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Die gesamte Geschichte der DDR zum Einschlafen

Ruhe der Zeit3:06:04 31.233 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

Das Wichtigste aus dem Video

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Transkriptautomatisch erstellt · 1058 Zeilen
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  1. Die DDR war ein Land, das nur vier Jahrzehnte existierte und doch Millionen Menschen geprägt hat. Zwischen Trümmern, neuen Grenzen, sozialistischen
  2. Versprechen, Alltag, Kontrolle und Hoffnung entstand ein Staat, der 1990 wieder verschwand. Bevor wir tiefer eintauchen, schreib mir doch einmal in
  3. die Kommentare, von wo und um welche Uhrzeit du diese Geschichte hörst. Und wenn dir solche Reisen durch die Vergangenheit gefallen, hilfst du mir
  4. mit einem Like und Abo enorm dabei, mehr solcher Geschichten erzählen zu können. Vielen Dank für deine Unterstützung. Das Jahr 1945
  5. war für Deutschland kein gewöhnlicher Neubeginn. Es war eher ein leises Erwachen in einer Welt, die kaum noch wieder zu erkennen war.
  6. Der zweite Weltkrieg war vorbei. Die großen Städte lagen in Trümmern. Berlin, Dresden, Leipzig, Magdeburg, Chemnitz und viele andere Orte waren gezeichnet
  7. von Bomben, Feuer und Zerstörung. Straßen waren aufgerissen, Häuser ausgebrannt, Bahnhöfe beschädigt, Brücken eingestürzt.
  8. Zwischen den Ruinen bewegten sich Menschen, die alles verloren hatten. Familien suchten nach Angehörigen. Kinder standen in langen Schlangen für
  9. Brot. Frauen räumten Steine aus zerstörten Gebäuden. Heimkehrende Soldaten kamen aus Gefangenschaft zurück und fanden oft kein Zuhause mehr vor.
  10. Deutschland war besiegt, der Nationalsozialismus war zusammengebrochen und mit ihm war auch der deutsche Staat,
  11. wie er vorher existiert hatte, verschwunden. Doch das Land war nicht einfach frei. Es wurde von den Siegermächten
  12. kontrolliert, den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Frankreich und der Sowjetunion. Diese vier Mächte teilten Deutschland in
  13. Besatzungszonen auf. Im Westen entstanden die amerikanische, britische und französische Zone. Im Osten lag die sowjetische Besatzungszone.
  14. Auch Berlin, obwohl mitten in der sowjetischen Zone gelegen, wurde in vier Sektoren geteilt. Ein amerikanischer, ein britischer, ein französischer und
  15. ein sowjetischer Sektor. Schon hier in dieser geteilten Stadt konnte man den kommenden Konflikt erahnen, denn die Siegermächte hatten
  16. zwar gemeinsam gegen Hitler Deutschland gekämpft, aber sie hatten sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, wie die Zukunft aussehen sollte. Im
  17. Westen standen Demokratie, Marktwirtschaft und eine enge Bindung an die westlichen Staaten im Mittelpunkt. Im Osten setzte die Sowjetunion auf ein
  18. sozialistisches System, auf staatliche Kontrolle, auf Planwirtschaft und auf eine Gesellschaft, die nach kommunistischen Vorstellungen geformt
  19. werden sollte. Noch war die DDR nicht gegründet, noch gab es keinen ostdeutschen Staat. Aber in der sowjetischen Besatzungszone
  20. begann sich bereits eine neue Ordnung zu bilden. Alte Eliten wurden entmachtet. Großgrundbesitzer verloren ihr Land. Viele Betriebe wurden enteignet.
  21. Verwaltungen, Schulen, Medien und Parteien wurden schrittweise neu ausgerichtet. Nach außen klang vieles nach Befreiung,
  22. Gerechtigkeit und Neuanfang. Und für manche Menschen fühlte es sich auch genauso an. Nach Jahren von Krieg, Diktatur und Zerstörung gab es den
  23. Wunsch nach einem anderen Deutschland, ein Deutschland ohne Nazis. Ein Deutschland ohne Militarismus. Ein Deutschland in dem Arbeiter, Bauern
  24. und einfache Menschen mehr zählen sollten als früher. Doch dieser Neubeginn war nicht frei von Druck. Wer politisch nicht in das neue
  25. System passte, geriet schnell unter Verdacht. Wer Kritik äußerte, mußte vorsichtig sein. Und wer auf eine offene Demokratie
  26. hoffte, merkte bald, daß die sowjetische Besatzungsmacht und die neuen kommunistischen Funktionäre eigene Pläne hatten. So entstand in den Jahren nach
  27. 1945 langsam eine neue Wirklichkeit. Nicht plötzlich, nicht an einem einzigen Tag, sondern Schritt für Schritt in Ämtern,
  28. in Schulen, in Fabriken, in Zeitungen, in Parteibüros und in den Köpfen der Menschen. Während im Alltag noch Hunger, Kälte und
  29. Wohnungsnot herrschten, wurde im Hintergrund bereits die Zukunft vorbereitet. eine Zukunft, in der Deutschland nicht
  30. mehr ein gemeinsames Land sein würde, sondern zwei verschiedene Wege gehen sollte. Der Westen und der Osten entfernten sich voneinander, erst
  31. langsam, dann immer deutlicher. Und aus der sowjetischen Besatzungszone sollte bald ein neuer Staat entstehen. Ein Staat, der versprach, aus den
  32. Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Ein Staat, der sich selbst als antifaschistisch, gerecht und sozialistisch beschrieb.
  33. ein Staat, der später deutsche demokratische Republik heißen sollte. Doch bevor diese DDR gegründet wurde, musste die sowjetische Besatzungszone
  34. erst vollständig umgeformt werden. Und genau dort beginnt das nächste Kapitel. In der sowjetischen Besatzungszone begann nach 1945
  35. ein tiefgreifender Umbau. Es war kein Umbau, der laut und plötzlich geschah. Er geschah Schritt für Schritt in Dörfern und Städten, in Behörden,
  36. Schulen, Zeitungen und Fabriken. Und oft geschah er unter dem Eindruck von Hunger, Unsicherheit und der Hoffnung, dass nach dem Krieg endlich
  37. etwas Neues entstehen könnte. Die Sowjetunion wollte verhindern, dass von deutschem Boden noch einmal Krieg ausging. Doch sie wollte auch Einfluss
  38. sichern. Der Osten Deutschlands sollte nicht einfach wieder zu einem normalen deutschen Staat werden. Er sollte Teil
  39. einer neuen politischen Ordnung werden, die sich an Moskau orientierte. Zunächst stand vieles unter dem Zeichen der Entnazifizierung.
  40. Nationalsozialistische Funktionäre sollten aus Ämtern, Schulen, Gerichten und Verwaltungen entfernt werden. Viele Menschen begrüßten das. Nach 12 Jahren
  41. Diktatur wirkte der Gedanke an einen klaren Bruch mit der Vergangenheit notwendig. Doch bald wurde deutlich, dass nicht nur alte Nationalsozialisten
  42. entmachtet wurden, auch politische Gegner der neuen Ordnung gerieten unter Druck. In der sowjetischen Zone entstanden neue Machtstrukturen.
  43. Die Kommunistische Partei Deutschlands, die KPD, kehrte zurück. Auch die sozialdemokratische Partei Deutschlands, die SPD, wurde wieder
  44. zugelassen. Doch anders als im Westen sollten diese Parteien im Osten nicht lange unabhängig nebeneinander bestehen. Im Jahr 1946
  45. wurden KPD und SPD in der sowjetischen Besatzungszone zur sozialistischen Einheitspartei Deutschlands zusammengeschlossen.
  46. Der Name klang nach Einheit, nach Zusammenarbeit. nach einem gemeinsamen antifaschistischen Neuanfang.
  47. Doch diese Vereinigung geschah nicht überall freiwillig. Viele Sozialdemokraten wollten keine Verschmelzung mit den Kommunisten.
  48. Manche hatten Angst, manche wurden überzeugt, andere wurden gedrängt, isoliert oder zum Schweigen gebracht. Aus dieser neuen Partei der SED sollte
  49. später die eigentliche Machtzentrale der DDR werden. Noch gab es die DDR nicht. Aber die Partei, die sie beherrschen würde, war bereits da. Währenddessen
  50. veränderte sich auch das Land selbst. Eine der wichtigsten Maßnahmen war die Bodenreform. Großgrundbesitzer,
  51. ehemalige Nationalsozialisten und Menschen, die als Belastete galten, verloren ihren Besitz. Ihr Land wurde aufgeteilt und dann landarme Bauern,
  52. Flüchtlinge und Neubauern vergeben. Auf Plakaten stand: "Junkerland in Bauernhand. Für viele klang das wie Gerechtigkeit.
  53. Nach Jahrhunderten, in denen große Güter und alte Eliten das Land geprägt hatten, sollten nun einfache Menschen Boden bekommen. Doch auch diese Reform war
  54. nicht nur sozialer Ausgleich, sie war zugleich ein politisches Signal. Die alten Besitzverhältnisse sollten verschwinden. Die Gesellschaft sollte
  55. neu geordnet werden. Auch in der Industrie begann der Wandel. Betriebe wurden enteignet. Unternehmen, die früher Rüstung produziert hatten oder
  56. deren Besitzer als belastet galten, gingen in öffentliches Eigentum über. Es entstanden volkseigene Betriebe, die später zu einem der Grundfeiler der DDR
  57. Wirtschaft wurden. Der Staat oder genauer gesagt die neue politische Führung griff immer stärker in die Wirtschaft ein.
  58. Produktion, Preise, Rohstoffe und Arbeitskräfte sollten nicht mehr durch den Markt gesteuert werden, sondern durch Pläne. Aus einer zerstörten
  59. Nachkriegswirtschaft sollte eine sozialistische Planwirtschaft entstehen. Doch in diesen ersten Jahren war das Leben der Menschen
  60. noch weit entfernt von großen politischen Visionen. Viele dachten nicht zuerst an Sozialismus oder Parteien. Sie dachten
  61. an Brot, an Kohle, an ein Dach über dem Kopf, an verschwundene Angehörige, an das nächste Stück Seife, an den nächsten Winter. In den Stäten standen Ruinen wie
  62. dunkle Gerippe. In vielen Wohnungen fehlten Fenster, Türen, Heizmaterial und Möbel. Züge fuhren unregelmäßig. Straßen waren beschädigt, Brücken
  63. mussten repariert werden, Fabriken lagen still oder arbeiteten nur langsam wieder an. Gleichzeitig kamen Millionen Vertriebene und Flüchtlinge aus den
  64. ehemaligen deutschen Ostgebieten. Sie suchten Unterkunft, Arbeit und einen neuen Anfang. In vielen Orten mußten Familien enger
  65. zusammenrücken. Fremde Menschen teilten sich Zimmer, Küchen und Höfe. So war die sowjetische Besatzungszone ein Ort voller Widersprüche.
  66. Auf der einen Seite gab es den Wunsch nach Gerechtigkeit, nach Frieden, nach einem neuen Deutschland, das nicht mehr von Krieg,
  67. Nationalismus und alten Eliten geprägt sein sollte. Auf der anderen Seite entstand ein System, in dem politische Freiheit immer
  68. enger wurde. Die Richtung war vorgegeben, die Macht konzentrierte sich und wer sich dieser Entwicklung widersetzte, hatte immer weniger Raum.
  69. Auch die Medien wurden neu geordnet. Zeitungen, Rundfunk und Verlage standen zunehmend unter Kontrolle. Was veröffentlicht wurde, sollte zum
  70. Aufbau der neuen Ordnung passen. Kritik durfte es geben, aber nur in bestimmten Grenzen. Und diese Grenzen wurden mit der Zeit enger. In den Schulen begann
  71. ebenfalls eine neue Zeit. Lehrpläne wurden verändert. Alte Lehrer wurden überprüft. Neue Lehrer, oft in kurzer Zeit
  72. ausgebildet, sollten ein anderes Denken vermitteln. Die Jugend sollte nicht nur lesen, schreiben und rechnen lernen, sie sollte
  73. auch zu sozialistischen Bürgern erzogen werden. So wuchs eine neue Ordnung nicht nur durch Gesetze und Befehle, sie wuchs auch durch Sprache, durch Lieder, durch
  74. Schulbücher, durch Zeitungsartikel, durch Versammlung, durch neue Begriffe, die jeden Tag wiederholt wurden. Antifaschismus,
  75. demokratischer Neubeginn, Arbeiterklasse, Volksmacht, Plan, Sozialismus. Für manche Menschen waren diese Worte
  76. ehrlich mit Hoffnung verbunden. Für andere wurden sie mit der Zeit zu formeln, die man sagte, weil man sie sagen musste. In diesen Jahren wurde der
  77. Grundstein für einen Staat gelegt, der sich später als demokratisch bezeichnen würde, aber in Wahrheit von einer Partei gelenkt wurde.
  78. Die sowjetische Besatzungsmacht blieb dabei der entscheidende Faktor. Ohne ihre Zustimmung konnte kaum etwas Wichtiges geschehen. Sie bestimmte die
  79. großen Linien. Sie stützte die neuen Machthaber und sie sorgte dafür, dass der Osten Deutschlands fest in ihrem Einflussbereich blieb.
  80. Gleichzeitig entfernten sich die westlichen Besatzungszonen immer weiter von der sowjetischen Zone. Im Westen wurden wirtschaftliche und politische
  81. Strukturen aufgebaut, die sich an den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Frankreich orientierten. Im Osten entstand ein anderes Modell,
  82. zwei Wege, zwei Ordnungen, zwei Vorstellungen davon, was Deutschland nach Hitler sein sollte. Noch war die Teilung nicht endgültig.
  83. Noch gab es Menschen, die hofften, Deutschland könne wieder zusammenfinden. Doch mit jedem Jahr wurde diese Hoffnung schwächer. Die Fronten des kalten
  84. Krieges wurden klarer, Misstrauen wuchs, Entscheidungen wurden härter und aus der Besatzungszeit wurde langsam eine neue politische Wirklichkeit.
  85. Bis schließlich im Jahr 1949 aus der sowjetischen Besatzungszone ein eigener Staat entstand. Ein Staat mit eigener Regierung, mit
  86. eigener Verfassung, mit eigenen Symbolen und mit einem Namen, der nach Volksherrschaft klang, deutsche demokratische Republik. Doch wie
  87. demokratisch dieser neue Staat wirklich war, sollte sich bald zeigen. Im Jahr 1949 wurde sichtbar, was sich in den Jahren
  88. zuvor bereits vorbereitet hatte. Deutschland war nicht mehr nur besetzt. Deutschland war nun geteilt nicht nur durch Kontrollposten, Verwaltungsgrenzen
  89. oder unterschiedliche Besatzungszonen, sondern durch zwei politische Systeme, die immer weiter auseinander drifteten. Im Westen entstand im Mai 1949
  90. die Bundesrepublik Deutschland. Ein neuer Staat mit einem Grundgesetz, einem Parlament, freien Wahlen und einer engen Bindung an die westlichen
  91. Siegermächte. Bonn wurde zur provisorischen Hauptstadt, nicht Berlin, denn Berlin lag tief im Osten, mitten in der
  92. sowjetischen Besatzungszone und war selbst noch in vier Sektoren geteilt. Die Bundesrepublik verstand sich nicht
  93. als endgültige Lösung. Sie sah sich als Teil Deutschlands, das eines Tages wieder vereint werden sollte. Doch im Osten wurde wenige Monate später ein
  94. anderer Weg eingeschlagen. Am 7. Oktober 1949 wurde die deutsche demokratische Republik gegründet, die DDR.
  95. Auch sie gab sich eine Verfassung. Auch sie hatte ein Parlament. Auch sie sprach von Demokratie, Frieden, Antifaschismus und dem Willen des
  96. Volkes. Doch hinter diesen Worten entstand ein Staat, der von Anfang an stark von der Sowjetunion geprägt war und in dem
  97. wichtigste Macht nicht beim Parlament lag, sondern bei der sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Der erste Präsident der DDR wurde
  98. Wilhelm Peak. Der erste Ministerpräsident wurde Otto Grote wohl. Beide standen für den neuen Staat, für seine offiziellen Bilder, reden und
  99. Feiern. Doch eine der entscheidenden Figuren im Hintergrund war Walter Ulbricht. Er war kein Mann der großen Wärme. Er war
  100. nüchtern, hart, diszipliniert und eng mit der kommunistischen Bewegung verbunden. Mit ihm gewann die SD immer mehr
  101. Kontrolle über die Richtung des neuen Staates. Die DDR nannte sich demokratisch, aber die Demokratie, die sie meinte,
  102. unterschied sich stark von dem, was im Westen darunter verstanden wurde. Es gab Wahlen, es gab Parteien, es gab Organisationen.
  103. Doch die Parteien und Massenorganisationen waren in der nationalen Front zusammengeschlossen
  104. und diese nationale Front wurde von der SED dominiert. Die Menschen konnten wählen, aber sie konnten nicht wirklich frei zwischen politischen Alternativen
  105. entscheiden. Auf Wahlzetteln standen Einheitslisten. Die großen Entscheidungen waren vorher getroffen. Das Ergebnis sollte nicht
  106. offen sein. Es sollte Zustimmung zeigen. So entstand ein Staat, der nach außen Institutionen hatte, die vertraut wirkten. Regierung, Parlament,
  107. Ministerien, Verfassung, Gerichte, Wahlen. Doch im Inneren war die Macht anders verteilt. Die Partei stand über allem. Sie
  108. bestimmte die Richtung der Politik. Sie beeinflusste die Wirtschaft, sie kontrollierte die Medien, sie prägte die Schulen. Sie entschied, welche Karrieren
  109. möglich waren und welche nicht. Für viele Menschen im Osten Deutschlands war die Gründung der DDR kein lautes historisches Ereignis, das sofort den
  110. Alltag veränderte. Der Alltag blieb zunächst schwer. Noch immer waren viele Städte beschädigt. Noch immer fehlten Wohnungen, noch immer
  111. waren Lebensmittel knapp, noch immer standen Menschen an, noch immer suchten Familien nach Vermissten, noch immer kamen Vertriebene an, die irgendwo neu
  112. beginnen mussten. Aber über diesem Alltag lag nun ein neuer Staat mit neuen Symbolen, mit neuen Fahnen, mit neuen Zeitungen, mit neuen Reden, mit neuen
  113. Versprechen. Die DDR versprach, ein anderes Deutschland zu sein. Ein Deutschland, das angeblich endgültig mit dem
  114. Faschismus gebrochen hatte. Ein Deutschland der Arbeiter und Bauern. Ein Deutschland ohne Großkapitalisten, ohne Junker, ohne alte Eliten. Ein
  115. Deutschland, das nicht vom Westen abhängig sein wollte, sondern seinen eigenen sozialistischen Weg gehen sollte. Diese Versprechen klangen für
  116. manche überzeugend. Viele Menschen waren vom Krieg erschöpft. Sie wollten Sicherheit. Sie wollten Ordnung. Sie wollten Arbeit. Sie wollten Brot,
  117. Wohnungen und Frieden. Sie wollten nicht zurück in die Vergangenheit. Und die DDR bot ihnen eine klare Erzählung. Der alte Staat war gescheitert. Der
  118. Nationalsozialismus war besiegt. Nun sollte etwas Neues entstehen, ein besseres, gerechteres, friedlicheres Land. Doch von Beginn an gab es eine
  119. Spannung zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Der Staat sprach von Volksherrschaft, aber die Bevölkerung konnte die
  120. politische Richtung kaum ändern. Der Staat sprach von Freiheit, aber freie Presse, freie Parteien und freie öffentliche Kritik waren stark
  121. eingeschränkt. Der Staat sprach von Frieden, aber seine Macht beruhte auch auf Kontrolle, Disziplin und enger Bindung an die
  122. sowjetische Ordnung. Der Staat sprach von Gleichheit, aber schon früh entstand eine neue politische Elite, die Zugang zu besseren Informationen, besseren
  123. Positionen und größerem Einfluss hatte. Währenddessen entwickelte sich die Bundesrepublik im Westen in eine andere Richtung.
  124. Dort wurde die Marktwirtschaft aufgebaut. Die westlichen Zonen erhielten Hilfe durch den Marshall Plan. Die politische
  125. Ordnung orientierte sich an parlamentarischer Demokratie und westlicher Integration. Im Osten dagegen begann der Aufbau eines
  126. sozialistischen Staates. Die Wirtschaft sollte geplant werden. Die Gesellschaft sollte geformt werden. Die Menschen sollten nicht nur Bürger eines Landes
  127. sein, sondern Teil eines politischen Projekts. So standen sich nun zwei deutsche Staaten gegenüber. Beide sprachen Deutsch, beide beriefen sich
  128. auf Deutschland. Beide behaupteten, aus der Katastrophe der Vergangenheit gelernt zu haben, doch sie zogen unterschiedliche Schlüsse. Im Westen
  129. entstand ein Staat, der sich Schritt für Schritt in Richtung westlicher Demokratie und Marktwirtschaft bewegte. Im Osten entstand ein Staat, der sich
  130. als antifaschistisch und sozialistisch verstand, aber immer stärker von einer Partei gelenkt wurde. Für die Menschen bedeutete diese Teilung zunächst oft
  131. etwas sehr persönliches. Familien lebten plötzlich in verschiedenen Staaten. Freunde wurden durch politische Grenzen getrennt.
  132. Arbeitswege, Besuche und alte Verbindungen wurden komplizierter. Noch war die Grenze nicht vollständig geschlossen.
  133. Noch konnte man sich bewegen. Noch war Berlin ein besonderer Ort, an dem die Teilung zwar sichtbar war, aber noch nicht endgültig aus Beton bestand.
  134. Doch die Richtung war klar. Die beiden deutschen Staaten entfernten sich voneinander. Jahr für Jahr, Gesetz für Gesetz, Schulbuch für Schulbuch,
  135. Zeitungsartikel für Zeitungsartikel, Grenzposten für Grenzposten. Die DDR war nun gegründet, aber ein Staat entsteht nicht nur durch eine
  136. Urkunde. Er entsteht durch Macht, durch Regeln, durch Alltag, durch Kontrolle, durch Zustimmung und manchmal auch durch Angst.
  137. In den kommenden Jahren sollte die DDR versuchen, ihren sozialistischen Anspruch Wirklichkeit werden zu lassen. Sie wollte Betriebe lenken, Dörfer
  138. verändern, Schulenformen, Parteien kontrollieren, Jugendliche erziehen und aus einer zerstörten Nachkriegsgesellschaft eine neue
  139. sozialistische Gesellschaft bauen. Doch dieser Aufbau brachte nicht nur Hoffnung, er brachte auch Druck, Widerstand,
  140. Flucht und bald einen ersten großen Riss, denn der junge Staat verlangte viel von seinen Menschen und nicht alle waren bereit, diesen Weg schweigend
  141. mitzugehen. Aus der sowjetischen Besatzungszone war nun offiziell ein eigener Staat geworden mit Regierung, Parlament, Verfassung,
  142. Fahne und Hymne. Doch hinter diesen äußeren Zeichen stand eine größere Aufgabe. Die DDR sollte nicht einfach nur verwaltet werden, sie sollte
  143. umgebaut werden. Aus einem zerstörten Nachkriegsland sollte ein sozialistischer Staat entstehen. Ein Staat, in dem Fabriken, Schulen,
  144. Landwirtschaft, Medien, Kultur und Alltag nach neuen Regeln funktionieren sollten. Die Führung der SE sprach vom Aufbau
  145. einer besseren Gesellschaft, eine Gesellschaft ohne Ausbeutung, ohne alte Großgrundbesitzer, ohne mächtige Kapitalisten,
  146. ohne jene Eliten, die man für Krieg, Faschismus und soziale Ungerechtigkeit verantwortlich machte. In den Reden klang dieser Aufbau klar
  147. und entschlossen. Die Arbeiterklasse sollte führen. Die Bauern sollten Teil des neuen Staates sein. Die Jugend sollte eine friedliche sozialistische
  148. Zukunft aufbauen und die DDR sollte beweisen, dass im Osten Deutschlands ein anderes gerechteres Deutschland möglich war.
  149. Für manche Menschen war das tatsächlich mit Hoffnung verbunden. Viele hatten den Krieg erlebt. Viele hatten Armut, Angst, Verlust und Zerstörung gesehen. Viele
  150. wollten nie wieder einen Staat, der in Militarismus und Diktatur endete. Wenn nun von Frieden, Arbeit, Bildung und sozialer Gerechtigkeit gesprochen wurde,
  151. dann klang das für einige wie ein echter Neubeginn. Kinder aus Arbeiterfamilien sollten bessere Chancen bekommen. Frauen sollten
  152. stärker in Beruf und Gesellschaft eingebunden werden. Alte Besitzverhältnisse sollten aufgebrochen werden. Bildung, Arbeit und Wohn sollten
  153. nicht nur vom Geldbeutel abhängen. Doch der Aufbau des Sozialismus war nicht nur ein Versprechen, er war auch ein Machtprojekt.
  154. Denn die SED wollte nicht nur überzeugen, sie wollte führen und Führung bedeutete in der DDR immer stärker Kontrolle. Die Partei verstand
  155. sich als Kraft, die angeblich wusste, wohin die Geschichte gehen musste. Sie sah sich nicht einfach als eine Partei unter mehreren. Sie sah sich als
  156. Avantgarde, als politische Spitze einer neuen Gesellschaft. Das bedeutete, die wichtigsten
  157. Entscheidungen sollten nicht offen zwischen verschiedenen politischen Lagern ausgehandelt werden. Sie sollten von der Partei vorbereitet, gelenkt und
  158. durchgesetzt werden. In Betrieben entstanden Parteiorganisationen.
  159. In Schulen wurde die Erziehung politischer. In Verwaltungen achtete man darauf, wer zuverlässig war. In den Medien wurde immer deutlicher, welche
  160. Meinung erwünscht war. Schritt für Schritt entstand ein System, in dem Karriere, Sicherheit und Anerkennung oft davon abhing, ob jemand
  161. als politisch vertrauenswürdig galt. Wer mitmachte, konnte aufsteigen. Wer sich anpasste, hatte Ruhe. Wer überzeugt war, fand seinen Platz im neuen Staat. Doch
  162. wer widersprach, wer zweifelte oder wer zu offen Kritik äußerte, konnte Schwierigkeiten bekommen. Nicht immer sofort, nicht immer dramatisch, aber
  163. spürbar. Eine Bewerbung wurde schwieriger, ein Studienplatz blieb aus. Ein Vorgesetzter wurde mißstrauisch, ein Gespräch wurde notiert, eine Tür blieb
  164. geschlossen. So wuchs die DDR nicht nur durch große Beschlüsse, sie wuchs auch durch viele kleine Signale des Alltags, durch das,
  165. was man sagen durfte, durch das, was man besser verschwieg, durch die Frage, wem man vertrauen konnte und durch das Gefühl, dass der Staat immer mit am
  166. Tisch saß. Besonders wichtig wurde die Wirtschaft. Die DDRFührung wollte eine Planwirtschaft aufbauen. Das bedeutete,
  167. nicht Angebot und Nachfrage sollten bestimmen, was produziert wurde, sondern staatliche Pläne. In diesen Plänen wurde festgelegt, welche Betriebe welche Waren
  168. herstellen sollten, wie viele Maschinen gebraucht wurden, welche Rohstoffe verteilt wurden, welche Ziele erreicht werden mussten und welche Branchen
  169. besonders wichtig waren. Die Schwerindustrie spielte dabei eine große Rolle. Stahl, Maschinenbau, Chemie, Energie, Bergbau.
  170. Diese Bereiche galten als Grundlage für einen starken sozialistischen Staat. Die DDR sollte industriell wachsen, unabhängig werden und im Wettbewerb mit
  171. dem Westen bestehen. Doch der Anfang war schwer. Viele Anlagen waren beschädigt oder veraltet. Ein Teil der Industrie war nach dem
  172. Krieg als Reparationsleistung an die Sowjetunion abgebaut worden. Rohstoffe waren knapp, Transportwege mussten wiederhergestellt werden und überall
  173. fehlte es an Material, Fachkräften und moderner Technik. Trotzdem wurden hohe Ziele gesetzt. Die Arbeiter sollten mehr leisten. Die Betriebe sollten Pläne
  174. erfüllen oder übererfüllen. Die Zeitungen berichteten von Aktivisten, von Helden der Arbeit, von Menschen, die angeblich aus Überzeugung weit über das
  175. normale Maß hinausarbeiteten. Es entstand eine neue Sprache der Produktion, Planerfüllung, Arbeitsnorm, Brigade, Wettbewerb,
  176. Aktivist, volkseigener Betrieb. Diese Begriffe sollten zeigen, dass Arbeit nicht nur Broterwerb war, sie sollte Dienst an der neuen Gesellschaft
  177. sein. Doch im Alltag war die Realität oft nüchterner. Viele Menschen arbeiteten hart, aber Löhne, Versorgung und
  178. Wohnverhältnisse blieben schwierig. In den Geschäften fehlten Waren, Handwerker waren knapp, Wohnungen waren eng und die Erinnerung an die bessere
  179. Versorgung im Westen wurde für viele immer stärker, denn der Westen war nicht weit entfernt. Die Bundesrepublik entwickelte sich
  180. wirtschaftlich schneller. Mit westlicher Hilfe, Marktwirtschaft und wachsender Produktion begann dort langsam das, was später Wirtschaftswunder genannt wurde.
  181. Für viele Menschen in der DDR war dieser Unterschied spürbar durch Verwandte, durch Briefe, durch Pakete, durch Radiosendungen,
  182. durch Besuche und besonders durch Berlin, wo Ost und West noch direkt nebeneinander lagen. Der sozialistische Aufbau musste sich
  183. also ständig vergleichen lassen, nicht nur mit einer Idee, sondern mit einem realen anderen Deutschland. Das setzte die DDR Führung unter Druck. Je größer
  184. der Unterschied wirkte, desto stärker musste der eigene Weg begründet werden. Und je mehr Menschen zweifelten, desto wichtiger wurde Kontrolle. Die SD
  185. erklärte, Schwierigkeiten seien nur Übergangsprobleme. Der Sozialismus müsse erst aufgebaut werden. Opfer sein notwendig, Disziplin
  186. sein notwendig, Geduld sein notwendig. Doch viele Menschen hatten nach Krieg und Entbehrung bereits jahrelang Geduld gehabt. Sie wollten nicht nur
  187. Zukunftsversprechen, sie wollten ein besseres Leben im Jetzt. Der Staat versprach Wohnung, aber viele lebten weiter beengt. Er versprach
  188. Versorgung, aber vieles blieb mangelware. Er versprach Demokratie, aber die politische Richtung war festgelegt. Er versprach Frieden, aber
  189. die Sprache wurde immer kämpferischer. So entstand eine Spannung, die sich durch die gesamte frühe DDR zog. Zwischen Hoffnung und Zwang.
  190. zwischen Aufbau und Kontrolle, zwischen sozialem Versprechen und politischer Engel. Auch in der Gesellschaft selbst begann sich vieles zu verändern. Die
  191. Jugend wurde früh eingebunden. Kinder traten in Pionierorganisationen ein. Jugendliche kamen zur FDJ, der freien deutschen Jugend. Dort ging es um
  192. Gemeinschaft, Freizeit und Zukunft, aber auch um politische Erziehung. Man sang Lieder, man trug Halstücher, man nahm an Veranstaltungen teil, man lernte, welche
  193. Worte richtig waren und welche Haltung erwartet wurde. In den Schulen wurde Geschichte neu erzählt. Der Nationalsozialismus erschien als Folge
  194. von Kapitalismus, Militarismus und alten Eliten. Die Sowjetunion wurde als Befreierin dargestellt, die DDR als antifaschistischer Neubeginn, die
  195. Bundesrepublik dagegen zunehmend als Staat des Westens, des Kapitals und Alter Kräfte. Diese Erzählung wurde nicht nur in
  196. Schulbüchern verbreitet, sie war auch in Zeitung, reden, Filmen und Feiern präsent. Die DDR schuf sich selbst eine
  197. Geschichte, in der sie auf der richtigen Seite stand, und diese Geschichte wurde zu einem wichtigen Teil ihrer Legitimation.
  198. Wer die DDR kritisierte, stellte aus Sicht der Führung nicht nur einzelne Entscheidungen in Frage. Er stellte angeblich den antifaschistischen und
  199. sozialistischen Neubeginn in Frage. Das machte Kritik gefährlich, denn der Staat sah sich nicht als gewöhnlicher Staat mit Fehlern. Er sah sich als
  200. historisches Projekt, als Antwort auf Hitler, als Bollwerk gegen Faschismus, als Zukunft der Arbeiterklasse, als besseres Deutschland.
  201. Diese großen Worte gaben dem Staat Kraft, aber sie machten ihn auch starr. In den frühen 1950er Jahren wurde der Druck stärker. Die Wirtschaft sollte
  202. schneller wachsen. Die sozialistische Umgestaltung sollte entschlossener vorangehen. Die politischen Gegner sollten weniger Raum bekommen. Die
  203. Bevölkerung sollte sich klarer zum neuen Staat bekennen. Doch viele Menschen taten das nicht. Manche waren vorsichtig loyal. Manche arrangierten sich. Manche
  204. glaubten wirklich an den Sozialismus. Andere blieben innerlich auf Distanz und viele verließen das Land. Noch war die Grenze zum Westen nicht
  205. vollständig geschlossen. Noch konnte man über Berlin in den Westen gelangen. Noch war fluchtchwierig, aber möglich. gerade
  206. junge gut ausgebildete Menschen gingen, Ärzte, Ingenieure, Handwerker, Studenten, Facharbeiter,
  207. Menschen, die in der DDR keine Zukunft sahen oder sich dem wachsenden politischen Druck entziehen wollten. Für den jungen Staat war das ein
  208. schweres Problem, denn er wollte eine neue Gesellschaft aufbauen, aber ein Teil seiner Bevölkerung stimmte mit den Füßen ab.
  209. So zeigte sich schon wenige Jahre nach der Gründung. Die DDR konnte Menschenarbeit geben, sie konnte Wohnungen versprechen, sie konnte
  210. Schulen umbauen, sie konnte Betriebe verstaatlichen, sie konnte Pläne schreiben, aber sie konnte Vertrauen nicht einfach befehlen.
  211. Und genau dieses fehlende Vertrauen wurde immer deutlicher. Im Sommer 1952 verkündete die SED offiziell den Aufbau
  212. des Sozialismus. Der Kurs wurde härter. Die Kontrolle nahm zu. Die Anforderungen an Arbeiter und Betriebe stiegen. Gleichzeitig blieb
  213. der Alltag angespannt. Die Versorgung war schwierig. Die politische Atmosphäre wurde enger. Die Menschen spürten, dass der Staat viel verlangte und wenig
  214. Widerspruch duldete. In Fabriken wurde über Normen gesprochen, über höhere Leistung, über mehr Arbeit für denselben Lohn.
  215. über Ziele, die von oben gesetzt wurden. Und je mehr Druck entstand, desto mehr wuchs die Unzufriedenheit. Noch war sie oft leise, in Gesprächen am
  216. Küchentisch, in Pausenräumen, auf Baustellen, in Straßenbahn, auf Wegen zur Arbeit. Doch unter der Oberfläche sammelte sich etwas, eine Müdigkeit,
  217. eine Wut, eine Enttäuschung. Der Aufbau des Sozialismus sollte zeigen, dass die DDR stark war, dass sie eine Zukunft hatte, dass sie den
  218. richtigen Weg ging. Doch im Jahr 1953 sollte sich zeigen, wie brüchig dieser junge Staat noch war. Denn aus Unzufriedenheit wurde Protest,
  219. aus Protest wurde ein Aufstand und aus einem Arbeitskonflikt wurde der erste große Schock der DDR Geschichte.
  220. Im Sommer 1953 zeigte sich zum ersten Mal offen, wie groß die Spannung in der jungen DDR bereits geworden war.
  221. Nach außen sprach die Führung weiter vom Aufbau des Sozialismus, von Fortschritt, Disziplin und einer besseren Zukunft. Doch in vielen
  222. Betrieben, Wohnungen und Straßen war die Stimmung eine andere. Die Menschen waren müde. Viele hatten den Krieg überlebt, den Hunger der Nachkriegszeit getragen
  223. und jahrelang auf bessere Zeiten gehofft. Aber der Alltag blieb schwer. Die Versorgung war angespannt, Wohnungen waren knapp, viele Preise stiegen und
  224. der politische Druck nahm zu. Besonders in den Betrieben wuchs die Unzufriedenheit. Die Regierung hatte beschlossen, die
  225. Arbeitsnormen zu erhöhen. Das bedeutete, Arbeiter sollten mehr leisten, oft ohne entsprechend mehr Lohn zu bekommen. Für die Führung war das ein Schritt, um die
  226. Wirtschaft voranzubringen. Für viele Arbeiter fühlte es sich wie eine zusätzliche Belastung an. Gerade jene Menschen, in deren Namen die
  227. DDR angeblich regiert wurde, fühlten sich übergang, die Arbeiter. Am 16. Juni 1953 begannen Bauarbeiter in Ostberlin zu
  228. protestieren. Sie zogen durch die Straßen, zunächst wegen der erhöhten Normen. Doch aus einer wirtschaftlichen Forderung wurde schnell etwas Größeres.
  229. Die Menschen verlangten nicht nur niedrigere Arbeitsnormen, sie forderten freie Wahlen. Sie forderten den Rücktritt der Regierung. Sie forderten
  230. mehr Freiheit. Was als Protest von Bauarbeitern begann, breitete sich rasch aus. Am nächsten Tag, dem 17. Juni 1953 kam es in vielen Städten und Orten der
  231. DDR zu Streiks, Demonstrationen und Aufständen. In Berlin, Leipzig, Halle, Magdeburg, Dresden, Jener, Görlitz und vielen weiteren Orten gingen Menschen
  232. auf die Straße. Arbeiter verließen ihre Betriebe. Menschen sammelten sich auf Plätzen. Rufe halten durch Straßen, die nur wenige Jahre zuvor noch voller
  233. Trümmer gewesen waren. Für einen Moment schien sichtbar zu werden, was sonst oft nur leise ausgesprochen wurde. Die Unzufriedenheit war nicht vereinzelt,
  234. sie war weit verbreitet. Viele Menschen hatten nicht nur ein Problem mit einzelnen Entscheidungen, sie zweifelten am gesamten Kurs des
  235. Staates. Die DDR-Führung war überfordert. Sie hatte sich als Regierung der Arbeiter und Bauern dargestellt.
  236. Doch nun waren es gerade Arbeiter, die gegen sie demonstrierten. Das war gefährlich für die Legitimation des jungen Staates. Denn wenn die
  237. Arbeiterklasse angeblich die Grundlage der Macht war, was bedeutete dann, wenn Arbeiter auf die Straße gingen und diese Macht ablehnten?
  238. Die Führung konnte diesen Protest nicht einfach als Missverständnis behandeln. Sie sah darin eine ernste Bedrohung und sie war nicht allein. Die Sowjetunion
  239. hatte in der DDR das letzte Wort, wenn es um die Sicherung der Macht ging. Sowjetische Truppen standen im Land. Panzer waren bereit und am 17. Juni
  240. griffen sie ein. In Ostberlin und anderen Städten wurden Demonstrationen gewaltsam niedergeschlagen. Panzer rollten durch Straßen. Der
  241. Ausnahmezustand wurde verhängt. Menschen wurden verhaftet. Einige verloren ihr Leben. Der Aufstand war vorbei, bevor er eine echte Chance hatte, das System zu
  242. verändern. Doch seine Wirkung blieb. Für die Menschen in der DDR war der 17. Juni ein Schock. Viele hatten erlebt, wie schnell der Staat Gewalt einsetzen
  243. konnte, wenn seine Macht bedroht war. Andere hatten gesehen, dass Widerstand möglich war, auch wenn er gefährlich war. Für die SD war der Aufstand eine
  244. tiefe Demütigung. Sie erklärte später, der 17. Juni sei kein echter Volksaufstand gewesen, sondern ein vom Westen gesteuerter
  245. faschistischer Putschversuch. Diese Deutung passte in das Weltbild der Partei. Sie musste nicht eingestehen, dass viele Menschen aus eigener
  246. Erfahrung und eigener Unzufriedenheit gehandelt hatten. Doch im Inneren verstand die Führung sehr genau, was geschehen war. Der Staat war noch nicht
  247. fest genug, die Zustimmung war nicht stark genug. Der Alltag war nicht stabil genug und die Kontrolle musste aus Sicht der
  248. Partei enger werden. Nach dem 17. Juni wurde die Überwachung verschärft. Betriebe, Verwaltungen und öffentliche Räume wurden genauer
  249. beobachtet. Die Sicherheitsorgane gewannen an Bedeutung. Wer Kritik äußerte, wurde noch vorsichtiger.
  250. Der Aufstand zeigte der DDR Führung, dass sie ihre Bevölkerung nicht allein mit Parolen und Plänen führen konnte. Sie brauchte auch Angst, Kontrolle und
  251. die sichtbare Unterstützung der sowjetischen Macht. Gleichzeitig veränderte der 17. Juni auch den Blick des Westens auf die DDR.
  252. In der Bundesrepublik wurde der Tag später als Symbol für den Wunsch nach Freiheit und Einheit verstanden. Er wurde zum Gedenktag, zum Zeichen dafür,
  253. dass die deutsche Teilung nicht einfach akzeptiert war. Für die DDR dagegen blieb der 17. Juni ein Ereignis, über das nur in der offiziellen Sprache
  254. gesprochen werden durfte. nicht als Aufstand der eigenen Bevölkerung, nicht als Ausdruck echter Verzweiflung, sondern als feindlicher Angriff. Doch
  255. viele Menschen wussten, was sie gesehen hatten oder was Angehörige erlebt hatten oder was in ihren Städten geschehen war. Der 17. Juni verschwand nicht einfach
  256. aus dem Gedächtnis. Er blieb unter der Oberfläche, in Familiengeschichten, in vorsichtigen Gesprächen, in der Erinnerung an einen Moment, in
  257. dem der junge Staat plötzlich verletzlich wirkte. Und für die SD wurde dieser Tag zu einer Warnung. Nie wieder sollte sich ein solcher Protest
  258. unkontrolliert ausbreiten. Nie wieder sollte die Macht der Partei so offen in Frage gestellt werden. Nie wieder sollte die Straße stärker wirken als der Staat.
  259. Von nun an wurde die DDR vorsichtiger, härter und misstrauischer. Sie wollte Stabilität, aber Stabilität bedeutete für die Führung nicht offene Diskussion.
  260. Sie bedeutete Ordnung, Kontrolle, Disziplin und Loyalität. So wurde der 17. Juni 1953 zum ersten großen Riss in der Geschichte
  261. der DDR. Ein Riss zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen Arbeiterstaat und
  262. Arbeiterprotest, zwischen Hoffnung auf Sozialismus und Angst vor dem eigenen Volk. Der Aufstand war niedergeschlagen,
  263. doch die Fragen, die er sichtbar gemacht hatte, blieben bestehen. Wie viel Zustimmung hatte dieser Staat wirklich? Wie frei konnten Menschen in
  264. ihm leben? Und was würde passieren, wenn immer mehr Menschen begannen, nicht nur zu zweifeln, sondern zu gehen? Denn in den Jahren nach dem Aufstand
  265. wurde ein anderes Problem immer größer. Hunderttausende verließen die DDR. leise entschlossen mit Koffern, Kindern, Erinnerungen und der Hoffnung auf ein
  266. anderes Leben. Und diese Fluchtbewegung sollte den jungen Staat bald vor seine nächste große Krise stellen.
  267. Nach dem 17. Juni 1953 kehrte in der DDR äußerlich wieder Ruhe ein. Die Straßen lehrten sich, die Betriebe arbeiteten weiter. Die
  268. Zeitungen sprachen wieder von Fortschritt, Aufbau und sozialistischer Zukunft. Doch unter der Oberfläche hatte sich
  269. etwas verändert. Viele Menschen wussten nun, wie weit der Staat gehen würde, wenn seine Macht in Frage stand. Und trotzdem mußte das Leben
  270. weitergehen. In den Städten standen noch immer Ruinen. Zwischen beschädigten Fassaden, engen Hinterhöfen und notdürftig
  271. reparierten Wohnung begann der Alltag der jungen DDR. Kinder gingen zur Schule. Arbeiter fuhren früh in die Betriebe. Frauen
  272. standen in Geschäften an. Straßenbahnen quietschten durch graue Straßen und in vielen Wohnungen wurde sparsam geheizt, gekocht und geplant.
  273. Die 1950er Jahre waren in der DDR keine einfache Zeit. Der Krieg lag noch nicht lange zurück. Viele Familien hatten Tote, vermisste oder Verwundete zu
  274. beklagen. Heimkehrer aus Gefangenschaft kamen zurück in Orte, die sich verändert hatten. Vertriebene aus den ehemaligen
  275. deutschen Ostgebieten suchten eine neue Heimat. Wohnraum war knapp. Lebensmittel waren nicht immer zuverlässig verfügbar. Viele Dinge, die heute
  276. selbstverständlich wirken, waren damals kostbar. Ein gutes Paar Schuhe, ein warmer Mantel, Seife, Kaffee, Fleisch, Baumaterial,
  277. Ersatzteile. Oft musste improvisiert werden. Man reparierte, was eigentlich längst kaputt war. Man tauschte, was man irgendwo
  278. bekommen konnte. Man wartete, fragte herum, stellte sich an und hoffte, dass noch etwas übrig blieb. Gleichzeitig wurde überall vom Aufbau gesprochen. Die
  279. DDR wollte zeigen, dass sie stärker wurde. Neue Betriebe sollten entstehen. Alte Fabriken sollten wieder produzieren. Wohnungen sollten gebaut
  280. werden, die Jugend sollte anpacken. Das Land sollte aus den Trümmern heraus in eine sozialistische Zukunft gehen. Auf Plakaten sah man lächelnde Arbeiter,
  281. Bauern, Ingenieure und junge Menschen. Sie blickten nach vorn in eine helle Zukunft, die oft klarer wirkte als die Gegenwart.
  282. Denn der echte Alltag war widersprüchlich. Es gab Menschen, die an den neuen Staat glaubten. Sie sahen in der DDR eine
  283. Chance für soziale Gerechtigkeit, Bildung und Frieden. Kinder aus einfachen Familien konnten tatsächlich neue Möglichkeiten bekommen. Viele
  284. Frauen wurden stärker in den Arbeitsmarkt eingebunden. Der Staat versprach Sicherheit, Arbeit und Aufstieg. Aber es gab auch viele, die
  285. skeptisch blieben. Sie spürten die politische Engel. Sie hörten, welche Meinung erwünscht war. Sie sahen, wer gefördert wurde und
  286. wer nicht. Sie merkten, dass man vorsichtig sein musste, wenn man über Politik sprach. In Betrieben gab es Versammlungen, in Schulen politische
  287. Erziehung, in Jugendorganisationen neue Rituale, in Zeitungen immer wieder dieselben Worte. Fortschritt, Frieden, Plan, Sozialismus, Arbeiterklasse.
  288. Für manche klangen diese Worte nach Zukunft. Für andere wurden sie zu einer Sprache, die man verstand, aber innerlich nicht immer glaubte.
  289. Besonders deutlich wurde der Unterschied zum Westen, denn die Bundesrepublik war nah, nicht nur geographisch, sondern auch in den Köpfen. Viele Menschen
  290. hatten Verwandte im Westen. Briefe kamen an, Pakete wurden geschickt. Man hörte westliche Radiosender. Man hörte von vollen Schaufenstern,
  291. neuen Waren, besseren Löhnen und wachsendem Wohlstand. Während die DDR ihre Planwirtschaft aufbaute, begann im Westen das
  292. Wirtschaftswunder sichtbar zu werden. Dieser Vergleich war gefährlich für den jungen Staat, denn er zeigte den Menschen, dass es eine Alternative gab.
  293. Noch war die Grenze nicht vollkommen geschlossen. Noch war Berlin offen genug, um zum wichtigsten Fluchtweg zu werden. Wer die DDR verlassen wollte,
  294. konnte über Ostberlin nach Westberlin gelangen. Von dort aus führte der Weg in die Bundesrepublik. Viele gingen nicht leichtfertig.
  295. Sie ließen Wohnungen zurück, Arbeitsplätze, Nachbarn, Freunde, manchmal sogar Teile der Familie. Aber sie ging, weil sie im Westen mehr
  296. Freiheit, bessere Chancen oder einfach ein anderes Leben erwarteten. Besonders schmerzhaft war für die DDR Wer ging? Nicht nur politisch verfolgte,
  297. nicht nur unzufriedene, auch junge Menschen, Ärzte, Ingenieure, Lehrer, Handwerker und Facharbeiter verließen das Land. Genau jene Menschen,
  298. die der Staat für seinen Aufbau brauchte. Für die DDRFührung wurde diese Fluchtbewegung zu einem ernsten Problem.
  299. Jeder Mensch, der ging, war nicht nur ein verlorener Arbeiter oder Bürger. Er war auch ein sichtbares Misstrauensvotum gegen den Staat.
  300. Die Regierung sprach von Republik Flucht. Das Wort klang nicht nach persönlicher Entscheidung, es klang nach Verrat. Wer ging, verließ nicht einfach
  301. ein Land. Aus Sicht der Führung verließ er das sozialistische Projekt, doch die Ursachen verschwanden dadurch nicht.
  302. Viele Menschen wollten reisen können, sagen können, was sie dachten, arbeiten, wo sie wollten, lesen, was sie wollten, wählen, was sie wollten. Und manche
  303. wollten schlicht ein Leben, das weniger eng, weniger kontrolliert und materiell besser war. Trotzdem war die DDR der 1950er Jahre
  304. nicht nur ein Land der Angst oder des Mangels. Es gab auch Nachbarschaft, Familienleben, Feste, Kindheit, Arbeitsethos und echte Bindung.
  305. Menschen gingen ins Kino, feierten Geburtstage, hörten Musik, machten Ausflüge, verliebten sich, heirateten und zogen Kinder groß.
  306. Der Alltag bestand nicht nur aus Politik, er bestand aus vollen Küchen am Abend, aus Kohleöfen im Winter, aus Schulwegen am Morgen, aus Gesprächen im
  307. Treppenhaus, aus langen Arbeitstagen, aus kleinen Freuden, wenn ein Paket aus dem Westen kam oder im Laden endlich etwas Besonderes zu kaufen war.
  308. Genau darin lag die besondere Spannung der DDR. Sie war für ihre Bürger nicht nur ein System, sie war auch zu Hause. Ein
  309. Zuhause mit Grenzen, mit Regeln, mit Druck, aber auch mit Erinnerung, Gewohnheiten und vertrauten Orten. In den 1950er
  310. Jahren versuchte der Staat sich zu stabilisieren. Er baute Institutionen aus, kontrollierte die Gesellschaft enger und
  311. hielt an seinem sozialistischen Weg fest. Doch die offene Grenze blieb wie ein Ventil. Solange Menschen gehen konnten,
  312. mußten sie nicht bleiben. Und solange sie nicht bleiben mussten, war die Macht des Staates unvollständig. Jahr für Jahr verließen viele die DDR
  313. mit Koffern, mit Dokumenten, mit Angst vor Entdeckung, mit Hoffnung auf einen neuen Anfang. Die Führung beobachtete diese
  314. Entwicklung mit wachsender Sorge, denn ein Staat kann Fabriken verstaatlichen, er kann Schulen umformen, er kann Zeitungen kontrollieren, er kann Reden
  315. halten und Pläne schreiben. Aber wenn seine Menschen in großer Zahl fortgehen, zeigt sich etwas, dass keine Propaganda vollständig verdecken kann.
  316. Der junge Staat hatte ein Problem und dieses Problem führte direkt nach Berlin in jene geteilte Stadt, die bald zum gefährlichsten offenen Punkt im kalten
  317. Krieg werden sollte. In den 1950er Jahren war Berlin der empfindlichste Punkt der DDR.
  318. Die Stadt lag mitten in der sowjetischen Besatzungszone und doch war sie selbst geteilt. Ein Teil gehörte zum Osten, drei Teile
  319. gehörten zum Westen. Ostberlin war die Hauptstadt der DDR. Westberlin dagegen war ein westlicher Vorposten umgeben von DDRgebiet.
  320. Diese besondere Lage machte Berlin zu einem Ort voller Spannung. Hier standen sich die Systeme direkter gegenüber als irgendwo sonst. Nicht
  321. abstrakt, nicht nur in Reden oder Zeitungsartikeln, sondern sichtbar in Straßen, Bahnhöfen, Schaufenstern und Gesprächen.
  322. Wer in Ostberlin lebte, konnte sehen, wie nah der Westen war. Manchmal nur wenige Stationen entfernt, manchmal nur eine Straße weiter,
  323. manchmal nur hinter einer Sektorengrenze, die noch nicht aus Beton und Stacheldraht bestand.
  324. Für viele Menschen wurde Berlin deshalb zum Tor. Zum Tor in die Bundesrepublik, zum Tor in ein anderes Leben, zum Tor aus einem Staat, den sie nicht mehr als
  325. ihre Zukunft sahen. Wer die DDR verlassen wollte, ging oft zuerst nach Berlin. Dort konnte man von Ost nach West gelangen und sich in
  326. Westberlin melden. Von dort aus führte der Weg weiter in die Bundesrepublik. Nicht jeder, der ging, war ein
  327. politischer Gegner. Manche waren es. Andere wollten einfach bessere Arbeit, bessere Löhne, mehr Konsum oder mehr Bewegungsfreiheit.
  328. Ein Arzt, der keine Zukunft sah, ein Ingenieur, der bessere Möglichkeiten suchte, eine junge Familie, die ihren Kindern
  329. ein anderes Leben wünschte, ein Student, der nicht wollte, dass seine politische Haltung über seine Karriere entscheidet. Die Gründe waren
  330. verschieden, aber zusammen wurden sie für die DDR zu einem massiven Problem, denn jeder Mensch, der ging, fehlte. in Krankenhäusern, in Schulen, in
  331. Werkstätten, in Universitäten, in Betrieben, in der Verwaltung. Besonders bitter war, dass viele gut ausgebildete Menschen flohen. Der Staat
  332. hatte sie gebraucht, um sein neues System aufzubauen. Doch gerade sie hatten oft die besten Möglichkeiten im Westen schnell wieder Fuß zu fassen.
  333. Die DDR Führung sprach von Republikt. Dieses Wort zeigte, wie der Staat diese Entscheidung sah. nicht als persönlichen Schritt, nicht als Ausdruck von
  334. Enttäuschung oder Angst, sondern als Verrat sozialistischen Aufbau. Doch je härter die Sprache wurde, desto weniger verschwand das Problem. Im Gegenteil,
  335. die Fluchtbewegung zeigte, dass viele Menschen der DDR nicht vertrauten. Sie zeigte, dass der Staat seine Bürger nicht nur überzeugen musste, er musste
  336. sie halten. Und solange Berlin offen blieb, war das kaum möglich. Westberlin wirkte auf die DDR Führung wie ein Stachel.
  337. Ein Ort, an dem westliche Medien, westliche Waren, westliche Politik und westliche Möglichkeiten mitten im Osten präsent waren. Von dort kamen
  338. Radiosendungen, von dort kamen Nachrichten, von dort kamen Vergleiche, die der DDR nicht gefielen. Ein Schaufenster konnte
  339. politisch werden, ein Paket konnte politisch werden, ein Besuch bei Verwandten konnte politisch werden, denn alles erinnerte daran, dass es neben der
  340. DDR noch ein anderes deutsches Leben gab. Für die SED war das gefährlich. Ein Staat, der seine Überlegenheit behauptete, konnte sich schwer leisten,
  341. daß so viele Menschen ihn verließen. Ein Staat, der von Zukunft sprach, musste erklären, warum ausgerechnet junge Menschen ging.
  342. Ein Staat, der sich Arbeiter und Bauernstaat nannte, musste hinnehmen, dass Arbeiter und Fachkräfte ihre Koffer packten.
  343. Berlin wurde dadurch immer mehr zur offenen Wunde, nicht nur geographisch, sondern psychologisch. Solange diese Stadt offen blieb, blieb
  344. auch die Entscheidung offen. Bleiben oder gehen, anpassen oder neu anfangen, hoffen oder fliehen. Viele Familien sprachen leise darüber,
  345. manche planten lange, andere entschieden plötzlich. Ein Koffer wurde gepackt. Dokumente wurden mitgenommen. Ein letzter Blick fiel auf die Wohnung. Dann
  346. ging es zum Bahnhof, zur S-Bahn, zur Grenze der Sektoren. Nicht jeder Weg gelang, nicht jede Entscheidung war frei von Schmerz und nicht jeder fand im
  347. Westen sofort das erhoffte Glück. Aber für die DDR war entscheidend. Sie konnte diese Bewegung nicht dauerhaft zulassen. Ende der 1950er Jahre wurde die Lage
  348. immer angespannter. Die Führung wusste, dass sie Berlin irgendwann schließen müsste, wenn sie den eigenen Staat stabilisieren wollte.
  349. Noch war die Mauer nicht gebaut, noch bewegten sich Menschen durch die geteilte Stadt. Noch gab es Lücken, Wege und Übergänge. Doch die Frage stand
  350. bereits im Raum. Wie lange konnte ein Staat bestehen, wenn seine Bürger ihn verlassen konnten? Berlin gab darauf jeden Tag eine stille
  351. Antwort und diese Antwort gefiel der DDRFührung immer weniger. Um die frühe DDR zu verstehen, muss man eine Sache klar sehen. Die Macht lag
  352. nicht einfach bei der Regierung. Sie lag nicht wirklich beim Parlament und sie lag auch nicht bei den Wahlen, die regelmäßig abgehalten wurden. Die
  353. eigentliche Macht lag bei der SED. der sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und eine der wichtigsten Figuren dieser Partei war Walter
  354. Ulbricht. Ulbricht war kein Politiker, der durch Wärme oder Nähe auffiel. Er wirkte streng, diszipliniert, kontrolliert und
  355. unbeweglich. Ein Mann, der an die historische Mission des Kommunismus glaubte und der überzeugt war, dass der Sozialismus
  356. nicht dem Zufall überlassen werden durfte. Für ihn war Politik kein offenes Gespräch zwischen verschiedenen
  357. Meinungen. Politik war Führung, Planung, Kontrolle, Durchsetzung. Die SED sah sich selbst nicht als normale Partei. Sie verstand sich als
  358. führende Kraft der Gesellschaft, als Partei, die angeblich wusste, wohin sich die Geschichte bewegen musste. Das bedeutete, die wichtigsten
  359. Entscheidungen wurden nicht im offenen Streit verschiedener Parteien getroffen. Sie wurden innerhalb der Parteiführung vorbereitet und dann durch Staat,
  360. Verwaltung, Betriebe und Organisationen umgesetzt. Die DDR hatte zwar ein Parlament, die Volkskammer, sie hatte Ministerien,
  361. sie hatte Gerichte, sie hatte Parteien neben der SE. Doch diese Parteien waren in der nationalen Front eingebunden. Sie sollten den Eindruck politischer Breite
  362. vermitteln, aber keine echte Konkurrenz zur SD bilden. Wahlen dienten weniger dazu, Macht zu wechseln. Sie dienten dazu, Zustimmung zu zeigen. Die Bürger
  363. sollten nicht entscheiden, welche Richtung das Land nahm. Sie sollten bestätigen, dass die vorgegebene Richtung richtig war. So entstand ein
  364. Staat, in dem vieles offiziell demokratisch klang, aber in der Praxis gelenkt war. Die Partei griff tief in den Alltag
  365. hinein. In den Betrieben gab es Parteisekretäre. in Schulenpolitische Vorgaben, in Universitäten ideologische Prüfungen. In
  366. Verwaltungen wurde darauf geachtet, wer zuverlässig war. In Zeitungen erschien nur, was zur Linie passte. Wer Karriere machen wollte,
  367. musste nicht nur fachlich gut sein, er musste auch politisch vertrauenswürdig wirken. Das bedeutete nicht, dass jeder überzeugter Sozialist war. Viele
  368. Menschen passten sich an. Sie gingen zu Versammlung, sie unterschrieben Erklärung, sie verwendeten die richtigen Worte, sie hielten sich aus
  369. Schwierigkeiten heraus. In einem solchen System lernte man früh zwischen öffentlicher und privater Sprache zu unterscheiden.
  370. Was man im Betrieb sagte, war nicht immer das, was man am Küchentisch dachte. Was man in der Schule antwortete, war nicht immer das, was man
  371. zu Hause hörte. Was in der Zeitung stand, war nicht immer das, was Menschen auf der Straße glaubten. Diese doppelte Wirklichkeit wurde typisch für die DDR.
  372. Nach außen gab es Zustimmung, Parolen und Rituale. Im Inneren gab es Zweifel, Vorsicht und manchmal stillen Widerstand.
  373. Walter Ulbricht verkörperte diese frühe Phase der DDR wie kaum ein anderer. Unter ihm wurde der sozialistische Umbau vorangetrieben.
  374. Die Planwirtschaft wurde ausgebaut. Die Macht der SED wurde gefestigt. Die Grenze zum Westen wurde wichtiger und nach dem Schock von 1953
  375. wurde die Kontrolle noch ernster genommen. Für die Parteiführung war klar, der Staat durfte nie wieder so verwundbar
  376. wirken wie am 17. Juni. Also wurde das Netz enger, nicht immer sichtbar, nicht immer laut, aber ständig spürbar in Akten, in Berichten, in
  377. Kaderentscheidungen, in Gesprächen, in der Frage, wer studieren durfte, wer reisen durfte, wer befördert wurde und wer plötzlich
  378. Schwierigkeiten bekam. Die DDR war damit nicht nur ein Land mit Grenzen nach außen, sie war auch ein Land mit unsichtbaren Grenzen im
  379. Inneren. Grenzen des Sagbaren, Grenzen des Denkbaren, Grenzen dessen, was man öffentlich zeigen durfte. Und doch lebten die Menschen weiter. Sie
  380. arbeiteten, gründeten Familien, bauten Wohnungen auf, feierten Geburtstage, gingen zur Schule, machten Ausflüge und suchten ihren Platz in diesem Staat.
  381. Viele arrangierten sich, manche glaubten an ihn, andere hielten Abstand und wieder andere planten irgendwann den Weg hinaus.
  382. Die SED wollte eine Gesellschaft form, die geschlossen hinter ihr stand. Doch je stärker sie versuchte, alles zu kontrollieren, desto deutlicher wurde
  383. auch ihre Angst. die Angst vor Kritik, die Angst vor Abweichung, die Angst vor dem Westen und die Angst davor, dass zu viele Menschen dem Staat innerlich
  384. längst nicht mehr folgten. Diese Angst führte die DDR immer weiter zu einer Entscheidung, die ihr Gesicht für immer verändern sollte.
  385. Wenn die Menschen freiwillig gingen, mußte der Staat sie daran hindern. Und der Ort, an dem diese Entscheidung sichtbar werden sollte, war Berlin.
  386. Im Sommer 1961 spitzte sich die Lage zu. Die DDR verlor weiterhin Menschen, nicht nur einzelne, nicht nur wenige, sondern Jahr für Jahr
  387. sehr viele. Sie gingen über Berlin durch eine Stadt, die noch immer offen genug war, um aus einem Leben in der DDR in ein neues Leben im Westen zu wechseln.
  388. Für die DDR war das mehr als ein praktisches Problem. Es war ein politischer Makel. Ein Staat, der von Zukunft sprach, mußte erklären, warum so
  389. viele Menschen diese Zukunft verließen. Ein Staat, der sich Arbeiter und Bauernstaat nannte, musste erklären, warum Arbeiter, Ärzte, Ingenieure,
  390. Lehrer und junge Familien ihre Koffer packten. Die Führung wusste, wenn diese Bewegung weiterging, würde die DDR immer schwächer werden. Offiziell hieß es
  391. lange, niemand habe die Absicht, eine Mauer zu errichten. Doch hinter den Kulissen wurde genau das vorbereitet. In der Nacht vom 12 auf den 13. August
  392. 1961 begann die Abriegelung Berlins. Straßen wurden gesperrt, S-Bahnverbindungen unterbrochen, Grenzübergänge blockiert.
  393. Stacheldraht wurde ausgerollt. Polizisten, Soldaten und Kampfgruppen standen bereit. Viele Menschen wachten am Morgen auf und merkten, dass ihre
  394. Stadt über Nacht eine andere geworden war. Eine Straße, die gestern noch begehbar war, endete plötzlich an einer
  395. Absperrung. Ein Weg zur Arbeit war versperrt. Ein Besuch bei Verwandten nicht mehr möglich. Ein vertrauter Bahnhof
  396. geschlossen. Familien wurden getrennt. Freunde konnten sich nicht mehr sehen. Menschen standen auf beiden Seiten der Grenze und
  397. winkten einander zu, ohne zu wissen, wann sie sich wieder begegnen würden. Am Anfang war es noch Stacheldraht, provisorisch,
  398. roh, improvisiert. Doch bald wurde daraus Beton. Die Berliner Mauer entstand nicht als einzelnes Bauwerk an einem Tag. Sie
  399. wurde mit der Zeit ausgebaut, verstärkt und perfektioniert. Aus einfachen Absperrung wurden Mauern, Wachtürme, Sperrstreifen, Signalzäune
  400. und Kontrollanlagen. Die DDR nannte die Mauer einen antifaschistischen Schutzwall. Sie behauptete, sie schütze den Osten vor
  401. Feinden, Spionen und westlicher Aggression. Doch für die meisten Menschen war offensichtlich, was sie vor allem tat.
  402. Sie hinderte die eigenen Bürger daran zu gehen. Die Mauer veränderte die DDR grundlegend.
  403. Von 1961 konnte man noch hoffen, notfalls auszureisen oder zu fliehen. Nach 1961
  404. wurde diese Hoffnung viel gefährlicher. Die Grenze war nun nicht mehr nur eine politische Linie. Sie wurde zu einer lebensgefährlichen Barriere. Wer dennoch
  405. fliehen wollte, musste Tunnel graben, Verstecke bauen, Papiere fälschen, schwimmen, klettern oder riskante Wege über die Sperranlagen suchen. Manche
  406. schafften es, viele wurden verhaftet, einige starben. Für die DDR Führung brachte der Mauerbau zunächst Stabilität.
  407. Die große Fluchtbewegung wurde gestoppt. Der Staat konnte seine Arbeitskräfte halten. Die Wirtschaft bekam Planungssicherheit.
  408. Die Partei gewann Zeit. Doch der Preis war hoch. Denn die Mauer zeigte der Welt, dass die DDR ihre Bürger nicht allein durch Überzeugung halten konnte.
  409. Sie brauchte Beton, Stacheldraht und bewaffnete Grenzer. Für die Menschen im Land begann nun eine neue Phase. Viele arrangierten sich. Sie
  410. bauten ihr Leben innerhalb der Grenzen auf. Sie arbeiteten, gründeten Familien, zogen in neue Wohnung, machten Urlaub an der Ostsee oder im Thüringerwald und
  411. suchten kleine Freiheiten im Alltag. Aber die Mauer blieb immer da, auch wenn man nicht täglich vor ihr stand, auch wenn man weit weg von Berlin lebte, auch
  412. wenn das eigene Leben scheinbar normal verlief. Sie war ein Zeichen dafür, daß dieser Staat seine Bürger einschloss. Und so wurde der 13. August 1961
  413. zu einem der wichtigsten Einschnitte in der Geschichte der DDR. Vorher war die DDR ein Staat, aus dem viele ging. Danach war sie ein Staat,
  414. aus dem man kaum noch herauskam. Die offene Wunde Berlin wurde geschlossen, aber die Narbe blieb sichtbar für Jahrzehnte.
  415. Nach dem Bau der Berliner Mauer war die DDR nicht mehr dasselbe Land. Die Grenze war nun nicht mehr nur eine Linie auf Karten. Sie wurde zu einer sichtbaren,
  416. bewachten und gefürchteten Wirklichkeit. In Berlin bestand sie aus Beton, Stacheldraht, Wachtürmen und Kontrollpunkten.
  417. Doch auch außerhalb Berlins zog sich eine lange innerdeutsche Grenze durch Wälder, Dörfer, Felder und Flüsse. Sie trennte nicht nur zwei Staaten, sie
  418. trennte Landschaften, Familien, Erinnerungen und Lebenswege. Manche Dörfer lagen plötzlich am Rand einer Sperrzone.
  419. Straßen endeten an Zäunen. Alte Wege wurden unpassierbar. Menschen, die früher Nachbarn im nächsten Ort besucht hatten, blickten
  420. nun auf Grenzanlagen, Warnschilder und Patrouillen. Die DDR baute diese Grenze immer weiter aus. Es gab Kontrollstreifen,
  421. Signalzäune, Hundelaufanlagen, Wachtürme, Minenfelder in bestimmten Bereichen und
  422. Grenzsoldaten, die jeden Versuch verhindern sollten, das Land unerlaubt zu verlassen. Die offizielle Sprache sprach von Grenzsicherung,
  423. von Schutz, von Verteidigung gegen den Westen. Doch für viele Menschen bedeutete die Grenze vor allem eines. Man konnte nicht
  424. einfach gehen. Reisen in den Westen waren für die meisten DDR Bürger stark eingeschränkt. Besuche waren kompliziert.
  425. Anträge konnten abgelehnt werden. Wer einen Ausreiseantrag stellte, riskierte berufliche und private Nachteile.
  426. Die Grenze wirkte dadurch nicht nur äußerlich, sie wirkte auch innerlich. Sie bestimmte, was Menschen planten, wovon sie träumten, worüber sie
  427. schwiegen und welche Gedanken sie besser für sich behielten. Trotzdem versuchten immer wieder Menschen zu fliehen. Manche gruben
  428. Tunnel unter der Berliner Mauer, andere versteckten sich in Autos. Einige bauten Heißluftballons, kletterten über Sperranlagen, schwamm
  429. durch Gewässer oder suchten Wege über andere sozialistische Länder. Jeder Fluchtversuch war riskant. Er konnte gelingen, er konnte im Gefängnis enden
  430. oder tödlich, denn die Grenze war nicht dafür gebaut, Menschen aufzuhalten wie ein gewöhnlicher Zaun. Sie war dafür gebaut, Flucht möglichst unmöglich zu
  431. machen. Für die Grenzsoldaten selbst war diese Grenze ebenfalls ein besonderer Ort. Viele waren junge Männer, die ihren Dienst leisten mussten. Sie standen
  432. nachts auf Türmen, liefen Streifen, beobachteten Gelände und sollten im Ernstfall handeln. Auch sie waren Teil eines Systems, das ihnen klare Befehle
  433. gab und viele von ihnen trugen diese Erfahrung lange mit sich. Für die Menschen im Alltag wurde die Grenze zu einer ständigen Gewissheit.
  434. Man musste nicht täglich an ihr stehen, um sie zu spüren. Sie war in Gesprächen vorhanden, in Familiengeschichten, in Westpaketen, in nichtmöglichen Besuchen,
  435. in Briefen, die vorsichtig formuliert wurden, in Sehnsucht nach Orten, die eigentlich nah waren und doch unerreichbar wirkten.
  436. Besonders hart traf die Teilung Familien. Eltern sahen ihre Kinder nicht. Geschwister lebten in verschiedenen Staaten. Großeltern
  437. konnten Enkel nur selten oder gar nicht besuchen. Manchmal lagen nur wenige Kilometer zwischen ihnen, aber politisch lagen Welten dazwischen. Die Grenze
  438. machte aus Nähe Entfernung und aus Entfernung manchmal Schweigen. Gleichzeitig gewöhnte sich die DDR Gesellschaft mit den Jahren an diesen
  439. Zustand. Nicht, weil er natürlich war, sondern weil Menschen lernen, mit fast allem zu leben, wenn es lange genug dauert.
  440. Man organisierte sich innerhalb der Grenzen. Man fuhr an die Ostsee, Stadt nach Italien. Man machte Urlaub im Harz, im Erzgebirge, im Sprehwald oder am
  441. Ballaton in Ungarn. Man baute Dutschen, pflegte Gärten, traf Freunde, feierte Feste und richtete sich ein. Doch die Grenze blieb. Sie war der harte Rahmen
  442. um das normale Leben und gerade darin lag ihre Wirkung. Die DDR konnte nach 1961 stabiler wirken. Die Betriebe verloren
  443. weniger Arbeitskräfte. Die Partei hatte mehr Kontrolle. Der Staat konnte langfristiger planen. Aber diese Stabilität beruhte auf
  444. Einschränkung. Auf der Tatsache, daß Millionen Menschen nicht frei entscheiden konnten, wohin sie reisen, wo sie leben oder welchen
  445. Weg sie wählen wollten. So wurde die Grenze zu einem Symbol der DDR selbst. Sie zeigte Ordnung, aber auch Angst. Sie zeigte Stärke, aber auch Schwäche. Sie
  446. zeigte Kontrolle, aber auch das Misstrauen eines Staates gegenüber seinen eigenen Bürgern. Und während die Grenzanlagen immer
  447. perfekter wurden, entwickelte sich im Inneren der DDR ein neues Leben. Ein Leben, das nach außen stabiler wirkte als zuvor. Ruhiger, geordneter,
  448. planbarer. Doch unter dieser Oberfläche blieben viele Fragen bestehen.
  449. Nach dem Bau der Mauer veränderte sich die DDR. nicht sofort in jedem Wohnzimmer, nicht an jedem Arbeitsplatz, nicht in jedem Dorf und jeder Stadt auf
  450. die gleiche Weise. Aber der große offene Ausweg war geschlossen. Die Fluchtbewegung, die den jungen Staat jahrelang geschwächt hatte, wurde stark
  451. gebremst. Die DDR verloren nun deutlich weniger Menschen. Betriebe konnten besser planen. Schulen, Universitäten und
  452. Verwaltungen mussten weniger fürchten, dass ausgebildete Menschen plötzlich in den Westen gingen. Für die SD war das eine Erleichterung.
  453. Der Staat wirkte stabiler, geordneter, fester. Doch diese Stabilität hatte einen Preis. Sie beruhte auf einer Grenze, die die
  454. eigenen Bürger am Gehen hinderte. In den 1960er Jahren begann die DDR sich stärker als eigener Staat zu inszenieren. Nicht mehr nur als
  455. Übergangslösung, nicht mehr nur als östlicher Teil eines geteilten Deutschlands, sondern als sozialistischer deutscher Staat mit
  456. eigener Identität. Die Partei sprach von Fortschritt, Wissenschaft, Technik und Planung. Die Wirtschaft sollte moderner werden.
  457. Betriebe sollten effizienter arbeiten. Neue Wohngebiete entstanden, Schulen wurden ausgebaut. Die Jugend wurde stärker in Organisationen eingebunden.
  458. Das Leben bekam mehr Struktur. Kinder gingen in die Schule, trugen Pionierhalstücher und lernten Lieder über Frieden,
  459. Freundschaft und Sozialismus. Jugendliche wurden Teil der FD Joch. Erwachsene arbeiteten in volkseigenen Betrieben, nahmen an Versammlungen teil
  460. und verbrachten ihre Freizeit in Verein, Kleingärten oder Kulturhäusern. Für viele Menschen war der Alltag nicht ständig politisch dramatisch. Er war oft
  461. ruhig. wiederholend, berechenbar. Man stand morgens auf, ging zur Arbeit, holte Kinder aus der Betreuung, kaufte einen, was gerade verfügbar war,
  462. besuchte Nachbarn, hörte Radio, sah Fernsehen, reparierte Dinge, die im Westen vielleicht einfach ersetzt worden wären.
  463. Gerade diese Normalität ist wichtig, wenn man die DDR verstehen will, denn sie war nicht nur Mauer, Stasi und Parteitage.
  464. Sie war auch Küche, Betrieb, Schulhof, Straßenbahn, Gartenlaube und Sonntagsspaziergang. Viele Menschen bauten sich innerhalb der
  465. Grenzen ein Leben auf. Sie verliebten sich, heirateten, bekamen Kinder, machten Ausflüge, feierten Jugendweihe, fuhren an die Ostsee oder besuchten
  466. Verwandte im eigenen Land. Die DDR war für sie nicht nur ein System, sie war der Ort, an dem ihr Leben stattfand. Und doch blieb die
  467. politische Enge immer spürbar. Wer laut gegen die Partei sprach, riskierte Schwierigkeiten. Wer Westkontakte hatte, konnte beobachtet
  468. werden. Wer zu offen zweifelte, machte sich angreifbar. Und wer reisen wollte, merkte schnell, daß die Welt größer war als der erlaubte
  469. Bewegungsraum. In der Öffentlichkeit wurde Zustimmung erwartet bei Wahlen, bei Versammlungen, bei Feiern, bei Parolen am Arbeitsplatz,
  470. bei Schulveranstaltungen. Nicht jeder glaubte alles, was gesagt wurde, aber viele wussten, wann man mitsprach, wann man schwieg und wann man
  471. besser nicht auffiel. So entstand eine Art stiller Vertrag zwischen vielen Bürgern und dem Staat. Der Staat versprach Arbeit, Sicherheit,
  472. Bildung, günstige Mieten und soziale Stabilität. Die Menschen sollten dafür Loyalität zeigen oder zumindest keine offene
  473. Gegnerschaft. Man konnte in der DDR ein geregeltes Leben führen, aber man mußte wissen, wo die Grenzen lagen. Diese Grenzen
  474. verliefen nicht nur an der Mauer, sie verliefen auch in Gesprächen, in Bewerbungen, in Schulnoten, in Studienplätzen,
  475. in Karrieren, in Reiseanträgen, in der Frage, wem man vertraute. Die 1960er Jahre waren deshalb eine Zeit der Beruhigung, aber nicht der Freiheit.
  476. Die DDR hatte sich nach dem Schock der frühen Jahre gefestigt. Sie wirkte sicherer als zuvor. Sie begann ihren Bürgern mehr Ordnung und Zukunft zu
  477. versprechen. Doch unter der Oberfläche blieben alte Probleme bestehen. Die Wirtschaft blieb anfällig. Der Vergleich mit dem Westen
  478. blieb schmerzhaft. Die politische Kontrolle blieb eng und die Mauer erinnerte jeden Tag daran, daß dieser Staat nicht allein auf Zustimmung
  479. bauen konnte. Am Ende der Jahre stand die DDR stabiler da als zuvor, aber sie war auch starrer
  480. geworden und bald sollte in der Führung ein Wechsel kommen. Walter Ulbricht, der Mann des harten Aufbaus, verloren Einfluss. Ein anderer trat nach vorn.
  481. Erich Honneker. Mit ihm begann eine neue Phase der DDR. eine Phase, die mehr Wohlstand, mehr Wohnungs und mehr soziale Sicherheit versprach. Doch auch
  482. dieses neue Versprechen hatte Grenzen. Anfang der 1970er Jahre begann in der DDR eine neue Phase. Walter Ulbricht,
  483. der den Staat über Jahrzehnte geprägt hatte, verlor an Macht. Er stand für den harten Aufbau des Sozialismus, für Disziplin, Kontrolle, Planung und
  484. eine oft unbewegliche Linie. Doch viele Probleme waren geblieben. Die Wirtschaft war angespannt. Der Vergleich mit der Bundesrepublik
  485. blieb unangenehm und viele Menschen wünschten sich nach Jahren des Mangels nicht nur politische Reden, sondern ein spürbar besseres
  486. Leben. Im Jahr 1971 übernahm Erich Honeker die Führung der Sedoneker
  487. war jünger als Ulbricht, aber kein Außenseiter. Er war tief im System verwurzelt. Schon beim Bau der Berliner Mauer hatte er
  488. eine wichtige Rolle gespielt. Er war kein Reformer im westlichen Sinn, aber er verstand, dass die DDR ihren Bürgern mehr bieten musste, wenn sie dauerhaft
  489. ruhig bleiben sollte. Sein großes Versprechen hieß Einheit von Wirtschafts und Sozialpolitik. Das bedeutete, die Wirtschaft sollte
  490. nicht nur produzieren, planen und erfüllen. Sie sollte auch den Alltag der Menschen verbessern. Mehr Wohnung, mehr Konsum, mehr soziale Sicherheit, mehr
  491. Kinderbetreuung, mehr Unterstützung für Familien, ein Leben, das nicht reich, aber verlässlich wirken sollte.
  492. Vor allem der Wohnungsbau wurde zu einem zentralen Projekt. Überall entstanden Plattenbausiedlungen, große Wohnblöcke mit Fernwärme, Bad,
  493. Küche, Balkon und Aufzug. Für viele Familien war das ein echter Fortschritt. Wer vorher in einer alten feuchten Wohnung mit Kohleofen gelebt hatte,
  494. empfanden eine Neubauwohnung oft als Aufstieg. Die DDR wollte zeigen, der Sozialismus kann nicht nur kontrollieren, er kann
  495. auch versorgen. Auch Frauen und Familien wurden stärker unterstützt. Kinderkrippen, Kindergärten und Horte sollten es ermöglichen, dass beide
  496. Eltern arbeiten konnten. Die Berufstätigkeit von Frauen wurde normaler als in vielen westlichen Gesellschaften dieser Zeit. Der Staat
  497. versprach Sicherheit von der Kindheit bis ins Alter, Schule. Ausbildung, Arbeit, Wohnung, Rente. Für viele Menschen war genau das der Kern des DDR
  498. Alltags. Nicht Freiheit im großen politischen Sinn, sondern Berechenbarkeit. Man wusste, dass man Arbeit finden
  499. würde. Man wusste, dass Mieten niedrig waren. Man wusste, dass Bildung und Gesundheitsversorgung zugänglich waren. Man wusste, dass der Staat für vieles
  500. zuständig war. Doch dieses Versprechen hatte einen Preis, denn die politische Kontrolle blieb, die Mauer blieb, die Stasi blieb, die Sed blieb die
  501. entscheidende Macht. Honekas DDR wurde also nicht freier. Sie wurde in gewisser Weise bequemer. Der Staat gab seinen Bürgern mehr
  502. soziale Sicherheit und erwartete dafür Ruhe. Er wollte Zustimmung nicht nur durch Ideologie erzeugen, sondern durch
  503. Stabilität im Alltag. Viele Menschen arrangierten sich damit. Sie arbeiteten, richteten ihre Wohnungen ein, fuhren in den Urlaub, kauften
  504. Möbel, warteten auf ein Auto und planten ein Leben innerhalb der Grenzen. Doch unter der Oberfläche sammelten sich neue Probleme, denn soziale Versprechen
  505. kosten Geld. Wohnungen, Subventionen und Versorgung mussten bezahlt werden. Die Planwirtschaft blieb schwerfällig. Viele Betriebe waren ineffizient.
  506. Moderne Technik fehlte und der Abstand zum Westen verschwand nicht. Honeker gab der DDR Ruhe, aber er löste nicht ihre tiefsten Widersprüche. Er
  507. machte den Staat stabiler im Alltag, doch zugleich abhängiger davon, dass dieses Versprechen von Sicherheit und Versorgung dauerhaft funktionierte.
  508. Und genau das sollte später immer schwieriger werden. In den 1970er Jahren wirkte die DDR nach außen ruhiger als zuvor.
  509. Die großen offenen Krisen lagen zurück. Die Mauer stand, die Fluchtbewegung war stark begrenzt und unter Erich Honeker versprach der Staat seinen Bürgern ein
  510. geordnetes, sicheres Leben. Für viele Menschen begann der Tag früh. In den Neubaugebieten gingen morgens die Lichter an. Kinder wurden in Krippen,
  511. Kindergärten oder Schulen gebracht. Straßenbahnen und Busse füllten sich. Arbeiter fuhren in Betriebe, Verwaltungen, Kombinate, Werkhallen und
  512. Büros. Arbeit war in der DDR mehr als nur Einkommen. Sie war Teil der staatlichen Ordnung. Fast jeder sollte arbeiten.
  513. Arbeitslosigkeit gab es offiziell nicht. Der Betrieb war nicht nur Arbeitsplatz, sondern oft auch sozialer Mittelpunkt. Dort gab es Brigaden, Feiern,
  514. Auszeichnung, Ferienplätze, Betriebssport, Versammlung und manchmal auch Wohnungsvergabe. Viele Menschen verbrachten Jahrzehnte
  515. imselben Betrieb. Man kannte Kollegen, Vorgesetzte, Abläufe und Gewohnheiten. Der Betrieb gab Sicherheit, aber er war auch ein Ort politischer Kontrolle, denn
  516. auch dort war die Partei präsent. Es gab Versammlungen, Parolen, Berichte, kollektive Verpflichtungen und Erwartungen, wie man sich öffentlich
  517. verhalten sollte. Wer ruhig mitlief, hatte meist wenig Probleme. Wer auffiel, zu kritisch sprach oder sich verweigerte, konnte
  518. Schwierigkeiten bekommen. Auch die Schule war stark vom Start geprägt. Kinder lernten lesen, schreiben, rechnen, Geschichte,
  519. Naturwissenschaften und Sport. Aber sie lernten auch, welche Rolle die DDR für sich selbst beanspruchte. Die Sowjetunion wurde als großer Freund
  520. dargestellt, der Sozialismus als Zukunft, die Bundesrepublik oft als kapitalistischer Gegenpol. Schon früh wurden Kinder in
  521. Organisationen eingebunden. Zuerst bei den Jungpionieren, später bei den Tmann Pionieren, dann in der FD J. Für viele Kinder waren diese
  522. Organisationen nicht nur Politik, sie bedeuteten auch Gemeinschaft, Ausflüge, Lieder, Fahnappelle, Ferienlager und kleine Rituale des Alltags. Doch auch
  523. hier galt: Wer nicht mitmachte, fiel auf. Familien mußten abwägen. Nicht jede Entscheidung war frei von Folgen. Manchmal ging es nicht um große
  524. Überzeugung, sondern um praktische Fragen. Bekommt das Kind später einen guten Ausbildungsplatz? Darf es Abitur machen? Kann es
  525. studieren? Wird die Familie als zuverlässig gesehen? So reichte Politik bis in private Lebensläufe hinein.
  526. Gleichzeitig war das Familienleben oft erstaunlich normal. Zu Hause wurde gekocht, gestritten, gelacht und geplant.
  527. Es gab Geburtstage, Sonntagskaffee, Urlaube, Hausaufgaben, Fernsehaende und Nachbarschaftshilfe. Viele Wohnungen waren klein, aber
  528. vertraut. In Plattenbauten hörte man Schritte im Treppenhaus, Stimmen hinter dünnen Wänden und Kinder auf den Höfen. Die
  529. Menschen richteten sich ein mit Schrankwand, Teppich, Küchentisch, Radio, später Farbfernseher mit Pflanzen auf der Fensterbank, mit
  530. Fotos, Büchern, Porzellan und kleinen Dingen, die ein Zuhause ausmachten. Der Alltag in der DDR bestand aus Widersprüchen.
  531. Es gab Sicherheit, aber wenig Freiheit. Es gab Gemeinschaft, aber auch Anpassungsdruck. Es gab Arbeit für fast alle, aber oft
  532. wenig Auswahl. Es gab Bildungschancen, aber politische Grenzen. Viele Menschen lebten nicht ständig gegen den Staat, aber sie lebten auch nicht vollkommen
  533. frei in ihm. Sie fanden Wege. Man sagte öffentlich das Nötige und privat manchmal das Ehrliche. Man erfüllte Erwartungen und suchte sich kleine
  534. Räume, in denen man selbst bestimmen konnte. Im Garten, in der Familie, im Freundeskreis, beim Basteln, beim Sport, beim Urlaub an
  535. der Ostsee oder an einem stillen Abend, wenn das Radio leise lief und draußen die Stadt langsam dunkler wurde. So wurde der Alltag zum eigentlichen
  536. Fundament der DDR. Nicht die großen Reden hielten das Land zusammen, sondern Millionen kleiner Routinen. Arbeit, Schule, Familie,
  537. Wohnung, Nachbarschaft, Gewohnheit. Doch unter dieser ruhigen Oberfläche blieb die Frage bestehen, wie lange ein
  538. Staat funktionieren konnte, der seinen Bürgern Sicherheit gab, aber ihnen das Rechtnahmen, wirklich freiuwählen.
  539. Ein wichtiger Teil des DDR Alltags war die Rolle der Frauen. Die DDR verstand sich als moderner sozialistischer Staat und dazu gehörte das Versprechen, Frauen
  540. stärker in Arbeit, Bildung und Gesellschaft einzubeziehen. Frauen sollten nicht nur Ehefrauen und Mütter sein. Sie sollten arbeiten,
  541. lernen, Berufe ausüben, eigenes Geld verdienen und am Aufbau des Sozialismus teilnehmen. In vielen Familien wurde das bald
  542. selbstverständlich. Morgens gingen nicht nur Männer zur Arbeit, auch Frauen standen früh auf, brachten Kinder in die Grippe, in den
  543. Kindergarten oder zur Schule und fuhren dann selbst in Betriebe, Büros, Krankenhäuser, Schulen, Geschäfte oder Verwaltungen.
  544. Die Berufstätigkeit von Frauen war in der DDR sehr verbreitet. Der Staat förderte sie bewusst, denn er brauchte Arbeitskräfte
  545. und er wollte zeigen, dass der Sozialismus Frauen bessere Möglichkeiten bot als frühere Gesellschaften. Dafür wurde die Kinderbetreuung stark
  546. ausgebaut. Es gab Krippen für sehr kleine Kinder, Kindergärten für Vorschulkinder, Horte für Schulkinder nach dem
  547. Unterricht. Viele Eltern konnten dadurch arbeiten, ohne daß ein Elternteil dauerhaft zu Hause bleiben musste. Für viele Frauen
  548. war das ein echter Fortschritt. Sie hatten eigenes Einkommen. Sie waren unabhängiger. Sie konnten Berufe erlernen. Sie konnten
  549. studieren. Sie konnten in Bereichen arbeiten, die früher stärker Männern vorbehalten waren. Doch die Realität war nicht nur einfach, denn obwohl Frauen
  550. offiziell gleichberechtigt waren, trugen sie oft weiterhin den größten Teil der Hausarbeit. Nach der Arbeit begann zu Hause die
  551. zweite Schicht: Einkaufen, kochen, waschen, Kinder versorgen, Hausaufgaben kontrollieren, Termine organisieren, anstehen, wenn es etwas seltenes zu
  552. kaufen gab, improvisieren, wenn etwas fehlte. Die DDR sprach von Gleichberechtigung, aber im Alltag bedeutete das für viele
  553. Frauen nicht weniger Belastung, sondern mehr Verantwortung. Sie sollten berufstätig sein, gute Mütter sein, den Haushalt führen,
  554. politisch zuverlässig wirken und sich zugleich in den Rhythmus des sozialistischen Alltags einfügen. Trotzdem empfanden viele Frauen ihr
  555. Leben nicht nur als Last. Für manche war Arbeit ein wichtiger Teil ihrer Identität. Sie wollten nicht abhängig sein. Sie
  556. wollten gebraucht werden. Sie wollten Anerkennung bekommen, Kolleginnen treffen, Fähigkeiten entwickeln und ein eigenes Leben außerhalb der Wohnung
  557. haben. Der Staat unterstützte Familien auch durch soziale Leistungen. Es gab Mutterschutz, Unterstützung für junge
  558. Ehepaare, günstige Mieten und staatliche Programme für Kinder und Familien. Besonders unter Honeeker wurde versucht, Familie und Beruf stärker miteinander zu
  559. verbinden. Nach außen passte das gut zur Selbstdarstellung der DDR. Die Frau im Sozialismus sollte aktiv
  560. sein, gebildet, berufstätig, gesellschaftlich eingebunden. Doch auch hier blieb der Widerspruch bestehen. Die DDR öffnete Frauen viele Türen, aber sie
  561. nahm ihnen nicht automatisch die alten Lasten ab. Sie sprach von Gleichheit, aber viele Führungspositionen blieben männlich geprägt. Sie förderte
  562. Berufstätigkeit, aber sie erwartete gleichzeitig Anpassung an Staat, Betrieb und Partei. So war das Leben vieler Frauen in der
  563. DDR geprägt von Stärke und Erschöpfung zugleich, von echter Teilhabe, von täglicher Arbeit, von Stolz, von Pflicht, von kleinen Freiheiten und von
  564. einem Alltag, der oft nur funktionierte, weil Frauen unglaublich viel trugen. In Küchen, Betrieben, Kindergärten, Schulen und Krankenhäusern hielt diese Arbeit
  565. das Land zusammen. nicht laut, nicht immer sichtbar, aber jeden Tag. Und gerade daran zeigt sich, die Geschichte der DDR war nicht nur die Geschichte von
  566. Parteichefs, Mauern und Staatsverträgen. Sie war auch die Geschichte von Müttern, Arbeiterinnen, Lehrerinnen, Ärztinnen, Verkäuferinnen, Ingenieurinnen und
  567. Großmüttern von Frauen, die zwischen Anspruch und Wirklichkeit lebten, zwischen sozialistischem Versprechen und
  568. ganz normalem Alltag. Die Wirtschaft der DDR folgte einem anderen Prinzip als die Wirtschaft im
  569. Westen. Nicht der Markt sollte entscheiden, was produziert wurde. Nicht Konkurrenz, Preise und private Unternehmen sollten den Takt vorgeben,
  570. sondern der Staat. Die DDR war eine Planwirtschaft. Das bedeutete, in Plänen wurde festgelegt, welche Betriebe was
  571. herstellen sollten, wie viel Stahl gebraucht wurde, wie viele Maschinen entstehen sollten, welche Waren produziert wurden, welche Ziele ein
  572. Betrieb erreichen musste. Auf dem Papier wirkte das geordnet. Alles sollte berechenbar sein. Alles sollte dem Gemeinwohl dienen. Nichts sollte vom
  573. Zufall des Marktes abhängen. Die großen Betriebe gehörten dem Staat. Sie hießen volkseigene Betriebe. Viele waren in größeren Kombinaten organisiert. Dort
  574. arbeiteten tausende Menschen in Industrie, Chemie, Maschinenbau, Textilproduktion, Energie oder Landwirtschaft.
  575. Für viele Bürger hatte dieses System auch Vorteile. Arbeitslosigkeit gab es offiziell nicht. Ein Arbeitsplatz war fast sicher. Mieten blieben niedrig.
  576. Grundversorgung, Bildung und Gesundheitswesen waren stark staatlich organisiert. Niemand sollte völlig aus dem System herausfallen. Doch die
  577. Schwächen der Planwirtschaft wurden mit den Jahren immer sichtbarer, denn ein Plan konnte nicht immer wissen, was Menschen wirklich brauchten. Er konnte
  578. Mengen festlegen, aber nicht automatisch Qualität erzeugen. Er konnte Ziele setzen, aber nicht garantieren, dass Material, Technik und Motivation
  579. ausreichten. Viele Betriebe arbeiteten mit veralteten Maschinen. Ersatzteile fehlten, Rohstoffe waren knapp. Lieferketten
  580. funktionierten nicht zuverlässig und wenn an einer Stelle etwas fehlte, geriet oft der ganze Ablauf ins Stocken. So entstand eine Kultur der
  581. Improvisation. Man organisierte, man tauschte, man reparierte, man kannte jemanden, der jemanden kannte. Man wartete nicht nur
  582. auf offizielle Wege, sondern suchte nach praktischen Lösungen. In der DDR wurde vieles am Leben gehalten, was anderswo längst ersetzt worden wäre. Das zeigte
  583. Geschick, aber es zeigte auch Mangel. In den Geschäften gab es Grundnahrungsmittel, aber viele waren waren nicht immer
  584. verfügbar. Manche Dinge gab es nur zeitweise, andere nur mit Beziehung und wieder andere nur nach langer Wartezeit. Wenn etwas Besonderes in den Laden kam,
  585. sprach es sich schnell herum. Dann stellte man sich an, manchmal ohne genau zu wissen, was es gab. Denn wenn Menschen Schlange standen, musste es
  586. etwas geben, das sich lohnte. Dieses Warten gehörte zum Alltag, auf Möbel, auf Ersatzteile, auf bestimmte Kleidung, auf gute Lebensmittel, auf
  587. Baumaterial und besonders auf ein Auto. Der Trabant wurde dadurch zum Symbol der DDR, nicht nur, weil er so bekannt war,
  588. sondern weil man oft viele Jahre auf ihn warten musste. Die Planwirtschaft versprach Versorgung, aber sie erzeugte oft Knappheit. Sie versprach Gleichheit,
  589. aber im Alltag hatten diejenigen Vorteile, die gute Kontakte hatten, in wichtigen Betrieben arbeiteten oder Zugang zu besonderen Waren bekam. Es gab
  590. offizielle Preise und es gab die stille Welt der Beziehung. ein Handwerker, ein Verkäufer, ein Lagerarbeiter, ein Bekannter im Betrieb, ein Verwandter
  591. mit Westkontakten. So entstand neben der offiziellen Wirtschaft eine zweite informelle Ordnung. Nicht offen kapitalistisch,
  592. aber praktisch, menschlich, notwendig. Die Menschen lernten mit Mangel zu leben, nicht passiv, sondern erfinderisch. Sie bauten selbst, sie
  593. pflegten Kleidung. Sie reparierten Geräte, sie tauschten Dienstleistung, sie horteten Dinge, die später nützlich
  594. sein konnten. Ein Brett, eine Schraube, ein Stück Stoff, ein Ersatzteil, eine Dose Farbe. Nichts wurde leichtfertig weggeworfen. Doch je länger die DDR
  595. existierte, desto stärker wurde der Abstand zum Westen sichtbar. Westliche Waren wirkten moderner, bunter, vielfältiger, verführerischer.
  596. Und dieser Vergleich war gefährlich, denn er zeigte nicht nur wirtschaftliche Unterschiede, er zeigte auch, dass das Versprechen der sozialistischen
  597. Überlegenheit im Alltag schwer einzulösen war. Die DDR konnte Arbeit geben, sie konnte Sicherheit geben, sie konnte
  598. Grundversorgung sichern, aber sie konnte vielen Menschen nicht das Maß an Auswahl, Qualität und Wohlstand bieten, dass sie im Westen sahen oder
  599. vermuteten. So wurde die Wirtschaft zu einem dauerhaften Problem des Staates. nicht sofort zerstörerisch, nicht jeden Tag dramatisch, aber
  600. langsam, stetig und schwer zu lösen. Die Planwirtschaft hielt die DDR zusammen und gleichzeitig machte sie müde.
  601. Im Alltag der DDR spielte Konsum eine besondere Rolle. Nicht weil die Menschen nur an Dinge dachten, sondern weil Dinge oft mehr bedeuteten als ihren
  602. eigentlichen Nutzen. Eine Jeans war nicht nur eine Hose, ein Kaffee aus dem Westen war nicht nur ein Getränk, ein Kaugummi, eine Schokolade, ein Parfüm
  603. oder eine Schallplatte konnten wie kleine Botschaften aus einer anderen Welt wirken. Die DDR wollte eine sozialistische
  604. Gesellschaft sein, eine Gesellschaft, in der Nichtbesitz und Werbung den Menschen bestimmen sollten. Doch auch in der DDR wollten Menschen schöne Kleidung, gute
  605. Möbel, moderne Technik, gutes Essen und ein Gefühl von Auswahl. Genau dort entstand ein Widerspruch. Der Staat versprach Versorgung,
  606. aber die Menschen sehnten sich oft nach Dingen, die schwer zu bekommen waren. In vielen Geschäften gab es das Nötige, aber nicht immer das gewünschte. Man
  607. konnte einkaufen, aber man konnte nicht einfach alles kaufen. Manchmal fehlte Fleisch, manchmal fehlte gutes Obst, manchmal fehlten bestimmte Schuhe,
  608. Stoffe, Ersatzteile oder Möbel. Und wenn etwas Besonderes auftauchte, sprach es sich schnell herum. Dann bildeten sich Schlangen. Menschen
  609. stellten sich an, auch wenn sie noch nicht genau wussten, was es gab. Denn in der DDR galt oft: "Wenn irgendwo eine Schlange steht, dann muss es etwas
  610. geben." Besonders berühmt wurde der Trabant. Der Trabant war klein, laut, einfach gebaut und wurde doch zu einem der
  611. stärksten Symbole der DDR. Für viele Familien war er kein Witz, sondern ein Traum. Ein eigenes Auto bedeutete Freiheit
  612. innerhalb der Grenzen. Man konnte an die Ostsee fahren, in den Thüringer Wald, zum Campingplatz, zur Dutsche, zu Verwandten in einer anderen Stadt. Doch
  613. auf einen Trabant musste man oft viele Jahre warten. Wer ein Auto bestellte, wusste, dass es nicht in wenigen Wochen kam.
  614. Es konnte ein halbes Leben dauern, bis die Bestellung wirklich erfüllt wurde. Und gerade diese Wartezeit machte den Trabant so typisch für die DDR.
  615. Er zeigte den Wunsch nach Mobilität, aber auch die Grenzen der Planwirtschaft. Neben den normalen Geschäften gab es
  616. besondere Orte, die für viele Menschen fast geheimnisvoll wirkten. Die Intersops. Dort konnte man westliche Waren kaufen. Kaffee, Zigaretten,
  617. Alkohol, Süßigkeiten, Kosmetik, Kleidung und andere Produkte, die sonst schwer oder gar nicht erhältlich waren. Aber bezahlen konnte man dort nicht einfach
  618. mit DDR Mark. Man brauchte harte Währung, Westgeld. Das war ein empfindlicher Punkt, denn ein sozialistischer Staat, der offiziell
  619. die Überlegenheit seines Systems betonte, betrieb Läden, in denen viele Begehrte Waren nur mit westlicher Währung zu haben waren.
  620. Für Menschen ohne Westkontakte war das bitter. Andere bekamen Pakete von Verwandten aus der Bundesrepublik. Westpakete wurden zu kleinen
  621. Ereignissen. Wenn ein Paket ankam, wurde es geöffnet wie ein Fenster in eine andere Welt. Darin lagen Kaffee, Schokolade, Strumpfhosen, Seife,
  622. Kleidung, manchmal kleine Spielzeuge oder Zeitschriften. Der Geruch allein blieb vielen in Erinnerung. Diese Pakete waren mehr als
  623. Hilfe. Sie waren Verbindung, Erinnerung, Vergleich. und manchmal auch Schmerz, denn sie zeigten, dass es auf der anderen Seite
  624. Dinge gab, die im eigenen Land selten oder unerreichbar waren. Der Konsum wurde dadurch politisch, auch wenn er ganz alltäglich wirkte.
  625. Ein Stück Schokolade konnte eine Frage auslösen. Warum gibt es das dort und hier nicht? Warum sieht die Verpackung anders aus?
  626. Warum wirkt alles moderner? Warum muss man bei uns so lange warten? Die DDR versuchte eigene Produkte, eigene Marken und eigene Formen von
  627. Stolz zu schaffen. Es gab vertraute waren, die viele Menschen mochten. Es gab Alltagsprodukte, an denen Erinnerungen hing. Es gab
  628. Geschmäcker, Gerüche und Gegenstände, die später für viele zum Gefühl der Kindheit wurden. Doch der Vergleich mit dem Westen blieb.
  629. In Wohnzimmern liefen manchmal westliche Fernsehsender. In Briefkästen lagen Paketscheine. In Gesprächen erzählte jemand von
  630. Verwandten in Hamburg, Köln oder München. Und in den Köpfen entstand ein Bild vom anderen Deutschland. Nicht immer realistisch, nicht immer
  631. vollständig, aber stark. So wurde Konsum in der DDR zu einer stillen Sehnsucht. Nicht nur nach Waren, sondern nach Auswahl.
  632. nach Beweglichkeit, nach Farbe, nach einem Leben, in dem man weniger warten musste. Und während die Menschen weiter improvisierten,
  633. reparierten, tauschten und sparten, blieb diese Sehnsucht bestehen. Leise, alltäglich und für den Staat nie ganz ungefährlich.
  634. Filme, Bücher, Musik, Theater, Fernsehen und Sport sollten nicht einfach nur den Alltag begleiten. Sie sollten auch zeigen, welches Bild die DDR von sich
  635. selbst hatte. Ein Land der Arbeiter, ein Land des Friedens, ein Land der Bildung, ein Land, das anders sein wollte als der Westen. In den Kinos liefen Filme der
  636. Defa. Manche erzählten vom Krieg und vom Antifaschismus, andere vom Alltag, von Liebe, Arbeit,
  637. Jugend und den kleinen Konflikten des Lebens. Es gab Filme, die bis heute bekannt sind und es gab Filme, die verboten oder
  638. zurückgehalten wurden, wenn sie der Führung zu kritisch erschienen. Denn Kunst durfte in der DDR viel zeigen, aber nicht alles. Sie durfte Missstände
  639. andeuten. Sie durfte Menschen ernst nehmen, sie durfte poetisch, ruhig oder nachdenklich sein. Doch wenn sie zu deutlich am Start, an der Partei oder an
  640. der politischen Ordnung zweifelte, wurde es gefährlich. Auch Schriftsteller, Musiker und Künstler bewegten sich in diesem Spannungsfeld.
  641. Manche glaubten an die Idee des Sozialismus und wollten ihn verbessern. Andere passten sich an. Wieder andere gerieten in Konflikt mit der Führung.
  642. Kultur war dadurch oft ein Raum zwischen Anpassung und vorsichtiger Wahrheit. Auch das Fernsehen wurde wichtig. In vielen Wohnzimmern stand irgendwann ein
  643. Fernseher. Abends versammelten sich Familien davor. Nachrichten, Shows, Filme, Sportübertragung und Kindersendungen
  644. wurden Teil des Alltags. Das Sandmännchen wurde für viele Kinder zu einer vertrauten Figur, eine kleine ruhige Gestalt am Abend, ein Ritual vor
  645. dem Schlafen gehen, ein Stück Kindheit, das viele Menschen bis heute mit der DDR verbinden. Doch auch hier war der Westen nie weit
  646. weg. In vielen Teilen der DDR konnte man westdeutsches Fernsehen empfangen. Viele Menschen sahen heimlich oder ganz
  647. selbstverständlich A, R, D und ZDF. Sie verglichen Nachrichten, Werbung, Kleidung, Sprache und Bilder. Das Westfernsehen wurde zu einem Fenster.
  648. Nicht immer vollständig, nicht immer objektiv, aber es zeigte eine Welt, die anders aussah als die eigene. Für die DDR Führung war das ein Problem, denn
  649. sie konnte Zeitungen kontrollieren, sie konnte den eigenen Rundfunk lenken, aber sie konnte nicht verhindern, dass viele Menschen am Abend die Antenne drehten.
  650. Besonders stolz war die DDR auf den Sport. Bei olympischen Spielen und internationalen Wettbewerben gewann sie
  651. viele Medaillen. Sportlerinnen und Sportler wurden zu Aushängeschildern des Staates. Der Erfolg sollte beweisen, dass der Sozialismus stark, modern und
  652. leistungsfähig war. Kinder wurden früh gefördert, Talente wurden gesucht, Trainingszentren aufgebaut,
  653. Disziplin, Planung und staatliche Unterstützung machten die DDR im Sport sehr erfolgreich. Doch auch dieser Erfolg hatte
  654. Schattenseiten, Leistungsdruck, politische Nutzung und später bekannt gewordene Dopingpraktiken zeigten, dass Medaillen nicht nur
  655. sportliche Bedeutung hatten, sie waren auch ein Mittel der Selbstdarstellung. Die DDR wollte gesehen werden als kleiner Staat mit großer Leistung, als
  656. ernstzunehmender Teil der Welt, als Land, das trotz Mauer und Mangel Erfolge vorweisen konnte. Für die Menschen im Alltag waren Kultur
  657. und Sport aber nicht nur Propaganda, sie waren echte Erlebnisse. Ein Kinobesuch, ein Lied im Radio, ein Fußballspiel, ein Abend vor dem Fernseher, ein Buch,
  658. das man heimlich weiterempfahl, ein Konzert, bei dem für einen Moment etwas freier wirkte. Kultur gab dem Leben Farbe, auch in
  659. einem Staat, der vieles kontrollieren wollte. Und vielleicht lag genau darin ihre Kraft, denn zwischen offiziellen Botschaften, staatlichen Erwartungen und
  660. alltäglicher Unterhaltung fanden Menschen manchmal etwas eigenes, ein Gefühl, eine Erinnerung, einen stillen Gedanken oder einfach
  661. einen ruhigen Abend, an dem draußen die Straßen dunkel wurden und drinnen der Fernseher leise flimmerte.
  662. Die Jugend hatte in der DDR eine besondere Bedeutung. Für den Staat war sie nicht nur eine neue Generation, sie war die Zukunft des Sozialismus.
  663. Kinder und Jugendliche sollten früh lernen, wo sie hingehörten. Sie sollten die DDR als ihr Land verstehen, die Sowjetunion als Freund,
  664. den Sozialismus als richtigen Weg und den Westen als Gegenbild. Deshalb begann politische Erziehungen schon früh. Viele Kinder wurden
  665. Jungpioniere, später Telmannpioniere. Sie trugen Halstücher, nahmen an Appellen teil Sangenlieder und lernten,
  666. dass Gemeinschaft, Frieden und Sozialismus zusammengehörten. Für viele Kinder war das zunächst nicht bedrohlich. Es war Alltag. Es waren
  667. Ausflüge, Ferienlager, Fahnen, Gruppenstunden und Rituale. Man war dabei, weil fast alle dabei waren. Später kam die FDJ, die freie
  668. deutsche Jugend. Auch sie war mehr als eine Jugendorganisation. Sie war ein Werkzeug des Staates. Sie sollte Jugendliche binden, erziehen und
  669. zeigen, dass die junge Generation hinter der DDR stand. Wer studieren wollte, wer beruflich vorankommen wollte, wer nicht auffallen
  670. wollte, trat meist ein. Nicht immer aus Überzeugung, oft aus Vernunft. Man wusste, dass Anpassung Türen öffnen konnte, doch gerade Jugendliche ließen
  671. sich nie vollständig kontrollieren. Sie hörten Musik, die nicht vorgesehen war. Sie trugen Kleidung, die anders wirkte. Sie sahen Westfernsehen.
  672. Sie interessierten sich für Jeans, Rockmusik, lange Haare, später Punk, Blues und Heavy Metal. Manchmal war schon ein Haarschnitt politisch. Eine
  673. Lederjacke, ein Aufnäher, ein Lied, ein Blick. Der Staat wollte eine disziplinierte sozialistische Jugend, aber viele Jugendliche wollten einfach
  674. sie selbst sein. In den 1960er Jahren sorgte Badmusik für Unruhe. Später kamen Rock, Bluser, Punks und andere Subkulturen hinzu. Nicht alle waren
  675. offen politisch, viele wollten nur Abstand vom offiziellen Ton. Sie wollten keine Parolen, keine ständigen Belehrungen, keine vorgeschriebene
  676. Begeisterung. Sie wollten Musik hören, Freunde treffen, frei aussehen, freischen und nicht bei jedem Schritt das Gefühl haben, beobachtet zu werden.
  677. Für die DDR Führung war das schwer einzuordnen, denn unangepasste Jugend konnte wie ein Angriff wirken. Nicht weil jeder Jugendliche Staat stürzen
  678. wollte, sondern weil schon der Wunsch nach Eigenheit ein Problem für ein System war, das Konformität erwartete. So entstanden Konflikte. Jugendliche
  679. wurden kontrolliert, Konzerte wurden beobachtet, manche Bands bekamen Auftrittsverbote. Punks konnten von Polizei und
  680. Staatssicherheit bedrängt werden. Wer als Negativadent galt, hatte es schwerer. Doch trotz allem verschwanden diese Jugendkulturen nicht. Sie fanden
  681. ihre Räume in Kellern, in Kirchen, auf Konzerten, in Parks, in privaten Wohnungen, in kleinen Gruppen, in denen man anders sprechen konnte als in der
  682. Schule oder im Betrieb. Besonders die Kirchen wurden für manche Jugendliche zu Schutzräumen, nicht immer aus religiösen Gründen, sondern weil
  683. dort gelegentlich mehr möglich war als in staatlichen Räumen. Hier konnten Friedensgruppen, Umweltgruppen und unangepasste Jugendliche zusammenkommen.
  684. Nicht frei im westlichen Sinn, aber freier als anderswo in der DDR. Für viele junge Menschen blieb das Leben dennoch widersprüchlich.
  685. Sie gingen zur Schule, sie machten eine Ausbildung, sie leisteten Dienst. Sie gingen zur FDJ Veranstaltung und hörten danach Musik, die der Staat misstrauisch
  686. betrachtete. Sie lebten zwischen Anpassung und Abgrenzung, zwischen öffentlicher Rolle und privatem Ich, zwischen
  687. Zukunftsversprechen und dem Gefühl, dass diese Zukunft zu eng war. Nicht jeder rebellierte. Viele machten mit, viele arrangierten sich, viele wollten einfach
  688. ein normales Leben, einen Beruf, Freunde, Liebe und ein bisschen Ruhe. Aber die Jugend zeigte immer wieder, dass die DDR ihre Menschen nicht
  689. vollständig formen konnte. Der Staat konnte Unterrichtspläne schreiben, er konnte Organisationen schaffen, er konnte Parolen drucken. Er konnte
  690. Karrieren lenken, aber er konnte nicht verhindern, dass junge Menschen eigene Sehnsüchte entwickelten, nach Musik, nach Stil, nach Bewegung, nach Wahrheit,
  691. nach einem Leben, das nicht schon vorher festgelegt war. Und in diesen kleinen Sehnsüchten lag etwas, das für die DDR gefährlich werden konnte. Denn ein
  692. Staat, der die Zukunft kontrollieren will, muss vor allem die Jugend gewinnen. Doch viele Jugendliche hörten längst andere Stimmen, manchmal aus dem
  693. Westen, manchmal aus der eigenen Stadt und manchmal einfach aus sich selbst. Die DDR verstand sich offiziell als Friedenstaat.
  694. In Reden, Schulbüchern und Zeitungen wurde immer wieder betont, dass vom Boden der DDR nie wieder Krieg ausgehen sollte.
  695. Der Staat sah sich als antifaschistisch, als Schutzmacht des Friedens und als Teil eines sozialistischen Lagers, das angeblich nur verteidigen wollte. Und
  696. doch war die DDR stark militarisiert. Überall im Alltag begegnete man Uniformen, Symbolen und militärischer Sprache. Die nationale Volksarmee, kurz
  697. NVA, wurde zu einem wichtigen Bestandteil des Staates. Sie war nicht nur eine Armee, sie war auch ein politisches Instrument. Die Soldaten
  698. sollten nicht einfach nur militärisch ausgebildet werden. Sie sollten auch ideologisch zuverlässig sein. Sie sollten den Sozialismus verteidigen, die
  699. DDR, die Partei und die Grenze, die diesen Staat nach außen abschloss. Für junge Männer bedeutete das Werdrele wurden eingezogen. Sie verließen für
  700. eine Zeit Familie, Arbeit, Ausbildung oder Studium und kamen in Kasernen, in denen Disziplin, Gehorsam und politische Schulungen zum Alltag gehörten.
  701. Der Dienst war für manche eine normale Pflicht, für andere eine Belastung und für wieder andere ein innerer Konflikt. Denn nicht jeder wollte eine Waffe
  702. tragen, nicht jeder wollte Teil eines Systems sein, das die eigene Bevölkerung an der Grenze bewachte. Nicht jeder wollte Befehle ausführen,
  703. die er innerlich ablehnte. In der DDR gab es später die Möglichkeit als Bausoldat zu dienen. Das bedeutete Dienst ohne Waffe, aber nicht ohne
  704. Druck. Wer diesen Weg wählte, galt oft als politisch verdächtig. Er konnte Nachteile bekommen beim Studium, im Beruf, in der Einschätzung durch
  705. Behörden und Partei. Denn in einem Staat, der Loyalität erwartete, war schon die Verweigerung der Waffe ein Zeichen. Auch Kinder und Jugendliche
  706. wurden früh an militärisches Denken herangeführt. Es gab vormilitärische Ausbildung, Übungen, Geländespiele,
  707. Schießtraining in bestimmten Zusammenhängen, Zivilverteidigung und in der Schule Unterrichtseinheiten, die auf Verteidigung und Ernstfall
  708. vorbereiten sollten. Die Sprache des kalten Krieges war ständig präsent. Der Westen wurde als Bedrohung dargestellt, die NATO als Gefahr, die Bundesrepublik
  709. als Teil eines feindlichen Systems, die Sowjetunion dagegen als großer Bruder und Schutzmacht. So entstand ein Weltbild, in dem die DDR
  710. immer wachsam sein musste. Wachsam gegen Spione, gegen Sabotage, gegen Imperialismus, gegen feindliche Einflüsse.
  711. Diese Wachsamkeit passte gut zu einem Staat, der ohnehin viel kontrollierte. Auch die Grenze war militärisch geprägt. Die Grenztruppen hatten die Aufgabe,
  712. Fluchten zu verhindern. Ihre Präsenz machte sichtbar, dass die Mauer und die innerdeutsche Grenze nicht nur politische Zeichen waren, sie waren
  713. Teil eines bewaffneten Systems. Für die Menschen im Alltag war diese Militarisierung manchmal weit weg und manchmal sehr nah. Weit weg, wenn man in
  714. der Wohnung saß, zur Arbeit ging, Kinder großzog und den normalen Rhythmus des Lebens verfolgte. Nah, wenn ein Sohn zur Armee mußte, wenn
  715. ein Verwandter bei den Grenztruppen diente, wenn in der Schule über den Ernstfall gesprochen wurde, wenn bei Aufmärschen Uniform durch die Straßen
  716. ging oder wenn man merkte, dass der Staat von seinen Bürgern nicht nur Arbeit und Zustimmung erwartete, sondern im Zweifel auch Einsatzbereitschaft.
  717. Die DDR wollte stark wirken, nach innen, nach außen, gegenüber dem Westen, gegenüber den eigenen Bürgern. Doch auch hier zeigte sich ein Widerspruch. Ein
  718. Staat, der sich Friedensstaat nannte, baute eine straffe militärische Ordnung auf. Ein Staat, der von Freiheit sprach, verlangte gehorsam.
  719. Ein Staat, der seine Jugend für die Zukunft gewinnen wollte, führte sie zugleich an Uniform, Befehl und Feindbild heran.
  720. Für manche Menschen gehörte das einfach zur Zeit des kalten Krieges. Für andere war es ein weiterer Grund, innerlich auf Abstand zu gehen. So war die
  721. Militarisierung der DDR nicht nur eine Frage von Armee und Grenze. Sie war Teil des gesamten Systems. Ein System, das Sicherheit versprach, aber Sicherheit
  722. oft mit Kontrolle verwechselte. Und genau diese Kontrolle zeigte sich am deutlichsten in einer Institution, deren Name bis heute mit Angst, Misstrauen und
  723. Überwachung verbunden ist, dem Ministerium für Staatssicherheit, der Stasi.
  724. Kaum eine Institution steht so stark für die DDR wie die Stasi. Offiziell hieß sie Ministerium für Staatssicherheit. Doch im Alltag sagte man meist einfach
  725. die Stasi. Sie war Geheimdienst, politische Polizei und Überwachungsapparat zugleich. Ihre Aufgabe war es, den Staat zu schützen,
  726. aber in der Praxis bedeutete das vor allem, die Macht der Sed zu sichern. Die Stasi wissen, was Menschen dachten, was sie sagten, mit wem sie sprachen,
  727. welche Briefe sie schrieben, welche Kontakte sie hatten, ob sie zufrieden waren, ob sie zweifelten, ob sie gehen wollten. Sie arbeitete nicht nur mit
  728. hauptamtlichen Mitarbeitern, sie arbeitete auch mit inoffiziellen Mitarbeitern, Menschen, die Berichte schrieben über Kollegen, Nachbarn,
  729. Freunde, manchmal sogar über Familienmitglieder. Nicht jeder tat das aus Überzeugung. Manche wurden gedrängt, manche wollten
  730. Vorteile, manche hatten Angst. Andere glaubten wirklich, dem Staat zu dienen. Genau darin lag die besondere Macht der Stasi. Sie war nicht nur in Büros, Akten
  731. und Verhören präsent. Sie reichte in den Alltag hinein, in Betriebe, in Universitäten, in Kirchen, in Künstlerkreise,
  732. in Jugendgruppen, in Sportvereine, in Hausgemeinschaften. Die Stasi musste nicht überall sichtbar sein, um zu wirken. Oft reichte schon
  733. die Möglichkeit, dass jemand mithörte. Ein Gespräch wurde vorsichtiger, ein Witz wurde leiser erzählt, ein Brief wurde sorgfältiger formuliert, eine
  734. Kritik wurde nur noch unter engen Freunden ausgesprochen. So entstand Misstrauen. Nicht überall, nicht in jedem Moment, aber oft genug, um das
  735. Klima eines Landes zu verändern. Viele Menschen wussten nicht genau, ob sie beobachtet wurden, aber sie wussten, dass es möglich war.
  736. Die Stasi sammelte Akten, Notizen, Fotos, Tonaufnahmen, Berichte, Beobachtungen, kleine Details, die für Außenstehende belanglos wirken konnten.
  737. Wer traf sich wann mit wem? Wer hörte Westmusik? Wer stellte einen Ausreiseantrag? Wer ging in die Kirche? Wer äußerte
  738. Zweifel? Wer hatte Kontakte in den Westen? Nicht jede Akte führte sofort zur Verhaftung. Oft ging es um Kontrolle, Einschüchterung und Lenkung.
  739. Menschen konnten beruflich blockiert werden. Ein Studium konnte unmöglich werden. Eine Reise wurde abgelehnt. Eine Beförderung blieb aus. Freundschaften
  740. wurden gestört. Gruppen wurden zersetzt. Dieses Wort wurde später besonders bekannt. Zersetzung. Es bedeutete Menschen nicht immer offen
  741. zu bestrafen, sondern sie langsam zu schwächen durch Gerüchte, durch Druck, durch Unsicherheit, durch Eingriffe in Beruf, Beziehung und Alltag. Die Stasi
  742. wollte verhindern, dass aus einzelnen Zweifeln organisierter Widerstand wurde. Sie wollte wissen, bevor etwas geschah. Eingreifen, bevor Protest entstand.
  743. kontrollieren, bevor Kritik öffentlich wurde. Für die DDR Führung war sie ein Schutzschild. Für viele Bürger war sie ein Schatten. Nicht jeder Mensch in der
  744. DDR wurde ständig verfolgt. Nicht jeder Alltag war von Angst bestimmt. Viele lebten jahrelang scheinbar normal. Aber die Stasi war Teil der unsichtbaren
  745. Architektur des Staates. Wie die Mauer die äußere Grenze markierte, so markierte die Stasiere Grenze. Sie zeigte, wie wenig Vertrauen die Führung
  746. in die eigene Bevölkerung hatte. Ein Staat, der überzeugt gewesen wäre, von seinen Bürgern getragen zu werden, hätte kein solches Netz gebraucht. Doch
  747. die DDR wollte nicht nur Handlungen kontrollieren, sie wollte Stimmungen erkennen, Gedanken früh erfassen, Abweichungen beobachten und so wurde
  748. Überwachung zu einem festen Bestandteil ihrer Macht. Die Stasi war nicht das ganze Leben in der DDR, aber sie lag über vielen
  749. Lebensbereichen wie ein leiser Nebel. Man sah ihn nicht immer, doch man spürte, dass er da war und gerade deshalb wurde sie zu einem der
  750. dunkelsten Kapitel dieses Staates. Neben der Stasi gab es in der DDR noch eine weitere Ebene der Kontrolle, die
  751. Justiz. Nach außen hatte die DDR Gerichte Staatsanwälte, Gesetze und Verfahren. Es gab Urteile, Akten, Paragraphen und Richter. Alles wirkte
  752. wie ein normaler Rechtsstaat. Doch in politischen Fällen war die Justiz nicht unabhängig. Sie stand im Schatten der Partei und wenn es um die Sicherheit des
  753. Staates ging, zählte nicht zuerst das Recht des Einzelnen. Es zählte die Stabilität des Systems. Wer offen gegen die DDR sprach, wer Flugblätter
  754. verteilte, wer einen Fluchtversuch plante, wer westliche Kontakte hatte oder wer einen Ausreiseantrag stellte und dabei zu laut wurde, konnte schnell
  755. ins Visier geraten. Viele wurden nicht wegen gewöhnlicher Verbrechen verfolgt, sondern weil sie dem Staat unbequem wurden. Die Begriffe
  756. klangen offiziell und nüchtern. Staatsfeindliche Hetze, ungesetzlicher Grenzübertritt, Beeinträchtigung staatlicher Tätigkeit,
  757. landesverräterische Nachrichtenübermittlung. Doch hinter diesen Worten standen oft Menschen, die einfach freisrechen,
  758. freireisen oder frei leben wollten. Manche landeten in Gefängnissen wie Bauzen oder hohen Schönhausen, Orte, deren Namen später für politische Haft,
  759. Verhöre und psychischen Druck standen. Die Methoden waren nicht immer sichtbar brutal. Oft waren sie leise, zermürbend und
  760. genau darauf ausgelegt, Menschen innerlich zu brechen. Lange Verhöre, Isolation, Schlafentzug,
  761. Drohungen gegen Familie oder Beruf, Ungewissheit darüber, was als nächstes geschieht. Der Staat wollte nicht nur Information,
  762. er wollte Kontrolle über den Menschen. Für viele Häftlinge war besonders schlimm, daß sie nicht wussten, wie lange alles dauern würde. Tage
  763. verschwammen, Stimmen im Flur, Schritte vor der Tür, ein Schlüssel im Schloss, ein Raum ohne Zeit. Politische Haft bedeutete nicht nur
  764. Gefängnis, sie bedeutete auch den Versuch, Würde und Willen zu behalten, während der Staat einem das Gefühl gab, völlig ausgeliefert zu sein.
  765. Gleichzeitig gab es den Freikauf politischer Gefangene. Die Bundesrepublik zahlte über Jahre hinweg Geld oder Waren, damit politische
  766. Häftlinge aus der DDR entlassen und in den Westen gebracht wurden. Für die DDR war das ein zynisches Geschäft. Menschen, die sie selbst eingesperrt
  767. hatte, wurden zu einer Quelle für Devisen. Für die Betroffenen konnte es die Rettung sein, aber auch ein harter Bruch. Sie kamen frei, doch sie verloren
  768. oft ihre Heimat, ihre Wohnung, ihren alten Alltag und manchmal Menschen, die zurückblieben. Auch außerhalb der Gefängnisse wirkte
  769. die Justiz als Drohung. Man mußte nicht verhaftet werden, um vorsichtig zu sein. Es reichte zu wissen, dass es passieren konnte. Diese
  770. Möglichkeit lag wie ein Schatten über vielen Gesprächen. Wer einen Ausreiseantrag stellte, wurde häufig beruflich benachteiligt.
  771. Kinder konnten Probleme in Schule oder Ausbildung bekommen. Freunde zogen sich zurück. Nachbarn wurden misstrauisch. Der Alltag wurde enger. Die DDR
  772. bestrafte nicht immer nur den Einzelnen. Manchmal traf der Druck auch sein Umfeld. So entstand ein System, in dem Recht nur schützen sollte, sondern auch
  773. erziehen, abschrecken und disziplinieren. Natürlich lebten Millionen Menschen in der DDR, ohne je in politische Haft zu
  774. geraten. Viele begegneten Gerichten nur bei gewöhnlichen Dingen oder gar nicht. Doch die Existenz politischer Justiz war entscheidend. Sie zeigte, dass der Staat
  775. Grenzen setzte, die man nicht überschreiten sollte. Nicht öffentlich, nicht organisiert, nicht laut. Wer es doch tat, konnte spüren, dass hinter den
  776. ruhigen Fassaden von Ämtern, Schulen und Betrieben ein harter Apparat stand. Die DDR wollte ein geordnetes Land sein, aber diese Ordnung beruhte auch auf
  777. Angst, auf der Angst vor Akten, vor Verhören, vor Urteilen, vor Gefängnissen, vor einem Leben, das plötzlich aus der Bahn geriet.
  778. Und doch entstanden gerade in dieser enge Räume, in denen Menschen versuchten anders zu denken. Nicht überall, nicht massenhaft, nicht immer offen. Aber in
  779. Kirchen, privaten Wohnungen, kleinen Gruppen und unter mutigen Einzelnen wuchs eine leise Opposition, ein Widerstand ohne große Macht, aber
  780. mit einer Kraft, die der Staat nie vollständig auslöschen konnte. In der DDR gab es nur wenig Raum für offene Opposition.
  781. Die SED kontrollierte Parteien, Medien, Betriebe, Schulen und viele öffentliche Organisationen. Wer Kritik äußerte, musste vorsichtig
  782. sein. Wer sich zusammenschloss, wurde beobachtet. Und wer zu deutlich gegen den Staat sprach, konnte schnell Probleme
  783. bekommen. Doch ganz verschwinden ließ sich Widerspruch nie. Er fand Wege, leiser, vorsichtiger, versteckter. Ein wichtiger Ort dafür war die Kirche.
  784. Die Kirchen standen in der DDR unter Druck, aber sie waren nicht vollständig Teil des Staates. Gerade deshalb wurden sie für manche
  785. Menschen zu Schutzräumen. Nicht jeder, der dorthining, war streng religiös. Manche suchten Glauben, andere suchten Gemeinschaft.
  786. Wieder andere suchten einfach einen Ort, an dem man anders sprechen konnte als im Betrieb, in der Schule oder bei offiziellen Versammlung.
  787. In Gemeinderäumen trafen sich Friedensgruppen, Umweltgruppen, Jugendliche, Künstler, Menschen, die über Abrüstung,
  788. Gerechtigkeit, Umweltzerstörung oder Menschenrechte sprechen wollten. Die Themen wirkten manchmal klein, aber in einem Staat, der fast alles politisch
  789. deutete, konnten sie schnell gefährlich werden. Wer über Frieden sprach, stellte indirekt die Militarisierung in Frage. Wer über Umwelt sprach, zeigte auf
  790. Probleme, die der Staat lieber verschwieg. Wer über Menschenrechte sprach, berührte den Kern der politischen Ordnung. Auch
  791. Künstler und Schriftsteller bewegten sich zwischen Anpassung und Kritik. Manche versuchten innerhalb der DDR zu arbeiten und trotzdem ehrlich zu
  792. bleiben. Sie schrieben Gedichte, Lieder, Bücher oder Theaterstücke, in denen nicht immer direkt, aber doch spürbar vom Widerspruch des Landes erzählt
  793. wurde. Von Eng, von Sehnsucht, von Müdigkeit, von Wahrheit hinter offiziellen Worten. Nicht alles durfte erscheinen. Nicht jedes Konzert durfte
  794. stattfinden. Nicht jeder Text wurde gedruckt. Manche Künstler wurden verboten, überwacht oder ausgebürgert. Andere passten ihre Sprache an, wurden
  795. vorsichtiger, versteckten Kritik zwischen den Zeilen. So entstand eine Kultur des Andeutens. Man sagte nicht immer offen, was gemeint war, aber viele
  796. verstanden es trotzdem. Ein Satz konnte mehr bedeuten, als er sagte. Ein Lied konnte mehr tragen als eine Melodie. Ein Theaterabend konnte
  797. für einen Moment zeigen, was im Alltag unausgesprochen blieb. Die Opposition in der DDR war lange nicht groß genug, um den Staat direkt zu
  798. stürzen. Aber sie hielt etwas wach, den Gedanken, dass es auch anders sein könnte, dass Frieden nicht nur ein Wort auf Plakaten war, dass Gerechtigkeit
  799. nicht nur von oben verordnet werden konnte, dass ein Staat, der sich demokratisch nannte, auch echte Mitsprache zulassen müsste.
  800. Für die Stasi waren diese Gruppen ein Problem. Nicht, weil sie sofort mächtig waren, sondern weil sie unabhängig waren. Sie trafen sich außerhalb der
  801. staatlichen Kontrolle. Sie sprachen über Dinge, die nicht im offiziellen Ton gehalten waren. Sie bauten Vertrauen auf, wo der Staat misstrauen wollte.
  802. Deshalb wurden sie beobachtet. Berichte wurden geschrieben, Informanten eingeschleustt, Veranstaltungen gestört, Menschen unter
  803. Druck gesetzt und doch blieben diese kleinen Räume bestehen. In Kirchen, in Wohnungen, in Ateliers, in Proberäumen, in Hinterzimmern, in Gesprächen nach
  804. Veranstaltung. Dort entstand keine laute Revolution, noch nicht, aber dort entstand eine Sprache, die später wichtig werden sollte.
  805. Eine Sprache der Friedlichkeit, der Würde, der Verantwortung, des vorsichtigen Mutes. Viele Menschen, die 1989
  806. auf die Straße gingen, hatten diese Erfahrungen nicht vergessen. Sie wussten, wie man sich trifft, wie man spricht, wie man Angst aushält, wie man
  807. ruhig bleibt, wenn der Staat nervös wird. So wirkten Kirche, Künstler und Opposition lange Zeit wie kleine Lichter
  808. in einem engen Land. Nicht hell genug, um alles zu verändern, aber hell genug, um nicht völlig zu verschwinden. Und mit jedem Jahr, indem
  809. die DDR älter wurde, wurden diese Lichter wichtiger. Die DDR sprach viel von Fortschritt, von Industrie, von Produktion, von Wachstum,
  810. von der Kraft der Arbeiterklasse. Doch dieser Fortschritt hatte einen Preis, der lange nur leise besprochen wurde. Die Umwelt der DDR war stark
  811. belastet. Besonders in den Industriegebieten sah man es deutlich. In Städten mit Chemiewerken, Braunkohlekraftwerken
  812. und alten Fabriken lag oft ein schwerer Geruch in der Luft. Rauch stieg aus Schornstein. Staub legte sich auf Fensterbänke, Straßen und
  813. Fassaden. Flüsse waren verschmutzt, Wälder litten und manche Landschaften wurden durch Tagebau tief verändert. Die Braunkohle
  814. spielte eine zentrale Rolle. Sie war einer der wichtigsten Energieträger der DDR. Sie war verfügbar, heimisch und für den
  815. Staat unverzichtbar. Doch sie war auch schmutzig. Wenn im Winter die Öfen brannten und die Kraftwerke liefen, hing über manchen
  816. Städten ein grauer Schleier. In Regionen wie Bitterfeld, Leipzig, Halle oder im Lausitzer Braunkohle Revier wurde die Umweltbelastung besonders sichtbar.
  817. Der Staat wußte von diesen Problemen, aber offen darüber zu sprechen war schwierig, denn Umweltzerstörung pasß nicht zum offiziellen Bild eines
  818. planenden, vernünftigen und zukunftsorientierten Sozialismus. Die DDR wollte zeigen, dass sie die Natur besser schützen könne als der
  819. kapitalistische Westen. Doch in der Realität fehlten oft Geld, moderne Technik und politischer Wille. Produktionsziele
  820. waren wichtiger als saubere Luft. Ein Betrieb musste seinen Plan erfüllen. Ein Kraftwerk musste Energie liefern. Eine Chemiefabrik musste produzieren.
  821. Wenn Filteranlagen fehlten oder veraltet waren, wurde trotzdem weitergearbeitet. Die Menschen lebten mit den Folgen. Sie rochen die Luft, sie sahen den Schmutz.
  822. Sie wussten, welcher Fluss nicht mehr sauber war. Sie merkten, daß Kinder krank wurden oder Wälder sich veränderten. Doch
  823. öffentlich wurde vieles beschönigt. Zahlen wurden nicht immer transparent veröffentlicht. Kritik galt schnell als politisch
  824. empfindlich. Wer Umweltprobleme zu deutlich benannte, konnte den Eindruck erwecken, den Staat anzugreifen. Gerade deshalb wurden Umweltgruppen
  825. wichtig. Oft trafen sie sich unter dem Dach der Kirche. Dort sammelten Menschen Informationen, sprachen über verschmutzte Flüsse, Luftbelastung,
  826. Müll, Atomkraft und zerstörte Landschaften. Es ging dabei nicht nur um Natur, es ging auch um Wahrheit.
  827. Denn wer über Umwelt sprach, sprach indirekt über das, was der Staat verschwieg, über die Grenzen der Planwirtschaft,
  828. über die Folgen des Produktionsdrucks, über den Abstand zwischen offizieller Darstellung und alltäglicher Wirklichkeit. Ähm, so wurde Umweltschutz
  829. in der DDR auch zu einer politischen Frage. Nicht, weil jeder Umweltaktivist den Staat stürzen wollte, sondern weil schon das genaue Hinsehen gefährlich
  830. werden konnte. Ein verschmutzter Fluss war mehr als ein verschmutzter Fluss. Er war ein Beweis dafür, dass die Wirklichkeit nicht immer
  831. zu den Parolen passte. Und je älter die DDR wurde, desto deutlicher wurden diese Risse. Die Menschen konnten vieles ertragen. Mangel, Wartezeiten, graue
  832. Fassaden, eingeschränkte Reisen. Aber wenn ein Staat auch noch die Luft, das Wasser und die Landschaft belastete und zugleich so tat, als sei alles unter
  833. Kontrolle, dann wuchs das Misstrauen. Die Umweltprobleme waren deshalb kein Randthema. Sie waren ein stiller Hinweis darauf, dass die DDR an ihre Grenzen
  834. kam. Technisch, wirtschaftlich, politisch und moralisch. Unter dem Rauch der Fabriken lag nicht nur Staub. Dort lag auch die Frage, wie
  835. lange ein Staat seine Probleme verstecken konnte, bevor sie überall sichtbar wurden.
  836. Die DDR war nie ein Staat, der völlig allein über seinen Weg entschied. Von Anfang an stand sie im Schatten der Sowjetunion.
  837. Moskau war Schutzmacht, Vorbild, Partner und Grenze dessen, was politisch möglich war. Die DDR Führung sprach zwar von
  838. Souveränität, von Freundschaft und von internationaler Solidarität, doch in den entscheidenden Fragen blieb die Sowjetunion die wichtigste Macht.
  839. Ohne sie hätte es die DDR in dieser Form nicht gegeben, ohne sie hätte die SED ihre Herrschaft kaum so lange sichern können.
  840. Die DDR war Teil des Ostblocks. Sie gehörte zum Warschauerpakt, dem militärischen Bündnis der sozialistischen Staaten. Und sie war
  841. eingebunden in den Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe, den RGW. Dort sollte die Wirtschaft der sozialistischen Länder miteinander
  842. verbunden werden. Rohstoffe, Maschinen, Energie, Industrieprodukte und politische Interessen wurden zwischen den Staaten des Ostens abgestimmt.
  843. Die DDR lieferte Technik, Maschinen, Chemieprodukte und Industrieerzeugnisse. Im Gegenzug war sie stark abhängig von sowjetischem Öl, Gas und anderen
  844. Rohstoffen. Diese Verbindung gab Sicherheit. Aber sie machte die DDR auch abhängig. Wenn Moskau sich bewegte, musste
  845. Ostberlin reagieren. Wenn Moskau Druck machte, konnte die DDR Führung kaum ausweichen. Und wenn in der Sowjetunion neue
  846. Gedanken entstanden, wie später unter Gorbatschow, wurde das für die DDR gefährlich. Doch in dener Jahren wollte die DDR vor allem eines
  847. Anerkennung. Lange hatte die Bundesrepublik versucht, die DDR international zu isolieren. Doch mit der Entspannungspolitik
  848. änderte sich die Lage. Die beiden deutschen Staaten näherten sich vorsichtig an. Verträge wurden geschlossen, Grenzen wurden anerkannt
  849. und die DDR gewann international an Sichtbarkeit. Für die SD war das ein großer Erfolg. Die DDR wollte nicht nur als sowjetische Besatzungsfolge gesehen
  850. werden, sie wollte als eigener Staat wahrgenommen werden, mit Botschaften, mit Diplomaten, mit Flagge, mit Sitz in internationalen Organisationen,
  851. mit Staatsbesuchen, Verträgen und offiziellen Empfängen. Der Eintritt in die Vereinten Nation war dafür ein wichtiges Symbol.
  852. Die DDR war nun nicht mehr nur der andere deutsche Staat im Schatten der Bundesrepublik. Sie war auf der Weltbühne angekommen,
  853. zumindest äußerlich. In Afrika, Asien und Lateinamerika suchte die DDR Kontakte zu jungen Staaten, Befreiungsbewegung und sozialistischen
  854. Partnern. Sie unterstützte politische Projekte, bildete Fachkräfte aus und präsentierte sich als solidarischer Staat auf der
  855. Seite der Unterdrückten. Diese internationale Solidarität klang idealistisch, aber sie diente auch Interessen. Die DDR wollte Einfluss,
  856. Anerkennung, Prestige und sie wollte zeigen, dass sie moralisch auf der richtigen Seite der Geschichte stand. Gleichzeitig kamen Menschen aus anderen
  857. Ländern in die DDR, Studenten, Facharbeiter, Auszubildende und Vertragsarbeiter aus Ländern wie Vietnam, Mozambique, Angola oder Kuba.
  858. Sie arbeiteten in Betrieben, lebten oft in Wohnheim und waren Teil eines Systems, das nach außen internationale Freundschaft betonte.
  859. Doch ihr Alltag war nicht immer einfach. Viele blieben getrennt von der Mehrheitsgesellschaft. Kontakte waren begrenzt. Rassismus
  860. existierte, auch wenn er offiziell nicht zum Selbstbild des sozialistischen Staates passte. Und die Bedingungen waren oft streng geregelt. Die DDR
  861. sprach von Völkerfreundschaft, aber auch hier lagen Anspruch und Wirklichkeit nicht immer beieinander. International wollte die DDR modern,
  862. friedlich und solidarisch wirken. Nach innen blieb sie ein kontrollierter Staat mit Mauer, Stasi und eingeschränkter Freiheit.
  863. Dieser Widerspruch begleitete sie bis zum Ende. Auf Kongressen bei Sportereignissen und Staatsbesuchen zeigte die DDR ein geordnetes Gesicht.
  864. Ein Land mit Fahnen, Uniformen, Kulturprogrammen und klaren Botschaften. Doch hinter diesem Gesicht standen dieselben Probleme wie im Inneren.
  865. Wirtschaftliche Abhängigkeit, politische Starrheit, Angst vor Reformen und die ständige Notwendigkeit, die eigene Existenz zu rechtfertigen.
  866. Die DDR war auf der Weltkarte angekommen, aber sie blieb ein Staat, dessen Schicksal eng mit Moskau verbunden war. Solange die Sowjetunion
  867. stark wirkte, konnte auch die DDA stabil erscheinen. Doch wenn sich dort etwas änderte, würde auch in Ostberlin nichts mehr so sicher sein wie zuvor.
  868. Und genau das sollte in den 1980er Jahren geschehen. In den 1980er Jahren wirkte die DDR nach außen noch immer stabil. Die Fahnen
  869. hingen, die Parteitage fanden statt. Die Zeitungen berichteten von Erfolgen. Die Betriebe erfüllten ihre Pläne, die Schulen erzogen weiter im
  870. Geistesozialismus und die Grenze stand so fest wie zuvor. Doch unter dieser Oberfläche wurde der Staat müder. Viele Menschen spürten,
  871. dass die großen Versprechen der DDR an Kraft verloren hatten. Die Wirtschaft kam immer stärker unter Druck. Maschinen waren veraltet. Betriebe arbeiteten oft
  872. ineffizient. Rohstoffe waren teuer, moderne Technik fehlte und viele waren, die Menschen sich wünschten, waren weiterhin schwer
  873. zu bekommen. Die DDR versuchte ihren Bürgern Sicherheit zu geben. Günstige Mieten, subventionierte Lebensmittel,
  874. Arbeitsplätze, Kinderbetreuung, Gesundheitsversorgung, Wohnungsbau. Doch all das kostete Geld. Der Staat
  875. wollte den Alltag stabil halten, aber genau diese Stabilität wurde immer schwerer zu finanzieren. Viele Probleme wurden nicht offen benannt. Sie wurden
  876. verwaltet, beschönigt, verdrängt. In den Geschäften sah man den Mangel. In den Betrieben sah man die alten Maschinen. In den Städten sah man graue Fassaden,
  877. kaputte Straßen und verschlissene Infrastruktur. Die DDR funktionierte noch, aber sie wirkte zunehmend erschöpft. Auch
  878. politisch änderte sich wenig. Erich Honeker und die alte Parteiführung hielten an ihrem Kurs fest. Sie glaubten, die DDR müsse nur standhaft
  879. bleiben. Keine westlichen Experimente, keine echten Reformen, keine Öffnung, die das System gefährden könnte. Doch viele Menschen glaubten nicht mehr an
  880. diese Sprache. Die Parolen klangen immer leerer. Die offiziellen Nachrichten wirkten immer weiter entfernt vom Alltag.
  881. Die Lücke zwischen dem, was gesagt wurde und dem, was Menschen erlebten, wurde größer. Gerade junge Menschen fühlten sich
  882. eingeengt. Sie sahen im Westfernsehen andere Bilder, andere Musik, andere Kleidung, andere Möglichkeiten. Nicht alles daran war so frei und
  883. glänzend, wie es wirkte. Aber es reichte, um die eigene Engel deutlicher zu spüren. Immer mehr Menschen stellten Ausreiseanträge.
  884. Sie wollten nicht mehr warten, nicht mehr hoffen, nicht mehr zwischen Anpassung und Schweigen leben. Für den Staat waren diese Anträge eine
  885. Provokation. Für die Betroffenen waren sie oft der letzte Versuch, ein anderes Leben zu beginnen. Wer einen Ausreiseantrag
  886. stellte, musste mit Folgen rechnen. Probleme im Beruf, Druck durch Behörden, Beobachtung, Ablehnung, Jahre des Wartens und trotzdem taten es immer
  887. mehr. Auch die Opposition wurde sichtbarer. Friedensgruppen, Umweltgruppen, kirchliche Kreise und kritische Künstler
  888. sprachen über Themen, die der Staat nicht kontrollieren konnte, ohne sich selbst zu entlarfen. Frieden, Umwelt, Menschenrechte,
  889. Reisefreiheit, Wahrheit. Es waren einfache Worte, aber in der DDR wurden sie schwer, denn sie stellten Fragen, auf die der Staat keine
  890. ehrliche Antwort geben wollte. Warum durfte man nicht frei reisen? Warum durfte man nicht frei wählen? Warum wurden Umweltprobleme verschwiegen?
  891. Warum musste ein angeblich starker Staat seine Bürger überwachen? Die DDR hatte darauf offizielle Antworten, aber immer weniger Menschen
  892. glaubten ihn. So entstand in denziger Jahren keine plötzliche Explosion, eher ein langsames Nachlassen der Bindung. Der Staat stand noch, die Mauer stand
  893. noch, die Stasi arbeitete weiter, die Partei regierte weiter, aber innerlich entfernten sich viele Menschen. Sie machten mit, weil sie mussten.
  894. Sie schwiegen, weil es sicherer war. Sie arbeiteten, weil das Leben weiterging. Doch die Überzeugung wurde schwächer. Ein Staat kann lange bestehen, wenn
  895. Menschen an ihn glauben. Er kann auch bestehen, wenn Menschen Angst vor ihm haben. Aber wenn immer mehr Menschen weder wirklich glauben, noch offen
  896. zustimmen, wird seine Macht brüchig. In den 1980er Jahren war genau das zu spüren. Die DDR wurde nicht von einem Tag auf den anderen schwach. Sie wurde
  897. langsam schwerfällig, starr, müde, unfähig, sich selbst zu erneuern. Und während Ostberlin an alten Antworten festhielt, begann in Moskau etwas, das
  898. die DDR Führung zutiefst beunruhigen sollte, denn ausgerechnet die Sowjetunion, die große Schutzmacht der DDR, begann sich zu verändern.
  899. Für die DDR war die Sowjetunion immer mehr gewesen als nur ein Verbündeter. Sie war Schutzmacht, Vorbild, Rückhalt und der wichtigste Garant dafür, dass
  900. die SD ihre Macht behalten konnte. Solange Moskau fest hinter der DDR stand, konnte Ostberlin sicherer auftreten. Die Mauer, die Grenze, die
  901. Partei, die politische Ordnung. All das war auch durch die Macht der Sowjetunion abgesichert. Doch Mitte der 1980er Jahre begann sich
  902. in Moskau etwas zu verändern. Michael Gorbatschow wurde neuer Führer der Sowjetunion. Er sprach von Reformen, von Offenheit,
  903. von Erneuerung, von einem Sozialismus, der nicht erstarren durfte. Zwei Worte wurden besonders bekannt: Glasnost und Perestreika.
  904. Glasnost bedeutete Offenheit, mehr öffentliche Diskussion, mehr Kritik, mehr Wahrheit über Probleme, die lange verschwiegen worden waren. Perestreiker
  905. bedeutete Umbau. Die Wirtschaft und der Staat sollten verändert werden, damit das System wieder lebendig wurde. Für viele Menschen im Ostblock klang das wie
  906. ein Signal. Wenn sogar die Sowjetunion über Reformen sprach, warum sollte sich dann in der DDR nichts ändern? Doch für die DDRFührung war genau das
  907. gefährlich. Erich Honeker und seine Umgebung wollten keine echte Öffnung. Sie sahen Reformen nicht als Rettung, sondern als Risiko. Denn wer einmal
  908. begann über Fehler zu sprechen, konnte irgendwann auch über die Partei sprechen, über die Mauer, über die Stasi, über die Wahlen, über die
  909. fehlende Freiheit. Die DDR-Führung wollte Stabilität. Aber sie verwechselte Stabilität immer mehr mit Stillstand.
  910. Während in Moskau neue Worte gesprochen wurden, klangen die Reden in Ostberlin alt. Während Gorbatschow Veränderung versprach, hielt Honeker an der
  911. gewohnten Linie fest. Während andere sozialistische Länder vorsichtig Bewegung zuließen, wirkte die DDR Führung unbeweglich.
  912. Für viele Bürger wurde dieser Unterschied deutlich. Sie sahen Gorbatschow im Fernsehen. Sie hörten seine Worte. Sie merkten, daß selbst im
  913. Zentrum des Ostblocks Dinge gesagt wurden, die in der DDR kaum möglich waren. Das machte die eigene Enge noch sichtbarer.
  914. Plötzlich war der Westen nicht mehr der einzige Vergleich. Nun kam der Druck auch aus dem Osten aus Moskau. Das war für die SD besonders unangenehm,
  915. denn jahrzehntelang hatte sie sich auf die Sowjetunion berufen, auf ihre Freundschaft, auf ihre Autorität, auf ihre historische Rolle. Doch wenn
  916. diese Sowjetunion nun selbst reformen wollte, wirkte die DDR Führung wie ein Schüler, der den Lehrer nicht mehr verstehen wollte.
  917. Honeker blieb dabei. Die DDR habe keinen Grund, ihren Weg zu ändern. Offiziell wurde weiter von Erfolgen gesprochen, von Sozialismus, von Stabilität, von
  918. Planerfüllung, von Frieden. Doch im Land wuchs das Gefühl, dass die Führung die Wirklichkeit nicht mehr sehen wollte. Die Menschen spürten die
  919. wirtschaftlichen Probleme. Sie sahen die Umweltzerstörung, sie kannten die Mängel. Sie wussten von Ausreiseanträgen,
  920. Verhaftungen und Überwachung und sie erlebten eine Partei, die so tat, als sei der Kurs richtig und nur die Geduld der Bürger zu klein. Gobatschows
  921. Reformen veränderten die DDR nicht sofort. Die Mauer stand weiter, die Stasi arbeitete weiter, die SED regierte weiter, aber etwas im Bewusstsein
  922. veränderte sich. Die Vorstellung, dass alles für immer so bleiben müsßte, bekam Risse. Wenn Moskau sich bewegen konnte, dann
  923. konnte sich vielleicht auch Ostberlin bewegen. Wenn Reformen möglich waren, dann war Stillstand keine Naturgewalt.
  924. Wenn selbst die Sowjetunion Probleme zugab, dann konnte die DDR nicht ewig so tun, als sei alles in Ordnung. Für die Opposition waren diese Entwicklungen
  925. wichtig. Sie gaben Mut, nicht offenen Schutz, nicht völlige Sicherheit, aber das Gefühl, dass die Geschichte wieder in Bewegung geraten war. Für die Sedagen
  926. wurde Gorbatschow zur Bedrohung. Nicht, weil er die DDR direkt angriff, sondern weil seine Existenz die alte Ordnung in Frage stellte. Er zeigte, dass
  927. Sozialismus auch anders gedacht werden konnte und genau das wollte die DDR Führung verhindern. Doch Geschichte läßt sich nicht
  928. dauerhaft anhalten. Ende der 1980er Jahre begann sich der Druck im ganzen Ostblock zu erhöhen. In Polen, Ungarn und anderen Ländern entstanden
  929. Bewegungen, Reformen und neue Öffnungen. Besonders Ungarn sollte bald eine entscheidende Rolle spielen, denn dort begann sich eine Grenze zu öffnen und
  930. für viele DDR Bürger wurde daraus eine neue Hoffnung. Wenn die Mauer in Berlin noch stand, vielleicht gab es einen anderen Weg hinaus über Prag, über
  931. Budapest, über Botschaften, über Züge, über Straßen, die plötzlich wieder in Bewegung gerieten. Die DDR Führung wollte Ruhe, doch in Europa begann etwas
  932. zu rutschen. Langsam, dann schneller. Und bald sollte aus Müdigkeit Bewegung werden, aus Bewegung Protest. und aus Protest ein Herbst, der die DDR
  933. für immer verändern würde. Im Jahr 1989 geriet die DDR in Bewegung, nicht
  934. plötzlich aus dem Nichts, nicht durch einen einzigen Moment, sondern durch viele kleine Risse, die sich nun miteinander verbanden.
  935. Die Menschen waren unzufrieden. Viele wollten Reisen, viele wollten ehrlichere Politik, viele wollten Reform und immer mehr wollten die DDR einfach verlassen.
  936. Besonders wichtig wurde Ungarn. Dort begann sich die Grenze nach Österreich zu öffnen. Für DDR Bürger war das ein Signal. Wenn der direkte Weg in den
  937. Westen durch die Mauer versperrt war, dann konnte vielleicht ein anderer Weg möglich werden. Tausende reisten nach Ungarn. Manche mit Urlaubskoffern,
  938. manche mit Kindern, manche mit dem Plan nicht zurückzukehren. Campingplätze, Bahnhöfe und Straßen wurden zu Orten der Entscheidung.
  939. Für viele Familien war es ein Schritt voller Angst. Sie wußten nicht, ob sie durchkommen würden. Sie wussten nicht, ob sie alles
  940. verlieren würden. Aber sie wussten, dass sie nicht mehr warten wollten. Auch westdeutsche Botschaften wurden zu Zufluchtsorten.
  941. In Prag und Warschau suchten DDR Bürgerschutz. Sie hofften über diplomatische Wege ausreisen zu können. Die Bilder von
  942. Menschen, die in überfüllten Botschaftsgeländen ausharten, zeigten der Welt, wie tief die Krise geworden war.
  943. Die DDRFührung versuchte weiter Kontrolle zu behalten, doch sie wirkte zunehmend hilflos. Denn wenn Menschen massenhaft fliehen, ist das mehr als ein
  944. Verwaltungsproblem. Es ist ein Zeichen, dass ein Staat sein Vertrauen verloren hat. Gleichzeitig begannen immer mehr Menschen innerhalb
  945. der DDR zu protestieren. Besonders Leipzig wurde wichtig. In der Nikolai Kirche fanden Friedensgebete statt. Menschen kamen zusammen, zunächst
  946. vorsichtig, dann zahlreicher. Sie beteten, sprachen, hörten zu und gingen schließlich auf die Straße. Aus kleinen Versammlungen wurden
  947. Montagsdemonstrationen. Die Rufe waren einfach, aber sie hatten Kraft. Wir sind das Volk. Diese Worte trafen den Kern des Systems, denn die
  948. DDR hatte jahrzehntelang behauptet, im Namen des Volkes zu sprechen. Nun stand dieses Volk auf der Straße und sagte: "Wir sind selbst da. Wir wollen selbst
  949. gehört werden." Der Staat wusste nicht, wie er reagieren sollte. Die Erinnerung an Gewalt lag in der Luft. Viele Menschen hatten Angst, dass die
  950. Demonstration niedergeschlagen werden könnten. Niemand wusste, ob Panzer rollen würden. Niemand wusste, ob geschossen würde. Niemand wusste, ob
  951. dieser Herbst friedlich bleiben konnte. Doch die Menschen kamen trotzdem in Leipzig, in Dresden, in Berlin, in Plauen, in vielen Städten der DDR. Sie
  952. trugen Kerzen, sie hielten Schilder, sie gingen langsam durch die Straßen, nicht als bewaffnete Revolutionäre, sondern als Bürger, die nicht länger
  953. schweigen wollten. Die Stasi beobachtete, die Polizei war bereit, die Partei beriet, doch die alte Macht wirkte
  954. unsicher. Je mehr Menschen auf die Straße gingen, desto schwerer wurde es, sie alle als Feinde oder Provokateure darzustellen. Es waren Arbeiter,
  955. Studenten, Eltern, Rentner, Christen, Nichtchristen, Ausreisevillige, Reformer, Menschen mit ganz unterschiedlichen Hoffnungen. Manche
  956. wollten die DDR verlassen, andere wollten sie verändern. Wieder andere wussten, dass es so nicht weitergehen konnte. Im Oktober 1989
  957. feierte die DDR noch ihren 40. Geburtstag mit Fahren, Reden, Paraden und offiziellen Gästen. Doch die Feier wirkte seltsam hohl. Ein
  958. Staat, der sich selbst feierte, während seine Bürger flohen und demonstrierten, zeigte damit, wie weit Führung und Bevölkerung auseinander geraten waren.
  959. Kurz darauf verlor Erich Honeker seine Macht. Egon Krenz übernahm. Er sprach von Wände, von Erneuerung, von Dialog. Doch für viele Menschen kam das zu spät.
  960. Die Angst war gebrochen, nicht vollständig, nicht überall, aber genug, um die alte Ordnung ins Wanken zu bringen. 1989
  961. wurde aus Unzufriedenheit Bewegung. Aus Bewegung wurde Mut und aus Mut entstand ein Druck, den die DDR Führung nicht mehr kontrollieren konnte. Die Mauer
  962. stand noch, aber innerlich hatte sie bereits begonnen zu fallen. Der 9. November 1989 begann nicht wie ein Tag, der die Welt
  963. verändern würde. In der DDR war die Lage angespannt. Die Menschen demonstrierten weiter. Viele wollten Reform, viele wollten
  964. Reisefreiheit. Viele wollten nicht länger hinnehmen, dass der Staat über ihr Leben bestimmte. Die neue Führung unter Egon Krenz
  965. versuchte die Kontrolle zu behalten. Sie wollte zeigen, dass sie handlungsfähig war, dass sie auf die Bevölkerung hörte, dass Veränderung möglich sei, ohne das
  966. ganze System zu verlieren. Ein neues Reisegesetz sollte die Lage beruhigen. DDRbürger sollten leichter in den Westen reisen dürfen. Doch wieo oft in diesem
  967. Staat war auch dieser Schritt von Bürokratie, Unsicherheit und schlechter Kommunikation begleitet.
  968. Am Abend des 9. November trat Günther Schabowski vor die Presse. Er war Mitglied der SED Führung. In einer Pressekonferenz erklärte er neue
  969. Reisebestimmungen. Die Formulierungen waren kompliziert, die Details unklar. Dann fragte ein Journalist, ab wann diese Regelung
  970. gelten sollle. Schabowski blätterte in seinen Unterlagen. Er wirkte unsicher und dann sagte er sinngemäß: "Sofort." Unverzüglich.
  971. Diese Worte veränderten alles. Innerhalb kurzer Zeit verbreitete sich die Nachricht über Nachrichtenagenturen, über Fernsehen, über Radio, über
  972. Gespräche in Wohnung, Straßen und Treppenhäusern. Viele Menschen verstanden, die Grenze ist offen. Ob das wirklich so gemeint
  973. war, wussten die Grenzsoldaten noch nicht. Ob es Befehle gab, wussten viele ebenfalls nicht. Doch die Menschen warteten nicht mehr auf Erklärung. Sie
  974. gingen los zu den Grenzübergängen, zur Bonmerstraße, zum Checkpoint Charlie, zur Invalidenstraße,
  975. an die Orte, die jahrzehntelang Trennung bedeutet hatten. Immer mehr Menschen sammelten sich vor den Schlagbäumen. Sie wollten hinüber, nicht irgendwann, nicht
  976. nach Antrag, nicht nach Genehmigung, sondern jetzt. Die Grenzsoldaten waren überfordert. Sie hatten keine klaren Befehle. Vor ihnen
  977. standen nicht ein paar einzelne Flüchtlinge, sondern Menschenmengen. Familien, junge Leute, ältere Menschen, neugierige, Entschlossene,
  978. Menschen, die spürten, dass dieser Moment größer war als jede Anordnung. Die Spannung war gewaltig. Noch war nicht sicher, ob alles friedlich bleiben
  979. würde. Noch hätte ein falscher Befehl, ein Schuss, eine Panik, alles verändern können. Doch dann geschah das, was kaum jemand
  980. für möglich gehalten hatte. Die Grenze öffnete sich. Menschen gingen nach Westberlin. Sie wurden begrüßt. Sie weinten. Sie lachten. Sie lagen sich in
  981. den Armen. Fremde Menschen umarmten einander, als wären sie alte Freunde. Auf der Mauer standen Menschen. Sie tanzten, winkten, riefen, sangen. Andere
  982. schlugen mit Hämmern kleine Stücke aus dem Beton. Ein Bauwerk, das jahrzehntelang Angst, Trennung und Tod bedeutet hatte, wurde
  983. plötzlich zu einem Ort der Freude. Für viele war es ein unwirklicher Abend. Menschen, die jahrelang nicht reisen durften, gingen einfach über die Grenze.
  984. Familien, die getrennt waren, konnten sich wiedersehen. Straßen, die geendet hatten, führten plötzlich weiter. Die Mauer war an diesem Abend nicht sofort
  985. verschwunden. Sie stand noch aus Beton. Sie war noch sichtbar, doch ihre Macht war gebrochen. Ein Staat, der seine Bürger
  986. jahrzehntelang eingeschlossen hatte, konnte sie nicht mehr zurückhalten. Der 9. November war kein geplanter Triumph. Er war ein Moment aus Druck,
  987. Verwirrung, Mut und Geschichte. Die DDR Führung hatte versucht, eine Krise zu verwalten. Doch am Ende verlor sie die Kontrolle über das Symbol ihrer
  988. Macht. Die Mauer fiel nicht durch Krieg, nicht durch Panzer, nicht durch einen Angriff von außen. Sie fiel, weil Menschen
  989. gingen, weil sie nicht mehr warteten, weil die Angst schwächer geworden war als der Wunsch nach Freiheit. In dieser Nacht wurde sichtbar, dass die DDR nicht
  990. mehr dieselbe war. Die Grenze war offen, die Menschen waren in Bewegung und die Welt sah zu. Was jahrzehntelang fest und
  991. unüberwindbar gewirkt hatte, war plötzlich offen. Doch mit dem Fall der Mauer war die Geschichte noch nicht zu Ende. Die DDR
  992. existierte weiter. Es gab noch Regierung, Parteien, Betriebe, Schulen, Armee, Polizei und Behörden. Aber ihre Grundlage war erschüttert.
  993. Denn wenn die Mauer fällt, fällt nicht nur eine Grenze. Es fällt auch die Erzählung eines Staates, der behauptet hatte, diese Grenze sei notwendig,
  994. richtig und dauerhaft. Nach dem 9. November begann die letzte Phase der DDR, eine kurze, schnelle und unruhige Zeit zwischen Freude und Unsicherheit,
  995. zwischen Reform und Auflösung, zwischen Hoffnung auf einen neuen Sozialismus und dem Wunsch nach deutscher Einheit. Nach dem Fall der Mauer begann eine
  996. Zeit, in der alles schneller wurde. Die DDR existierte noch. Ihre Ministerien arbeiteten weiter, ihre Betriebe produzierten weiter, ihre Schulen
  997. öffneten weiter am Morgen und doch war nichts mehr wie zuvor. Die Grenze war offen. Menschen fuhren in den Westen oft zum ersten Mal in ihrem Leben. Sie
  998. besuchten Verwandte, liefen durch Einkaufsstraßen, sahen volle Schaufenster, bunte Werbungen und eine Welt, die ihnen jahrzehntelang nah und
  999. doch unerreichbar gewesen war. Viele kamen zurück in die DDR, aber sie kamen verändert zurück, denn wer einmal gesehen hatte, wie offen die Grenze nun
  1000. war, konnte nicht mehr in die alte Wirklichkeit zurückkehren. Die SED verlor ihre Macht Schritt für Schritt. Aus der alten Staatspartei
  1001. wurde eine Partei, die sich retten wollte. neue politische Gruppen entstanden. Bürgerbewegungen, Parteien und Initiativen forderten freie Wahlen,
  1002. Rechtsstaatlichkeit und Aufarbeitung. An runden Tischen wurde diskutiert. Dort saßen Vertreter des alten Systems und Vertreter der Opposition.
  1003. Man sprach über Reformen, über Kontrolle der Sicherheitsorgane, über freie Medien, über neue Gesetze und über die Zukunft des Landes. Für einen
  1004. kurzen Moment schien vieles offen. Manche wollten eine bessere DDR, einen demokratischen Sozialismus, ein Land ohne Stasi, ohne Mauer, ohne
  1005. Einparteienherrschaft, aber trotzdem eigenständig. Andere wollten so schnell wie möglich die deutsche Einheit. Je länger die
  1006. Krise dauerte, desto stärker wurde dieser Wunsch, denn die Wirtschaft der DDR war schwach. Viele Betriebe waren nicht konkurrenzfähig.
  1007. Die Währung verlor Vertrauen. Menschen fragten sich, ob ihr Arbeitsplatz, ihre Ersparnisse und ihre Zukunft sicher waren.
  1008. Auf den Straßen änderten sich die Rufe aus. Wir sind das Volk. wurde immer öfter. Wir sind ein Volk. Dieser Satz zeigte, wohin sich die
  1009. Stimmung bewegte. Im März 1990 fanden die ersten freien Volkskammerwahlen in der DDR statt. Zum ersten Mal konnten die Bürger
  1010. wirklich entscheiden, nicht über Einheitslisten, nicht über vorgegebene Zustimmung, sondern zwischen echten politischen
  1011. Alternativen. Das Ergebnis war klar, die Mehrheit wollte einen schnellen Weg zur deutschen Einheit. Nun begann ein politischer
  1012. Prozess, der in wenigen Monaten vollendete, was jahrzehntelang unmöglich gewirkt hatte. Im Sommer 1990 kam die
  1013. Währungswirtschafts und Sozialunion. Die Demark wurde in der DDR eingeführt. Für viele Menschen war das ein Moment großer Hoffnung. Die westdeutsche
  1014. Währung stand für Stabilität, Kaufkraft und ein neues Leben. Doch sie brachte auch Härte, denn mit der neuen Währung standen die DDRbetriebe plötzlich im
  1015. direkten Wettbewerb mit der westlichen Wirtschaft. Viele waren darauf nicht vorbereitet. Was im geschlossenen System der
  1016. Planwirtschaft noch funktioniert hatte, wirkte im offenen Markt oft veraltet, zu teuer oder zu schwach. Trotzdem bewegte sich die Geschichte
  1017. weiter. International musste die deutsche Einheit abgesichert werden. Die vier Siegermächte des Zweiten Weltkriegs hatten noch Rechte in Deutschland.
  1018. Deshalb verhandelten die beiden deutschen Staaten mit den Vereinigten Staaten der Sowjetunion, Großbritannien und Frankreich.
  1019. Diese Gespräche wurden als 2 +4 Verhandlungen bekannt. Am Ende stand die Zustimmung zur deutschen Einheit. Am 3. Oktober 1990
  1020. trat die DDR der Bundesrepublik Deutschland bei. Damit endete die deutsche demokratische Republik offiziell. Ein Staat, der 40 Jahre
  1021. existiert hatte, verschwand von der Landkarte. Seine Fahnen wurden eingeholt, seine Ministerien aufgelöst, seine Armee integriert oder abgewickelt,
  1022. seine Gesetze ersetzt, seine Grenze geöffnet, seine Partei entmachtet. Doch für die Menschen war das Ende nicht so einfach wie ein Datum im
  1023. Geschichtsbuch. Für viele war es Befreiung. Endlich reisen, endlich frei wählen, endlich sagen, was man dachte, endlich ohne
  1024. Mauer leben. Für andere war es auch Verlust. Der Arbeitsplatz war unsicher. Der Betrieb verschwand. Der vertraute Alltag brach weg. Berufe, Lebensläufe
  1025. und Erfahrung wurden plötzlich weniger wertgeschätzt. Die Wiedervereinigung war ein historisches Glück, aber sie war kein
  1026. sanfter Übergang. Sie brachte Freiheit und Unsicherheit, Hoffnung und Enttäuschung, neue Möglichkeiten und tiefe Brüche. Die
  1027. DDR war verschwunden, aber ihre Geschichte war nicht vorbei, denn was ein Staat über vier Jahrzehnte geprägt hatte, verschwindet nicht einfach mit
  1028. einer Unterschrift. Es bleibt in Erinnerung, in Familien, in Stäten, in Akten, in Wunden und in Fragen, die noch lange nachwirkten.
  1029. Nach dem 3. Oktober 1990 war die DDR offiziell verschwunden. Doch für die Menschen im Osten begann damit nicht einfach ein neues Kapitel voller
  1030. Klarheit. Für viele begann eine Zeit, in der fast alles neu bewertet wurde. Der Staat, in dem sie aufgewachsen waren, existierte
  1031. nicht mehr. Die Gesetze änderten sich, die Währung war neu. Die Betriebe wurden geprüft. Parteien, Verwaltungen, Schulen, Universitäten, Polizei und
  1032. Armee mussten sich verändern. Was gestern noch selbstverständlich war, konnte heute plötzlich überholt wirken. Besonders hart traf der Wandel die
  1033. Arbeitswelt. Viele DDRbetriebe waren auf die Planwirtschaft ausgerichtet. Sie hatten produziert, weil ein Plan es vorsah. Sie
  1034. hatten Abnehmer, weil der Staat sie zugeteilt hatte. Sie hatten Preise, die nicht durch offenen Wettbewerb entstanden waren. Nun standen sie
  1035. plötzlich im Markt. Sie mussten sich mit westdeutschen und internationalen Unternehmen messen. Viele waren dafür schlecht vorbereitet. Maschinen waren
  1036. veraltet. Produkte waren nicht konkurrenzfähig. Kosten waren zu hoch. Absatzmärkte im Osten brachen weg. Die Treuhandanstalt
  1037. bekam die Aufgabe, die volkseigenen Betriebe zu privatisieren, zu sanieren oder zu schließen. Auf dem Papier klang das wie Verwaltung. In Wirklichkeit
  1038. bedeutete es für Millionen Menschen Unsicherheit. Betriebe, in denen ganze Familien gearbeitet hatten, wurden verkauft oder
  1039. abgewickelt. Arbeitsplätze verschwanden, Biographi gerieten ins Wanken. Menschen, die jahrzehntelang gebraucht worden waren,
  1040. fühlten sich plötzlich überflüssig. In der DDR hatte es offiziell keine Arbeitslosigkeit gegeben. Nun wurde Arbeitslosigkeit für viele eine bittere
  1041. Erfahrung. Nicht nur wirtschaftlich, auch seelisch. Denn Arbeit war mehr gewesen als Lohn. Der Betrieb war Alltag, Gemeinschaft, Sicherheit und
  1042. Identität. Wenn er verschwand, verschwand ein Stück vertrauter Welt. Gleichzeitig kamen neue Freiheiten. Menschen konnten reisen, sie
  1043. konnten frei wählen, sie konnten Zeitungen lesen, Parteien gründen, Vereine bilden, Unternehmen starten und offen sagen, was sie dachten.
  1044. Die Stasiakten wurden geöffnet. Viele erfuhren, wer sie beobachtet hatte. Manche fanden Namen von Bekannten, Kollegen oder Freunden. Die
  1045. Vergangenheit kam zurück, oft schmerzhaft und leise. Für manche war die Wiedervereinigung ein Befreiungsmoment, der nicht in Frage
  1046. stand. Für andere mischte sich die Freiheit mit Enttäuschung. Sie hatten sich ein besseres Leben erhofft, aber nicht unbedingt das
  1047. Gefühl, daß ihre eigene Geschichte plötzlich weniger wert war. Viele fühlten sich beurteilt, belehrt oder überrollt.
  1048. So entstand ein kompliziertes Erbe. Die DDR war eine Diktatur gewesen, ein Staat mit Mauer, Stasi, politischer Kontrolle und fehlender Freiheit.
  1049. Aber sie war auch der Ort gewesen, an dem Menschen geboren wurden, arbeiteten, liebten, Kinder großzogen, Freundschaften schlossen und
  1050. Erinnerungen sammelten. Diese beiden Wahrheiten stehen nebeneinander. Man kann das System klar benennen, ohne den Menschen ihre Lebensgeschichte zu
  1051. nehmen. Und man kann persönliche Erinnerungen ernst nehmen, ohne die Unfreiheit des Staates zu verharmlosen. Genau darin liegt bis heute die
  1052. Schwierigkeit der DDR Erinnerung. Für die einen steht sie für Kontrolle, Angst und Unterdrückung, für andere auch für Kindheit,
  1053. Nachbarschaft, Zusammenhalt und soziale Sicherheit. Beides gehört zur Geschichte. Nach 1990 verschwand die DDR als Staat,
  1054. aber ihre Spuren blieben. In Plattenbauten und Grenzmuseen, in Familiengesprächen und alten Fotos, in Akten, Liedern, Schulheften, Orden,
  1055. Möbeln und Erinnerung, in Verletzungen, die nicht sofort heilten und in Fragen, die bis heute nachwirken. Was bedeutet Freiheit, wenn sie mit
  1056. Unsicherheit kommt? Was bedeutet Sicherheit, wenn sie mit Kontrolle bezahlt wird? Und wie erinnert man sich an ein Land, das für manche Heimat war
  1057. und für andere Gefängnis? Die Geschichte der DDR endet deshalb nicht einfach mit der Wiedervereinigung. Sie geht weiter in den Menschen, die sie
  1058. erlebt haben, in ihren Kindern, in ihren Städten und in einem Deutschland, das bis heute lernt, diese Vergangenheit ehrlich zu verstehen. M.

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