46 sehen sich als eigenständige ethnische Gruppe. Eine starke Identität, 31:51 befördert durch den geografisch abgesteckten Raum. Denn Berge und der Atlantik 31:57 grenzen das Baskenland als eigene Landschaft ab. Politisch gehört es teils zu Spanien und teils zu Frankreich. 32:07 In der Abgeschiedenheit des Baskenlandes lebt eine uralte Sprache, 32:11 die mit keiner der europäischen Sprachfamilien verwandt ist. Woher sie stammt, lässt Sprachwissenschaftler rätseln. 32:18 Dass sie so lange überdauert, liegt auch an der isolierten Gebirgslage. 32:30 Wir sind Basken hier. Wir sprechen baskisch, 32:34 da wir mit der Sprache von klein auf aufgewachsen sind. Wir fühlen uns in unserem tiefsten Inneren als Basken. 32:41 Damit hatten die Menschen hier im spanischen Staat einen schweren Stand. 32:46 Vor allem unter der Franco-Diktatur sind bis 1975 Autonomiebestrebungen verboten, 32:53 auch Baskisch und regionale Traditionen. Wir haben Zuhause weiter Baskisch gesprochen, 33:00 aber als ich in die Schule kam, war das verboten. Ich stellte bei einigen Mitschülern erst 40 Jahre oder noch später fest, 33:08 dass sie auch Baskisch sprachen. Wir waren in der Klasse fast alle baskischsprachig. 33:14 Aber aus Angst vor der Repression haben wir die Sprache nicht benutzt. Das war unser Leben. 33:24 Die Basken finden ein Schlupfloch. Sie treffen sich in sogenannten Kochgenossenschaften, 33:30 kulinarischen Vereinen, die in Restaurants für ihre eigenen Mitglieder kochen. 33:39 Die Kochgenossenschaften stärken den Zusammenhalt der Basken gegen die spanische Verwaltung 33:44 und fördern nebenbei auch die regionale Küche. Die ist für ihre Qualität weltberühmt. 33:50 Viele Restaurants tragen Gourmetsterne. * Harmonische Streichmusik * 33:57 (Mokoroa) Die Basken sind die, wie der Name "Euskaldunak" schon sagt, die Baskisch sprechen. 34:03 Das ist die einfachste Definition. Offiziell bin ich ja Spanier, aber das Herz ist das Herz. 34:12 Und ganz tief in unseren Herzen sind wir Basken und wollen als Basken leben. 34:19 Die Struktur des Kontinents schafft ein Europa der Regionen und damit auch der Konflikte. 34:28 * Meeresrauschen * Der Wettbewerb in Europa verändert die Welt. 34:41 Entdeckerambitionen und Hunger nach Ressourcen befeuern ihn. Als die Technologie und auch das Verständnis ausreichen, 34:49 um mit Schiffen aufs Meer zu fahren und andere Kontinente zu erreichen, macht Europa, der kleine Kontinent, 34:56 sich die ganze Welt brutal zum Untertan. * Meeresrauschen * 35:05 Dabei hilft ihm vor allem seine Küstenlinie. Mit 185.000 Kilometern ist sie im Verhältnis zur Landmasse 35:13 die weltweit längste, mit idealen Startrampen in den Atlantik, 35:17 mit Inseln und Halbinseln, wie gemacht für die Seefahrt. Die Iberische Halbinsel ist das perfekte Tor zum Nordatlantik. 35:26 * Abenteuerliche Musik * Auf dem dichtbesiedelten Kontinent 35:31 beginnt ein Wettlauf um Ruhm und Ressourcen. Die Portugiesen landen an der Westküste Afrikas. 35:40 Christoph Kolumbus wiederum in der Karibik, die er für Indien hält. 35:48 Eine globale Ära des Handels beginnt, aber auch eine der Ausbeutung. 35:58 Europa um 1500, das ist ein gieriger Kontinent. * Mysteriöse Musik * 36:04 (Hirschfelder) Europäer wollen Gold und Silber und Gewürze. Was sich hier als Erfolgsgeschichte liest, 36:11 ist für andere eine Katastrophe. Der amerikanische Kontinent ist zu dieser Zeit dicht besiedelt. 36:17 Und innerhalb von 100 Jahren werden große Teile der amerikanischen Kulturen zerstört 36:23 und 90 Prozent der dortigen Bevölkerung zum Teil ermordet, zum Teil sterben sie an Krankheiten. 36:31 Eine Erfolgsgeschichte, die für andere ein großer Misserfolg ist. 36:35 Wie immer in der Geschichte - viel Licht und noch mehr Schatten. Europa sieht sich selbst als den maßgebenden Kontinent. 36:45 Das zeigt sich auch auf den Karten, auf denen die eigentlich verhältnismäßig kleine Landmasse 36:52 überdimensional groß dargestellt wird. Bis 1914 beherrscht Europa 40 Prozent der Landfläche der Erde. 37:06 Dadurch gelangen auch Hunderttausende Kulturgüter aus Afrika, Ozeanien, den Amerikas und Asien nach Europa. 37:15 Erst heute ändert sich mit deren Rückgabe auch das europäische Selbstverständnis. 37:22 Solche kapitalen Irrwege sind wir Menschen leider immer wieder gegangen, 37:27 wie die Geschichte zeigt. Zumal wir in Europa uns lange als Nabel der Welt gefühlt haben. 37:32 Auch deshalb, weil der Kontinent uns einen Schatz aus der Urzeit Europas spendierte: 37:37 Kohle. * Bewegende Musik * 37:49 Sie lagert dort, wo heute halbmondförmig die Metropolen glühen. 37:56 Zwischen England, Nordfrankreich, Belgien und dem Ruhrgebiet. Die Kohle entstand über lange Zeit in einer sumpfigen Senke, 38:08 in der sich immer wieder abgestorbener Urwald gesammelt hat. Wurde überschwemmt, dann von Sediment überlagert, 38:14 und so ist über Jahrmillionen der Stoff entstanden, der die Industrialisierung in Europa maßgeblich vorangetrieben hat. 38:22 * Klangvolle Musik * "Das Schwarze Gold" bleibt wenig beachtet, 38:29 bis in weiten Teilen Europas die Wälder großteils abgeholzt sind. Nun wird Kohle zum Heizen genutzt 38:37 und der recht leicht zugängliche Brennstoff über die Jahrhunderte in immer größerem Stil abgebaut. 38:46 Die Kohle entfacht ein neues Zeitalter. Sie treibt eine revolutionäre Erfindung an: 38:53 die Dampfmaschine. * Dynamische Musik * 39:01 Große Maschinen, noch größere Fabriken. Das industrielle Zeitalter hat begonnen. 39:12 Mithilfe der Kohle wird Stahl in großen Mengen erzeugt. * Dynamische Musik * 39:23 Die Industrielle Revolution setzt damit eine nie gekannte Lebensbeschleunigung in Gang - 39:28 mit enormen Auswirkungen, bis heute. Die Industrialisierung hat die Art, wie wir leben, komplett verändert. 39:41 Zusammen mit neuen Lichtquellen wie Gaslichtern und dann Elektrizität. 39:45 Die Menschen blieben bis in die Nacht wach, anstatt bei Sonnenuntergang ins Bett zu gehen. 39:51 * Laute Maschinengeräusche * In den Fabriken entstehen mit der neuen Form von Arbeit neue Werte. 39:58 Zusammenhalt und Solidarität gegen den Druck der Verhältnisse. In großen Fabriken 40:07 müssen rund um die Uhr Produkte hergestellt werden, denn man will ja die Kosten wieder reinholen 40:13 und den Gewinn maximieren. Die Arbeitstage sind lang. 40:16 Sie werden in Schichten organisiert. Zeit wird der entscheidende Faktor, das Leben von der Uhr diktiert. 40:27 Doch noch ticken die Uhren überall anders. Das Deutsche Reich ist Ende des 19. Jahrhunderts 40:34 ein Wirrwarr aus verschiedenen Zeitzonen. * Ticken der Uhr * 40:43 * Glockenläuten * Erst 1893 40:47 kommt das Gesetz zur Einführung einer einheitlichen Zeitbestimmung. Damit endet das Durcheinander aus Münchner, Berliner 40:57 oder anderen regionalen Zeitzonen. In ganz Deutschland gilt seither die Mitteleuropäische Zeit. 41:08 Unser Leben heute, das uns dank der Elektrizität bis tief in die Nacht wach hält 41:14 und das vom Rhythmus der Uhren bestimmt ist - All das geht zurück auf die Entdeckung 41:21 dieser schwarzen, brennbaren Brocken aus der Erde. Der Bodenschatz Kohle schafft eine Industrie, 41:29 die Menschen aus ganz Europa anzieht. Das Ruhrgebiet ist deshalb bis heute 41:34 einer der am dichtesten besiedelten Ballungsräume des Kontinents. Längst wurde Europa von anderen Kontinenten eingeholt. 41:44 Zum Beispiel, was das Bevölkerungswachstum angeht oder in Bezug auf die Wirtschaftskraft. 41:49 Forscherinnen und Forscher diskutieren darüber, ob ein Ende der europäischen Ära erreicht sei. 41:55 Aber die geografische Lage unseres kleinen Kontinents ist gleichzeitig seine beste Lebensversicherung. 42:02 Die Forschung geht davon aus, dass Europa dank seiner Lage im Vergleich zu anderen Erdteilen mit weniger Naturkatastrophen 42:10 und Extremwetterereignissen zu kämpfen haben wird. Das heißt aber nicht, 42:17 dass wir sofort die Eindämmung des Klimawandels stoppen sollten. Im Gegenteil. 42:22 Denn hier im Studio, da kann ich die Natur per Knopfdruck ändern. 42:28 * Bedrohliche Musik * In der Realität, der echten Welt, geht das nicht. 42:33 Da sind wir auf die Natur angewiesen. Und sie braucht unseren besonderen Schutz. 42:41 Um so die guten Voraussetzungen auf diesem kleinen, aber begünstigten Kontinent für künftige Generationen zu wahren. 42:49 * Inspirierende Musik * Ach! Meine Heimat. 43:02 Ja, aber... Ich brauche mehr Sonne. Guck mal hier. - Ah, das ist der Himalaya. 43:09 Darüber reden wir bei Asien. - Genau, da kommt doch der Yeti her. Untertitel im Auftrag des ZDF, 2022