Geschichte · Klasse 9–10 · aktualisiert
Vernichtungskrieg: Merkmale und NS-Ostkrieg
Du lernst Merkmale eines Vernichtungskriegs kennen, untersuchst den nationalsozialistischen Krieg im Osten und prüfst eine Begriffsdebatte von 2022.
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Kurz gesagt
Ein Vernichtungskrieg macht die Bevölkerung, ihre eigenständige Ordnung und Lebensgrundlagen wie Nahrung planmäßig zum Ziel. Im nationalsozialistischen Krieg im Osten waren Eroberungsziele mit Vertreibung, Versklavung, Tötung und dem Entzug von Nahrung verbunden.
Woran erkennst du, welche Ziele ein Krieg verfolgt? Eine hohe Opferzahl beantwortet diese Frage noch nicht. Du untersuchst Absichten, Befehle und Handlungen im nationalsozialistischen Krieg im Osten und lernst, historische Vergleiche sorgfältig zu beurteilen.
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
4 Abschnitte
Mit dem Begriff Vernichtungskrieg untersuchst du Ziele und Vorgehensweisen eines Kriegs. Es geht dabei um mehr als darum, eine gegnerische Armee zu besiegen. Die Bevölkerung selbst, ihre eigenständige Ordnung und ihre Lebensgrundlagen werden gezielt und systematisch angegriffen. Lebensgrundlagen sind etwa die Möglichkeiten, sich mit Nahrung zu versorgen.
Begrenzte territoriale Ziele betreffen den Gewinn bestimmter Gebiete. Ein solches Ziel allein belegt noch keinen Vernichtungskrieg. Auch eine hohe Opferzahl reicht als Nachweis nicht aus. Entscheidend ist, welche Absichten, Befehle und Handlungen nachgewiesen werden können.
Du prüfst deshalb zusammen: Was wollten die Verantwortlichen erreichen? Was ordneten sie an? Was geschah tatsächlich? Ein Vergleich kann ähnliche Vorgehensweisen sichtbar machen. Daraus folgt aber nicht, dass die verglichenen Verbrechen und die Erfahrungen ihrer Opfer gleich waren.
Definition
Vernichtungskrieg
Ein Krieg, in dem die Bevölkerung, ihre eigenständige Ordnung und ihre Lebensgrundlagen selbst systematisch zum Ziel werden.
Beispiel: Beispieltext, ausgedacht: einen Gebietsanspruch prüfen
- 1Eine Untersuchungsnotiz nennt als Kriegsziel den Gewinn eines bestimmten Gebiets.
- 2Damit ist ein territoriales Ziel beschrieben. Über den Umgang mit der Bevölkerung sagt die Notiz noch nichts.
- 3Für die Einordnung als Vernichtungskrieg müssten weitere Belege zu Absichten, Befehlen und Handlungen geprüft werden.
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Schon 1939 gingen deutsche Verantwortliche im besetzten Polen gewaltsam gegen die Führungsschichten vor, um sie auszuschalten. Mit dem Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 verschärfte sich der nationalsozialistische Krieg im Osten. Die Sowjetunion war ein damaliger Staat. Die Abkürzung NS steht für nationalsozialistisch. Rassistische Eroberungsziele waren mit Plänen verbunden, Menschen zu vertreiben, zu versklaven und zu töten. Rassistisch bedeutet hier, Menschen wegen ihrer zugeschriebenen Gruppenzugehörigkeit abzuwerten. Die Gewalt begann also nicht erst 1941.
Die Wehrmacht war das deutsche Militär. Bereits vor dem Angriff bereiteten Befehle Gewalt vor: Der Erlass vom 13. Mai 1941 erleichterte Gewalt gegen die sowjetische Zivilbevölkerung, also gegen Menschen außerhalb der kämpfenden Truppen. Der Kommissarbefehl vom 6. Juni 1941 verlangte die Tötung gefangener politischer Kommissare. Diese gehörten zur Roten Armee, dem sowjetischen Militär, und hatten politische Aufgaben. Solche Befehle zeigen die Verantwortung der Wehrmacht als Organisation neben der Polizei und der nationalsozialistischen Organisation SS.
Auch die deutsche Planung zur Versorgung mit Nahrung gehört dazu. Im Mai 1941 nahmen die Planer den Hungertod von Millionen Menschen in Kauf, wenn Lebensmittel für Deutschland und seine Truppen entnommen würden. Die Versorgung des Militärs wurde damit auf Kosten der Bevölkerung geplant. Hunger war hier keine bloß unerwartete Folge des Kriegs.
Die Ziele und die vorbereiteten Maßnahmen gingen über einen militärischen Sieg hinaus. Bevölkerung und Lebensgrundlagen wurden selbst angegriffen. Die heutige Übersichtsgrafik auf dieser Seite fasst diesen Zusammenhang vereinfacht zusammen; sie ist keine historische Originalquelle. Ihre Angabe zum Beginn bezieht sich auf den NS-Ostkrieg, nicht auf den ersten Vernichtungskrieg der Geschichte.
Merke: Unterscheide geplante Ziele, erteilte Befehle und tatsächliche Folgen. Die Vorbereitungen von 1941 zeigen, dass Gewalt gegen die Bevölkerung zum Kriegskonzept gehörte.
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Die rassistischen Ziele des NS-Ostkriegs prägten den Umgang mit Menschen in den besetzten Gebieten. Bei der Untersuchung verbindest du militärische und staatliche Entscheidungen mit konkreten Handlungen: der Entnahme von Nahrung, dem Umgang mit Gefangenen und der Organisation von Verfolgung. Die Entnahme von Lebensmitteln für Deutschland und seine Truppen verband wirtschaftliche Ausbeutung mit der bewussten Gefährdung der Bevölkerung.
Bei sowjetischen Kriegsgefangenen lässt sich konkrete Verantwortung benennen: Die Wehrmachtsführung und das deutsche Ernährungsministerium kürzten im Herbst 1941 ihre Rationen drastisch. Rationen sind zugeteilte Nahrungsmengen. Nach Angaben des Herausgebers bpb starb bis Frühjahr 1942 mehr als die Hälfte der sowjetischen Soldaten, die 1941 gefangen genommen worden waren. Die unzureichende Unterbringung und Versorgung gehörten zur verantworteten Gewalt. Sie entlasten die Täter nicht.
In Babyn Jar bei Kiew ermordeten deutsche Täter und Helfer am 29. und 30. September 1941 über 33.000 jüdische Menschen. Das Sonderkommando 4a, eine beteiligte Tätereinheit, arbeitete mit Polizei und weiteren Beteiligten zusammen. Wehrmachtsangehörige beteiligten sich an Planung und Verfolgung. Die jüdischen Einwohner waren unter dem täuschenden Anschein einer Umsiedlung zusammenbefohlen worden. Die Verfolgung einer bestimmten Bevölkerungsgruppe und das organisierte Zusammenwirken bei ihrem Mord zeigen, wie rassistische Ziele praktisch umgesetzt wurden.
Die genaue Angabe 33.771 in der Übersichtsgrafik stammt aus einem Täterbericht. Sie bezieht sich auf die an diesen beiden Tagen ermordeten jüdischen Menschen. Sie ist keine neutrale vollständige Zählung aller Opfer des Ortes und umfasst nicht sämtliche dortigen Verbrechen.
Eine Überlebende war Dina Pronitschewa, eine jüdische Frau aus Kiew. Sie berichtete später, dass sie eine Theaterfachschule abgeschlossen hatte, 1941 an einem Puppentheater arbeitete und kleine Kinder hatte. Sie hatte ein Leben mit Ausbildung, Beruf und Familie, das durch ihre Verfolgung nicht auf eine Opferrolle reduziert werden darf.
Während der deutschen Besatzung suchte Pronitschewa nach ihrem Bericht über persönliche und berufliche Kontakte Hilfe. Eine Cousine vermittelte in Kiew ein Treffen mit ihrem Mann. Er brachte sie bei der Schauspielerin Popova unter. Später übernachtete sie bei einer Pianistin, mit der sie vor dem Krieg am Theater gearbeitet hatte. Zugleich fehlten ihr sichere Unterkunft, Kleidung und Geld. Wegen Razzien musste sie weiterziehen. Bei solchen Suchaktionen spürten die Besatzer Menschen ohne Aufenthaltsgenehmigung auf und verschleppten sie nach Deutschland.
Kontakte ermöglichten zeitweise Unterstützung, garantierten aber keine Sicherheit. Menschen unter Verfolgung hatten unterschiedliche, durch Tätergewalt begrenzte Handlungsmöglichkeiten. Pronitschewas Überleben ist kein Maßstab dafür, was andere Verfolgte hätten tun müssen. Die Verantwortung für Verfolgung und Mord bleibt bei den Tätern.
Ihr Gespräch wurde am 24. April 1946 in Kiew von Zh. V. Vil’kova mitgeschrieben. Die European Holocaust Research Infrastructure, kurz EHRI, veröffentlicht eine englische Übersetzung von Marco Carynnyk. Das ist ein rückblickender Bericht, kein während der Verfolgung geführtes Tagebuch. Ein Abgleich mit dem archivalischen Originalprotokoll ist hier nicht belegt. Der folgende kurze Beleg steht auf Seite 1 dieser Übersetzung. Beginn des Zitats von Dina Pronitschewa:
„In 1941 I was working at a puppet theatre.“
Ende des Zitats. Die eigene deutsche Übersetzung lautet: „1941 arbeitete ich an einem Puppentheater.“ Der Satz belegt ihre berichtete Berufstätigkeit. Aus ihrem Bericht lassen sich weder Erfahrungen aller Verfolgten noch unausgesprochene Gedanken ableiten.
Definition
Ausbeutung
Hier bedeutet Ausbeutung, Lebensmittel für Deutschland und seine Truppen zu entnehmen und dabei die Versorgung der betroffenen Bevölkerung zu gefährden.
Merke: Benenne die verantwortlichen Stellen und ihre Handlungen. Unterscheide dabei die geplante Gefährdung durch Nahrungsentzug von den nachgewiesenen Folgen für eine bestimmte Gruppe.
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Eine ausdrücklich auf 2022 datierte Debatte zeigt unterschiedliche Verwendungen des Begriffs. Der Historiker Martin Schulze Wessel befürwortete in einem Essay, also einem argumentierenden Text, vom 25. Juli 2022 die Bezeichnung Vernichtungskrieg für Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine. Als Begründung führte er absichtliche Angriffe auf zivile Lebensgrundlagen an.
Derselbe Essay berichtet die Gegenposition des Historikers Ulrich Herbert: Er wollte den Begriff für den nationalsozialistischen Krieg gegen die Sowjetunion reservieren. Du lernst Herberts Position hier also mittelbar durch Schulze Wessel kennen, nicht durch einen eigenen Text Herberts.
Für dein Urteil trennst du drei Fragen. Erstens: Welches Merkmal soll den Begriff bestimmen? Das ist das Begriffskriterium. Zweitens: Welche konkreten Beobachtungen werden dafür als Belege angeführt? Drittens: Wie weit soll der Vergleich reichen? Die Aussage, zwei Kriege zeigten ähnliche Vorgehensweisen, bedeutet keine Gleichsetzung ihrer Verbrechen oder Opfer.
Eine breite Verwendung kann ähnliche Mechanismen sichtbar machen. Eine enge Verwendung kann verhindern, dass historische Besonderheiten eingeebnet werden. Beide Gesichtspunkte gehören in ein begründetes Urteil. Du kannst prüfen, welcher Zweck mit einer Verwendung verbunden ist und wie gut die angeführten Belege zum gewählten Kriterium passen.
Hier untersuchst du die Begriffsdebatte von 2022. Damit wird weder der Kriegsverlauf bis 2026 neu geprüft noch eine rechtliche Einstufung des gegenwärtigen Kriegs vorgenommen.
| Prüfschritt | Leitfrage |
|---|---|
| Kriterium | Welches Merkmal soll den Begriff bestimmen? |
| Beleg | Welche Beobachtung wird für dieses Merkmal angeführt? |
| Reichweite | Was soll verglichen werden, und wo liegen die Grenzen? |
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Alles auf einen Blick
Vernichtungskrieg
Merkmale
Bevölkerung, eigenständige Ordnung und Lebensgrundlagen werden systematisch zum Ziel.
Belege
Absichten, Befehle und Handlungen tragen die Einordnung; eine hohe Opferzahl allein reicht nicht.
NS-Ostkrieg
Rassistische Eroberungsziele verbanden sich mit geplanter Vertreibung, Versklavung und Tötung.
Verantwortung
Militärische und staatliche Stellen verknüpften Versorgung und Ausbeutung mit bewusster Gefährdung von Menschen.
Handlungsmöglichkeiten
Hilfe unter Verfolgung konnte zeitweise Schutz ermöglichen, aber keine Sicherheit garantieren.
Begriffsdebatte
Breite Vergleiche können ähnliche Mechanismen zeigen; enge Begriffe können historische Besonderheiten schützen.
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Die Versorgungsplanung vom Mai 1941 untersuchen
- 1Aufgabe klären: Erkläre, wie militärische Versorgung und die Gefährdung der Bevölkerung zusammenhingen.
- 2Vorhaben benennen: Lebensmittel sollten für Deutschland und seine Truppen entnommen werden.
- 3Bewusste Gefährdung bestimmen: Die deutsche Versorgungsplanung nahm dabei im Mai 1941 den Hungertod von Millionen Menschen in Kauf.
- 4Zusammenhang erklären: Die Versorgung des Militärs wurde mit wirtschaftlicher Ausbeutung verbunden. Die drohende Not der Bevölkerung war den Planern bewusst.
- 5Aussage begrenzen: Der Plan belegt die bewusst in Kauf genommene Gefährdung. Er ist für sich genommen keine Zählung der tatsächlich Gestorbenen.
Fehler finden
Prüfe die zeitliche Einordnung des Kommissarbefehls In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 2Das Wort „nach“ vertauscht die zeitliche Reihenfolge. Richtig: Der Kommissarbefehl vom 6. Juni 1941 wurde vor dem Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 erteilt.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
Die drastische Kürzung der Rationen sowjetischer Kriegsgefangener durch Wehrmachtsführung und Ernährungsministerium erfolgte im . Der Angriff auf die Sowjetunion begann am . Pronitschewas rückblickendes Gespräch über ihre Verfolgung wurde am 24. April protokolliert.
Karteikasten
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